Nr. 31 Freitag den 27. Februar. 1903. TPnötfflgr auf g..H-:Npl|.. 6.lg,*SS^£n |i WM Ä^M N (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus deig Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) „Mir kommt es doch wie ein recht gemeiner Diebstahl vor", konnte ich zu erwidern nicht unterlassen, und diesem, meinem einzigen Einwand, stimmte Raffkes sofort zu. „Ist es auch, Bunny, ist es auch", sagte er, „aber das tarnt ich nicht ändern. Wir geraten wieder ganz erbärmlich in die Klemme, und das macht allen Bedenket: ein Ende. Außerdem verdienen es diese Leute, und sie können es ertragen. Und bilde Dir ja nicht ein, daß es eine einfache Geschichte werden wird. Nichts wird leichter sein, als irgend etwas in die Finger zu kriegen, aber nichts schwieriger, als jeden Verdacht abzulenken, und den müssen wir doch unbedingt vermeiden. Vielleicht erreichen wir zunächst weiter nichts, als daß wir eine genaue Kenntnis der Ortsgelegenheit mit fortnehmen. Wer weiß? Zedensalls haben wir noch Wochen vor uns, während deren wir die Sache überlegen können." Mit diesen Wochen will ich den Leser nicht weiter langweilen, und mich auf die Bemerkung beschränken, daß das „Ueberlegen" ganz allein von Rafsles besorgt wurde, der es nicht immer für der Mühe wert hielt, mir seine Gedanken mitzuteilen, allein diese Zurückhaltung ärgerte mich jetzt nicht mehr, denn ich fing an, sie als eine notwendige Bedingung dieser kleinen Unternehmungen anzusehen. Nach unserem letzten Abenteuer dieser Art, insbesondere nach seiner schließlichen Lösung, war mein Bertrauen in Rafsles zu fest, als daß es dttrch einen kleinen Mangel an Offenheit seinerseits, die ich noch immer mehr dem Instinkt des Verbrechers, als überlegter Absicht des Mannes zuzuschreiben geneigt bin, hätte erschüttert werden können. Montag, den 10. August, wurden wir in Milchester Abbey, Dorset, erwartet, und vom Anfang des Monats an durchstreiften wir tatsächlich diese Grafschaft mit Angelruten in der Hand. Dabei ginget: wir von der Ansicht aus, daß es uns förderlich sein könne, wenn wir uns in der Gegend einen gewissen Ruf als Fischer verschafften und gleichzeitig im Hinblick auf spätere und reiflicher durchdachte Unternehmungen im Falle einer ungünstigen Woche einige Kenntnis der Gegend aneigneten. Einen zweiten Hintergedanken behielt Rafsles für sich, bis wir an Ort und Stelle angelangt waren. Dann brachte er eines Tages einen Cricketball zum Vorschein, und von da an verbrachte er manche Sttmde damit, mir die Anfangsgründe des Spiels beizubringen. Wenn ich auch niemals ein Cricketspieler war, so war ich am Ende dieser Woche näher daran, einer zu werden, als jemals sonst in meinem Leben. Zwischenfälle begannen zeitig am Montag. Wir waren an einer trostlosen kleinen Eisenbahnstation ein paar Meilen von Milchester ausgestiegen und hatten in einem Fuhrmannswirtshaus vor einem plötzlich ausgebrochenen Witter Schutz gesucht. Ein geschmacklos gekleideter Mann mit frischer Gesichtsfarbe saß trinkend in der Stttbe, und ich hätte schwören mögen, daß Rafsles bei seinem Anblick auf der Stelle zurück- ßchr und trotz des Regens darauf bestand, wieder nach dem Bahnhof zu gehen, allein er versicherte mich, es sei nur der Geruch nach abgestmrdenem Bier gewesen, was ihn veranlaßt habe, Reißaus zu nehmen, allein das erklärte seine nachdenkliche und niedergeschlagene Stimmung und seine umwölkte Stirn nicht. Milchester Abbey ist ein großes viereckiges, von einem reich bewaldeten Gelände umgebenes Gebäude, worin drei Reihen altmodischer Fenster glänzten, die sämtlich erleuchtet zu sein schienen, als wir gerade zur rechten Zeit anlangten, daß wir uns noch zum Diner ankleiden konnten. Der Wagen war unter, ich weiß nicht mehr, wie viel Triumphbogen, die noch im Bau begriffen waren, hindurch, und an Zelten, Flaggenmasten und einem feucht aussehenden Cricketfeld vorbeigerasselt, auf dem Rafsles für seinen Ruhm kämpfen sollte. Aber die hauptsächlichsten Zeichen, daß ein Fest gefeiert werde, waren im Hause zu bemerken, wo wir eine große Gesellschaft fattden, zu der mehr reiche, vornehme und angesehene Leute gehörten, als ich jemals in einem Zimmer versammelt gesehen hatte. Ich gestehe, daß ich mich ganz überivältigt fühlte. Unser Borhaben und die Rolle, die ich selbst spiele:: sollte, vereinigten sich, mich der gesellschaftlichen Gewandtheit zu berauben, worauf ich manchmal stolz gewesen war, und ich habe noch eine beschämende Erinnerung an die Erleichterung, die ich empfand-, als das Diner endlich -gemeldet wurde. Meine Tischdame war viel weniger großartig, als es hätte der Fall sein können, sodaß ich bald mein Glück in dieser Hinsicht zu preisen begann. Miß Melhuish war nur das Pfarrertöchterlein, und sie war nur eingeladen worden, um die Zahl der Tischgäste zu einer geraden abzurnnden. Bon beiden Tatsachen setzte sie mich i.n Kenntnis, noch ehe uns die Suppe erreicht hatte, und ihre weitere Unterhaltung zeichnete sich durch dieselbe Offenherzigkeit aus. Sie verriet eine fast an Manie grenzende Neigung, mich über meine Umgebung aufzuklären, sodaß ich weiter nichts zu tun hatte, als zuzuhören, zu nicken und dankbar zu sein. Als ich gestand, daß ich nur wenige dec Anwesenden kenne, selbst von Ansehen, begann meine gesprächige Nachbarin, sie mir zu nennen, wobei sie an meiner Linken anfing und mir gewissenhaft die ganze Tafelrunde bis zu dem rechts von ihr sitzenden Herrn vorstellte. Das dauerte geraume Zeit und interessierte mich wirklich, allein von dem, was dann weiter kam, war mir vieles gleichgiltig, bis mich Miß Melhuish, augenscheinlich »m meine Aufmerksamkeit wieder zu 122 erregen, plötzlich in einem gespannten Flüsterton fragte, ob ich ein Geheimnis bewahren könne. Das sei wohl möglich, entgegnete ich, woraus eine zweite Frage in noch leiserem, aufregenderem Flüsterton folgte: „Fürchten Sie sich vor Einbrechern?" / Einbrechern! Das hatte mich endlich aufgerüttelt! Das Wort !var mir wie ein Dolch durch die Seele gedrungen, und ich wiederholte es voll Entsetzen. „Also habe ich doch endlich etwas gefunden, was Sie interessiert!" sagte Miß Melhuish in naivem Triumph. „Ja, Einbrecher! Aber sprechen Sie nicht so laut, denn es soll als tiefes Geheimnis behandelt werden. Ich dürfte es Ihnen eigentlich gar nicht erzählen." „Aber was giebt's denn zu erzählen?" flüsterte ich in einer llngeduld, die meine Nachbarin befriedigen mußte. „Wollen Sie mir versprechen, nicht davon zu reden?" „Selbstverständlich." „Na also hören Sie: Es sind Einbrecher in der Gegend." „Haben sie schon Diebstähle begangen?" „Noch nicht." „Woher wissen Sie es denn?" „Sie sind gesehen worden — im Bezirk — zwei wohlbekannte Londoner Diebe." Zwei! Meine Blicke suchten Raffles aus. Das hätten sie schon mehrfach im Laufe des Abends getan, und ich hatte ihn um seine vortreffliche Laune, seine eisernen Nerven, seinen schlagfertigen Witz, seine vollkommene Ungezwungenheit und sein sicheres Auftreten beneidet. Jetzt aber bemitleidete ich ihn trotz meines eigenen Schrecks und meiner Bestürzung; ich bemitleidete ihn, als ich ihn essend und trinkend, plaudernd und lachend, ohne einen Schatten von Furcht oder Verlegenheit in seinem schönen, einnehmenden Gesicht da sitzen sah. Ich ergriff meinen Champagnerkelch und leerte ihn. „Wer hat sie denn gesehen?" fragte ich darauf ruhig. „Ein Detektiv, der vor ein paar Tagen ihrer Spur Von London aus gefolgt ist. Man nimmt an, sie hätten Absichten auf Milchester Abbey." „Aber warum werden sie denn nicht eingesperrt?" „Sehen Sie, genau dasselbe habe ich Papa heute abend auf dem Wege hierher gefragt. Er sagte, es läge gegenwärtig kein Haftbefehl gegen sie vor, und deshalb könne man weiter nichts tun, als sie sorgfältig beobachten lassen." „O, also werden sie überwacht?" „Ja, von einem Detektiv, der besonders deswegen hier- hergekommen ist. Und ich habe gehört, wie Lord Amersteht meinem Papa sagte, sie seien diesen Nachmittag auf dem Bahnhof von Warbeck gesehen worden." Gerade der Ort, wo Raffles und ich vom Gewitter überrascht worden waren! Jetzt war unsere Flucht aus dem Wirtshaus erklärt; andererseits aber konnte mich nichts mehr wundern, was meine Nachbarin etwa noch erzählen mochte, und es gelang mir, ihr lächelnd ins Gesicht zu sehen. „Das ist wirklich höchst aufregend, Miß Melhuish", sagte ich. „Dars ich mir die Frage erlauben, wie Sie das alles erfahren haben?" „Bon Papa", antwortete sie vertraulich „Lord Amersteht hat ihn zu Rate gezogen, und Papa mich. Aber- lassen Sie's ums Himmels willen nicht bekannt werden! Ich weiß gar nicht, wie ich dazu gekommen bin, es Ihnen zu sagen!" „Sie dürfen mir vertrauen. Miß Melhuish. Aber haben Sie denn keine Angst?" Miß Melhuish lächelte. „Richt die geringste! Ins Pfarrhaus werden sie nicht kommen, weil da nichts für sie zu holen ist. Wer schauen Sie sich doch einmal am Tische um. Sehen Sie nur diese Unmasse von Diamanten! Lady Melroses Halsband allein ist der Mühe wert!" Die Marquise vor: Melrose war eine von den wenigen Personell, aus die mich aufmerksam zu machen nicht nötig war. Diese, eine so ausschweifende und lustige Dame, als sie die Welt nur je gesehen hat, saß, ihr Höhrrohr schwenkend, zur Hechten Lord Amersteths und trank mit der gewöhnlichen Unbescheidenheit, wegen deren sie berüchtigt war, viel Champagner. Sie trug ein Halsband von Saphiren, das auf ihrem umfangreichen Busen mist und Aiederwogte. .Die Leute behaupten, es sei mindestens fünftausend Pfluid wert", fuhr meine Tflchnachbarin fort. „Lady Margaret hat es mir noch heute morgen versichert (Lady Mär-, garet rst die Dame, die neben Ihrem Mrs. Raffles sitzt, wissen Sie), und die liebe alte Dame besteht darauf, es jeden Abend zu tragen. Denken Sie nur mal, was für ein Fang das wäre! Nein, im Pfarrhaus besorgen wir keine unmittelbare Gefahr." Als sich die Damen erhoben, verpflichtete mich Miß Melhuish noch einmal zum tiefsten Schweigen und verließ mich, wie ich glaube, mit einiger Reue über ihre Schwatzhaftigkeit, aber doch mit noch mehr Befriedigung, daß sie sich in meinen Augen so wichtig gemacht hatte. Diese Ansicht mag etwas nach Eitelkeit schmecken, aber in Wirklichkeit ist das menschliche allgemeine Verlangen, den Zuhörer in Spannung zu versetzen, doch die eigentliche Quelle jeder Unterhaltung. Miß Melhuish's Eigenheit lag darin, daß sie um jeden Preis spannen wollte, und das war ihr jedenfalls gelungen. Mit dem, was ich während der nächsten zivei Stunden empfand, will ich den Leser verschonen. Ich versuchte mein möglichstes, ein paar Worte mit Raffles zu sprechen, allein es gelang mir nicht. Im Speisesaal zündeten er und Crowley sich ihre Zigaretten an demselben Streichholz an und steckten während der ganzen Zeit ihre Köpfe zusammen. Im Salon hatte ich den Verdruß, ihn endlosen Unsinn in Lady Melroses Höhrrohr reden zu sehen, in deren Hause er in London verkehrte, und im Billardzimmer nahm er an einem großen und langen Spiele teil, während ich in der Ecke saß und mich in der Gesellschaft eines sehr ernsten Schotten vor Ungeduld verzehrte, der nach dem Diner angekommen war und von nichts sprach, als von den neuesten Verbesserungen der Augenblicksphotographie. Wie er mir anvertraute, wollte er nicht an den Wettkämpfen teilnehmen, aber er hoffte, eine Reihe von.Cricketausnähmen für Lord Amersteth zu machen, ob als Liebhaberphotograph, oder als berufsmäßiger, konnte ich nicht feststellen. Jedoch entsinne ich mich noch, daß ich versuchte, mich durch zeitweise entschlossene Aufmerksamkeit auf die Salbadereien dieses langweiligen Menschen zu zerstreuen. Schließlich aber nahm auch diese lange Qual ein Ende, die Gläser wurden geleert, die Herren wünschten sich gute Nacht, und ich folgte Raffles in sein Zimmer. „Es ist alles vorbei!" stöhnte ich, als er das Gas andrehte und ich die Tür schloß. „Wir werden beobachtet, und die Leute siird uns schon von London aus auf der Spur. Ein Detektiv ist sogar hier tnt Hause." „Woher weißt Du denn das?" fragte Raffles, sich scharf aber ohne einen Schatten von Erschrecken nach mir umwendend. Und ich erzählte ihm, wie ich es erfahren hatte. „Natürlich war es der Mensch, den wir heute nachmittag im Wirtshaus gesehen haben", schloß ich. „Der Detektiv?" fragte Raffles. „Willst Du etwa behaupten, Du erkennest einen Detektiv vom bloßen Ansehen, Bunny?" „Wenn er das nicht war, wer war es denn?" Raffles schüttelte den Kopf. „Und Du haft eine ganze Stunde lang im Billardzimmer mit ihm gesprochen und nicht gemerkt, was er ist?" „Der schottische Photograph . . . ." Entsetzt hielt ich inne. „Ein Schotte ist er allerdings und Photograph mag er auch sein, aber jedenfalls ist er Inspektor Mackenzie von Scodland Pard — derselbe, den ich im April nach Rosent- Halls Hause rufen lieh. Und Du hast ihn während einer ganzen Stunde lang nicht durchschaut? O, Bunny, Bunny, Du bist nicht zum Verbrecher geboren!" „Aber", fragte ich, „wenn das Mackenzie ist, ioer ivar denn der Kerl, vor dem Du in Warbeck ausjkniffest?" „Der Mann, den er beobachtet." „Aber er beobachtet ja uns." Raffles sah mich mit einem mitleidigen Mick an imb schüttelte wieder den Kopf, bevor er mir seine offne Zrgarttendose anbot. „Ich weiß nicht, ob das Rauchen in den SchlaMmmern verboten ist, aber steck' Dir lieber eine an, und nimm Dich zusammen, Bunny, denn ich bin im Begriffe, etwas beleidigendes zu sagen." Lachend griff ich zu. „Wenn wir beiden es ivirklich nicht sind, hinter denen Mackenzie her ist, kannst Du sagen, was Du willst, mein lieber Kerl." „Mm denn, wir sind es nicht und können es nicht sein, 123 und niemand als ein geborener Bunny hätte auch nur einen Augenblick etwas derartiges angenommen. Glaubst Du wirklich, er würde Herkommen und zusehen, wie sein Mann ihm vor der Nase Billard spielt? Mackenzie wäre freilich so etwas zuzutrauen, denn er ist frech genug dazu, aber ich bin nicht frech genug, unter solchen Umständen ein Spiel zu gewinnen — ich glaube wenigstens nicht, daß ich das bin, und es wäre ganz interessant, die Probe zu machen. Die Lage war so wie so nicht ganz frei von einer gewissen Spannung, obgleich ich wußte, daß er es nicht auf uns abgesehen hat. Crowley hat mir nach dem Diner die ganze Geschichte anvertraut, und außerdem hatte ich selbst heute nachmittag einen von ihnen gesehen. Du glaubtest also, es sei ein Detektiv gewesen, vor dem ich im Wirtshaus Reißaus nahm? Warum ich Dir nicht gleich reinen Wein eingeschenkt habe, weiß ich wirklich nicht, aber es war gerade das Gegenteil. Das auffallende Vieh mit dem roten Gesicht ist einer der gewandtesten Diebe von London, und ich habe einmal mit ihm und unserem gemeinschaftlichen Schärfer getrunken. Bei der Gelegenheit war ich von Kops zu Füßen ein Whitechapcler, allein ich setze mich nicht gern unnöttgerweise der Gefahr aus, von einem solchen Vieh erkannt zu werden." „Er soll nicht allein sein, wie ich höre." „Nein, es ist noch mindestens einer bei ihm, und außerdem liegen Anzeichen vor, daß er einen Spießgesellen im Hause hat." „Weißt Du das auch, von Lord Crowley?" „Der Champagner hat Lord Crowley die Zunge gelöst. Natürlich im Werttauen, gerade wie Deine junge Dame, aber selbst inr Vertrauen hat er nichts von Mackenzie verraten. Er sagte nur, ein Detekttv halte sich im Hintergründe, das war alles. Daß sie ihn als Gast eingeführt haben, ist augenscheinlich ihr großes Geheimnis, das die anderen Gäste nicht erfahren sollen, weil es sie verletzen könnte, das aber vor allem die Dienstboten nicht merken dürfen, da er gerade sie beobachten soll. Das ist meine Auffassung der Sachlage, Bunny, und Du wirst mir zugeben, daß sie unendlich viel interessanter ist, als wir uns in unseren kühnsten Erwartungen vorstellen konnten." „Aber auch unendlich viel schwieriger für uns", antwortete ich mit einer kleinmütigen Erleichterung. „Für diese Woche sind uns jedenfalls die Hände gebunden." „Nicht unbedingt, mein lieber Bunny, obgleich ich ein- räume, daß es mit unseren Aussichten schlecht steht, jedoch halte ich auch das keineswegs für sicher. Bei diesen" dreiseitigen Kombinattonen ergeben sich manchmal ganz ihm erwartete Gelegenheiten. Beauftrage A., B. zu beobachten, daun hat er keine Augen mehr für C. Das ist die am Tage liegende Theorie, aber Mackenzie ist ein sehr großes A. Mir würde es sehr peinlich sein, gestohlenes Gut bei mir zu haben, wenn der Mann im Hause ist. lind doch wäre es ganz großartig, sich zwischen A und B einzuklemmen und beiden eine Nase zu drehen. Das wäre schon ein bischen Gefahr wert, Bunny, und für den Spaß, so geriebene Jungen als B unb seinen Spießgesellen bei ihrem eignen alten Spiel hineinzulegen, könnte man schon etwas wagen. He Bunny? Das wäre ein Wettkampf! Liebhaber und Berufsspieler beim Cricket!" Seine Augen funkelten heller, als ich sie seit langer Zeit gesehen hatte. Eine Begeisterung, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, leuchtete in ihnen, und die nur der Gedanke an einen neuen kühnen Streich darin hervorzubringen vermochte. Er entledigte sich seiner Schuhe und begann rasch, aber geräuschlos im Zimmer auf und ab zu gehen. Seit er mir von dem zu Ehren Rosenthalls gegebenen Diner erzählt, hatte Raffles in meiner Gegenwart keine gleiche Aufregung gezeigt, und es war mir gar mcht unangenehm, in diesem Augenblick an das Fiasko erinnert zu werden, dessen Ausgangspunkt dieses Bankett gewesen war. „Mein lieber A. I.", sagte ich, seinen Don ausgezeichnet nachahmend, „Du haft eine viel zu große Borliebe für ungewöhnlich schwierige Aufgaben, und Du wirst schließlich ein Opfer dieser Neigung werden. Laß Dir unser letztes Enttmnen zur Lehre dienen, und sei vorsichtiger, wenn Dir unser Fell etwas wert ist. Sieh Dir das Haus so genau an, als Du willst, aber — stecke Deinen Kopf nicht freiwillig in Mackenzies Rachen." (Fortsetzung folgt.) Lateinische ober deutsche Schrift? Wir lesen im „Würzburger Journal": .... Der Deutsche solle stolz darauf sein, eine eigene nicht von einer anderen Nation geborgte Schrift zu be-, sitzen; den Leuten, welche sich der lateinischen Schrift bedienen, wird kurzerhand das Nationalgefühl abgesprochen, und um ihr ganzes Stieben ins Lächerliche zu kehren, ihnen zugemutet, auch im Rechnungswesen statt der arabischen die römischen Ziffern zu benutzen und etwa statt 1848: 773 nun MDCCCXLVIII: DCCLXXIII zu schreiben. Das wäre die gerechte Strafe für übergeschnappte Narren, welche aus philologischem Dünkel altrömische Schrift einführen wollten; die müßten sich dann aber anch der altrömischen Majuskeln bedienen — denn nur die kennt, neben der für uns noch schwierigeren Cursive, der Römer — und müßte statt ü nur V schreiben usw. Das wäre allerdings VNVERSTAND und VILLKVER. Aber wie steht es denn mit dem Nationalgefühl in Sachen der Ziffern überhaupt? Arabisch heißen die bei uns gebräuchlichen. Wo sind die nationaldeutschen Ziffern? Und wenn es die nicht gibt, und wir aus rein verständigen und prakttschen Gründen eine fremde Schreibweise für die Zahlen anwenden (in Wahrheit haben die Inder, nicht die Araber dies geniale System erfunden, das au st der Einführung der Null und der Rangordnung der Ziffernstelle beruht), sollten ivir dann nicht ohne Einbuße an echtem Nationalgefühl vielleicht auch fremde Buchstaben verwenden dürfen, ivenn nur der Inhalt echt deutsch bliebe? Aber so einfach liegt die Sache nicht. Wenn wir eine deutsche Schrift beanspruchten, bliebe uns wohl nur übrig, uns wieder dem Runen-Alphabet zuzuwenden. Das allein dürfte vielleicht historisch den Anspruch erheben, deutsch zu sein. Aber das würde uns Gebilde vor Augen führen, gegen die jenes MDCCCXLVIII nur Kinderspiel wäre. Die heute sogenannte deutsche Schrift ist ebenso gut fremden Ursprungs, wie die sogenannte lateinische. Da gibt es keinen nationalen Unterschied. Beide stammen eben in direkter Linie von der römischen Schrift ab, ja beide find nichts anderes als verschiedene Entwicklungsstufen derselben Schrift. Um nicht mit Jahreszahlen und Einzelheiten zu wirtschaften: ebenso wie sich aus der altrömischen Baukunst die romanische und daraus die gotische entwickelt hat, ebenso bildete sich aus der altrömischen Schrift die Minuskel, die ivir lateinische Schrift nennen, nnb mit dem romanischen Baustil parallel setzen können, nnb aus ihr in gotischer Zeit die fogenannte deutsche, richtiger gotische Schrift. Beide Schriftarten sind also nur stilistische Ab-- wandlungeu und Ausgestaltung derselben fremden, nicht- dentschen Schrift. Nun komme man uns aber nicht mit dem Einwand, die sogenannte deutsche, richtiger gotische Schrift sei darum deutscher als jeder andere, weil der gotische Stil — der, nebenbei bemerkt, mit. dem Volksstamm der Goten absolut nichts zu tun hat, sondern in einer Periode des Unverständnisses gotisch, das sollte heißen barbarisch-verzopft und geschmacklos geschimpft worden ist — weil also der gotische Stil der echt deutsche Stil sei. Das ist ein alter, aber von der Wissenschaft länglst: völlig beseitigter Irrtum: entstanden ist der gotische Stil in Frankreich, und er hat im ganzen Bereich der westeuropäischen Kultur geherrscht, in Spanien so gut wie in England oder Deutschland. Mit demselben Recht wie den gotischen dürften wir den romanischen Stil als echt deutsch in Anspruch nehmen. Auch er hat in Deutschj- land geblüht und wunderbare Werke hervorgebracht, die noch heute nachzucchmeu niemand als undeutsche Gesinnungslosigkeit brandmarken wird. Ebenso liegt es aber bei der Schrift. Die Buchschrift der romanischen Zeit hat im ganzen Bereich der westeuropäischen Kultur geherrscht, in Deutschland so gut wie in Italien, und hat sich dort ivie überall und wie alle anderen äußeren Formen der gotischen Stilisierung unterwerfen müssen. So entstand die Schriftgattung, die wir mit Unrecht deutsche nennen, deren echt gotischer Charakter dem Kenner noch in den umgemodelten und erweichten Formen der modernen Druckschrift entgegentritt. In der Zeit der Renaissance trat ein bemerkenswerter Wandel ein. Unter dem Einfluß des geänderten Geschmackes und durch die Arbeiten der Humanisten, welche die klassischen Autoren mit berechtigter Bevorzugung der alteren Handschriften und auch im Anschluß an deren einfachere. 124 Charade. (Nachdruck verboten.) Du bist das Erste. Das Zweit' und Dritte Ist gegen alle gute Sitte. Ich bitte dich, das Ganze zu brechen Und etwas zu sprechen. (AuflSsung in nächster Nummer.) Redaktion! Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen UnivcrMtS.Buch. und Eleindruckerei (Pietsch Erben) in Gicsten. Vermischter« Zu bescheiden! Eine bekannte Schriftstellerin unterhielt sich einmal mit einem alten Junggesellen, dessen Vorzüge nur noch in seiner Einbildung existierten, „Es wird jetzt Zeit", sagte er selbstgefällig, „daß ich mir einen eigenen Hausstand gründe. Aber ich bin so anspruchsvoll. Ich verlange Jugend, Gesundheit, Reichtum natürlich, Schönheit, Anmut „Ja", sagte seine schöne Zuhörerin mitleidig, „Sie armer Mann, das könnten Sie alles brauchen." Gemsrnntttziges. Die Echtheit des Rotweins läßt sich auf einfache Weise und zuverlässig mit Kreide erproben. Ein viereckiges Stück Kreide, wie sie als Tafelkreide verkauft wird, befeuchtet man an irgend einer Stelle wiederholt mit einigen Tropfen des zu prüfendeu Meines. Man erhalt da sehr schöne, charakteristische Färbungen, und meistens genügt schon ein einziger Tropfen der Flüssigkeit, um die Fälschung der Färbung, wenn eine solche vorhanden ist, nachzuweisen. Ist der Wein mit Heidelbeersaft gefärbt, so wird er auf der Kreide blau, ins Violette spielend. Kermesbeerensaft bleibt unverändert. Malvenfarbstoff färbt sich auf der Kreide blau oder grün, oft nimmt er beide Farben nebeneinander an. Fuchsinlösung bleibt unverändert. Echter Rotwein färbt sich braun oder schiefergrau. das einzige Uebel. Da must sich das arme, jeder Störung noch so sehr ausgesetzte Kinderauge dicht an das Buch, schmiegen, um x und r zu unterscheiden, oder ein „nun" oder „nimm" auseinander zu klauben, oder im Schöne schreibheft die hübsche zackige Linie zu ziehen, die dann durch I-Punkte und dergleichen verziert ein Wort „nimmer" oder „innen" ergeben soll. Woher haben wir denn in Deutschland diese Legionen von Kurzsichtigen und Brillenträgern? Je weniger wir von solcher Kleinarbeit, dem jugendlichen Auge zumuten, je einfacher, größer und faßlicher die Formen sind, welche es in sich aufnehmen soll, desto mehr Aussicht ist vorhanden, es tvotz allen Schulunterrichts gesund uno normal zu erhalten. Der Ausländer wundert sich und spottet über dies brillenbewehrte Volk der Deutschen. Das sollte, uns Veranlassung sein, nachzudenken, ob nicht eine nationale Untugend wie diese ihren Grund in einer nationalen Gewöhnung hat, die an sich so löblich sein könnte, wie sie wollte, die aber ihrer Folgen wegen ausgemerzt werden müßte. Eine solche Gewöhnung ist unser eigensinniges Festhalten au der „deutschen Schrift". Ich behaupte nicht, daß mit ihrem Aufgeben sofort die Kurzsichtigkeit verschwinden würde. Aber ein Moment, das sie befördert, würde verschwinden. Und Zeit für unsere Jugend würde gewonnen, in der sie den Körper üben oder nützlichere Fertigkeiten sich aneignen könnte. Und weil wir hoffen dürfen, durch Preisgabe einer unberechtigten Eigentümlichkeit, eben der Deutschen Schrift", die Heranwachsende Jugend zu starken für den Kampf des Lebens, muß jeder, der in der Freiheit, Stärke und Tatkraft auf geistigem wie körperlichem Gebiet die beste, ja einzige Gewähr für die Erhaltung tvahren, nicht chauvinistisch beschränkten, Rationalgefuhles sieht, die Abschaffung der irrig und mißbräuchlich „deutsch' genannten Schrift für eine Notwendigkeit gedeihilcher Entwicklung des deutschen Volkes halten. An das Wort , Deutsche" oder „Lateinische" Schrift wird sich feilt Verständiger klammern. Denn es kommt aus die Sache au, und nicht auf schiefe und verkehrte Bezeichnungen, die im Grund dock) nur den nationalen Dünkel kitzeln, und darum schaden. Paul Wolters. ältere Schri t bearbeiteten und Herausgaben, wurde diese letztere, die heute sogenannte lateinische Schrift neu belebt und drang iegreich gegen die gotische Schrift vor. Eine geraume Zeit sind beide Schriftarten noch neben einander allenthalben int Gebrauch; die gotische Schrift war keineswegs auf Deutschland beschränkt, sie war ebenso in allen Ländern Westeuropas üblich. Aber während sie überall mehr und mehr aufgegeben wurde und jetzt nur noch hier und da, wie in England oder Holland, als Zierschrift oder im kirchlichen Gebrauch und wo man sonst einen altertümelnden Eindruck machen will, angewendet wird, hat Deutschland sie (wenn auch nicht ausschließlich) mit einem unglücklichen Eigensinn festgehalten und nur unwesentlich! durch ^die späteren Stilwandlungen beeinflussen lassen. Also nicht deutsche oder lateinische Schrift steht in Frage, sondern nur lateinische, d. h. aus dem römischen Alphabet abgeleitete Schrift, entweder in älterer oder in gotifcher Stilisierung. Welche sollen wir wählen? Mein Geschmack schlägt sich auf die Seite der ruhigeren, der älteren Formen. Aber über den Geschmack ist angeblich nicht zu streiten, und in einer so eminent praktischen Frage sollen praktische Gesichtspunkte maßgebend sein. Zuerst die internationale Verkehrserleichterung. So lange wir Deutsche als politische Murmeltiere von der großen Welt nichts ivissen wollten, konnten wir uns den Luxus einer sonst allgemein außer Gebrauch gekommenen Stilisierung der Schrift erlauben. Jetzt ist Deutsch eine der Weltsprachen, und es ist Zeit, daß es sich dieses Berufes auch äußerlich bewußt zeigt. Wir haben ja wahrlich nicht den Wunsch, alle Welt zu germanisieren, aber je weiter der Bereich sich dehnt, in dem das deutsche Wort, gesprochen oder geschrieben, ohne Mühe verstanden wird, desto weiter dehnt sich auch der Bereich unseres Kültureinflusses. Diesem Einfluß zu Liebe sollen wir natürlich nichts von unserer Eigenart opfern, aber unsere Schristzeichen statt gotisch lieber romanisch zu stilisieren, das kann doch keine Einbuße an nationalem Gehalt und Geist bedeuten. Und wie vielen Ausländern ist es nicht schwer, ja oft unmöglich, unsere sogenannte deutsche Schrift (zumal die geschriebene!) zu lesen. Aber auch für uns selbst ist diese sogenannte deutsche Schrift eilte Hinderung. Nicht mit Unrecht wird überall, wo bei Anschlägen, Straßennamen, Plakaten und dergl. leichte Lesbarkeit verlangt wird, die lateinische Schrift (ich benutze diesen Ausdruck jetzt, ohne noch zu befürchten, mißverstanden zu werden) verwendet. Und mit Recht. Wie unübersichtlich sind Buchstabengruppen wie „immer" oder „minnen" oder „nimm". Oder wie schön macht sich in großen Buchstaben eine DAMPFWAESCHEREJ gegen die verpönte, aber lesbare DAMPF WASCHEREI. Man mache doch einmal den Versuch und zeichne ohne Vorlage, nur aus dem Gedächtnis, etwa ein großes deutsches W oder M oder auch nur A und B. Die unverschnörkelte Form des lateinischen Alphabets ist jedem klar bewußt, auch dem Kind leicht zu merken, die des deutschen nicht. Nur die lange Gewöhnung, welche uns ja beim Lesen nicht mehr einzelne Buchstaben, sondern gleich ganze Worte erkennen, oft (bei schlechter Handschrift zumal!) erraten läßt, täuscht uns über diese Tatsache weg. Darum sind dem, der nicht gewöhnt ist, Deutsch in lateinischer Schrift zu lesen, die Wortbilder fremd und demgemäß die ganze Schriftart unbequem. Bismarck lehnte ja deshalb für sich die lateinische Schrift ab; er habe nicht Zeit, sich daran zu gewöhnen. Aber selbst wenn dies ein Opfer bedeutete, wir müssen es bringen um unserer Jugend willen. Ein deutscher Junge muß jekt, um lesen und schreiben zu können, acht Alphabete lernen! Deutsche Schrift, kleine und große Buchstaben, sowohl Druckschrift als Handschrift, in Summa vier, und ebenso viele für die lateinische Schrift. Ein englischer oder französischer Junge hat nur die Hälfte, nur vier Alphabete, zu bewältigen. Welch ungeheurer Unterschied! Und gerade das deutsche Alphabet mit seinen verschnörkelten W und M, seinen unklaren Formen wie „nimm" und „immer" und dergleichen, seinen x und r, wo nur ein kleines Strichlein uns ein X zwar nicht für ein U, aber doch für ein R hinzaubert, bereitet den kleinen ABC-Schützen unnötige und große Pein. Das ist unnütz vergeudete Zeit, ht der besseres gelernt werden könnte. Und das ist nicht