Nr. 110 Montag Den 27. Juli. 1903. s^ssM NM t (Nachdruck verboten.) Schloß Oftenio. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) 12. Kapitel. Demaskiert. Einen Angenblick Herrschte in der Hütte Stille, die nur durch das Aechzen des Sterbenden im Winkel unterbrochen wurde. Paul und Katharina standen einander gegenüber, — sie bleich und atemlos, er mit gerunzelter Stirn; aber er wich ihrem Blick aus. „Paul", wiederholte sie langsam, und der Klang ihrer Stimme, etwas wie eine rauhe Zärtlichkeit in ihrem zornigen Tone rief auf Steinmetz' Gesicht ein grimmiges Lächeln hervor, — so wie man unter Schmerzen lächeln mag. „Paul, warum haben Sie das getan? Warum sind Sie hier?" „Weil Sie mich holen ließen", antwortete er ruhig. „Kommen Sie, ich bin hier fertig; der Mann wird sterben, ich kann nichts mehr für ihn tun. Sie dürfen hier nicht bleiben." Sie brach in ein leises Lachen aus, während sie ihm folgte. Er mußte sich tief bücken, um cms der Mir zu treten, dann wandte er sich um und hielt ihr die Hand- Hin, damit sie nicht über die hohe Schwelle stolperte. Sie ruckte dankend, wies aber die gebotene Hilfe ab. Steinmetz blieb ein wenig zurück, um noch einige Befehle zu erteilen, während Paul und Katharina allein auf der engen Straße weitergingen. Der Mond stieg eben empor, ein großer, gelber Mond, wie man ihn nur in Rußland kennt, im Lande der silbernen Nächte. „Seit wann tun Sie dies?" fragte Katharina plötzlich, indem sie ihn nicht anblickte, sondern gerade vor sich hin schaute. „Bereits seit einigen Jahren", antwortete er einfach. Er verlangsamte den Schritt, denn er hätte gern auf Steinmetz gewartet, der bei solchen Zwischenfällen immer wußte, was zu tun war, der sich auf Geheimnisse verstand und sie retten konnte, wenn sie bereits verloren schienen. Was wollte er mit Katharina anfangen? Wie war sie zum Schweigen zu bringen? Katharina schritt stumm weiter. „Natürlich bewundere ich Sw unendlich", sagte sie zuletzt. „Es sieht Ihnen ähnlich, daß Sie so etwas in aller Stille tun und kein Wort darüber sprechen. Aber — Sie müssen fort von hier, ich, ich — es ist mir ein zu furchtbarer Gedanke, daß Sie sich solcher Gefahr aussetzen. Lieber sollen sie alle wie die Fliegen sterben. Sie dürfen das nicht tun!" 1 Sie sprach englisch, mit einem leichten Stocken in der Stimme, das er nicht recht begriff. „Wenn man die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln befolgt, läuft man sehr wemg Gefahr", sagte er. „Ja, aber befolgen Sw die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln? Sind Sie auch ganz gewiß wohl?" Sw waren auf der einzigen stillen Straße des Dorfes ganz allein. Sie blieb stehen und schaute zu ihm empor, während ihre Hände seinen zerrissenen Rock betasteten. „Sie sind sicher, ganz sicher, daß Sie noch nicht angesteckt sind?" ,,O ja, ganz sicher", antwortete er fast rauh. „Ich dulde es nicht, daß Sie die anderen Häuser in Thors besuchen, ich kann, ich will es nicht dulden! O Paul, Sie wissen nicht, — wenn Sie es doch tun, erzähle ich allen, wer Sie sind, und dann macht die Regierung der Sache ein Ende." „Was würde das nützen?" fragte Paul verlegen. „Ihr Vater sorgte für seine Bauern und setzte sich gern einer Gefahr für sie aus. Da auch Sie die Hütten besuchen», glaubte ich, daß auch Ihnen etwas an diesen armen Leuten läge." „Ja, aber —" Sw hielt inne, brach in ein seltsames, wildes Lachen aus und verstummte. „Natürlich kann ich Ihnen nicht verbieten, es in Osterno zu tun, obwohl ich es für sehr unrecht halte", fuhr sie dann mit einem plötzlichen Zorn fort, der sie selbst überraschte. „Aber ich kann Sie hindern, es hier zu tun." „Wie Sie wollen", meinte Paul achselzuckend. „Ich glaubte, daß Ihnen mehr an den Bauern läge." „Was liegt mir an den Bauern im Vergleiche zu, —• ich denke an Sie, Paul, nicht an die Bauern", antwortete sie leidenschaftlich. „Sie find egoistisch und grausam gegen Ihre Freunde." „Meine Freunde haben nie bewiesen, daß sie sich um mich ängstigen." „Tas ist eine bloße Ausrede. Ueberlassen Sie dies Herrn Steinmetz und solchen, deren Geschäft es ist; für Sie taugt es nicht. Ihre Freunde fühlen vielleicht mehr, als sie zeigen wollen." „Ich habe es nach reiflicher lleberlegung getan. Anfangs nahm ich jemand dazu, aber der Mann ließ die Sache im Stich und ging mir durch, sodaß Steinmetz und ich zu dem Schluffe kamen, es bliebe uns nur übrig" diese schmutzige Arbeit selbst zu tun." „Tas heißt, Sie tun sie." „Pardon! Steinmetz tut, was er kann." Katharina Lanvwitsch war trotz ihres männlichen Aeußeren ein echtes Weib. „Also darum waren Sw in den letzten Jahren so gern in Osterno?" fragte sie in unschuldigem Tone. „Ja", antwortete er, dw Falle nicht merkend. 438 Katharina zuckte zusammen. Wenn der Schinerz auch erwartet wird, tut er nicht weniger weh. Das Mädchen besaß jenen slavischen Instinkt des Selbstmartyriums, das die Russen von den vergnügungssüchtigen Nationen Europas so ganz verschieden macht. „Nur deshalb?" fragte sie. Panl blickte auf sie nieder. „Ja", antwortete er ruhig. Em paar Augenblicke gingen sie wortlos weiter, und Paul schien den Gedanken, an diesem Abend noch weitere Hütten zu besuchen, schweigend aufgegeben zn haben. Sie schritten dem langen, alten Hause zu, das mehr aus Höflichkeit als mit Berechtigung das „Schloß" genannt wurde. „ »Wie lange wollen Sie in Osterno bleiben?" fragte Katharina endlich. u „Etwa vierzehn Tage, länger kann ich nicht bleiben: ich bin im Begriffe zn heiraten." Katharina blieb plötzlich stehen. Einen Augenblick sah sw zu Boden, ivährend sich in ihren Augen ein erschrockenes Erstaunen malte. Es war der Blick eines Menschen, der von einer großen Höhe herabgefallen ist und nicht sicher weiß, ob es den Tod für ihn bedeutet oder nicht. Dann schritten sie weiter. »Ich gAuliere Ihnen", sagte sie. „Hoffentlich wird sie Sie glücklich machen. Sie ist wohl sehr schönt" „Ja", antwortete Paul einfach. Das Mädchen nickte. „Wie heißt sie?" „Etta Beaumont." Offenbar hatte Katharina den Namen nie gehört und als echtes Werb kani sie aus ihre erste Frage zurück. „Wie steht sie aus?" Paul zögerte ein wenig mit der Antwort. „Sie ist groß, nicht wahr?" „Ja." „Hat sie schönes Haar?" fragte Katharina. „Ich glaube, ja." „Sie sind kein scharfer Beobachter", meinte das Mäd- sr™ seltsamen, gleichförmigen, bewegungslosen Ton. „Vielleicht haben Sie nie darauf geachtet?" „Sucht besonders", antwortete Paul. r$läbcrelT ba§ Gesicht zu ihm empor. Ein schnlerzliches Lächeln verzerrte ihre Lippen. Tas Mondlicht fiel hell auf ihre Züge, und die tiefen Schatten unter deii Augen verliehen ihrem Gesichte einen grinsendes Ausdruck. ^olch em Grinsen kann man auf dem Gesicht eines Ertrunkenen sehen, und es ist ein Anblick, den man nie .wieder vergißt. „Wo wohnt sie?" fragte Katharina. Sie war sich der bie m Krem Herzen lebten, iiicht bewußt, nichtsdestoweniger erfüllte sie der unbestimmte, fornilose ^en, baS 9ro& und schön war, und das Paul Alexis üebte. Katharina Lauowitsch hatte fast ihr ganzes Leben in der Provinz Twer verbracht und ivar kein modernes Mb» chen- Sw wußte nur, daß sie Paul liebte, und alles, was sie wünschte, war Pauls Liebe, die sie durch ihr ganzes ^,ebeu begleiten sollte. Sie analysierte sich nicht selbst ste war nicht scharfsinnig, dachte nie über ihre eigenen bedanken nach imb war vielleicht so altmodisch, romantisch , ^^^arina haßte Etta Beaumont mit einem einfachen, halb barbarischen Hasse, weil sie- ihr den einzigen Mann geraubt hatte den Katharina je in ihrem Leben lieben konnte; denn das Mädcheii war so einfach, so unverdorbeii, daß ihr der Gedanke an ein Kompromiß nicht einmal im Traurne kam, daß sie sich auch nicht einen Augenblick denr stillen proste hrngab, die Zeit könne ihre Wunden heilen rll,b Jte könne einen anderen heiraten, jenes Kompromiß I^^eßen, das mehr Elend in der Welt ungerichtet hat, als das Laster ihrer großen Einsamkeit, ivährend sie in b^' /'"Oeheuren Wäldern von Twer zum Weibe aufqe- »Ä r)atoeJte .benähe alles, was sie gelernt hatte, dä besten Lehrerin, der Natur, gelernt und vertrat eine "genutzte Theorie, daß es schlecht ist, wenn £ / 11 Mann heiratet, den sie nicht liebt, oder X nn ’ Ä aus einem anderen Grunde heiratet, t>kvohnt sie?" wiederholte Katharina. „In London." Schweigend gingen sie eine Weile langsam weiter und I hörten plötzlich die Fußtritte von Karl Steinmetz stnb beni Diener dicht hinter sich. selbs^iebt sie Sie?" murmelte Katharina halb zu sich Es war eine Frage, auf die kein Mann antworten kann. Panl erwiderte nichts, sondern schritt ernsthaft an der Seite dieses Weibes weiter, das wußte, daß Etta Beaumont ihn nie so lieben könne, wie sie selbst ihn liebte. Als Karl Steinmetz sie einholte, schwiegen sie wieder beide. „Ich setze voraus, daß wir uns ans die Diskretion von Fräulein Katharina verlassen können", sagte er auf englisch. «So weit es Osterno betrifft, gewiß", antwortete das Mädchen. „Aber unsere Leute hier dürfen Sie nicht besuchen, es ist zu gefährlich — in verschiedener Hinsicht." „Ah!" murmelte Steinmetz ehrerbietig, indem er mit einem Gesichtsansdruck, der beinahe beschränkt war, gerade vor sich hinblickte. „Dann müssen wir uns Ihren: Entschlüsse fügen", fnhr er fort, indem er sich zu dem hochgewachsenen Manne an seiner Seite wandte. „Ja", sagte Paul einfach. Steinmetz lächelte finster vor sich hin. -Eine seiner halb cymscheu Theorien bestand darin, daß Frauen in allen irdischen Angelegenheiten den Ausschlag geben, und wenn die Richtigkeit seiner Deduktionen durch -irgend eine neue Jllustratiou erhärtet wurde, lächelte er bloß. Er war nicht Cyniker von Natur, sondern nur durch die Macht der Umstände. „Kommen Sie mit ins Schloß?" fragte das Mädchen endlich, und Steinmetz schob mit einer Gebärde Paul die Entscheidung zu. „Heute albend nicht, denke ich", meinte dieser. „Wir werden Sie bis ans Dor begleiten." Katharina machte keine weitere Bemerkung. Als das Schloßtor erreicht war, blieb sie stehen, und alle hörten plötzlich das Geräusch, von Pserdehufen hinter sich. „Was ist das?" fragte Katharina. „Nur der Starost, der unsere Pferde bringt", antwortete Steinmetz. „Er hat nichts gemerkt." Katharina nickte und hielt ihnen die Hand hin. „Gute Nacht", sagte sie in ziemlich kaltem Toiie. „Ihr Geheimnis ist bei mir sicher verwahrt." Dann stiegen sie auf und ritten den Weg, den sie gekommen waren, wieder zurück. 13. Kapitel. Wassili. Der Pariser Jndustriepalast, wo eben der Concours hippique stattfand, strahlte im Glanze des elektrischen Lichtes. Eine Menge eleganter Männer und Frauen drängte durcheinander, und in ihrer Mitte bewegte sich, wie in seinem ureigensten Element, der Baron Claude von Chauxville mit seinem höflichen, liebenswürdigen Lächeln, das seine Feinde ein Grinsen nannten.' Er nahm weniger Raum ein, als die meisten Männer in seiner Umgebung, vermochte besser durch das Gedränge zu kommeu und stieß dabei weniger Leute an, kurz, er bewies zu feiner eigenen Befriedigung und zum Mißvergnügen mancher junger Männer, wie gut er die Kunst verstand, in der Welt vorwärts zu kommen. Nicht weit von ihm stand ein junger Herr in mittlerem Alter mit einem dicken, blonden, zn beiden Seiten aufgedrehten Schnurrbart. Dieser Herr hatte etwas Distinguiertes an sich, das selbst in dieser distinguierten Gesellschaft auffiel; er sah wie ein General aus, so aufrecht war seine Haltung, so scharf sein Blick, so unabhängig trug er den Kopf. Er hielt die Hände auf dein Rücken verschrünukt, sah mit ernsten Blicken in das festliche Treiben, grüßte und wurde von vielen gegr, . ließ sich aber mit niemand in ein Gespräch ein. „Ce Wassili, c'est un Homme dangereux", hörte er mehr als einmal flüstern und lächelte dann noch liebenswürdiger. Wenn sich ein scharfer Beobachter die Mühe gegeben hätte, die große Masse zu ignorieren und nur zwei Personen zu beachten, würde er bemerkt haben, daß Claude von Chauxville sich langsam, aber sicher einen Weg zu dem sogenannten Wassili bahnte. Baron Chauxville kannte viele der Anwesenden und 439 war von vielen gekannt. Er war erst kürzlich von London angekommen, mußte daher diesem oder jenem die Hände schütteln und allen seine Eindrücke von dem perfiden Albion schildern, was er mit echt französischer Verve tat. Er ging mit vollkommener Grazie und Sicherheit von einem zum andern, und jeder Schritt brachte ihn näher zu dem dicken Herrn mit dem ausgedrehten Schnurrbart, der sein« Bewegungen nur zu gut bemerkte. Endlich stieß Herr von Chauxville mit dem Gegenstand seines Suchens, der vielleicht die Ursache seiner Anwesenheit beim Concours hipstique war, zusammen und bat ihn lebhaft um Entschuldigung. „Ach, gerade Sie habe ich gesucht!" rief er erfreut. Ce Wassili — es ist eine halb verächtliche, halb mißtrauische Bezeichnung — machte ihm eine tiefe Verbeugung. Er war ein einfacher Bürgerlicher, während sein Gegenüber Baron war, und die Verbeugung betonte dies sehr fein. „Womit kann ich dem Herrn Baron dienen?" fragte er mit einer Stimme, die von Natur aus laut und stark war, aber durch sorgsame Schulung dahin gebracht worden war, daß man sie in einer Entfernung von ein paar Schritten nicht hörte. „Erwarten Sie mich in zehn Minuten im Cafe Dan- tale", antwortete der Baron, indem er weiterging, um eine Dame zu begriißen, die ihm mit der studierten Anmut einer Pariserin zunickte. Wassili verbeugte sich nur und richtete sich dann wieder auf. In seiner Haltung lag eine gewisse ruhige Aufmerksamkeit, ein unauffälliges Forschen und eine zurückhaltende Intelligenz, die einen undeutlich an die Polizei erinnerte, — etwas, worauf seine Freunde ihn nie aufmerksam machten; denn dieser Wassili war eine würdevolle Persönlichkeit, sehr empfindlich und mit Recht stolz auf die Tatsache, daß er dem diplomatischen Korps angehörte. Welche Stelle er in dieser erlesenen Körperschaft einnahm, geruhte er nie zu erklären; aber es war bekannt, daß er beträchtliche Bezüge genoß, während er sein Land oder seinen Kaiser nie in offizieller Eigenschaft zu vertreten, brauchte. Er war, wie er sagte, der russischen Botschaft attachiert. Seine Feinde nannten ihn einen Spion, allein genau wußte es niemand. Zehn Minuten später verließ Claude von Chauxville den Jndustriepalast. In den Champs Elysees angelangt, wandte er sich nach links und schlug dann einen der kleinen Wege ein, die zu einigen abgelegenen Cafes an der Süd- feite der Champs Elysees führen. (Fortsetzung folgt.) Emser Badeleben. Das Denkmal Kaiser Wilhelms schmücken Hunderte von Kornblumensträußchen, sie wurden von den Bewohnern und Gästen der Badestadt niedergelegt. Am 13. Juli 1870 ließ König Wilhelm von Preußen dem französischen Gesandten Benedetti die verdiente Abfertigung zu teil werden, und die Stelle, an der dieser welthistorische Vorgang sich abspielte, wird durch eine einfache Marmorplatte mit der eingravierten Inschrift „13. Juli 1870, 9 U. 10 Min. Morgens" bezeichnet. Auch auf diesem Stein liegen Kornblumen verstreut. Die Lieblingsblume Kaiser Wilhelms hat heutzutage in Ems noch ihre Bedeutung, und am 13. Juli zierte sie Männer und Frauen, Mädchen und Knaben. Kaiser Wilhelm und Ems sind aufs innigste verbünden; hier suchte der Monarch Erholung, hier kam die bezwingende Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit seines Wesens so offen zur Geltung wie nirgends, hier bildet jeder Stein eine Erinnerung an Deut''^ands ersten Kaiser. Am Ende der herrlichen Anlagen,, die er so oft durchschritt, erhebt sich f?)11 Denkmal aus weißem karrarischen Marmor. Der Künstler, der Berliner Professor Otto, hat den Herrscher so dargestellt, wie er sich in Ems gab, frei von allem ssisst^bn fiirstüchen Glanz. Ein bürgerliches Gewand um- hullt die Gestalt, in deren Sockel das von Ernst von Wildenbruch gedichtete Distichon: „Hier, wo so oft er von Taten gernht, um zu „. „ r , Taten zu schreiten. Hielt sern dankbares Ems für immer ihn fest." Kaiser Wilhelm gab dem idyllischen Bade an der Lahn, das er zwanzigmal besuchte, das Gepräge, und dieses Gepräge ist heute noch nicht verwischt. Da ist noch in dem ersten von ihm bewohnten Stockwerk des Königlichen Kurhauses das historische Eckfenster, von dem aus er so oft für all die spontane!, Huldigungen dankte und das Treiben da unten beobachtete, da sind die Promenaden und Wege, in denen er sich erging, da sind die Kolonnaden, die einem öffentlichen Audienzsaal gleichen, und in denen der Monarch alltäglich für Persöulichkeiteii, die ihn interessierten, zu een war. Alles besteht noch wie ehedem, nur eine ngsstätte Kaiser Wilhelms hat sich verändert, das schmucke Kürsaaltheater, das der greise Monarch fast allabendlich besuchte, um tu der ersten Parkettreihe den Vorstellungen, zu beiten manchmal seine Berliner Lieblingskünstler und Künstlerinnen zugezogen wurden, ungezwungen wie jeder andere Besucher beizuwohnen. Heute ist der Saal eben nicht mehr und nicht weniger als ein sehr eleganter Kursaal, einstens waren seine Nebenräume ein Miniatur-Monte Carlo, in dem bescheiden an nur drei Tischen, zwei Roulettetischen und einem Trentc et guarante- Tisch, das Geld verloren wurde. Das Jahr 1872 machte auch der Emser Spielherrlichkeit, die sich mit der von Wiesbaden und Homburg nicht vergleichen konnte, ein wohlverdientes Ende. Das Emser Kurtheater hat jetzt ein eigenes Heim, in dem unter der Direktion Karl heitere Werke, vornehmlich Operetten, zur Aufführung gelangen. Bad Ems macht heute einen soliden, bürgerlichen Eindruck. Der glänzende Zug, den die Anwesenheit Kaiser Wilhelms in das Badeleben hineintrug, fehlt ganz. Das Haupttreiben entwickelt sich während der Konzerte, die im schattigen, an der Lahn gelegenen Kurgarten morgens, nachmittags und abends stattfinden; sie werden von der stark besäten Kürkapelle ausgeführt, die unter Leitung des Musiwirektors Laube steht und ganz vortrefflich ist. Das Bild, das sich während dieser Konzerte entwickelt, ist charakteristisch für das Emser Badeleben von hetrte. Auf Bänken lauschen sie der Musik, ruhig uud ergeben, viele Damen beschäftigen sich mit Stricken und Sticken und lassen sich in dieser Beschäftigung auch durch Isoldens Liebestod nicht stören. Die Behaglichkeit ist stärker als die Eleganz, die hier nur vereinzelt auftritt und ihre glänzendste Vertreterin in Madame de Nuovinna besitzt, der berühmten Massenetschen Navarraise, die voraussichtlich in der nächsten Spielzeit wieder auf der Bühne des Königlichen Opernhauses als Gast erscheinen wird. Ems übt ja auf das Theater eine notwendige Anziehungskraft aus; sowohl die von der Oper wie die vom Schauspiel schlürfen hier Kcssel- brunnen und delektieren sich an Krähnchen, um ihr Organ zu stärken und von Schlacken zu befreien. Ems, das einst Kaiser und Könige zu Gaste sah, beherbergt auch heute zwei Fürstlichkeiten! der Erbprinz von Anhalt und Ernst Graf zu Lippe, Graf Edler Herr zur Lippe- Biesterfeld und Erlaucht auf Schloß Detmold, Ivie es in der Kurliste heißt, geben dem Bade das fürstliche Relief. Der äußere Glanz wird durch die Anwesenheit der beideit Fürsten sticht verändert und nicht erhöht, auch sie leben hier, wie mau das heutzutage in Ems fast ausschließlich tut, ihrer Kur und ihrer Erholung, sie trinken Brunnen, sie promenieren und sie inhalieren. Die offiziellen und die privaten Jühalationsräume bilden eine ganz besondere Emser Spezialität, alle möglichen Jnhalationsmethoden kann man hier genießen, und ntmt nimmt für 30 Pfennig eine Portion Inhalation wie ein Glas Echtes und hat! außerdem noch ein aus einem Nebenraum driugeudes Gurgelkonzert vollkommen gratis. Ruhe ist hier die erste, angenehme Patientestpflicht, und selbst im Kurhaussaal oder im Kurgarten, woselbst man nicht zu Mittag und zu Abend speist, sondern diniert und soupiert, trotzdem hier ein allerdings solider Luxus wahrzunehmen ist, geht es ruhig vornehm zu, läßt die Heilb'adstimmuug die Weltbadstimmnng nicht aufkommen. Das ruhigste Verguügeu ist das Angeln. An den Ufern der Lahn stehen und fitzen Männlein, Weib- lein uud Kindleiu und versenken ihre Angeln in die geheimnisvollen Tiefen des Wassers; sie harren geduldig der Tinge, die da von unten heraufkommen sollen, ziehen die Angel langsam herauf und herunter, tviederholen diese Be- fchäftigmtg, ohne Geist und Körper sonderlich anzustrengen, stereotyp zahllose Male und gehen dann, auch wenn nichts angebissen hat, still und'friedlich von dannen. Das beruhigt die Nerven und erzeugt einen wohligen Stumpfsinn. Alle Wege führen hier in die Schönheiten der Natur, die bereits hundert Schritte vom Bahnhof, wenn man die Bahnbrücke überschreitet, ihren Anfang nehmen. Die lieb- 440 Itdje Bereinigung von Banin und Fluß verleiht dieser Natur ihren eigenen idyllischen Reiz, und ob man im schattigen Kurgarten sitzt, in den parkartigen Anlagen lustwandelt, in der großen, gedeckten Wandelhalle promeniert oder sich von der Malbergbahn, der ersten Zahnradbahn Deutschlands, zur Höhe emporziehen läßt, überall genießt man einen Ausblick auf die grünen, sandigen Wasser der Lahn. In der Wandelbahn ertönt hin und wieder ein leises Hüsteln und Stöhnen, und man versteht die hier in allen Kultursprachen angebrachte Verordnung: „Das Aerztekolle- gium und die Kurkommission ersuchen dringend im Interesse der Kranken die Damen, die Kleider nicht schleppen zu lassen", und diese Verordnung verdient, überall beachtet zu werden, auch an jenen Orten, an denen die Gesunden hasten und arbeiten. Ein schwerfälliger Wagen, der überfüllt ist, als ob er einem Berliner Sonntags-Vorortzug angehörte, führt mit der Malbergbahn in einer Gesamtsteignng von 300 Meter Höhe empor zum Malberg. Die Auffahrt läßt an Unbequemlichkeit wenig zu wünschen übrig, allein sie bietet ein sehr abwechslungsreiches Panorama, in dem wir aufsteigend die Lahn in ihrem malerischen Lauf, Bad Eins in seiner schönen Buntheit, freundliche Täler und waldige Höhen bewundern können, und oben ans der Höhe erweitert sich dieses liebliche Schauspiel; wir blicken über Wald und Tal hin zu jenen zierlichen Ortschaften, die, umgeben vom Zauber einer friedlichen Natur, weltabseits gebettet liegen. Ems ist ein ruhiges, geräuschloses Bad geworden, allem ein Heilbad, zu dem Tausende ans aller Herren Ländern tvallfahrten, um Genesung und Erholung zu suchen. Die Zahl seiner Kurgäste steigt von Jahr zu Jahr; doch diese Steigerung hat dem entzückenden Lahnbäde seine Solidität nicht genommen, und diese prägt sich vor allen Dingen in angenehmer Weise in den soliden Preisverhältnissen aus. In seinem Aeußeren ist Ems so schmuck, in seinen Anlagen so wohlgepflegt, in seinen Einrichtungen so adrett und so komfortabel, daß es auch heute noch jeden Tag Kaiser und Könige würdig beherbergen könnte. A l f r e d H o l z b v ck (im Berl. Lok.-Anz.) Bon der Saiüinlung „Berühmte Kunststätten", die seit Jahren im Verlage von E. As- Seemann in Leipzig veröffentlicht werden, sind unlängst wieder drei interessante Bände erschienen: Nr. 20: Florenz (Preis 4 Mk.), Nr. 21: Kairo (Preis 4 Mk.) und Nr. 22: Augsburg (Preis 3 Mk.). Adolf Philippi hat mit großer Sicherheit und Freiheit den gewaltigen Florenz-Stoff bezwungen. In 17 Kapiteln, die von 222 eingestreuten Abbildungen belebt sind, gibt er die kulturhistorischen Grundbedingungen des Florentiner Lebens, die Geschichte des Gemeinwesens, die! Darstellung der Baugesinnung, kennzeichnet die Blüte der Bildhauerkunst und Malerei, die künstlerischen Individualitäten, die sich schöpferisch an der Gestaltung der Florentiner Kunst — auch der Poesie — betätigen und macht so das bunte Gewirr der Kunsteindrücke, das in Florenz den Besucher von allen Seiten umdrängt, verständlich und genießbar. Dabei hat er sich bemüht, so einfach und schlicht als möglich zu schreiben, um den Laien nicht durch allzu viele Fachausdrücke zu ermüden. — Das Buch über die Hauptstadt Egyptens hat Franz Pascha geschrieben. Nirgends mehr als in Kairo ist der Erklärer und Führer durch Vie fremdartige Kunstwelt nötig und willkommen. Nirgends mehr als dort bedarf der Fremde der Entscheidung, Belehrung und ilebersicht, ivill er nicht verständnislos und ohne Nutzen die seltsame Stadt wieder verlassen. Franz Pascha unterrichtet mit eindringendster Sachkenntnis in acht Kapiteln über die Bautätigkeit der Araber, der Fati- miden, Ejubiden unb Mameluken, die Denkmäler aus der Zeit der türkischen Herrschaft, die Profanbauten des Islam und die Stätten der Verstorbenen, d. h. der Mameluken- und Kalifengräber. Seine Schilderung ist von mehr als hundert Abbildungen unterstützt. Einen Anhang bildet die Ehrung durch die Altertümer des egyptischen Museums "oi' &■ W. von Bissing, die jetzt in dem neu eröffneten ..infeuin sichtbar gemacht worden sind. Anch hier wird dem Kunst;rennd wertvolle Belehrung und Vertiefung der fremdartigen Eindrücke zuteil iverden, sodaß er ein geistiges! Verhältnis zu den Dokumenten der uralten 'Kultur gewinnt. — Augsburg endlich, die Stadt der Fugger, Welser und Peiltingers, die Geburtsstätte der Künstlerfamilie Holbein, Burkmaiers, der Lieblingsanfenthalt Maximilians, des letzten Ritters, hat in Berthold Riehl einen berufenen Lobredner und Schilderen erhalten. Das Buch erzählt, wie heute Augsburgs reiche Denkmale von Kunst und Geschichte der Stadt berichten, es geht daher auch durchaus von dem Studium der Kunstwerke aus, berücksichtigt aber auch möglichst eingehend die vorhandenen Schriftquellen. Mehr als 900 Jahre ziehen da an uns vorüber, und noch heute predigen Stxaßen, Gassen und Gäßchen, Monumental- und Profanbauten, Dore unb Brunnen von dem einst so blühenden Handel und lebendigen Kunstsinn ihrer Bürger. Litevavisches. — Die deutschen Volksststurme und Landschaften. Von Prof. Dr. O. Weise. Mit 26 Abbildungen im Text unb auf Tafeln. („Aus Natur und Geisteswelt." Sammlung wissenschaftlich - gemeinverstäublicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 16. Bändchen. 2. Auflage.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. 128 S. Preis geb. 1.25 Mk. Der Verfasser führt uns in der Arbeit die deutschen Volksstämme und Landschaften nach ihren charakteristischen Eigentümlichkeiten vor Augen. Nach einer Einleitung, in welcher von der Bildung und Verbreitung der deutschen Bolksstämme gesprochen wird, behandelt er in fünf Abschnitten die Sachsen, Franken (zu denen ja auch die Hessen gehören), Bayern, Alemannen unb Thüringer nach ihren durch die Natur der Wohnsitze bedingten Charaktereigenschaften unb den hiermit int Zusammenhänge stehenden Leistungen auf den Gebieten der Wissenschaft, KUnst, Technik, Gewerbetätigkeit, Politik und bergt. Dabei werden überall die hervorragenden Männer erwähnt und kurz und treffend charakterisiert. Die fünf Abschnitte des zweiten Teils enthalten Ergänzungen zu den Ausführungen des ersten, wobei bas Landschaftliche bett Einteilungsgrund bilbet: es werden nacheinander behandelt das nördliche, westliche, südliche, östliche Deutschland und zum Schluß das Herz Deutschlands, indem namentlich auf die Beziehungen der Bewohner zu den Nachbargebieteu Bedacht genommen wird. Das Buch enthält eiije Fülle von Anregungen in fesselnder Form. Der reiche Inhalt läßt sich in einer kurzen Besprechung auch nicht annähernd anbeuteu. Dazu kommen noch gute Abbildungen von Landschaften, Städten, Baudenkmälern und volkstümlichen Kunstwerken. Das Buch ist warm zu eimpfehlen. Johanna Titus, Allerlei Getränke. 310 erprobte Rezepte zur Bereitung von Bowlen, Kaltschalen, Limonaden, Punschen, Likören usw. Leipzig, Verlag von Engen Dvietmeher, Preis 1.50 Mk. Den feuchtfröhlichen Gemütern widmet Johanna Titus ihre jüngste Gabe. Der Anti-Alkoholiker erzittere deshalb nicht, auch seiner hat die Verfasserin gedacht, denn in ihrem Büchlein „Allerlei Getränke", eine Anleitung zur Bereitung; von Bowlen, Kaltschalen, Likören usw., dürfte unter den 310 Rezepten nahezu jeder Geschmack feine Rechnung finden. Aber die Fülle tuts nicht allein: Der Hauptgrund, warum sich die Titus'schen Rezept-Sammlungen einer stetig zunehmenden Beliebtheit unter den Hausfrauen und Köchinnen erfreuen, liegt darin, daß die Herausgeberin nicht aus dickleibigen Kochbüchern sorgsam abschreibt, sondern nur bietet, was sie selbst eingehend erprobte und auf Grund dieser Prüfung wirklich empfehlen kann. Des weiteren sind die in ähnlichen Werken oft vermißten Angaben über das Quantum, welches für eine bestimmte Anzahl von Personen benötigt wird, und die Rücksichtnahme auf bescheidene Verhältnisse von großem Werte. Gleichung. (Nachdruck verboten.) (u—b) + (c—d) + (e—^f) — x. a symbolischer Schmuck, b. schmackhafter Fisch, c Kampfe, d altes Maß. e kleines Raubtier, f Jahreszeit, x männlicher Vorname. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Krebsrätsels in vor. Nr.: Leben — Nebel. Redaktion: August Eötz. — Nctalicnsdruck und Verlag der Vrstbl'schen Universtäls-Vuck- und Eteindruckerci. R. Lange, Gießen.