WM Ter Tee war fertig bereitet und serviert in der (Fortsetzung.) 9. Kapitel. altertümlichen Halle. Mr. Thornton und ein paar Herren, welche zu den täglichen Gästen gehörten, waren von der Jagd zurückgekehrt und standen in munterem Geplauder in der Nähe des Kamins, in welchem ein lustiges Feuer brannte. Der Teetisch mit dem schonen, alten Gerät stand in der Nähe des Feuers und lud zum Niedersitzen und Trinken ein. (Nachdruck verboten.) gilt Wiidchenschicksak. Frei nach dem Englischen von A. Wendt. „Kinder, ihr- könnt noch ein Weilchen hier bleiben", saget Mrs. Thornton, sich langsam in einen Armstuhl niederlassend und sich graziös in denselben zurücklehnend. Jane wurde durch eine leichte, freundliche Handbewegung entlassen. „Wo ist Alice?" fragte Mr. Thornton. „Sie wird gleich kommen", sagte seine Frau lächelnd, denn soeben hörte man die Wagenräder auf dem Kies, und gerade als Jane die Treppe erreichte, traten Miß Turham und Sir Harry ein. Oben angelangt, wendete sich Jane um und blickte düsteren Auges auf das anmutige Bild. Ter Diener hatte die Lampen gebracht, die sonst düstere Halle machte einen hellen und freundlichen Eindruck. Mrs. Thornton schenkte Tee ein, die Kinder saßen halb liegend vor dem Kamin auf der großen Pelzdecke, lachend zu ihrem Väter aufsehend, welcher das heutige Schießen beschrieb. Alice, lvie es Jane erschien, ein wenig bleich, saß auf einem Armstuhl, freundlich auf Sir Harry sehend, welcher behutsam die Handschuhe von ihren erstarrten Fingern entfernte und dieselben an seine Lippen zogt Jane sah das alles mit verlangenden Blicken, sah Alices Grazie, die Ergebenheit in Sir Harrys Stellung, das freundliche Lächeln in seinen grauen Augen. Traurig und müde wandte sie sich ab und schlich mit langsamen, schwerfälligen Schritten in ihr Zimmer, schloß die Tür und wgrf sich erschöpft, fast fühllos vor Schmerz auf ihr Bett. Sie wurde nicht ohnmächtig, es lag »nur ein seltsam fremdes, schweres Gefühl auf ihr, als vb ihr Geist weit fort in eine fremde Welt schwebte, den Körper hier zu- rücklnssend. War das der Tod? — — Als nach einiger Zeit die Kinder an die Tür klopften, schien dieser Don auf ihr Herz zu fallen, so schmerzhaft wurde sie davon berührt. „Ich» komme, ich komme!" antwortete sie. Sie erhob sich kraftlos, ordnete ihr Haar und ihren Anzug und begab sich in das Schulzimmer, um den Kindern Tee zu geben. Tie Kleinen waren von dem Ausflug erregt, plauderten in einem fort, machten Bemerkungen und stellten eifrige Fragen, ohne die Mattigkeit ihrer Erzieherin zu beachten. Es war eine wahre Erholung für sie, als die Kinder nach deut Tee zu der Tante gingen, um deren Toilette zu bewundern, eine Erlaubnis, welche die Mama nie gab. Wieder allein, öffnete Jane das Fenster, und sich weit hinauslehnend, suchte sie den Kopf zu kühlen, die schmerzenden Nerven zu beruhigen. Tie Nacht war ruhig und still, langsam fing es an zu regnen. Der eintönige, gleichmäßige Fall der Tropfen wirkte beängstigend mif Janes Nerven, die feuchte Kühle erfrischte die schmerzenden Schläfen. Da klang eine grelle Kinderstimme an ihr Ohr: „Miß Gratton, kommen Sie, Sie müssen Dante Alice sehen. Sie sieht zu reizend aus, bitte, kommen Sie!" Jane erschrak; es fröstelte sie, als sie sich von dem Fenster der Stube zukehrte. Diese war leer, die Stimme kam von draußen. Die junge Gouvernante erhob sich und schritt hinaus bis in die Bildergalerie, wo das helle Licht freundlich auf die Bilder und die dunklen Sammetportieren fiel und auf die schlanke, graziöse Figur eines jungen Mädchens, dessen weiße Kleidung einen schönen Kontrast zu dem dunklen Hintergründe bildete. Alice war reizend anzuschaun mit ihren lächelnden Augen und den leicht geröteten Wangen. Sie trug keinen Schmuck, nur ein Sträußchen Heliotrop im Gürtel. Die Kinder umhüpften die Tante voll Bewunderung. „Miß Gratton, ist sie nicht reizend?" rief Margaret lebhaft. „So schön und weiß, ganz weiß wie Schnee, und Sie, Miß Jane, Sie sind ganz schwarz und auch schön. Wenn ich doch malen könnte! Ich wollte euch beide gerade so malen, und das Bild würde ich Nacht und Morgen nennen." „Ei, hören Sie, Meg wird poetisch!" sagte Alice lachend zu Jane, welche ihr die Handschuhe zuknöpfte. „Tanke, Miß Gratton!" Dann die Stimme ändernd, fügte sie hinzu: „Sie sind nicht wohl? Sie sind so bleich heute abend, Sie sind gewiß müde.?" „Müde? v nein! Bin ich wirklich so blaß? Mir ist ganz wohl. Sie, Miß Durham, sehen wie ein ideales Gretchen aus, und", fügte sie trübe lächelnd hinzu, „Gretchen geht dem Jaust entgegen." Während sie noch sprach, öffnete sich die Tür, eine Hand schlug die Portiere zurück, und Sir Harry trat ins Zimmer. Einen Moment ruhten seine Augen auf Alices schlanker, weißer Gestalt, dann suchten dieselben das andere Mädchen im schwarzen Gewände, welches ihn mit einem Ausdruck voll Furcht und Entsetzen in den dunklen Augen anstarrte. Dieser eine Blick brachte ihm Gewißheit über Janes Person; dennoch verriet nicht die geringste Bewegung, daß er sie wiedererkannte. Ruhig und stolz schritt er auf Alice zu. Meg lief ihm entgegen und fragte ihn unter froh- 702 lichem Lachen: „Sehen die beiden nicht aus wie Nacht und Morgen, Sir?" „Sie sehen wie eine reine Weiße Lilie aus, wie ein schönes, ideales Bild", sagte er zu Alice, in deren Wangen bei diesen Worten hohe Röte stieg. Er reichte ihr den Arm, um sie hinunter zu führen/ die Kinder sprangen fröhlia) vor ihnen her und Jane sah ihnen nach, bis der hohe, stattliche Mann und das schlanke, blonde Mädchen auf der Treppe verschwanden. Eine lange Zeit war verstrichen, und noch hatte Jane sich nicht von der Stelle bewegt; noch immer umfaßte sie krampfhaft die Portiere, um sich an derselben aufrecht zu halten; ihr Kopf war zurückgesunken. Gegen den tief- roten Toti des Sammets sah ihr Gesicht aus wie von Alabaster in seiner schrecklichen Mässe und Starrheit, mit den halbgeschlossenen Augen und den fahlen Lippen. Ein heftiger Joost schüttelte ihre Glieder, ihre Sinne schienen zu schwinden, das strahlende Lampenlicht erschien ihr trübe und matt, ihr Atem ging langsam und schwer. Sie hörte nicht, daß eilige Schritte die Treppe herauf und die Galerie entlang ins Zimmer kamen, und als Sir Harry in erregtem Don zu ihr redete, erklang ihr seine Stimme tote aus weiter Ferne. „Sie sind krank, Sie sehen sehr leidend äus. Kann ich nichts für Sie tun? soll ich nicht Hilfe holen?" fragte der junge Mann dickt an ihrem Ohr. Matt erhob sie die schweren Augenlider, sah ihn mit trübem Blick, ohne ihn zu erkennen, an und flüsterte kaum hörber: „Tanke, ich bin nicht krank — ich brauche nichts —." Mit mitleidsvollem Ton entgegnete er: „Es tut mir furchtbar leid; hätte ich ahnen können, daß wir uns hier treffen würden, ich wäre sicher nicht hier." Jetzt kam ihr die Besinnung zurück; Jane erkannte, wer mit ihr sprach, und mit einer Anstrengung, die schmerzlich mit anzusehen war, erhob sie den müden Kopf und versuchte etwas Stolz in ihre Antwort zu legen. Es gelang ihr schlecht, sie konnte nur in demselben leis /, bebenden Ton sagen: „Unsere Begegnung heute abeno ist Zufall, es soll und wird nicht wieder Vorkommen, meine Anwesenheit hier kann Sie nicht stören." „Wie ist ein Ausweichen möglich, wenn ich hier bleibe? Wir sind Gäste in demselben Hause!" „Ich bin kein Gast hier; ich bin die Gouvernante!" Er zuckte heftig zusammen, und dunkle Röte überflog sein Antlitz: „Die Gouvernante! — dann waren Sie heute auch auf —" er stockte, als ob ihm etwas die Kehle zuschnürte. „Auf dem Teunisfest? ja, ich war dort, ganz in Ihrer Nähe, aber Sie sahen mich nicht." „Sie sind so verändert, so entsetzlich verändert." „So, bin ich das? Nun ja, ein Jahr verändert viel, besonders —" Sie brach kurz ab, sein Mitleid wollte sie nicht erregen. „Cie haben sich nicht verändert", fügte sie matt lächelnd hinzu. Ter junge Mann war erschüttert, er hätte sein Gesicht verbergen mögen, nur um nicht das blasse, leidende Mädchen ansehen zu müssen. „So, habe ich mich niast verändert?" sagte er. Dann nach einer kurzen Pause fuhr er fort, und seine Stimme wurde hart und heiser: „Die Welt muß doch sehr klein sein. Sie waren die letzte Person, die ich hier zu treffen glaubte. Ich habe nie Ihren Namen von Miß Durham gehört. Natürlich nicht, da Sie verheiratet sind — ick weiß den Namen nicht —" „Ich bin nicht verheiratet!" „Aber Sie sind in Trauer; ich hoffe, nicht um Ihren Bräutigam?" „Nein, um meinen. Bruder". Ihre Stimme war allmählich sicherer geworden, vor diesem Mann, tvelcher einst vorgegeben hatte, sie zu lieben, durfte sie keine Schwäche zeigen, mußte sie standhaft bleiben. „Ihr Bruder! — v, das wußte ich nicht — ich habe nie davon gehört — das tut mir unendlich leid, es muß ein schrecklicher Verlust für Sie gewesen sein", sagte er ernst mit weichem Don. Jane erwiderte nichts, von dem Tode ihres Bruders konnte sie noch immer nicht ruhig sprechen. „Aber Sie sehen so leide,id aus, find Sie krank gewesen?" fragte Sir Harry weiter. „Nein, ich bin ganz munter/' „Doch nicht, wie mir scheint", enrgrgnete er, seine Augen auf ihrem Gefickt ruhen lassend, auf diesem schönen Gesicht, welches so viel von seiner früheren Frische und Anmut verloren hatte, auf ihrer Figur, welche viel schlanker und behender geworden, und auf den schmalen, kleinen Händen, welche kraftlos an ihrer Seite herabhingen. „Ich bin müde heute abend", sagte sie lässig; „es war ein langer Tag. Doch da erschallt die Glocke, welche zur Tafel ruft. Sie werden zu spät kommen." „Und Sie?" fragte er eifrig. „Ich? ich bin die Erzieherin hier, ich speise nicht mit der Familie." Eine plötzliche Röte überflog sein Antlitz, und ein' zorniger Blick zuckte in seinen Augen. „Tas ist ganz selbstverständlich", fügte Jane, diesen Mick gewahrend, hinzu; „ich werde sehr gut und höflich behandelt." „Werden Sie das?" fragte er beinahe rauh. Leicht den Kopf neigend, wandte sich Jane, um an ihm vorüber zu gehen. Man hörte die Stimmen der Kinder in der Halle; einen Moment zögerte Sir Harry,- dann ging er ohne ein Wort eilig die Treppe hinab. Wenige Minuten darauf rannten die Kinder fröhlich die Galerie entlang nach dem Schulzimmer und fanden dort ihre Gouvernante ohnmächtig am Boden liegend, das weiße Gesicht halb von dem aufgelösten Haar bedeckt. 10. Kapitel. „Cie wollen uns verlassen, Miß Gratton? Das ist ja ein rascher, recht unerwarteter Entschluß", sprach Mrs. Thornton erstaunt mit verdrießlich zusammengezogenen Angenbrauen. Tie kleine, blasse Gouvernante stand itt der Nähe der Tür und murmelte etwas von sich krank fühlen, die LUft von Thornton-Hall wäre nicht zuträglich für sie. „Torheit!" rief Mrs. Thornton gereizt. „Sie sind nun beinahe zwölf Monate hier, und ich hörte noch nie eine Klage von Ihnen." Jane hatte in der Tat keine Ursache zu klagen; die Besuche der Dame im Schulzimmer waren in der letzten Zeit immer seltener und flüchtiger geworden, so daß Jane sie um diese Unterredung hatte ersuchen lassen. Sie waren allein im Boudoir der Dame; das Feuer brannte lustig im Kamin, schöne Treibhauspflanzen standen auf Tischen und Konsolen, ihren süßen Wohlgeruch mit der tvarmeu Luft vermischend. Draußen war scharfer Frost, der Schnee lag fest und hart gefroren auf Wegen und Stegen, und die stark bereiften Bäume schimmerten in der kalten Dezembersonne märchenhaft schön_ wie von Krystall. Weihnachten mit all seiner Freude, seiner jubelnden Lust stand vor der Tür. „Die kalte Witterung ist Ihnen nicht zuträglich; Sie haben gewiß nicht Bewegnng genug; es ist auch nuge- wöhulich kalt in diesem Jahre", fuhr Mrs. Thornton ruhig fort. „Sie sehen wirklich nicht Wohl aus, und eine Luftveränderung wird Ihnen gut tun. Nun, nach Weih-^ nachten gehen wir alle nach London. Schüchtern, aber ernst und bestimmt wiederholte Jane ihren Wunsch, so bald wie möglich ihre Stelle zu verlassen. ... „Aber ich kann Sie jetzt nicht entbehren, es ist ganz unmöglich für mich, jetzt eine Gouvernante M suchen. Morgen und Übermorgen wird das Haus von Gasten an- gefüllt sein, danach bin ich engagiert, und dann ist meiner Schwester Brautschatz zu besorgen, das ist em mühseliges Geschäft; wie kann ich mich also nach einem Ersatz für Sie utntuti!" „Miß Durhams Ausstattung? Ich wußte nichts davon", stotterte Jane errötend und gleich daraus tief erbleichend „Ah, wußten Sie nicht, daß sie so gut wie verlobt ist? Ich sagte den« Kindern bis jetzt nichts davon, die kleinen Plaudertaschen hätten zu viel darüber geschwatzt. Meme Schwester kann noch immer zu keinem festen Entschluß kommen", fuhr Mrs. Thornton gedankenvoll fort, wahrend Jane ihr stumm gegenüberstand, ihre zitternde Hand aus eine Stuhllehne stützend und Mut zu einer Entgegnug sammelnd. , , „Sir Harry ist meiner Schwester sehr ergeben und eine in jeder Beziehung- wünschenswerte Partie. Er ist sehr reich und vornehm; meine Schwester ist, tote Sie 703 wissen, arm, meines Vaters Familie ist groß, sein Einkommen nur mäßig,. Alice kann sich glücklich schätzen, sie wird auch sicher einwilligen. Sir Harry Dates wird allgemein sehr gesucht und von den Damen verwöhnt, ihm schadet Sie kleine Ungewißheit nicht. Sie haben ihn Wohl gesehen, als er Mr Jagd hier war?" „Jawohl, ich sah ihn einmal. Mer wenn Miß Alice ihn —" „Ihn ausschlägt? O nein, das tut sie nicht! sie tändelt ein wenig. Bleiben Sie hier. Miß Gratton, im Frühjahr sollen Sie dann der Hochzeit Meiner Schwester beiwohnen. Nun, ist das kein Lockmittel?" Ein geisterhaftes Lächeln überzog des jungen Mädchens Antlitz. Vor ihrem inneren Auge entstand die ganze Szene: die blonde, liebliche Braut, der glückliche Bräutigam, die frohen Hochzeitsgäste, alle heiter und glückstrahlend. O, lieber bis an das Ende der Welt fliehen, als das mit ansehen! „Sie sind sehr gütig, und ich danke Ihnen vielmals", entgegnete sie. „Aber ich bin wirklich leidend, die Luft hier ist mir zu scharst" Aergerlich sagte Mrs. Thornton: „Wer wo wollen Sie hin? Sie haben keine Freunde, wie ich gehört habe, ich sagte Ihnen schon, wir werden nach London gehen, dann haben Sie Luftveränderung. Worüber haben Sie hier zu klagen?" „Heber nichts, aber —" „Sind die Kinder ungehorsam? Ist die Dienerschaft unaufmerksam? Finden Sie es eintönig hier? Wenn das ist, so wissen Sie, daß es Ihre eigene Schuld ist, da Sie nie des Abends zu uns herunterkommen wollen." „Es ist nichts von alledem", war die leise Antwort. „Was ist es denn?" fragte Mrs. Thornton scharf mit ärgerlichem Blick auf das blasse, bebende Mädchen. „Haben Sie geheime Gründe, welche Sie wünschen lassen, Ihre einzige Heimat zu verlassen?" „Ich bin krank! O, können Sie denn nicht sehen, wie elend ich bin?" rief Jane klagend, ihre schlanken, abgezehrten Hände bittend emporstreckend. „Ich werde Doktor Fullerton rufen lassen; er kommt gleich, er wird froh sein, einen Grund zum Kommen zu haben." „Ich brauche keinen Arzt, er kann mir nicht helfen." „O, dann sind Sie nicht krank! Sie sind ein sonderbares Mädchen, wissen nicht, was Sie wollen. Sie sind nervös und sollen stärkende Medizin in Portwein erhalten, das wird Sie wieder herstellen! Nun aber gehen Sie, ich bin sehr beschäftigt." Fortsetzung folgt. K'me besorgte Aokarkuy *) Es war eine herrliche Schneeschuhbahn, und als ich im Norden der Wasserscheide war, ging es schnell wie der Wind vorwärts. Tie Ebene verschmälerte sich nach Norden, und zahlreiche Bäche und kleine Flußläufe hatten den Weg zu ihr gefunden. Sie hatten Steine und Schutt mitgeschwemmt, woraus sich kleine, wellenförmige, lange Rücken aufgetürmt hatten. Aus all diesen Wässerchen mußte schließlich ein großer Fluß werden; aber bei dem Schnee, der die Ebene bedeckte, konnte ich nicht klug daraus werden, wo das Hauptbett eigentlich !var. Im Norden wurde die Ebene von dunkeln, steilen Bergwänden begrenzt. Zwischen ihnen mußte der Fluß wohl fernen Abfluß haben, und es sollte mich wundern, wenn ich dort nicht einen. ausgeprägten Canon finden würde. Als sch mrch dem nördlichsten Teile der Ebene näherte, er- bnckte rch auf der Westseite unter einigen Hügeln eine Herde Polarochsen. Mein Weg lag so, daß ich an der Herde in einer Ent- fernung von etwa 150 Schritten vorüber mußte. Ich ging gerade über die Ebene ohne alle Deckung und erwartete jeden Augenblick, daß die Tiere mich gewahren würden. Doch nein, sie dachten an Frieden und nicht an Gefahr und *) Aus: Sverdrup, Neues Land. 2 reich illustrierte Bände, geb. 20 Mk. Verlag von F. A. Brvckhaus, Leipzig. wurden erst auf mich aufmerksam, als ich nur noch ein paar hundert Schritte von ihnen entfernt war. Tann sprangen sie auf, zwölf an der Zahl, und glotzten mich eine Weile an; auf einmal aber rannten sie davon und bildeten auf dem höchsten Hügel in der Nähe Karree. Es war kein einziger Ochse in der ganzen Herde, nur Kühe. Während sie liefen, bemerkte ich, daß eine von ihnen ein neugeborenes Kalb hatte. Tie Herde eilte eine steile, 8—10 Fuß hohe Schneewehe hinauf, und das Kalb lies mutig mit. Als es aber beinahe den Rand der Wehe erreicht hatte, rollte es in Absätzen wieder hinunter; es schlug so greulich und unbehilflich auf den Boden auf, daß ich glaubte, es müsse sich zu Tode gefallen haben. Doch es stand wieder auf und trat den Weg von neuem an. Auch das zweite Mal ging es ihm nicht besser; es überschlug sich wieder und roftte hinab. Da hätte man hören sollen, wie es zu schreien begann, genau wie ein kleines Kind, wenn es nicht seinen Willen bekommt. Es schrie so jämmerlich, daß es mir geradezu weh tat, und ich war schon im Begriff, hinzueilen und ihm beim Erklimmen der verhängnisvollen Höhe zu helfen. Es stiegen mir aber allerlei Bedenken auf. Wenn die Alte zurückkäme, was dann? Ich konnte mich auf einen Kamps mit ihr gefaßt machen, und es hätte mir doch zu leid getan, wenn ich sie vielleicht hätte erschießen müssen, um mein Leben zu retten. So blieb ich denn stehen, wo ich stand, und wartete den Lauf der Tinge ab. Endlich hörte die Mutter das Geschrei und kam den Hügel heruntergesaust, daß der Schnee wie eine Staubwolke aufwirbelte, und Gott gnade dem, der sich mit ihrem Kalbe beschäftigt hätte! Es wäre ein heißer Tag geworden, wie die Hexe sagte, als sie verbrannt werden sollte. Es war komisch und rührend zugleich anzusehen. Tie Mutter liebkoste das Kalb, wie um es zu trösten, beschnüffelte es überall, um zu sehen, ob es auch unverletzt sei, schob es ein wenig hin und her und stieg dann ganz langsam die Schneewehe hinan, aber nicht auf demselben Wege, den das Kalb eingeschlagen hatte; dieses war da gegangen, wo die anderen voraufgeeilt waren. Nein, sie wählte vorsichtigerweise einen bequemeren, weniger steilen Weg. Als sie es über die Wehe hinweggeführt hatte, lief sie ein paar Schritte voraus. Die Geschwindigkeit war nicht groß, aber das Kalb konnte trotzdem nicht mitkommen. So kehrte sie denn um, lief hinter das Kleine und stieß es mit der Nase vor das Hinterteil, damit es seinen Lauf ein wenig beschleunigte. Dann lief sie wieder einige Meter voraus. Wer das Aermste konnte noch nicht mitkommen. Nun eilte sie wieder zurück, um das Kalb von neuem zu puffen. So trieb sie es den ganzen Weg aufwärts, bis sie das Karree erreicht hatten. Dort nahm sie ihren Platz ein; das Kalb kroch unter ihren Bauch und versteckte sich in ihrem Behänge; es war unmöglich, das Tier zu sehen. Mihnachts-Litteraiur. — Grill parzerssämtlicheWerke. Vollständige Ausgabe in 16 Bänden. Herausgegeben und mit Einlect- ungen und Anmerkungen versehen von Dr. Moritz Recker. Mit 7 Bildnissen, einem Briefe und einem Gedichte als Handschriftenproben, sowie mehreren Registern. In vier Leinenbünden Mk. 6.—. Diese Ausgabe ist vollständiger, als alle anderen Ausgaben, indem zum erstenmale Grillparzers Tagebuchblätter, iuteressante Aufzeichnungen intimster Natur, in seine Werke ausgenommen wnrden; außerdem sind ihr eine mit guten Bildnissen geschmückte Darstellung von Grillparzers Leben und Schaffen, sowie Einleitungen des Herausgebers zu den einzelnen Werken beigegeben, die in das Verständnis der Dichtungen, ivsbeso- dere der Dramen einführen. Erstaunlich ist die Billigkeit dieser Ausgabe. Dabei ist sie so reinlich gebunden und so deutlich gedruckt, daß sie unbedenklich in jede Hausbibliothek gestellt werden kann. Die wertvollste Beigabe ist eine ganz ausgezeichnet geschriebene Biographie, kulturhistorisch und literarhistorisch gut fundiert, mit geistvollen Rückblicken — 704 auf die Aera der Reaktion und des Denunziantentums, mit seinen Retrospektiven, die der Zensur gelten, ihren Mißbräuchen und Launen und den Folgeerscheinungen, die sie ini öffentlichen Geiste zeitigte. Zwei Kapitel lesen sich mit besonderem Interesse, das „Katharina Fröhlichs betitelte und jenes, welches von der Begegnung Grillparzers mit Goethe handelt. ' Eeijermans jr., Hermann, Jntsrieurs. Nebersetzt von R. Ruben. Preis elegant drosch. 2 Mk. Verlag von Bruno Fetgenspan, Pößneck i. Th. Oktav IV. 320 Seiten. — Heijermans, der Dichter der „Hoffnung", erscheint in seinem neuen Werk „Jntsrieurs" wieder mit einer Reihe scharf und unbestechlich beobachteter Zügss aus dem Leben. Es ist in diesem Schriftsteller etwas von der charakteristischen Meisterschaft der alten holländischen Maler, wodurch sich auch das Nationale in seiner Kunst kennzeichnet: kleine, treffende Genrebildchen aus den innersten Winkeln des Bürgerhauses herausgegriffen und mit klarer ungeschminkter Realistik wiedergegeben. Ein feiner Psycholog, weiß er das Seelenleben von der einfachsten Regung bis zur wilden Leidenschaft anatomisch genau zu zergliedern und runde, prouonzierte Charaktere zu entwickeln. Keine komplizierte Komposition, lauter kleine Vorwürfe, — alles in Beobachtung und Charakteristik, Stimmung aufgelöst, — kleine Ausschnitte aus dem Leben. „Anneke" und „Ein Judenstreich?" sind die zartesten dieser Novellen: das innere Weh einer erblindeten blutjungen Frau, die in eifersüchtiger Sorge die frische Schönheit des Dienstmädchens heraustastet in dem einer:, das schwer errungene Eheglück eines jüdisch-christlichen Paares, zwischen das zuletzt doch entfremdend der beschworene Schatten des Konfessionsunterschiedes tritt, im andern. An seiner psychologischer Ziselierarbeit und kräftigem Humor ist die Skizze des jüdischen „Begräbnisses" reich, die tiefste Tragik eines jungen Mannes, dem eine unheilbare Krankheit nach scheinbarer Genesung das Glück einer tiefen, heißen Liebe vernichtet, ergreift in der „Heirat" das mitempfindende Herz. Von kunstreicher, feiner Zeichnung ist die kleine Novelle „Das Mädchen", wo die zärtlichen und zornigen Leidenschaften eines jungen Paares aus Rücksicht auf die Blamage vor dem Dienstmädchen „wrnter unter dem Eise sieden". „Bep, der törichte Junge" flieht aus Furcht, für seinen Bruder, einen Mediziner, ein interessanter Fall zu werden und stirbt aus dem Meere. — Aucb diesem neuesten Werke Heijermans ist die weiteste Verbreitung zu wünschen. Leo nid a s H arp y i a. Eine Geschichte aus Venezuela, jung und alt erzählt von C. Falken horst. Mit sechs Vollbildern. In Letnivand gebunden mit farbigem Deckelbild. 3 Mk. Dresden, Verlag von Al ex an d er Kö h l er. — Vom Maultiertreiber zum Präsidenten — dieser Erfolg Castros, des jetzigen Präsidenten von Venezuela, hat es dem biederen Maultiertreiber Leonidas Harpyia angetan, er möchte das gleiche Ziel erreichen. Da ihm das Glück nicht hold ist wie jenem, so geht er — eine typische Erscheinung in dem an Revolutionen reichen Venezuela — als Revolutionär zu Grunde. Den Helden und sein Geschick, seine Landsleute und deren Sitten und Gebräuche, sein Vaterland und dessen geographische, physikalische, politische und sonstige Verhältnisse lernen wir kennen auf den Fahrten, die eilt deutscher Gelehrter im Auftrage eines deutschen Handelshauses in Caracas ins Innere des Landes unternimmt. Den Hintergrund der farbenreichen, fesselnden Erzählung bilden die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit: die Aktion der Deutschen und Engländer gegen Venezuela. Der aus der Ferne herüberschallende Kanonendonner der Blockade begleitet einen Teil der geschilderten Begebenheiten. Reiche Belehrung über eh: für Deutschlands Handel wichtiges Land und einen klaren Einblick in ein Stück miterlebter Weltgeschichte wird jeder Leser als Frucht der Lektüre des empfehlenswerten Buches davontragen. Diese neue Erzählung des beliebten Verfassers darf allgemeines Interesse beanspruchen, und wird jedem, der damit zum kommenden Feste beschenkt wird, große Freude bereiten. — Lonke, Königin Luise. 20 Bogen Oktav mit vielen Abbildungen. Preis Mk. .—. Eine mit gründlicher Sachkenntnis , und Wärme geschriebene Darstellung des Lebens und Wirkens der unvergeßlichen Königin, unterstützt Redaktion: Ananst Eötz.— von einer Reihe zum großen Teil unveröffentlichter Dokumente. Das Buch wird sich binnen kurzem überall ein» bürgern. Namentlich auch illustrativ bringt es ungewöhnlich Schönes. — Die Stellung der Bühnenkünstlerin zur Frauenbewegung behandelt in einem ebenso flott geschriebenen tote scharfen Aufsatz die berühmte Opernsängerin Materna in der neuesten Nummer des Magazins für Literatur. Frau Materna kommt zu dem etwas verblüffenden Schluß, daß die Bühnenkünstlerinnen, ob verheiratet oder nicht, ein unbedingtes Recht auf die Mutterschaft hätten. Ihre Kollegin von der Feder, Adele Schreiber, nimmt sich der Poesie der verlorenen Leute an und deckt mannigfache verborgene Schönheiten in Landstreichergedichten auf. Jacques Hegner gibt in derselben Nummer in einem aparten Aufsatz, betitelt „Einige Kapriolen, auf dem romantischen Pferd vorgeritten", Andeutungen über neuromantische Kunst und bringt einen sehr feinen Abschnitt aus dem altenn Romantiker Wackenroder oder „Allgemeinheit, Toleranz und Menschenliebe in der Kunst". Ter bekannte Wiener Stefan Zweig berichtet über das interessante Schicksal eines modernen französischen Romans, während Leppin eine Novellensamm- lung von Gustav Meyrink zum Vorwurf eines licbevoll-ein- dringenden Essays nimmt und Karl Friedrich Nowak biet Werke und das Wesen Challemel-Lacotirs, des französischen Schopenhauer, aufmerksam untersucht und ausführlich bespricht. Außerdem finden sich in dieser Nummer mehrere vorzügliche Novellen, Skizzen, Gedichte re. Wir können das Magazin für Literatur allen untereren Lesern, die für moderne Kunst etwas übrig haben, wärmstens empfehlen und raten den Interessenten, sich eine Probenummer kommen zu lassen, die von der Geschäftsstelle des Magazins für Literatur in Leipzig-Reudnitz gratis und ftanko versandt wird. Kleine praktische Wütschläge. C h r y s a n t h e m u m - K o m p o t t. In Newyork ist es Mode geworden, in den chinesischen Restaurants zu dinieren. Man findet dort nicht nur die traditionellen Schwalbennester, sondern auch andere Leckerbissen und köstliche Gerichte. Besonders der Nachtisch wird sehr gepflegt. Die Chinesen begnügen sich als Leute von Geschmack nicht damit, wie gewöhnliche Sterbliche die Früchte der Jahreszeit zu essen; sie machen auch die Blumen selbst zurecht, und die Rezepte von Desserts aus Chrysantemum, Veilchen und Roseublättern sind bereits von den chinesischen Restaurants zu den „Five o'clocks" übergegangen. Für einen weiblichen Gaumen gibt es in der Tat nichts Besseres und Köstlicheres als Chrysanthemum-Kompott, für das der „Gaulois" folgendes Rezept mitteilt: Man Nimmt ein frisches Chrysanthemum, wäscht es sorgfältig, löst die Blumenblätter und taucht sie in ein Gemisch von geschlagenen Eiern und Mehl; dann zieht man sie zurück und taucht sie schnell in heißes Oel, breitet sie eine halbe Minute lang auf Papier, das das Fett anssaugt, bestreut sie mit Zucker und serviert sie daun. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Q-g.fc i (Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.t LEIM ELSA i S A R MARK Rotationsdruck und st crlan der R rstbl'schcn Universitäts-Nuck« und Cteindruckerei. R. Lanae. Eiesten.