1903.-— Nr. 94 sP^sss^M HWW^M Samstag den 27. Juni. «/ eA-) M^W (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau. (Fortsetzung.) Manchmal erfaßte ihn das Verlangen, seinen freundlichen Schwager ins Vertrauen zu ziehen; aber der Gedanke, daß Eheleute keine Geheimnisse vor einander haben dürfen, legte ihm stets wieder Schweigen auf. So veir- brachte er denn, Geschäfte vorschiebcnd, fast den ganzen Tag auf dem Flusse oder in den Anlagen von Westfields, und an den Abenden studierte er aus seinem Zimmer, um vertraulichen Unterredungen mit seiner Schwester ans dem Wege zu gehen. Ellinor Graham bemerkte diese Veränderung sehr bald. „Ihr Bruder ist in der letzten Zeit ganz anders geworden", sagte sie eines Tages zu Frau Wilson, als sie sich wieder einmal uueingeladeu beiiu zweiten Frühstück in der Villa eiugefunden hatte. „Warum ist er so still? Hat er etwas, das ihn quält?" Gilt flüchtiges Lächelu huschte bei dieser Frage über .Frau Wilsons Gesicht. „Vielleicht — es kann schon sein", versetzte fie gedehnt. „Das ist sehr schade!" ries'Ellinor ganz unbefangen. „Können wir ihm nicht darüber hinweghelfen, was es auch sein möge?" „Hm, Sie konnten es vielleicht", antwortete Frau Wilsou bedeutungsvoll, aber doch etwas weniger lebhaft als sonst; denn sie fühlte, daß fie sich auf gefährlichem Bodeu befände. „Ach", sagte Ellinor, „dann, ist es wirklich, wie ich dachte", und während eines Zeitraumes vou zwei Minuten — eine lange Pause für sie! — verhielt sie sich schweigeud, während die ältere Dame in geheimer Erregung ihre nächsten Worte erwartete. Aus ihrer Träumerei erwachend, fuhr Ellinor fort: „Es würde mir sehr, sehr leid tun, in irgend einer Weise Enttäuschung zu be- reiteu, und ich weiß, er mochte die Arbeit beginnen. Aber ich denke manchmal, es iväre klüger, noch dantit zu warten, daun konnte er mit mehr Befriedigung, — mehr Autorität ans Werk gehen. Aber von hier weg darf er nicht, ich kann ihn nicht entbehren. Er ist fa>' sehr gescheidt und stets so hilfsbereit, nicht wahr?" Frau Wilsou stimmte ihr vollständig bei. „lind Harris hat ihn immer tausenderlei zu fragen, denn es gießt so vieles, was ich nicht verstehe. Ich möchte imssen, ob er damit einverstanden iväre, hier als — Ge- schaftsfiihrer kann ich nicht gerade sagen, auch nicht ganz als Herr, aber doch etivas dergleichen zu handeln, bis ich — bis nnsern Weg klarer vor uns sehen/" Fräulein Graham schloß ihre Rede in sichtlicher Verlegenheit, die sich nur auf eine Weise beinten ließ. Frau Wilson hatte Mühe, ihre Ruhe zu bewahren, als sie erwiderte, ihre Bruder werde sich gern in jeder Weise nützlich machen, so viel könne sie für ihn versprechen. „Einen Monat später, etwa Ende Juli, können wir alles soviel besser festsetzen", fuhr Ellinor fort, „besonders wenn Papa hierher kommt. . Wollen Sie dies Herrn Morgan sagen, bitte? Ich fürchte mich fast vor ihm, er sah in der letzten Zeit so finster aus." Nach diesen Worten versank sie abermals in kurzes Nachdenken, das sie dann plötzlich mit der sehr bestimmten Frage unterbrach: „Frau Wilson, meinen Sie, ein Mann müsse viel älter sein, als seine Frau?" „Der meinige ist viel älter als ich", antwortete die Gefragte, nur noch mit Mühe ihr Lachen unterdrückend. „Und ich halte auch einen bedeutenden Unterschieds für wünschenswert. Andere sind der entgegengesetzten Meinung." „Also ist es schließlich nur Gefchmacksache", rief Ellinor aufspringend, „und ein paar Jahre mehr oder weniger sind von keiner großen Bedeutung. Und nun leben Sie wohl, Frau Wilson, wir wollen versuchen, Ihren Bruder ein wenig aufzuheitern." „Das wird niemand besser gelingen, als Ihnen", versicherte seine Schwester, sich besonders herzlich von der jungen Erbin verabschiedend. Sie frohlockte im stillen, daß der Preis, den sie für ihren Bilder erstrebte, gewonnen sei und daß er nur die Hand danach auszustrecken brauche. Aber zu ihrem größten Kummer schien er hierzu durchaus keiue Lust zu haben. Notgedrungen stimmte er Fräu- leiu Grahams Vorschläge zu, und da er noch immer ohne feste Antwort von Herrn Barker war, fühlte Richard sich durch dieseu Stillstand in den Geschäften aufs äußerste niedergedrückt. Ein paar liebe Worte seiner tapferen Ainree, ein vertrauender Blick aus ihren treuen Augen würden seine Unruhe gedämpft, ihn geduldig gemacht haben; aber von solchem Balsam war er weit entfernt, und den schriftlichen Gedankenaustausch empfand er nur als einen armseligen Ersatz für die ersehnte Wiedervereinigung. „Wie oft schon", schrieb er einst, „habe ich gewünscht, daß wir, unabhängig von Andern, in St. Petersburg unser Glück probiert hätten. Nun steht uns noch ein Monat banger Trennung bevor; aber was uns dessen Ende bringen wird, ivage ich kaum auszudenken, aus Furcht vor neuen Enttäuschungen. Mit Angst muß und wird dieser Stand der Dinge ein Ende nehmen. Mein einziger Trost ist, daß Du bis dahin in guter Obhut bist." Ein trauriger Trost wäre es für rhn gewesen, wenn er gewußt hätte, was sich in der letzten Zeit in Brüssel zugetragen hatte. Im Anfänge des Juli hatte die arme Aimee, deren schmerzliche Sehnsucht nach dem Verlobten immer stärker wurde, ein neuer unerwartetM Kummer betroffen. Gerade als Fräulein Osborue ihre Vorbereitungen zur - 374 Abreise von Belgien begann, gerade als ihre englische Nachfolgerin int Marienhanse eintraf, nm durch sie in ' ihre neue Stellung eingeführt zu werden, kam ein dringender Ruf nach „Tante Lisa" aus dem Heim ihrer verwitweten Schivester in Surrey. Dort war die jüngste Tochter lebensgefährlich erkrankt und verlangte unablässig nach der gütigen Tante, deren Lieblingsuichte sie stets gewesen war. Die geängstigte Mutter sandte eine Depesche nach der andern, und Fräulein Osborne sah sich gezwungen, hastig das Nötigste zu ordnen und Heim, Schule und Aimee ihrer Nachfolgerin, Frau Rochesord, zu überlassen und anzu- entpfehleit. „Ich wage es nicht, Sie mit inir zu nehmen, Kind", sagte sie bei ihrem hastigen Lebewohl, „denn Ellens Krank- hett ist sehr ansteckend! aber ich habe mit Frau Rocheford alles genau verabredet. Dies wird Ihr Heim bleiben, bis der August Sie ztt einem besseren führen wird. Schreiben Sie mir oft und erzählen Sie mir, wie es mit Ihrer An- gelegenhett steht." So blieb denn die arme Aimee einsam und verlassen zurück; und wenn sie auch hoffte, daß! ihre Prnfungs- zeit nicht von langer Dauer fein werde, so hatte sie doch sehr bald llrsache, das Weggehen ihrer mütterlichen Freundin bitter zu beklagen. In jeder Beziehung war Frau Rocheford das gerade Gegenteil von Fräulein Osborne und ließ deutlich erkennen, daß sie Aimee nnr als ein lästiges Anhängsel betrachtete. Selbst sprachgewandt, tüchtig im Haushalt und Schule, bedurfte sie des jungen Mädchens Hilfe in keiner Weise und wies jedes deratige Anerbieten mit beleidigender Schroffheit zurück. Gegen Ende Juli war Aimees Stellung im Hause denn auch wirklich unhaltbar geworden, und dennoch enthielt sich das arme Kind in seinen Briefen an Frätilein Osborne jeder Klage. Noch weniger aber durfte Richard ahnen, daß sie in anderer als glücklicher Stimmung aus ihn warte; er hatte ohnehin schon Sorgen genug! Welche Gefühle würden Aimees Herz bewegt haben, wenn sie gewußt hätte, daß die Dienerschaft Westfields ihren Richard bereits als zukünftigen Gutsherrn zu betrachten begann? „Wir werden über kurz oder lang ein Hochzeitsessen haben", hatte erst in den letzten Tagen der Verwalter lächelnd zu einem der Arbeiter gesagt. „Und mir scheint, Fräuleiit Grahant hätte keine bessere, vernünftigere Wahl treffen können. Ich wüßte niemand, den ich mir lieber als Herrn Morgan zum Gutsherrn wählen würde." 7. Kapitel. Troß ihres frischen, lebhaftett Wesens und ihrer stets heiteren Laune war es Ellinor Graham im Lause des Sommers nicht gelungen, festen Fuß in der Gesellschaft zu fassen, in die sie so unerwartet eingeführt worden war. War es nun aus einer gewissen Prahlerei oder nur aus reinem Mutwillen — sie reizte durch ihre Stichelreden die Leute beständig auf. Jetzt scherzte sie über eine, durch den Brauch geheiligte Sitte; dann wieder spöttelte sie über althergebrachte gesellschaftliche Ueberlisferungen und machte, wie Oberst Mellin sich ausdrückte, in der Unterhaltung fortwährend „Känguruhgleiche Sprünge, die Leute dabei auf ihre empfindlichstett Zehen tretend!" „Aber es ist unmöglich, ihr bös zu sein", bemerkte er zu seiner Frau, die nach Frauenart ihr eigenartiges Wesen weit härter beurteilte, als die Herrenwelt. Frau Mellin beschränkte ihren Verkehr mit Westfields auf einen förmlichen Besuch, wobei Ellinor, die gerade votr der Heuernte heimkehrte, sie zu ihrer großen Entrüstung in ganz untergeordneter Töilette und mit einem riesigen hölzernen Rechen in der bloßen Hand empfing, Bei Frau Wilson, die Ellinor aufrichtig liebte, zeigte sie sich stets sehr liebenswürdig. Dagegen gewährte es ihr ein besonderes Vergnügen, Fräulein Bassett, die sie ebenso aufrichtig verabscheute, in Schrecken zu versetzen. Die eine ein ihren Fehlern nur mädchenhafte Launen, die im Hande rasch vergehen würden. Die andere dagegen betrachtete ihre Verkehrtheiten als fortgesetzte Beleidigungen, für welche sie sich zu rächen gedachte, sobald die richtige Zeit gekommen sein würde. Herrn Dr. Wilson zeigte sich Ellinor stets von der besten Seite. Dankbar für alle die Mühe, der er sich ihretwegen unterzog, widersprach sie ernstlich dagegen, daß er in seiner Lieblingsbeschäftigung noch länger durch sie gestört werde. Herr Morgan konnte jetzt alles ditrch sie besorgen, uttd sie wollte nun ihrerseits dem Doktor helfen bei feinen „Einheimischen Vögeln", wovon jedoch feiner, wie sie behauptete, sich mit der wunderschönen Elster Australiens vergleichen konnte. Als große Naturfreundin hatte sie stets auch der gefiederten Welt ihre Beachtung geschenkt und lieferte wirklich manchen schätzenswerten Beitrag für das wertvolle Buch. Der gute Doktor war voll des Lobes über seine Gehilfin, und ahnte, in seine geliebte Arbeit vertieft, nichts von den Liebesmühen seiner besorgten Gattin. Das weit scharfsichtigere Fräulein Bassett jedoch durch- fchaute klar Frau Wilson's schwesterliche Plane und schien geneigt, dieselben zu fördern, soweit es in ihrer Macht stand. Und wenn auch die große Verschiedenheit ihrer Charaktere kein vertrautes Verhältnis zwischen den beiden Damen aufkommen ließ, so erkannte doch Frau Wilson ihre stille Mithilfe dankbar an, und vergalt diese durch, fortwährendes Besänftigen Minor's zu Gttnsten der mißliebigen Gesellschafterin. Fräuleiit Bassett war selbst der Ansicht, daß ihr Auf- eitthalt in Westfields nur noch von kurzer Dauer setn werde; und sie deutete dies auch einmal bei Frau Wilson ml. Es war nach Schluß eines Konzertes in Norwich, das sie auf Ellinor's dringenden Wunsch in Gesellschaft Frau Wilson's und deren Bruder besucht hatten. Vielleicht hatte Ellinor das Ganze nur zur Aufheiterung Richards ver- nnstaltet. Aber merkwürdigerweise hatte der Abend ans ihre eigene eindrucksfähige Natur gerade die entgegengesetzte Wirkung ausgeübt. Während sie in der Vorhalle standen, um ihren Wagen zu erwarten, fiihlte Richard plötzlich ihre Hand auf seinem Arme heftig zittern und sah, daß ihre dunkeln Augen voller Tränen standen. „Was ist Ihnen? Was haben Sie?" fragte er erschreckt. „Hat die Musik Sie so sehr angegriffen?" „Nein, o nein", flüsterte Ellinor, „es ist — es ist — nichts. Nur jenes schreckliche Lied, dieses leidenschaftliche „Komm, Margarita, komm!" aus Suftivan's neuer Cantate — ich bin keine Margarita, das weiß ich, ich bm nur Minor; aber mir war, als ob jemand mich riefe ! O, Herr Morgan," fügte sie bebend bei, „ich — ich — mochte hier bleiben; aber manchmal scheint es mir, als mutzte ich znrückkehren!" Ein Schluchzen unterdrückend und ihr Spitzentuch fester um sich ziehend, schmiegte fie sich, tote hilfesuchend, an ihren Begleiter an. Nur die Worte, nicyr die Bewegungen des jungen Paares waren den beiden älteren Damen entgangen, lieber Fräulein Bassett's langes Gesicht huschte ein eigentümliches Lächeln. „ „Fräulein Graham erwartet ihren Vater mit großer Ungeduld", sagte sie mit halblautem Tone zu ihrer Gefährtin; „ich hoffe, er wird bei seiner Ankunft zufrtedeit sein mit der Art und Weise, in der seine Tochter über ihre Zukunft verfügte." „Ich hoffe es ebenfalls", antwortete Frau Wilson, aitgefeuert durch diese nicht mißzuverstehende Beinerkung. „Auf alle Fälle wird Herr Graham finden, daß seine Tochter nicht unter ihrem Stande gewählt hat. Wir Morgans sind ein wenig stolz auf unfern Namen und unsere Vorfahren, Fräulein Bassett." „Und die Liebe mag jede andere Ungleichheit ebnen, sagte Fräulein Bassett salbungsvoll, um anzudeuten, datz das Spiel noch nicht ganz gewonnen set „O, die Liebe ist allmächtig", verhetzte Frau Fran Wilson unbefangen. „Sie verleitet uns oft zu viel seltsameren Handlungen, als sie je von Fräulein Graham fordern wird." Bei dieser sehr allgemeinen Bemerkung wurden Fräulein Bassetts dunkele Züge von einer glühenden Röte über- aossen, die sofort einer ungewöhnlichen Blässe wich. Aber sowohl ihr veränderter Gesichtsausdruck, als Ellinor's nervöse Erregung entzogen sich bald der Beobachtung in dem dunkeln Wagen, der in diesem Augenblick vorfuhr. Herw Morgan wählte feinen Platz neben dem Kutscher und dte kleine Gesellschaft rollte rasch der Heimat entgegen. Am nächsten Morgen saß Minor, eine ausgezeichnete Reiterin, schon ftühzeitig im Sattel, um nach der Villa hinüber zu reiten. Bon ihrem Vorrechte als Hausfreunou Gebrauch machend, klopfte sie, ohtte abzusteigeu, mit ihre 375 Reitpeitsche an eines der großen Fenster von Frau Wilsons Frühstückszimmer. Sie sah wunderbar frisch und strahlend aus, als ob ihr etwas sehr Freudiges begegnet wäre. „Ich habe Nachricht von Papa erhalten", rief sie, als ihre Freundin das Fenster öffnete. Spätestens in einem Monat, vielleicht schon in 14 Tagen wird er hier sein. Und — und —", mit jener bei ihr seltenen Schüchternheit, die sie so sehr verschönte, „kann ich mit Herrn Morgan sprechen?" „Mein Bruder ist schon seit einer Stunde irgendwo in Westfields", entgegnete Frau Wilsou. „Harris schickte nach ihm, ich glaube wegen des Karpfenteiches. Bedürfen Sie seiner?" „Ich fürchte, ich bedarf seiner immer", gestand Elli- nor, „und gerade jetzt" — mit einem leichten Erröten — „so ganz besonders. Aber vielleicht begegne ich ihm. Menn nicht, werde ich ihn suchen, und zu mir in's Haus bitten lassen. Ich habe an Papa einen Brief geschrieben, den er in Neapel finden wird. Ich will ihn jetzt selbst zur Post bringen. Kann ich dort etwas für Sie besorgen?" „Danke, nein." „Soll ich vielleicht Herrn Morgan's Briefe mitbringen, wenn deren angekommen sind?" Frau Wilson belustigte dieses beständige Hereiuziehen Morgan's in die Unterhaltung natürlich sehr. Aber sie war entschlossen, vorläufig nichts zu sehen und lehnte dankend ihr Anerbieten ab mit dem Bemerken, ihres Bruders Briefe befänden sich jeden Morgen in des Doktors Posttasche. (Fortsetzung folgt.) Zinn Königsmord in Serbien. Warum Oberst Maschin, der Bautenminister im provisorischen serbischen Kabinett, sich an der Ermordung seiner Schwägerin der Königin Draga, beteiligte, darüber hat er sich nach der „Post" einem Mitarbeiter des Petersburger Blattes „Ssyh Otetschestwo" gegenüber wie folgt ausgesprochen: „Draga heiratete meinen armen Bruder, als sie noch in der Mitte ihrer Schönheit stand. Mein Bnrder war einer der besten Menschen der Welt. Aber dieses Frauenzimmer umgarnte ihn so sehr, daß sie ihn von der Familie trennte und von mir besonders, da sie sich einbikdete, daß ich sie mehr als die anderen alle beobachtete. Ihre Ehe mit meinem Bruder war der Anfang ihres Glückes. Sie kam dadurch in die beste Gesellschaft und konnte vor allem ehren grenzenlosen Luxus befrie- drgen, was stets ihr heißester Wunsch war, aber sie wollte noch höher steigen und sab ein, daß das Band, das sie mit meinem Bruder verknüpfte, für sie eine Fessel war. Daher beschloß sie wohl, sich ihres Mannes zu entledigen. Wre sie das anfing, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß meru armer Bruder, der bis dahin die verkörperte Kraft und Stärke gewesen war, plötzlich h i n zu s i e ch e n b e g a n n. Da begann ich das infame Weib zu hassen, die Frau, die meinen Bruder hingemordet hat, nachdem sie ihm ein zu ihren Gunsten aufgesetztes- Testament entlockt hatte. Als dann der König sich in Draga verliebte, tat ich alles Mögliche, uin ihm die Augen zu öffnen. Bedenken Sie die Schmach! Ein Weib, das die Geliebte aller robusten Offiziere unserer Garnison gewesen war! Draga merkte natürlich, daß ich den König warnte, und tat alles, um meiüer mili- Laufbahn ein Ende zu machen. Man schickte mich aus der Hauptstadt an die Grenze und' gab Mir ein Regiment, das immer aufrührerisch gewesen ist. ^rnnUngluck für mich Als mein Bruder, der Ingenieur wcaschin, dem Belgrad seine schönsten Gebäude ver- r c• lvar ich militärischer Attachee unserer Gesandtschaft in Wien. Dann wurde ich Gesandter in Monte- negro. ^ch konnte ^hnen Briefe zeigen, die Ihnen beweisen, w vr eLer ’Wt?0 < Montenegro mich schätzte, wie er mich als Freund behandelte und mich in wichtigen Staatsan gelegenheten um Rat fragte. Diese glänzende Stellung hatte mir Draga vernichtet. I, dem Grenzorte wollte ich mir zuerst das Leben nehmen, aber der Gedanke an Rache S £Urd) Utrecht Ich gab meine Entlassung und kehrte nach Belgrad zuruck, wo es mir, nicht ohne Mühe, gelang, me Faden der Verschwörung zu spinnen, die einen so ver- bananisvollen Ausgang für das Köniaspaar gaben sollte und für andere Personen, deren Hiuschlcichtuug ich aufrichtig bedauere. Fragen Sie mich nicht nach Einzelheiten« der Mordnacht! Nur etwas möchte ich Ihnen sagen: die Zeitungen berichten, daß das Morden zwei Stunden dauerte ; das ist nicht wahr — in weniger als einer Stunde war alles beendigt. Das Königspaar wäre sicher verschont worden, wenn es abgedankt jtitb sofort das Versprechen gegeben hätte, ins Ausland zu gehen. Alexander wäre dazu vielleicht bereit gewesen, aber Draga, die stolze, herrschsüchtige Draga, zögerte — und ich muß gestehen, i ch empfand ein wahres Gefühl der Wollust, als ich ihre zuckenden Glieder im Blute sah. Akt der Ermordung ihrer Brüder und der Minister bin ich unschuldig, darauf gebe ich mein Ehrenwort! Sie dürfen mir ohne Schauder die Hand reichen, Herr Journalist..... Meine Hand ist nicht mehr rot von Blut. Und dann verkünden Sie es laut in Rkkßland: wenn der Oberst Maschin der Mörder eines Königs und seiner eigenen Schwägerin werden konnte, so geschah es nur, weil er eine: patriotische Pflicht zu erfüllen glaubte und weil er seinen geliebten Bruder rächen wollte." In ähnlicher Weise hat sich Oberst Maschin auch gegenüber dem Korrespondenten eines Berliner Blattes ausgesprochen. Nach dem Grunde der stets wachsenden Erregung des Offizierkorps gegen das Königspaar befragt, sagte der Oberst: „Ein stadtbekanntes Frauenzimmer wurde trotz aller unserer Gegenvorstellungen zu unserer Königin erhoben. Nrm wollte ihr zuliebe der König ihren Bruder auch noch zum Thronfolger proklamieren lassen. Das stieß dem Faß den Boden aus, und als alle anderen Versuche, ihn ivenigstens davon abzubringen, scheiterten, mußten wir nns selbst helfen. Die beiden Brüder Lunjewitsch warm Lumpen ohne jede Bildung. Maxim Gorki. Maxim Gorkis Werke beginnen soeben in einer Volksausgabe in 66 wöchentlichen, zwer Bogen starken Lieferungen ä, 25 Pfg. in guter Ausstattung (mit farbiger Umschlagszeichnung von Wilhelm Schulz) inl Verlage von Bruno Cassirer in Berlin zu erscheinen. Die uns vorerst vorliegende erste Lieferung beginnt mit dem Anfänge der Erzählung „Das Ehepaar Orlow". Maxim Gorki — der Name bedeutet für die Literatur eine neu entdeckte Welt. Wer kannte vor zwei Jahren in Deutschland wohl diesen russischen Dichter? Und heute ist seiir Name bei uns in aller Münde, und die Verehrer Gorkis — des „Bitteren", denn dies bedeutet sein Name — zählen schon jetzt nach vielen Dausenden. Wer sich nur einmal in die ebenso spannungsvollen wie poetischen Gü- schichten dieses Autors vertieft, der muß ihn liebgewinnen, mklß immer wieder zu diefen interessanten Bänden greifen, die uns so seltsame Menschenschicksale in so meisterlich ent* worfenen und farbenprächtig durchgefüyrten Bildern vorführen. Durch weite unbekannte Gebiete ist uns Maxim Gorki ein getreuer, stets interessanter Führer. Er läßt jene für den Westeuropäer von geheimnisvollem Mmbus umhüllten Welten vor unserem Auge lebendig werden: mit einer Frische und Kraft der Darstellung, die in der zeitgenössischen Literatur ihresgleichen sucht, schildert er die originellen Reize der Landschaft, die Schauer der Steppe wie die Wunder des Meeres, das Lebeki und Dreibein der bunten Menschenwelt, die diese Landstrecken beiwohnt. Zigeuner, Hirten, Flußschiffer, Vagabunden, Diebe, Bettler, Pilger und allerhand sonstiges „fahrendes Volk" sind, neben den Proletariern der Arbeit seine Lieblingshelden. Was Maxim Gorki in diesen Kreisen, in denen er selbst feine Jugend verbracht, mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hat, das weiß er mit so vollendeter Meisterschaft, in so echten, packenden Zügen wiederzugeben, daß der Leser wie gebannt seinen Dichterworten lauscht und alles, was ihm da erzählt wird, selbst mitzuerleben glaubt. Aber Maxim Gorki ist mehr, weit mehr als nur ein interessanter Erzähler und Schilderer: er ist ein echter Poet, dessen hellstrahlender Geist nach dem Höchsten strebt, dessen flammendes Herz alles, was Menschenantlitz trügt, mit heißer Liebe unrfängt. Nur die Schurken und Dumm- köpfe, die das Leben verpfuschen, haßt er aus tiefstem Herzen. Diese Tiefe und Macht seiner Leidenschaft, die aus jeder Zeile seiner Dichtungen lodert, dieses echte volle 376 Empfinden enres ganzen Menschen ist es vor allem, was uns in Gorkis Schriften bezaubert und unwillkürlich fortreißt. ______________ M a x.i m Gorki, Zigeuner und ä n d e r e G e - s ch i ch t e n. Umschlagzeichnung von Heinrich Zille. Geheftet Mk. 1.—, Verlag von Albert Langen in München. (Kl. Bibl. Nr. 61.) Maxim Gorki ist heute in Deutschland vielleicht populärer als irgend ein anderer Dichter. Da wird dies neue Bändchen von ihm, das in der kleinen Bibliothek Langen erscheint, vielen eine willkommene Gabe sein. Es enthält meist Geschichten aus dem Darstellungskreise, die Gorkis eigentlichste Domäne bildet, aus der Gesellschaft der Armen und Elenden, die außerhalb des Gesetzes stehen. Aber nicht deprimierend wirken die Schicksale dieser Leute, die vogelfrei, aber auch in anderem Sinne frei sind, weil sie sich vor nichts zu fürchten haben, nichts zu verlieren haben. Auf dem düsteren Erdreich ihres Lebens erwächst diesen Menschen ihre schlichte, ergebene Philosophie, die fern von allem asketischen Nazarenertum liegt und etwas unsagbar Tröstendes für jeden hat, der sich sorgt und müht und quält im Kampfe des Lebens. Und erhebend wirken die prächtigen Naturbilder, die Gorki vor uns ausrollt, mag er nun die Pracht und den Glanz des südlichen Meeres, die einsam sich reckende Fruchtbarkeit der Steppe oder eine neblige Nacht auf der Wolga, einen trüben nordischen Herbstabend schildern. Die Ueber- setzung von Korfiz Holm ist ersten Ranges. EineiGorki-Nummer, wieMühne und Brettl (Harmonie-Verlag 35, Redaktion Dr. Leo Wulff) diesmal herausbringt, muß schon wegen des Namens Gorki interessieren. Mit zahlreichen Bildern von russischen und deutschen Darstellern Gorkischer Gestalten geschmückt, bringt das Heft einen Lebenslauf Maxim Gorkis von Stephanie Goldenring. An diesen schließt sich ein Artikel „Gorkis Gegner", worauf ein volkslieoartiges Gedicht „Die Fee" von Maxim Gorki folgt. Ein eigenartiges Porträt schmückt den Umschlag der Nuumrer. Vermischter. * Anna Rothes Nachfolgerin. Die psychologische Gesellschaft in Berlin hatte vorgestern einen interessanten Abend. Professor D e s s o i r sprach über seine Beobachtungen au dein bekannten spiritistischen Medium E u s a p i a Palladino. Frau Palladino komrnt aus der Umgegend von Neapel, sie kann weder lesen noch schreiben, ist aber hochintelligent und von einer Schlauheit und Menschenkenntnis, mit der sie selbst Gebildete zu übertölpeln weiß. Sie ist jetzt 48 Fahre alt und treibt ihr spiritistisches Handwerk seit mehr als 20 Jahren. Interessant ist, daß sie über Zweck und- Wesen mit von ihr hervorge- rufenen spiritistischen Erscheinungen rundweg jede Auskunft verweigert; wahrscheinlich ist sie auch nicht imstande, eine vernünftige Erklärung darüber abzugeben. Professor Dessoir war von einem befreundeten Arzte in München, bei dem sich das Medium im März dieses Jahres aufhielt, gebeten worden, hinzukommen, um Beobachtungen auznstellen. Eusapia Palladino zeigt ihre Wunder immer unter bestimmten, sich gleich bleibenden Bedingungen. Sie beginnt — ber Hellem Licht — mit Bewegungen des T is ch e s, an dem sie und die Teilnehmer sitzen; dann wird das Zimmer verdunkelt und, während ihre Hände angeblich gehalten und anch die Miße kontrolliert werden, lvird es nun im Zimmer „lebendig". Der Vorhang, vor dem sie sitzt, flattert hin und her, Objekte, die dahinter stehen, werden auf den Tisch geworfen, Mandoline, Harmonika und Zither werden zum Erklingen gebracht, die Nachbarn berührt, gezwickt, geschüttelt usw. Die Erklärung, ans die Professor D. alsdann einging, bezog sich natürlich nur auf die Erscheinungen, die er selbst beobachtet hat. Sie ruhte auf der Voraussetzung, daß zunächst versucht werden muß, jene Vorkommnisse auf mechanische und begreifliche Weise zu erklären. Das wird dadurch nahegelegt, daß nachweislich Eusapia Palladino trotz der vorhergegangenen Kleiderunter- snchnng einmal einen Blumenzweig eingeschmuggelt hatte und zu Berührungen benutzte, vielleicht also auch andere Hils-sgegenstände an sich verborgen haben mochte. Es gelang dem Vortragenden auch zweimal, für einen Augenblick das wirkende Etwas zu sehen: etwas Schwarzes, Stabartiges, das in dem einen Falle freilich auch die Spitze des Stiefels gewesen sein kann. Denn die Kontrolle, die Frau Palladino ausschließlich erlaubte, nämlich die Sicherung durch Fassen und Berührung seitens des Nachbarn, ist ganz unzureichend und unzuverlässig. Sie hat fraglos, wie Dessoir des näheren erläuterte, mehrere Micks, durch die sie wenigstens eine Hand und einen Fuß freimacht, ohne daß die Nachbarn; für gewöhnlich es bemerken können. Einmal hatte sie auch eine Schnur benutzt, um die Zither heranzuziehen. Stets bringt sie leise imb möglichst unbemerkt die Gegenstände, dicht an sich oder umgekehrt sich an die Gegenstände heran, und beginnt erst dann, sie durch angeblich unbekannte Kraft zu bewegen. Trotzdem bleiben einige Erscheinungen übrig, deren Zustandekommen noch nicht aufgeklärt werden konnte. Da aber nachgewiesen wurde, daß Frau Palladino systematischen Betrug übt, so würde die Annahme unbekannter, von ihr ausgehender Kräfte oder gar von „Geistern" nur daun erlaubt sein, wenn jene vorderhand nicht aufgeklärten Erscheinungen unter zwingenden Bedingungen sich ereignet hätten. Das war aber nicht der Fall. Vielmehr versagte jene „Kraft" jedesmal, wenn strenge Vorsichtsmaßregeln getroffen waren. * Weinende Tiere. Man hat bemerkt, daß manche Tiere wirklich Tränen vergießen. Die Tiere, die am leichtesten weinen, sind die W-iederkäner. Alle Jäger wissen, daß der Hirsch und das Reh weinen können. Es wird aber auch behauptet, daß der Bär Tränen vergießt, wenn er fühlt, daß die letzte Stunde sich nähert. Nicht weniger gefühlvoll ist die Giraffe, die mit „Münen in den Augen" den Jäger anblickt, der sie verwundet hat. Ein englischer Reisender erzählt voll einer Antilope, die er lange Zeit! verfolgt hatte. Der Schaum stand ihr vor dem Manl, und der in Strömen hervorbrechende Schweiß hatte ihrer grauen Haut eine bläuliche Farbe gegeben. Mänen strömten aus ihren großen schwarzen Augen, und es war unverkennbar, daß das Tier seine letzte Stunde nahen fühlte. Der Hund weint leicht, ebenso manche Affen. Daß der Elefant leicht in Tränen ausbricht, dürfte bekannt sein. Er weint, wenn er verwundet ist oder wenn er seinen Verfolgern nicht mehr entfliehen kann. Auch ton einigen tut Wasser lebenden Säugetieren wird behauptet, daß sie weinen. So soll der Delphin in seiner Todesstunde reichliche Tränen vergießen. Man darf aber nicht so weit gehen und annehmen, daß diese Tränen von einer seelischen Bewegung herrühren oder der Furcht vor dem Tode zuzuschreiben sind. Sie sind nichts weiter, als eine Verbindung zwischen den verwundeten oder angestrengten Körperteilen und den Tränendrüfen, die bei vielen Tieren stark entwickelt sind. Schachaufgabe. Von B. Prikrhl in Prag. (Nachdruck verboten.) SS® ff h a b c d abcdef g h Weiß. (4 + 4) Weiß zieht an nnd setzt mit dem vierten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) 8 7 6 5 4 3 2 1 Auflösung des Ergänzungsrätsels in vor. Nr.: Mieder, Gaul, Taube, Emma, Licht, Nase, Erle, Tiger. Der Glaube macht selig. RedakUou: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Bri'ibl'schen llniverfltätö-Vuch. und Ctcindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.