Nr. 61. 1903. BjvpTy ■au« Samstag den 25. April. »ufft- H:iK>ii.TT«.'ascR Fiä ül<: M 'W « Mtz: ■Bi WWi (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzuug aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Tiefe Antwort führte zu andern Nachforschungen, und Jem wurde rasch aufgefunden und in das Zimmer hereingebracht, in dem sein Opfer lag. Bewußtlos, wie er war, da er einen schweren, betäubenden Fall getan hatte, fand Jem jedoch natürlich kein Mitleid bei Nell. Und als einige t)M Leute vorschlugen, ihn nach der Hütte zu tragen, wo er wotz^e, die nur einen Steinwurf vom Gasthof entsernit war, enthielt sich Nell jeder Aufforderung, ihn liegen zu lassen, wo er lag, da sie ersichtlich froh war, ihn sich aus den Mngen gebracht zu sehen. Buxom Meg tauschte manches Nicken, manchen Wink und manches Grinsen mit den Gästen der Schenkstube aus, veranlaßt durch das völlige Aufgehen in ihren Liebhaber und seine Gefahr, das Nell an den Tag legte. „Meine Schuld! einzig nur meine Schuld!" murmelte das Mädchen fort und fort, indem es sich über Clifford beugte, mit strömenden Augen sein Gesicht beobachtend, das blaß geworden war, und ängstlich auf seinen Atem lauschend, der ihr versicherte, daß er noch lebte. Ta wurde Meg plötzlich inne, daß in diesem einfachen Herzeleid, in dieser jungfräulichen Leidenschaft etwas zu Heiliges wäre, um von diesen rohen, wenn schon teilnehmenden Menschen begafft zu werden. Und sie trieb alle mit großen, weit um sich greifende» Gebärden, wie die einer riesigen Henne, zurück in die Schenkstube. Und Nell und ihr Geliebter und der Onkel bliebe» zusammen allein. Göorge Claris, obwohl auch etwas gerührt, fühlte sich unbehaglich und war mißtrauisch „Was hatte er hier unten zu tun?" eröffnete er jetzt sein Verhör. „Und was hatte er vor, daß Jem nach ihm stach? Nichts Gutes, des bin ich sicher", brummte er. Nell, ohne die Auge» vom Gesichte des Geliebten zu erheben, antwortete mechanisch mit weißen Lippen: „Er liebt mich, Onkel. Er hat mich schon vor Wochen zum Weibe begehrt. Und wenn er heute hierher kam —" „Nun? und was machte ihn kommen?" Nell zögerte, dann gestand sie mit leiser Stimme: „Ich schickte nach ihm!" George Claris murmelte seine Mißbilligung. „Und was bewog Jem Stickels, nach ihm zu stechen? Ta sieh, ich hätte gedacht, daß es unter Dir wäre, Dir irgend etwas mit einem Kerl, wie dieser, zu schaffen zu machen. Doch hab' ich ihn neuerdings sich mehr als gewöhnlich hier 'rumtreiben sehen." „Daran war natürlich nicht ich schüch", sagte Nell einfach. „Und 'natürlich hatte er kein Recht — nein, kein Recht —" „Eifersüchtig zu sein? Das sollte ich meinen. Aber doch war er eifersüchtig, he?" „Ich vermute es." Eine kurze Stille folgte. Dann ergriff George Claris! wieder das Wort. „Nun, Mädchen, es nützt nichts, mit den Weibern zu reden, weil sie ihre eigenen Wege gehen müssen, was man ihnen auch sagt. Du hast Dir aber zwischen diesen beiden Burschen eine gehörige Suppe eingebvockt und weder ich noch irgend ein Anderer kann Dir helfen, sie auszuessen. Und wisse, ich will nicht sagen, daß ich diesen Burschen aus dem Hause Wersen will, obschon ich große Lust dazu hätte. Aker wenn der Doktor sagt, er muß hier bettlägerig werden, so will ich nicht, daß Du Dir mit ihm zu schaffen machst. Du wirst sofort zu meiner Schwester nach London gehen. Hörst Du? Ich will ihn gut pflegen lassen, das will ich versprechen, aber es wird nicht durch Dich sein. Hörst Du?" Nell willigte demütig ein. Solange Clifford 'nicht darunter zu leiden hatte, fühlte sie, daß es keinen andern Ausweg gäbe, als sich zu unterwerfen. Onkel und Nichte wechselten bis zur Ankunft des Aerztes keine Worte mehr; dann hieß George Claris Nell sich den Hut aufsetzen und zu Miß Bostol gehen, wo sie zu bleiben hätte, bis er ihr ihr Gepäck schickte, um dann ohne Verzug nach London zu reisen. Nun gab es keinen Ort, an den Nell jetzt nicht lieber gegangen wäre, als nach Shingle End. Denn war nicht die empfindsame Miß Theodora gerade die Ursache des Ausbruchs wilder Leidenschaft, der Cliffords Leben in Gefahr gebracht hatte? Wäre es nicht um Miß Bostals gutgemeinter, doch schlecht berechneter Ermutigung gewesen, so würde Jem Stickels niemals gewagt haben, zu glauben, eine Aussicht bei einem Mädchen haben zu können, was in jeder Weise so hoch über ihm stand wie Nell- Nun aber würde Miß Bostal sicher mit der natürlichen weiblichen Hartnäckigkeit sich auf Jems Seite gegen Clifford stellen, besonders wenn es ihr zu Ohren gelangt wäre, daß dieser auf Nells eigenes Ersuchen hierhergekommen war. So daß Nell langsamen zögernden Schrittes nach des Obersten Hause ging. Alles kam, wie sie erwartet hatte, nur nahm Miß Bostal soviel mehr Anteil an Jem, als an Clifford, daß Sie darauf bestand, sich persönlich nach Jems Zustand zu erkundigen und daS widerwillige Mädchen dabei mit sich fortzog. Anfangs weigerte sich Nell aufs bestimmteste, mitzu^ gehen. Sie gab aber nach, weil sie von den Selbstvorwürfen der spröden, kleinen, ältlichen Tame gerührt wurde, die sich ebensosehr Jems Unglück, wie Nell sich das Unglück Cliffords zur Last legte. „Es war nur meine Schuld! Ich fühle, daß nur rch es über den armen Burschen gebracht habe —" war jetzt der Kehrreim der Klagen Miß Bostals, wie es vorher der der Klagen Nells gewesen war. 242 Sie vergoß sogar Tränen bei dem Gedanken, dem jungen Mann gegenüberzutreten, über den sie mehr als Unglück gekracht hätte, denn sie bestand darauf, seinen Angriff auf Clifford als ein Unrecht anzusehen, das nicht dem verhaßten Clifford, sondern vielmehr Jem zugefügt worden sei. Nell sprach wenig auf ihrem Wege. Sie war einerseits des Geliebten wegen in großer Angst, während sie anderseits kaum wußte, ob sie über Miß Bostals Ueberspanntheit lachen oder über ihren Kummer mit weinen sollte. Tie kleine Hütte, in der Jem wohnte, war bald erreicht. Dem Pochen Miß Bostals wurde wider Erwarten von Jem in Person entsprochen. Es schien ihm nicht viel zu fehlen, außer einem Schnitt der unteren Lippe, der die Folge des Schlags war, mit dem ihn Clifford zu Boden geworfen hatte. Wenn sein körperlicher Zustand aber auch gut war, so war es doch alles, was zu seinen Gunsten gesagt werden konnte. Ein abstoßenderer Ausdruck boshafter Wildheit als der, den sein Gesicht zeigte, als er seine Besucher erkannte, ließ sich unmöglich vorstellen. „O, Ihr seid es also, Ihr?" war sein mürrischer Gruß, als er mit einem bösen Blick Miene machte, der Dame die Tür vor der Nase zuzuwersen. Seine Gönnerin war aber zu der zärtlichen Antwort Bereit, die den Zorn beschwichtigt. Rasch vorwärts drängend und Nells Hand mit festem Griff in der ihren behaltend, erzwang sie sich den Weg in die Hütte und der Tatsache nicht achtend, daß der Mann und die Frau, mit denen Jem zusammen wohnte, anwesend waren, redete sie den jungen Lümmel mit der sanftesten der Stimmen au: „O Gott, mein Gott! schicken Sie uns nicht so von sich fort. Es tut uns so überaus leid, was Sie betroffen hat. Wir wünschen zu wisse«, ob wir nicht etwas tun können —" Nell blickte finster und versuchte hinauszukommen, entrüstet über den kriechenden Ton, den ihre Begleiterin angeschlagen hatte. Und es war Nell, auf die Jems Augen starrten, als er die andere Dame unterbrach. „Nein!" brüllte er. „Es ist jetzt vorbei mit dem Tun. Aber" und er erhob die Stimme und drohte wie einem eingebildeten Feinds mit der Faust, indem er Nell noch durchdringender ansah, „ich will verflucht sein, wenn ihr nicht mehr als genug zu tun findet, um die Fragen zu beantworten, die man an euch Volk — ihrer etliche stellen wird — morgen früh!" Nell hörte plötzlich auf, sich zu sträuben und richtete die Augen auf Jems geschwollenes und aufgeregtes Gesicht, in dem die Adern wie knotige Stricke hervor- tvaten. „Was meinen Sie, mein lieber junger Mann?" flötete Miß Bostal ni'iü den süßesten Tönen, weil ihre sanften Bemühungen, das Ungeheuer zu beruhigen, mit jedem Augenblick immer machtloser und unzulänglicher erschienen. aA Sie wissen recht gut, was ich meine, oder Miß Claris wenigstens tnt's!" fuhr Jem in derselben Tonart fort und mit einer anmaßenden Dreistigkeit, vor der die kleine Miß Bostal sich wie vor einem körperlichen Angriff veranlaßt sah, ei« paar Schritte zurückzuweichen. „Und wenn Sie's nicht wissen, so werden Sie's bald genug erfahren. Bin arad auf dem Wege dazu", hier erhob er die Stimme mit drohendem »Nachdruck, „w ll nur meine Pfüfe und meine halbe Pinte erst chaben", und er zog seine geliebte Ton-, pfeife dabei aus der Tasche, „dann geht's g'radeswegs in die „Glocke" hinüber nach Stroan, um zu fragen, ob ein gewisser Herr aus London zu Hause ist." Und ohne weitere Umstände kehrte Jem den Damen den Rücken, und zur Hintertür am entgegengesetzten Ende des Zimmers hinausschreitend, ließ er ihnen keine andere Wahl, als sich gleichfalls zurückzuziehen. Nell war äußerst verdrossen, nicht nur über die Rolle, die man sie in dieser unangenehmen Szene hatte spielen lassen,, sondern auch über" ihrer Begleiterin unterwürfiges Benehmen und über Jems Roheit. Was seine Drohung, mit dem Geheimpolizisten zu sprechen, betraf, so schien es, daß sie sich nicht mehr darum sorgte, ob er sie ausführen würde oder nicht. Sie sprach auf dem Rückweg nach Shingle End nichts, und Miß Bostal, die vielleicht fühlte, daß sie sich vor dem jungen Raufbold mehr als schicklich gedemü- ttgt hatte, war ebenfalls schweigsam. Als sie das Haus erreichten, stieß die ältere Dame einen leichten Seufzer aus und hielt sich an ihr gewöhnliches Trostmittel in Zeiten der Sorge. „Ich glaube, wir werden uns beide ungleich wohler fühlen", zirpte sie, als sie die Hintertür vorsichtig mit dem Klinkenschlüssel öffnete, „wenn wir eine Tasse Tee gehabt haben." Es war etwa ein paar Stunden nach dem Schlüsse der Szene, die sich zwischen Jem und den beiden Damen abgespielt hatte, und die Glocke aus dem Turm von St. Martin in Stroan hatte eben ein Viertel auf neun Uhr geschlagen, als ein kleiner Knabe in das Gastzimmer des Gasthofs zur „Glocke" hereinstürzte und die Anwesenden durch den verstörten Ausdruck seines Gesichts erschreckte. Er war sehr rasch gelaufen, und es vergingen einige Minute«, ehe er deutlich zu sprechen vermochte. Währenddessen waren der an ihn gerichteten Fragen so viele, daß das Durcheinander der Reden die Meldung des Knaben noch weiter verzögerte. Es war Hemming, der Londoner Geheimpolizist, der endlich den Knaben der Gruppe von Neugierigen entriß, und sie zu warten bedeutete, bis er gesprochen hatte. Mit einem neuen verstörten Blick keuchte der Knabe endlich hervor — „Es liegt draußen auf der Straße — der Courtstairs-- straße ein Mann — ein wenig hinter dem großen Hause. Und ich sah ihn liege« — und sprach ihn an — und er gab keine Antwort — und bewegte sich nicht — und — un — un — ich lies sogleich -fort, und bin hierhergekommen — 's zu sagen." „Es war ziemlich ersichtlich, daß der Knabe nicht alles gesagt hatte, was er wußte oder dachte. Die Gäste eilten nach der Tür des Gastzimmers und in wenig Augenblicken bewegte sich ein sickernder Strom von Menschen hinaus in die Dunkelheit über den kleinen Kai längs des kleinen Flusses, vorbei au den Barken, die der Löschung harrten, vorbei au dem alten steinernen Dore aus Stroans glücklichen Tagen. Ueber die nur eben fertig gewordene Brücke ging's zu zweien und dreien und draußen auf der ebenen Straße über die Marsch; zu ihrem rechtmäßigen Führer hatten sie den Geheimpolizisten Hemming gemacht, der aus Furcht, daß ihm der Knabe entschlüpfen könnte, diesen wie in freundlicher Kameradschaft beim Arme hielt. Die Nacht ward finster, und einer von denen, die Hemming dicht folgten, trug eine Laterne, die zur Rechten und Linken einen Streifen tanzenden Lichts auf die weiße Sttaße, den Graben auf der anbern Seite, die weite Strecke der Marsch zur Linken und die einförmige Linie der See in der Ferne warf. Gleich hinter dem „großen Hause", einem einsamen Wohnsitz, der auf flachem, vom Winde bestrichenen Grunde zwischen Stroan und dem Meere stand, trafen sie auf den Mann, der, wie es der Knabe beschrieben, zur Seite des Wegs lag mit dem Kopfe über den grasigen Rand hinaus- ha. aend, der jäh in de« Grabe« abfiel. „Da — da liegt er!" flüsterte der Knabe heiser. Hemming winkte -'"« Man« mit der Laterne heran, und «eben den daliegenden Mann auf dem Boden knie end, hob er diesem den Kops in die Höhe und beleuchtete sein Gesicht. „Es ist Sttckels? 's ist Jem Sttckels!" ries mehr als eine Stimme aus, als man das plumpe, finstere Gesicht des Fischers erblickte, der wohlbekannt in der Nachbarschaft war. „Hier — gebt ihm hiervon etwas, 's ist Branntwein, sagte ein Mann, Hemming eine Flasche reichend. ' Der Geheimpolizist schüttelte aber den Kops. „Der arme Kerl! Er hat seinen letzten Zug schon getan'" sagte er. „Er ist tot?" 13. Kapitel. Wie die N a ch r i ch t n a ch Shingle End kam. In dem kleinen Speisezimmer in Shingle End saßen Miß Bostal und Nell am Feuer, diese noch immer in Gedanken an Clifford versunken, während jene versuchte, die düsteren Träumereien ihrer Gefährtin durch ihr Geschwätz über das Betragen der Frau des Vikars und über den Preis der Gemüse zu zerstreuen. Miß Bostal blickte von Zeit zu Zeit ängstlich in den Kohlenbehälter, geteilt zwischen dem Wunsch einerseits, sparsam mit dem Brennstoff zu sein, und anderseits ein gutes Feuer für die Rückkehr ihres Vaters bereit zu halten. „Wie spät er heute abend ist", rief sie jetzt aus, bei einem erstaunten Blick auf die Uhr. Es war nahezu Zehn und der Oberst, der den größten Teil eines Wochentags enttveder in seinem Klub in Stroan 243 oder auf den Golfspielplätzen zubrachte, kehrte gewöhnlich pünktlich um neun Uhr zurück. Nell blickte erschrocken auf. „Aber, Kind, wie verstört Sie ausfehen! Was ist Ihnen?" Und Miß Bostal griff nach der Feuerzange und hob damit die kleinen Stückchen glühender Kohlen im Kamin auf, die vom Feuer heruntergefallen waren und legte sie sachverständig wieder auf dieses, um eine vergeuderische Glut zu verhüten. „Wirklich?" sagte Nell und versuchte zu lächeln, schauerte aber zusammen, als sie es sagte. „Nun, ich glaubte, ich habe heute genug gehabt, verstört zu sein, oder nicht?" „O, meine Liebe, ich würde mich nicht so abquälen, wenn ich wie Sie wäre. Es war eine schreckliche Sache und ich fühlte mich verpflichtet, Sie zu schelten, als Sie den jungen Mann hier so ganz fallen ließen. Aber es wird für Sie eine Lehre sein, bedachtsamer zu handeln, und ich hege keinen Zweifel, daß die beiden jungen Männer Zeit zur Ueberlegung finden und sich vornehmen werden, in Zukunft ihre Leidenschaften mehr zu beherrschen!" „Doch Clifford — Mr. King! Ich fürchte, er ist schwer verwundet", schluchzte Nell, deren Tränen endlich freien Laus gewonnen hatten und ihr an den Wangen herabrannen. Doch für ihn hatte Miß Bostal kein Mitleid. „Es wird für ihn eine Lehre sein!" erwiderte sie fast frostig. „Und Jem — er wird sicher diesmal fein Wort halten Und der Polizei Anzeige machen." „Anzeige — wovon?" „Nun, von — den Diebereien; von dem, was er sah, wie er sagt!" sagte Nell, die Augen ängstlich auf ihre Freundin richtend, mit leiserer Stimme. Miß Bostal lächelte heiter. „Haben Sie noch nicht über diese Drohung hinweg- kommen können? Was mich betrifft, so werde ich sehr svoh sein, wenn etwas herauskommt. Mein Vater ist zu der Ausgabe für einen besonderen Riegel an unsere Hintertür geschritten, seit dieser Schrecken hier herrscht, und ich selbst kann nie länger als eine Stunde schlafen, ohne aufzu-, springen und mir einzubilden, daß ich einen Einbrecher unten im Speisezimmer höre." Nell aber sagte nichts. Sie blieb in einer gedrückten, fast verlegenen Haltung, über das Feuer gebückt sitzen und warf ihrer Gefährtin von Zeit zu Zeit scheue, fragende Blicke voll unverkennbarer Unruhe zu. Miß Bostal fing an, ihren Schützling, wenn nicht mit Argwohn, so doch mit Aengstlichkeit anzusehen. Es war klar, daß die alte Schwierigkeit, in der--sich ein Mädchen zwischen ihren Liebhabern befindet?" ange-> sangen hatte, den Schatten der Er' tfremdung auf die Freundinnen zu werfen. (Fortsetzung folgt.) Belusiiqmrqen der Jugend. Won Ludwig Sonntag. Zur Frühjahrszeit wimmeln die Wälder von Erwachsenen und Kindern, die in freier Luft Erholung finden und den Frühling genießen. Aber die Freude wäre eine ungetrübtere, wenn es den Boten des Frühlings dabei nicht oft recht übel erginge. Welche Sünden werden gegen die schutzlosesten Tiere des Waldes begangen! Seht Euch die Knaben an: Alle sind ausgerüstet, als wären sie auf einer Forschungsreise begriffen, mit Botani- siertvommeln, Flaschen, Gläsern und Netzen. Sie suchen einen der Gräben auf, die so zahlreich unsere Wälder durchfließen. In diesen Gräben entwickelt sich im Frühjahr ein wunderbares, wunderreiches Tierleben; jeder Kubikmeter Wassers enthält eine Unmenge von Wasserkäfern, Wasserspinnen, Asseln, Schnecken, Mückenlarven, Kaulquappen re. Tie Jungen fangen diese Tiere, um sie in ihr Aquarium zu tun. Aquarium, mit diesem hochtönenden Worte bezeichnen sie jedes beliebige Gefäß von der einfachsten kleinsten Ausgabe jenes Behälters an, der diesen Namen mit einigem Recht führen dürfte, bis zur Einmachbüchse, zur enghalsigen Flasche herab. In der Seele aller dieser jungen Zoologen ist dabei woW die dumpfe Ahnung eines Willens vorhanden, das ungemein interessante Leben dieser Tiere zu studieren. Tatsache ist, daß unter den unglückseligen Bewohnern jener erwähnten Gefäße sofort ein entsetzlicher Kampf ums Dasein ausbricht, da die unkundigen Knaben ihre Menagerie ganz planlos zusammenstellen und an Fütterung gar nicht denken. Aber vielleicht sind diese Knaben nicht Aquarienlieb- haber, sondern nur Käfersammler. Dann wandern die Käfer in Tötungsflaschen, wo sie in schwachem Brennspiritus sich langsam zu Tode quälen dürfen. Biel öfter jedoch wartet ihrer der schaurige langsame Spießungstod aus der Nadel. Die Mehrzahl der Knaben sammelt diese Tiere nicht. Sie sind nicht amüsant genug. Es gibt da andere, beliebtere Aquarientiere: die „Salamander". Mit diesem Namen beehrt man, bezeichnend genug für die naturwissenschaftliche Bildung unseres Volkes, die Wassermolche, jene kleinen, krokodilähnlichen, aber ungleich zarter gebauten und ungleich sanftmütiger als die Beherrscher des Niles veranlagten Geschöpfchen. Was diese Knaben beseelt, ist eine Gier nach dem lebenden Wesen. Die Beharrlichkeit, mit der sie jeden einigermaßen zugänglichen Tümpel ausfischen, ist bewundernswert. Ich habe Knaben gesehen, die mit den bloßen Armen und Händen das Gewässer durchsuchten, indem sie bis an die halben Schenkel im eiskalten Wasser standen. Und wie müssen nun erst diese armen Tiere leiden! Sie sind höher organisiert als die Insekten und ihre Qualen sind ungleich furchtbarer. Da sind Frösche und Kröten, auch Mitglieder der Familie der Lurche, doch wohl besser daran? Die wird man um ihrer Schönheit willen doch nicht aufsuchen? Auch sie entgehen dem Ungeheuer Mensch nicht! Ja, sie sind es, die am meisten leiden. Seht dort die Knaben, jauchzend vor frischer, reiner Jugendlust — und mit Stöcken und Ruten kunstHerechte Hiebe in die jungen Sträucher führend, die ihnen im Wege stehen. Jetzt kommen sie am Tümpel an und halten plötzlich lautlos still; denn an der ganzen Linie des Wasserbeckens schallt es wie Kleingewehrfeuer: Tie Frösche, die da am Ufer sich sonnten, springen, erschreckt tzurch den Lärm der Knaben, klatschend ins Wasser. Gleich aber tauchen sie wieder auf und stecken, an seichten Stellen sitzend, die Köpfe aus dem Wasser hervor. Sofort wird auf jedes Froschhaupt ein Bombardemmt mit Steinen, Holz- und Erdstücken eröffnet. Die bedrohten Frösche retten sich nach entfernteren Stellen; aber der oder jener muß doch dran glauben. Ein Siegesgeschrei erhebt sich: zu Tode getroffen treibt ein Frosch an der Oberfläche des Wassers. — Der Anblick wirkt begeisternd auf die empfänglichen Kinderseelen. Alle Knaben sehen sich an. Ein Gedanke zündet in allen: Frösche totschlagen! Mit dieser Parole macht man sich auf den Weg in langer Treiberkette, schlagbereit die Ruten. Nicht eine unnatürliche Verworfenheit ist an alledem schuld, sondern ihre Erziehung. Jedes Kind ist grausam, begeht Grausamkeiten und ist sich dessen nicht bewußt, und einzelne Naturen sind besonders grausam geartet. Wozu dient unsere Erziehung, wozu stehen den Kindern Erwachsene gegenüber, wenn solche Bestialitäten noch möglich sind? Jeder Erwachsene hat die Pflicht, Tierquäler zu ermahnen, ihnen klar zu machen, daß ein Tier Schmerz empfinde, ebenso wie sie. Und alle Eltern haben die Pr.icht, ihre Kinder von klein auf an Milde und Barmherzigkeit zu gewöhnen, und haben sich selbst zu hüten, durch Aeußer- ungen des Abscheues, wie gerade in Bezug auf Frösche und Kröten, die Verfolgungswut der Kinder zu reizen. Und jede Schule, jeder Lehrer hat die Pflicht, durch Schaffung eines wahren Naturverständnisses, durch Veredelung des vorhandenen Natursinnes der Zöglinge solche Dinge, wie die erwähnten, unmöglich zu machen. Alles das geschieht jetzt noch nicht genügend, trotz allem, was die Tierschutzvereine schon erreicht haben. Unzählige Eltern haben heutzutage nicht die Zeit und nicht genug eigene Bildung, um ihre Kinder wahrhaft erziehen und bilden zu können. Der Lehrer muß hier energisch eingreifen, er kann helfen. Dann muß er freilich hinaus mit den Kindern in die Natur und muß die Natur nicht kennen lehren am toten Bild und Präparat, sondern lehren als Leben. — Man kann diesen Ausführungen, die wir dem Blatte des Neuen Leipziger Tierschutz-Vereins entnehmen, nur zustimmen. 244 Gemeinnütziges. Wäscheregeln. Essig, zugleich zu der Waschbrühe gegeben, erhält die blaßroten und grünen Farben; zum letzten Wasser gegeben, stellt er veränderte hochrote Farben wieder her. Soda erhält das Purpurrot und Bleiblau; reine Pottasche erhält und bessert das Schwarz auf reiner Wolle. Ist die Farbe in Geweben durch Saucen verändert, so stellt Salmiakgeist, mit 12 Teilen Wasser verdünnt, sie wieder her; ist sie durch Mallen verändert, so setzt ein Zusatz von Essig sie wieder in den ursprünglichen Stand. Möbelpolitur (amerikanische Vorschrift). 20 Gewichtsteile Leinöl, 12 Teile Terpentinspiritus, 1 Teil Antimonchloridlösung, 8 Teile Weinessig, 3 Teile Alkohol, 1/4 Teil Kampfer, ein Zwölftel Teil Ämmoniumchlorid. Der Kampfer wird im Alkohol, das Ammoniumchlorid im Weinessig gelöst. Dann mischt man die übrigen Bestandteile hinzu und schüttelt das Ganze so lange, bis es zu einer weichen Masse eingedickt ist. Vermisstes. * Tie Finsensche Lichtbehandlung. Der dänische Arzt Professor Finsen, dessen Institut der deutsche Kaiser bei seiner Anwesenheit in Kopenhagen einen Besuch abstattete, ist durch die von ihm in die Therapie der Hautkrankheiten eingeführte Lichtbehandlung zu einem Weltrufe gelangt. Er verwendet dabei das konzentrierte elektrische Licht, bei welchem die ultravioletten Strahlen das wirksame Agens bilden. Tie Wärmestrahlen werden dabei ausgeschaltet, sodaß der Patient kaum das Gefühl der Hitze empfindet. Verbessert wurde die Methode noch durch Dr. Ba n g, dem es gelang, ein möglichst kaltes und dabei an ultravioletten Stramin sehr reiches Licht zu erzeugen, indem er eine Lampe .Tut Elektroden aus Eisen benutzte, die bakterientötende Kraft ist dabei stärker wie bei der von Finsen konstruierten Lampe. Tas Finsenlicht wird mit vor- züglichem Erfolge namentlich bei der Behandlung des Lupus, der sogenannten fressenden Flechte, verwendet, dann bei Hautgeschwülsten, Hautentzündungen und auch beim Haarschwund. Der Heilungsprozeß geht in der Weise von statten, daß das kranke Gewebe abgestoßen wird und sich unter Bildung von schönen Narben in gesundes umwandelt. Die Methode hat nur den Nachteil, daß die Apparate sehr kostspielig sind und daß die Behandlung sich oft sehr, je nach der Größe der kranken Hautpartien in die Länge zieht, sodaß in einem Falle manchmal bis 300 Belichtungen notwendig waren. In leichteren Fällen genügt dagegen bereits eine einmalige Lichteinwirkung der Strahlen, um den Heilungsprozeß anzuregen. Die Vorzüglichkeit der neuen Methode bewirkte es, daß die Finsensche Lichtbehandlung bereits in einer Anzahl deutscher Krankenhäuser eingeführt wurde; in Berlin ist sogar ein Universitätsinstitut für Lichtbehandlung begründet worden. Prof. Finsen will jein Licht ferner in der Behandlung der Blattern wirksam gefunden haben, nach seinen Untersuchungen soll durch Aufenthalt der Patienten in einem Raum, wo nur rotes Licht herrscht, die Eiterung , der Pockenpusteln verhindert werden. * Eine mini sterielle Umfrage über den Hypnotismus. In Preußen waren Laien, welche die Hypnose betrieben, mehrfach deswegen angeklagt worden; die Gerichte hatten jedoch die Ausübung der Hypnose als Ausübung der Praxis betrachtet, und da diese durch die Gewerbeordnung freigegeben ist, die Angeklagten freigesprochen. Als darauf die Wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen in Berlin auf Erfordern ein Gutachten dahin abgegeben hatte, daß die Anwendung der Hypnose durch Nichtärzte zu verbieten, dagegen durch Aerzte zu gestatten sei, richtete der preußische Medizinalminister eine Umfrage an die ihm unterstellten Aerztekammeru, um zu erfahren, ob und welche Nachteile etwa durch Anwendung seitens der Aerzte nachgewiesen wurden; eine ähnliche Enquete betreffend die Resultate der Hypnose, die durch Nichtärzte ausgeführt wurde, veranlaßte er durch die Re- gierungspräsidenteu. Die Kammern veranstalteten nun wiederum ihrerseits Erhebungen bei den einzelnen Aerzten; diese ergaben, daß die Hypnose überall nur von ganz wenigen Aerzten angewendet wird, oft noch nicht einmal von einem Dutzend in einer Provinz, viel häufiger wird sie von Nicht- ärzten, von sogen. Magnetopaihen, in Anwendung gezogen. lieber den Heilwert der Hypnose waren die Ansichten geteilt. Menn auch von einzelnen Berichterstattern Heilerfolge angegeben werden und das' Vorkommen von Schädigungen verneint wurde, so überwiegen doch die Ansichten, daß die Hypnose zu therapeuthischen Zwecken entbehrlich sei. Der Psychiater Prof. Pelmann in Bonn erklärte aus seinen Erfahrungen heraus sie bei Geistesstörungen für ungeeignet.^ Die Aerztekammer von Hessen-Nassau sprach sich dahin aus, daß die hypnotische Behandlung nur in die Hände des! Arztes gehöre. * Die Kurpfuscher u nd die Gewerbeord- n n n g. Bekanntlich ist int Reichstag sowohl wie int preuß. Landtag in letzter Zeit die gesetzliche Regelung des Kurpfuschertums des öfteren verlangt worden, und im preuß. Landtage hat auch Ministerialdirektor Förster eine solche durch eine Aeitderuttg der Gewerbeordnung in Aussicht gestellt. Die Kurpfuscher sind in ihrem Gewerbebetrieb durch die Gewerbeordnung bis jetzt nur in ganz unbedeutender Weise gehemmt worden, sodaß man sagen könnte, sie erfreuen sich, int Gegensatz zu anderen Gewerbebetrieben, einer fast völligen Gewerbefreiheit. Sie dürfen ihr Gewerke ungehindert betreiben, dürfen sich nur nicht den Titel Arzt oder einen ähnlichen beilegen, eine Bestimmung, die sie sehr gut zu umgehen wissen. Durch die Novelle von 1883 ist ihnen auch der Gewerbebetrieb im Umherziehen nach § 560 der Gewerbeordnung verboten. Nun sollen durch die nächste Gewerbeordnungsnovelle die Kurpfuscher in den § 35 der Gewerbeordnung einbezogen werden. Nach diesem Paragraph kann einer großen Anzahl von Gewerbetreibenden der Gewerbebetrieb wegen Unzuverlässigkeit untersagt werden. Dazu gehören: Tanzlehrer, Turnlehrer, Badeanstaltsbesitzer, Trödler, Losehändler, Winkeladvokaten, Agenten und Drogisten. Der Gewerbebetrieb der letzteren ist durch die Novelle von 1896 eingeschaltet worden, um bett Betrieb der wilden Apotheken einzuschränken und das Publikum vor den dadurch entstehenden Gesundheitsgefahren zu schützen. Hier sollen die Kurpfuscher emgereiht werden, und das mit Recht, denn der Schaden, welchen sie der Gesundheit und dem Leben der Bevölkerung zusügen, übertreffen weit diejenigen, welche durch die Drogisten angerichtet werden. Personen, welche die in diesem Paragraphen bezeichneten Gewerbe betreiben, haben bei Eröffnung ihreA Gewerbebetriebes der zuständigen Behörde hiervon Anzeige zu machen. Diese Bestimmung ist in Preußen bereits durch Ministerialerlaß auf die Kurpfuscher ausgedehnt worden, der Anfang zur Unterstellung derselben unter die Gewerbeordnung ist also bereits gemacht. * Boshaft. In Christiania erzählt man sich eine prachtvolle Geschichte: Ans irgend einem gleichgiltigen Grunde hatte sich jemand mit einem Wurstfabrikanten entzweit und beschlossen, sich an diesem zu rächen. Als eines Tages der Laden des Wursthändlers mit Publikum angefüllt war, trat hastig der Mann hinein und warf eine tote Katze auf bett Labentisch mit den Worten: „Hier ist die zwölfte. . . habe heute keine Zeit, Rechnung vorzulegen, komme aber morgen wieder!" Weg war der Boshafte, ein Teil der Kundschaft retirierte und der Laden- inhaber raste wie ein Vulkan. tEitercwifcbes, — Natur wissen schaftliche Fugend- und Volksbibliothek. Regensburg, Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz. 2. Bändchen: Im Reiche der Blumen. 180 S. Mit 30 Textbildern. Von Jos. Ni ess en. Preis 2.— Mk. Dieses Bändchen, das die Charakterblumen der einzelnen Monate mit besonderer Rücksicht auf die Bestäubungseinrichtung vornimmt, ist vortrefflich gelungen und verdient ebenso Anerkennung wie Verbreitung. Zahle «Pyramide. (Nachdruck verboten.) 1 Vokal. 1 2 Ausruf. 1 2 3 Städtchen in Bayern. 4 12 3 3 4 12 5 5 2 4 3 1 6 (Auflösung in Verbrechen. Ideal der Mädchen. Kopfbedeckung. nächster Nummer.) Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.r Nazareth, Lazarett. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck uud Verlag der Brühl'schen Universttäts.Vtust. und Steiudruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.