1903. i b-ilalW Xtn BIKi WU (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) Als er dies sagte, schwang ich meine Beine über den Rand des Lagers und richtete mich erwartungsvoll auf. Tie innere Tür, eine Gittertür, war geschlossen, verriegelt und mit einem Vorhang bedeckt, wie das Fensterchen. „Vor Sonnenuntergang werden wir Genua erreichen , fuhr Raffles fort, „und das ist der Ort, wo die Tat aus- aeführt werden soll." „Also hast Du doch noch die Absicht?" Habe ich jemals gesagt, ich hätte fte aufgegeben?" „Du hast überhaupt nicht viel gesagt, weder nach der einen, noch nach der anderen Richtung." . „ z. Mit Absicht, mein lieber Bunny. Warum ,ott ich mir eine "Vergnügungsreise durch unnötige Gespräche über Geschäfte verderben? Wer jetzt ist die Zeit gekommen. In Genua muß es geschehen, oder gar nicht." , Nein, an Bord, morgen Nacht. Auch diese Nacht wäre es ausführbar, aber morgen ist es besser im Falle eines Mißgeschicks. Wenn wir gezwungen würden, Gewalt zu gebrauchen, könnten wir mit dem ersten Zug verduften, und an Bord würde erst ettvas gemerkt werden, wenn das Schiff -wieder unterwegs ist und H. tot oder betäubt ausgefuudeu würde." „Doch nicht tot!" rief ich aus. . „Selbstverständlich nicht", stimmte Raffles zu, „oder wer würden nicht in die Notwendigkeit geraten, auszurerßen, setzte er seine durch meinen Ausruf unterbrochene Rede fort. „Wollten wir aber ausreißen müssen, dann ist Dienstag morgen der günstigste Augenblick, da das Schiff abgchen muß, es mag Vorfällen, was da will. Gewalt ist das Eingeständnis einer schrecklichen Unfähigkeit. Wie viele Schlage habe ich, Deines Wissens, in allen diesen Jahren geführt? Nicht einen einzigen, glaube ich, aber trotzdem war ich immer darauf gefaßt, mein Opfer umzubringen, wenn das schlimmste gekommen wäre." Hierauf fragte ich ihn, auf welche Weise er unbemerkt in Herrn v. H.'s Kabine zu gelangen gedenke, und selbst in dem gedämpften Lichte der unfern konnte ich sehen, wie sein Gesicht aufflammte. „Klettere in mein Bett, Bunny, dann wirst Du es sehen. Das tat ich, konnte aber nichts entdecken. Raffles reichte über mich hinweg und klopfte an den Ventilator, eine Art Falltür in der Wand über dem Bett, etwa achtzehn Zoll lang imd halb so hoch. Es öffnete sich nach außen in den Ventilationsschacht. „Das ist die Pforte, die uns zum Reichtum führen soll", sagte er. „Oeffne sie, wenn Du willst; viel wirst Du nicht sehen, denn sie dreht sich nicht weit genug, aber das Ausziehen einiger Schrauben hilft dem ab. Der Schaft ist, wie Du bemerken wirst, mehr oder weniger bodenlos. Du gehst auf dem Wege nach Deinem Bade darunter hinweg, und oben ist et durch ein Oberliüit auf der Brücke geschlossen. Das ist der Grund, weshalb wir die Sache während unseres Aufenthaltes in Genua ausführen müssen, weil int Hafen keine Wache auf der Kommandobrücke steht. Der gegenüberliegende -Ventilator ist der v. H.'s Kabine. Auch da ist nur das Lösen einiger Schrauben erforderlich, und ein Balken, worauf man stehen kann, erleichtert dis Arbeit." „Wenn nun aber gerade jemand von unten in die Höhe H, sogar ürlich „Du im Falle stützung, aber ich werden, blickt?" „Daß unten jemand auf den Beinen fein sollte, ist äußerst unwahrscheinlich, so unwahrscheinlich, daß wir es darauf ankommen lassen können. — Nein, Du darfst nicht da unten Posten stehen, um es zu verhindern. Die Haupt- äche ist, daß keiner von uns beiden wieder draußen gesehen wird, nachdem wir uns für die Nacht zurückgezogen haben. Ein paar Schiffsjungen halten oben auf dem Verdeck Wache, und diese sollen unsere Zeugen fein, sodaß der Vorgang das größte Rätsel sein wird, das es je gegeben hat." „Wenn H. keinen Widerstand leistet." „Widerstand! Dazu wird er gar keine Gelegenheit haben. Er trinkt so viel Bier, daß er jedenfalls sehr fest schlaft, und nichts ist leichter, als einen Menschen zu chloroformieren, der in tiefem Schlafe liegt; Tu hast es ja felbft bet einet Veranlassung getan, woran Dich zu erinnern vielleicht nicht sehr hübsch ist. H- wird fast in demselben Augenblick das Bewußtsein verlieren, wo ich meine Hand durch den Lenti- laior stecke. Ich werde über fernen Leib hmwegkrtechen, Bunny, mein alter Junge!" „Und ich?" reichst mir, was ich brauche, verteidigst das Fort eines Unfalles und leihst mir die moralische Unter- woran Du mich gewöhnt hast. Sie ist ein Luxus, habe es schwierig gesunden, ohne sie fertig zu als Du fromm geworden warst." tagte er, werde jedenfalls bei verriegelter Tür schlafen, die er - Raffles - natürlich unverriegelt zuruck- lassen müsse, und er sprach auch noch von anderen Mitteln, die er beim Durchsuchen der Kabine anwenden wolle, um die Leute auf eine falsche Spur zu bringen. Nicht daß Raffles auf ein langwieriges Suchen gerechnet hatte. H. trug die Perle auf dem Leibe, und Raffles wugte sogar ganz genau, wo und worin er sie verborgen hatte. Natürlich fragte ich ihn, auf welche Weise er,das ernn telt habe, und seine Antwort führte zu einer kleinen Mißhelligkeit. , Das ist eine sehr alte Geschichte, Bunny. In welchem Buche sie vorkommt, habe ich vergessen, ich weiß nur, daß 178 sie im Alten Testament steht. Simson war der unglückliche Held und eine gewisse Delila die Heldin." Dabei sah er mich so bedeutungsvoll an, daß ich über seine Meinung auch nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnte. „Also hat die schöne Australierin die Delila gespielt?" sagte ich. „Auf eine sehr harmlose und unschuldige Art." „Sie hat ihm das Geheimnis seiner Sendung abgelockt?" „Ja, ich habe ihn gezwungen, sich aller Mittel zu bedienen, worüber er verfügte, um einen Eindruck auf die junge Dame zu machen, und dies war sein letzter großer Schlag, wie ich das gehofft hatte. Er hat Amy die Perle sogar gezeigt." „Also Amy! Hub sie hatte nichts eiligeres zu tun, als Dir alles wiederzuerzählen?" „Keineswegs! Wie kommst Du auf den Gedanken? Es hat mich die größte Mühe gekostet, es aus ihr herauszubringen." Sein Don hätte mich warnen sollen, allein ich hatte nicht Takt genug, darauf zu achten. Nun sah ich endlich, was hinter seiner wütenden Hofmacherei steckte, schüttelte den Kopf und drohte ihm mit dem Finger, durch das Licht, das mir aufgegangen war, blind für seine gerunzelte Stirn. „Schlauer Wurm!" sagte ich. „Jetzt durchschaue ich alles! Wie dumm bin ich gewesen!" „Weißt Du gewiß, ob Du es nicht noch immer bist?" „Nein, jetzt sehe ich, was mir die ganze Woche ein unlösliches Rätsel war. Was Du an der kleinen Person fandest, war mir einfach unbegreiflich, und ich dachte nicht im Traume daran, daß diese Hofmacherei ein Teil des Planes sei." „Also das glaubst Du und weiter nichts?" „O Du Pfiffikus! Natürlich glaube ich das!" „Du wußtest nicht, daß sie die Tochter eines reichen Squatters ist?" „Es gibt Dutzende von reichen Frauen, die Dich morgen am Tage heiraten würden." „Und kommt es Dir gar nicht in den Sinn, daß ich einen Strich machen, ein neues, reines Dasein beginnen und bis an mein Ende glücklich leben möchte — im Busche?" „Mit der näselnden Stimme immer im Ohre? — Ganz gewiß nicht!" „Bunny!" rief er so wütend, daß ich mich auf einen Schlag gefaßt machte, aber es erfolgte nichts weiter. „Glaubst Du, daß Du glücklicy werden könntest?" Ivar ich zu fragen kühn genug. „Tas weiß Gott!" antwortete er, und damit verließ er mich, während ich zurückblieb und Zeit hatte, über seinen Blick, seinen Ton und mehr als je über die unzulängliche Ursache dieser Aufregung nachzudenken. ;®on allen verbrecherischen Taten, die ich Raffles habe ausführen sehen, war diejenige, welche er am Dienstag zwischen ein und zwei Uhr morgens an Bord des Norddeutschen Lloyddampfers „Sachsen" vollbrachte, während dieser im Hafen von Genua vor Anker lag, gleichzeitig die feinste und die schwerste. Nicht die geringste Schwierigkeit kam dabei vor, an alles war im voraus gedacht, und alles verlief so, wie er mich versichert hatte, daß es verlaufen müsse. Unten war niemand im Wege, auf Deck hielten sich nur die Schiffsjungen aus, und aus der Kommandobrücke war kein Mensch. Es war fünfundzwanzig Minuten nach Eins, als Raffles vollständig entkleidet, ein mit Watte verstopftes Glasfläschchen Wischen den Zähnen und einem kleinen Schraubenzieher hinter dem Ohr, mit den Füßen voran durch den Ventilator über seinem Bett kletterte, und es war neunzehn Minuten vor Zwei, als er zurückkehrte. Der Kopf erschien zuerst, das Glasfläschchen hielt er noch zwischen den Zähnen, aber die Watte war jetzt fest eingedrückt, um das Klappern der Perle zu verhindern, die wie eine große graue Bohne darin lag. Er hatte Schrauben ausgezogen und wieder ein- gedrcht, er hatte H.'s Ventilator losgemacht und wieder so befestigt, wie er ihn gefunden hatte, und wie er den seinen sofort ebenfalls wieder befestigte. Zu H.'s Betäubung hatte es genügt, ihm die getränkte Watte zunächst auf den Schnurrbart zu legen und dann zwischen die geöffneten Lippen zu drücken, und hierauf war ihm der Eindringling zweimal über die Beine gestiegen, ohne dem Bewußtlosen einen Ton zu entlocken. Nun hatten wir den Preis — eine Perle so groß als eine Haselnuß mit einem blassen rosa Schimmer, wie der Fingernagel einer Dame, ein Beutestück aus den Zeiten der Flibustier, jetzt das Geschenk eines europäischen Monarchen für den König eines Kannibalen-Eilands. Als alles wieder in Ordnung war, schwelgten wir in ihrer Schönheit und tranken uns in Whisky und Sodawasser zu, die wir uns für diese große Stunde vorher besorgt hatten. Aber der Augenblick war größer, reicher an Triumph, als wir ihn uns in unseren ausschweifendsten Träumen vorgestellt hatten. Alles, was wir jetzt noch zu tun hatten, war, das Kleinod zu verbergen (Raffles hatte es aus der Fassung gebrochen und diese an Ort und Stelle zurückgelassen), sodaß wir die sorgfältigste Durchsuchung nicht zu fürchten brauchten und es doch in Neapel mit an Land nehmen konnten, und damit war Raffles beschäftigt, als ich mich zu Bett legte. Ich hätte am liebsten sofort noch in der Nacht in Genua das Schiff verlassen, um mit der Beute zu entfliehen, aber Raffles wollte davon nichts hören und wußte eine Menge triftiger Gründe für seine Weigerung vorzubringen. Im ganzen glaube ich nicht, daß etwas entdeckt oder geargwöhnt wurde, bevor wir die Anker lichteten, aber sicher bin ich dessen nicht. Daß ein Mensch, der im Schlafe chloroformiert worden war, hinterher keine verräterische Nachwirkung verspürt oder keinen verdächtigen Geruch wahr- genommen haben sollte, ist schwer zu glauben. Aber trotzdem erschien H. mit der Mütze über den Augen und hoch ausgedrehtem Schnurrbart, als ob ihm nichts zugestoßen sei. Um zehn Uhr waren wir in Genua fertig, der letzt« Obstverkäufer war mit Eimern voll Wasser vertrieben worden und ruderte fluchend in seinem Boot von dannen, und der letzte Reisende war an Bord gekommen, ein umständlicher Graubart, der das große Schiff warten ließ, während er mit seinem Bootsmann um eine halbe Lire feilschte. Aber endlich setzten wir uns in Bewegung, der kleine Schleppdampfer wurde entlassen, wir kamen am Leuchtturm vorbei, und Raffles und ich standen, unser Spiegelbild in dem blaugrünen, flüssigen, geaderten Marmor betrachtend, der die Seiten des Schiffes wieder bespülte, an der Brüstung. Herr v. H. war bei Miß Werner wieder an der Reihe, denn es gehörte zu unserem Plane, daß er den ganzen Tag bei ihr bleiben sollte, damit die unvermeidliche Stunde hinausgeschoben werde, und obgleich die junge Dame gelangweilt aussah und unaufhörlich nach uns hinschaute, schien der deutsche Offizier gewillt, seine Gelegenheit gründlich auszunützen. Aber Raffles war verstimmt und beunruhigt, sodaß er gar nicht das Aussehen eines Mannes hatte, bem eben ein großartiges Unternehmen geglückt ist, und ich konnte mir das nur dadurch erklären, daß ich annahm, die bevorstehende Trennung in Neapel bedrücke sein Gemüt. Auch sprechen wollte er nicht mit mir, aber ebensowenig mich gehen lassen. „Bleib, wo Du bist, Bunny. Ich muß Dir einige Mitteilungen machen. Kannst Du schwimmen?" „Ein wenig." „Zehn Meilen?" . „Zehn?" antwortete ich, laut auflachend. „Noch nicht eine. Aber warum fragst Du?" „Wir werden während des größten Teiles des Tages innerhalb zehn Meilen von der Küste sein." „Woraus in aller Welt willst Du denn hinaus?" „O nichts, aber ich werde es mit dem Schwimmen versuchen, wenn das schlimmste zum schlimmen kommt. Unter Wasser kannst Du wohl gar nicht schwimmen?" Diese Frage ließ ich unbeantwortet; ich hörte sie kaum, aber kalter Schweiß brach mir aus allen Poren. „Warum soll denn das schlimmste zum schlimmen kommen?" flüsterte ich. „Wir sind doch nicht ertappt, tote?" „Nein Y* „Warum redest Du denn so, als ob wir's seien?" „Weil tote vielleicht ertappt werden; ein alter Feind von uns ist an Bord." „Ein alter Feind?" „Mackenzie!" „Was?" „Der Mann mit dem Bart, der zuletzt an Bord kam/' „Bist Du Deiner Sache sicher?" „Sicher! Es tat mir nur zu leid, als ich sah, daß Du ihn nicht erkanntest." Nun preßte ich mein Taschentuch gegen das Gesicht, 179 denn als ich jetzt daran dachte, fiel mir ein, daß mir die Haltung des alten Herrn bekannt und etwas zu jugendlich für sein scheinbares Mer vorgekommen war, und jetzt, als ich mir seinen Bart im Lichte dieser fürchterlichen Enthüllung wieder vorstellte, erschien er mir unecht. Ich schaute mich auf dem Verdeck um, aber der alte Mann war nicht zu erblicken. „Das ist ja gerade das schlimmste", sagte Raffles. „Ich sah ihn schon vor zwanzig Minuten in die Kajüte des Kapitäns gehen." ' „Aber was mag ihn hierhergeführt haben?" rief ich kläglich. „Könnte es nicht ein zufälliges Zusammentreffen sein — daß er hinter einem andern her wäre?" „Diesmal schwerlich", antwortete Raffles kopfschüttelnd. „Du glaubst also, daß er hinter Dir her sei?" „Das fürchte ich schon seit ein paar Wochen." „Und doch stehst Du hier?" „Was soll ich denn tun? Schwimmen möchte ich nicht eher, als bis es unbedingt nötig ist, aber ich sänge an, zu wünschen, ich hätte Deinen Rat befolgt, Bunny, und das Schiff in Genua verlassen, obgleich ich nicht im geringsten bezweifeln, daß Mackenzie Hafen und Bahnhof bis zum letzten Augenblick scharf bewacht hat. Das ist auch der Grund, weshalb er das Schiff nur mit knapper Not noch erreichte." Dabei nahnr er sich eine Zigarette und bot mir die Dose an, aber ich schüttelte ärgerlich den Kopf. „Ich verstehe es noch immer nicht", sagte ich. „Warum sollte er hinter Dir her sein? Wegen eines Kleinods, das, soweit er wußte, vollkommen in Sicherheit war, kann er doch diese weite Reise nicht gemacht haben. Wie erklärst Du Dir die Sache?" „Einfach so, daß er mir schon seit längerer Zeit auf der Spur ist, wahrscheinlich seit ihm im vorigen November Freund Crawshey durch die Finger geschlüpft ist. Auch an anderen Anzeichen fehlt es nicht, sodaß mir dieses in Wahrheit nicht unerwartet kommt. Allein es kann sich lediglich um Verdacht handeln. Ich werde fordern, daß er mir irgend etwas beweist, und daß er die Perle bei mir findet! Wie ich mir die Sache erkläre, Bunny? Ich weiß so genau, wie er hierher gekommen ist, als ob ich selbst in seiner schottischen Haut steckte, und ich weiß auch, was er zunächst tun wird. Er hat ermittelt, daß ich ins Ausland gereist war, und hat sich nach einem Beweggrund umgesehen. Sodann hat er etwas von Herrn v. H. und seiner Sendung gehört, und da hatte er seinen Beweggrund fix und fertig. Ein furchtbares Glück — mich bei einem frischen Unternehmen ab- zusassen, aber es wird ihm nicht gelingen, Bunny, er wird das ganze Schiff und uns alle durchsuchen, wenn der Verlust bekannt wird, aber er wird nichts finden. Da winkt der Kapitän den Knirps in seine Kajüte; jetzt wird gleich die Butter im Feuer liegen." Aber es gab keine Aufregung, keine Unruhe, keine Durchsuchung der Reisenden; kein Flüstern über das, was vorgefallen war, ging von Mund zu Mund. Statt allgemeiner Erregung herrschte ein schwüler Friede, und ich sah deutlich, daß Raffles durch diese Nichterfüllung seiner Voraussage im höchsten Grade beunruhigt war. In dem Schweigen nach einem solchen Verlust lag "was unheimlich drohendes, und dieses Schweigen dauerte stundenlang, während deren Mackenzie nicht wieder zum Vorschein kam. Aber zur Frühstückszeit hatte er sein Versteck verlassen —i er war in unserer Kabine gewesen! Ich hatte mein Buch auf Riffles Bett liegen lassen, und als ich es mir nach dem Frühstück holte, berührte ich die Decke. Sie war warm, als ob vor kurzem Fleisch und Blut darauf geruht hätten. Instinktiv sprang ich nach dem Ventilator, öffnete ihn und sah, daß der gegenüberliegende rasch zugeschnappt wurde. „Alles in Ordnung", sagte Raffles, den ich aufgesucht hatte. „Er mag die Perle finden, wenn er kann." „Hast Du sie über Bord geworfen?" „Das ist eine Frage, die zu beantworten ich mich nicht herablassen werde." Bei diesen Worten drehte er fick» auf dem Absatz um, und später sah ich wiederholt, wie er seinen letzten Nachmittag mit der unvermeidlichen Miß Werner nach Kräften auszunutzen sich bemühte. Ich entsinne mich, daß sie frisch und nett aussah, in einem einfachen braunen Kattunkleid, das ihren Teint sehr hübsch hervorhob und das sehr geschmackvoll mit Rot ausgeputzt war. An diesem Nachmittag bewunderte ich sie wirklich, denn ihre Augen waren in der Tat schön, ebenso ihre weißen Zähne, und sie hatte, mir elbst zum Trotze, vorher niemals so mein unverhohlenes Wohlgefallen erregt. Denn ich ging wieder und wieder an ihnen vorbei, weil ich Raffles sagen wollte, ich wisse, daß Äefahr im Anzuge sei, aber er schenkte mir keinen Blick, odaß ich es schließlich aufgab. Erst in der Kajüte des Kapitäns sah ich ihn wieder. Ihn hatten sie zuerst dorthin gerufen, lächelnd war er dem Rufe gefolgt und lächelnd fand ich ihn, als auch ich herbeigeholt wurde. Die Kajüte war geräumig, wie sich das ür eine Kapitänskajüte schickte. Mackenzie saß auf dem Sofa, sein falscher Bart lag vor ihm auf dem glänzend '.rotierten Mahagonitische aber der Kapitän hatte einen Revolver vor sich liegen, und als ich eintrat, schloß der erste Offizier, der mich gerufen hatte, die Tür und stellte sich mit dem Rücken dagegen. Der schnurrbartdrehende Herr H. machte die Gesellschaft vollzählig. Raffles begrüßte mich. „Der Spaß ist wirklich zu gut!" rief er. „Du entsinnst Dich doch der Perle, von der Du so begeistert warst, Bunny, des Geschenks eines Monarchen, der Perle, für die kein Preis hoch genug ist? Wie es scheint, war sie unserem kleinen Freund hier anvertraut worden. Er sollte sie dem Empfänger bringen, und der arme kleine Kerl hat sie verloren. Wir sind Engländer, ergo haben wir sie genommen." „Aber ich weiß, daß Sie sie haben", fiel Mackenzie ein, seinem Barte zunickend. „Diese loyale und patriotische Stimme wirst Du wohl kennen", sagte Raffles. „Mann, das ist unser alter Freund Mackenzie von Scotland Dard und Schottland selbst", schloß er, Mackenzies Sprechweise und schottische Aussprache ausgezeichnet nachahmend. , „Genug!" rief der Kapitän. „Wollen Sie sich trettotlltg einer Durchsuchung unterwerfen, oder soll ich Gewalt anwend en?" „Tun Sie, was Ihnen gefallt", erwiderte Raffles, „aber es wird Ihnen nichts schaden, wenn Sie uns zunächst gestatten, uns zu erklären. Sie klagen uns an, wir seien heute in den ersten Morgenstunden in Hauptmann v. H.'s Kabine eingebrochen und hätten diese verwünschte Perle daraus entwandt. Ich kann Ihnen aber beweisen, daß ich die ganze Nacht in meiner Koje gewesen bin, und ich zweifle nicht daran, daß mein Freund das ebenfalls beweisen kann." „Ganz entschieden kann ich das", antwortete ich entrüstet. „Das können die Schiffsjungen bezeugen!" (Schluß folgt.) Zur Geschichte H Anliquitätenschwmdcls. Bon E. Osten. (Nachdruck verboten.) Das himmlische Reich, welches sich einer so uralten Kultur erfreut, genießt den Ruhm, schon ziemlich früh nut der Fälschung von Antiquitäten begonnen zu haben. Jedenfalls sind derartige Fälschungen, tote titele wohl annehmen werden, keineswegs eine Errungenschaft der jüngsten Kultur. Zwei chinesische Künstler, Tsaui-Kvng (1522 bis 1572) und Tschiau (1567 bis 1619) sollen sich bereits in der Imitation antiken Porzellans außerordentlich hervorgetan haben. Letzterer sand, nach Marryat, ein großes Vergnügen darin, seine imitierten Waren zu besonders eifah- renen Antiquitätensammlern zu bringen, deren Leidenschaft für seltene Gegenstände ihm gut bekannt war; er hatte das Bestreben, möglichst die tüchtigsten Kenner zu düpieren, und es soll ihm nicht selten gegluckt sein. Es ist nicht bekannt, daß in anderen Landern der Antiquitätenschwindel schon so früh betrieben tvuM wie in China. In England sollen erst im 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche Fälschungen °us dem AntiquiLatenmarkt entdeckt worden sein. Alte englische Bucher erzählen titd von derartigen Betrügereien. Die Fälschungen betrafen namentlich Gemälde, Stiche und Bronzen. Horace Walch,le erzählt von einem vlämischen Maler John Pieters, der um das Jahr 1727 in England starb. Er wurde von Sir Godfrey Kneller damit beauftragt, die Draperien auf dessen Gemälden zu malen; seine Hauptbeschäftigung ab r bestand in dem Ausbessern von Zeichnungen und alten Gemälden. Er verstand sich ausgezeichnet darauf, Rubens zu kopieren, und gab sogar mehrere Stahlstiche, welche er gewaschen hatte, für Originalzeichnungen jenes Meisters a»s Ein anderer Sünder war Pope, welcher ein von smelltt 180 gemaltes Originalporträt deS Bischofs von Atterbury esaß. Von diesem Porträt ließ er durch den Maler Wors- dale Kopien für 60 bis 80 Mk. anfertigen, und wenn er einem seiner Freunde eine besondere Aufmerksamkeit zu erweisen wünschte, so schenkte er ihm ein „Original"-Gemälde des Atterbury. Worsdale malte 5 bis 6 dieser „Originale". Um das Jahr 1789 soll, nach Chambers' Journal, auch ein Mr. Parsons eine groge Anzahl der Gemälde Sir Peter Lelys kopiert haben, durch welche sich selbst Kenner täuschen ließen. Meistenteils waren es nätürltch arme Schlucker, die sich des schnöden Mammons wegen zu diesen Fälschungen verleiten ließen. Doch es ist nicht ausgeschlossen, daß auch hervorragende Ktinstler si'ch bisweilen derartiger Fälschungen schuldig machten, und man hat sogar den Namen Michel Angelos aus die Liste derselben gesetzt. Es wird als erwiesen angesehen, daß der große Künstler sich mindestens in einem Falle dieses Vergehens schuldig gemacht hat. Heath Wilson erzählt in seinem interessanten Werke „Leben Buonarottis", daß eine der erstell Skulpturen Michel Angelos, welche einen liegenden schlafenden Cupido darstellt, in ihrer Ausführung so sehr den antiken Werken glich, daß Lorenzo-di-Pier Francesco de Medici vorschlug, dieselbe künstlich zu entfärben, um den Anschein des Alters hervorzubringen, da das Werk so einen höheren Preis erzielen würde. Dieser Rat wurde befolgt und die Figur darauf an einen Händler, Messer Baldassarre des Milanese, verkauft, der dieselbe wieder an den Kardinal San Giorgio in Rom als Antike für die Summe von 1920 Mk. verkaufte, während er selbst nur 280 Mk. an den Künstler gezahlt hatte. Nun sind nicht alle Personen in der Lage, die Rückgabe ihres Geldes zu erzwingen, wie es der Kardinal tat. In vielen ähnlichen Fällen leiden weniger energische Opfer lieber im Stillen, als daß sie sich der Lächerlichkeit aussetzen, wie die folgende alte, aber, wie es heißt, wohlbeglaubigte Geschichte zeigt: Ein Pariser Händler, halb Antiquar, halb Abenteurer, verwendete, durch das Prahlen eines Engländers verleitet, der angab, sich eine Kunstsammlung anlegen zu wollen, mehrere Tage darauf, seinem Kunden echte, aber kostspielige Sachen zu verschaffen. Da es ihm nicht gelang, ut Paris ein Geschäft abzuschließen, so schlug er dem Amateur, einem Parvenue, vor, ihn nach Rom zu begleiten, wo er, wie der Händler versicherte, seine künstlerischen Bedürfnisse zu niedrigeren Preisen befriedigen könne. Die Reise wurde beschlossen, und bald nach ihrer Ankunft besuchten der Händler und der Kunde die Gärten der Borghese, wo der Engländer sich heftig in eine Statue verliebte, die er auch für würdig erachtete, den Boden seines neuerwor- benen Gutes zu schmücken. Den Händler, welcher wieder vergeblich versucht hatte, ein vernünftiges Geschäft abzuschließen und sich ein gut Teil italienischer Unverschämtheiten hatte gefallen lassen müssen, entrüstete und belustigte zugleich die von fernem Gönner bekundete Unwissenheit, und er beschloß, einer augenblicklichen Eingebung folgend, ihn grüirdlich auszubeuten. Ohne zu erröten, versicherte er, daß sich der Ankauf der Statue gewiß vorteilhaft arrangieren ließe, wenn die Sache vollständig ihm überlassen bliebe. In der Tat berichtete er dem Eirgländer zu dessen großer Genugtuung noch an demselben Abend, daß das Geschäft abgeschlossen sei. Nachdem der Engländer eine Quittung und einen Erlaubnisschein, die Statue von ihrem Standort entfernen zu dürfen, von seinem Agenten empfangen batte, händigte er diesem 12 000 Mark ein. Es ist kaum nötig, zu sagen, daß der Pariser mit diesem Gelbe un- züglich verschwand. Für den Händler hatte die Sache keinerlei üble Folgen, denn als der^ Käufer das ganze Ma tz seiner Dummheit erkannte, zog er vor, sein Geld zu verlieren und lieber die Sache zu vertuschen, als zum Gegenstand des Gespöttes seiner vornehmen Bekanntschaften zu werden, die er so sorgsam pflegte. — Vermischtes. Eine Höhle als Kerker. Eins der stärksten Gefängnisse in Nordamerika befindet sich in der Stadt Clifton in Graham County, Arizona. Dieser Ort liegt in einem Tal, welches an einer Seite von einem hauptsächlich aus Quarzgestein vestehenben Hügel begrenzt ist. Als die Behörden der County die Notwendigkeit erkannten, ein Gefängnis anzulegen, beschloß man, mit Hilfe von Sprengstoffen eine Höhle in den Abhang des Hügels zu sprengen. Die Oeff- nung wurde eben nur groß genug gemacht, daß ein Mensch ohne Schwierigkeit hindurchkann, während das Innere wie eine Kohlenmine ausgehöhlt und durch natürliche Scheidewände in vier Zellen geteilt wurde. Man machte keinerlei Bemühungen, das Innere der Zellen zu glätten, sondern die Decke und die Seitenwände blieben in der zerrissenen unebenen Beschaffenheit, welche durch das Sprengen hervorgerufen war. Um den Zutritt von Licht und Luft zu ermöglichen, wurden Löcher in den Fels gebohrt und die Oeffnungen durch eingeführte Stahlstangen von etwa einem Zoll Durchmesser gesichert. Der Gngang wurde mittels einer ebenfalls aus Stahlstaugen konstruierten Tür verschlossen, doch der weiteren Sicherheit halber, und um einen Raum für den Sheriff und seine Beamten zu schaffen, wurde ein Flügel oder eine Borhalle aus Mauerwerk an den Hügel angebaut. Den Stein für diesen Zweck hatte man bei der Sprengung gewonnen. Das Vestibül ist durch eine Querwand geteilt, sodaß man, um zu dem eigentlichen Gefängnis zu gelangen, drei vergitterte Türen passieren muß. Es sind nur vier Zellen vorhanden, aber jede derselben ist groß genug, um mehrere Insassen zu beherbergen; nötigenfalls kann dieser neue Kerker einige zwanzig Personen aufnehmen. Obgleich die Wände und Decken aus Fels bestehen, ist das Innere doch trocken. Die Gefangenen sollen in diesem natürlichen Kerker unter weniger Unzuträglichkeiten leiden, als diejenigen, welche in künstlichen Gebäuden untergebracht sind. Der schwächste Teil der Mauern dieses Gefängnisses ist über 1,80 Meter stark. Ohne Zweifel wollte man unter möglichst geringem Kostenaufwand für diese kleine Zahl von Gefangenen einen absolut sicheren Kerker gewinnen, der zugleich den Borzug der Feuerfestigkeit besitzt Das ist aber nett! Es war im wilden Westen Amerikas» „Wie geht es?" fragte der Tourist. „Ganz erträglich", antwortete der alte Mann, der auf dem Baumstumpf saß. „Ich sollte ein paar Bäume fällen, da kam der Cyklon, warf sie um unb ersparte mir die Mühe." „Das war gut." „Ja, und dann zündete der Blitz das Reisig an und ersparte mir die Arbeit, es zu verbrennen." „Merkwürdig! Wer was machen Sie jetzt?" „Jetzt warte ich, daß ein Erdbeben kommen und di« Kartoffeln aus der Erde schütteln soll." Schachaufgabe. Von F. Havelka in Louny. (Nachdruck verboten.) a b C d e f p h 8 8 6 6 5 a b c d e i g h Weiß. Weiß zieht und setzt mit dem dritten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.r Sokrates; Oskar, Ratte, Tasse, Rose, Kakao. Redaktion: Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der «rühl'sckm UniverfitLtS-Vuch. und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.