WM tfn&wr-t} I 1903. — Nr. ZV Mittwoch de» 25. Februar. /. (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Von E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dein Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) „Sie sind besoffen!" antwortete Purvis, immer noch zwischen uns stehend. „Ich sah, wie Sie ein Glas reinen Whisky tranken, als Sie eintraten, und das hat Ihnen Ihr bischen Verstand geraubt. Rappeln Sie sich zusammen, Alter! Ich lasse nicht zu, daß Sie etwas tun, was Sie hinterher bereuen würden." „Gut, dann will ich nicht auf den Lump selbst schießen, sondern nur rings um ihn herum. Sie haben ganz recht, alter Junge. Ich werde ihm nichts zu Leide tun; das wäre ein großer Fehler, aber rings um ihn herum. Sehen Sie — Jo!" Tab ei fuhr eine mit Sommersprossen bedeckte Tatze über Purvis' Schulter, gelbe Blitze schossen aus seinem Ringe, eine rote Flamme aus seinem Revolver. Tie Frauenzimmer kreischten, als der Knall verhallte, und einige Holzsplitter flogen in mein Haar. Im nächsten Augenblick entwaffnete ihn der Preis- boxer, und wenn ich jetzt auch vor diesem Teufel sicher war, so war mein Schicksal doch besiegelt, denn ein Schutzmann stand in unserer Mitte! Er war durchs Salonfenster eingetreten, machte aber wenig Worte, sondern handelte mit lobenswerter Raschheit. Im 9ht hatte er meine Hände gefesselt, während der Preisboxer den Vorgang erzählte und fein Herr in ohnmächtiger Wut über die Polizei und ihren Vertreter lvszog. Das sei eine nette Wachsamkeit; sie wären was rechts nütze, denn sie kämen immer, wenn alles vorbei sei, und das ganze Haus hätte im Schlafe können ermordet werden. Erst als mich der Beamte abführte, ließ er sich herab, Rosenthal! etwas Beachtung zu schenken. „Von Ihnen wissen wir mehr als genug", sagte er verächtlich, indem er den Sovereign zurückwies, den Purvis ihm anbot. „Sie werden mich in Maryleboue Wiedersehen." „Soll ich gleich mitgehen?" „Wie Sie wollen, aber ich vermute, der andere Herr hat Sie nötiger, und ich glaube nicht, daß mir dieser Mann Schwierigkeiten machen wird." „Ach, ich werde ganz gutwillig mitgehen", sagte ich. Und ich ging mit. Schweigend legten wir einige hundert Schritte zurück. Es mußte Mitternacht sein, und wir begegneten keiner „Wie, in aller Welt hast Du denn das fertig gebracht?" Msterte ich endlich. „Ter reine Dusel!" antwortete Raffle-. „Da ich jeden Backstein der Gartenmauer kenne, gelang es mir, zu entkommen, und das größte Glück war, daß ich diesen Anzug und was dazu gehört, hier in Chelsea hatte. Der Helm ist ein Stück einer Sammlung, die ich mir in Oxford angelegt habe. Hier fliegt er über die Mauer, und Rock und Gürtel wollen wir lieber ausziehen und auf dem Arm tragen, ehe wir einem wirklichen Beamten begegnen. Ich habe sie mir einmal — angeblich — zu einem Maskenball angeschafft, und damit ist eilte Geschichte verknüpft. Meine Hanptschwierigkeit war, die Droschke los zu werden, die mich zurückbrachte, aber ich habe dem Kutscher einen Shilling gegeben, und ihn mit einer Botschaft an den guten alten Mackenzie nach Scotland Pard geschickt. Die ganze Kriminalabteilung wird in einer halben Stunde in Rosenthalls Haus fein. Natürlich rechnete ich mit dem Hasse, womit dieser Herr die Polizei beehrt — wieder ein kolossales Glück! War's Dir inzwischen gelungen, zu entkommen, schön und gut, wo nicht, so war ich überzeugt, daß der Mensch seine Maus so lange als möglich quälen werde. Ja, ja, Bunny, das Kostüm hat eine größere Rolle bei unserer Aufführung gespielt, als ich ihm zugedacht hatte, und wir haben uns mit weniger Ehre aus der Affaire gezogen. Aber, bei Gott, es war Glück genug, daß wir uns überhaupt herausgezogen haben." III. Dilettanten und Leute von Beruf. Ob der alte Raffkes ein hervorragender Verbrecher war, oder nicht, mag dahingestellt bleiben, daß er. aber als Cricketspieler einzig in seiner Art dastand, das kann ich beschwören, und es ist merkwürdig, daß er so unglaublich wenig Interesse für das Spiel im Ganzen an den Tag legte, obgleich er anerkannt der gefährlichste Schläger und der beste Läufer seiner Zeit war. Ein Wettkampf, woran er. nicht selbst teilnahm, war ihm vollkommen gleichgiktig, allein das war keineswegs verächtlicher Egoismus von ihm. Er behauptete, jede Begeisterung für das Spiel verloren zu haben, und sich nur noch aus den niedrigsten Beweggründen daran zu beteiligen. „Cricket", pflegte Raffkes zu sagen, „ist, wie alles andere, so lang gut genug, bis man etwas besseres entdeckt hat. Als eine Quelle der Aufregung läßt es sich nicht mit anderen Dingen vergleichen, die Du kennst, Bunny. Welche Befriedigung gewährt es denn, wenn mau einem Manne ein Spiel abgewinnt, dessen silberne Löffel inan haben möchte? Indessen ist es immerhin ganz nützlich, da es eine gewisse Art von niedriger Schlauheit nicht verrosten läßt, denn immer nach dem schwachen Punky der Gegner zu suchen, ist gerade die Art von geistiger Gymnastik, die man braucht. Ja, vielleicht gie6t es wirklich eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden. Aber ich würde das Cricket morgen am Tage über Bord werfen, Bunny, wenn es nicht für einen Mann von meinen Neigungen ein so herrlicher Schutz wäre." 118 „Inwiefern?" fragte ich. „Es lenkt bte Aufmerksamkeit des Publikums auf Dich, uud ich sollte denken, in einem viel höheren Grade, als ratsam oder mit Deiner Sicherheit verträglich ist." „Mein lieber Bunny, da bist Du gerade auf den, Holzweg. Wenn mau Verbrechen begehen und leidliche Aussicht haben will, unentdeckt zu bleiben, so muß man einfach nebenher eine andere Beschäftigung, eine offenkundige Beschäftigung treiben, — je mehr sie einen vor die Oeffeutlichkeit bringt, umso besser. Der Grundgedanke liegt auf der Hand. Mr. Peace, frommen Angedenkens, ging dem Verdacht dadurch aus dem Wege, daß er sich eine gewisse Berühmtheit als Violinspieler und Tierbändiger erwarb, und es ist meine feste Ueberzeugung, daß Zack, der Aufschlitzer, in Wahrheit eine hervorragende öffentliche Persönlichkeit war, deren Reden vielleicht in denselben Zeitungen standen, die seine Untaten berichteten. Spiel' irgend eine auffallende Rolle, und Du wirst nie in Verdacht geraten, daß dahinter noch eine zweite von ebensolcher Bedeutung steckt. Deshalb dringe ich so darauf, daß Du den Journalismus kultivierst und Deinen Namen unter Deine Artikel setzest, und das ist der einzige Grund, weshalb ich meine Schlaghölzer noch nicht zum Heizen meines Zimmers verwandt habe." Trotzdem war keiner mehr bei der Sache, oder eifriger darauf bedacht, seiner Partei zum Siege zu verhelfen, wenn er einmal spielte, sodaß es ein wahres Vergnügen für m.ch war, ihn zu allen seinen Wettkämpfen zu begleiten, jeden Ball zu beobachten, den er machte, oder plauder 10 neben ihm im Pavillon zu sitzen, wenn er ruhte. Tort hättet ihr uns auch am zweiten Montag des Juli während des ersten „Dranseins" der Liebhaber gegen die Berufsspieler nebeneinander können sitzen sehen. Mir waren sichtbar, aber nicht zu hören, denn Rafsles hatte beim Auslosen der Plätze eine Niete gezogen, und war für einen Teilnehmer, dem so wenig am Spiele lag, ungewöhnlich verdrießlich darüber. War er mir gegenüber nur schweigsam, so war er gegen solche Teilnehmer, die wissen wollten, wie es gekommen sei, oder die ihm etwa gar ihr Bedauern über sein Pech aussprachen, geradezu grob, während er mit tief ins Gesicht gezogenem Strohhut und einer Zigarette zwischen den Lippen, die sich bei jeder solchen Annäherung häßlich verzogen, neben mir saß. Deshalb war ich umsomehr überrascht, als sich ein junger Mensch vom Typus „Gigerl" zwischen uns zwängte und trotz der Freiheit, die er sich damit genommen hatte, vollkommen höflich empfangen wurde. Ich kannte ihn nicht einmal vom Sehen, und Rafsles stellte uns auch nicht vor, aber ihre Unterhaltung lieferte gleichzeitig den Beweis einer sehr oberflächlichen Bekannt-' schäft und einer Ungeniertheit des jungen Mannes, die mich verblüfften. Meine Betroffenheit erreichte aber durch die Bereitwilligkeit ihren Höhepunkt, womit Rafsles dem jungen Manne folgte, als ihm dieser mitteilte, sein Vater habe den Wunsch geäußert, Raffkes kenuen zu lernen. „Er ist auf der Damentribüne. Wollen Sie jetzt gleich mitgehen?" „Mit dem größten Vergnügen", antwortete Rafsles. „Heb mir meinen Platz auf, Bunny". Und damit waren sie gegangen. „Tas war der junge Crowley", sagte eine Stimme hinter mir, „war voriges Jahr einer von den Cricket- spielern von Harrow." „Ja, ich entsinne mich seiner, der schlechteste von der ganzen Gesellschaft." „War aber scharf dahinter. Sein Examen hat er erst gemacht, als er zwanzig alt war. Sein Alter bestand darauf." Tas Spiel .langweilte mich, denn ich war nur gekommen, um Rafsles spielen zu sehen. Bald fing ich an, mich nach seiner Rückkehr zu sehnen, und endlich sah ich ihn, wie er mir von weitem zuwinkte. „Ich möchte Dich dem alten Amersteth vorstellen", flüsterte er mir zu, als ich ihn erreicht hatte. „Nächsten Monat wird der junge Crowley mündig, und zur Feier dieses Ereignisses wollen sie eine Cricketwoche veranstalten. Auch wir sind eingeladen, am Spiele teilzunehmen." „Aber!" rief ich aus, „ich verstehe ja gar nichts davon." „Schweig stille", antwortete Rafsles. „Ueberlaß das mir. Ich habe das Blaue vom Himmel heruntergelogen", fügte er hinzu, als wir am Fuße der Treppe angelangtwaren, „und ich verlasse mich darauf, daß Tu mich nicht verrätst." ,, , . In seinem Auge funkelte etwas, was ich bei andern Gelegenheiten schon häufig dort gesehen hatte, was aber in dieser gesunden Umgebung darin zu finden, mich überraschte, und ich folgte seiner bunten Jacke mit sehr bestimmten Besorgnissen und Vermutungen durch das große Blumenbeet von Hüten, das auf der Damentribüne blühte. Lord Amersteth war ein schöner alter Herr mit einem kurzen Schnurrbart und Doppelkinn. Er empfing mich mit trockner Höflichkeit, der man indessen sehr deutlich anmerkte, daß ich nur als das unvermeidliche Anhängsel des unschätzbaren Rasfles, auf den ich sehr ärgerlich war, als ich meine Verbeugung machte, mit in den Kauf genommen wurde. „ , f n „Ich habe mir die Freiheit genommen", hob Lord Amersteth an, „einen der ersten Herrenspieler von England zu einem ländlichen Cricket zu uns zu bitten. Er war so freundlich, mir zu antworten, daß er ferne Einladung sehr gern annehmen würde, wenn er nicht mit Ihnen einen kleinen Ausflug zum Fischen verabredet hatte, Mr. . . . Mr. . . ." und endlich gelang es Lord Amersteth, sich meines Namens zu entsinnen. Tas war natürlich das erste Wort, das ich von diesem Ausflug zum Fischen hörte, allein ich beeilte mich, zu erwidern, daß dieser leicht aufgeschoben werden könne, worauf mir Rafsles einen billigenden Blick durch seine Augenwimpern zuwarf, während sich Lord Amersteth achselzuckend verbeugte. „Sehr liebenswürdig von Ihnen", sagte er dabei, „aber, wie ich höre, spielen Sie ebenfalls Cricket." „Ja, als er auf der Schule war, hat er gespielt", fiel Rafsles mit niederträchtiger Raschheit ein. „Ein regelrechter Cricketspieler war ich eigentlich nicht", stammelte ich. c „ ,, „Gehörten Sie zu den Elf?" fragte Lord Amersteth. „Nein, das nicht", antwortete ich. „Aber es fehlte nicht viel daran, so wäre er ausgenommen worden", erklärte Rafsles zu meinem Schrecken. „Nun ja, ein jeder kann ja auch nicht ein regelrechter Spieler sein", entgegnete Lord Amersteth mit einem schlauen Blinzeln. „Mein Sohn Crowley hat sich auch nur noch so eben in die Elf von Harrow hineingeschmuggelt, und er will auch spielen. Wenn Not an den Mann geht, nehme ich selbst noch ein Schlagholz in die Hand. Sie werden also nicht der einzige Stümper sein, und es würde mich sehr freuen, wenn Sie kommen und uns helfen »vollem Vor dem Frühstück und nach dem Diner finden Sie huch Gelegenheit zum Fischen, wenn Ihnen das Vergnügen macht." '„Sehr schmeichelhaft", begann ich als Einleitung zu einer entschlossenen Absage, allein Rafsles sah mich nut großen Augen an, sodaß ich schwächlich zögerie und ver-, loren war.wäre gemacht", antwortete Lord Amersteth mit einem Anflug von Verdruß. „Es soll ein kleines Fest zur Feier der Mündigkeitserklärung meines Sohnes geben, wissen Sie. Wir spielen gegen den „Freien Waldklub", du „Dorsetshire Gentlemen" uud wahrscheinlich noch gegen den einen oder anderen örtlichen Verein. Aber Mr. Rafsles kann Ihnen alles nähere mitteilen, und mein Sohn wird an Sie schreiben. Da — schon wieder ein Wicket! Nun sind sie alle heraus! Also ich rechne auf Sie beide." Mit einem leichten Nicken erhob sich Lord Amersteth und verließ die Tribüne. , „ Auch Rafsles stand auf, aber ich hielt ihn am Aermel fest. „Was hast Du denn eigentlich vor?" flüsterte ich wütend. „Ich bin nie und nirgends bei den Elfen gewesen und habe keinen Schimmer von Cricket. Ich werde absagen. „Das wirst Du gefälligst bleiben lassen", erwiderte er. „Zu spielen brauchst Du nicht, aber mitkommen mußt TU. Wenn Du mich nach halb Sieben erwarten willst, werde ich Dir die Gründe erklären." Diese Gründe zu erraten, wurde mir jedoch nicht schwer, und zu meiner Beschämung mutz ich gestehen, daß sie Mich weit weniger empörten, als die Aussicht, daß ich mich am dem Cricketseld öffentlich lächerlich machen sollte. Bei diesem Gedanken schnürte sich mir die Kehle zusammen, was Iw bei der Vorstellung, daß es sich um ein Verbrechen hanoie, nicht mehr tat, und ich schlenderte in nichts weniger ai» 119 ruhiger Stimmung auf dem Platze umher, während Rasfles im Pavillon verschwand. Mein Aerger verminderte sich auch nicht, als ich ein Zusammentreffen zwischen dem jungen Crowley und seinem Vater beobachtete, der achselzuckend stehen blieb und sich herabbeugte, um dem jungen Mann eine Mitteilung zu machen, die diesen augenscheinlich sehr verblüffte und verstimmte. Mag sein, daß es nur verletztes Selbstbewußtsein war, aber ich hätte darauf schwören mögen, daß der Verdruß lediglich durch die Unmöglichkeit hervorgerufen wurde, den großen Rafsles Mm Kommen zu bewegen, ohne seinen unbedeutenden Freund mit in den Kauf zll nehmen. Gleich darauf wurde geläutet, und ich kletterte auf den Pavillon, um Rafsles spielen zu sehen. Von dort konnte man alle Feinheiten genau erkennen, und wenn jemals ein Spieler voll davon war, so war es A. I. Rasfles an diesem Tage, dessen sich die Cricketwelt noch sehr wohl entsinnt. Man brauchte nicht selbst Cricketspieler zu sein, um die haarscharfe Genauigkeit, womit er dem Spieler den Ball „einschänkte", die prachtvolle Leichtigkeit jeoer Bewegung und die endlose Abwechslung in der Art seines Angriffs zu bewundern. Man empfand nicht bloß die Befriedigung über eine Schaustellung athletischer Gewandtheit, sondern es war ein geistiger Genuß, und zwar einer, der in meinen Augen eine besondere Bedeutung hatte. Ich erkannte die „Verwandtschaft zwischen den beiden Dingen", erkannte sie in dieses Nachmittags unermüdlichem Kampfe gegen die Blüte der berufsmäßigen Cricketspieler. Was ich aber am meisten bewunderte und wessen ich mich am lebhaftesten enrsinne, das war die Verbindung von Geschicklichkeit und Schlauheit, von Geduld und raschem Handeln, von Kopfarbeit, die das Ganze zu einer vollendeten Künstleistung machten. Das war alles so charakteristisch für den andern Rafsles, den ich ebenfalls kannte. „Heute war ich in der Stimmung zum Schlagen", sagte er mir später in der Droschke. „Mit einem tüchtigen Ein- schank hätte ich großartiges leisten können, aber es ging auch so nicht übel. Ich war giftig, denn nichts ärgert mich mehr, als meines Cricketspieles wegen eingeladen zu werden, als ob ich selbst ein Cricketspieler wäre." „Aber warum in aller Welt hast Du denn die Ein« ladung angenommen?" „Um sie zu bestrafen, und — es wird uns höllisch knapp gehen, Bunny, noch ehe die Saison vorüber ist." „Aha!" antwortete ich „Ich dachte mir, daß es das sei!" „Natürlich ist es das! Wie es scheint, haben sie für die Woche ganz, großartiges vor — Bälle, Diners, eine vornehme Gesellschaft im Hause und allgemeine Lustigkeit — und offenbar wird das Haus ganz voll Diamanten sein, massenhafte Diamanten! Im allgemeinen würde mich nichts dazu bringen, meine Stellung als Gast zu mißbrauchen; das habe ich noch nie getan, Bunny! Aber in diesem Falle sind wir angenommen worden wie Lohnbediente oder wie die Musik und, beim Himmel, wir wollen unfern Zoll — erheben! — Laß uns irgendwo ruhig dinieren und die Sache besprechen." (Fortsetzung folgt.) Der Rcichsdepmationshauptschlutz vonr 25. Februar 1803. (Stachdruck verboten.) Ungerne erinnern sich die Völker an ihre Niederlagen auf dem Schlachtfeld oder in der Politik, wie sie auch höchst ungern ihre Nationalfehler eingestehen. Gerade in Deutschland scheint man allzu sehr jetzt sich der Siege zu freuen und in den Festreden wird immer und immer wieder der Ton angeschlagen: „wie haben wir's heute so herrlich weit gebracht!" Dem ist aber gegenüberzuhalten, daß es nicht immer so bleiben ivird, daß es anders kommen kann und einmal anders gewesen ist. Aus dem Unglück kann man nur lernen, und auch Deutschland hat schwere Zeiten durchgemacht. ^Bor 100 Jahren war unser Volk gesunken, wenn auch nicht so sehr wie zu Zeiten des 30jährigen Krieges. Dieser Tiefstand im Denken und Fühlen der Nation ist bezeichnet durch den Reichsdeputationshauptschluß, dessen 100. Wiederkehr wir am 25. Februar feiern. Mit diesem schwerfällig gebildeten Wort werden wir an die ebenso schwerfällige Einrichttmg des alten römischen Reiches deutscher Nation erinnert. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts durchzogen Kriegsgürme die D-ett. Die Franzo,en rampfcen zu guiuier Zett unter Napoteon Bonaparte in Italien uuo inner Mo- reau in Deutichland. In beiden ^ettzugen blieben die Franzosen Sieger und tu einem jchunpiiicyen Fcieoen zu Lüneottte (1801; mußten Kaiser uuo Reich in die Abtretung des linken Rheinufers willigen; die deutschen Fürsten, welche dort Besitzungen hatten, sollten in Deutch)lauo entschädigt werden. Sesterreich verlor außerdem iwu) Toscana. Die Cnischädiguugsirage sollte durch eine Deputation geregelt weroeu. »solche Deputationen, die Reithsaugelegen- yeiten berieten, traten öfters in viegensburg zufanuuen. Dort also sollte die Sache, die doch eine inneroeucsche Angelegenheit war, geregelt werden. kam aber auoers; am 4. Juni 1802 vereinigten sich Frankreich uuo Rußland in einer besonderen Konvention in Paris, uno bestimmten selb- ständig die Entschädigungen. Die beul jd.) en Für gen hatten nun nichts Angelegentlicheres zu tun, als sich um die fe/unft der beiden großen Spender zu bewerben, die hier deutsches Land Wie ein herrenloses Gut verteilten. Die Fürsten stürzten sich, wie Heinrich von Trecschke sagt, „wie das Geschmeiß hungriger Fliegen auf die blutigen Wunden des Vaterlands". Oesterreich wollte von einer allgemeinen Säkularisation der geistlichen Güter nichts wissen, wenigstens die drei geistlichen Kurstaaten sollten erhalten bieiben; aber Preußen uno Bayern traten ihm h-erm entgegen und erreichten auch ihren Zweck. Am 18. August 1802 trat zu Regensburg die Deputation zusammen, um über die Ent- schäoigungsfrage zu verhandeln. Eigentlich war dies überflüssig, da die Aiigelegeiiheit schon von Frankreich und Rußland geregelt war; aber die Abmachungen wurden der Deputation „zur Nachachtung" vorgelegt. Abermals wiederholte sich das unwürdige Verhalten dec Fürsten. Viele von ihnen hatten schon von dem ihnen zugedachten Gebiete Besitz ergriffen. Die Deputation nahm mir geringe Veränderungen bet ursprünglichen Festsetzungen vor uno fällte am 23. November 1802 ihre Entscheidung; den sogenannten „ersten Reichsdepiitattonshauptschluß". Nun aber geschah etwas Unerwartetes, Franz II. machte von feinem höchsten Kaiser- rechte Gebrauch und versagte dem Beschluß seine Genehmigung. Kurz darauf schloß der Kaiser mit Frankreich in Paris einen Vertrag, der sich auf die Entschädigung des Hauses Oesterreich bezog. Inzwischen setzte die Deputation ihre traurigen Beratungen fort, die endlich am 25. Februar in vierter Redaktion angenommen und vom Kaiser bestätigt wurden. Es ist der ziveite Reichsdeputatioiishaupischluß, der tief in die damaligen deutschen Verhältnisse ein griff, der über 100 Staatengebilde, die wegen ihrer Kleinheit sich nie haben recht entwickeln können, einfach von der Landkarte verschwinden ließ. Es waren dies vor allem die geistlichen Staaten, die bis auf drei konfisziert wurden. Es blieb der Kurfürst von Mainz mit der Würde des Erzkanzlers; er erhielt statt Mainz Regensburg, Wetzlar und Aschaffenburg; ferner blieb noch der Hoch- und Deutschmeister in Mergentheim und der Großprior des Malteserordens in Heitersheim. Die 18 Reichsstädte verschwanden bis auf 6 und endlich wurden auf einmal alle Reichsdörfer eingezogen. Es ist ohne Jiiteresse, alle Konfiskationen und Gebietsauswechselungen zu verfolgen. Damals wurden die meisten Reichsgrafen und Freiherrn mediatisiert; viele kamen hierbei um ihr ganzes Hab und Gut. Das beste Geschäft bei dem betrügerischen Handel machte Baden, das relativ 8 Quadratmeilen abtrat und fast 60 dafür erhielt. Danach kommt Württemberg, es verlor 7 Quadratmeilen und erhielt deren 29; Hess en-Darm- stadt verlor 40 und gewann 103; Bayern 200, es bekam nur 290. Preußen dagegen gab 48 Quadratmeilen ab und erhielt 230. Dementsprechend waren auch die Einkünfte aus den neuerworbenen Ländern größer. Selbst Fürsten wurden in Deutschland entschädigt, die gar keine Ansprüche an das Reich hatten. Der Großherzog von Toscana erhielt außer dem Knrhut Salzburg und Berchtesgaden, der Herzog von Modena den Breisgau, Oranien-Nassau Fulda zugewiesen. Selten hat die Welt einen solch ungeheueren Nechtsbruch erlebt; Selbstsucht und Habgier der mächtigen deutschen Fürsten haben ihn veranlaßt. 108 Fürsten wurden durch einen Federstrich ihrer Länder beraubt und das in einer Zeit, wo man das Land eines Fürsten noch als ein persön- 120 Auflösung des Distichons in vor. Nr.r Fast Nacht — Fastnacht. N-taktion- Cnrt Pl«t». — Rotatiansd«.« und «ce!°g d« VrütN'sä«« Univ-rsttüts^uch. imb St-md«,ckeret Gutsch ffirt«) i« ®ießen, fördern. ,, Dan der steuersuchende Staat sich die Gelegenheit nicht entgehen läßt, eine so allgemeine Volksleidenschaft wre der Tabakverbrauch nach besten Kräften auszunutzeu, erscheint selbstverständlich. Nach Abzug der Erlasse ergab dwdeutsche Tabaksteuer, die aus dem inländischen Tabak lastet, pro 1901 das nette Sümmchen von 13,1 Millionen Mark. Dazu kominen noch ca. 54 Millionen Zolleinnahmen vom ausländischen Tabak, sodaß aus den Kopf der Bevölkerung, Weib und Kind eingeschlossen, eine Tabakbeste,terung von 1,16 Mk. entfällt —, ein bischen Viel ’ Es gab einmal eine Zeit, in welcher der heunrsche Tabakverbrauch zurückging; dies war m den 70er: unb 1BOer der Kall. In der Gegenwart ist der Tabakgenust wieder im Steigen begriffen, was u. a. auch die Eisenbahn-! statistik beweist. Gemeirrnützrses. Mittel, den übel» Gernch beim Sieden mancher' Seefische zu beseitigen. Manche Seefische verbreiten bekanntlich nicht allein in rohem, bereits m einem gelinden Grade der Zersetzung begriffenen Zustande, sondern auch während des Kochens und selbst m gekochtem Zustande einen eigentümlich widerwärtigen Geruch, der oft das ganze Haus durchdringt und nicht jedermanns Geruchnerven angenehm ist. Es gibt aber ein einfaches Mittel denselben zu verhindern. Man darf nämlich m den Kessel, worin die Fische sieden, nur einige glühende Kohlen hineinwerfen. Man kann diese Kohlen gerade vom Herde selbst wegnehmen, nur muß man sie alsdann zuerst durch Abblasen von de. Asche reinigen und darauf sehen, daß sie nicht mehr in Flammen stehen, sondern bloß noch glühen. Diese Kohlen ziehen von den Fischen allen üblen Geruch an sich. Eh« man anrichtet, schöpft man die Kohlen, die mt Wasser obenauf schwimmen, mit einem Schaumlöffel ab. achtendes Kraut. Eins der besten deutschen Tabakjahre war 1881; es ergab über iy4 Millionen Zentner Tabakblätter. Damals tpurden im deutschen Zollgebiet 246 639 Tabakpflanzer gezählt. Seit der Zeit ging der deutsche Tabakbau infolge der Zoll- und Steuerpolitik einerseits, andererseits wegen der Konkurrenz neuer ausländischer Gebiete, wie z. B. Ostindiens, andauernd zurück. 1891 gab es nur noch 162 738 und im Jahre 1902 sogar kaum 118000 Pflanzer. Entsprechend ist auch die bebaute Bodenfläche zurückgegangen, von 27 248 Hektar im Jahr 1881 auf 17 357 Hektar pro 1902. Nach der Anbaufläche berechnet, muß das Großherzogtum Baden als das deutsche Haupttabafland bezeichnet werden; hier waren im vorigen Jahre 7059 Hektar reines In Amerika, das uns die Kartoffel lieferte, ist auch das würzige Tabaklraut zu Hause. Es besitzt aber eine ganz ungemeine Akklimatisattonsfähigkeit. Mit Erfolg wird es selbst noch in solchen Regionen angebaut, wo die Winterkornfrucht erst sehr spät reif wird. ?lber wenn auch die edlen Sorten, die fast mit Geld ausgewogen werden, nur im glühenden Tropenklima gedeihen, so giebt es doch auch in deutschen Landen Gebiete, die ein hervorragend würziges und duftiges Kraut liefern. Der beste deutsche Tabak kommt vom mittleren Rheiu und aus Franken; „Pfälzer", „Hanauer" und „Nürnberger" haben einen nicht zu verachtenden Ruf und werden weit teurer bezahlt, als z. B. der gewöhnliche Kentucky. So kostete in den 90 er Jahren die Tonne ordinärer Kentucky in Bremen, neben Hamburg der deutsche Hauptmarkt für überseeischen Tabak, 460 Mark, dagegen Pfälzer ltmblatt 1410 Mark, und Pfälzer Einlage 1270 Mark, nach der Notierung von Mannheim, bekanntlich dein Hauptplatz für einheimischen Tabak. In Deutschland wird eben nicht nur grober Bauerntabak gebaut; neuerdings hat mau sogar feine Sorten, tote Connecticut und White Burley bei Mannheim, in der bayrischen Pfalz und int Elsaß an gepflanzt. Allerdings ein böses Kraut kann in sonnenarmen Jahren der Tabak in Schlesien, Ostpreußen, der Altmark, der Uckermark, Sachsen, Türingen und Westfalen werden. Die Marke „Erlkönig" („erreicht den Hof mit Mühe und Not") mag speziell in der Uckermark ihre Heimstätte haben, wo oft schaudervolle Sorten gezogen werden. Einige Striche ergeben aber auch dort ein nicht zu ver- liches Eigentum anzuseheu pflegte. Das deutsche Volk war so tief gesunken, daß ihm jedes Empfinden für diese rechtlichen Veränderungen abging. Nur der Freiherr vom Stein erhob seine warnende Stimme. Gewiß ist für uns Nachlebende die gewalttätige Aufhebung der Vielstaaterei und die Einziehung der geistlichen Staaten, die em Siebentel des Reichsgebietes tnnehatten, von allergrößter Bedeutung. Aber anders wird in dieser Frage der praktische Politiker als der Philosoph der wohlerworbenen Rechte ur- ' Emil Behre. । Tabaklanb vorhanden. Dann folgt Bayern mit 2623, Brandenburg mit 2358, Elsaß-Hothringen mit 1361, Pommern mit 1215 Hektar Boden zählt auch die meisten Tabakpflanzer, ein Drittel der gesamten deutschen, nämlich 37 431. Meerkwürdigerweise hat ein Landesgebiet, das mit seinen 112,7 Hektar Tabakland kaum in Betracht kommt, annähernd soviel Pflanzer, 31656: nämlich Ostpreußen. Die vstpreußischen „Tabakpflanzer" scheinen demnach das edle Kraut meistens nur für den eigenen „Hausbedarf" zu kultivieren. Bayern zählte 1902 gegen 9800 Pflanzer, das Reichsland 8817, Brandenburg 4767, Hannover 4475, Württemberg 4604, Schlesien 3970, Pommern 3350. Ans diesen hohen Pflanzerzahlen läßt sich ein Schluß aus den Umfang der Betriebe ziehen; mit nur ganz wenigen Ausnahmen (z. B. des | nicht nur bei uns in Hessen bekannten Wormser Reichstags- I abgeordneten Freiherrn Hehl von Herrnsheim) ruht der deutsche Tabakbau fast ganz in den Händen der Klem- I bauern. Für diese war er um deswillen trotz aller Besteuerung noch einigermaßen lohnend, weil deren Kinder, Frauen, Großväter ihre schwachen und sonst fast wertlosen Arbeitskräfte beim Sortieren, Anreihen, Bündeln rc. gut I verwerten und in bare Münze umsetzen konnten. Und doch diese auffaflende Erscheinung des Rückgangs im deutschen Tabakbau, wenigstens der Quantität nach! Die Qualität befindet sich ja in stetigem Steigern Der Anbau sowohl, wie auch die weitere Bearbeitung der Blätter wird immer sorgfältiger und rationeller betrieben. Die | Güte des heimischen Tabaks läßt sich unzweifelhaft durch I Einführung zweckmäßigerer Sorten, durch Verwendung allerbesten Landes und durch besondere Düngemittel bedeutend heben. Dazu kommt in neuerer Zeit der Zusammenschluß der Tabakbauer» zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen und zur genossenschaftlichen Verwertung der geernteten Blätter. Daß hierdurch auch die Anbau- und ®et> edelungsersahrungen zu einem segensreichen Austausch | kommen, ist naheliegend. Es liegt daher im Interesse jedes Rauckers, der nicht über Havanna oder Cuba ohne weiteres I verfügen kann, diese genossenschaftlichen Bestrebungen zu (Nachdruck verboten.) „Immer aber, ob er im Walde war oder zu Hause, suchte er seine Pfeife. Er schtuärmte für östreichische „Vicrkreuzerpäckle", rauchte aber auch „Kreller". Ja, wenn alle Stränge rissen, stopfte er seine Pfeife mit Kartoffelkraut. Tas gab wenigstens einen rechtschaffenen Dampf. Diese schlichten Worte aus einer Dorfgeschichte geben so recht, mehr wie alles andere, einen Enblick in die größere oder geringere Leidenschaft des Tabakgenusses, dem die Kulturmenschheit, vom Kühlungen bis zum millionarsteu Kommerzienrat huldigt, jeder nach seiner Fasson. „Wenigstens einen rechtschaffenen Dampf" muß es geben! Havanna ist nicht jedem ein erreichbares Land. Für alle ökonomisch unzureichend Veranlagten ist es ein wahres Glück, daß im eigenen Vaterlande eine so umfangreiche Kultur des Tabakkrautes feldmäßig betrieben wird, wie es nur wenige ahnen. Und 80 Prozent jener Tabakraucher, die für das Hundert nicht mehr als neun oder zehn Mark anwenden, können es sich gesagt sein lassen, daß ihre duftende „Flor de Habana" an den Gefilden des Main gewachsen ist. Nur das zart umhüllende Deckblatt stammt aus einer „besseren Welt".