Nr. 93. 1903. LLLL iKpyi XsZl^ üsni B=MLij B (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau. (Fortsetzung.) „Tann würde ich es aber doch, tun. Ich müßte mich totitbe*'"611' lüe,tlt '^e dankbar und freigebig zeigen v , "d^ehr, als es ihre Großmutter war", versetzte Fräu- Basset mrt einem häßlichen Kräuseln ihrer dünnen Oberlippe. Ä" bachteHerc Pott, „im Testament nicht nach Wunsch bedacht, das ist's, Wo der Schuh drückt!" „Nun", sagte er laut, „die beiden Tarnen sind aller- vmgs so Verschieden wie Nord und Süd. Sie hielte,! bei der einen bis zum Ende aus, tuen Sie es auch bei diesetv bis zu einer andern Art von Ende. Ich wette", fügte er nut einem behaglichen Schmunzeln bei, „sie wird bald die rechte Leitung finden, die sie zu einer ländlichen Aristokratin heranbildet." , "Tann muß sie aber in ihren Studien entschieden bei dem ABC beginnen", entgegnete Fräulein Basset etwas boshaft, und Herr Pott konnte ihr nicht widersprechen. Er lauschte staunend dem Wortgeplänkel, in das Ellinor sich ^„Oberst Mellrn eingelassen hatte, und wobei sie sich m-^Ä^u?^k?olltlsche Hetzereien verrannte und althergebrachte Gepflogenheiten und Liebhabereien der Landedelleute ins Lächerliche zog. Wildern!" endete sie geringschätzig ihre halb scherzhafte, halb ernste Rede. „O wie geizig müssen sie hier alle Jem, daß sie den armen Leuten nicht ein paar elende Rotaugen gönnen, oder ioas ihr Flüßchen sonst bietet. Tie Fische rnt Wasser und die Vögel in der Liift sind doch sicher für uns alle erschaffen!" „Warten Sie nur, Fräulein Graham, bis einmal ein paar gewandte Angler Ihre Hechte wegstiebitzeU: dann tvollen tvir sehen, ob Sie noch immer so feurig die Gütergemeinschaft predigen", bemerkte Tr. Wilson lächelnd. „O, natürlich muß es irgeud eine Grenze geben", ivar dre prompte Entgegnung. „Aber ich hasse Gesetze, die Leute wegen solcher Kleinigkeiten zu Verbrechern stempeln und deren ganze Familie an der Schande teiluehmeu lassen. Frauiem Bassett erzählte mir von einer armen alten Frau, Namens Stirling, die die Leute von der Seite ansehen, khr Mann und ihre Söhne manchmal ein wenig zu wildern pflegten. Aus reiner Neugierde besuchte ich sie Euch, es rst eine sehr anständige alte Person, aber traurig und einsam und ach — so arm!" daß unrechtes Gut niemals gedeiht", sagte der Oberst scharf. be^st", rief Ellinor etwas unlogisch, „daß Ihre unchrrstlichen Grairden hier herum die arme Frau in ihrem n. Sie fing tat» Goldstück schenkte! Alter die Schuld anderer entgelten lassen. ....... sächlich an zu weinen, als ich ihr ein ___ und ein wenig freundlich mit ihr sprach. Tausendmal segnete sie imch und knixte so lange, daß ich ihr Einhalt tun mußte. Wissen Die auch, daß sie schrecklich an Rheuma- ÄJÄÄ daß ihr Fußboden mit Ziegelsteines findig mach * r' E wollte ihren Hausherrn aus- r. "Ich glaube, ich bin dies unwürdige Individuums bemerkte Oberst Mellin trocken auf die ihm als Hausherrn gemachten Vorwürfe. Fräulein Graham fuhr fort: „Und ihn bestimmen, Djelen legen zu lassen. Also wollen Sie eS tun?" Der Oberst zuckte die Achseln. „Tiefe Dinge überlasse ich meinem Verwalter, Fräuleist Graham." ,,Natürlich, natürlich!" rief Ellinor erregt. „Und Sie wurden natürlich um keinen Preis von dieser Sitte abgehen? O wie komisch sind die Leute hier, sie hätschelst ihre alten Gepflogenheiten, daß sie gar keine Gelegenheit haben, ausfindig zu mache», ivie viel angenehiner biet »euett sind. Alles ist abgegrenzt in ihrem, hübschen Ländchen, und man darf keinen Schritt von der Landstraße! machen, ohne angernfen zu werden, wie es mir heute er» ging , fugte sie herzlich lachend bei, „als ich meinen Wea über emlge Felder nehmen wollte. Eiir Mann schrie hinter mir her, als ob ich ein Tieb geweseir wäre." „"Was Sie natürlich nicht übel nehnreil", neckte Dr. Wuson, „da sie ja selbst keinen Eindringling dulden." 'Zch Erstehe die Anspielung", versetzte sie lächelnd. „Aber", sich mit den andern Tarnen erhebend — „es ist ein Unterschied zwischen offenen Feldern und der Grenze emes Privatgartens. Ich überlasse Ihnen ineine Verteidigung, Herr Morgan." In fröhlichster Laune verließ sie mit den Anderen das Zimmer, in ihrer frischen Jugend und reichen Toilette wie eine Blume in dem Tamenquartett ausseh end. m ,"x>n Westfields wird nun vermutlich eilt ganz anderes Regiment beginnen", benrerkte der Oberst mit sehr ergötzter Miene, als sich die Türe geschlosseti hatte. „Wenn Fräu- lem Bassett die einzige Beschützerin dieser jungen Dame ist, wird ihr Amt kein leichtes sein." _ "Ich fürchte, sie paßte besser zu Frau als jetzt zn Fräulein Graham", meinte der Toktor. Aber da sie hier mit deut Orte und den Leuten so bekannt ist, hielten wir es für das Beste, daß sie bleibe, um Fräulein Ellinor in ihre neue Stellung einzuführen. Ich gestehe jedoch, daß ich täglich einen Austritt befürchte. Unsere junge Erbin pflegt kein Hehl aus ihren Abneigungen zu macheu. Und doch wüßte ich nicht, wer Frl. Bassetts Stelle ausfüllen sollte." „O, Sie dürfen sie nicht gehen lassen", rief Herr Pott. „Ich sagte ihr eben noch, sie solle doch Fräulein Graham darüber aufklären, wir sehr sie ihr verpflichtet sei. Sitz 370 verdankt ja tatsächlich ihr gutes Glück nur Fräulein Bassett." „Wie ist dies zu verstehen?" fragte Oberst Mellin, und auch Richard Morgan blickte gespannt auf. „Hm, das ist eine seltsame Geschichte", versetzte Doktor Pott. „Einem Herrn Kollegen erzählte ich sie schon. Sie erinnern sich vielleicht, daß der junge Gutsherr stets sehr freundlich gegen mich war, und als er Bridgeham verlassen hatte, schrieb er mir mehrmals von Australien. Er bemerkte nur, daß es ihm gut gehe; später erwähnte er auch Frau und Kinder, letztere in einer Weise, die mir eine weichere Stimmung gegen seine Mutter zu verraten schien. Kurzum, ich setzte es mir in den Kopf, daß eine Versöhnung mit der alten Dame möglich sei und machte tatsächlich einen Versuch dazu. Aber wie hatte ich mich geirrt! Frau Graham schien anfangs ganz erstarrt über meine Kühnheit, dann aber wurde sie kreideweiß vor Wut und verabschiedete mich in einer Weise, die einem moralischen Hinauswerfen glich. Ich gelobte mir damals, nie wieder bei ihren Lebzeiten dieses Haus zu betrejten. Später glaubte ich bei Fräulein Bassett Interesse für den unglücklichen, Sohn zu bemerken. Sie fragte nach seinen Kindern und ich erzählte, daß er deren vier besitze, und seine zweite Tochter nach der Großmutter Ellinor genannt habe. Dabei sprach ich die Hoffnung aus, daß sie gelegentlich ein gutes Wort für die Kinder einlegen möge. Und sie mußte es getan haben, denn auf keine andere Weise konnte Fräulein Ellinor im Testament ihrer Großmutter als Universalerbin bezeichnet werden. Tie alte Dame hätte ihrer Gesellschafterin wohl ein paar Tausend hinterlassen können; ich glaube, sie verdiente es." „Sie hatte stets ein sehr hohes Gehalt, wie Frau Grahams Bücher beweisen", sagte Tr. Wilson; „also kann sie doch mttjt so übel dran sein. Ihnen, Pott, hätte aber eigentlich eine besondere Belohnung gebührt für Ihre wertvolle Auskunft in jenen Tagen. Wären auch Sie nicht im stände gewesen, mir Arthur Grahams Adresse zu geben, als Fräulein Bassett mich an Sie verwies, so hätte ich vielleicht monatelang nach der Erbin suchen müssen — Australien ist ein großes Land." Oberst Mellin lenkte jetzt die Unterhaltung in andere Bahnen, und der Herrin von Westfields wurde nicht mehr Erwähnung getan, bis die Herren sich wieder im Salon den Damen zugesellten. Frau Wilson begrüßte ihr Erscheinen ncit wahrer Erleichterung, denn es war ihr gänzlich mißlungen, ihre drei Gäste auch nur zu einem leidlichen Einvernehmen zu bringen. Mit einem merkwürdigen Mangel an Takt hatte die sonst so gutherzige Ellinor sich förmlich in Eifer geredet über die, wie sie es nannte, Albernheiten von Rang und Ansehen in der englischen Gesellschaft. Sie gedachte ganz nach Belieben ihren Umgang zu wählen, erklärte sie. Tie nette Krämersfrau aus dem Dorf wollte sie manchmal zum Tee einladen — warum auch nicht? Und in diesem halb mutwilligen, halb ironischen Tone ging es weiter, bis Frau Mellin, eine Dame, die von Gebürt an die Lehre von den Standesunterschieden gleichsam als einen besonderen Glaubensartikel betrachtet hatte, sprachlos vor Entrüstung in ein eisiges Schweigen versank. Fräulein Bassett verhielt sich ebenfalls sehr still, und die arme Frau Wilson sing gerade au, ernstlich zu bereuen, die junge Australierin so ohne weiteres bei der einflußreichsten Dame der Gegend eingeführt zu haben, als die Anmnst des männlichen Elements der peinlichen Lage ein Ende machte. Während die ältere Gesellschaft durch die Bemühungen des guten Tr. Wilson nun bald in eine Unterhaltung geriet, hatte Richard auf einen Wink seiner Schwester den leeren Platz neben Ellinor eingenommen. Diese begrüßte ihn als alten Bekannten und plauderte in ihrer frischen Weise Don diesem ititb jenem, bis sie schließlich auch mit kindlichem Vergnügen der Juwelen ihrer Großmutter erwähnte, die ihr später noch zufallen würden. „So sind dieselben noch nicht in Ihrem Besitz?" fragte Richard. „Nein, und es ist hart für mich, ihnen fern zu bleiben. Gleich nach Großmamas Tod verschloß Herr Tr. Wilson den ganzen Schmuck in ein Pult im Ankleidezimmer und drückte zwei große, rote Siegel auf das alte Möbel. Natürlich durfte ich sie erbrechen, aber Fräulein Bassett jagte1, das Pult habe einst Papa gehört und sei stets verschlossen gehalten worden. So dachte ich denn, er verwahre vielleicht wertvolle Andenken darin und beschloß, es nicht zu öffnen, bis er herüber laute oder mir schriftliche Erlaubnis dazu gäbe. Armer Papa! Es macht ihm vielleicht Freude, wenn dies kleine Besitztum unberührt bleibt. Ich glaube, Sie würden sich gut mit ihm verstehen, Herr Morgan. Er ist. so klug und gut." Tiefe freundliche Rücksichtnahme auf ihres Vaters mög- lichen Wunsch — ein Zug, der an Aimee erinnerte — ließ; Ellinor sehr in seiner Gunst steigen. „Haben Sie nicht Verlangen, Ihren Vater wiederzu- sehen?" fragte er. „Manchmal ja, und ich erwarte ihn auch sehr bald. Er wird Sie natürlich hier sehr beschäftigt finden, ich möchte, daß Sie mich in all' meinen Plänen unterstützen. Vielleicht wird auch Mama mitkommeu. Sie ist sehr ruhig — o so ruhig! Gewandt in ihrem Hauswesen und ängstlich besorgt, aus meiner Schwester und mir feine juiiste Tarnen zu macheu. Helene ist zahm und gelehrig; und ich war es nie. Möglich, daß auch noch einige von den Anderen mit» kommen. Ich hoffe, sie werden sich mit Ihnen befreunden. Urteilen Sie stets nach dem ersten Eindruck?" „Wirklich, auf diese Frage kann ich nicht so kurzweg antworten, Fräulein Graham." „Ich tue es, und ich ändere mich nie. Es giebt Leute", direkt aus Fräulein Bassett hinübersehend — „die mir sofort Widerwillen und Mißtrauen einslößen, so ehrlich auch ihr Gebühren ist, und andere, denen man augenblicklich vertrauen muß." Ihr naives Lächeln und ihr sprechender Blick auf Richard verrieten diesem deutlich, zu welcher Kategorie sie ihn zähle. „Fräulein Grahams Wagen!" meldete der Diener in diesem Augenblick, und Ellinor sprang auf, laut klagend, daß sie nun in diesem schrecklichen Kasten davon rumpeln müsse, während es doch fünfzigmal schöner gewesen wäre, zu Fuß zu gehen, oder hinüber zu rudern." „Allein in beiden Fällen hätten Sie einer besonderen Schutztruppe bedurft", bemerkte Oberst Mellin lächelnd. „Die ich sicher gesunden hätte", rief sie heiter. „Herr Pott hat ja fast den gleichen Weg mit uns, nicht wahr?" Aber obgleich ihre mutwillig funkelnden Augen eilten Moment aus dem behäbigen Dorfmedikus ruhten, blitzten sie rasch wieder zu Richard Morgan hinüber, klar audeu-. teuf), wen sie zu ihrem Begleiter erkoren haben würde. „Eine nette junge Dame, das läßt sich nicht leugnen", wandte sich der Oberst zu Frau Wilson, als der Wagen nach Westfields abgefahren war. „Wenn sie sich auch in ihre neue Stellung noch nicht recht zu finden weiß, nichts entschädigt doch sür den Mangel einer guten Erziehung, Sind Sie nicht auch dieser Ansicht, Herr Morgan?" „Ich fürchte, nein", versetzte dieser so rasch, daß Oberst! Mellin mit einem kaum unterdrückten Lächeln abwandte, um genau dem gleichen Ausdrucke in Frau Wilsons Zügen zu Begegnen. Beide ahnten nicht im entferntesten, daß Richards rasche Antwort durchaus nicht von einer plötzlichen Bewunderung der Erbin eingegeben war, sondern von dem Gedanken an das holde Wesen, das seine Jugend fern von England zugebracht hatte, aber an feinem, taktvollen Benehmen wohl der vornehmsten Dame dort nicht nachstand. 6. Kapitel. Inzwischen machte Richard Morgan die niederdrückende! Entdeckung, daß sein Ausenthalt in England sich unerwartet in die Länge ziehen werde. Ehe die ersten vor- bereitenden Arbeiten in Westfields nur rocht im Gange waren, hatte der April sein Ende erreicht, und ehe Herr Barker sich von einem Gichtanfalle erholte und von der darauf folgenden Badereise zurückkehrte, war auch der Mai beinahe vorüber. So kam der Hochsommer heran und jeder der beiden Pläne, die Richard Morgan nach England gelockt hatten, schien noch meit von seiner Ausführung entfernt. . Fräulein Graham selbhtz war in sehr wankelmütiger Stimmung, nahm aber Richards Dienste unaufhörlich in Anspruch. Bald drängte sie ihn, die Arbeiten möglichst zu. beschleunigen; dann wieder schien sie geneigt, die ganze Sache bis zum nächsten Frühjahr aufzuschieben. Auch Herr Barker hatte wegen der geplanten Teilhaberschaft noch; keine Entscheidung getroffen. Obgleich einige Unterredungen mit Richard ihn völlig überzeugten, in ihm den richtigen Mann gefunden zu haben, Bat er sich doch Bedenkzeit aus. Er glaubte es der Würde seiner Firma schuldig zu >ein, ] । 1 i i 1 i s 1 ( i 5 l 1 s, t r ( c <5 e n € s 3 V « f I n d f 6 ii V b d e b n b d t< b v H 371 fn einer so wichtigen Sache keine hastige Entscheidung zu treffen. Richard Morgan war tote auf die Folter gespannt; die eigene Häuslichkeit schien ihm wieder in weite Ferne gerückt, es war ihm nicht einmal möglich, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann er Aimee nach England abholen könne. Jeder seiner Briefe, dieser ersten schüchternen Liebesbriefe seines Lebens, verriet die trübe Stimmung, in der er sich befand. Endlos zogen sich ihm die Tage dahin, und die frische, heitere Laune, die er mit herübergebracht hatte, wich unter dem Einflüsse steter Sorge wieder der früheren Zurückhaltung. (Fortsetzung folgt.) Parlamentarische Glossen aus alter und neuer Zeit von W. H. N o r d h e i nt. (Nachdruck verboten.) Angenehme Temperatur im preuß. Herrenhause herrschte für den Kriegsminister von Roon, als er am 23. Januar 1862 den Gesetzentwurf wegen Mänderung der Verpflichtung zum Heeresdienste einbrachte. Autorität, nicht Majorität, ein Schlagwort, das aus einer Rede des Professors Stahl im Erfurter Parlament am 15. April 1850 herausgeschält worden ist. Bassermannsche Gestalten, Bezeichnung für zerlumpte Galgenvögel, ein geflügeltes Wort aus einer Berichterstattung des Abgeordneten Bassermann im Frankfurter Parlament vom 18. November 1848 über die damaligen Zustände in Berlin. Bei Philippi sehen wir uns wieder rief der Abgeordnete Bebel im Reichstage (1903) seinen Gegnern mit Bezug auf die kommenden Reichstagswahlen zu. (Citat aus Shakespeares Caesars Best geh aß ter Matlu sagte Fürst Bismarck im preußischen Landtage am 16. Januar 1874 von sich selber. Aehnlich drückte sich O'Connel (11874) aus, der sich deu b e st verleumdeten Mann der drei Königreiche nannte. Blut und Eisen. Tas von Otto von Bismarck in der Budgetkommission des preußischen Mgeordnetenhauses am 30. September 1862 ausgesprochene Wort lautet: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Blut und Eisen". Die Dichter Arndt und Schenkendorf haben in ähnlichem Sinne von „Blut und Eisen" gesprochen. Catilinarische Existenzen, ein in derselben Sitzung von Bismarck gebrauchtes Wort für Personen, welche gleich deut Römer Catilina, da sie nichts zu verlieren haben, alles daran wagen. Das läßt tief blicken, meinte der Abgeordnete Sabor im Reichstage (am 17. Dezember 1884), wobei er sich tief zur Erde beugte. Er war nämlich davon über- zeugt, daß die Regierung sogar Diäten zu bewilligen bereit sei, wenn der Reichstag in eine Verfassungsänderung willigen würde, und das ließ ihn so tief blicken. Den Stier bei den Hörnern packen, ist schon ein gefährliches WagniD, aber den Stier bei der Stirnlocke fassen, wie ein Abgeordneter im Reichstage meinte, dürfte noch waghalsiger sein. Der ehrliche Makler ist Fiirst Bismarck, wie er sich im Reichstage am 19. Februar 1878 selbst als solch eu bezeichnete. Er denke sich, sagte er, die Vermittelung des Friedens (zwischen der Türkei und Rußland) als die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zu stände brrnge. Die Russen haben ihm freilich für diese Vermittlerrolle wenig Dank gezollt. Der sogenannte arme Mann ist ein Ausdruck des Grafetr Ballestrem im Reichstage von 1879. Ein fegen an n ter armer Mann ist kein armer Mann, also gehören m diese Kategorie auch nicht die Arbeiter, die tu beit Ausstand nur treten, um höhere Löhne zu erwirken. - , ,.?*er ® Mre *ritt w o hi ein en S ch r itt zurü ck, behalt aber das Ziel fest im Auge. 'So äußerte sich der damaltge Mtutster des Auswärtigen Freiherr O. v. Man- TfiKn* be5 preußischen zweiten Kammer am 3. Dezem- ver 1850, nach den Tagen von Olmütz, wo Preußen sich vor Oesterreich gedemütigt hatte. + 13 1 - e Börse wirkt wie ein Giftbaum, sagte der Handelsmimster v. Maybach im preußischen Slbgeordneten- häuse am 12. November 1879. Namentlich wirkt das Börsenspiel tätlich auf solche, die das Spekulieren nicht verstehen. DieDemvkratie ist in dem Lager, ivoPreu- ßensFahnenwehen, sagte der Breslauer Abgeordnete Ziegler, Mitglied der Fortschrittspartei, kurz vor dem Ausbruch des preußisch-östreichischen Krieges int Jahre 1866. Ob noch heute ein Demokrat so sprechen würde? D i e G r ü n d e der Regierung kenne i ch n i ch t, aber ich muß sie mißbilligen, meinte der Abgeordnete Kell in der zweiten sächsischen Kammer am 15. Februar 1849. Etwas nicht kennen und doch mißbilligen, ist selbst einer Regierung gegenüber starker Tabak. DieHaudeleihat ein Ende, Gott sei Dank! sagte der Reichskanzler Caprivi im Reichstage als ein Ausgleich auf dW „mittleren Linie" durch den Freiherrn von Huene gewonnen und die Militärvorlage damit angenommen war. Aehnlich war die „Händelei" nm den Zolltarif im verflossenen Reichstage. Die Politik der freien Hand hatte sich Preußen nach dem Ausspruch seines Ministers des Auswärtigen von Schleinitz im östreichisch-italienischen Kriege gewahrt. Bismarck wiederholte das Schlagwort im Jahre 1864. D o u t des (lat.) „i ch g e b e, d n m i t D u g e b e st", im römischen Recht ein sogenannter Jnnominal-Vertrag. Der große Realpolitiker Bismarck hat öfters in diesem Sinne d. h. von Leistungen und Gegenleistungen zweier Parteien gesprochen, und darauf verstand er sich meisterhaft. — Ein Appell an die Furcht findet in deut- chen Herzen niemals ein Echo, sagte Bismarck m Zollparlament am 18. Mai 1868. Bekannter ist das ge- lügelte Wort: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber onst nichts in der Welt", das in der Reichstags- itznng vom 6. Februar 1888 gefallen ist. Ein Tropfen demo kr a tisch en O els. Im Frankfurter Parlament schloß Uh land seine Rede (am 22. Jam 1849) mit den Worten: „Glauben Sie, meine Herren, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropsen demokratischen Oels gesalbt ist". Elende würden sich fortan die Sozialdemokraten als Ehrenname beilegen, tote einst die Geusen, d. h. die Bettler in den Niederlanden, erklärte der Abgeordnete Bebel int Reichstage am 21. Januar 1903, indem er auf ein aus dem Munde oes Kronprinzen gefallenes Wort: „Die Elenden" anspielte. Der Abgeordnete vergaß hinzuzusetzen, daß die Geusen „sich treu dem Könige, bis zum Bettelsack" zu bleiben erklärten, ivas man bekanntlich von den L-ozial- demokraten nicht erwartet. Er lügt wie telegraphiert, ein Citat Bismarcks im Herrenhause am 13. Februar 1869. Die Telegramme haben in der Tat heute eine gewisse Aehnlich- keit mit den „Tartarennachrichten". Aus dem englischen Parlamentsleben stammt die scherzhafte Bezeichunng: „Hammelsprung" für die Art der Zählung des Hauses int deutschen Reichstage. Ich besitze weder Ar noch Halm, meinte der Reichskanzler Caprivi int Reichstage, womit er audeuteu wollte, daß er kein eingefleischter Agrarier sein könne. In Geldsachen (bei Geldfragen) hört die Gemütlichkeit auf, ein Ausspruch David Hansemann's int Vereinigten Landtage von 1847. Der spätere Finanz- miuister Hansemann mußte das allerdings wissen. Macht g e h t v o r R e ch t, dieses nach der Auffassung des Grafen v. Schwerin am 13. Mürz 1863 dem Ministerpräsidenten Bismarck zugeschriebene Wort hat derselbe nie gesagt. Die Nebersetzung Luthers von Habakuk (I, 3): „Es geht Gewalt über Recht" ist in einem anderen Sinne leicht auszulegen. Nach Canossa geheu wir nicht, ein geflügeltes Wort des Fürsten Bismarck im deutscheit Reichstage, gesprochen am 14. März 1872, also zur Zeit des Kulturkampfes. Der demütigende Gang des Kaisers Heinrich IV. nach dem Schlosse Canossa (in der italienischen Provinz Reggio uell Emilia), wo er vor dem Papste Gregor VII. vom 25.-28. Januar 1077 Buße tat, ist jedem Geschichtskundigeu bekanut. Passiver Widerstand. Der Präsident der Berliner Nationalversammlung von Unruh, sagte in der Nacht vom 9. zum 10. Novemb er 1848, als die Bürgerin ehr und Gewerke bewaffneten Schutz der Versammlung anboten: 372 „Ich wäre entschieden der Meinung, daß passiver Widerstand geleistet werden könnte." Q u i d q u i d delirant reges, plecturrtur Achivt („Wie .immer die Könige (gemeint sind Agamemnon und Achilles) rasen, die Achäer müssen es büßen"), d. h. das wahnwitzige Benehmen der Fürsten müssen die Böller büßen. Zu diesem Citat aus Hora- (Epistele) fügte der Präsident Graf Ballestrem im Reichstage am 20. Januar 1903 hinzu, daß heute umgekehrt „Könige und Minister" für die Leidenschaften der Menge die Buße zu zahlen haben. Revolutionäre in Schlafrock und Pantoffeln. Das vom preußischen Minister von Manteuffel in der zweiten Kcwnner am 2. Januar 1851 gebrauchte Wort findet sich nach Bückmann's „Geflügelten Worten" schon bei Börne, der von dem französischen Minister Salvandy. sagt, daß er „in Schlafrock und Pantoffel" die Rückkehr Heinrichs V. (des Grasen von Chambord) auf den französischen Thron abwarte. Von einem srüheren Minister des Innern im preußischen Abgeordnetenhause, Grasen von Schwerin, stammt im parlamentarischen Sprachgebrauch das Wort Sch Werins - t a g, eine der Erledigung von Anträgen aus der Mitte der Versammlung und von Petitionen außerhalb des Hauses geividmete Sitzung. ? * Selbst die Knochen ernes poinmersch en Gr e- nadiers möchte ich nicht dafür opfern. Als die Opposition die Einmischung des deutschen Reiches in die orientalischen Wirren zur Zeit des ersten Bulgarenfürsten (Ale-ander von Battenberg) verlangte, wies der Reichskanzler dies mit den Worten zurück, daß ihm selbst die Knochew eines pommerschen Grenadiers dafür zu schade wären. Aus dem studentischen Leben sind zwei Bezeichnungen herübergenommen: Wilde, d. h. solche Mitglieder, dis keiner Fraktion angehören, und Senrorenkonveut, d. h. der aus den Vertretern der Fraktionen gebildete Ausschuß, dec über die Zahl der Vertreter jeder Fraktion in den Kommissionen, sowie über Fragen der Geschästsord- nung und anderes entscheidet. Setzen wir Deutschland sozusagen in den Sattel, rejten wird es schon können, ein geflügeltes Wort Bismarcks vom 22. März 1874. Vae victis („Wehe den Besiegten"). Dieses Wort wird aus den gallischen Brennus zurückgeführt, der auf dem römischen Forum stand und sein Schwert in die das Gold abwägende Wagschale warf. Dasselbe Wort zitierte, der württembergische Minister Varnbüler in prophetischem Srnne kurz vor dem Ausbruch des preußisch-östreichischen Krieges tni Jahre 1866. W e n n ich d i e o b e r e n Götter nicht erreichen kann, werde ich die Hölle in Bewegung setzen. (Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo.) Dissen Vers aus Vergils Aenöide zitierte Bismarck auf lateinisch in der Konfliktszeit im preußischen Abgeordnetenhause am 21. Januar 1864. „Wir laufen niemand nach", eilt Wort des Reichskanzlers Bismarck, der damit sagen wollte, daß Deutschland sich um die Freundschaft einer fremden Machst (weder Englands noch Rußlands )zu bemühen nicht nötig habe, sondern lediglich seine eigenen Interessen im Auge habe. Der Zeitungsschreiber ist ein Mensch, der seinen Beruf verfehlt hat. Diese Aeußerung wird zwar Bismarck zugeschrieben, ist aber in dieser Fassung nicht richtig. Vielmehr sagte er zu einer Deputation aus der Insel Rügen am 10. November 1862, also in der so- genaunten Könfliktszeit: „Die Regierung würde alles aufbieten, eine Verständigung mit dem Abgeordnetenhause herbeizuführen, aber die oppositionelle Presse wirke diesem Streben zu sehr entgegen, indem sie ptnt großen Teil in Händen von Juden und Unzufriedenen, ihren Beruf verfehlt habender Leute, sich befinde." „Die Presse", sagte Minister Miquel bei entern Festmahle in Berlin, „kann natürlich es niemandem recht ntachen, aber wahr bleibt es doch, daß sie das größte Bildungsmittel der Gegenwart geworden ist. Als ein Mann, der seit mehr als 40 Jahren das politische Leben beurteilt, glaube ich sagen zu dürfen, daß in diesem Zeitraum die deutsche Presse ungeheure Fortschritte gemacht hat, nicht nur tm Inhalt, in der Form, dem Stil, sondern auch in der gegenseitigen Duldsamkeit und Achtung der Meinung anderer." * Aus der guten alten Zeit. Ein Leser unseres. Blattes schickt uns ein Exemplar des Frankfurter Journals vom 15. April 1848 zu, indem er uns auf folgenden amüsanten Aufruf aufmerksam macht: Ausruf an die Barbiere. Auch wir haben unsere Zeit begriffen und wissen, was wahre, unbeschränkte Freiheit ist. Wir stimmen dem in der gestrigen Zeitung enthaltenen Aufruf an sämtliche Fischer, betreffend die Einschränkung der verderblichen Wirksamkeit der Dampfschiffe, sowie dem Vorschläge der kölner Gewerbleute zur Unterdrückung des bevorstehenden Jahrmarktes, von ganzem Herzen bei. Auch wir wollen gegen eine Beeinträchtigung unseres Gewerbes Beschwerde führen und Schutz erlangen. Es ist nämlich in den letzten Jahren der verderbliche Mißbrauch eingerissen, daß viele Menschen sich selbst rasieren und gar den Bart ganz, wie ihn die wilde unzivilisierte Natur hervorbringt, wachsen und stehen lassen. Abgesehen davon, daß ein solcher Anblick schon alles gebildete Schönheitsgefühl verletzt; schon dis Gefahr- daß dieser Unfug, falls er allgemein würde, uns das Terrain unserer Wirksamkeit gänzlich entziehen würde, zwingt nns, dahin zu wirken: 1. daß Keiner mehr den Bart wachsen lassen oder sich selbst rasieren darf; 2. daß Derjenige, der Eines von beiden wagt, die doppelte Taxe zahlen muß. Wer zur Durchführung dieser Maßregel mitwirken will, möge sich am 14. l. M. bei.dem Weinwirte Kertell in Köln einfinden. Das provisorische Komitee. Literarisches. — Für und wider die Reformkleidung.. Sonderdruck aus der Illustrierten Zeitung. Verlag von I. I. Weber tht Leipzig, Preis 50 Pfg. — „Reformkleidung"- dies Schlag- und Losungswort vernimmt man heute ist allen Kreisen der Gesellschaft. Geist und Gemüt der Frauen- wie der Männerwelt wird in gleicher Weise durch die nette Mode angeregt ober abgestoßen. Was ist es nun mit der Reformkleidung? Ist sie schön oder häßlich, zweckmäßig oder zweckwidrig, wird sie sich das Feld erkämpfen oder spurlos wieder verschwiuden? Jedenfalls hat die Illustriertes Zeitung, die jede Strömung, jedes Ereignis des Tages auf politischem, sozialem, künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet mit dem Griffel der Klio bucht, Veranlassung genommen, eine Umfrage bei kompetenten Persönlichkeiten zu veranstalten und deren Aeußerungen über die Resorm- kleidung zum Ausdruck zu bringen. Diese in der „Illustrierten" enthaltenen Aeußerungen sind nun hier in einer Sonderausgabe vereinigt und fesseln den Leser durch Sachkenntnis, geistvolle Diktton und prickelnden Mtz. Otto Bi er bäum warnt: „Befreit ihr die donna mobile von der körperlichen Schnürbrust, so legt ihr auch keine stilistische an!" Luey Griebel (Eva Treu) zweifelt nicht, daß ist drei Jahren die Hälfte aller Damen, in fünf Jahren sämtliche Dienstmädchen ihr Reformkleid haben werden. Börries Frhr. v. Münchhlausen rät: „Ueberlassest wir die Reformversuche einmal den Frauen! Sie werden immerzu „reformieren" und immer elegant dabei aus- sehen!" Hermione v. Prenschen präzisiert dierFagei dahin: „Grauwollenes Resormkleid a la Büßerkutte — abscheulich, buntschillernde Empire-Schlangenhaut — dem Hörselberg selber entnommen!" Ergänzungsrätsel. (Nachdruck verboten.) Wie---— au —, T---e, —m--, Li---, Na--, Er — e, T--er. Statt der Striche sind passende Buchstaben zu setzen, so daß Hauptwörter entstehen, die in anderer Reihenfolge bedeuten: Teil des Gesichts, Raubtier, Baum, Beleuchtungsgegenstand, Teil der weiblichen Kleidung, Haustier, schmackhafter Vogel, weiblicher Vorname. Sind die richtige» Wörter gefunden, so müssen die eingefügten Buchstaben im Zusammenhang gelesen ein bekanntes Sprichwort ergeben. (Auflösung in nächster Nummer? Auflösung des Telegraphenrätsels in vor. Nr.: Rosenmonät. (Robert, Strom, Motto, Ann«, Topf.) Redakuonr August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brtihl'schen Universitäts-Bucki- und Steindruckerei (Pietsch Ctt u) in Gießen.