1903. Nr. 46 Freitag den 27. März. (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Von E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Schluß.) Mackenzie lachte und betrachtete kopfschüttelnd sein Spiegelbild in der glänzenden Mahagonitischplatte. „Sehr fein ausgedacht", sagte er, „und es würde Ihnen wahrscheinlich durchgeholfen haben, wenn ich nicht an Bord gekommen wäre. Allein ich habe mir eben die Ventilatoren etwas näher angesehen, und ich glaube zu wissen, wie Sie die Sache ausgeführt haben. Jedenfalls, Herr Kapitän, kommt gar nichts darauf an, und ich will diesen Bürschchen rasch ein paar Armbänder anlegen . . . ." «Mit welchem Recht?" rief Rasfles mit schallender Stimme, und nie habe ich sein Gesicht in solchem Feuer gesehen. „Durchsuchen Sie uns, wenn Sie wollen, durchsuchen Sie alles, was wir besitzen, aber unterstehen Sie sich ja nicht, uns ohne Haftbefehl auch nur mit einem Finger anzurtthren!" „Das würde ich auch nicht wagen", entgegnete Mackenzie ernst, indem er in seiner Brusttasche zu suchen begann, aber auch Raffles griff in die seine. „Haltet ihn fest!" schrie der Schotte, und der große Coltrerevolver, der uns so manche Nacht begleitet, den ich aber niemals hatte knallen hören, siel rasselnd auf den Tisch und wurde vom Kapitän in Beschlag genommen. „Gut", sagte Raffles wütend zum ersten Offizier, „Sie können mich jetzt loslassen; ich werde es nicht noch einmal versuchen. Aber, Mackenzie, zeigen Sie mal Ihren Haftbefehl." „Wollen Sie ihn auch nicht zerreißen?" „Was könnte mir das helfen? Lassen Sie mal sehen", fuhr Raffles gebieterisch fort, worauf der Detektiv gehorchte. Mit gerunzelter Stirn las Raffles das Schriftstück durch, allein die harten Linien, die sich um seinen Mund gelegt hatten, verschwanden wieder, als er das Papier lächelnd und achselzuckend zurückgab. »Genügt Ihnen das?" fragte Mackenzie. möglich. Ich gratuliere Ihnen, Mackenzie, Sie haben srch jedenfalls für gute Karten gesorgt. Zwei Einbrüche und Lady Melroses Halsband, Bunny!" sagte er, indem er sich mit einem traurigen Lächeln mir zuwandte. alles leicht zu beweisen", entgegnete der Schotte, wahrend er den Haftbefehl wieder in die Tasche steckte. „Auch für Sie habe ich ein solches Papierchen", fuhr er, mrr zunickend, fort, „nur nicht ganz so lang." „Unerhört!" fiel hier der Kapitän in vorwurfsvollem ~fne »Mein Schiff zu einer Räuberhöhle zu machen! Eine höchst unangenehme Geschichte! Aber ich werde Sie wohl m Eisen legen müssen, bis wir nach Neapel kommen!" 7r^ei'n,,,^^n •" rief Raffles. „Mackenzie, sprechen Sie mit ihm! Lasten Sie Ihre Landsleute nicht vor aller Welt bloßstellen. Herr Kapitän, Flucht ist ja unmöglich; Sie können die Sache doch wohl für eine Nacht verheimlichen. Sehen Sie da, hier ist alles, was ich in meinen Taschen trage. Leere auch die Deinen, Bunny! Und Sie mögen uns nackt ausziehen, wenn Sie glauben, wir hätten noch irgendwo Wafsen versteckt. Ich bitte nur um eins: Lassen Sie uns ohne Fesseln von hier abführen!" „Waffen mögen Sie nicht mehr haben", antwortete der Kapitän. „Aber wie steht's denn mit der Perle, die Sie gestohlen haben?" „Die will ich Ihnen auch geben!" rief Raffles. „Sie sollen sie sofort haben, wenn Sie mir versprechen, daß uns an Bord keine öffentliche Beschimpfung widerfährt." „Dafür werde ich sorgen", sagte Mackenzie, „solange Sie fügsam bleiben. Also wo ist sie?" „Auf dem Tische vor Ihrer Nase." Wie die aller anderen Anwesenden, richteten sich meine Augen auf den Tisch, aber nur der Inhalt unserer Taschen — Uhren, Taschenbücher, Bleistifte, Messer, Zigarettendosen — lag außer den schon erwähnten Revolvern aus der glänzenden Platte. „Sie wollen sich wohl über uns lustig machen?" fragte Mackenzie. „Wozu das?" „Fällt mir gar nicht ein", antwortete Raffles lachend. „Ich stelle Sie nur auf die Probe; das kann doch nichts schaden." „Spaß beiseite; ist sie hier?" „Auf dem Tische, so wahr ein Gott lebt!" Mackenzie öffnete die Zigarettendosen und untersuchte jede einzelne Zigarette, worauf Raffles um die Erlaubnis bat, eine zu rauchen, und als dieser Bitte willfahrt worden war, erklärte er, die Perle liege schon länger auf dem Tische, als die Zigaretten. Sofort ergriff Mackenzie den Revolver und öffnete das kleine Behältnis im Kolben. „Nicht da, nicht da", sagte Raffles, „aber Sie werden warm. Versuchen Sie es einmal mit den Patronen." Mackenzie entlud die Kammern und schüttelte jede einzelne Patrone vor dem Ohre, jedoch ohne Erfolg. „Ach, geben Sie sie einmal mir!" In einem Augenblick hatte Rasfles die richtige gesunden und das Geschoß mit den Zähnen herausgezogen, worauf er die Perle mit einem theatralischen Schwünge mitten auf den Tisch legte. „Nunmehr werden Sie mir vielleicht soviel Rücksicht widerfahren lassen, als in Ihrer Macht liegt. Herr Kapitän, ich bin ein Schurke gewesen, wie Sie sehen, und als solcher bin ich willens und bereit, die ganze Nacht in Eisen zu liegen, wenn Sie das für die Sicherheit des Schiffes für erforderlich halten. Nur um eine .Vergünstigung bitte ich noch." „Das kommt darauf an, was für eine Vergünstigung Sie verlangen." 182 „Herr Kapitän, ich habe an Bord Ihres Schisses etwas schlimmeres begangen, als Sie alle ahnen. Ich habe mich verlobt und bitte um die Erlaubnis, Abschied zu nehmen." Unser aller Ueberraschung war gleich groß, aber der einzige, der ihr Ausdruck lieh, war Herr v. H-, dessen entrüsteter deutscher Fluch beinahe sein erster Beitrag zur Unterhaltung war. Er ließ ihm sofort einen entschiedenen Einspruch gegen das erbetene Abschiednehmen folgen, drang - aber damit nicht durch, und der eigensinnige Gefangene hatte seinen Willen. Es wurde ihm eine fünf Minuten lange Unterhaltung mit der jungen Dame zugestanden, während deren der Kapitän und Mackenzie mit aus den Rücken gehaltenen Revolvern in der Nähe, aber nicht in Hörweite stehen bleiben wollten. Als wir alle zusammen die Kajüte verließen, beugte sich Raffles zu mir herab und ergriff meine Hand. „So habe ich Dich also zu guterletzt _ doch noch ins Unglück gebracht, Bunny! Wenn Du wüßtest, wie leid mir das tut.....aber Du wirst mit einer leichten Strafe davonkommen; ja, ich sehe nicht ein, warum Du überhaupt gestraft werden solltest. Kannst Du mir verzeihen? Vielleicht trennen wir uns in diesem Augenblick auf Jahre, vielleicht auf ewig! Du bist mir stets ein treuer Gefährte gewesen, wenn Not an den Mann ging, und vielleicht bedauerst Du nicht, Dich daran zu erinnern, daß Du mir das bis zum letzten Augenblick gewesen bist." In seinen Augen lag ein Ausdruck, den ich verstand: ich biß die Zähne aufeinander und meine Nerven waren bis zum äußersten angespannt, als ich die kräftige und geschickte Hand zum letztenmale im Leben drückte. Wie lebhaft steht mir dieser Auftritt vor Augen, und wie lebendig werde ich ihn bis zu meinem Tode vor mir sehen! Jede Einzelheit, jeder Schatten auf dem sonnigen Deck ist mir gegenwärttg! Wir befanden uns zwischen den Inseln, die den Kurs von Genua nach Neapel umsäumen. Dort über Steuerbordachtern, jener Purpurfleck, hinter dem die Sonne bald versinken sollte, das war Elba. Die Kapitänskajüte öffnete sich nach Steuerbord, und an dieser Seite war das in Sonnenschein gebadete und von Schatten durchzogene Pvomenadedeck verlassen, bis auf die Gruppe, zu der ich gehörte, und die bleiche, schlanke, braune Gestalt, die in einiger Entfernung bei Raffles stand. Verlobt? Ich konnte es nicht glauben, und kayn es noch heute nicht. Und doch standen sie dort beisammen, aber wir hörten kein Wort. Scharf zeichneten sich die Umrisse ihrer Gestalten an dem sonnendurchglühten Himmel und dem blendenden Streifen des klitzernden Meeres ab, der sich von Elba bis an die Seite der „Sachsen" zog, und ihre Schatten reichten beinahe bis vor unsere Füße. Plötzlich — ein Augenblick — und die Tat war vollbracht — eine Tat, von der ich nie gewußt habe, ob ich sie bewuudern oder verabscheuen sollte. Raffles schloß Miß Werner in die Arme, küßte sie vor unser aller Augen — und dann stieß er sie von sich, sodaß sie fast fiel. Das war die Tat, die die folgende verkündigte. Der erste Offizier sprang anf ihn zu und ich tat dasselbe hinter dem ersten Offizier her. Raffles stand anf der Brüstung, aber nur einen Augenblick. „Halt ihn, Bunny!" rief er „halt ihn fest!" Während ich diesen letzten Befehl mit aller Kraft ausführte, ohne einem andern Gedanken über das, 'was ich tat, Raum zu geben, als daß er es verlangt hatte, sah ich, wie seine Hände in die Luft flogen, sein Kopf sich vornüberneigte und sein geschmeidiger, schlanker Leib so gedrungen und scharf durch die Sonnenstrahlen schoß, als ob er zum Vergnügen ans einem Taucherboote spränge. Bon dem, was darauf an Deck vor ging, kann ich nichts erzählen, denn ich war nicht dabei; ebensowenig kann euch meine schließliche Bestrafung, meine lange Gefangenschaft und meine eigene Schande werter interessieren, als daß ihr wißt, daß meine Taten endlich ihren verdienten Lohn fanden. Aber eins muß ich noch aufzeichnen, mag es glauben, wer da kann, und dann bin ich fertig. Man hatte mich sofort in einer Kabine zweiter Klasse in Eisen gelegt und die Tür hinter mir geschlossen, als ob ich ein zweiter Raffles sei. Inzwischen war ein Boot zu Wasser gelassen und die See vergeblich nach allen Richtungen abgesucht worden, aber entweder muß die untergehende über die Wogen blitzende Sonne alle Augen geblendet Habers oder die meinen waren das Opfer einer seltsamen Täuschung. Denn als das Boot zurück war, die Schraube wieder rauschte, schaute der Gefangene durch das kleine Fensterchen über die Wellen, die sich, wie er glaubte, eben über dem Kopfe seines Gefährten geschlossen hatten. Plötzlich versank das Tagesgestirn hinter der Insel Elba, die vom tanzenden Sonnenlicht gezeichnete Straße erlosch augenblicklich und verschwand in der pfadlosen Wasserwüste. Täuschten mich meine Augen, oder war es Wahrheit, was ich sah? Dort, im Mittelgründe, schon Meilen hinter unserem Stern, hüpfte ein schwarzer Punkt auf der grauen Fläche. Das! Horn hatte zum Diner gerufen, und es war wohl möglich, daß alle anderen, außer mir, ihre Augen nicht mehr an* trengten. Jetzt verlor ich >as, was ich gesehen hatte, daun erschien es wieder, um abermals zu versinken, und schließlich gab ich es auf. Aber dann und wann erhob es sich, ein tanzendes Staubkörnchen in der unklaren grauen Ferne, und kam dem purpurnen Eiland, das dort unter dem bleichen, mit mattem Gold und kirschrot gestreiften westlichen Himmel lag, immer näher. Und die Nacht sank herab, bevor ich wußte, ob es ein Menschenkopf war, oder nicht. Die Weste. Von Boleslaw Prus. (Nachdruck verboten.) Manche Menschen neigen dazu, mehr oder weniger kostbare Raritäten zu sammeln, je nachdem es ihnen die Mittel gestatten. Auch ich besitze eine kleine Sammlung, doch ist sie nur bescheiden, wie es beim Anfang immer der Fall rst. Da ist mein Drama, das ich noch im Gymnasium während der lateinischen Stunden schrieb — einige getrocknete Blumen, die durch neue ersetzt werden müssen, da ist — ich glaube, sonst ist nichts mehr da außer einer sehr alten und abgenutzten Weste. Schaut her! Das Borderterl verbuchen, der Rucken durchgerieben, voller Flecke, ohne Knöpfe, mit ein ent Loch, das wahrscheinlich mit der Zigarette ausgebrannt ist. Das Interessanteste an ihr sind aber die Schnallenbander. Das eine Ende mit der Schnalle ist verkürzt und nicht von Schneiderhand angenäht, das andere ist fast der ganzen Länge nach von der Schnalle zerstochen. Es ist daraus leicht zu ersehen, daß der Eigentümer dieses Kleidungsstückes wahrscheinlich jeden Tag an Gewicht abnahm und zuletzt dahin gelangte, wo eine Weste aufhört, ein unentbehrliches Kleidungsstück zu fern, dafür aber ein bis zum Hals zugeknöpfter Rock aus dem Trauer- maqazin sich als notwendig erwerst. Ich gestehe, daß rcy heute diesen Tuchfetzen gern jemand abtreten wurde, er ist mir lästig geworden. Ich besitze nämlich noch kerne Schränke für die Sammlung und möchte andererseits diese Krankenweste nicht unter meinen Sachen haben. Es gab jedoch eine Zeit, da ich sie für einen über ihren Wert wert hinausgehenden Preis erstand, und ich hätte noch'mehr bezahlt, wenn man zu feilschen verstanden hätte. Der Mensch hat im Leben Augenblicke, in welchen er srch gern mit Gegenständen umgibt, die ihn wehmütig stimmen. Das traurige Schicksal weilte uicht Bei mir, sondern in der Wohnung meiner Nachbarn. Aus dem Fenster konnte ich jeden Tag in das Innere ihres Stübchens schauen. Im April sah ich noch drei Personen, den Herrn, die Frau und ein kleines Dienstmädchen, das- soviel ich weiß, auf dem Koffer hinter dem Schrank schlief. Der Schrank war dunkelrot. Im Juli - wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt — blieben nur zwei Personen, dir Herr und die Frau. Das Dienstmädchen war zn einer Herrschest gezogen, die ihm drei Rubel monatlich zahlte und die alle Tage Mittag kochte. Im Oktober war nur noch die Fran zurückgeblieben, das heißt nicht ganz allein, denn im Zimmer befanden sich noch viele Sachen; zwei Betten, em Tisch und em Schrank aber Anfang November wurden die unnötigen Sachen ossenl lich versteigert, und die Frau behielt von allen Andenken nur eine Weste ihres Mannes zurück; diese besitze ich setztt Das kam so. Ende November rief die Frau eines Tages einen Händler mit alten Sachen in die leere Wohn g und verkaufte ihm ihren Schirni für 30 Kopeken und Weste ihres Mannes für 20 Kopeken. Dann verschloß ^ die Wohnung, ging langsam über den Hof, gab dem Porner die Schlüssel ab, blickte noch einmal nach dem Fenster, va« 183 He nichts mehr anging — feine Schneeflocken fielen darauf; schließlich verschwand sie hinter dem Dor. Auf dem Hofe blieb der Händler mit den alten Sachen zurück. Er schlug den großen Kragen seines langen Mantels auf, schob den eben gekauften Schirm unter den Arm, wickelte die von der Kälte geröteten Hände in die Weste ein und rief: „Alte Sachen, kaufe alte Sachen!" Ach rief ihn. „Haben Ew. Wohlgeboren etwas zu verkaufen?" fragte er, als er eintrat. „Nein, ich möchte Ihnen etwas abkaufen." „Wahrscheinlich wollen Ew. Wohlgeboren den Schirm haben", entgegnete der Jude. Er warf die Weste auf den Boden, schüttelte den Schnee vom Kragen und begann mit großem Eifer den Schirm zu öffnen. „Ein feines Stück!" sagte er. „Bei solchem Schnee ist nur solch ein Schirm zu gebrauchen. Ich weiß, daß Ew. Wohlgeboren einen Schirm ganz von Seide haben können, sogar zwei. Mer das ist gut für den Sommer!" — „Was wollen Sie für die Weste?" fragte ich „Was für eine Weste?" entgegnete er erstaunt, wahrscheinlich an seine eigene denkend. Aber bald besann er sich und hob rasch die am Boden liegende auf. „Für diese Weste? Fragen Ew. Wohlgeboren nach dieser Weste?" Dann schien ein Verdacht in ihm aufzusteigen, und er fragte: „Was will der Herr mit solch einer Weste?" „Wieviel verlangen Sie dafür?" Seine gelben Augäpfel erglänzten, die Spitze der langen Nase wurde noch röter. „Der geehrte Herr werden einen Rubel geben!" entgegnete er, indem er die Ware so vor mir ausbreitete, daß alle ihre Vorzüge zu sehen waren. //Ich gebe einen halben Rubel." „Einen halben Rubel? — Für solch einen Anzug? Das ist unmöglich!" sprach der Händler. „Keinen Groschen mehr." „Bleiben Sie gesund und "scherzen Sie, so viel Sie wollen!" sagte er, mich vertraulich auf die Schulter klopfend. „Sie wissen ja selbst, mein Herr, was solch eine Sache wert ist. Das ist doch kein Anzug für ein kleines Kind, sondern für eine erwachsene Person." „Na, wenn Sie die Weste nicht für einen halben Rubel geben können, dann entfernen Sie sich, Ich gebe nicht mehr." „Werden Sie nur nicht böse!" unterbrach er mich und wurde weicher. „Bei meinem Gewissen, für einen halben Rubel kann ich sie nicht hergeben — aber ich verlasse mich auf Ihren Verstand. Mag der Herr selbst sagen, was die Weste wert ist, und ich werde darauf eingehen!" .„Die Weste ist 25 Kopeken wert, und ich gebe Ihnen einen halben Rubel." „Einen halben Rubel? Meinetwegen!" seufzte er und packte mir die Weste in die Hände. „Ich verliere, aber — auch gut, wenn ich heute bei diesem Wetter nicht mehr auszurufen brauche." Als ich das Geld hervorholen tvollte, schien der Händler sich an etwas erinnert zu haben, riß mir die Weste noch einmal aus der Hand, und begann schnell in den Taschen derselben nachzusuchen. „Was suchen Sie da?" „Vielleicht habe ich etwas in der Tasche gelassen, ich weiß es nicht genau!" entgegnete er mit dem natürlichsten Ton. Dann gab er mir den erstandenen Gegenstand wieder und fügte hinzu: „Legen Sie wenigstens fünf Kopeken zu!" „Leben Sie wohl!" sagte ich und öffnete die Tür. Nach einigen Minuten rief er wieder auf dem Hofe: „Kaufe alte Sachen!" und als ich ans Fenster trat, grüßte er mich, und lächelte freundschaftlich.---— Es begann so stark zu schneien, daß es fast dunkel wurde. Ich legte die Weste auf den Tisch und begann zu träumen, bald von der Frau, die zum Tore hinausgegangen war, bald von der Wohnung, die neben der meinigen leer dastand, und von dem Eigentümer der Weste, über dessen Grab eine immer dichtere Schneejchicht heranwuchs. Es sind noch keine drei Monate her, als ich hörte, wie fie sich an einem heiteren Septembertage unterhielten. Im Mai summten sie sogar em Lied — er lachte, als er em Witzblatt las. Und heute-- Anfang April waren sie in unser Haus gezogen. Sie standen ziemlich früh auf, tranken Tee aus einem blechernen Samowar und gingen zusammen in die Stadt. Sie — um Stunden zu geben, er — ins Bureau. Er war ein kleiner Beamter, der zu seinen Vorgesetzten mit solcher Bewunderung emporblickte, wie ein Reisender auf das Tatragebirge. Dafür mußte er viel arbeiten — den ganzen Tag. Ich sah ihn sogar um Mitternacht bei der Lampe über den Tisch gebeugt. Seine Frau saß gewöhnlich neben ihm und nähte. Manchmal sah sie ihn an, unterbrach die Arbeit und sagte: „Es wird für heute gung sein, leg' Dich schlafen." „Und wann wirst Du schlafen gehen?" „Ich will nur noch ein paar Stiche nähen." „Na, dann werde ich noch ein paar Zeilen schreiben." Soviel ich mich erinnere, war die Frau viel schlanker als der Mann, der für einen so kleinen Beamten von ganz kräftigem Wüchse war. Jeden Sonntag mittag gingen sie untergefaßt spazieren und kamen spät abends wieder. Mittag aßen sie in der Stadt. ' Einmal begegnete ich ihnen an dem Dor, das den botanischen Garten von dem Park trennt. Sie hatten siih zwei Becher des vortrefflichen Quellwassers und zwei, große Pfefferkuchen spendiert; dabei hatten ihre Gesichter den ruhigen Ausdruck der Spießbürger, die gewohnt sind, warmen Schinken und Meerrettig zu essen und Tee dazu zu trinken. Im Juli erkältete sich der Ehemann, aber es war nicht schlimm. Seltsamerweise bekam er in derselben Zeit einen so starken Blutsturz, daß er ohne Bewußtsein blieb. Es war in der Nacht passiert. Nachdem die Frau ihn in die Betten eingehüllt hatte, ließ sie die Portierfrau ins Zimmer kommen und lief selber, einen Arzt zu holen. Bei fünf Merzten war sie vergeblich, schließlich griff sie zufällig einen auf der Straße auf. Als der Ärzt sie bei dem flackernden Laternenlicht betrachtete, hielt er es vor allem nötig, sie zu beruhigen. Da sie von Zeit zu Zeit taumelte — jedenfalls vor Müdigkeit— und da keine Droschke zu sehen war, so reichte er ihr die Hand und erklärte ihr, daß ein Blutsturz noch nichts beweise. Es kann eine Kehlen-, Magen- oder Nasenblutung sein; Lungenblutungen kämen seltener vor. Uebrigens, toemt ein Mensch immer gesund gewesen und niemals hustete — „O nur manchmal", flüsterte die Frau und blieb stehen, um Atem zu schöpfen. „Das hat nichts zu sagen. Es kann ein leichter Luft- röhrenkatarrh sein." „So — es ist ein Katarrh!" wiederholte die Frau nunmehr laut. „Hatte er niemals eine Lungenentzündung?" „Doch!" entgegnete sie und blieb wieder stehen. Ihre Füße begannen zu zittern — Der Arzt weckte den Kranken vorsichtig, untersuchte ihn und sagte auch, es habe nichts zu bedeuten. „Ich meinte gleich, es sei nichts!" sagte der Kranke. „Es ist nichts", erwiderte die Frau und drückte seine schweißbedeckten Hände. „Ich weiß doch, daß es Magen- und Nasenblutungen gibt. Nicht wahr, Herr Doktor, er muh Bewegung haben?" „Ja, ja! — Bewegung ist überhaupt gut, aber Ihr Gatte muß einige Tage im Bett bleiben. Kann er aufs Land fahren?" „Das geht nicht", flüsterte die Frau traurig. „Das tut nichts. Dann bleibt er in der Stadt. Ich werde ihn besuchen; vorläufig kann er liegen und ausruhen. Sollte der Blutsturz sich jedoch wiederholen" — fügte der Arzt hinzu — „Was dann, Herr Doktor?" fragte die Frau und lvurde bleich wie Wachs. „Gar nichts. Ihr Mann wird ausruhen, es wird heilen." Die Worte des Arztes hatten die Frau so beruhigt, daß sie nach der Angst, die sie seit einigen Stunden ausgestanden hatte, beinahe heiter wurde. „Es ist doch nicht so schlimm!" sagte sie, halb lachend, halb weinend. Sie kniete am Bett des Kranken nieder und begann seine Hand zu küssen. „Was ist da schlimmes!" wiederholte der Gatte leis« und lächelte. 184 „Wieviel Blut verliert der Mensch im Kriege und wird doch wieder gesund!" „Sprich jetzt nicht mcljt", bat ihn die Frau. Draußen begann es zu dämmern. Im Sommer pflegen die Nächte ja bekanntlich kurz zu sein. Die Krankh.it zog sich bedeutend länger hin, als man gedacht hatte. Der Mann ging nicht mehr ins Bureau. Da es ihm besser ging, solange er zu Hause blieb, so gab die Frau noch einige Unterrichtsstunden mehr in der Woche und bestritt damit den Haushalt. Gewöhnlich ging sie um acht Uhr morgens nach der Stadt. Gegen ein Uhr kam sie auf einige Stunden nach Hanse, um für denn Mann das Mittagessen auf der Spiritusmaschine zu kochen, dann lief sie wieder fort. Ende August begegnete sie dem Arzt. Sie gingen eine lange Strecke zusammen. Schließlich faßte sie den Doktor bei der Hand und sagte mit flehender Stimme: „Aber bitte, besuchen Sie uns auch ferner. Vielleicht hilft Gott! — Er ist jedesmal so beruhigt, wenn Sie da- gewescn sind." Ter Arzt versprach zu kommen; die Frau kam verweint nach Hause. Auch der Kranke wurde infolge des anhaltenden Sitzens gereizt und unruhig. Er begann, der Frau einzurcden, daß sie sich um ihn zu viel Sorge mache, daß er trotzdem sterben werde, und schließlich fragte er: „Hat Dir der Arzt nicht gesagt, daß ich nur noch wenige Monate zu leben habe?" Die Frau erstarrte. „Was sprichst Du?" sagte sie. „Wie kommst Du auf solche Gedankens Der Kranke geriet in Zorn. „So komm' 'mal hierher zu mir, hier!" sagte er hastig Uitd zog sie an den Händen herbei. „Schau' mir in die Augen und antworte: sagte es der Arzt Dir nichts Und er versenkte seinen fieberhaften Blick in sie. Es schien, daß unter diesem Blick eine Mauer ein Geheimnis aussagen müßte, wenn sie ein solches besäße. Auf dem Antlitz der Frau verbreitete sich eine seltsame Ruhe. Sie lächelte sanft und hielt diesen wilden Blick aus. Nur ihre Augen schienen wie verglast. „Der Arzt sagte", entgegnete sie, „daß es nichts zu bedeuten habe. Du müßtest nur ausruhen." Der Mann ließ sie plötzlich los, begann zu zittern und zu lachen, dann machte er eine Bewegung mit der Hand und sagte: „Siehst Du, wie nervös ich bin! — Ich habe mir fest eingeredet, daß der Arzt nichts von mir hält. Aber — Du hast mich überzeugt — jetzt bin ich wieder ruhig!" Und immer heiterer lachte er über seine Einbildung. Uebrigens wiederholte sich dieser Verdachtsanfall nie wieder. Der sanfte Frieden seiner Frau war für den Kranken doch das beste Zeichen, daß sein Zustand nicht gefährlich sei. Bisweilen empfand er eine unbezwingliche Lust nach weiten Spaziergängen, doch — fehlte ihm die Kraft. Es kam sogar eine Zeit, da er am Tage nicht im Bett liegen wollte; er saß angezogen, zum Ausgchen bereit, auf dem Stuhl und wartete, bis ihn die augenblickliche Schwäche verließ. Nur eine Sache beunruhigte ihn. Als er eines Tages seine Weste anzog, merkte er, daß sie sehr weit war. „Sollte ich so abgemagert sein?" flüsterte er. ,,Cs ist doch ganz natürlich, daß Du ein wenig elend aussiehst", entgegnete die Frau. „Aber man darf doch nicht übertreiben." Der Mann sah sie prüfend an. Sie hob nicht einmal die Augen von der Arbeit auf. Nein, diese Ruhe konnte nicht künstlich sein! Die Frau weiß vom Arzte, daß er nicht so krank ist, sie hat also keinen Grund, sich zu grämen. Anfang November traten die fieberhaft nervösen Zustände immer stärker auf und hielten tagelang an. „Das ist eine Kleinigkeit!" sagte der Kranke. „In der Uebergaugszeit vom Sommer zum Herbst fühlt sich der gesündeste Mensch nicht so recht wohl und pflegt etwas erregt zu sein. Es wundert mich nur, warum meine Weste immer weiter wird.. Ich muß furchtbar abgenommen haben und kann natürlich nicht eher gesund werden, bis ich wieder zugenommen habe; da hilft nichts!" Die Frau hörte aufmerksam zu und mußte gestehen, daß der Mann recht hatte. Der Kranke stand jeden Tag auf und kleidete sich an, ovglerch er ohne Hilfe seiner Frau kein Kleidungsstück an- legen konnte. Es gelang ihr, ihn wenigstens dazu zu bewegen, daß er nicht den Noch sondern den Ueberziehe« Lnzog. „Da soll man sich wundern, daß ich schwach bin", sagte er manchmal, wenn er in den Spiegel sah, „ist's ein Wunder, wie sehe ich denn aus!" „Das Gesicht verändert sich immer leicht, bemerkte! die Frau. „Das ist wahr, aber ich nehme auch am Körper ab." „Scheint es Dir nicht bloß?" fragte sie mit dem Aus- druck großen Zweifels. Er wurde nachdenklich ,^>a, vielleicht hast Du recht. Denn seit einigen Tagen! fällt es mir sogar auf, daß meine Weste —" „Laß doch fein!" unterbrach die Gattin, „Du bist doch nicht dicker geworden." „Wer weiß? Nach der Weste zu urteilen —" „Dann müßtest Du Dich auch kräftiger fühlen." „Phü! Du möchtest gleich alles haben. Zuerst muß ich doch ein klein wenig zunehmen. Ich muß Dir sogar sagen, daß ich dann auch noch nicht gleich kräftiger fein werde." „Aber was machst Du dort hinter dem Schrank?" fragte er plötzlich. „Nichts! Ich fuche ein Handtuch int Koffer und weiß nicht, ob es sauber ist." „Streng Dich nicht so au, Deine Stimme schnappt ja! beinahe über; der Koffer ist doch schwer." Der Koffer mußte tatsächlich schwer sein, denn sie bekam ganz rote Flecken im Gesicht. Aber sie war ruhig. Seit jenem Tage schenkte der Kranke seiner Weste immer größere Aufmerksamkeit. Alle paar Tage rief er seine Frau herbei und sagte ihr: „Nun sieh her. Ueberzeuge Dich selber: gestern konnte ich hier noch den Finger hineinstecken, hier. Heute geht eS nicht mehr. Ich beginne wirklich zuzunehmen!" Mer eines Tages hatte die Freude des Kranken keine Grenzen. Als die Frau von den Stunden zurückkam, begrüßte er sie mit leuchtenden Augen und sagte sehr bewegtr „Ich will Dir ein Geheimnis sagen. Ich habe mit dieser Weste ein wenig geschachert. Um Dich zu beruhigen, schnürte ich den Gürtel jeden Tag selber fest, und deshalb wurde die Weste eng. Auf diese Weise zog ich gestern den Gürtel bis ans Ende. Ich fürchtete schön, daß mein Geheimnis nun verraten werden müßte, indessen — weißt Du, was ich Dir sagen werde? — Ich gebe Dir mein heiligstes Wort, heute mußte ich den Gürtel ein wenig lockern, anstatt ihn fester zu ziehen! — Er war mir direkt eng, obgleich er gestern noch etwas lose war. — Jetzt glaube ich auch, daß ich gesund werde! — Ich selber! — Mag der Arzt denken, was er will!" Die lange Rede hatte ihn so angestrengt, daß er zum Bett flüchten mußte. Dennoch lehnte er sich an seine Frau und umarmte sie. „Nein", flüsterte er, „wer hätte es gehofft? — Zwei Wochen lang betrog ich meine Frau und redete ihr ein, daß die Weste zu eng fei, und heute ist sie tatsächlich zu eng!" Und sie saßen den ganzen Wend aneinandergeschmiegt.. Der Kranke war so bewegt, wie nie zuvor. „Mein Gott!" flüsterte er und küßte die Hände seiner Frau, „und ich dachte, daß ich immer weiter abnehmen würde — bis — zum Schluß. Seit zwei Monaten glaube ich heute zum erstenmale daran, daß ich gesund werden kann. Denn einen Kranken belügen alle, und die Frau am meisten! Aber die Weste — kann nicht lügen!" Wenn ich heute die alte Weste betrachte, so sehe ich, daß zwei Personen an ihren Schnallenbändern gearbeitet haben. Der Mann rückte die Schnalle jeden Tag, um seine Frau zu beruhigen, und die Frau — verkürzte den Gürtel, um ihrem Mann Mut einzuflößen. „Werden sich diese beiden noch einmal begegnen, um sich das ganze Geheimnis der Weste zu gestehen?" dachte ich und schaute zum Himmel empor. Man sah den Himmel über der Erde fast nicht mehr. Der Schnee fiel in so dichten, kalten Flocken herab, daß selbst in den Gräbern die Menschenasche fror. Wer will jedoch sagen, daß es hinter diesen Wolken keine Sonne gibt? Redaktion: Euer Plato. — Rotationsdruck und Lerloa der Trübt scheu Universitäts-Luch» und Lteindruckerei (Putsch Erden) in Gieben.