Freitag den 24. Juli. iyi| MsM ■ÄS (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Noinan von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) 9. Kapitel. DerMoskauer Doktor. „Kolossal!" ries Steinmetz leise, indem er mit einer geschickten Bewegung der Zunge die Zigarre von dem rechten in den linken Mundwinkel schob. Es ivar beinahe ein Uhr morgens, und seit dem Diner hatte Karl Steinmetz nicht iveniger als fünf Zigarren geraucht, während er keine fünf Worte gesprochen hatte. Die beiden Männer befanden sich in einem kleinen Zimmer in der Mitte des Schlosses Osterno und waren mit dem Addieren einer ungeheuren Zahl von Ziffern beschäftigt. „Wann wird dieser Narr endlich kommen?" fragte Paul mit einem ungeduldigen Blick auf die Uhr. „Unser teurer Freund, der Starost, ist kein Sklave der Zeit", antwortete Steinmetz. „Er kommt spät." Das Zinnner sah aus wie ein Bureau und hatte nicht weniger als drei Türen, von denen keine eine Klinke besaß. Jede Tür wurde wie ein Schrank mit einem Schlüssel geöffnet. Osterno schlief, die Dienerschaft war längst zur Ruhe gegangen, und das große Schweigen Rußlands hüllte alles ein! Als daher plötzlich das klare, hustenähnliche Bellen eines Wolfes ertönte, blickten beide Insassen des kleinen Zimmers auf. Der Laut wiederholte sich, und Steinmetz erhob sich langsam von seinem Sessel. „Jetzt glaube ich ivirklich, daß unser Freund int stände ist, einen Wolf oder Luchs an sich zu locken", sagte er. „Er macht seine Sache gut." „Ich war Zeuge, wie er es tat", antwortete Paul, ohne aufzublicken. „Aber diese Kunst verstehen die meisten Jäger." Steinmetz hatte das Zimmer verlassen, ehe er zu Ende gesprochen hatte. Eine der Türeit führte in einen größeren Raum, der als Sekretärszimmer diente, und von dort über eine kleine Treppe zu einem Seiteittore des Schlosses. Ehe viele Minuten verstrichen waren, kehrte Steinmetz zuruck, und dicht hinter ihm kam der Starost, dessen schwarze Augen im plötzlichen Lampenlicht blinzelten und funkelten. Als er Paul erblickte, fiel er demütig auf die Knie nieder; allem Paul hieß ihn mit einer Kopfbewegung aufstehen. Der Mann gehorchte und.stellte sich an die getäfelte Wand, mdenr er zwischen sich itrib dem Fürsten einen so großen Zwtschenraum brachte, als es die Größe des Zimmers erlaubte. „Ich höre, im Dorfe steht es schlecht?" sagte Paul kurz, bctnahe rauh. „Die Cholera ist da, Euer Durchlaucht." „Viele Todesfälle?" „Heute elf." Paul blickte rasch aus. „Und der Doktor?" „Er ist noch nicht da, Euer Durchlaucht. Ich Habs vor vierzehn Tagen um ihn geschickt; aber die Cholera ist in Oseff, in Dolja, in Kalischefsa, überall, und er hat 40000 Seelen unter sich. Er muß dem Semstwo gehorchen, hingehen, wohin man es befiehlt; da kann er sich um. mich nicht bekümmern." „Ich weiß", unterbrach ihn Paul. „Und die Leute selbst — fangen sie an zu verstehen, befolgen sie meine Anweisungen?" Der Starost hob flehend die mageren Hände in die Höhe. „Erter Durchlaucht wissen, wie die Leute sind", sagte er. „Sie machen keine Fortschritte, für sie ist eine Krankheit wie die andere. ,Bog dal, Bog vsial', sagen sie. ,Gott hat es gegeben und Gott hat es genommen'." Er hielt inne, und seine schwarzen Augen blitzten von einem zum anderen. „Nur der Moskauer Doktor weiß mit ihnen umzu- gehen. Euer Dttrchlaucht", sagte er bedeutungsvoll. Paul zuckte die Achseln und erhob sich, indem er einen Blick attf Steinmetz warf, der schweigend, mit seinem sonderbaren, spöttischen Lächeln zuschaute. „Ich gehe gleich mit Dir", sagte der Fürst. „Es ist spät genug." Der Starost verbeugte sich sehr tief, antwortete jedoch nicht. Paul trat an einen Schrank und nahm daraus einen alten Pelzrock, der an den Säumen ausgefasert und an den Aermeln mit dunkelbraunen Flecken bedeckt war, — Aerzte kennen diese Farbe. Paul zog den Rock an, wickelte sich einen langen, weichen Seidenshawl, wie ihn die Russen im Winter tragen, um den Hals, so daß er den unteren Teil seines Gesichtes ganz verbarg, und zog eine Pelzkappe tief in die Stirn hinein. „Komm!" sagte er. Karl Steininetz begleitete sie mit einer Lampe in bet Hand die Treppe hinab, und schloß die Tür hinter ihnen, versperrte sie aber nicht. Dann ging er wieder in das stille, kleine Zimmer hinauf, setzte sich in einen tiefen Lehnstuhl und betrachtete die offene Tür des Schrankes, aus dein Paul Alexis feine einfache Verkleidung genommen hatte, mit einem duldsamen, humoristischen Lächeln. „El senor Don Qilijote de la Maucha", mnrmette er schläfrig vor sich hin. Als der Starost die Tür der elenden Hütte des Bauers Wassili Tula ohne llmstäiide anfriß, fuhr Paul ein wenig zurück. Die faule Luft, die aus der stinkenden Höhle herausschlug, war derart, daß menschliche Lungen sie anscheinend unmöglich ausirehmen konnten. Dieser Wassili 430 Tula war ein bekannter Trinker, Aufrührer und Raufbold, dessen unzufriedener Geist durch die nihilistische Propaganda aus Rand und Band geraten war. Paul stolperte zwei Stufen hinab. In der Hütte war es dunkel, der Starost rieb ein Zündhölzchen an. „Ich habe euch den Moskauer Doktor mitgebracht", rief er in die Hütte hinein. „Der Moskauer Doktor!" schrieen mehrere Stimmen. „Sbogom, Sbogom! Gott mit ihm!" Im Nu lagen alle auf den Knieen, klammerten sich an ihn und flehten um Hilfe: Tula selbst, ein wild aussehender Russe von etwa fünfzig Jahren, sein Weib, hager, abgezehrt, — ein grauenhafter Anblick, denn es war zahnlos und fast blind, — zwei Frauen und ein Junge von sechzehn Jahren. ■ Paul bahnte sich nicht unfreundlich einen Weg in den Winkel, wo unter dem Haufen zerlumpter Schaffelle zwei regungslose Gestalten lagen. „Das Weib ist tot", sagte er. „Schafft es hinaus! Wann werdet ihr es lernen, sauber zu sein? Der Junge wird vielleicht am Leben bleiben, wenn er gehörig gepflegt wird. Haltet das Licht näher, Mütterchen. So ist's recht! Er wird am Leben bleiben. Kommt, herumsitzen und weinen dürft ihr nicht. Tragt alle diese Lumpen hinaus und verbrennt sie. Marsch, hinaus mit euch allen! Es ist eine schöne Nacht, und im Stalle liegt ihr besser, als hier. Du, Tula, geh' mit dem Starost, er wird Dir reine Decken aus seinem Laden geben." Sie gehorchten ihm blindlings. Tula und eine seiner Töchter schleppten die Leiche — es war die einer alten Frau — in die Nacht hinaus. Der Starost hatte sich, als die Lampe angezündet worden war, bis zur Türschwefle zurückgezogen, denn der Mut entsank ihm, und die Luft war faul, voll Rauch, Schmutz und Ansteckung. „Komm', Wassili Tula", sagte der Dorfälteste mit verdächtigem Eifer, „komm' mit, ich werde Dir geben, was , der gute Doktor mir befiehlt, obwohl Du mir Geld schuldig bist, und nie den Versuch machst, es mir wiederzugeben." Aber Tula küßte den Saum von Pauls Rock, indem er fortwährend etwas vor sich hinmurmelte, obwohl Paul nicht auf ihn achtete. „Wir verhungern, Euer Gnaden", sagte der Mann. „Ich kann keine Arbeit bekommen. Im Winter hab' ich mein Pferd verkaufen müssen, und jetzt kann ich mein kleines Feld nicht pflügen. Die Regierung will uns nicht helfen, v.Tib der Fürst, Fluch über ihn, tut nichts für uns. Er wohnt in Petersburg, wo er sein Geld verschwendet, und hat mehr zu essen und zu trinken, als er braucht. Der Graf Stepan Lanvwitsch hat uns immer geholfen, — G-ott sei mit ihm! — aber sie haben ihn nach Sibirien geschickt, weil er den Bauern half. Er war ein großer Bärin, ein großer Herr, und doch hat er den Bauern geholfen." Paul drehte sich plötzlich um und schüttelte den Mann ab. „Geh'! Geh' mit dem Starost und hole, was ich Dir befohlen habe!" sagte er. „Ein großer, starker Mensch, wie Du, darf vor niemandem knieen. Ich werde Dir nicht helfen, wenn Du Dir nicht selbst hilfst, Du bist ein fauler Taugenichts; marsch, hinaus!" Er stieß ihn aus der Hütte und schleuderte ihm mit deni Fuß ei» paar schmierige Lumpen nach, die auf dem Fußboden lagen. „Großer Gott!" murmelte er leise vor sich hin. „lind eine solche Höhle existiert dicht vor den Mauern von Osterno!" Die ganze Nacht ging er so von Hütte zu Hütte, ohne Begeisterung, ohne hochtrabende Begriffe von der Menschheit, ans einfachem Pflichtbewußtsein. Er wagte niemals, seinen Freunden von diesen Dingen zu erzählen, und sprach darüber mit keinem anderen, als mit Karl Steinmetz, der gewissermaßen von ihm abhängig war. Der Moskauer Doktor stand in Osterno und den benachbarten Dörfern dicht neben dem Herrgott. Viele der Bauern stellten ihn sogar über ihren Schöpfer. Es waren dumme, branntweinvertierte, unglückselige Menschen. Den Moskauer Doktor konnten sie mit ihren eigenen Augen sehen; da kam er, ein sehr greifbares Wesen aus Fleisch und Blut, packte sie bei den Schultern, warf sie zu ihren eigenen Häusern heraus, schleuderte ihnen ihr Bettzeug nach, zankte, schalt, beschimpfte sie, brachte ihnen Essen es Ist einer ernsten Verbeugung. „Trotzdem sagen Sie, daß sie nichts davon erfahren soll?" „Gewiß. Ein Geheinmis, das zwei Leute teilen, wird beträchtlich angespannt, und wenn man es zwischen dreien auszieht, wird es wahrscheinlich zerreißen. Sie können " ihr ja erzählen, wenn Sie mit ihr verheiratet sind. sie einverstanden damit, in Osterno zu wohnen?" „Ja — ich glaube —" „Was sagen Sie?" „Hm!" wiederholte Steinmetz, und es sah aus, als würde das Gespräch nun verstummen. In dieseni Augenblick öffnete sich die Tür, und ein Diener in reicher Livree mit gepuderter Perücke, Seidenstrümpfen und einem Gesichte, das wie von Holz aussah, brachte auf einem silbernen Servierteller einen Brief herein. Paul ergriff das viereckige Küvert und drehte es utn, wodurch auf der anderen Seite eine Krone in Schwarz und Gold zum Vorschein kam. Karl Steinmetz sah die Krone, und sein ruhiger, unauffälliger Blick wich uicht von Pauls Gesicht, während jener den Brief öffnete und las. „Eine neue Schwierigkeit", sagte Paul, indem er seinem Gefährten den Brief über den Tisch zuwarf. Steinmetz sah ernst aus, während er den dicken Briefbogen auseinanderfaltete. „Lieber Paul!" lautete der Brief. „Ich höre, daß Sie in Osterno sind, und daß der Moskauer Doktor sich in Ihrer Gegend aufhält. Bei uns in Thors steht schlecht; ich fürchte, es ist die Cholera. Der Ruhm Doktors ist zu meinen Leuten gedrungen, und sie jammern nach ihm. Können Sie ihn mir nicht bringen oder schicken Sie wissen, Ihr Zimmer hier ist immer bereit. Kommen Sie also bald mit dem großen Doktor und nnt H „ Steinmetz. Ihre alte Freundin Katharina Lanowuich. P. S. Meine Mutter fürchtet sich weaeu der Ansteck miß, auszugehen; fte glaubt, daß sie ein w g erkältet ist." und Arznei, verstand die Krankheiten, die von Zeit zu Zeit durch die Dörfer zogen, und keine Kälte war so groß, daß er ihr nicht getrotzt hätte, wenn sie in Not waren. Er verlangte kein Geld und gab ihnen keines; aber sie lebten durch seine Güte und waren weise genug, das zu erkennen. 10. Kapitel. Kath arin a. Paul war ein einfacher Mensch. Er fürchtete sich nicht vor der russischen Regierung, aber er fürchtete sich vor dem Entdecktwerden; denn das bedeutete ein sofortiges! Aufhören des guten Werkes, das ihn beglückte. Als er mit Etta Beaumont in London war, vergaß er Osterno nicht; er sehnte nur die Zeit herbei, da er Etta offen ins Vertrauen ziehen und für den Gegenstand seines Ehrgeizes interessieren durfte, der darin bestand, seine riesigen Güter in jenes Stück Hefe zu verwandeln, das mit der Zeit das ganze Reich mit Sauerteig erfüllen sollte. „Ich habe große Lust, Frau Beaumont zu schreiben, und ihr alles zu erzählen", sagte er eines Morgens zu Steinmetz. „Ich würde das an Ihrer Stelle nicht tun", antwortete Steinmetz ruhig. „Warum nicht?" ftagte Paul. „Des Prinzips wegen. Man soll einer Frau nie etwas erzählen, was nicht interessant genug ist, um ein Geheimnis daraus zu machen." Paul blätterte eine Weile in seiner Zeitung, dann blickte er plötzlich auf. „Wir sind veblobt", bemerkte er mit Nachdruck. Steinmetz nahm langsam die Pfeife aus dem Munde. Ihm eine Neuigkeit mitzuteilen, machte niemals Vergnügen; denn er kannte sie entweder schon, oder zeigte kein großes Interesse an der Sache. „Desto schlimmer", sagte er. „Eine Frau verbirgt nur das Schlechte an ihrem Gatten; wenn sie etwas weiß, wodurch die Männer anderer Frauen kleiner erscheinen, schwatzt sie es aus." „Sie kennen Etta nicht", meinte Paul halb schüchtern. „Sie ist voll Teilnahme und Mitleid für das Volk." „Daran zweifle ich nicht", antwortete Steinmetz mit 431 Steinmetz faltete den Brief sehr sorgsam zusammen, indem er mit dem dicken Zeigefinger und Daumen über seinen Rand hinstrich. „Ich denke immer zuerst ans Lügen", sagte er. „Das ist meine Natur oder mein Unglück. Mr können ja sagen, daß der Moskauer Doktor wieder fort ist; aber dann müssen die armen Teufel in ihren Koben sterben. Katharina versteht nicht, mit ihnen umzugehen; sie sind schlimmer, als unsere Leute." „Eins steht fest", fiel Paul ein, „ich muß nach Thors hinüber." „Dabei gibt es kein Muß", fiel Steinmetz ruhig, wie in Paranthesis, ein. „Niemand muß sich einer Ansteckung aussetzen; aber ich weiß, daß Sie hingehen werden, ich mag sagen, was ich will." „Höchst wahrscheinlich", gab Paul zu. „Katharina wird Sie sofort erkennen." „Warum?" Steinmetz zog seine Füße an sich, beugte sich vor und klopfte an einem der Scheite, die zum Anzünden bereit in dem großen, offenen Kamin lagen, seine Pfeife aus. „Weil sie Sie liebt", antwortete er kurz. „Ihr werden Sie den Moskauer Doktor nicht Vorspielen, mein Lieber." Paul lachte etwas verlegen; denn er war einer von den wenigen, täglich seltener werdenden Männer, welche der Ansicht sind, daß die Liebe einer Frau nicht leichtfertig ins Gespräch gezogen werden darf. „Dann", begann er etwas rascher, Äs fürchte er, daß Steinmetz noch mehr sagen werde. „Dann, — wenn Sie glauben, daß sie mich erkennen wird, darf sie mich eben nicht sehen", verbesserte er sich. (Fortsetzung folgt.) Eine eigenartige Verbrecherlaufbahn. Gustav George, der von dem Berliner Landgericht I wegen schwerer Beleidigung des Lehrers Weichei, dchl er als den Mörder von Könitz bezeichnet hatte, zu einem Fuhr Gefängnis verrrrteilt wurde, rst anerkanntes Mitglied der Berliner Verbrecherwelt. Als Sproß einer alten Verbrechefr- familie ist er in irgend einer Spelunke an der Friedrichs-- gracht zur Welt gekommen. Sein Vater starb im Zuchthaus; das ihn zuletzt einer Brandstiftung wegen aufgenommen hatte. Wer unter solchen Verhältnissen anfwächst, der muß; wenn nicht ein Wunder ihm zu Hilfe kommt, selbst zum Verbrecher werden. Ist etwas „Besseres" in ihm, so meldet sich das doch erst in den Jahren der Reife, des ruhigeren, kühleren Urteils. Ms dahin prävaliert der Mnfluß; den der Umgang mit lichtscheuem Gesindel ausüben muß; und die Gesetze sind streng. Wer sich wiederholter Eigentums- vergehen schuldig macht, der verfällt sehr rasch dem Zuchthaus. Und wer erst einmal im Zuchthaus war. . . . Noch dazu, wenn er von der Natur so stiefmütterlich ausgestattet ist, wie dieser George es ist! Eine lange, spindeldürre, schlotternde Gestalt, ein hageres, von roten Blattern bedecktes Antlitz, und Mitten im Gesichte eine riesige, purpurrot leuchtende Nase, die ihm in der Verbrecherwelt den Namchl das „Glühlicht" eingetragen hatte. Was Wunder, daß niemand etwas von ihm wissen wollte, daß er nur unter der Hefe Kameraden sand. Wie sein -Entwicklungsgang im einzelnen war, gehört nicht hierher; jedenfalls hat er reichlich die Hälfte feiner 35 Lebensjahre teils im Gefängnis, teils im Zuchthaus verbracht. So kam er auch! in die Braun- schweiger Strafanstalt. Der Anstaltsgeistliche machte dort die Wahrnehmung, dast der Gefangene trotz seines ungünstigen Strafregisters keine Persönlichkeit war, die mit anderen Verbrechern ohne weiteres in einen Topf geworfen werden konnte. George war tzlter geworden und zeigte eine große Sehnsucht nach seiner Entlassung, aus die er sich Jahre lang kindlich freute, um irgend eine geordnete Existenz zu finden. Dazu führte er sich tadellos. Das indessen war nicht die Hauptsache. Der Geistliche und der von ihm aufmerksam gemachte Gefängnisdirektor Regierungsrat kamen zu der Erkenntnis, daß in dem Gefangenen eine absonderliche Intelligenz stecke und zwar nicht nur in kriminalistischer Beziehung. Diese machte allerdings zunächst von sich reden. Es gelang ihm durch geschickte Beobachtung seiner Mitgefangenen, eine Reihe schwerer Verbrechen, die bis dahin keine Sühne gefunden hatten, was die Person der Täter anlangte, aufzuklären. Ein Gefangener, der wegen Raubes zu Zuchthausstrafe verurteilt. worden war, wurde durch ihn als mehrfacher Mörder entlarvt. George wurde später aufgesordert, die ihm bekannten Ausdrücke der Verbrechersprache zusammenzustellen. Seine Arbeit wurde dem Material des Königl. Polizeipräsidiums zu Berlin einverleibt. Dabei wurde seine Fähigkeit, schriftstellerisch zu schreiben, entdeckt. Durch Vermittlung der Direktion der Strafanstalt wurden seine Aufsätze, die sich meist auf PsydhÄogie des Verbrechens bezogen, einer Reihe Redaktionen angesehener Zeitschriften zugänglich gemacht. Ihres eigenartigen Inhaltes wegen' fanden sie Aufnahme. Als George nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe auf Grund seiner guten Führung versuchsweise aus dem Zuchthaus entlassen wurde, verfügte er über einen leidlichen Sparpfennrg, den ihm literarische Honorare eingebracht hatten. Mit seiner damaligen Entlassung aus dem Zuchthause beginnt der Teil feiner Existenz, der feinem „Fall" eine allgemeinere Bedeutung gibt. Er hatte etwas Geld, hatte ausgezeichnete Empfehl-- ungen und war zweifellos voll der besten Vorsätze. Dem Geistlichen hatte er -gelobt, nie wieder straucheln zu wollen. Trotzdem er nach alledem weit günstiger situiert war, als die große Mehrzahl anderer ehemaliger Verbrecher bei der Entlassung aus dem Gefängnis, erwies er sich bald, d-ast es unmöglich war, ihm irgend eine geregelte Tätigkeit zu verschaffen. Für grobe Arbert war er seiner Schwächlichkeit und Hinfälligkeit nicht zu verwenden. So kam er auf die Idee, sich, nach Art ferner Tätigkeit im ZuchthaW, in Könitz um die Aufklärung des dort begangenen Verbrechens zu bemühen. Die Verwaltung des Zuchthauses wußte eine Berliner Persönlichkeit für ihn zu interessieren, und diese ließ ihm das Geld für feinen Aufenthalt dort eine Zeit lang Mr Verfügung stellen, lieber die Ergebnisse seiner Konitzer Bemühungen soll hier kein Urteil ausgesprochen werden. Eines Tages fand der Gönner, daß es nun der Nachforschungen genug sei. Er hörte auf, den Rechercheur, der sich unterdessen auch den Mtel eineA „Schriftstellers" Mgelegt hatte, zu unterstützen. George bot seine Dienste zunächst den verschiedenen Auskläruugskomitees an. Viel war bei ihnen nicht zu holen. Und dann kehrte er nach Berlin zurück, um hier Beschäftigung zu suchen, gleichviel, welcher Art. Er suchte und suchte. . . Jahre lang Hat er sich trotz fortgesetzter drückendster Not ordentlich gehalten. Einmal, als er gar nicht mehr aus und ein wußte, fuhr er nach Braunschweig und bat, seine Beurlaubung rückgängig zu machen, damit er wieder ein Unterkommen habe. Es wurde ihm zugeredet, den MUt nicht zu verlieren. -Er kehrte nach, Berlin zurück und suchte weiter. Schließlich ist er doch gestrauchelt und jetzt kommt er wieder ins Gefängnis. „Das Fräulein." Der „Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins" seien nachstehende interessante Mitteilungen entnommen : Im Zweigverein Zwickau hielt kürzlich Professor Tr. Matthias einen Vortrag über die Geschichte von Mademoiselle, Mamsell und Fräulein. Tas Wort Fräulein ist uralt, recht alt auch seine Verwendung als Standesbezeich- uung für Töchter aus fürstlichen und adeligem Hause, aber sehr jung als solche für ledige Bürgerliche. Diese Verwendung wurde erst zum Neujahr 1794 durch eine Flugschrift des Leipziger Rechtsanwalts und Verlngsbuchhänd- lers Baumgärtner angeregt, die zu einer lebhaften Erörterung in ganz Deutschland, auch in Wielands „Teutschem Merkur", führte. Diese Erörterungen werfen Helle Streiflichter auf die ganze damalige Zeit mit der Pariser Staatsumwälzung und den Frauzosenkricgen im allgemeinen, rind zugleich sind sie ein Stiick Sprachreinigungs- geschichte im besonderen. Es ist lehrreich, zu verfolgen, wie die französischen Titel mit deni dreißigjährigen Kriege ihren Eirrgang halten und um 1750 selbst in den B.nefen einer so deutschbewußten Frau wie der Gottschedin durchdringen, die Madame und Mademoiselle bis dahin nut I von Künstlerinnen und geborenen Französinnen gebrauchte. Die Bedeutungen von Hausfrauzösinnen oder Wirtschafterin für Mamsell entwickelten sich jene von oben herab, diese von unten hinauf, indem die adeligen Kreise für ihre Lehrerinnen des Französischen bewußt dauernd den französisch-bürgerlichen Titel sesthielten oder indem die niedere Hausbedientenschaft der leitenden, besser gebildeten Vorsteherin des Hauswesens, namentlich bewußt auf Schloß und Gehöft, den städtischen vornehmeren Titel gaben, der 432 eben int Volksmund Mamsell war gegenüber dem immer mehr auf die niederen Kreise eingeschränkten Jungfer. Nach dem Herausgeber der Werke Wielands war Baumgärtners Vorschlag der ganz deutschen Benennung der ledigen Bürgerlichen mit Fräulein um 1814 durchgedrungen. Nach den Zeugnissen der Literaturwerke rückt der Zeitpunkt tioch etwas hinaus. Jeait Paul, der früher Fräulein burchaus den Adelstöchtern vorbehält, hat Bürgerlichen diese Anrede zuerst im August 1820 gegönnt in einem Bericht über den geistvolle Adelige tmb Bürgerliche gleichmäßig umfassenden Kreis gebildeter Frauen, den die Herzogin von Kurland auf Löbichau bei Altenburg um sich versammelte, also offenbar nach dem Leben. Die meisten Zeugnisse bietet Goethe, der auch Töchter von bürgerlichen : Rittern des Geistes zuerst mit dieser Bezeichnung beehrt, zuerst in detl Rollenbezeichnungen des berühmten Maskenzuges von 1818, also öffentlich, und gleichzeitig wird in den Tagebüchern zuerst eine damalige junge Freundin, Adele Schopenhauer, die Schwester des berühmten Philosophen, so genannt, ivährend Künstlerinnen aller Art, selbst so gefeierte, wie die Szymanowska und Walewska, dauernd Mademoiselle blieben. Damit im Zusammenhänge sei noch angeführt: Das Wort „Fräulein" wurde im 17. und 18. Jahrhundert, noch bei Goethe, dem natürlichen Geschlechte entsprechend vielfach weiblich gebraucht, nicht bloß mit nachfolgenden Namen: „meine Fräulein B." (Goethe), sondern auch ohue solchen: „Manieren einer sich empfindsam zierenden deutschen Fräulein" (Goethe). Beides entsprichst dem heutigen schriftgemäßen Sprachgebrauche nicht mehr. Den Mundarten und der darin wurzelnden Umgangssprache mag man den freieren Gebrauch zugesteheu. So führt Schmeller im bayerischen Wörterbuche beide Geschlechter als volksüblich an; und wenn im Saargebiete ein Unterschied zwischen „d a s Fräulein" und „d i e Frän- leiu N." gemacht wird, so mag auch dies dem mundartlichen Gebrauche zugute gehalten werden. Aber ein Lehrer, der die Lehrer, der die Schriftsprache zu lehren hat, sollte diese Unterscheidung nicht als Regel aufstellen. Nur in einem Falle ist vor „Fräulein" die weibliche Form erlaubt, nämlich in der Verbindung „Ihre Fräulein Tochter" und bergt. Aber bas ist nur eine scheinbare Ausnahme; bemt bas Fürwort gehört int Grunbe zu „Tochter", unb „Fräulein" ist nur ein Höflichkeitsznsatz, der etwa auf einer Stufe steht mit Beifügungen tote „geehrte". Ein Fürwort aber, bas im weiteren Fortgänge ber Rebe auf „Fräulein" zurückweist, steht unbebenklich in weiblicher Form, so: „wenn bas Fräulein jetzt schon weiß, was sie zu Mittag speisen soll" (Lessing). Auch scheint uns nichts einzuwenben gegen eine Fügung wie diese: „wegen ihrer Gesunbung ist das Fräulein Ijier" (Gutzkow). Unmittelbare Aufeinanderfolge jedoch klingt uns heute hart, also nicht: „d a s Fräulein, welche. . Gemeinnütziges. Filzhüte zu waschen. Man reibe die Filzhüte mit einem Flanelllappen rein, der in mit lauwarmem Wasser verdünnten Salmiakgeist getaucht ist; beit Flanelllappen erneuert man, sobalb er schmutzig ist. Der Hut muß bann mit einem reinen io eich en leinenen Tuche trocken gerieben werden; nach der Reinigung bürste man beit Hut glatt. Man vermeibe, benselben zu naß zu machen, ba er sonst bie Form verliert. Schmutziges Hutleber reinigt man mittels eines Schwammes mit einer aus zehn Teilen Wasser unb einem Teil Salmiakgeist besteheuben Mischung. Vermischtes. * Ein „Freitheater", b. h. ein Theater, zu bem bie Zuschauer ueutgeltlich Zutritt haben, hat ein Berliner Hausbesitzer auf einem Stück Gartenlanb an seinem Hause eingerichtet. Das Pnbliknm besteht zumeist aus den Kohlen- und Balkenträgent ber umliegenden Lager- unb Stätteplätze mit ihren Frauen unb Kinbern, ferner Schaffell unb Hofarbeitern ber Straßenbahn, Straßenfegern re. ,unb Zuschauerraum ftttb von spartanischer Einfach- hett. Die Bühne ivirb im Hintergründe des Gartens dadurch gebildet, daß in der Nähe ber Wanb zwei Stuhl- pyramweti aufgestellt siub, bereit oberster Stuhl je ein Zehntilogewtcht trägt. Zwischen den Gewichten läuft eine «cyiuir, die ben einfachen, geblümten Kattunvorhang trägt. An jeibeit Stuhlpyramiben hängt, an bie Einfachheit bet Syakespearebühne eriniternb, je eine Papptafel, deren linke mit Kreibelettern bie Inschrift trägt: ;,®itt Opfer des Kulturkampfes", Drama vou Reinholb T." (Der Verfasser ist eilt in ber Nachbarschaft wohnender Posthülfsbeamter.) Hieran schließt sich das Personenverzeichnis. Die Mimen sind zumeist Dilettanten und erhalten keine Gage. Die rechts hängende Tafel enthält die ohne Ausnahme von beit Zuschauern befolgte Mahnung, bei Strafe bes Hinaus- fliegens jebett Lärm zu vermeiden. Wenn die Dunkelheit; hereinbricht, erhellen mächtige Stalllaternen traulich das Dunkel der Laube. Es wird nur Sonntags gespielt. Sämtliche Plätze sind dann schon lange vor Beginn der Vorstellung von 80 bis 100 mstnter plaudernden Männern, Frauen und Kindern beseht. Die gespannten Mienen der Männer, das herzbrechende Schluchzen der Frauen bei Szenen, die in der hier gebotenen Darstellung bei blasierten Theaterbesuchern nur Heiterkeit Hervorrufen könnten, beweisen, daß es nur bescheidener Mittel bedarf, um weiche Stimmungen in ber Volksseele auszulösen. Sobalb es hinter ber geschlossenen Gardine läutet, gibt es auch Zwischenaktsmusik. Ganz vorn an ber Bühne hat ein im Vorderhause wohnender weißbärtiger Herr, ein pensionierter Beamter mit seinem Enkel Platz genommen, er bläst die Klarinette, während der Knabe die Ziehharmonika bearbeitet. Die „Hofmusiker" finden mit dem „Lied an den Abendstern" und Aennchens Arie „Leise, leise, fromme Weise" vielen Beifall, lieber den Schluß des dann folgenden Dramas kann nur soviel berichtet werden, daß ein Bruder, der nicht im Elternhause erzogen ist, seine Schwester liebt und mit ihr in den Tod geht. Der Beifall war sehr lebhaft. Doch ein Kassenstück wär es nicht. Atunft. — Dem Dichter des überall in deutschen Landen, insbesondere aber in Deutsch-Oesterreich und Tirol so überaus volkstümlichen Liedes von Andreas Hofer „Zu Mantua in Banden", Julius Mosen, toirb in seiner Heimat Ma- rieney im sächsischen Vogtlanbe ein Denkmal errichtet, zu welchem um 8. Juli, dem hundertsten Geburtstage des Dichters, ber Grunbstein gelegt würbe. Im modernen Deutschlanb ist Julius Mosen ein Halbvergessener geworden; und doch verdienen die Werke dieses hochbegabten Lyrikers, Epikers und Dramatikers — seit 1836 wandte sich Mosen bis zu seinem Tode, der 1867 in Oldenburg erfolgte, vorzugsweise dem Drama zu und im dortigen Großh. Theater wird bisweilen noch diese oder jene seiner Verstragödien, namentlich „Der Sohn des Fürsten" aufgeführt — der Ver- gesseuheit entrissen zu werden, schon allein mit Rücksicht! auf ihren edlen nationalen Inhalt, auf die freiheitliche Glut, ivelche sie beseelt, sei es nun, daß er den Ulrich von Hutten oder die Freiheitskampfe der Griechen oder endlich den Sandwirt von Passeier besingt. Unsere Zeit erfüllt nur eine Dankespflicht, wenn sie hundert Jahre nach der Geburt dieses auch von Goethe hochgeschätzten Dichters ihm ein Denkmal seines Ruhmes setzt. Literarisches. — „Die geschlechtliche AufklärunginSchnle und Haus" betitelt sich eine kurze, aber inhaltsreiche Broschüre von Frau HenrretteFürth inFranksurt a. M., die soeben im Verlag der Frauen-Rundschau zu Leipzig erschienen ist. (Preis 50 Psg.) In der modernen Jugenderziehung dürste es kaum ein wichtigeres Gebiet geben, als das der geschlechtlichen Aufklärung, und die mahnenden und warnenden Worte der Frau Henriette Fürth werden bei manchen Eltern und Erziehern auf wirksamem Boden fallen. Die Broschüre ist berufen, die auf offene sexuelle Erziehung in Schule und Haus hinzielende Bewegung der Gegenwart zu fördern. — Mas sollen wir unseren Kindern zu lesen geben? Auf diese Frage, die sich Eltern häufig ausdrängt, können wir die Antwort geben: Bestellt in einer Buchhandlung die „Jugendgarbenlaub e", farbig illustrierte Zeitschrift für bie Jugend, Knaben und Mädchen. Verlag von E. Kempe in Leipzig. Vierteljährlich 1 Mk. Logogriph. Mil i im a ist's reichlich da! Nun frisch voran, wer schießen kannl (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: August Götz. — NetalicuSirncl und L rrlcg der Vrülil'scheu iluivcrstlälL-lkuch- und C Icindruckerei. R. Lange, Gießen.