das Mld, klatschen in die Hände und sagen: „Mon dien, wie herrlich ist das Mild, das Monsieur Hamor gemalt hat!"- Hamor lächelte gnädig zu dieser schmeichelhaften lieber- treibung, „Monsieur le eure", wandte er sich dann freundlich zn diesem, „jetzt können Sie sich selbst einigermaßen von der Wahrheit meiner vorigen Behauptung überzeugen. Sehen Sie, wie der frische Seewind die Stimmung des Ganzen belebt, vor wenigen Minuten war noch nichts davon zu bemerken: Das Wasser kräuselt sich, Guenns Rock schmiegt sich dichter an ihre Gestalt an. Es ist köstlich!" „Und was werd nach der Ausstellung aus dem Bilde?"■ forschte Thymert mit seltsamer Hartnäckigkeit weiter. „Dann", sagte Hamor, nicht wenig betroffen über den Mangel an Interesse, welchen Thymert für ferne Erklärung zeigte, aber gutmütig bereit, jede von ihm geforderte Auskunft zu geben: „nach der Ausstellung denke ich es natürlich zu verkaufen. Ich trage mich sogar mit der geheimen Hoffnung, daß mir's jemand für 10 000 Franken abnimmt. Bekomme ich die nicht, so gebe ich's freilich auch für 5000, und sollte es bei mir im Frühling so knapp stehen, wie ich erwarte und wie's um die Zeit herum gewöhnlich der Fall ist, so dürfen Sie mich auch nicht für niederträchtig halten, wenn ich bei einem Angebot von 3000 noch freundlich zu dem Käufer sage: .„Zu dienen, mein Herr." Guenn, die das alles schon öfter gehört hatte, fand seine Darstellung sehr ergötzlich und lachte herzlich darüber; Thymert hingegen schien das Spaßhafte der Sache nicht recht würdigen zu können. Er sah verwirrt vor sich hin, wie in fruchtloses Nachfinnen vertieft, seine traurigen Augen wanderten ruhelos hinüber nach den nackten, öden Inseln, aus denen wohl Piel Mut, Pflichttreue und Aufopferung zu finden, aber die, ach so arm an Gold und Goloeswert waren! Noch einen Schritt trat er näher an das Bild heran — ja das war Guenn, so lebensvoll, so reizend, so verwegen! Betroffen fuhr er zurück. „Tie letzten paar Pinselstriche haben das herausgebracht", meinte Hamor, „bis jetzt war alles noch zn puppenhaft, zu tot! Jetzt aber ist es Gueun, unsere unvergleichliche Guenn!" Frei und offen blickte das junge Geschöpf dort auf der Leinwand« dem Priester in die Augen. Kräftig, wie ein Mann, und dochi in jeder Bewegung echt mädchenhaft und anmutig, schien sie ihr Boot zu führen. Der Ausdruck des Gesichts war aufs treueste wiedergegeben, scheu und wild und doch so ehrlich, so furchtlos und wacker. Er glaubte das Heben und Senken des roten Brusttuches zu sehen, die Wangen schienen lebensvoll zu erglühen, und obwohl die Züge Ernst und sstuhe zeigten, hatte Hamor jenen ihr eigenen Ausdruck überschäumender Lebenslust wiedergegeben, daß man meinte, den Schalk um ihren lieblichen Mund spielen zu sehen. Thymert glaubte ihr frohes Lachen zu hören, wie ihm keins je jo süß und unschuldig im Ohre geklungen. Das waren die hübschen geschwungenen Linien um ditz Lippen, die ihn immer so an ihre Kinderjahre erinnerten,; & O ii Samstag derr 24. Gktoker. (Nachdruck verboten.) Dsö WmWn m her Bretagne. J8on B. W. Howard. (Fortsetzung.) 17. Kapitel. >,Sie sehen, monsieur le eure, es ist schon ganz tüchtig Vorwärts gekommen", sagte Hamor heiter. „Ich sehe es wohl, Monsieur." „Zur weiteren Vollendung brauche ich nun aber ganz Entschieden Guenn!" „Sie brauchen Guenn", wiederholte der Priester Mechanisch. „Hier drüben Modell zu stehen, hat doch wenigstens Sinn und Verstand", bemerkte das junge Mädchen fröhlich. >Lch kam mir immer wie eine Närrin vor, wenn ich! in Monsieurs Atelier Ruderversuche machte." Sie blickte lächelnd von ihrem Boot aus auf die beiden jungen Männer am Ufer — Hamor aufs eifrigste an seiner Leinwand malend, und hinter ihm Thymert, mit über der Brust gekreuzten Armen ernst und düster vor sich hiu- starrend. „Tas muß ich ändern", murmelte Hamor, indem er Seinen Schritt zurücktrat und die Hand über den Augen, prüfend auf seine Arbeit sah. „Posez, Guenn, wirf Dich wehr zurück. — Ah! so ist's recht. Nun, ist das nicht ganz naturgetreu?" wandte er sich voll Enthusiasnms zu den: Pfarrer. „Was man auch dagegen sagen mag, diese Frische, diese Freiheit der Bewegung ist nur herauszubringen, wenn das Modell wirklich rudert. Zwei Tage hier draußen fördern mich mehr, als monatelange Plackerei im Atelier. Sie werden bald den Unterschied bemerken, monsieur le cur6", fuhr er eifrig malend fort, -,,den Abstand zwischen wahrem Leben und dem was wir Kic' nennen. Im Atelier kann ich nicht fühlen wie das Wasser dem Ruder widersteht. Auch sie kann es nicht. Vermag ich's dann zu malen? Nein, tausendmal nein. Sie sehen, ich habe recht!" „Ohne Zweifel", meinte der Priester; seine Gedanken schweiften weit ab. „Was werden Sie mit dem Gemälde anfangen, wenn es fertig ist, Monsieur?" fragte er daun hastig, aus seinen Träumereien auffahrend. „Aber es ist ja für den ,Salon'. Haben Sie das tzünz vergessen?" rief Guenn. .. „Es sind wohl sehr viele Leute dort in dieser Ausstellung?" fragte der Priester langsam, Hamor ansehend. „O Tausende", belehrte Guenn mit wichtiger Miene, S „Damen mit gerafften Kleidern, und Herren mit ein» geklemmten Gläsern int Auge — sie alle gehen auf und ab, k den vielen meilenlangen Sälen, und alle schauen auf 634 in an muß sie hören. Selbst wenn alle Matrosen ans dem Torfplatz sich heiser schreien, klingt sie durch." Thymert schien jetzt dem Klange ihrer jungen Stimme, die ihn immer an das muntere Plätschern eines kristallklaren Waldbachs erinnerte, ein willigeres Ohr zu leihen. Er wandte sich nach Hamor um, zog den Hut und sagte: „Pardon, monsieur, ich war ganz mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt." „Er möchte, daß Sie ihm Modell ständen", erklärte Guenn ungeduldig, jeder Augenblick des Zögerns schien ihr verlorene Zeit. „Es würde mir zur größten Ehre gereichen, wollten Sie mir gestatten, Sie zu malen, monsieur le eure", begann Hamor sehr höflich, dann setzte er hinzu, während ihn: die Begeisterung aus den Augen leuchtete: „Ich habe auf diese Gelegenheit gehofft und gewartet, seitdem ich Sie in jener Nacht zum erstenmal zu Gesicht bekam." „Nun, was sagen Sie?" drängte Guenn hastig. „Ich glaube, ich bin nicht die geeignete Persönlichkeit dazu", erwiderte der Priester langsam, während sein Blick stolz an seiner alten, abgetragenen Soutane herabglitt; int stillen überlegte er, ob er wohl dasjenige besitze, was die Künstler damals an seinem Frühstiickstisch „Linien" genannt hatten. Er fühlte ein wahres Entsetzen vor diesem liebenswürdigen, tadellosen jungen Manne, dem er eigentlich nichts Stichhaltiges Vorwersen konnte. Noch vor wenig Augenblicken war er sich deutlich bewußt gewesen, daß er den Fremden hasse; der wilde Gedanke, ihn mitsamt seiner Künstlerhabe die Felsen hinabzustürzen, hatte sich seiner bemächtigt. „Vater, vergieb mir, wenn ich Mordgedanken in der Seele barg!" hatte er vorhin auf dem kleinen Friedhof gebetet. Sich auf der Leinwand dieses Mannes für ewig sestgebannt zu wissen, überstieg seine Kräfte. Hundertmal lieber wirklich im Käfig schmachten, niemals mehr frei umherschweifen, niemals mehr fühlen wie das warme Sonnenlicht auf der Wange glüht und die Haare im Seewind flattern. ... . „ , „Sie glauben gar nicht, was für euren interessanten Studienkopf Sie für mich abgebeu würden", fuhr Hamor dringender fort. , „ , Ter Priester starrte ihn ohne dre gerrngste Teilnahme verständnislos an, daun erwiderte er eisig: „Es wäre mir wirklich nicht angenehm, — ich hätte auch nicht die nötige Geduld dazu." ,O!" rief Guenn entrüstet aus. Beide Manner blickten nach ihr um, sie hatte ihre Stellung verlassen und schonte nun mit gerunzelter Stirn nach dem Pfarrer. , „Wie unfreundlich von Ihnen, monsieur le eure", brach sie heftig los. „Es ist eine solche Kleinigkeit. Ihnen macht's keine Mühe und Monsieur Hamor wünscht es so sehnlich. Es sieht Ihnen wahrlich nicht ähnlich, eine so geringsügige Bitte abzuschlagen." Thymert schaute sie sprachlos an. Unter seinem trau- rigen Blick legte sich ihre Erregung. „Ah monsieur le eure", bat sie schmeichelnd, „Sie tun es doch gewiß, wenn ich! Sie darum bitte. Monsieur wäre so glücklich darüber, ihm liegt nur an uns beiden etwas. Er malt Ihnen ja das schöne Bild für die Kapelle, warum sollten Sie ihm da nicht auch einen Gefallen tun? Er hat mich, warum sollte er Sie nicht auch haben? Er will nur uns beide! Gewiß, Sie können nicht nein sagen. „Guenn, Guenn!" wehrte Hamor ihrenl Er;er lächelnd ab. „Er will nur uns beide", tönte es seltsam im Herzen des Pfarrers nach. , . , . . „Jetzt wird er einwilligen!" rief Guenn freudestrahlend, die bejahende Antwort aus seinen Mienen lesend. Thymert trat zögernd näher. „Wenn Sie mich viel- leicht mit im Boote malen wollten?" bat er mit der rührenden Einfalt eines Kindes. Hier bot sich ja ein unverhoffter Ausweg. Wie hatte er daran auch nicht gleich denken können! Wenn er, ein Bretagner, noch dazu aus ihrer Verwandtschaft, mit dem kleinen Mädchen nach Paris gehen könnte, dann mochten die fremden Leute immerhin neugierig in ihr glühendes, strahlendes Antlitz starren, und ihre lieblosen, kecken Urteile über sie „wenigstens stand sie dann nicht mehr allein und unbeschutzt vor der können wir uns ja noch überlegen", weinte Ha^ mor, mühsam ein Lächeln zu verbergen trachtend. ,,«ner£ muß ich einen Studienkopf von Ihnen entwerfen. Ich bm Ihnen außerordentlich dankbar für »chre Bereitwillig , bas feine, energische Näschen; die dunkelblauen Augen, aus denen Treue, Einfalt und Keckheit sprach, blickten gerade in die seinen; unverzagt stand sie da und führte das mächtige Ruder durch die weißschäumenden Wogen; es war eben Guenn, wie sie leibte und lebte. So stark, so schön — arme kleine Guenn! Nun würden alle fremden Herren und Damen auf der Ausstellung sie anstarren, sie würde in aller Munde sein, wie an jenem Morgen auf den Lannious; sie aber würde die Beschauer ruhig anblicken und weder furchtsam noch scheu werden. Wann hätte sich Guenn Rodellec auch jemals gefürchtet? Aber ach — war es nicht eine Schmach und Schande! — Dreitausend Franken! — „Louis Mvrot hat Geld im Ueberfluß", flüsterte die Stimme des Versuchers in seinem Innern. „Weiche von mir, Satan", erwiderte das Gewissen, „für meine Armen darf ich seine Hilfe annehmen, für mich nun und nimmermehr. Und dies wäre nur für mich! Es ist der Wunsch meines eigenen selbstsüchtigen Herzens; und doch — versprach ich nicht Barba für ihre Kinder zu sorgen?" „Uns Malern läßt die Welt wenig Gerechtigkeit widerfahren", bemerkte Hamor in heiterem Tone. „Wvr von allen, die dies Bild zu sehen bekommen, denkt wohl daran, daß mich's monatelang schwere Arbeit gekostet hat und ich währenddem meinen Unterhalt bestreiten, meine Schulden bezahlen mußte, daß auch Farbe und Leinwand nicht auf den Bäumen wachsen? Ein Bild ist wahrlich kein Traum — der Maler ruft es nicht durch einen Zauberspruch ins Leben, es fordert harte Mühe und erwirbt ihm fein täglich S310t„©eui täglich Brot", dachte der Priester, dessen dunkle Augen blitzten, „und jch möchte das Bild in Stücke reißen und ins Meer werfen, damit die Leute in Paris es nicht anstarren." „ t T „Tas Gute, das die Welt dem Künstler verdankt", fuhr Hamor in seiner Rede fort, „erkennt fie nicht, nur für seine Fehler und Schwächen, die doch nicht schlimmer sind als die anderer Leute, hat sie scharfen Tadel. Was weiß sie aber von Künftlerart! ■— — Stelle das rechte Bein vor, Guenn, wirf die Brust zurück!" Mit hastigen Schritten eilte Thymert die Fel;en hinan. Sein Gesicht glühte wie nach einer starken körperlichen Anstrengung. , „Wollen Sie schon gehen, monsieur le eure", ries Hamor ihm freundlich nach. „Er hört mi.ch nicht mehr, er ist gänzlich in feine Gedanken versunken. Was kümmern ihn auch unsere kleinlichen Höflichkeitsrücksichten", dachte er bewundernd. „Er ist hoch darüber erhaben." Thymert stand zwischen den armen, hölzernen Kreuzen des Friedhofs, aber heute dachte er nicht an die ertrunkenen Seeleute. Seine Augen sprühten Zorn, seine kräftigen Hände waren geballt. Der Seewind spielte in dem langen Haar seines stolz zurückgeworfenen Kopfes. „Mein Gott, mein Gott", rang es sich aus der gequälten Seele des jungen Priesters. „Da kann ich nicht widerstehen", sagte Hamor zu sich selbst; „es ist eine zu prächtige Stellung; warte einmal, Guenn, ruh' Dich aus!" Mit wenigen charakteristischen Strichen ward Thymert dem Skizzenbuch einverleibt. „Monsieur le eure", rief der Maler plötzlich heiter und unbefangen, „was würden Sie dazu sagen, wenn ich die Kühnheit hätte, Sie zu bitten, mir eine Sitzung zu erlauben? Wäre es nicht allzuviel verlangt? Hoffentlich erscheint Ihnen mein Wunsch ganz begreiflich!" Seine Bewunderung für den Pfarrer der Lannious ivar eine so wahr und tief empfundene, daß er mit bescheidenster Zurückhaltung sprach, um Thymerts Stolz und Zartgefühl so viel wie möglich zu schonen. Hamor, der lächelnd ans die Antwort wartete, schaute nicht von der Arbeit auf. Der Priester stand einen Augenblick mit geschlossenen Augen, langsam wich der Zorn aus seinen Zügen, ein Ausdruck düsterster Hoffnungslosigkeit, gepaart mit dem Mut der Verzweiflung, brach sich Bahn, — er schwieg noch immer. „Monsieur le eure, warum antworten Sie Monsieur Hamor nicht?" rief Guenn mit sichtlichem Mißvergnügen." „Störe ihn nicht", bat Hamor leise, „fei rücksichtsvoll gegen ihn. Ein Mann wie Thymert hat vielerlei zu be- benken." „Nun, er kann doch auf eine höfliche Frage antworten", beharrte Guenn mit unzufriedener Miene; „er ist ja nicht taub. Und Ihre Stimme ist so leicht vernehmbar, Monsieur, 635 — Monsieur le cur6, und werde Ihre Güte so wenig als möglich mißbrauchen. Zwei oder drei Sitzungen genügen vollkommen für meinen Zweck. Ich habe nämlich neuerdings daran gedacht, Sie als Johannes den Täufer zu verwerten. Es ließe sich allerdings noch darüber sprechen —" sein Mick glitt wohlgefällig und prüfend über die dunkle, mächtige Gestalt vor ihm — „aber doch: die Stimme eines Predigers in der Wüste, hm, hm —" er murmelte nur Noch undeutliche Worte, während seine Künstlerblicke begierig auf der Erscheinung oes Pfarrers weilten und die schaffende Phantasie ihm tausend neue Entwürfe vormalte. Thymert hörte ihn nur mit halbem Ohr. Ihm war der ganze Plan verhaßt. Aber Guenn hatte ja gesagt, daß der Maler ihn ebenso gut haben müsse, wie sie selbst. Guenn wollte es so, das war Grund genug. „War denn Johannes der Täufer uns Bretagnern ähnlich?" fragte das junge Mädchen neugierig. (Fortsetzung folgt.) Kriegserleönisse aus dem Aeldzuge 1870/71. Fortsetzung. Am Abend bezogen die Truppen wiederum Biwacks auf dem Schlachtfelde. In der Nacht entstand plötzlich ein blinder Alarm. Man hörte Pserdegetrappel und Soldaten Und befürchtete eine Ueberrumpelung. Es waren jedoch Teile der Armee des Kronprinzen, die nach Chalons an der Marne abmarschierten. Noch lange hörte man das Singen der vorbeiziehenden Truppen. Am 20. August marschierte das Regiment nach St. Marie aux Chönes. Hier lagen noch überall die Leichen der gefallenen Garden. Bon jeder Kompagnie wurde eine Abteilung zu der traurigen Arbeit bestimmt, die Toten zu beerdigen. In der Nähe des Dorfes wurden Biwacks bezogen. Am 23. August marschierte das Regiment wieder nördlich bis in die Gegend von Pierre Villers, wo es Biwak bezog. Hier gab es große Mirabellenanlagen, und da die Soldaten vielfach das unreife Obst genossen, so brach unter den Mannschaften bald die Ruhr aus. Bei und in Pierevillers blieb das Regiment bis Ende August. Am 28. fand ein Feldgottesdienst statt, wobei das Abendinahl gereicht wurde. Am 31. August versuchten die Franzosen aus dem rechten Mvseluser im Norden von Metz einen Ausfall. Um diesen ochzuweisen, wurde auch die hessische Division von dem linken Moselufer herangezogen. Den Franzosen gelang es am 31., Noisseville und einige andere Dörfer den Deutschen abzunehmen und sie zurückzudrängen, doch! wurden sie am folgenden Tage aus diesen Stellungen wieder vertrieben. Die hessische Artillerie beteiligte sich dabei hervorragend an dem großen Artilleriekampf und bald stand das Dorf Noisseville in Flammen. Noisseville selbst wurde dann von dem hiesigen Regiment besetzt. Auf beiden Setten war mit großer Erbitterung gekämpft worden. Noisseville war ganz angesüllt mit toten Franzosen und Deutschen. Sogar auf der Kirchhofsmauer lagen gefallene Franzosen und Deutsche in großer Zahl neben- und übereinander. In den Gärten sah man Mele verwundete Turkos liegen, die sehr grimmige Gesichter schnitten, als unsere Soldaten vorbeikamen. Unsere Soldaten fanden am Abend einen französischen Kapitän der Garde, dem der Schädel abgeschossen war, der aber immer noch lebte. Man versuchte ihm Wein und Wasser einzuflößen, was er jedoch mit ablehnenden Handbewegungen abzuwetsen schien. Stabsarzt Dr. Weichel untersuchte ihn, fand aber, daß eine Rettung hier nicht mehr möglich sei. Am folgenden Morgen lebte der Kapitän immer üoch Da die Franzosen am 2. September ihren Angriff nicht erneuerten, konnten die Truppen wieder zurückmarschieren. General von Manteuffel, der die Schlacht geleitet hatte, dankte den hessischen Truppen für die energische Unterstützung und sprach sich sehr lobend über ihre Haltung aus. An demselben Tage kam das 2. Bataillon des Gießener Regiments nach Rosselange, wo es bis zum 5. verblieb. Hier trafen die ersten Ersatzmannschaften des Regiments und Herr I. Homberger aus Gießen mit Liebesgaben für die Soldaten ein. Am 4. September fand ein Feldgottesdienst statt, und nach dessen Beendigung teilte General von Rantzau den Sieg bei Sedan mit. Er fügte hinzu: „Man sagt sogar, der Kaiser sei gefangen." Am Nachmittag wurde dieses Gerücht zur Gewißheit und die Gefangennahme des Kaisers verkündigt. Zur Feier dieses Ereignisses spielte die Regimentsm.usik in einem Garten. Am 5. September wurde das Regiment beim Kochen des Mittagessens alarmiert. Ms die Einwohner des Dorfes die Truppen ausmarschieren sahen, riefen sie ihnen höhnisch zu, der Kaiser sei nicht »gefangen, Mac Mahon werde bald erscheinen. Ein Ausfall fand an diesem Tage zwar nicht statt, doch mußte das Regiment seinen Standort wechseln und kam bei Rezonville in Biwaks. Als es hier ankam, wütete ein furchtbares Gewitter. Die Soldaten konnten sich nicht hinlegen, weil auf dem Boden das Wasser in Strömen floß. Auch kein schützendes Lanbdach oder Zelte waren vorhanden. Man band Reisigbündel zusammen, auf die man sich nieder- setzte, während darunter hin das Wasser floß. Bon Rezonville nach Gravelotte fiihrte eine Pappelallee. Binnen einer Stunde waren von allen Pappeln die Aeste abgehauen, aus denen Hütten gebaut oder Reisigbündel hergestellt wurden. Das Mwak bei Rezonville gehörte zu den unangenehmsten Erlebnissen im ganzen Feldzuge. Beim Durchstreifen der Umliegenden Wälder fand man noch Leichen der am 16. August gefallenen Soldaten des Regiments. Während dieser Zeit kamen auch Transporte der bei Sedan gefangenen französischen Infanterie vorbei. Am 9. Sep»- tember konnte das 2. Bataillon das Biwak verlassen und es wurden in dem Dorfe Rezonville Massenquartiere bezogen. Der Ort war aber so überfüllt, daß auf die 7. Kompagnie nur ein Wohnhaus, eine Scheune und ein Stall kamen. Hier gelang es, für 10 Franken ein Schaflämmchen zu kaufen, das bald geschlachtet und 'gekocht wurde. Die stanzösische Suppe, die man daraus herstellte, war für alle ein ungewohnter Genuß. Am Wend des 9. wurde das Regiment alarmiert, weil die Beschießung der Lager vor Metz versucht werden sollte und man dabei einen Ausfall befürchtete. Es war sehr dunkel und regnete fürchterlich, sodaß die Beschießung bald äufgegeben wurde. Der Feind hatte keinen Ausfall unternommen und die Truppen konnten daher wieder zurückmarschieren. Am 11. September wurde das Regiment für den Vorpostendienst bestimmt. Vom 11. bis 22. bezog es in Ars an der Mosel Quartiere, und am 23. kam das 2. Bataillon bei Vaux auf Vorposten. Wenn die Truppen in Ars auch nicht mehr so sehr den Unbilden der Witterung ausgesetzt waren, wie bei Rezonville, so kamen jetzt doch viele Typhus- Erkrankungen vor. Auch die Ruhr grassierte noch stark. Feldwebel Brrchhhäuser war ebenfalls an der Ruhr erkrankt und konnte sich nur mit größten Anstrengungen nachschleppen, wenn die 7. Kompagnie auf Vorposten zog. Zum Glück sand er manchmal in dem Eisenwerk bei Ars au den Feuerungsanlagen ein warmes Lager. Die Belästigung der Vorposten erfolgte durch die Franzosen am meisten am Nach- mittag. Vom Fort St. Quentin kamen manchmal riesige Granaten herüber, ohne aber erheblichen Schaden anzurichten. Auf den Feldern sah man zuweilen Frauen mit Kartosfelausmachen beschäftigt. Da dies aber zumeist verkleidete französische Soldaten waren und die Festung auch mit keinen weiteren Lebensmitteln versehen werden sollte, so befahl Prinz Friedrich Karl, der Oberbefehlshaber vor Metz, diese Arbeiten nach Möglichkeit zu stören und stellte hierflir eine Anerkennung in Aussicht. Eines Tages befand sich Sergeant Basel der 7. Kompagnie auf einem weit vorgeschobenen Unteroffizierposten, der wegen der Nähe des Feindes nur nachts abgelöst werden konnte, als sich wieder Arbeiter auf den Feldern zeigten. Durch einen wahlge- zielteu Schutz mit einem Chassepot-Gewehr streckte Basel einen davon nieder, während die anderen sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Nach einigen Tagen erhielt Basel zur Belohnung das eiserne Kreuz. Am 28. September verließ Generalmajor von Wittich die 49. Bri- nade und au seine Stelle trat Oberst von Makler vom Infanterieregiment Nr. 84. Am 1. Oktober kam die hessische Division wieder aus dem Vorpostendienst heraus und nach dem Städtchen Gorze in Quartier, wo sie bis zum 29. Oktober verblieb. Auch jetzt traten Ruhr und Thyphus noch zahlreich auf. Die Truppen, die jetzt Reservestellungen ein» nahmen, wurden mehrmals alarmiert, doch fand kein Ausfall statt. Dagegen wurde fleißig im Exerzieren geübt, und auch Felddienstübungen wurden auf dem Schlachtfelde vom 16. August abgehalten. Am 27. Oktober wurde die Kapitulation von Metz abgeschlossen. Am 29. Oktober besetzte das 2. Bataillon des Gießener Regiments das Fort St. Privat, und am Nachmittag war 'V 636 das Bataillon Zeuge des Ausmarsches der französischen Garde aus Metz. Die Offiziere begleiteten ihre Mannschaften und nahmen dann zum Teil rührenden Abschied von ihnen. Es war ein herrlicher Anblick, als die langen Züge der Kaiserlichen Garde auf der Straße vorbeidefilierten. Cie waren zum größten Teil in ernster Haltung und trugen ganz neue Uniformen. Am Abend kam das Bataillon nach Ars in Quartiere. Den ersten Teil des Feldzuges hatte es jetzt hinter sich. (Fortsetzung folgt.) Maudereien aus der KaiserstadL. (Nachdruck verboten.) Ein Wunderkind im Konzertsaal. — Ter Umzug einer Zwei- hnndertiiihrigen. — Fortschritte in Dahlem. — Schreibstuben für Arbeitslose. Zwar: „es ist alles schon da gewesen" wie der alte Ben Akiba in Gutzkows Uriel Akosta sagt; aber verblüffend bleibt manches darum doch wenn es wiederkehrt. Die Reihe der genial zu nennenden Geigerknaben, die mit dein Altmeister Joachim eingesetzt und neben.manch kleineren: Stern vor allem den Polen Bronislav Hubermann aufweist, hat ein neues Glied erhalten, das sich in der letzten Woche dem Berliner Publikum im Oberlichtsaal der Philharmonie vorstellte. Es ist der zehnjährige Franz von Verseh, der mit seinem großen Don, seiner erstaunlichen Technik und der Frühreife seines Vortrags das sonst so kühle Berliner Konzertpublikum zu wahren Stürmen der Begeisterung verleitete. Der Zehnjährige spielte ein T-moll-Konzert von Wiemawski, außerdem Bach, Paganini usw., und Joachim, der anwesend war, küßte den Kleinen mit den Zeichen tiefer Rührung und Heller Freude. Die alte Frage mochte auch ihm durch den Kopf gehen, die uns bei den Vorführungen allzufrüh Reifer peinigt, ob . der zarte Körper den unkindlichen nervenerschütternden Anstrengungen Widerstand genug leisten kann, ob die lichte Blüte nicht ein tückischer Todesfrost allzufrüh zum Welken bringt! Denn so Mele dieser Wunderkinder siechen dahin und erreichen nicht einmal das Alter Mozarts; an Joachims Jahrs kommt ganz selten eines! Es geht ihnen wie den Palmen in unserem nordischen Klima,' die auch nur in Ausnahmefällen zu einer vollen Entfaltung ihrer Kräfte bei uns gelangen. Um so wunderbarer erscheint uns daher die Zähigkeit der sogenannten Kur für st en Palme des Berliner Botanischen Gartens, über deren Schicksal ich früher schon einmal berichtet habe. Noch als Kurprinz brachte sie der Große Kurfürst vor 264 Jahren aus den Generalstaaten mit nach Berlin, wo sie ftn „Lustgarten", damals kaum mehr als-ein Küchengarten der Hofhaltung, eingepflanzt wurde. Als dann ipäter der Soldatenkönig kam und Exerzierplätze brauchte, hatte die Stunde des „Lustgartens" geschlagen. Derbe Soldatenfüße stampften den Grund fest, hier wie auf dem heutigen Königsplatz, wo am Sonntag die auch nicht grade hervorragenden Denkmäler Friedrichs des Edlen und seiner Gemahlin enthüllt worden sind. Es gibt überhaupt im Müchbilde Berlins nicht viel Boden, der nicht einmal Exerzierplatz. gewesen ist. Damals also — anno 1751 — mußte die Palme als Fünfundsiebzigjährige umziehen nach Schöneberg, wo sie 1820 ihrer Höhe wegen zum zweitenmale versetzt werden mußte und dem frühen Froste dabei fast zun: Opfer gefallen wäre. Und nun hat man ihr abermals gekündigt, und die Greisin — sie ist wirkliche ein weibliches Exemplar — bezieht jetzt das große Gewächshaus im neuen Botanischen Garten hinter Steglitz. Hoffen wir, daß ihr auch dieser Domizilwechsel gut bekommt, damit sie noch manchem Geschlechte Zeugnis ablegen kann von den guten und schlechten Zeiten, die sie einst gesehen! Der neueBotanischeGarten verspricht übrigens eine Sehenswürdigkeit allerersten Ranges zu werden. Wenn man die Potsdamer Chaussee, die über Friedenau und Steglitz führt, über den alten Herrensitz des Feldmarschalls Mrangel — heute Schloßpark-Restaurant — hinaus verfolgt, taucht hinter Strauchwerk und Chausseebäumen plötzlich auf einer mäßigen Anhöhe rechts ein langgestreckter, architektonisch sehr angenehm wirkender Glasbau auf. Das ist das neue Palmenhaus und um dieses her erstrecken sich die neuen, reichgegliederten Anlagen des nun beinah fertigen Botanischen Gartens. Natürlich mangelt ihm noch das Mächtige, Schattenspendende der ehrwürdigen Baum- aruppen seines Vorgängers in Schöneberg; aber sein Charakter ist vielseitiger, seine Einrichtungen modern und anschaulich. Und wenn sicy seine Pforten Sonntag nachmittags zu freiem Eintritt öffnen, so sind die Steglitzer Bahnen voll bis auf den letzten Platz von neugterrgert Berlinern und schnellgewonnenen guten Freunden der Anlagen. Neben den Veranschaulichungen der Höhenflora, die ich im vorigen Jahre schilderte, interessiert besonders das Kolonialpflanzenhaus. Man sieht in dieser verhältnismäßig noch Keinen, aber entwicklungsfähigen Anlage die Gewächse des tropischen und subtropischen Gebietes der Erde vereinigt, und der Kolonialpolitiker von der Bierbank wie der wissensdurstige Schüler erhält dadurch eine ganz vorzügliche Ueberficht im Kleinen über die Erträgnisse der Kolonialkultur. Da tauchen die bei der Jugend so beliebten Kokospalmen neben den Oelspendern und Gummi liefernden Pflanzen auf; da prangt der Kaffeestrauch und der Kakaobaum, in winzigen Exemplaren nur, aber doch echt und lebendig, da sieht man die Bananen und Me- lonenaewächse, die Reisträger, Flaschenkürbisse und hundert, andere Nutzpflanzen. Das sind Anschauungswerte von gewaltigem Nutzen, und wenn der Berliner sich gerade in diesen Anlagen besonders zahlreich einfmdet, so beweist das, welch rege Anteilnahme ihm die Kolonien abnötigen,- ob er sie nun für wünschenswert oder überflüssig halt. Der Besuch des alten Botanischen Gartens, über dessen Schicksal noch immer nichts Gewisses verlautet, hat, trotzdem ihm außer der unlängst blühenden Victoria regia nur sein alter Baumbestand geblieben ist, nicht nachgelassen. Allerdings sind es nicht mehr Freunde botanischer Studien, die in seinen Wegen zwischen den geleerten Beeten umherspazieren, sondern Erholung suchende Großstadtmenschen, die den grünen Rasen lieben und die stattlichen Bäume, die noci) von seiner alten Herrlichkeit erzählen; auch Kindervolk, dem der Wechsel nicht unangenehm ist, da man jejt hier manche Freiheit genießt, die vordem ein richtiges kleines Verbrechen war, tollt darin umher. Hier und da sitzt wohl auch em Mensa;-, der mehr Zeit hat als ihm lieb ist, em Beschäftigungsloser,- den des Schicksals Ungunst aus der glatten Bahn des Erwerbs geworfen hat. Wenn er von der erfolglosen ^agd nach einer neuen Stellung müde und abgespannt, zurua.- kommt, bietet ihm die Oase im wirren Gewühl der Weltstadt eine Stunde wehmütiger Rast im Grünen, und er träumt vielleicht von den Baumkronen der Heimat, die vor Jahren über ihm rauschten, als er noch sorglos wie die lustigen Knaben in seiner Nachbarschaft strategisch organisierte Kämpfe miterlebte. Aus der Luit ist bitterer Ernst geworden und im Kampf ums Dasein verlernt auch, ihr noch das Lachen! denkt er;, ehe er sich erhebt und einen neuen Versuch macht. Vielleicht findet er heute Beschäftigung in einer der „Schreibstuben für Arbeits- 'lose", die der nimmer rastende soziale Hilfstrieb des Großstadtkörpers verschiedentlich geschaffen hat- Dort laßen Geschäftsleute, Buchhändler, Musiker, Schriftsteller usw, Adressen, Zirkulare, Musikstücke, Manuskripte usw. abschreiben, und manch Arbeitsloser kommt durch diese Einrichtung wenigstens über die gröbsten Sorgen emer oosen Periode hinweg. Freilich, allen ist auf diesem Wege auch nicht zu helfen! - Abstrichrätsel. (Nachdruck verboten.) Wir wollen, was das Rätsel sagt, Uns, eh' wir uns entschließen. Und jetzt zunächst das Nätselwort, Doch ohne e genießen. Und noch ein Zeichen streichen wirr Das soll der liebe Leser hier! Mög' es ihn nicht verdrießen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Steigerungsscherze m vor, Nr.: 1. frei, Freier. 2. Ritt, Ritter. 3. .Kelle, Keller. 4, hell, Heller, b. Wunde, Wunder. Nedaltion: August Götz. — Rotationsdruck und $ Erlaß der Brüll'säen Universitäts-Buck.- und Etcindruckerel. N. Lärme. Gießen.