’Sr W W 1903. — Wr- 142 Areliag den 25. S-ptemöer einschaltete, beobachtete er mit künstlerischer Befriedigung das plötzliche Aufleuchten der Jugend in ihrer; schon halb verwelkten Zügen. Unterdessen marschierten Douglas und Staunton den Quai auf intb ab, dann vom Quai nach dem Dorfplatz und zurück, die Hände in den Taschen, den Kragen bis über die Ohren gezogen und die Joppen fest über der Brust zugeknöpft. Der Oktobermorgen dieses milden Landstrichs schien solche Vorkehrungen gegen die Kälte freilich nicht zu rechtfertigen; aber wenn man seinen Freunden Opfer! bringt, will man es ihnen doch auch zu verstehen geben! Tie jungen Leute verhielten sich außerordentlich schweigsam, erst nachdem sie wohl zwanzigmal auf- und" abgeschritten waren, ermannte sich Staunton zu einem: „Nun, wie findest Tu das?" worauf Douglas mit bedeutungsvollem Achselzucken antwortete. Nach dem dreißigsten Rundgang machte Staunton den Vorschlag, sich wenigstens nach einem passenden Boote umzutun. Da tauchten auch schon ein paar mächtig breite Schultern vor ihnen im Morgennebel auf. Der Mann kam auf ihren Zuruf näher: er 'war kein Jüngling mehr, hatte aber auffallend frische Farben und ein paar durchdringende blaue Augen. Es war Hervä Rodellec, der, heut vollkommen nüchtern, es jedem seiner Gefährten gleichtun konnte und nun sein Boot den Fremden zur Verfügung stellte. „Es sieht nicht schlecht aus", bemerkte Stauntonj „wir wollen nach seinen Bedingungen fragen und mit ihm abschließen." In diesem Augenblick erschien Hanior auf dem Schauplatz, fröhlich, mit leichten Schritten trat er auf die Gruppe zu: „Da seid Ihr ja, ich komme etwas spät, nicht wahr? aber ich wurde aufgehalten. Was in aller Welt habt Ihr denn mit dem alten Raufbold zu tun?" ein gutmütiges Nicken für Rodellec begleitete diese Worte. „Meurice", r;ef er dann mit schallender Stimme; „Ihr da auf der Mauer, seht doch mal nach, wo Monsieur Meurice steckt!" Es war erstaunlich, was für Leben und Beivegung Ha- mor in den stillen Morgen brachte! Die Fischerknaben eilten davon, seinen Auftrag auszuführen, bekannte Seeleute traten aus dein Nebel herzu, und ivv er mit seinem offenen Gesicht und dem herzlichen Morgengruß stand, schien es warm und sonnig zu werden, schien die Welt aus ihrem Morgenschlas zu erwachen. Hamor bewunderte die Seeleute von Plouvenec und hatte eine sehr glückliche Art und Weise mit ihnen zu verkehren. Er liebte es am Strand herumzuschlendern, und ließ sich gern mit ihnen in sachverständige Gespräche über Küstenleben und Fischerei ein. Nach und nach hatten sie ihre anfängliche Scheu vor ihm verloren; wer so viel vom Fischerleben verstand, war doch entschieden anders zu beurteilen als gewöhnliche Landratten. Auch behielt er jeden Namen, jedes Gesicht — eine Gabe der Götter, die im Fischerdorf ebenso zn statten kommt, wie am Königshofe. Zudem hatte er sich bei mehreren kleinen Unglücksfällen (Nachdruck verboten.) N MttimWn m her Von B. W. Howar d. (Fortsetzung.) 8. Kapitel. Unterdessen hatte Hamor den Pfarrer auf den Lannions keineswegs vergessen. In seiner Phantasie trug er sich längst mit den mannigfaltigsten Ideen und Plänen für ein großes Werk, in dem Thymerts bedeutende Persönlichkeit eine Hauptrolle spielen tollte. „Ich muß den Mann studieren", sagte er sich täglich, „muß mich in ihn einleben, und mit ihm Verkehren. Wenn ich ihn so malen könnte, wie er in jener Nacht unter der rohen, trunkenen Menge stand, stark und sieghaft, vom Strahl der Laterne beleuchtet — das wäre ein Motiv — aber so etwas will auch gemalt sein!" Hamor betrachtete es als ein natürliches Recht der Künstlergilde, die ganze Welt für ihre Zwecke mit Beschlag zu belegen. Wer seine Modelle mit kundigem Auge herausgefunden, mußte sich ihrer auch nach Lust und Muße bedienen dürfen. Daß er sich um Guenn Rodellkr imb Thy- mert erst nicht sonberlich bemühen sollte, wollte ihm nicht recht in den Sinn, doch hielt er's unter den Umständen für das Richtigste, die beiden durch seine Liebenswürdigkeit zu besiegen. Er nahm sich daher vor, den versprochenen Besuch auf den Lannions abzustatten. Nachdem er seine Leiden Freunde, Staunton und Douglas überredet hatte, ihn zu begleiten, war beschlossen, am Sonntag morgen in aller Frühe abzusegeln. Nun hatte aber Hamor die mißliche Gewohnheit, seine Freunde häufig lange auf sich warten zu lassen. Erschien er dann endlich, nachdem ihre Geduld beinahe erschöpft war, so setzte er dieselbe meist noch durch seine unverwüstlich gute Laune auf eine harte Probe. Was hatte er aber auch unterwegs alles mit Leuten zu besprechen, dre ihn gar nichts angingen! Bald stand er hier still, bald da, um ein Kind zu liebkosen und dabei der Mutter emen freundlichen Blick zuzuwerfen, oder er fand für gut, eine scherzhafte Bemerkung an den grämlichsten alten Dorfbummler zu verschwenden. Hamors Freunde hatten wahrlich Ursache, seine allzugroße Leutseligkeit zu verwünschen. Auch heute morgen war er noch einmal vom Strande nach seinem Atelier zurückgelaufen, um sein Skizzenbuch zu holen. Tas Weiblein hatte sofort den Fensterplatz ver- tossen und erwartete ihn, wie schon oft, unter dem großen Torweg. Er war nicht der Mann dazu, einer allezeit! zuspruchsbedürftigen kleinen Frau den Morgenschwatz zu versagen. Bereitwillig hörte er ihre historischen und genealogischen Berichte über Quimper und andere Städte an, und während er aü und zu ein verständnisvolles Wort 666 rief Hamor als Helfer in der Not erwiesen, was ihm die Herzen von Jung und Alt gewann. Hamor hatte eine ausgesprochene Dorliebe für den Superlativ, und zwar pflegte er ihn stets auf dasjenige anzuwenden, was ihn zuletzt in Entzücken versetzt hatte. Das letzte hübsche Mädchen, das er gesehen, galt ihm für die nächsten paar Tage als das schönste Geschöpf unter der Sonne. Tas letzte interessante Buch war unstreitig das beste Werk, das er jemals gelesen. Auch über die Seeleute von Plouvenec sprach er sich seinen Freunden gegenüber stets im Tone der größten Anerkennung aus. So stand Hamor auch jetzt inmitten seiner Bewunderer und hatte es wenig acht, daß Rodellec mit mürrischer Miene beobachtete, wie der langsam herankommende Meurice von Hamor mit sichtlicher Freude begrüßt wurde. „Es wird eilt schöner Tag werden für unsere Fahrt, Monsieur. Der Nebel steigt, und das Boot liegt bereit, wenn Sie also fertig sind? . . ." Als Meurice noch so sprach, kam Rodellec an ihn heran nnd flüsterte ihm etwas ins Ohr. „Mas kümmert's mich", war Meurices kurz angebundene, von einem Achselzucken begleitete Antwort. Rodellec fuhr fort, mit zorniger Miene allerhand in den Bart zu murmeln. „Vorwärts, vorwärts", trieb Hamor zum Aufbruch : „Laßt uns keine Zeit verlieren, Patron. Sans rancune Rodellec!" „Es ist schon das zweite Mal, daß Sie meinen Weg durchkreuzen und mir zuwider sind", knurrte Hervs mit verbissener Wut, „es wäre klüger. Sie ließen mich in Frieden. Nehmen Sie sich in acht, Herr! Sie täten besser —" „Aber wer wird denn um eine solche Kleinigkeit gleich solchen Lärm schlagen? Seid doch still, Rodellec, ein andermal nehmen wir Euer Boot." Rodellec zog die Mütze über das linke Ohr und ging verdrießlich beiseite. Das Gelächter seiner Kameraden, das ihm nachschallte, bewies ihm, daß er den kürzeren gezogen habe, und Hamor ihm auch diesmal überlegen sei. „Lache nur, Tu alberner, junger Geck! Die Reihe wird schon noch an mich kommen", brummte er ingrimmig im Mgehen und warf einen haßersüllten Blick auf den jungen Maler, der soeben mit freigebiger Hand Cigaretten unter die jubelnden Schiffsjungen verteilte. Bursche dieser Rodellec ist! ich liebe seine zornigen Augen, sein Patriarchenhaupt und seine wüste Laune. Auf Ehre, die kleine Guenii sieht -ihm ähnlich und scheint auch einen guten Teil der väterlichen Gemütsart geerbt zu haben. Der Mann muß mir einmal sitzen!" . sitzen!" rief Douglas mit ungeheucheltem Erstaunen. „Ist es denn möglich, daß Du gar nicht merkst, wie Dich dieser Mensch verabscheut! Ich muß gestehen, ich kann's ihm nicht verargen, und Dir wird die Erfahrung vielleicht nützlich sein! Es unterliegt keinem Zweifel, dieser Rodellec^ haßt Dich mit einem so aufrichtigen, so glühenden Als die jungen Leute Meurice zum Boot hinab folgten, hamor voll Begeisterung: „Was für ein prächtiger hloSov ^"dellec ist: ick> liebe seine zornigen Augen, Hamor lächelte. „Unsinn! Heutzutage kann gar niemand mehr hassen"; er blies leichte Rauchwölkcheu in die Luft und beobachtete ihr Zerfließen mit dem größten Interesse. „Ich glaube wirklich", sagte Staunton in seiner ruhigen, abgemessenen Sprechweise, ,„daß Hamor einem Modell gegenüber alle Grundsätze über beit Hausen wirft. Er wird sich nicht besinnen, seinen Todfeind zum Modell zu begehren, den Mörder seines Bruders vielleicht, oder den .Entführer seiner künftigen Gattin." Hamor sah ihn erstaunt an, es kam so selten vor, daß stauntou eine entschiedene Meinung äußerte. „Warum denn nicht?" erwiderte er endlich bedächtig, „wenn sie mir gerade zu einem Bilde paßten!" Aach diesem Bekenntnis entstand eine etwas gewitterschwüle Stimmung; die beiden andern gaben durch ihr Schweigen hinlänglich ihre. Mißbilligung zu verstehen und Hamor war der Beifall seiner Freunde doch nicht so gleich- gilttg, tote er sich gern das Ansehen gegeben hätte. Glücklicherweise war die allgemeine Aufmerksamkeit auf 8 3eIx>itft. „Es riecht ein wenig stark nach v'i/chv.erklärte Hamor lächelnd, „aber warum sollte es Das Boot ist ja selbst ein Fisch; paßt nur auf, wenn Ihr es schwimmen seht! Eh Patron?" Meurice sah sich an feiner schwächsten Seite gepackt; ern verräterisches Zucken um die Mundwinkel zeigte deutlich, I wie ;ehr sich sein Gemüt freute. Lobte man sein Boot oder seine kleine Tochter, so schlug sein Herz höher. Auch letzt suchte er durch ein verlegenes Hüsteln seine Bewegung zu verbergen, aber dabei funkelten seine Augen vor iunereni Vergnügen. r, , könnte schlechter sein, gewiß, es ist nicht das schlechteste", begann er schüchtern, und fuhr dann nach ein ent sorsthenden Blick auf die Mienen der drei Fremden zuversichtlicher und mit weniger Zurückhaltung fort: „Es ist das beste Boot in der ganzen Bucht, Messieurs! ich sage nicht, daß es so schön ist, wie das von Monsieur Louzs, obwohl ich auch darüber meine eigene Meinung habe. Missen Sie auch, Messieurs", setzte er, durch die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer geschmeichelt, in vertraulichem Ton hrnzu, „daß es mit einem Boot und einem Mädchen so ziemlich die gleiche Bewandtnis hat? Man muß sie bei gutem und bei schlechtem Wetter kennen lernen, sonst weiß man nie, woran man mit ihnen ist. Hören Sie aus meinen Rat, und lassen Sie sich mit keiner ein, bis Sie sie auch bei schlimmem Wetter erprobt haben." Die jungen Leute versprachen ihm lachend rechtzeitig seines Rates eingedenk Sie bezeugten alle keine sonderliche Eile abzuseqeln. Lie Gegenwart war so schön, daß es schade erschien, iie nicht festzuhalten. Der Nebel erhob sich, klarer und klarer trat das bunte Gewimmel der Fischerboote zutage, immer lauter und lebhafter erklangen die Stimmen der Seeleute. Meurice ging eifrig hin und her, um Vorkehrungen jur Abfahrt zu treffen. Endlich trat er mit verlegener Miene auf die Herren zu: „Würde es Ihnen unangenehm sein, wenn ich die Mädchen mit an Bord nähme!" er deutete auf eine Gruppe am Ufer. „Es ist nur Nona, ine Heine Helene und Marie. Ich habe es ihnen eigentlich versprochen, sie bei Gelegenheit einmal nach den Inseln hinüber zu nehmen. Sie werden auch gewiß nicht stören sem fragender Blick war auf Hamor gerichtet. „Nun natürlich, nehmt sie nur mit. Wir kennen ja Nona schon. Guten Morgen Nona, guten Morgen kleine Helene, und Du bist Marie?" er fixierte die Züge des Mädchens aufmerksam — „gut magst Tu sein, hübsch bist Tu jedenfalls nicht", setzte er ans englisch zu seinen Freunden gewendet hinzu. Auch Staunton und Douglas beg- grüßten aufs freundlichste die scheuen, rosigen Mädchen, die in ihrem sonntäglichen Putz höchst schmuck aussahen: zaghaft kamen sie herbei und lletterten schwerfällig ins Boot. „Komisch, wie ungeschickt sich diese Mädchen bewegen", bemerkte Hamor; „beinahe wie die Kühe, findet Ihr nicht?"' „Sollten nicht ihre Röcke schuld daran sein?" meinte Staunton; „sie tragen eine schauderhafte Masse Falten auf den Hüsten, da ist's ja unmöglich, zierlich zu gehen, wer wäre das im stände?" „Guenn Rodellec", erwiderte Hamor mit Nachdruck. „Ja, sie ist ein zierliches kleines Geschöpf", stimmte Staunton bei. „Sie ist mehr als das, sie ist das einzige wirklich anmutige Weib, das mir je vorgekommen ist", rief Hamor voll Begeisterung. „Weib?" rief Douglas lachend, „nenne sie wie Du willst, nur nicht ein Weib",, sie ist ein Kind, eine wilde Hummel, ■ ein Gassenbube. Sie kann klettern, rennen, springen, sie berührt kaum den Boden." „Sie ist doch ein wundervolles Weib", beharrte Hamor, „wartet's nur erst ab." „Bildest Tu Dir immer noch ein, sie zum .Modell zu bekommen?" erkundigte sich Staunton. „O, daran habe ich noch keinen Augenblick gezweifelt. Wenn ich sie habe, leihe ich sie Dir gelegentlich." „Sehr verbunden, ungeheuer großmütig von Dir", versetzte Staunton spöttisch. Meurice kam heran, begleitet von zwei fremden Herren, welche die Künstler schon öfters in den Straßen von Plouvenec gesehen hatten, der eine war ein junger elsässischer Gelehrter, der im Plouvenecer Aquarium arbeitete^ der andere war Professor der Naturgeschichte an einer höheren Lehranstalt des südlichen Frankreichs. Allzuviel! Gelehrsamkeit hatte den einen zum kleinmütigen Zweifler, den anderen zum farkasttschen Spötter gemacht. Trotzdem ließ sich erwarten, oaß sie für einen Tag gute Gesellschafter abgeben würden, Sie hatten gleichfalls die Absicht gehabt, nach den Lannions hinüber zu segeln, waren aber vor - 667 ihrem Schiffer im Stich gelassen worden. Man wies sie mit ihrem Begehren an Meurice, der jetzt herbeieilte, um Hamors Zustimmung einzuholen. Hamor bezeugte herzliche Freude über diesen Zuwachs zu ihrer Gesellschaft und übernahm es aufs liebenswürdigste, die Honneurs des alten Fischerbootes zu machen. „Nur", meinte er lachend, „dürfen wir jetzt den Patron nicht mehr fortlassen, er bringt sonst jedesmal neue Leute mit. Wir sind vollzählig und können in See stechen. Mein Platz ist am Steuer, wenn's Euch recht ist, Meurice!" Der Wind blähte die Segel auf, der Anker wurde gelichtet und pfeilschnell schoß das kleine Boot dahin, sich kühn einen Weg durch die lange Mastenreihe bahnend; bald war man am Quai hiuunter, am Leuchtturm vorüber, in der offenen Bucht angelangt, und lustig glitt das muntere Fahrzeug über die weißen Wogenkämme. Die Gesichter der jungen Leute strahlten vor innerer Befriedigung. Es erging ihnen wie jedem Liebhaber von Wasserfahrten: sobald die Segel vom Winde geschwellt werden, fühlt sich das Gemüt erleichtert und Sorgen und Kümmernisse versinken in dem ungeheuren Wogengrab. Tie Matrosen scherzten und lachten mit den jungen Mädchen, der Schiffsjunge verschlang verstohlen in seinen freien Momenten ein Stück des mitgenommenen Backwerks nach dem anderen. Tie Fremden lagerten sich so bequem als möglich auf den umherliegenden Tauen und Netzen und plauderten oder schwiegen still, wie es der Augenblick gab. Hamor machte sich daran, erst den gefräßigen Schiffsjungen und dann die kleine Helene in sein Skizzenbuch aufzunehmen. Helene Ivar ein sehr gesuchtes kleines Modell, der Liebling aller Maler in Plouvener Ihr rundes Gesichtchen unter dem weißen Kopfputz, ihre hellblauen, unschuldigen Kinderaugen und ihr süßer kleiner Mund waren den Pariser Bilderhändlern gar wohl bekannt. Tie kleine Helene verstand ihre Sache gut; auch jetzt erhob sie aus Hamors ermunternden Blick sofort ihr Köpfchen und nahm die Stellung an, die er ihr pantomimisch bezeichnete. Sie hatte Monsieur Hamor sehr gern, wie alle Kinder im Torfe; auch die älteren Mädchen schauten mit neugieriger Teilnahme auf sein Tun und Treiben; er schien sie im höchsten Maße zu interessieren, wie ihr eifriges Flüstern bezeugte und die verstohlenen Blicke, die sie miteinander wechselten. Schließlich mußte er selbst bemerken, daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit sei; fragend schaute er auf. (Fortsetzung folgt.) Erne Heilanstalt zur Zeit Ludwigs des Frommen. Unter diesem Titel veröffentlicht E. v. Sommerfeld in der Monatsschrift „Nord und Süd" einen Aufsatz über die Zustände in einer Kuranstalt vor mehr als 1000 Jahren, dem wir folgende interessante Einzelheiten entnehmen: Eine Schrift Einhards — die Ueberführung der Gebeine der heiligen Petrus und Marcellinus — gießt ebenso umfassende wie unterhaltende Aufschlüsse über die Zustände einer solchen Wallfahrts- und Heilstätte zurzeit Ludwigs des Frommen. Der durch seine sagenhafte Liebe zu Karls des Großen angeblicher Tochter Jmma zu den berühmten Liebespaaren zählende Verfafser war in Wahrheit der vertraute Freund und Bautenminister Karls des Großen und der uneigennützige Ratgeber seines Sohnes und Nachfolgers, eine der edelsten Erscheinungen seiner Zeit. Aus der Höhe der Wissenschaft stehend, verband er staatsmännischen Blick und Kunstverständnis mit einer geradezu kindlichen Frömmigkeit und einem warmen Herzen für die Not seiner Mitmenschen. Auf dem ihm von Ludwig dem Frommen in dem lieblichen Mümlingtale geschenkten Ruhesitze zu Michelstadt im Odenwalde hatte er 827 eine kleine, einfache, aber künstlerisch gediegene Kirche vollendet. Jedoch weder Michelstadt noch die dortige Kirche war der Ort der Wahl der Heiligen. Wie sich später herausstellte, befaßten sich die beiden Männer mit Krankenheilungen. Nun lag Mrchelstadt für die Zwecke einer Heilanstalt sehr un- gunstrg mitten in dem unwirtschaftlichen Waldgebirge des Odenwaldes. Nur von Norden her führte das Flußtal auf- warts eine leidlich bequeme Straße. Gerade von der am dichtesten bevölkerten Rheinebene führte der Weg bergauf und bergab über das ganze ungangbare Gebirge. Auf eine ausgebreitete Praxis war also hier nicht zu rechnen. Durch Wunder und Traumgesichter verlangten daher die beiden Heiligen ihre alsbaldige Ueberführung nach dem anderen von Kaiser Ludwig an Einhard geschenkten Gute Ober- Mulinheim, heute Seligen st adt, am Main. Dieses lag mitten in der überall zugänglichen Flußebene und bot außerdem die für Kranke besonders wohltuende Wasserverbindung ans Rhein und Main dar. Schweren Herzens trennte sich Einhard von dem ihm ans Herz gewachsenen Michelstadt. Aber das Gebot seiner Heiligen stand ihm höher. Die Darstellung des Kurlebens zu Ober-Mulinheim kann sich nun völlig den gebräuchlichen Kapiteln in den Prospekten der heutigen Heilanstalten anschließen: Reisegelegenheit, zur Heilung gelangende Krankheiten, Heilmittel, Unterkunft, Honorar, Vergnügungen usw. Den Kranken standen freilich nicht die bequemen Polster in den durchgehenden Schnellzugswagen zur Verfügung. Wohl dem, der die sanft dahingleitenden Bewegungen eines Rheinoder Mainschiffes stromauf benutzen konnte. Die Landstraßen befanden sich dagegen in einer üblen Verfassung. Anhaltendes Regenwetter riß tiefe Löcher und ließ umfangreiche Pfützen zurück, lieber die Wasserläufe führten nur in der Nähe großer Städte Brücken. Tagelang waren die Wege überhaupt unbrauchbar. Zwar gab es vier- und zweirädrige Wagen, aber keine Feder minderte die Stöße der holprigen Wagenspur. Zudem dienten die Wagen ausschließlich dem Frachtverkehr, die Reisenden benutzten Reitpferde, Esel oder Maultiere. Auch auf sie hockte°sich wohl oder übel die Mehrzahl der Kranken. Die Mittellosen kamen, allenfalls auf eine barmherzige Schwester gestützt, zu Fuß, die Mutterliebe trug sogar ihre kranke Tochter auf dem Rücken herbei. Nur für ganz kurze Strecken hals die Wohltat der Tragbahre aus. Und trotz aller dieser Beschwerden schleppte die Liebe der Angehörigen die Kranken von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort, in der Hoffnung, doch endlich vor die richtige Schmiede zu kommen. Auch wurden die weitesten Reisen unternommen. Nach Seligenstadt kamen Kranke aus Köln und Lüttich, aus der Gegend nördlich von Reims, aus dem Aargau in der Schweiz und schließlich sogar aus dem südwestlichen Zipfel von Frankreich und aus England. liebel vor allen Dingen stand es aus der Reise mit dem Nachtquartier. Herbergen lagen nur an der großen Heerstraße, zum Teil indes nur für die Beamten des Staates und der Kirche bestimnit. Gegen Geld und gute Worte tat sich wohl manche private Tür ans, aber wie viel Reisende jener Zeit besaßen einen gut ge- füllten Beutel? Zwar betonte die Kirche die guten Werke und obenan die Wohltätigkeit und Barmherzigkeit. Aber auf allen Landstraßen bewegte sich eine wahre. Landplage von Boten, Bettlern- und Pilgern, darunter eine beträchtliche Anzahl der dunkelsten Ehrenmänner. Neble Erfahrungen mußten die Anwohner mißtrauisch und hartherzig machen. Nur eine gute, im grellen Gegensatz gegen das spätere Mittelalter stehende Erscheinung überrascht: Totschlag, Körperverletzung und Raub kannte dank der Nachwirkung von Karls des Großen straffem Regiment die Landstraße nicht. Wie die Mehrzahl der heutigen Kurhäuser, war Seligenstadt eine Nervenheilanstalt. In weiser Beschränkung hatten sich die beiden Heiligen sogar nur zwei Einzelheiten aus dem Gebiete der kranken Nerven ausgesucht, einmal die Sinnesstörungen der Blindheit, Taubheit und Taubstummheit und sodann Lähmungen, Verkrümmungen und krampfartige Zustände. Im Besitz des gesamten medizinischen Heilschatzes nahmen sie jedoch wie die heutigen Spezialisten gelegentlich auch andere Patienten in Behandlung. So kamen Fälle von Geisteskrankheit, Besessenheit, Fieber, Herzschwäche, allgemeinem Kräfteverfall und einem Zahngeschwür mit geschwollener Backe zur Heilung. Höchst drollig ist die Kr a n kh e i t s g e s ch i cht e einer Bäuerin aus Ursel bei Frankfurt a. M. Das Landvolk hatte die Gewohnheit, früh morgens sich im Bette zu recken und zu strecken, auch die Kinnbackenmuskeln durch Aufreißen und Schließen des Mundes geschmeidig zu machen. Tubei hatte die arme Frau des Guten zu viel getan, der Mund war ihr m«t^>errenktem Kinnbacken stehen geblieben. Vergeblich versuchten die Gevatterinnen und weisen F-rauen ihre Hausmittelchen und Sympathien-Sprüchlein, einzelne machten durch ungeschickte Handgriffe und Massage das Uebel noch schlimmer. — Die Mehrzahl der Kuren glückte, selbst, solche, bei denen die Mast anderer Heiliger bereits versagt hatte. Ebensowenig blieb den Heiligen aber die trübe Erfahrung wirkungsloser Behandlung erspart, sobald 568 das Leiden -cht auf nervösem Boden entstanden war. ®itt Erfolg suchte geradezu seinesgleichen. Der taubstumme Knabe Prosper erhielt zunächst das Gehör und verstand die barbarische Landessprache. Später noch mit der Gabe der Rede beschenkt, verstand und sprach er nur Lateinisch. Das Heer der Nervenleiden galt bisher als die Begleit- und Folgeerscheinung des heutigen aufs heftigste gesteigerten Kampfes um das Dasein. Die Fülle und die schreckliche Gestaltung der von Einhard mitgeteilten Krankheitsfälle wirft diese Ansicht über den Haufen. Das Gesetz des steten Ausgleichs tritt hierbei klar zu tage. Alle auf die Gesundheit und Lebensdauer übermäßig einwirkenden Verhältnisse werden durch gegenteilige günstige Bedingungen im Schach gehalten. Das heutige hochentwickelte Kulturleben stellt unendlich größere Ansprüche an die Spannkraft des Körpers und seiner Nerven. Dafür hat der in die Schranken geforderte Geist weitgehende vorbeugende Schutzmaßregeln und Heilmittel gefunden. Im Naturzustande ist der Mensch dagegen den eigenen Gebrechen und der Unbill der Natur hilflos preisgegeben." Vevinisehtes. * Frauenkongresfe stehen eine ganze Reihe bevor. Den Anfang macht vom 23. bis 25. d. M. der Deutsch-Evangelische Frauenbund in Bonn. Es folgt vom. 27. bis SO. ds. in Köln die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins. Zu gleicher Zeit, vom 27. d. M. bis 1. Oktober, tagt in Hamburg-Altona der Verband Fortschrittlicher Frauenvereiue und im Anschluß daran der Deutsche Verein für Frauenstimmrecht. Vom 9. bis 12. Oktober soll in Bromberg ein Ostdeutscher Frauentag abgehalten werden, auf dem namentlich die Armen- und Waiseupflege sowie das Fortbildungsschulwesen für Mädchen zur Verhandlung kommen. * Acht Gebote für den Raucher. Ueber die Rehabilitierung des Tabaks schreibt Dr. Caze in der Revue: „Man wird ungestraft rauchen können, wenn man folgende acht Gebote beachtet: 1. Man nehme nur milde Zigarren. 2. Man rauche nur gute Zigarren. 8. Man rauche niemals die letzte Hälfte einer Zigarre oder das Ende einer Zigarette. 4. Geht die Zigarre oder Zigarette aus, so stecke man sie nicht wieder an. 5. Man setze sich nicht in Wolken von Tabakrauch. 6. Man kaue nicht das Ende einer Zigarre. 7. -Man brauche eine mit Baumwolle gefütterte Zigarren- oder Zigarettenspitze. Das Nikotin wird sich an das Futter setzen und nur in kleinen Mengen dem Raucher zugeführt werden. 8. Man rauche zu Hause nur Pfeifen mit langem Rohr und besonders den -Nargileh. Das ist der Kodex nach den letzten Errungenschaften der Wissenschaft, die den Tabak rehabilitiert." Von einem modernen Simson meldet der Philadelphia Demokrat: Unter den Zwischendeckspassagieren des Dampfers Friesland, denen das Landen in den Vereinigten Staaten gestattet wurde, befand sich ein russischer Simson, gegen den selbst die bedeutendsten amerikanischen Kraftmenschen die reinsten Waisenknaben sind. Der Russe, ein nur 5 Fuß 5 Zoll großer junger Mann aus Baku, Peter Holsow mit Namen, knickte auf dem Dampfer dicke Eisenstäbe wie Strohhalme, zerriß einen Zoll dicke Ketten, als ob sie Bindfaden wären, und zerbrach einen starken, schweren Stuhl, wie ein Mann eine Pappschachtel zerreißen würde. Ihn einen weitern Beweis seiner Körperstärke zu liefern, ließ er sich die rechte Hand auf den Rücken binden und überwältigte mit der linken fünf handfeste, herkulisch gebaute Zwischendeckler, die mit Aufwand aller Kräfte Holsow zu Fall zu bringen suchten. Bald nachdem der Mann gelandet war, hörte ein Showman von der Kraft Holsows und eilte sofort nach dem Einwander- nngshause, um den Russen zu engagieren, Als er den kleinen Holsow sah, glaubte er, daß man ihm einen Bären aufgebunden; der Russe nahm jedoch auf ein diesbezügliches Gesuch den wohlbeleibten Showman sanft am Kragerk'und hob ihn mit derselben Leichtigkeit empor, wie ein Kind eine Puppe empor- heben würde. Der überraschte Showman bot dem Rusten 500 Dollars für die Woche und erhöhte die Summe nach und nach auf 2000 Dollars. Allein Holsow ließ sich nicht erweichen, indem er erklärte, daß er als Oberaufseher des großen Röhrensystems in der Oelgegend von Baku sich Geld genug erworben habe, um fein ganzes Leben bei seinen einzigen Verwandten in der Welt im Ruhestand verbringen zu könne«. * Beim technischen Examen. Professor: „Was stellen Sie sich unter einer Kettenbrücke vor?" — Kandidat: „Wasser!" Literarisches. — „Zwischen Rhein und Donnersberg", kulturgeschichtl. Roman aus der Franzosenzeit 1808—1814, von Heinrich Bechtolsheimer. Zirka 320 Seiten, Preis broschiert 3 Mark, in elegantem Leinenbandl 4 Mark. Verlagsbuchhandlung von Emil Roth in Gießen. — Der als Schriftsteller bereits rühmlichst bekannte Herr Verfasser bietet im Vorstehenden sein erstes größeres Werk, dem jahrelange Studien sowie eine genaue Kenntnis rheinhefsischen nnb rheinpfälzischen Volkslebens zu Grunde liegen. Der von hohem sittlichen Ernst getragene Roman wird zu dem Besten zählen, was seit langer Zeit erschienen ist. In einem Milieu, das dichterisch noch nicht verwertet worden ist, führt uns das Buch in das heutige Rheinhessen und zwar in die Südwestecke dieser Provinz, in die Nähe von Kreuznach, in das fruchtbare Hügelland, auf das der' Donnersberg herniederschaut. Die Erzählung setzt ein mit dem Jahre 1808 und zeigt uns die Lage der Rheinländer unter der Herrschaft Napoleons. Wir* werden in das Dorf Degenheim geführt und sehen die Landbevölkerung bei Arbeit und harmloser Freude. Kirchweihtanz, Weinlese, Streiche der Dorfjugend, Birnenschälen re. treten vor uns hin in lebendiger, vielfach humoristischer Schilderung. Die Charakteristik der einzelnen Figuren ist vorzüglich; sehr wertvoll sind die unzähligen Schilderungen von Volkssitte und Gebrauch, von Glauben und Aberglauben rc. Alles in allem: ein schön geschriebenes wertvolles Buch, das die größte Verbreitung in vollstem Maße verdient und besonders für Volksbibliotheken wertvoll sein wird. — Die Bewohner des Mars geben den Stoff zu einem interessanten Aussatz aus der Feder eines Astronomen, der in der neuesten Nummer des Moden- und Familienblatts „Mode und Haus", Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35, enthalten ist. Außerdem findet man in diesem Blatte alles was die Hauswirtschaft und die Familie betrifft. Da werden uns in zahlreichen Abbildungen Moden-Genrebilder für Erwachsene wie für Kinder vorgeführt, Haus-, Gesellschasts- und Straßenkostüme, ferner Wäsche, Handarbeiten, .Kindererziebung, ärztliche und juri- sttsche Ratschläge, geistige Unterhaltung, Aktuelles aus der Zett wie aus dem Leben der Frau. Schon die Anzahl der Beilagen gewährt einen Begriff von dein Reichtum des Blattes. Da sehen wir die illustrierte Belletristische Beilage, ein farbiges Moden- resp. Handarbeiten-Kolorit, „Illustrierte Kinderwelt", die Romanbeilage „Aus besten Federn", „Humor" „Aerztkicher Ratgeber", eine Musikbeilage und viele andere noch. Ganz speziell machen wir aus den jeder Nummer beiliegenden Schnittbogen aufmerksam. „Mode und Haus" kostet pro Quartal! 1 Mk., mit Moden- resp. Handarbeiten-Kolorits 1, 25 Mk. Buchstabenrätsel. (Nachdruck verboten.) 1. Mit k geht's in die Lüste, Der Jugend wird'« gefallen. Mit f geht's in die Erde Und dienet einst uns allen. 2. Mit a sei es dir gut, Dann blüht auch froh dein Mut, Und wirst mit niemand tauschen. Mit ü halt es dir fern. Mit o besuchst du's gern, Des Künstlers Spiel zu lauschen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Tauschrätsels in vor. Nr.r Hand. Rest, Born, Korb, Eis, Wette, Grab, Feder, Berg, Zelt, Mai^ Bann — Herbstbeginn. Redaktion: August Götr. — Rotationsdruck und Berlaa der Brübl'schen UniversttätS-Buck - und Cteindruckerei. R. Lange, Güßen.