1903. — Htt. 192. < II WW MM B i Weiönachten. „Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden Und den Menschen ein Wohlgefallen!" Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot ansging vom Kaiser Angustns, daß alle Welt geschähet würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jederinann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seiner Stadt. So beginnt die Erzählung von der Geburt Jesu. So lernen es die Kinder in den Schulen Jahr für Jahr. So hören wir es heute, und in unserem Innern klang es so, seitdem der erste Duft der Weihnachtstanne uns daran mahnte, daß das Weihnachtssest wieder vor der Tür stehe. — Es ist die Erinnerung unserer frühesten Kiichhcit, die die Worte des Evangeliums in unser Gedächtnis znrück- ruft und lange verhallte Klänge wieder weckt. Klänge, so schön, so süß, so heimatlich! Sie führt uns zurück in das Elternhaus und gibt uns alles wieder, was wir einst besessen, vielleicht abvr verloren haben auf dem weiten Weg des Lebens. — Wie ist es doch möglich, daß die schlichte Erzählung von der Geburt des Heilandes solche Macht über uns hat? Ist es fast nicht wie ein Wunder, wie ein liebliches Märchen, dem wir lauschen, still, andächtig, aber fröhlichen Herzens? Ach, welch eine Welt tut sich doch wieder vor uns auf, und welch eine Welt suchen wir unseren Lieben zu schaffen, eine Welt voll Glanz, Frieden und Liebe! Die Kerzen flammen, die Augen leuchten, die Wangen glühen, und schneller schlagen die Herzen. Von allen Türmen tönen die Glocken so laut und hell, und überall hallt es: „Ehre sei Gott in der Höhe!" Es ist das Gefühl des Dankes, das sich in diesen Worten ausdrückt, des Dankes für das Glück und die Freude, die der heutige Tag uns spendet. Wie waren wir doch noch vor kurzem so traurig und betrübt, so still und verzagt. —; Und nun erhoben wir unsere Augen und Herzen doch ^^dbr^zum Licht, nun sind wir doch wieder froh mit den Frvhlrchen, denn es ist ja hell geworden um uns und ln uns: es ist ja Weihnachten geworden! — Sp es nicht ein Märchen, das wir erleben, ein Rätsel, vor dem wir stehen? Woher kommt doch der Zauber, dein sich niemand entziehen kann und will? Sind es die Gaben, die wir spenden und empfangen? Dazu bedürfte es doch nicht des Weihnachtssestes. Und es grbt viele, denen kein Baum angezündet wird, denen niemand den Tisch deckt, die aber dennoch die Poesie des Werhnachtsfestes empfinden. Nein, es ist mehr als alles das: es ist die Liebe, die zu uns spricht, die in uns lebendig geworden ist, die Lrebe, die wie der Stern am Himmel leuchtet, der in Heiligen Nacht über Bethlehem aufging und seitdem Wählt, hinein in die Welt, in die Häuser, in die Herzen. Wenn die Lichter flammen am Tannenbaum, wenn die Au geil leuchten, und die Wangen glühen: es ist nichts, alS der Abglanz der göttlichen Liebe, die sich kundgegeben hat in der heiligen Nacht, da sie vom Himmel herabstieg auf die Erde, die Menschheit aus der Finsternis zum Licht, vom Tode zum Leben zu führen. Es mag ja viele geben, denen das Fest nichts weiter ist als eine vielleicht liebe Gewohnheit. Es gibt vielleicht auch manchen, dessen Herz kühl und leer bleibt, wenn alles sich freut, und der mit überlegenem oder mitleidigem Lächeln auf jene blickt, die mit den Kindern wieder zu Kindern werden und freudig mit einstiinmen können in die Weihnachtslieder. Und auch solche wird es geben, die inißmutig und grollend beiseite stehen, weil die Gaben vielleicht weniger reichlich flössen, als sie erwartet hatten. Ach die Armen: sie wissen nicht, was sie verloren haben, was sie entbehren! Doch woran liegt das? Weihnachten ist doch ein Fest, das Von altersher seine Wurzeln hat in dem deutschen Familienleben, im deutschen Gemüt, in der deutschen Fröhlichkeit. Ja, gewiß. Aber wenn es das Fest bleiben soll, dann muß dem deutschen Volke auch das Gemüt, die innige Fröhlichkeit erhalten bleiben. —, Wer möchte zweifeln, daß es die Eltern gut meinen mit ihren Kindern? Tun sie nicht alles, was in ihren Kräften steht? Sie arbeiten, sorgen, ja entbehren und darben vielleicht, um ihren Lieblingen den Weihnachtstisch zu decken. Mer nur zu oft übersehen sie dabei, daß sie den Kindern nicht nur die Hände, sondern auch das Herz füllen sollen. Nicht die Freude an den materiellen Gaben und Gütern ip die Hauptsache, sondern die Weihe, die von dem Christfeste ausgehen soll, das Empfinden jener beglückenden Liebe, die wir empfangen haben aus der Höhe, und von der wir allen spenden, die uns nahe stehen, oder mit denen wir in Berührung kommen. Wie bald verlieren die irdischen Gaben ihren Wert, wie vergänglich sind sie doch! Tie Weihe aber, die Empfänglichkeit für das Hohe und wahrhaft Schöne, die wir in die Herzen der Kinder zu pflanzen suchen, das sind Güter, so wertvoll wie kein anderes Gut der Erde. Sie bringen Segen noch int spätesten Alter und sind Weihnachtsgeschenke für die Ewigkeit. Wer die rechte Liebe schon als Kind empfangen hat, in dem wird sie bleiben, blühen und Früchte tragen, wenn längst die Jahre der Kindheit vorüber sind. Und er wird sich das Herz erwärmen an dem Feuer dieser heiligen Liebe, die ihn hält auf dem rechten Weg, sich und andern zum Heil. Nie wird ihm das Leben reizlos und öde werden, denn die in seinem Herzen entzündeten Weihnachtskerzen leuchten fort und fort, hinein in das dunlle Alter bis zum friedlichen Emde. Wem aber der Glanz der göttlichen Liebe so die Seele erhellt, der wird auch Herz und Hand nicht verschließen dem, der arm und freudlos neben ihm hergeht auf der Bahn des Lebens, sondern er wird gern mitteilen von dem ©einigen und Freude bringen in das Haus der Armen, damit es auch dort hell werde, wie in 766 der heiligen Nacht auf dem Felde bei Bethlehem, damit auch diese Armen dankbar und freudig mit einstimmen in den Lobgesang der Engel: — „Ehre sei Gott in der Höhe! Und Friede auf Erden!" Friede aus Erden? Ach ist es denn nicht ein eitler Wahn, von einem Frieden zu träumen, der doch so fern zu sein scheint? Wo ist der Friede? Hat ihn jemals die Welt gesehen, den Frieden, den wir ersehnen, und der uns doch verheißen ist in der Heilsbotschaft der heiligen Nacht? Hat er jemals auf der Erde gewohnt, und wird er jemals bei uns einkehren? Ich höre die Spötter und Zweifler sagen: „Aus dem Kirchhofe ist der Frieden, dort, wo der Kampf endet und das Leben erlischt. Das Leben kennt keinen Frieden, das packt uns mit seiner rohen Gewalt und schlägt uns Wunden und verursacht uns Schmerzen, daß wir aufschreien in unserer Not, aus der uns weder Beten noch Fluchen hilft. Daß wir die Zähne zusammenbeißen in stummer Wut und uns vergeblich ausbäumen gegen ein Geschick, von dem wir keine Ruhe uno keinen Frieden zu erwarten haben in dem harten Kampfe ums Dasein. Die Menschen befehden und bekriegen sich. Sie hassen sich tödlich- und einer sucht den andern von seinen: Platze zu verdrängen. Tie Völker stehen in blutigen Kämpfen einander gegenüber und verderben die Früchte langjährigen Fleißes, indem sie die fruchtbaren Fluren verwüsten und die Stätten stillen Glückes zerstören. Wo also ist der Friede auf Erden?" Ja, wäre denn das Wort der Engel nur leerer Schall? Ist denn wirklich das Heil nicht in die Welt gekommen, uns zu besreien von allem Bösen? Wohl tobt der Kampf, denn kämpfen heißt ringen und streben, und ohne Kampf kein Leben. Aber kämpfen wir denn nur ums Dasein, nur ums tägliche Brot? Nein, damit begnügen wir uns nicht. Wir jagen vielfach den Genüssen nach, die uns nicht glücklich machen, wir halten der Erde Güter für die höchsten und wertvollsten Schätze, weil wir die Güter des Herzens gering achten oder verloren haben. Die hieraus hervorgehenden Kämpfe sind uns nicht aufgezwungen, wir haben sie gesucht und sollen uns nicht dariiber beklagen. Tas ist es auch, was unsere Herzen so hart und unsere Augen so blind macht gegen die Not anderer. Aber gerade das Weihnachtsfest lrhrt uns, für das Wohl der Mitmenschen zu sorgen. Wir sehen ja auch welcher Segen uns aus der Sorge für fremdes Wohl erblüht, wenn uns Freude, Dank und Liebe aus den Augen unseres Nächsten entgegenstrahlen. Sollten wir daraus nicht erkennen, ivas ur.S not tut, und wie wir es anzufangen haben, daß der Friede auch bei uns einkehre? Aber wie uns der Friede nicht von außen kommen, nicht durch irdische Gaben in die Welt gebracht werden kann, so dürfen wir auch nicht einen äußeren Frieden erhoffen, solange der innere Friede fehlt. Aber der allein ist es, der uns das Weihnachtsfest bringt, der Friede, der sich aus der Liebe in unsere Herzen eingießt, jener Friede, den die Welt nicht geben kann. Möge draußen der Kampf toben: den Frieden der Seele kann uns keine Wucht nehmen.- Wenn ihn jeder sich errungen und erkämpft haben wird, dann wird er auch in der Welt zu spüren sein, und in Wahrheit werden wir dann ausrusen können: „Friede auf Erden!" „Und den Menschen ein Wohlgefallen!" Fast zwei Jahrtausende sind vergangen, seitdem die frohe Botschaft in der Christnacht verkündet wurde. Die Worte der Engel sind nicht im Winde verhallt, sondern sie ertönen immer wieder und immer wieder. Wie die Christbäumchen stammen und leuchten durch die Nacht, so flammt und leuchtet auch die Kunde von der Menschwerdung des Herrn fort und fort. Wenn es auch oft scheinen will, als ob es vorbei sei mit dem Christbaum, — es scheint doch nur so. Unsere ganze Kultur ist doch durchtränkt und belebt von dem Geiste des Christentums, und christliche Liebe und Barmherzigkeit wirken überall. Der Geist lebt und schafft, und aus den Werken christlicher Liebe erwächst ein Segen, den zumeist die Armen und Schwachen empfinden. Sind es doch auch gerade die Armen, denen das Evangelium gepredigt wird. Doch nicht allein gepredigt wird es ihnen mit Worten, sondern auch mit Taten. Da wirken tausend und abertausend Kräfte in Kirche, Schule und Staat. Doch 'ncbt «mir den Gemeinden und Behörden wollen wir die Verrichtung der Liebeswerke überlassen, nein, jeder einzelne, der den Hauch der göttlichen Liebe an sich selbst verspürt, und den ein gütiges Geschick gesegnet hat mit den Gütern der Erde, jeder einzelne aber auch, dem sonst ein Gut verliehen ivard, durch das er wirken kann, soll mitbauen und arbeiten an dem großen Werke der Liebe. Und heute ist Weihnachten, heute ist der rechte Tag dazu! Dein Herz ist so reich an Glück, so erfüllt von der Liebe. O, spende nun auch denen, die sich sehnen nach einem Fünkchen dieser Liebe, nach einem Schimmer dieses Glückes! Die Christbäume duften so süß, die Kerzen leuchten so helle, die Freude jauchzt, und dre Meihnachtslieder tönen überall. Wie die Kinder gehofft haben aus den heiliggen Christ, wie wir hoffen mir eine schöne, glückliche Ze.it des Friedens, so hoffen Tausende auf uns und unsere Hilfe. Spenden wir doch von dem Reichtum, der in unseren Händen und in unseren Herzen liegt! Tann wird es ja bald hell werden weit umher, wo jetzt noch die Finsternis herrscht. Endlich wird ja dann der ganzen Menschheit der Weihnachtstag anbrechen, der uns bringt, was uns verheißen ward: „Ten Menschen ein Wohlgefallen!" Erich zu Schirfeld. (Nachdruck verboten.) Wotans Ierlsöung. Novelle von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Ratlos, ohne Plan stand er da; wohin sollte er sich wenden? Ein unerklärliches Gefühl trieb ihn abwärts in die Tiefe der Schlucht; aber dem dunklen Ahnen fehlte der feste Grund, und er überlegte eben, ob es nicht geratener sei, bei den Bewohnern des Dorfes zunächst Erkundigungen einzuziehen, als ein Anblick ihn traf, der ihn mit Schrecken und Freude zugleich erfüllte. Auf einem ganz schmalen, in die Grasnarbe eingefchnittenen Pfade, der unten führte, sah er den Wdruck eines Fußes. Eines feinen, schlanken Fußes, der in den hier weicheren Boden sich deutlich eingeprägt hatte. Die Bergbetoohnerinnen ließen so zierliche Spuren wohl kaum zurück; vielleicht war hier der Weg, der zu der Vermißten führte! Mit verdoppelter Hast begann der Säuger den Abstieg, sorgsam den Pfad im Auge behaltend. Zuerst ging es mäßig, dann steiler berguntcr; der Weg, der nun unmittelbar am tiefen Abgrund entlang führte, wurde glatter, schlüpfriger, und der Sturm versuchte, den einsanien Wanderer von ihm hin- abzustürzen. Sein langer Mantel hinderte den Schreitenden; einmal glitt er aus und hielt sich mühsam am nassen Gestrüpp. Die Lust war schwül trotz des Unwetters, und so entledigte Rauchmanu sich der unbequemen Last, trug den Mantel noch für kurze Zeit über dem Arm, um ihn dann fallen zu lassen und dem Sturm preiszugrben. Ter nahm ihn, packte ihn, hob ihn aus und riß ihn fort, sodaß er für einen Augenblick wie ein großer, schvarzer Bogel in der Lust schwebte, um dann im wuchernden Lorbeer hängen zu bleiben. Erleichtert, aber trotzdem glühend vor Austreygung im Kampfe mit dem Unwetter, schritt der Sänger vorwärts. Noch einmal entdeckte er eine Spur des schlanken Fußes, dann war es damit vorbei. Der felsigere Teil der unteren Schlucht nahm ihn auf, und auch dieser enge, oft kaum mehr sichtbare Psad wurde steinig, fest und rauh. Jetzt hörte er völlig auf. Er führte zum Gipfel einer Klippe hinan, die unmittelbar aus dem unten brausenden Wasser a ufstieg, hier war er zu Ende, verschlungen von einer öden, steinernen Wildnis. Rauchmann mußte stehen bleiben und Atem schöpfen. Hierher drang der Sturm nicht mit voller Gewalt; es war in der ungeheuren Einsamkeit dieser Felsschlucht verhältuismäßig geschützt und windstill. Der Suchende konnte die Kräfte sammeln und ungehindert umherspähen. Und indem er das tat, indem er noch ein paar Schritte vorwärts machte, um eine Fortsetzung des verlorenen Weges zu erzwingen, entrang sich seiner Brust. plötzlich ein dumpfer Laut des Entsetzens. Tart war sie, dort unten. Gerade zu seinen Füßen lag Ediths wie eine Tote dahingestreckt, auf einem schmalen Erd- Vorsprung zwischen Fels und Wasser, diesem so nahe, daß 767 die schäumenden Fluten ihr aufgelöstes Haar erfaßt hatten und daran zerrten, als wollten sie den schönen, leblosen Körper hineinziehen in ihre kalte Umarmung. Aus einer Wunde auf der Stirn floß Blut, und zuweilen rieselte ein Tropfen langsam in die brausenden Wellen, gierig von ihnen aufgefangen und fortgetragen in wildem Taumel. Nur einen Moment stand Rauchmann, von Schrecken gelähmt. Dann gewann er alle Sicherheit und Energie zurück und prüfte mit scharfen Augen die Möglichkeit, zu Edith zu gelangen. Hier an dieser Stelle war das Bemühen vergeblich; sie selbst hatte offenbar ihren kühnen Versuch, noch weiter vorzudringen, mit dem Sturz in die Tiefe gesühnt. Jäh und senkrecht fiel hier die Felswand ab; kein Menschenfuß vermochte an ihr zu hasten. Ein einziger Weg war vorhanden, und der Sänger wählte ihn ohne Besinnen. Er ging etwa zwanzig Schritte zurück auf den: engen Pfade bis z-w einer Stelle, wo dieser, sich senkend, nahe über dem Wasser dahinführte. Dort schritt er ohne Zaudern in den aufbrausenden Schaum hinein und mit ihm abwärts, der Strömung folgend. Das Wasser war nicht sehr tief, wenn auch voin Regen angeschwollen, aber wild, reißend und gefährlich durch den steinigen, ungleichen Untergrund, der den Füßen nur mühevollen Hält bot. Und doch, es gab kein Ueberlegen und Prüfen mehr für den Säuger. Alle Kraft zusammenfassend, trotzte er dem Andrang der Wellen, die gegen seinen Tritt sich aufzubäumen schienen, und ging langsam, mit ruhiger Sicherheit, vorwärts bis zu der Stelle, wo Edith lag. Jetzt toar er neben ihr, konnte sich zu ihr niederbeugen, ihren Kopf in die Höhe heben und in das Toben der Wasser hinein ihren Namen rufen. Aber kein Blick und kein Ton gab ihm Antwort. Regungslos lag sie in seinen Armen, und in dem grauen Lichte des wiisten Tages, der vor der Zeit erlöschen zu wollen schien, war ihr' Gesicht so leichenblaß, daß Rauchmann zum erstenmal dem Gedanken an der: Tod erlag, den er unbewußt während all der letzten Stunden weit von sich hinweggescheucht hatte. Nun bekam dieser Gedanke Gewalt über ihn, wollte die Kraft aus seinen Muskeln saugen und den heißen Schlag des Herzens unterbrechen. Aber mit einem stolzen Zurückwerfen des Kopfes machte sich Rauchmann zum Sieger über den unsichtbaren Feind. Wenn es noch Hilfe gab, dann war Schnelligkeit ihre sicherste Dienerin/ und so beugte er sich nieder zu der leblosen Frauengestalt, hob sie auf seine Arme, drückte einen einzigen Kuß auf ihren schmerzlich geöffneten Mund und schickte sich an, sie hiriweg- zutrageu aus dem Bereiche der drohende» Fluten. Wieder mußte er eine Strecke weit unter Felsenklippen einher im Wasser gehen, die teuere Last an seiner Brust. Nur Schritt für Schritt konnte er vorwärts dringen, den festen Grund zwischen Steingeröll msit den FKßen suchend, vom Wasserschaum umstäubt und in unablässigem Kampfe mit den gierigen Wellen. Er keuchte unter der Last des Mädchenkörpers; der Hut war ihm vom Kopse gefallen und von den Wellen sortgetragen worden, von der Stirn aber glitt ihm der Schweiß, während von oben der Regen in mächtigen Tropfen aus ihn niederfiel. Jetzt konnte er das Ufer gewinnen und zwischen Felstrümmern hinweg einen Weg sich suchen. Einmal mußte er Ediths Körper sanft niederlegen, um Kraft «ru gewinnen für die erneute Anstrengung, aber nach krirzer Rast nahm er die furchtbare Wanderung von neuem auf. Er kam wieder mehr in den Bereich des Sturmes, und ringsum ihn her tobte es so furchtbar zwischen den widerhallenden helfen, daß er denken konnte, er wandere als verdammter Geist auf dem Grrinde der Hölle und trage die Last seiner Sünden, mit sich in der Gestalt des geliebten Mädchens, ^lc$i nichts so sehr gestraft wie durch den Gedanken an die Moglrchkert chres Todes. Wirre Vorstellungen und Bil- oer zogen durch sein Gehirn, in dem er das Toben des aufgeregten Blutes fühlte. Bald war es mit seinen Kräften zu Ende. Taumelnd nur kam er vorwärts, keuchend, stöh- nksw^zürneird zugleich über die Schwäche des menschlichen Und noch einmal mußte er hinein in die Wellen. Ein Haus schob sich vor, eine alte, halbverfallene Mühle, die er wieder erkannte, jueil er schon einmal, in der Schlucht aufwärts wandernd, vis zu ihr vorgedrungen war. Das graue Gemäuer fügte sich so eng zwischen Fels und Wasser, daß kein Fuß zwischen den beiden Raum und Stütze sand. Wenn er aber den letzten Ansturm des Wassers überwand, das wußte Rauchmann, dann war er jenseits dieser Mühle auf gebahntem Weg, dann konnte er Menschen erreichen und Herbeirusen, die den geliebten Körper bergen und pflegen mußten. Und während alles um ihn her sich im Kreise zu bewegen schien, wahrend rote Lichter vor seinen Augen zuckten und ftemdartige Töne vor seinen Ohren klangen, — einmal meinte er den Feuerzauber aus der „Walküre" zu hören, — ging er, instinktiv sich aegen die Vernichtung wehrend, die letzte Strecke des drohenden Wasserweges. Jetzt aber hatte er gewonnen. Jetzt klomm er den niedrigen Abhang hinan, ließ Ediths Körper behutsam zur Erde gleiten, sah wie im Traume die Gestalt eines Menschen srch nähern und taumelte aus die Bank an der Mauer der verfallenen Mühle. Noch einmal die Töne, die Lichter, aber milder, freundlicher als zuvor, dann senkte Bewußtlosigkeit sich auf ihn nieder wie ein sanfter, weicher, nacht- farbiger Schleier. Fräulein Häseler saß auf ihrem Zimmer und weinte; denn der Oekonomierat Zimmermann war am vorhergehenden Tage abgereift. Sie hatte das Bauer mit ihrem Polly vor sich aus beut Tisch stehen und machte das Tier zurrt Vertrauten ihres Kummers, w. s vor ihn: durch mehr zutreffende als höfliche Aeußerungen erwidert wurde. Bevor seine jetzige Herrin ihn gekauft hatte, war der Bogel im Besitz eines offenbar sehr ungebildeten Menschen gewesen, der ihn allerlei schlimme und unanständige Worte gelehrt hatte. Oft schien er sie lauge Zeit vergesse'» zu haben; auf einntal, aber kamen sie wieder an sein Gedächtnis, und er bediente sich ihrer dann um so nachdrücklicher, anscheinend mit innerem Hachgenuß. Heute war solch ein Tag, und je sentimentaler bte Zitronendame wurde, um so häufiger schrie der Papagei ihr fein „Verrücktes Luder! Verrücktes Luder!" oder andere Liebenswürdigkeiten entgegen. „Tu Heere, Polly, jetzt mußt Du nämlich ganz besonders lieb zu mir sein. ?lch, ich bin ja so schauderhaft unglücklich. Nee, nee, daß mir das aber auch hat passieren müssen! Man hätte doch denken können, uitb jeder vernünftige Mensch hätt' es auch gedacht, daß ich nu endlich noch einmal, — nee, nee! Abgereist is er. Ach Polly, die Männer!" „Lumpenhund!" schnarrte der Papagei. Fräulein Häseler war ihm so nahe, daß sie ihn verstand. „Nee, Tu, das mußt Du aber nu nich sagen. Ein Lumpenhund is nämlich mein Philipp durchaus nich. Mein Philipp! Ach wie oft hab' ich ihn so genannt in stillen Stunden, wenn mir der Mond auf mein Bett geschienen hat, aber nee — abgereift is er. Und er war noch gar nicht einmal liebenswürdig; beim Abschied hat er gebrummt und gescholten und mir kaum die Hano gegeben, wo es doch eine Trennung vielleicht fier immer war. Ach, fier immer, Polly, fier immer!" „Bomben und Granaten!" fluchte der Bogel; nachdem! er aber so seinem Mitgefühl Ausdruck verliehen hatte, legte er den Kopf auf die Seite, bettachtete seine Herrin sehr aufmerksam und sagte dann mit Nachdruck: „Du best verrückt, mein Kind!" Ohne diesmal auf ihn zu hören, fuhr sie zu klagen fort. „Nee, das is aber auch wirklich zu hart. Man kommt da her und will gesund werden, und wenn man auf der» besten Wege dazu is, dann bricht einem so ein grausamer Mensch das Herz. Nee, nee, das iS nämlich nich scheen von ihm gewesen. Und nu werd' ich natierlich and) wieder krank werden und noch viel kränker und werde wahrscheinlich sterben. Ja, Polly, sterben wer' ich und dazu bin ich eigentlich doch noch gar nicht alt genug, und Du bleibst dann ganz alleene und hast keene Seele, die Dich versteht und sich um Dich kümmert." Ter Papagei schaute sie wiederum, anscheinend mit Ueberlegung, einen Augenblick an, schüttelte dann seine Federn, wahrscheinlich zum Zeichen, daß er von ihrer Melancholie nichts wissen wolle, und gab seiner optimistischen Lebensanschauung durch die Worte Ausdruck: „Erdbeeren und Schlagsahne." Vielleicht wollte er damit andeuten, was ihn über den Verlust seiner Herrin trösten würde. Fräulein Häseler war beleidigt; das hatte sie nicht ver- drent. „Du verstehst mich nicht mehr", sagte sie würdevoll, stand auf und trat auf den Balkon hinaus. Hier kam sie gerade in dem Augenblick an. als dar nachmittäglich von 768 Riva kommende Dampfschiff vorüberfuhr, und da der Kummer ihre Seele doch noch nicht ganz hatte absterben lassen für die wichtigen Ereignisse dieser kleinen Welt, so führte sie znnächsl ncd)i einmal das Taschentuch an die Augen, uni sie ganz klar zu machen, und sodann das Opernglas, um die Neu ankommend en auf dem Schiffe zu mustern. Kaum aber hatte sie, so bewaffnet, hinüber geschaut, als sie einen. Wanderlichen Laut, der fast an Pollys Gefühlsäußerungen erinnerte, ausstieß, und sich mit der .Hand an das Geländer des Balkons anklammerte. Dort auf dem Schiffe hatte jemand zu ihr, zum Hotel herübergegrüßt, und sie, ja, sie kannte doch diesen schwarzen Schlapphut, diesen braunen .Havelock, diesen grauen Bollbart und den ganzen übrigen Philipp Zimmermann! Ihren Philipp, der ihr das Herz gebrochen, der sie verlassen hatte, und der nun — ja, wahrhaftig — der nun zurückkam! Zuerst konnte sie sich vor Zittern nicht bewegen, dann hob sie das Taschentuch, das sie noch in der Hand hielt, und winkte damit nach dem Schiffe hinüber, winkte, winkte, winkte, bis nichts mehr von ihm zu erblicken war. In grenzenloser Aufregung verbrachte sie die nächste halbe Stunde und vollfüyrte in diesem Zustand ganz merkwürdige Tinge: stellte den Waschkrug auf den Sofatisch, als wenn sie mit einer ungeheueren Kaffeekanne auf eine zahlreiche Gesellschaft wartete, flocht sich ein rotes Band in das stark ergraute Haar und ging zuletzt unter einem auf- gespannten, gleichfalls roten Sonnenschirm, den sie sich rn einem Anfall von jugendlichem Leichtsinn gekauft hatte, im Zimmer spazieren. Dabei sprach sie halblaut vor sich hm, sang auch zuweilen und sagte in Erinnerung an ein Stück von Ibsen, das sie einmal gesehen hatte: „Jetzt wart ich, - Tu, Polly, jetzt wart ich nämlich auf das Wunderbare/" Und das Wurrderbare kam. Es schnaufte und polterte sehr geräuschvoll die Treppe hinauf, machte vor Kuni- gundens Zimnier Halt und klopfte, seinem eigentlichen Charakter gar nicht entsprechend, laut an die Tür. Als es dann auf eilt mattes, atemloses „Herein" über die Schwelle getreten war, sah das Wunderbare getrau so aus wie Philipp Zimmermann, Oekonomierat aus Hannover. Er war ersichtlich sehr schlechter Laune, hatte sich trotz des ziemlich warmen Tages einen gestrickten, wollenen Shaw! dreünal um den Hals geschlungen und vergaß zunächst, seinen Hut vor der errötenden Jungfrau abzunehmen, in deren Gemach er eiugetreten war. Breitbeinig pflanzte er sich vor sie hin, sah f*e mit grimmigen Augen an, räusperte sich und fragte: „Na, was sagen Sie nu?" „Was soll ich sagen, Herr Rat? Ich bin ja so, ich weeß gar nicht wie. Mir geht nänilich im Augenblick alles rund. Aber soviel kann ich doch noch erkennen, zu meiner Freide nämlich, daß Sie wieder da sind, Herr Rat." „Jawoll bin ich wieder da, der Deubel soll mich holen!" (Fortsetzung folgt.) Literarisches. „Heine-Lieder" betitelt sich die soeben erschienene Herie 64 der Wiener Künstler-Postkarten des bekannten Kunstverlages Jacques Philipp vorm. Philipp u. Kramer in Wien, VI. Barnabitengasse 7 u. 7 a, deren künstlerisch hervorragende Ausführung und pvesievolle Auffassung des Schöpfers dieser Serie, des bekannten Wiener Malers Josef Straka, zu dem Besten gehört, was bisher auf. diesem Gebiete geschaffen ivurde. Tie Reproduktion dieser zehn reizenden Kunstwerke reiht sich würdig den früheren Fak- simile-Trucken der Kunstdruckerei Jacques Philipp vorm. Philipp u. Kramer au. Heinemanns Abreiß- Kalett der für das Jahr 19 04 liegt uns vor aus dem Verlage von F. C. Heinemann in Erfurt, Hoflieferant des Kaisers. Jeder Blumenfreund findet täglich Ratschläge und Winke für Blumen- und Gemüse-, für Obst-, Garten- und Zimmerkultur, über Pflege des Nutz- und Ziergeflügels, Aquarium, Viva- riuin usw. in sachgemäßer Belehrung vor. Ein eingehefteter Gutschein berechtigt zur Empfangnahme eines hübsch ausgestatteten Blumensamen-Sortimentes unter Erfüllung beigedruckter Bedingungen. Ferner liegt ein Preisrätsel für die Kmderwelt bei, auf dessen richtige Lösung für jeden Löser ein Blumensamen-Sortiment für Kindergärten als Gewinn entfällt. Ter Preis des Kalenders ist 50 Pfennig der in jeder Buch- und Papierhandlung zu haben ist. Albert Kleinschmidt: Aus Hessens Vorzeit.*) 3. Band: Lindmuth. — 4. Band: Gundakar. Gießen, Emil Roth. Preis geb. ä 1.25 Mk. Band 3 führt uns in jene hoch- bedeutsame Epoche der deutschen Geschichte, da christliche und heidnische Weltanschauung um die Herrschaft in Deutschland ringen. Tie fromme Bekennerin Lindmuth wird in ihrem Christusglauben zur Heldin, zu eiuer treuen Gehilfin des Glaubensboten Winfried. —Tie Erzählung „Gundakar" schildert den großen Frankenkönig Karl, Kämpfe mit den Sachsen und deren Besiegung. — Was Kleinschmidt in diesen vier Erzählungen bietet, sind wahre Perlen der Volks- und Jugendliteratur. Ein warmer Hauch ungekünstelter Liebe zur Heimat und zu allem, was unsf diese lieb und wert macht, weht uns aus ihnen entgegen.. Dabei sind sie in edler, vornehmer Sprache geschrieben. Aus aufrichtiger Ueberzeugung können wir uns daher dem anjchließen, was eine ernste Zeitschrift über sie urteilt: „Mo sie hinkommen, werden sie Freude bringen und Segen stiften, überall werden lebensfähige Keime wahrer Frömmigkeit, echter Vaterlands- und Heimatliebe, wie gewissenhafte Pflichttreue ihre Spuren bezeichnen." *) Siehe auch Nr. 184, Seite 740. Einst. Irgendwo im iremben Land Wird man mich zur Rahe legen — Keines Freundes Adschiedsblick, Keines Teuren Sterbesegen. Einntal kommt vielleicht mein Kind Unbewußt des Wegs gegangen, Weitz nicht, daß ein Herz hier schläft, Tas so heiß an ihm gehangen. Ohne Frag' und ohne Klag' Geht's vorbei mit Scherz und Lachen, Weiß iticht, daß hier unten ttoch Leid und Sehnsucht um es tvachen. Irgendwann und irgeitdwo — Keine Blume schmückt den Hügel, Tann und mann im Sonnenbrand Schattet drauf ein Falterslügel. Keiner, der in Glück und Licht, Wollte je die Stätte sttchen, Viele aber, die in Haß Meinem armen Namen fluchen. Meine müde Seele irrt Ruhelos aut Todesstraude, Unerlöst und unverzehrt Noch im ritten Liebesbrande. Wilhelm Holzamer. (Münchener „Freistatt".) Pyramide. Nachdruck verboten. % Vokal. % >?; Nahrungsmittel, & K A Verhältniswort. B # £ Körperteil. R RR B R schmackhafte Frucht. R R R R R R Bäunte. Von der Spitze ausgehend ist jede weitere Reihe durch Hinzufügung eines Buchstabens unter beliebiger Stellung der andere« Buchstaben zu bilden. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Füllrätsels in vor.r PACHT INDRA NOTEN IBSEN EL IS E Redaktion: Angust Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversUiftS-Buch- und Steindruckerei. R. Lanac. Gießen.