Nr. 62. 1903. Momag den 27. April. BBff TliÜ M ül! Hlb": (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Wählend einiger Minuten hatte aus beiden Seiten Stille geherrscht, als sich das Pochen des Obersten an der Vorderiür vernehmen ließ. Bevor man von den Diebereien im „Blauen Löwen" zu munkeln begann, hatte er sich gewohntermaßen selbst durch einen einfachen Druck auf den Türgriff ins Haus eiugelassen. Jetzt aber hielten sie es in gemeinsamer Vorsicht für nötig, die Tür von Innen verriegelt zu halten. Mit einem Atemzug der Erleichterung sprang Miß Bostal auf und eilte hinaus, ihrem Vater aufzumachen. „Aber, Papa, warum kommst Du so spät? Nell ist bei mir gewesen, sonst würde ich mich ganz nervös gefühlt haben." Der Oberst trat mit viel rascherem Schritt als gewöhnliche herein, blieb aber plötzlich stehen, da er den Namen des Mädchens hörte. „Nell!" ries er. Und aus' seinem Benehmen erkannte Miß Theodora, daß etwas Ungewönliches vorgesallen war. Ehe sie jedoch Zeit hatte, ihn befragen zu können, fügte er mit einem leichten Emporwerfen des Kopfes hinzu — „O, gut, das Mädchen muß es ja doch hören. Wo ist sie?" Nell hatte sich nicht von ihrem Sitz am Feuer bewegt, sie hatte aber den Kopf aufgerichtet und horchte. In dieser Stellung wurde sie Oberst Bvstal gewahr, als er die Tür des Speisezimmers" aufriß und eintrat, hinter ihm seine Tochter. „Nun, Papa, was für eine wundersame Neuigkeit bringst Du denn mit?" zirpte Miß Theodora, ganz erpicht auf ein klein wenig Klatsch „Es ist etwas sehr Ernstes, sehr Schreckliches, in der Tat. Ein Mann ist heute abend außerhalb Stroans an der Straße ttegend gefunden worden, und es' scheint Jem Stickels gewesen zu sein." „Gott! Gott! doch nicht wieder berauscht, will ich hoffen, nach all seinen Versprechungen!" sagte Miß Theodora besorgt. „Nein", antwortete ihr Vater ernst. „Der arme Kerl? Er war tot!" Beide Frauen stießen Schreie des Staunens und Entsetzens aus. „Mer es ist nicht möglich Man muck sich geirrt haben", eiferte Miß Bostal. „Wir haben ihn ja noch ein wenig vor Sieben gesprochen, Nell und ich und er war dann ganz wohl, vollkommen wieder hergestellt." Ter Oberst blickte verwundert von einer zur andern. »,Jhr habt ihn gesprochen? Und wo?" „In Mr. Manns Hütte, wo er wohnt. Er stand an der Tür und sprach selbst mit uns. Er war sehr unangenehm und roh gegen uns, der arme Kerl", sagte Miß Theodora, die unfähig schien, die Tatsache zu fassen, daß der Mann, der drei Stunden vorher so ganz voller Leben und Leiden-i schuft gewesen war, nun tot daliegen sollte. „Ah, nun — dann werdet ihr beide als Zeugen mit zu erscheinen haben, das ist sicher, denn morgen wird ein Untersu chun gsv erhör stattfmd en." „Als Zeugen! wie schrecklich! Ueberdies, was können wir denn bezeugen? Er war dann ganz wohl." „Tas ist, was ihr zu bezeugen habt. Und ich hoffe, daß ihr damit durchdringt, sagte der Oberst zweifelhaft. „Tenn, wenn nicht, so wird der junge Bursche, der ihn niedergeschlagen und betäubt fyat", — Nell blickte aus, bleich vor Furcht, „dieser King, sicher wegen Dodschlags vor Gericht gebracht werden." Nell fuhr mit einem herzbrechenden Schrei empor. „O nein! O nein! Wie könnte das möglich sein? Ev war ganz wiederhergestellt, als wir ihn sahen, Miß Theo- dvra sagt es Ihnen ja; Mr. und Mrs. Mann können es gleichfalls bezeugen Er sprach ganz so wie Sie. Er sah ganz so wie immer aus. Er muß sich daher betrunken haben, jedermann weiß, daß er immer zu viel tränt Und er muß Mit jemand in Stteit geraten und niedergeworfen worden sein, oder muß in den Graben gestürzt und darin erstickt sein. Oder — oder —" „Ich glaube nicht, daß Sie neue Beschuldigungen auf den Toten werfen sollten", sagte Miß Bostal ernst. „Er war ganz nüchterir, als wir ihn sahen, und es muß nur wenig später gewesen sein, als er starb." „Aber wenn ihn der Fall im Garten meines Onkels ge- tötet hätte —" „Ter Schlag, meinen Sie", warf Miß Bvstal ein. „So würde er ihn sofort getötet haben", entgegnete Nell. „Man kann nicht betäubt und ganz wiederhergestellt werden und dann eine Stunde darauf von dem Schlage, der die Betäubung verursachte, sterben! Ist das möglich^ Oberst?" „Ich habe, soviel ich mich! erinnere, nie von einem solchen Falle gehört", sagte er mit Zurückhaltung. „Doch Möchte ich keine Meinung abgeben, bis wir das Beweismaterial feinten." „Aber haben Sie nicht die Aussage des Arztes gehört? Haben Sie nicht gewartet, sie zu erfahren?" fragt« Nell dringend. „Ich wartete darauf, aber vergeblich", sagte der Oberst in gereiztem Tone. Tatsache war, daß er und eine Zahl anderer unbedeutender Persönlichkeiten, die aus einer oder der anderen Ursache sich für Personen von großer Wichtigkeit in der Gegend hielten, von den beiden Aerzten, die die Leich«, nachdem sie in die Stadt gebracht worden war, einer Untersuchung unterzogen hatten, schrecklich, kurz abgefertigt wor- 246 ven waren. Denn nachdem diese ihre Untersuchung beendet hatten, waren sie so rasch wie möglich aus dem Hause und durch das sie erwartende Gedränge gegangen und hatten es beide abgelehnt, nach dem dermaligen Stande der Sache eine bestimmte Meinung über die Ursache des Todes abzugeben. Daher sich all diese kleinen großen Leute höchstens beleidigt fühlten und sich in der äußersten Entrüstung nach Hause begaben. „Soviel ich davon verstehe, können sie eine Klage Auf Mord gegen diesen Herrn King einbringen", sagte der Oberst gereizt, nicht mit irgend einem Gefühl des Grolls gegen biefe Persönlichkeit, sondern um Nells Mitgefühl für die von ihm erlittene Unbill zu erregen. Allein die Wirkung seiner Worte auf das Mädchen war elektrisch „Mord! Gegen Elifford!" schrie sie, nach der Tür springend und nach Atem schnappend. O, das ist nicht Ihr Ernst, das' kann nickt Ihr Ernst sein!" Sie brach in einen heftigen Anfall von Weinen aus, dessen sich der Oberst fast schämte. Er versuchte, sie zu beruhigen, indem er ihr versicherte, daß niemand sonst, als die Aerzte, die hochnäsige Esel wären, ohne irgend einen Begriff, wie sie die Leute von Ansehen und einer der ihren weit überlegenen Stellung zu behandeln hätten, eine so ungeheuereche Meinung aufstellen könnten. Sie vermochte jedoch nicht genug Trost in seinen Worten zu finden und schickte sich, trotz oer Anstrengungen des Obersten und seiner Tochter, sie zurüctzuhalten, endlich an, nach dem „Blauen Löwen" zu eilen, damit sie sich wenigstens, wonach sie dringend verlangte, versicherte, daß niemand dort des Obersten vorschnell ausgesprochene Meinung teilte. „Vergessen Sie nicht, daß Sie zurückkommen müssen, hierzu schlafen", rief Min Bostal, die dem Verweilen ves Mädchens in der Mhe ihres ihr höchst unerwünschten Geliebten Vorbeugen wollte. Doch Nell wollte kein Versprechen geben. Sie verlangte nicht nur dringend, zu hören, wie sich Elifford befand und was dort die Leute über Jems Tod dachten, sondern auch zu wissen, wie bald sie im stände sein würde, mit Elifford zu sprechen, über dessen Lage in dieser Angelegenheit sie überaus ängstlich geworden war. Sie schlug daher ein wenig ernst gemeintes Anerbieten des Obersten ab, sie auf dem einsamen Weg zu begleiten, bot ihren Freunden Lebewohl und brach nach dem „Blauen Löwen" auf. Das Haus war, als sie es erreichte, verschlossen und Meg, die ihr öffnete, fuhr bei ihrem Anblick erschrocken zurück. „Gerechter! Sie sind'S, Miß Nell? Ich glaubte, da AS so spät ist, daß ©te die Nacht bet Miß Bostal zubringen würden." „Sie bat mich auch, es zu tun, ich wünschte aber zurück nach Hause zu kommen", antwortete das junge Mädchen, das bleich war und zitterte. „Sie sehen schlecht aus", rief die gutmütige Meg, als sie das Mädchen mit kräftigem Arm in die kleine Schenkstube zog, wo das Feuer noch nicht ganz aus- aegangen war. „Setzen Sie sich nieder und wärmen Sie sich, ehe Sie hinaus in das kalte Zimmer unterm Dache gehen." Sie schob Nell fast in den Armstuhk am Kamin und warf sich dann vor ihr auf den Kaminteppich nieder und blickte ihr forschend ins Auge. „Sie haben schon von allem gehört! Ich kann es ja sehen", sagte sie endlich in rauhem Flüsterton. „O Meg! Was hörtest Du selbst? Wer hat Dir's gesagt? Jst's also wahr? Was — und was denken die Leute?" Doch . Meg war schweigsamer als gewöhnlich, oder wußte nicht mehr. Sie begnügte sich anfangs mit Seufzern und Achselzucken und Ausrufen der Verwunderung und Bestürzung, und ließ sich von Nell erzählen, wie Oberst Bostal die Nachricht nach Shingle End gebracht hatte, bevor sie mit der Sprache herausrückte und sagte, wie ihr selbst die Nachricht zu Ohren gekommen wäre. „O natürlich war's in oer Schenkstube, wo tch's hörte", sagte sie, als Nell endlich darauf bestand, genau zu erfahren, in welcher Form die Geschichte nach dem „Mauen Löwen" gekommen wäre, „'s war einer der Stammgäste, Bill Noakes, der mit dem Geschrei hereinplatzte, daß Jem Stickels tot auf der Straße gefunden worden wäre. Wir wollten's anfangs nicht glauben, keiner von uns. Doch bald kamen andere herein und alle sagten dasselbe, und einer von ihnen hatte ihn selber gesehen und gehört, was der Doktor gesagt hatte." „Und was war das?" fragte Nell rasch „Nun, daß er tot wäre — nichts weiter", sagte Meg. „Das scheint auch alles zu sein, was irgend einer bis jetzt davon weiß." „Was aber denkt man? Du mußt doch darüber etwas sagen gehört haben. Glaubt man, daß er infolge eines Zufalls gestorben sei — oder — nun, oder was?" Meg starrte schweigend ins Feuer, bis Nell die Frage wiederholte und ihr Nachdruck verlieh, indem sie sie am Aermel zupfte. „Nun, ich muß es Ihnen schon sagen, wenn Sie's wissen müssen. Sie sprachen von einer Verletzung des Kopfes. Von dem — nun, von dem, was ihni hier zuMtoßen ist, wissen Sie", und Nell wies mit einem Rucke des Kopfes nach der Hinterseite des Hauses. Nell stand auf. „Und Mr. King? Hat er davon gehört? Und was sagte er?" „Nun ja, er hörte davon. Wir kounten's nicht von ihm fernhalten, 's war ein solcher Spektakel und Aufruhr hier, und einige — o die Schandkerls! — wollten durchaus in sein Zimmer, zu sehen, ob er auch da wäre." Nell machte eine Bewegung der Entrüstung. „Nun,, es war auch ganz gut, daß, wenn's noch dazu kommt, sie's gesehen haben." Und Meg nickte wieder und wieder bedeutsam mit dem Kopfe. „So können Sie doch nicht behaupten, daß er nicht hier zu Hause tvar, da 's geschah!" „Und — und argwöhnen Sie denn? Wagen Sie es, zu argwöhnen, daß er — daß Mr. King — ?" „Gott, in einer Auftegung wie diese wird man alles und jedes wagen", gab Nell mit Ueberzeugung zurück. „Und 's ist eine herrliche Sache für Mr. King, daß es nun Viele giebt, die für ihn Zeugnis ablegen können, daß er seit dem Kampfe immer nur hier gewesen ist." „Dem Kampfe! Es war ja kein Kampf! Es war ein überaus feiger, durch nichts veranlaßter Uebersall —" „Ach, die Leute werden's aber so nicht mehr nennen, da der Bursche tot ift", sagte Meg überlegen. „Missen Sie nicht. Miß, was für gute Nachreden man uns allen auf unsere Grabsteine setzt? Und wie wir dann alle ,der arme Mr. Soundso' von einem Kerl sagen, den wir, als er lebte, nicht ausstehen konnten? Und so werden Sie sehen, daß Stickels, dem jedermann auswich, als er unter uns war, nun, da er hinüber ist, von aller Schuld reingewaschen werden wird." Nell wurde ungeduldig. „Es ist natürlich schrecklich für ihn, auf diese Weise umgekommen zu sein", sagte sie mit leiser Stimme, „aber es würde um vieles schrecklicher sein, wenn sie es sich in den Kopf setzten, daß Mr. King irgend etwas damit zu tun hätte." „Man kann doch den Schlag, den er ihm gegeben hat, nicht wegleugnen, verstehen Sre, Miß", bemerkte Meg warnend. „Aber er war ganz wiederhergestellt. Ich habe ihn nachher gesehen." „Sie — haben ihn — nachher gesehen?" „Ja. In seiner Hütte. Miß Bostal veranlaßte mich, mit ihr zu gehen, um uns zu erkundigen. Und es fehlte ihm damals nichts, ganz und gar nichts. Glaubst Du nicht, daß er sich später betrunken hat? Und daß er zu Boden fiel? Kam er nicht wieder hieher auf seinem Wege nach Stroan?" „Nein, Miß; er kam nicht hieher", antwortete Meg sehr ernst. Nell blieb einige Minuten schweigsam und starrte ins Feuer. Ihr Gesicht war in seiner Blässe so geisterhaft, es sah so gezogen, so entstellt durch den Ausdruck von Furcht und Entsetzen aus, die mit jedem Augenblick immer größer wurden, daß Meg stutzig ward und sie mit offenem Munde anstarrte. Sich plötzlich nach ihr hinwendend, begegnete Nell ihrem beobachtenden Blick und wurde rot und verwirrt, als ob sie selbst bei einer strafbaren Tat ertappt worden wäre. „Und was denkst, Du selbst von alledem, Meg?" fragte sie Lebend. *247 „Ich denke, daß ich schrecklich froh sein werde, wenn der ganze Krakeel vorüber ist", antwortete Meg düster. „Tenn einen Krakeel wird's sicherlich, geben." Nell, die jetzt an der Tür stand, seufzte tief aus. „Ich hoffe, daß es Mr. King nicht aufregen wird", sagte sie weich. „Wie geht es ihm, Meg?" „So gut, als es erwartet werden könnte, sagte der Toktor, Miß. Doch soll er sich sehr ruhig verhalten." „Ja — und dann kommen sie und stören ihn aus, und nur aus müßiger Neugierde." Meg schüttelte den Kopf. „Und hat er davon gehört? Haben Sie es ihn wissen lassen?" „Ja, ich sagte es Ihnen ja schon." „So? Mir scheint der Kopf zu wirbeln. Ich kann kaum Verstehen, was ich höre. Was sagte er denn?" „Er war so betreten darüber, daß er mir leid tat, nicht im stände gewesen zu sein, es von ihm fernzuhalten. Er schien zu glauben, daß es doch etwas mit dem Schlage zusammenhinge, den er ihm gegeben hatte. Wir sagten ihm deshalb, daß wir das Gegenteil für gewiß hielten. Bei alledem aber wissen wir nicht, was die Doktoren bei der Leichenschau sagen werden." „O Meg, Du machst es noch schlimmer, wenn Du so sprichst." „Nein, Miß Nell, ich wünsche nur nicht, daß Sie davon überarscht werden, wenn man Ihnen garstige Fragen vorlegt, das ist alles. Glauben Sie denn, daß ich Sie quälen würde, wenn ich's vermeiden könnte, mein Herz?" Und sie schlang ihren gebräunten Arni wie zum Schutz um das zitternde Mädchen. „Sie wissen, ich würde die Hand drum geben, Sie vor Leid bewahren zu können, und daß ich Mr. King alles Gute wünsche, Ihretwegen sowohl wie seinetwegen. Denn er ist ein so netter Mann, als ich je einen sah, und voll Liebe für Sie, wie ich wohl weiß. Aber es ist das beste, daß Sie alles erfahren, was man sagt, damit es Sie nicht später in Verlegenheit setzt." „Danke Dir, Meg. Meinst Du's doch gut", sagte die arme Nell, als sie sich mit Tränen im Auge entfernte und ins Bett hinaus schlich Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück hieß sie George Claris, der ängstlich und besorgt aussah, den Koffer für die Reise nach London packen. Nell wagte kernen Einwand zu erheben, noch Fragen an ihren Onkel zu stellen, dessen Stimmung llärlich zu achten war. Sie mußte sich an oem Berichte genügen lassen, den Meg von der für Clifford angestellten Pflegerin erhalten hatte: der Kranke habe die Nacht gut verbracht. Vor zehn Uhr waren Nell und ihr Onkel mit dem Koffer hinten im Gig aus dem Wege nach Stroan. Sie waren nicht weit gefahren, als sie bemerkten, daß etwas Ungewöhnliches auf der Straße vor sich ginge. Eine Anzahl Leute, darunter zwei oder drei von der Polizei in Stroan, waren eifrig damit beschäfllgt, die Straße und die ihr zur Seite laufenden Gräben zu durchsuchen. Nell mit dem den Frauen eigenen raschen Wahrnehmungsvermögen erriet, daß diese Nachforschung in Zusammenhang mit der Auffindung von Jems Leiche am vorigen Abend stände; ihr Onkel war aber nicht so scharfsinnig, er hielt das Pferd an und zog Erkundigungen ein. „Holla, was ist los?" sagte er, sich an den nächsten Pvlizeidiener wendend. „Nichts toeiter", erwiderte der Mann mit einem Seitenblicke auf Nell. „Nichts, was für Sie von Belang ist", fügte ein anderer der Suchenden hinzu. Und auch er blickte das junge Mädchen seltsam an, das mit blassem Gesichte und geschlossenen Lippen neben George Claris saß. „Nun, Ihr könntet auf eine höfliche Frage wohl eine höfliche Antwort geben, denk itf)/', sagte der Gastwirt erzürnt. (Fortsetzung folgt.) Die Denkmäler im Großherzogtum Hessen. Von W. H. (Nachdruck verboten.) In unseren Denkmälern enthüllt sich in besonders bündiger und in die Augen springender Weise, auf welche Männer und auf welche Taten unsere Nation in verschiedenen Zeiten den höchsten Wert gelegt hat. Welche Bedeutung die Denkmäler für die Hebung des Selbstbewußt- seins haben, das wissen wir alle, die wir in der glücklichen Zeit leben, die nach langen Jahrhunderten würdige Nationaldenkmäler schafft, wie die Germania auf dem Niederwald. Welch ein Umschwung ist seit dem vorigen Jahrhundert im Neuen Deutschen Reiche eingetreten! Eine übergroße Fülle von Monumenten für Fürsten und deren Gemahlinnen, für Staatsmänner, Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Aerzte und Künstler sind nicht bloß in großen Städten und Landeshauptstädten errichtet worden, auch kleine Ortschaften haben gewetteifert, ihrem Lokalpatriotismus durch Errichtung eines Denkmals für einzelne Persönlichkeiten oder auch nur durch ein bescheidenes Kriegerdenkmal Ausdruck zu verleihen. Wenn wir auf unfern öffentlichen Plätzen Denkmäler errichten, so geschieht das nicht bloß in der Absicht, einer bestimmten Einzelpersönlichkeit zu huldigen, sondern mit dem klaren Bewußtsein, einen ganzen bedeutungsvollen Abschnitt der vaterländischen Geschichte dadurch wie in Lapidarschrift vor die Augen des Volkes zu stellen. Wenn die Steine zuweilen reden können, wie es in der Bibel heißt, so sollten es auch die Denkmäler können. Aber die Sprache ist zuweilen etwas undeutlich So geht es durchaus nicht immer an, aus der Zahl der Denkmäler, die diesem oder jenem gesetzt sind, auf die größere oder geringere Bedeutung, Beliebtheit, Volkstümlichkeit des einen oder andern zu schließen. Es spielen da, wie überhaupt auf dem Gebiet der Anerkennung und des Ruhms noch andere Bedingungen mit als nur die Würdigkeit. Am sichersten auf ein Denkmal rechnen dürfen die Fürsten, nach ihnen die Feldherren und Staatsmänner, vor allen diejenigen, die entscheidend in einer Epoche nationalen Aufschwungs mitgewirkt haben, wie Blücher, Moltke, Stein, Bismarck usw.; weiterhin kommen die Dichter und daun in einem breiten Abstand Gelehrte, Erfinder, Entdecker, Tonkünstler, Aerzte und bildende Künstler. Ein Schauspieler- oder Lehrer-Monument gehört zu den Seltenheiten. Ganz sicher vor einem Denkmal ist jedoch niemand; erhebt sich doch in, England die Statue eines Kammerdieners John Brown, die von seiner Herrin, der Königin Viktoria gestiftet worden ist. Nur ein biederer Einwohner von Gernsheim wollte von einem Denkmal nichts wissen. Als zu einem für Peter Schäffer, den Gehilfen Gutenbergs, in Gernsheim zu errichtenden Denkmal Beiträge gesammelt wurden, lehnte er jede Spende dafür mit den Worten ab: „Wer setzt mir denn ein Denkmal?" Eine kurze Vorführung der in unserem Lande errichteten Denkmäler ordnen toir am besten nach den Städten. Beginnen wir mit der Residenzstadt Darmstadt. Ein 39 Meter hohes, ehernes Standbild des ersten Großherzogs Ludwig I. von Schwanthaler erhebt sich weithin sichtbar in der Rheinstraße; ein Standbild des Groß Herzogs Ludwig IV. von Schaper steht auf dem Paradeplatz, und die von Scholl aus Stein gehauenen Denkmäler des Landgrafen Philipp des Großmütigen und des Landgrafen Georg I. stehen zwischen dem Theater und dem Zeughause. Eine Marmortafel mit der von Friedrich dem Großen gewählten Inschrift: Femina sexu, ingemo vir („Von Geschlecht eine Frau, dem Geiste nach ein Mann") ziert den Grabhügel der großen Landgräfin Karoline. Das letzte Fürstendenkmal — abgesehen von dem Monument des Landgrafen Ludwig IX. in Pirmasens — ist der Großherzogin Alice gewidmet und im September 1902 enthüllt worden. Es steht vor der katholischen Kirche, in der der Sarkophag her Großherzogin Mathilde ruht, und ist von den Frauen und Jungfrauen Hessens gestiftet worden. Die Festrede hat, was selten vorkommt, nicht ent Mann, sondern eine Frau, Fräulein Dr. Mensch, gehalten. Von verdienstvollen Männern sind die nachstehenden mit einem Denkmal geehrt worden: Justus v. Liebig, in den Anlagen am Bahnhof, Georg Joseph V o g l er, nach seiner geistlichen Würde genannt Abi Vogler (t 1814), Komponist und Lehrer von Carl Maria von Weber und Meyer- beer, und Forstmeister Hartig im Park bei Darmstadt. Das Denkmal Goethe's — hoffentlich des jungen, nicht des alten Dichters wie in Wetzlar, Frankfurt a. M. und andern Orten — ist im Herrengarten aufgestellt und wird in Bälde enthüllt werden. . Noch erwähnen wir die beiden Kriegerdenkmäler: eines aus dem Paradeplatz zur Erinnerung an den deutsch-frau- 248 Mischen Krieg von 1870/71 und das andere, in den Herrengarten versetzt, zur Erinnerung an den Freiheitskrieg im Jahre 1813. Mainz. Von öffentlichen Denkmälern besitzt die Stadt nur zwei: das für Gutenb er g auf dem Theater- gatz 1837 enthüllte, und das für Schiller auf dem hillerplatz errichtete Denkmal. Die zahlreichen, den Erzbischöfen und Bischöfen im Dom gewidmeten Denkmäler gehören nicht in diese Abteilung, wohl aber könnte man dazu das Denkmal Heinrichs von Meißen, genannt Frau en lob, rechnen, der von den Frauen der Stadt Mainz zu Grabe getragen und im Kreuzgange beigesetzt ist. Auf dem Marktbrnnnen ein schönes Renaissance- Denkmal zur Erinnerung an den Sieg Kaiser Karls V. über die Franzosen bei Pavia im Jahre 1526. Worm s. Auf dem Lutherplatz, unweit des Bahnhofs steht das von Rietschel entworfene und von Kietz und Donndorf vollendete großartige, 1868 enthüllte Luther- Denkmal. Außerdem besitzt Worms einen Monumentalbrunnen mit einem Obelisk zu Ehren des Großherzogs Ludwig IV., ein Denkmal für die Großherzogin Alice und ein vom Freiherrn von Hehl gestiftetes Bismarck- Denkmal am Rheintorplatz. Oppenheim gegenüber bezeichnet die Schwedensäule die Stelle, wo Gustav Adolf 1631 über den Rhein ging. Offenbach Zum Gedächtnis der vor zwei Jahren bei der furchtbaren Eisenbahnkatastrvphe verunglückten Reisenden ist ein Denkmal auf dem Friedhof gesetzt worden. Gernsheim. Dem Gehilfen Gutenberg's, Peter Schäffer, hat seine Vaterstadt ein Standbild gesetzt. Vogelsberg. Auf dem Taufstein, dem höchsten Punkte des Vogelsberges, will man zu Ehren des Fürsten Bismarck einen Turm errichten, wozu Beiträge in erfreulicher Weise eingehen. Odenwald. Dem Oberbürgermeister Ohly in Darmstadt hat der Odenwalder Touristen-Verein ein Denkmal gesetzt. Bibertal. In der Obermühle ist an einem Hause eine Gedächtnistafel zur Erinnerung an den daselbst geborenen und in Paris verstorbenen berühmten Kupferstecher Wille angebracht worden. Daß er im Pantheon in Paris beigesetzt worden sei, erscheint etwas unwahrscheinlich. Gießen. Das herrliche Denkmal des großen Mitbürgers der Stadt, Justus von Liebig, steht in der Ostanlage, ihm zu Seiten die Göttinnen Minerva und Ceres. Die Festrede hielt der Professor August Wilhelm von Hofmann aus Berlin, ein ehemaliger Schüler Liebigs. — Ein Obelisk auf der Nordanlage erhebt sich zu Ehren des Professors der Forstwissenschaft Heyer, errichtet im Jahre 1892. — Gedenktafeln befinden sich: in der Neuenbäue Nr. 9 am Geburtshause des Romanisten Friedrich Diez, in der Sonnenstraße Nr. 15, dem Wohnhause des Juristen Höpf- ner, der hier den jungen Goethe empfing und in der Westanlage Nr. 3 für den Schriftsteller Carl Hillebrand, der 1849 am badischen Aufstand teilnahm. — Ein Kriegerdenkmal steht auf dem Marktplatz und ein solches für die im deutsch-französischen Kriege gefallenen Studierenden der hiesigen Universität mit der Inschrift: Litteris et armis ad utrmnque parati („Durch Wissenschaft und Waffen gleich gerüstet"). — In Aussicht genommen ist ein Denkmal für den vor kurzem verstorbenen Gymnasial-Direktor Prof. Schiller, dessen ehemalige Schüler zu- Beiträgen aufgefordert haben. Wenn wir noch die Luther-Eiche auf dem Ludwig-Platze, die Schiller-Eiche und die Robert Blum- Linde oberhalb des alten Friedhofes zu den Denkmälern rechnen wollten, so hätten wir alle hessischen Denkmäler ausgezählt, die entweder einer Stadt angehören, deren Bürger die zu ehrende Persönlichkeit war, oder dem Lande, um deren Wohl sie sich verdient gemacht, oder endlich der ganzen Nation, wie Gutenberg, Luther, .Schiller und Bismarck. Vermischtes. * Dem „S ech, swochencho r", der, wie d er „G. A." meldet, auf dem Frankfurter Sängerwettstreit von den konkurrierenden Vereinen zum Vortrag gebracht wird, liegt, wie schon gemeldet, eine Dichtung von Felix Dahn zu Grunde, die folgendermaßen lautet: Siegessang nach der Varusschlacht., Auf Siegesgesang Steilg die Wolken entlang Sie rauschendes Adlergesieder, Daß hoch die Walhall Die Einheriar all Auflauschend schauen hernieder^ Seid bedanket zuvor, Ihr, Wotan und Tor, Ihr kämpftet für eure Söhne Im Eichengebraus . Im Sturmesgesaus Wir erkannten die göttlichen Töne. In der Wolken Gebild Mit Speer und Schild Die Walküren sahen wir jagen: . Wie der Schnitter das Korn Hat der Himmlischen Zorn Die Fremdlinge niedergeschlagen, Jetzt kam uns die Zeit Für unsägliches Leid Gerechte Vergeltung zu zahlen. Kein Bube wird mehr Im römischen Heer Vom besiegten Germanien prahlen.. Die das Recht uns gekränkt Ihr Blut hat getränkt Die entsühnte heimische Erde. Wie Schnee, der zerschmolz, Liegt der römische Stolz Unterm Hufschlag unserer Pferde. Auf der Götter Altar Bringt die Fahnen dar. Deren Rauschen die Wälder entehrte. Die Legionen sind tot Und vom Herzblute rot Liegt Varus im eigenen Schwerte. Heil dem Helden Armin, Aus den Schild hebet ihn Und zeigt ihn unsterblichen Ahnen Solche Führer wie der Gieb uns, Wotan, mehr — Und die Welt sie gehört den Germanen, — Das Goldene Buch für Polterabend und! Hochzeit. Von A. v. Diemar. Abteilung „Wie feiern wir Hochzeit? Zweiter Teil": Aufführungen, Festspiele, Vorträge, Ansprachen, Tafelreden, Scherze, Festgedichte usw. für 2 und mehr Personen; Tafellieder zN grünen, silbernen, goldenen und diamantenen Hochzeiten.. Preis Mk. 1.—. Schwabacher Verlag in Stuttgart. — Eine reichhaltige Sammlung feiner, poetischer Gaben, die bestimmt sind, in ebenso herzlicher, wie humoristischer Weise, Wünsche und Gesinnungen der Anwesenden dem Jubelpaar auszudrücken; das ist der Inhalt dieses zweiten Bandes, der zuverlässige, sichere Anleitung zu fröhlicher, sinniger, stiller und glänzender Hochzeitsfeier giebt. Ernst und Scherz eint sich in diesen Blättern zu wirkungsvollem Ganzen und hebt der Myrtenkronen leuchtende Zier, Silbenverfteckrätsel. (Nachdruck verboten.) Bewohner, Pflichtgefühl, Daniel, Meisterschaft, Gebrauch, Schatz, Stendal- Es ist ein Sinnspruch zu suchen, dessen einzelne Silben der Reihe nach versteckt sind in vorstehenden Wörtern, ohne Rücksicht auf deren Silben« teilung. Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Zahlenpyramide in vor. Nr.r A A u A u b Raub Braut Turban Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerei (Bietsch Erben) in Gießen.