Montag den 25. Mak, Nr. 77. 1903. W 'Wüiiml (Nachdruck verboten.) Die Annonce. Novelle von Thomas Glahn. (Fortsetzung.) Beide lasen weiter. Draußen rumorte die Wirtin, durch hie offenen Fenster scholl das Lärmen der Kinder, die aus der Schule kamen. „Hast Du was?" fragte Kurt. „Nix!" grunzte Fred. „Eine Schneiderin mit Büldung, eine höhere Tochter mit dem Motto: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet", und einiges minder Harmlose. Und Du?" „Dasselbe in Grün. Bei dem Humbug kommt nichts 'raus. Ich les' jetzt nur noch die gut geschriebenen Briefe." Wieder war es still. Plötzlich sagte Kurt Unruh: „Mensch — ich glaube —" Und als Fred aufblickte, ging er mit großen Schritten durchs Zimmer und murmelte: „Einsame Seele — reine Begeisterung — Mitempfindung —" „Hast Tu Gehirnschwund?" fragte sein ärztlicher Detter teilnehmend. „Ja!" schrie Kurt auf, „ich hab' sie! Junge, hör' zu — Tein Einfall ist Geld wert. Hier'" Er las: „Mein Herr! Ich weiß sehr wohl, daß eine junge Dame derjenigen Kreise, die man mit Recht oder Unrecht die besseren nennst, auf ein Inserat, wie es das Ihre ist, nicht antworten darf, Vielleicht haben Sie selbst es auch nicht erwartet, vielleicht nicht einmal gewünscht. Tann erledigen sich diese Zeilen ja von selbst. Aber es wäre doch auch nicht unmöglich, daß ein Körnchen Ernst, ein Fünkchen Sehnsucht nach einer geistigen ^Gefährtin sich in Ihrer Anzeige ausspricht. Es gibt manche einsame Seele im lauten Berlin — eine einsame Seele redet hier. Sie möchte gern teilnehmen und teilnehmen lassen, möchte gern einem Mitempsindenden sagen, was sie bewegt, und seine reine Begeisterung rein nachfühlen. Wenn dies und nichts anderes der Grund Ihrer Annonce war, würde ich mich herzlich freuen. Tann bitte ich, mir unter „Viola" nach Postamt siebenundachtzig zu schreiben. Ob ich schön und jung bin, tut ja dann wenig zur Sache. Jung bin ich jedenfalls. Ich sage allerdings im voraus, daß ein persönliches Zusammentreffen, zu dem ich mich an sich nur außerordentlich schwer entschließen könnte, nur dann erfolgen würde, wenn mich eine längere Korrespondenz gleiches Streben und gleiche Interessen in uns erkennen ließe. Ich schließe diesen Brief mit der stillen Hoffnung, daß er in die Hände eines Menschen kommt, der sich genug Herzensreinheit bewahrt hat, um ihn ganz zu verstehen. Mola." Kurt Unruh hatte immer schneller gelesen. Man merkte es ihm an, daß jeder Satz ihn freute. Als er zu Ende war, drückte er den Kneifer fester und sagte: „So, das wäre der Brief! Ich weiß ja allerdings, daß Du mich wieder anulkst. Aber beim neuen Bürgerlichen Gesetzbuch: das, das ist ein Weib! Die lass' ich mir nicht nehmen!'' „Sollst sie auch behalten, Sänstling!" brummte Fred Richter. „Viola — das sagt schon genug. Das Blaueste an Himmelblau näid Idealismus was es gibt." „Bist nur neidisch! Im ganzen Brief kommt von Idealismus nichts vor. Das ist eben echte Vornehmheit, die ohne große Worte alles erraten läßt. So diskret ist der ganze Brief geschrieben, so sein und sicher > Junge, wenn Tu einen Kuß willst —" ~ . „Allmächtiger, mach mich nicht unglücklich! Ser zufrieden, daß Tu für Deinen Geschmack was entdeckt hast. Ich find' den Bries ja gräßlich." , Kurt Unruh zuckte verächtlich die Schultern. „Geschmackssache. Ihr Mediziner seid ein rohes Pack, ohne Sinn für Höheres. Der Kadaver blerbt Euch dre Hauptsache. Gut, daß Viola nicht in Deine Hände gefallen ist. Tas Seelische bannt mich — hier dieser Passus: Es gibt manche einsame Seele im lauten Berlin eine em- fönte —u „Blonder!" schrie Fred, „wenn Du weiter liest, gibt"A ein Unglück. Nicht ein Tropfen bleibt von Deinem Kognak übrio Seufzend entschloß der Blonde sich also, den Brief zum drittenmale ganz für sich zu genießen, während Fred Richter eifrig zur weiteren Sichtung seines Briefpakets überging. Plötzlich erscholl ein wohlgefälliges Grunzen. Eist zweites folgte nach einer Pause. „Habemus papam!" lachte er dann und schlug mit der Faust auf den Tisch, „zu deutsch: ich hab' die Kröte, die ich will. Mensch, Sänstling, patz auf und halt' Dem Gemüt fest. Tas ist ein anderer Brief als Deiner. Das ist — das ist überhaupt kein Bries, das ist 'ne Wonne - mit einem Wort! Basta!" Er goß sich einen Kognak ein und füllte ein zweites' Glas daneben. . „Darauf müssen wir anstoßen, Kurt. Bor Freude möcht' ich Dich niederboxen und mich dann an Demem Bart aufspießen. Begreifst Tu das? Du wirst es begreifen, wenn Tu das hörst. Also zunächst: überhaupt keme lieber- schrift! Tas ist mir schon sympathisch. Es geht gleich forsch los: Ein lustiges Mädel im blühenden Alter von zwanzig. Jahren hat das gefühlvolle Ins rat der beiden Freunde gelesen und sich schändlich darüber gefreut. Es ist je b tja grade Frühling und die Töchterschülerinnen laufen um den Goldfischteich — da läuft auch mein narrisches Herz und, da's keinen anderen Weg im Augenblick weiß, geht s auf diesem Schleigweg einer Annonce nach. ,Mrtrauen hat» 306 ja nicht titel, aber das braucht's gar nicht. Und die Diskretion schenk' ich Euch auch, weil Ihr ja doch nicht wißt, Wer ich bin. Weshalb ich eigentlich schrieb, weiß ich selbst kaum. Vielleicht um die Zeit bis zum Mittag zu verkürzen, den ich nicht erwarten kann, denn heut gibt's jungen Spargel, messieurs, und den ess' ich heidenmäßig gern. "Im übrigen bin ich natürlich hübsch und lustig wie der Spatz im Kirschbaum. Der Netteste von Euch soll an mich schreiben. Am besten unter der Marke „Taugenichts", postlagernd natürlich, nach der Genthinerstraße. Tut er's nicht, so geht uns beiden nicht viel verloren! Ach Gott, wenn der Spargel erst fertig wär'! Mit vielen fröhlichen Grüßen Ter „Taugenichts"." Fred Richter ließ das Blatt noch nicht sinken. Er schnalzte mit der Zunge und starrte wie verklärt darauf hin. „Junger Spargel — Taugenichts — ein närrisches Mädel von zwanzig Jahren — Hurra, Kurt, wenn Tu nicht mitschreibst, box ich doch!" „Na, hör' mal Fred, grade bedeutend kann ich den Brief wirklich nicht finden. Wenn Du meinen dagegen hältst — —" »Ist er wie Wassersuppe gegen Spargel, verstanden? Ach, Mensch, Mensch, so ein liebes Göhr, lustig, praktisch, ohne Kunstphrasen — heiliger Virchow, die hat das Herz auf dem rechten Fleck! Weißt Tu, wir pirschen uns 'ran, und Sonntag geht's dann ins Grüne wie früher, als ich hrer zu studieren anfing. Boot fahren, Walzer tanzen, durch den Wald marschieren und sich dann für den kräftigen Hunger einen Happenpappen bestellen — Sänftling, das bleibt doch das Schönste!" Der Sänftling packte die geöffneten Briefe zusammen und sagte: „Jeder nach seiner Art. Ich glaube nicht, daß Viola dabei sein wird. Es ist merkwürdig, wie der Charakter sich schon in der Schrift zeigt. Der Taugenichts schreibt deutsche und Viola lateinische Buchstaben; der Taugenichts kritzelt und Viola hat mehr eine stille, feine, ruhige Art. Sie hat auch zarteres Papier, Fred — das kannst Tu nicht leugnen." „Tu' ich auch nicht. Aber sie ist doch ein patentes Mädel. Wenn Resi so wär' — —" „Mehr Taugenichts als Viola ist sie immer! Hält' sie Verständnis für das Höhere —" Er seufzte. „Nanu, Kurt?" „Ach, ich — meinte nur, wir könnteit jetzt nichts Besseres tun, als an die Erwählten schreiben. Ich habe — der meinen viel zu sagen." „Schön. Gib mal Papier und Feder her." Es dauerte nicht lange, so war es in der Jttnqqeiellen- wohnung des Assessors Kurt Unruh wieder sehr stillt Nur ine Feder kritzelte. Und als die beiden Vettern in ein nahegelegenes Hotel gingen, um geineinsam die Mittagsmahlzeit einzunehmen, wurden zwei Briefe deut ttächsten Kasten übergeben, deren Adressen lauteten: „Taugenichts" „Viola" Berlitt Berlin Postamt Genthinerstr. Postamt 87. Postlagernd. Postlagernd. Trittes Kapitel. „Tie Leute haben Unrecht, lieber Konsul", sagte der Rittmeister a. D. Heinrich von Wersen, „der militärische Wert der Kavallerie wird stetig mehr erkannt werden. Es handelt sich nicht nur um den Ausklärungsdienst, sondern auch die großen Reiterattacken, über die so viel geschimpft wird, haben ihre gute Berechtigung. Man -übersieht ewig den moralischen Faktor! Lassen Sie Infanterie avancieren — gut. Ta steht Mann gegen Mann. Aber selbst den tapfersten befällt ein Zittern, wenn plötzlich die Erde dröhnit und die Reitermassen wie der Sturmwind anfegen." Ter Konstrl, Resi Bergmattns Vater, lächelte und hob das Glas. „Ihr Wohl, lieber Rittmeister — gegen Ihre Erfahrung will ich nicht mit. Heda, Fred — Tu kannst der Resi ruhig noch ein Glas einschenken!" Fred Richter sah etwas verdutzt hinüber. „Natürlich, natürlich! Tas HM ich wabrhaftig über sehen — soll mich Gott strafen. Na, es war nicht böse gemeint, Resi." Sie verzog lustig den Mund, während der Wein glucksend ins Glas rann. „Ein Galatttuomo wirst Tu nie werden. Bester", antwortete sie, „aber so zerstreut wie heut warst Du selten. Wie geht's Deiner Praxis?" „Tanke, Cousinchen — gar nicht geht sie. Bon meinen Sprechstunden nimmt tagelang kein Mensch Notiz, und wenn einer kommt, bringt er höchstens eine Rechnung. Ich geschlagener Mann muß derweil bei dem prachtvollen Frühjahrswetter in der Bude sitzen! Schauerlich! Nächstens werd' ich selber krank und verschreib' mir eine Kur in Tirol." „Berlin ist wohl auch zu laut und zu lärmend", fiel Hedwig von Wersen ein und sah mehr Kurt Unruh als Fred Richter an. Der Assessor strich langsam die drei Barthaare. „Lassen Sie gut sein, gnädiges Fräulein — auch im lauten Berlin gibt es so manche einsame Seele, deren stille Reinheit das Lärmen und Treiben nicht berührt." Resi Berginann bekam plötzlich eilten Schlucken und hielt sich das Taschentuch vor. „Kurt", lachte sie dann, „hast Tn etwa solche einsame Seele gesunden?" Er wurde beinahe rot. „Aber ich bitte Dich — ich meinte nur so. — Na und vielleicht — vielleicht hast Tu auch recht." „Natürlich ist die Seele weiblich, was? Und Tu mit Deinem Exterieur hast diese einsame Seele in so reine Begeisterung versetzt, daß sie Dir zuliebe ihre Einsamkeit opfern möchte, gelt? O Kurtchen, Kurtchen!" „Ich versteh' Dich nicht, Resi", erwiderte er nervös. „Was willst Tn eigentlich von mir? Wir haben andere Ideale, das ist natürlich, aber Tu tust gerade so, als hättest Tu alle Weisheit der Welt gepachtet und unsereiner wär" ein grüner Jünge." „Trink, Kurt, spül' den Aerger 'runter. Ich weiß, daß ich unausstehlich bin. Aber sieh mal, laß Tich nicht von solcher einsamen Seele beschwindeln. Der Kniff ist zu alt." Er zuckte nur die Achseln. „Wenn es Dir recht ist", sagte er, „wechseln wir das Thema." Sie war ihm -ganz entschieden unangenehm, so hübsch, und nett sie sonst war. Aber was tat's, jetzt wußte er, wo er Verständnis und Anregung fand. Heimlich drückte er die Hand gegen die Brusttasche. Ter zweite Brief von Viola knisterte darin: der Brief aller Briese, ein Brief, von so sanfter Melancholie durchhaucht, daß sein ganzes Herz in Aufruhr geraten war. Um sich jemand mitzuteilen, ging er zu Fred hinüber, der im Nebenzimmer verschwuttden war. Im Nebenzimmer war das kalte Büffet aufgestellt. „Krebsschwäuze in Till", sagte er leuchtenden Auges. „Komm her, Sänftling, und mach den Mund auf." „Wirklich vortrefflich. Uebrigens Tu — die Resi ist heut wieder mal ganz unleidlich. Findest Du nicht?" „Meinetwegen. Ist mir ganz egal. Ich hab' den Taugenichts und bin dadurch mit dem ganzen Geschlecht ausgesöhnt." „Den wievielten Brief hast Du?" „Ten dritten", antwortete er und kaute mit vollen Backen. „Alle Achtung! Viola hat mir erst den zweiten geschrieben." „Wieder so bläulich?" „Wieder so tief, meinst Tn. Mach mir keine Witze, Fred. Wahrhaftig, wenn eine persönliche Zusammenkunft das Gefühl, das di- beiden Briefe in mir erregen, noch, verstärkt, dann — hm, dann wär' es nicht ausgeschlossen, daß ich sie heirate." Fred Richter machte große Augen und psiff durch die Zähne. „Keine Uebereilung, Blonder! Aus der „Viola" entpuppt sich womöglich eine Viola tricolor, das heißt eine alte Jungfer, die Tein „Stiefmütterchen" sein könnte." „Deshalb möcht' ich ja eben, daß wir uns in einigen Wochen treffen." „Tausend, Tu gehst mit Eifer an die Sache! Ich glaub' kaum, daß das so schnell geht. Ja, wenn Tu Deiuer Dul- -inea so sicher wärst, wie ich des „Taugenichts" — na, dann 307 ließe sich drüber reden. Ich schlage nächstens auch den Sturmmarsch." „Wieso?" „Zum Angriff, Junge! Denkst Du, ich will ewig Briefe schreiben? Fällt mir nicht im Traum ein! Ich muß das entzückende Mädel mit seiner prächtigen Frische kennen lernen. Tas ist noch ein Weib, wie's in die Welt paßt. And wenn ich ans Heiraten denk, ist das ja auch was anderes." Kurt Unruh empörte sich. „Etwa weil Tu Mei Jahre älter bist? Wer lacht da? Und ein preußischer Assessor ist wahrhaftig genau soviel wie ein Toctor medicinae ohne Praxis und hat vor allem die größere Wahrscheinlichkeit für sich, eine Frau auch mal ernähren zu können." Gutmütig schmunzelte Fred Richter und klopfte seinem Metter auf die Schulter. „Reg Dich nicht auf, Mensch, sondern versuch lieber zu begreifen, daß ein unverheirateter Arzt in den Augen der Leute nur ein halber ist. Besonders die Weiber sind darin komisch. So ist es sehr wohl überlegt, wenn ich auf Freiersfüßen gehe." „Und wenn der „Taugenichts" arm ist?" Mit einer großartigen Handbewegung wehrte Fred Richter alb. „Wer im Anfang des Mai jungen Spargel zu Mittag ißt, hat Geld, Sänftling", sagte er. „Und hat sie wirklich keins, dann findet sich das weitere von ganz alleine. Jedenfalls will ich das herrliche Göhr kennen lernen. Und ich wette: ich seh' den „Taugenichts" eher als Du die „Viola"." „Sei nicht zu sicher, Fred. Wir beide verstehen uns großartig." „Na also — wetten wir doch! Ein paar Flaschen Josefshöfer — ich lieb' die Marke. Gilt's?" Die Barthaare des Assessors sträubten sich. „Unter einer Bedingung nur", sagte er. „Vor drei Wochen darf keiner von uns beiden den Brief absenden, der um das Rendezvous bittet." „Schön — trotzdem mir die Tinte leid tut, die inzwischen verschwendet wird. Prost, stoßen wir mal an! Auf den „Taugenichts" und auf „Viola" — haha, der Name ist zu dumm! „Viola", Violine, krumm wie ein Fiedelbogen —" „Fred!" „Na ja, ja, ich trink' auf die „Viola" extra. Sie lebe hoch •— hoch — hoch!" „Wer?" fragte plötzlich Resr Bergmanns lustige Stimme. „Ihr bringt hier einen Tusch aus, von dem niemand was weiß. Kinder, das ist gefährlich! Was meist Tu, Hete?" Hedwig von Versen lächelte. (Fortsetzung folgt.) Der Roman einer Familie. Ter kürzlich in 5. Auflage bei S. Fischer in Berlin erschienene Roman „Buddenbrooks" gibt die Zuversicht, daß Thomas Mann, sein Verfasser, früher Redakteur des „Sirn- plizissimus", niemals Romanfabrikant, niemals einer jener talentvollen Vielschreiber werden wird, die schließlich zum Durchleben ihrer Stoffe keine Zeit mehr finden. Seine Frguren, seine Situationen, die alltäglichen Vorgänge, die er schildert, an sich unbedeutend und gleichgültig, gewinnen einen eigenartigen Reiz nur dadurch, daß sie für einen Dichter, daß sie gerade für Thomas Mann zum inbrünstigen Erlebnis wurden. Ohne dieses Erlebnis wären sie gar nicht denkbar, weil sie ein Dasein nur durch das Auge ihires Scyopfers führen. Andererseits unterscheidet sich Thomas Mann auch von den Anfängern, die wohl vieles wollen yi!; up.®ar aber nicht gestalten können, durch eine hi.rA Schuck, durch Kraft der Zeichnung und Farbe, durch verblüffende Anschaulichkeit und lebhaften Vortrag, nnm1„,auc^ durch einen echt epischen Stil, der reich &iAC Egweil ohne Absicht, kunstvoll ohne sehr einfaches Motiv, durchaus kein hohes Ziel, keine schwierige Aufgabe, die der Erfasser sich in weiser Selbstbeschränkung gestellt hat. Er verzichtet auf jede Verwicklung, schürzt keine Knoten, konstruiert keine Konflikte, verschweigt seine Ideen und seine Hoffnungen, sucht vielmehr allen Ruhm hauptsächlich darin, gelassen, doch eindringlich darzustellen, wie vor seinem inneren Auge das Leben sich abspielt, nämlich als ein entrinnbares Verhängnis armer, schuldloser, meist lächerlicher Menschen, die man um so inniger liebt, je mehr man sie mißachten muß. Ter Dichter erklärt sich weder für noch gegen das Milieu; von religiösen und ethischen Grundsätzen wird berichtet ohne die leiseste Kritik; die verschiedenartigsten Leute werden dorgefübrt nebst einer Fülle kleiner, bezeichnender Auftritte, aber oie wenigsten Personen ließen sich als „sympathisch" oder „unsympathisch" bezeichnen; nur ein schmerzlich mitfühlendes Lächeln glaubt man fortwährend aus den Zügen des Dichters zu erblicken. Er findet die Menschen, wenigstens diese Durchschnitts-Lübecker, um die es sich hier ausschließlich' handelt, mit all ihren kleinen Schwächen und Eitelkeiten, ihrem nutzlosen Treiben und ihren kindlichen Klagen, mehr oder weniger drollig. Nur ein Paar rührende Kindergestalten besitzen seine tiefernste, uneingeschränkte Liebe. Ueber ihnen allen aber, über dem Dichter wie über seinen Gestalten, waltet das grausame Leben und vergiftet seinen Humor mit einer schrecklichen Bitterkeit. Die Buddenbrooks werden vorgeführt in ihren vier letzten Generationen. Noch blüht um das Jahr 1830 die Firma in gesegnetem Wohlstand. Ihr Chef, der alte Johann Buddenbrook, versammelt seinen frischen Nachwuchs, seine zahlreichen ^Verwandten und Freunde um sich zu munteren Biedermeier-Festen, schwatzt ihnen, französisch und plattdeutsch durcheinander, seine Schnurren vor und erlaubt sich dabei als Jünger der einst modischen Aufklärung gern ein Späßchen mit der Religion. Man diniert bei ihm sehr umständlich und gehaltvoll, gibt Anekdoten von Napoleon zum besten, und der Poet der Stadt preist das ehrwürdige Haus mit artigen iVerslein: „. . . Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne Sich vor unsrem Blick verband, Venus Anadyomene Und Vulkani fleiß'ge Hand ..." — Söhne hat der alte Johann Buddenbrook. Mit dem Ael- teren freilich, der ein Mädchen aus dem Mittelstand heiratete und ein Geschäft mit offenem Laden gründete, ist er zerfallen; der Jüngere dagegen, bereits Konsul, arbeitet neben ihm als Kompagnon, sehr gottesfürchtig und gediegen, dabei auf seinen Vorteil stets bestens bedacht. Auch dessen Söhne Thomas und Christian, geben vorläufig zu Besorgnissen keinen Anlaß. „Prächtige Bursche, Frau Konsulin!" kom- plinrentiert der Stadt-Poet. „Thomas, das ist ein solider und ernster Kopf; er muß Kaufmann werden, darüber besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig Tausendsassa zu sein, wie? ein wenig incroyable . . . allein ich verhehle nicht mein engouement: Er wird studieren, dünkt mich; er ist witzig und brillant veranlagt." — Aber während die Geschicke der Familie nun eintönig weiterrollen, die Großeltern zur Grube fahren und neue Enkel geboren werden, wächst unmerklich die Ahnung von sinkenden Kräften. In den Spielen der Kinder offenbaren sich kleine Charakterzüge, die zu denken geben. Christian kehrt gern den grotesken Komödianten heraus, macht mit vierzehn Jahren einer Diva des Stadtthcaters so wirkungsvoll den Hof, daß die lockeren „Suitiers" vom Klub ihre Helle Freude daran haben; das eine Schwesterchen, Tony, ergötzt sich an Claurens „Mimili", das andere zeigt körperliche Schwäche und pietistische Verdüsterung. Als Tony kaum herangewachsen, kommt ein Herr Grünlich ins Haus, mit unwahrscheinlich blonden Favoris, geschäftlich aber allem Anschein nach gut fundiert. Und Tony, obgleich fie ihn widerwärtig findet und eigentlich für einen revolutionären Studiosus schwärmt, nimmt schließlich Herrn Grünlich, weil sein Werben zähe ist und der Vater ihr zuredet. Bald jedoch, nach Grünlichs allseitigem Bankerott, kehrt sie ins elterliche Haus zurück, entrüstet, doch keineswegs gebrochen/ Sie hat nunmehr „das Leben kennen gelernt" und spricht daher ... Roman führt den Untertitel „Verfall einer Fa- L'"^und rn der Tat handelt es sich um nichts anderes X um das Sterben der letzten Buddenbrooks, die als alte Lübecker Patrrzier rn ihrem Handelshause und ihrer Kaste eine letzte, kurze Blüte genießen, dann aber, rasch degeneriert, an Entkräftung zu Grunde gehen. Also ein von ihrem Mißgeschick nicht ohne Genugtuung. — Tas Revolutions-Jahr achtundvierzig macht sich auch in Lübeck bemerkbar, weniger schreckeuerregeud, als kläglich; die gutmütigen Hafenarbeiter fühlen sich in ihrer Auflehnung ziemlich unwohl; nachdem Konsul Buddenbrook im Namen der geängsteten Bürgerschafts-Behörde sie ironisch abgekanzelt, zerstreuen sie sich in bester Laune. Dieser Miniatur-Auf- 308 stand ist das einzige Ereignis, das von außen her die Zirkel des Lübeck-Buddenbrookschen Stilllebens ein wenig stört. Tes Konsuls Schwiegervater nämlich, ein stolzer „ä la mode-Kavalier", stirbt an zurückgetretener Wut über die unerhörte Anmaßung der Kanaille. — Und weiter geht der eintönige Kreislauf von Firma und Familie, in Geburten und Heiraten, Krankheiten und Todesfällen. Auch der Konsul stirbt, und Thomas wird alleiniger Chef. Er leitet das Haus mit klugen Ideen, gewandt und energisch, aber ohne Glück. Tie Last der alltäglichen Sorgen zerrüttet seine Gesundheit. Bruder Christian ist zu nichts zu gebrauchen ; vielleicht, daß ein Künstler an ihm verdorben fit; denn er hat originelle Einfälle, Empfänglichkeit für das Schöne und einen genialen Witz; in seinem Patrizierwinkel aber nimmt er sich nur liederlich und albern aus. Die Damen der Familie vertreiben sich die Zeit mit frommen „Jerusalems-Abenden" oder halten wöchentlich den „Kindertag" ab, auf dem ältliche Kousinen mit spitzer Zunge ihren Klatsch verbreiten. Frau Tony, geschiedene Grünlich, heiratet abermals, und zwar einen braven Münchener Hopfenhändler. Aber es ist wieder nicht die wahre Liebe. Für ihre norddeutsche Feinheit fehlt es dem biderben Gatten am rechten Verständnis. Eine seiner fürchterlichsten Grobheiten raubt ihr den letzten Rest von Achtung. Abermals rettet sie sich nach Hause und widmet sich notgedrungen der ausschließlichen Erziehung ihres Töchterchens. — Die Merkmale des Niederganges werden immer häufiger und unverkennbarer. Im Geschäft mehren sich die Verluste; allmählich schwindet auch das Ansehen der Firma unter den Freunden unld. Konkurrenten. Die Wahl des Chefs zum Senator, ein Gründungs-Jubiläum wirken nur noch äußerlich glänzend; als Mensch ist Thomas Buddenbrook bereits gebrochen. Seine Unternehmungen bleiben nicht ohne Makel, er wird griesgrämig und eifersüchtig auf seine Gattin, weltschmerzliche Grübeleien drängen sich ihm auf, und, was ihn am meisten bedrückt, sein kleiner Sohn Hanno erscheint m jeder Beziehung lebensuntauglich; ganz verinnerlicht und überfeinert, wird dieser Träumer weder die Firma noch die Familie jemals würdig vertreten. — Nach des Senators höchst jammervollem Tode löst alles sich in Trümmer auf. Ter Rest des Vermögens wird zerstückelt, die Firma gelöscht, das väterliche Haus verkauft, und Hanno, der letzte männliche Buddenbrook, aufgerieben von den Aengften und Härten der Schule, fällt dem Typhus zum Opfer. Es ist klar, daß solch armselige, öde Geschehnisse des Alltags mit ihren vielfachen Wiederholungen nur dann fesseln können, wenn ein Künstler sie darstellt, der über und zugleich tief in ihnen lebt. Eine vornehme, liebevolle, liebenswerte Persönlichkeit mußte das trübselige Ge- wunmel durchdringen, um es reizvoll zu machen. Thomas Mann hatte hie rechten Augen, das rechte Herz, die rechte Sprache dafür. Zunächst beobachtet er mit unermüdlichem Fleiße; je unscheinbarer die Züge, desto bezeichnender werden sie ihm. Tie Linien des lokalen Hintergrundes, die von den sogenannten Heimatkünstlern gern dick und ohne Perspektive aufgetragen werden, die Stimmung der deutschen, der lübeckischen Heimat zeichnet er klar, doch stets diskret; sie verstehen sich für ihn selbst, Mel wichtiger- sind ihm die Seelen der Menschen und ihre Beziehungen zu ewigen Gesetzen, zu den Rätseln von Werden und Vergehen. An die zehn Sterbefälle werden erzählt und vielfach ausführlich geschildert: jeder ist von neuem erschütternd. Tod bedeutet hier überall Erlösung, das Sterben dagegen mit all seinen Aengften und Qualen den Gipfel des Grauenvollen in unserem Leben. Tie Art, wie Thomas Mann den Verlauf von körperlichen Leiden darstellt und deren Rückwirkung auf das Gemüt — in dürren Worten, die gleichwohl vor Entsetzen heimlich sich zu winden scheinen — zeugt für die Intensität seines Empfindens ebenso wie für die Biegsamkeit seines Stils. Tie Menschen charakterisiert er nicht sowohl durch Analyse ihrer Natur oder ihrer Willensimpulse als vielmehr induktiv durch eine Reihe immer markanterer Einzelzüge, etwa kleiner Tagesbedürf- nrsfe, Angewohnheiten, stereotyper Redensarten, derart, daß anch der Blick des Lesers von außen her allmählich immer nach innen dringt. Nur bei der komplizierten Seele des klemen Hanno arbeitet Thomas Mann mit allen verfügbaren Mitteln und erweist sich darin als ein Psychologe ersten Ranges. ... (Aus dem Lit. Echofi vermischtes» - Ein Zigarrensammler. Ein richtiger Sammler kennt keine Grenzen. Der „Gaulois" erzählt von einem, der Zigarren und Zigaretten berühmter Personen gesammelt hat; er besitzt über 100, die numeriert und etikettiert sind. Darunter befindet sich eine außergewöhnlich schwere Havana, die einem englischen General gehörte, eine anders von Sir Alfred Laurier, eine dritte von Don Carlos, dem König voil Portugal, die er einem Freunde des Sammlers anbot, eine vierte vom General Mercier aus der Zeit des Treyfuspvozesses in Rennes. Eine andere stammt aus der Schachtel des englischen Finanzmannes Leopold de Roth^ schild, zwei vom Scharfrichter Billington, eine gehörte einem jungen Manne aus vornehmer Familie, der mehrere Personen in Australien getötet hat und schließlich in einem Irrenhaus endete. Tie Nummern 8—14 der Sammlung sind Hamburger Zigarren, die den deutschen Offizieren, die zur Beisetzung der Königin Viktoria nach London gekommen waren, angeboten worden waren. In dieser Samm- lung, meint der „Gaulois" dazu, fehlt noch die Zigarre von Sokrates oder Cäsar. Tas mögen sich die Fabrikanten unechter Tiaren gesagt sein lassen. Literarisches. „E w i g a l l e i n i st d e r W e ch s e l." Auf nichts paßt dieser Ausspruch besser als auf die Mode, die "uralte, ewig junge Tyrannin des Menschengeschlechtes. Keine Dame, kleide sie sich auch noch so einfach, kann sich, ohne auf- ^ufallen, den Launen von Frau Mode ganz entziehen, eine jede ist in gewissem Grade ihr unterworfen und untertan, und eine jede beschäftigt sich mit derFrage: „Was ist jetzt Mode?" Diese Frage in einer Weise zu beantworten, die den Ansprüchen der sich einfach anziehenden Hausfrau entspricht und auch den Wünschen der eleganten Weltdame gerecht wird, bezweckt „Dies Blatt gehört de"r Hausfrau!^ Zeitschrift für die Angelegenheiten des Haushaltes, sowie für Mode, Kindergarderobe, Wäsche und Handarbeiten mit den Monatsbeilagen: „Das Blatt der jungen Mädchen", „Das Blatt der Kinder", Schnittmusterbogen, Handarbeitert und Kunstbeilagen. Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin! SW. 13, Neuenburgerstr. 14a. Preis vierteljährlich 1.75 Mark. Einzelheft 15 Pfg. Wenn man das neueste Heft mit seinem reich illustrierten Modenteil durchsieht, must man si.ch sagen, daß diese Aufgabe in glänzender Weise gelöst ist. Neben einfachen Sommerkleidern und Straßenkostümen, für die auf dem beigelegten Schnittmusterbogen die Schnitte zu finden sind- sehen wir da wunderhübsche und elegante Modelle, die neben ihrer ausfallenden Eigenart noch den Vorzug haben, auch in einfachen Stoffarten nachgearbeitet werden zu können, ohne an ihrer Schönheit einzubüßen. Selbstverständlich läßt „Dies Blatt gehört der Hausfiau!" auch die moderne Moderichtung der Reform-' kleidung nicht aus den Augen. Gerade die neueste Nummer bringt einige Reformkleider, die, obzwar sie von Künstlerhand entworfen sind, doch nicht zu den sogenannten Künstlerkleidern gehören, sondern praktische, wirklich zum Tragen im Haus und auf der Straße geeignete Anzüge darstellen. „Dies Blatt gehört der Hausfiau!" ist auch ein Familienblatt, das auch reichhaltige Beiträge über Kindererziehung und Gesundheitspflege, Winke für Haus- und Zimmergarten, sowie für Küche und Keller bringt und in seinem illustrierten Teil den Tagesereignissen seine Aufmerksamkeit schenkt. a. Es sind 6 Wörter zu suchen von der Bedeutung unter a. Voll jedem dieser Wörter ist durch Voransetzung eines passenden Buchstabens ein anderes Wort zu bilden, dessen Bedeutung unter b angegeben ist. Die vorangesetzten Buchstaben, also die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b, bezeichnen im Zusammenhang eine Wissenschaft. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Hüte dich, dich selbst zu preisen. Akrostichon. (Nachdruck verboten.) b. 1. Altes Maß, Stadt in Hannover 2. Spielkarte Empfindung 3. Erdschicht Prophet 4. Teil des Baums Teil des Schiffes 5. Altnordische Göttin Land in Afien 6. Schmackhafter Fisch Symbolischer Schmuck Redaktion: August Göb. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Vuch- und Stcindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.