Freitag den 24. April. VST $1 1903. — Nr. 60 iHMpy U^A-7717^ OM^WD (Nachdruck verboten.) i Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Nell sagte hieraus nichts. Sie stand unter dem Eindruck der lächerlichen Seite der Sache. Hier war drese I kleine alte Jungfer, auf einen öden Strand geworfen, wohin I von der „Gesellschaft" nie etwas drang, vergessen von aller Welt, ohne Einfluß, die nichts besaß als ihre Ansprüche auf fleckenlose, gute Geburt; die ihre engen kleinen Gesetze für alle Welt aufstellte und von jedermann erwartete, sich mit seinen oder ihren Vorurteilen und Gefühlen diesem prokruster- schen Bett anzupassen. . t .. . , Wie töricht ihre Rede aber auch ivar, so war sie doch so aufrichtig und ernst, daß Nells Geist ihren kritischen Bemerkungen sich beugte, und obschon esKostal nicht I gelang, Nell zu überzeugen, so schickte sre das Mädchen doch sehr unglücklich, dem Weinen nahe, nach Hause. Das schlimmste war, daß die empfindsame, kleine alte Jungfer unter dem Vorwand, ihren Schützling von ihrer unglücklichen Neigung zu heilen, indem sie ihren Gedanken eine dem entsprechendere Richtung zu geben suchte, sich selbst Jems bemächtigte, ihm ihre Hilfe bei Nell anbot, wenn er sich zu bessern versprechen wollte, und den Fischer ermutigte, das Mädchen mehr als je zu verfolgen. Sie war es, die Jem überredte, mit geringerer Anmaßung nm sie zu werben mit dem Versprechen, ihretwillen em neues Leben beginnen zu wollen, und andern schmeichleri- I ^'n^^ob schon Nell erriet, wer diese Veränderung bei ihm bewirkt hatte, wurde sie doch dadurch genötigt, ihrem unwillkommeneren Bewerber gegenüber eine andere Haltung anzunehmen. Es ist leicht, stolz und geflissentlich kalt gegen eine anmaßende Person zu sein, doch wenn diese Person bescheiden und fast unterwürfig rn stlneu Bemühungen sich, selbst bei geringer Fähigkeit, nützlich zu machen, wird, wenn er darauf besteht, auch das Holz zu hacken und das Wasser zu tragen — dann ist es schwer, eine im strengen Sinne frostige Haltung aufrecht zu erhalten. Auf die Spitze wurde dieses Verhältnis emes Naap mittaas getrieben, als Nell, von Miß Bostal zum Tee eingeladen, bei ihrer Ankunft von dem verhaßten ^em eingelassen wurde. , „ . _ Nell sah ganz betreten aus, als sie beim Erntrete,i ms Haus von den Lippen des jungen Mannes selbst erfuhr, daß er ebenfalls eingeladen worden wäre. . Das Mädchen wendete sich nach der Tür des Speisezimmers, wo zu Ehren der Gelegenheit ein kleines Feuer brannte, um ihre Wirtin aufzusuchen. , Jem, der in seinen Sonntagskleidern war, ttt denen er einen noch stärkeren Gegensatz als sonst zu dem fein- gebildeten Mädchen mit den zarten Händen darbot, sagte tölpisch, daß Miß Bostal gleich unten sein wurde. Als Nell, diesen Wink nicht beachtend, Miene machte, daS Zimmer zu verlassen, fand er plötzliche den Mut, sich ihr in den Weg vor die Tür zu stellen. „'s ist absichtlich geschehen; sie hat's mit Wsicht getan , sagte er, es erklärend, wobei ferne Sprache noch bäurischer unter dem Druck der Aufregung wurde, „damit ich Gelegenheit fände, mit Ihnen zu reden." Nell war aufgebracht und voll Angst, sie blickte ihm aber mit einem Ausdruck ins Gesicht, der ihn etwas em* schüchterte. „Sie weiß nicht, was ich Ihnen zu sagen wünsche", fuhr er in heiserem Flüsterton fort. „Sie glaubt, daß ich Sie bitten werde, mich zu heiraten. Als ob ich ein so großer Narr wäre! Nein. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist, daß der Karl Hemming sich hier noch immer herumtrerbt. Er hält sich in der „Glocke" in Stroan auf und hat mir eine Fünspfundnote aygeboten, wenn ich ihm sage — was ich Ihnen gesagt habe. Und ich hab's abgeschlagen. So!" Und ganz überwältigt bei der Betrachtung seiner eigenen Seelengröße, schlug sich Jem auf die Brust und riß die Augen weit auf. Nell hörte zu, während Furcht und Widerwillen in ihr kämpften. Sollte sie dem Manne trotzen mit der Kenntnis, die er, wie sie glauben mußte, besaß? Oder sollte sre ihren Abscheu überwinden und Zeit zu gewinnen suchen? Miß Bostal hatte ihr geraten, ihm Trotz zu bieten; doch I damals wußte Miß Bostal noch nicht, was s r e wußte. Nell zitterte, als der Mann ihr einen Schritt näher trat’„3d) verstehe Sie nicht", sagte sie. „Was wollen Sie eigentlich?" , _ „ , „ „Ich wünsche, daß Sie mir euren Kuß geben.' Tas Mädchen fuhr mit einer Geste des Abscheus I $ „Nun?" bestand Jem daraus, „'s ist, wohl überlegt, I wenig genug. Besonders, da ich nrir selbst ernen nehmen könnte, wenrr ich Lust dazu hätte." o | Uud indem er es sagte, trat er noch euren Schritt näher auf sie zu und drohte es auszufuhren. „Miß Bostal", sagte sre ruhig, als ob fern -Vorschlag I einer Bemerkung nicht wert wäre, „hat mrr geraten, Sie von Ihrer Angabe nach Gefallen Gebrauch machen zu lassem I Sie sagt, daß niemand Ihnen glauben wurde. , Und denken Sie's auch?" fragte er mrt eurem unbeschreiblich arglistigen Seitenblick. Tie plötzliche Angst, die 6et dieser Frage ihr Gesucht I a b erlief, verriet ihm die Gunst seiner Lage. I Hören Sie an", fuhr er in einem Tonefort, den er I 's,en der Ueberredung hielt, der aber Nell durch seine | grobe, angemaßte Vertraulichkeit abstieß, „ich will Sie zu 238 nichts zwingen. Sie wissen, was ich zin. verkaufen habe, und Sie kennen den Preis; wenn Sie ihn nicht zahlen wollen, gut, so wissen Sie, wie ich mich selbst in Landes- miinze bezahlt machen kann. Nun will ich Ihnen Frist bis morgen abend geben. Wenn Sie mich morgen am Zaun Ihres Gartens erwarten, wo Ste, fürwahr! ganz sicher sind, denn ich meine es offen und ehrlich, und Sie mir gute Worte geben und höflich sind, so will ich's Maul halten und weder Ihre Fünfpfundnoten noch alle Detekters von London sollen mich zum Angeber machen. Wenn Sie aber anstehen, es zu tun, — und es ist doch eine verwünscht kleine Sache, so viel Aufhebens davon zu machen — nun, dann will ich meiner Wege zu Hemining gehen und mir die fünf Pfund holen, und Sie mögen erraten, was dann geschieht, wenn Sie's nicht wissen." Als der Mann sie jetzt ansah, mit blutunterlaufenen Augen, den Kuß schon im voraus genießend, den, wie er meinte, sie ihm zu geben gehalten war, sank ihr das Herz. Er würde sicher nicht in diesem Ton zu ihr reden, wenn die Beweise, von denen er gesprochen hatte, nicht sehr stark waren. „Sie müssen mir Zeit zur Ueberlegung geben, stammelte sie, indem sie die Angen abwendete, um seinen lüsternen Blicken nicht zu begegnen, aber immer seine Bewegungen scharf im Auge behielt. Sie fühlte einen heftigen Groll gegen Miß Theodora, die in ihrer gutherzigen Torheit sie dieser Verfolgung ausgesetzt hatte. Glücklicherweise erschien nur einige Augenblicke später diese Dame selbst, ivorauf Nell sofort den Mr- wand ergriff, das Teezeug zu holen, um aus dem Zimmer zu kommen. Sobald sie. jedoch die Tür hinter sich hatte, eilte sie durch den Gang nach dem Hinterteile des Hauses, schlüpfte hinaus in den Garten rrnd rannte so schnell, als ihre Keinen Füße sie tragen konnten, nach Hause. „Da sie seine Gesellschaft so gern hat, mag sie sich eines Tete-a-tete mit ihm erfreuen", sagte sie zu sich selbst, nicht ohne Bitterkeit, daß ihre alte Freundin und Beschützerin sie in ihrem Eifer, den verlorenen Sohn zu bessern, hintergangen harte. Ehe sie noch den „Blauen Löwen" erreichte, hatte Nell ihren Entschluß schon gefaßt. Sie fühlte, daß sie eines zuverlässigeren, welterfahrenen Rates bedurfte, als den der gutmütigen, empfindsamen, engherzigen Miß Theodora. So schrieb sie einen kleinen Brief, den ersten, den sie ihm jemals geschickt hatte, an Clifford King und sandte ihn mittels sicherer Hand nach Stroan, um die Nachtpost noch zu erreichen. Ihr Brief war sehr kurz,/da er nur folgende Worte enthielt: „Lieber Mr. King! Wenn es Ihnen nicht zu ungelegen !väre, morgen hercch nach Stroan zu kommen, so würde ich sehr erfreut sein, Gelegenheit zu finden, ihren Rat in einer Sache in Anspruch zu nehmen, in der ich meinem eigenen Urteile nicht zu vertrauen wage und den meines Onkels nicht nachsuchen möchte. Entschuldigen Sie meine Kühnheit, eine so große Gunst von Ihnen zu erbitten. Ihre aufrichtige Nell Claris." Sie verbrachte hierauf eine schlaflose Nacht, indem sie sich mit der Frage quälte, was Jem Stickels tun, und ob Clifford, was sie zwar nicht sehr bezweifelte, auch kommen würde, und wie sie es ihm sagen sollte, wenn er käme. Und am folgenden Abend, da sie schon alle Hoffnung, ihn zn sehen, aufgegeben hatte und die für das Zusammen- ttefsen von Jem Stickels anberanmte Zeit sich schon näherte, erblickte sie von ihrem Sitze druch die Tür des Wohnzimmers Clifford, wie er in die Schenkstube trat. Nell sprang mit einem Keinen Schrei empor, und Clifford, der ihrer ansichttg wurde, errötete tiefer, als er es vom Gehen.gewesen ioar, und rasch durch die Schenkstuke über den Gang eilend, stieß er die Tür des Wohnzimmers Weiter aus und stand vor ihr. Tas Mädchen hatte ihn so dringlich herbeigewünscht, daß all ihre kleinen mädchenhaften Künste des Erstaunens, der Gleichgültigkeit, der Zurückhaltung versagten; und er sah das Mädchen, das er liebte, mit dem Liebesgeständnis in ihren blauen Augen vor sich. Einen Augenblick stand er, sie betrachtend, da, von Ehrfurcht ergriffen, wie es ein Liebender bei der Entdeckung sein mußte, wie viel schöner sie war, als er sie in der Erinnerung trug. Worauf er, rote es nicht unnatürlich war, ihrer Aufforderung, zu ihr zu kommen, eine größere Bedeutung, als beabsichtigt war, beilegend, sie in die Arme schloß, sie an die Brust drückte und ihr Gesicht mit Küssen bedeckte. Nell stieß einen Keinen Schrei aus; sie meinte damit Bestürzung, Verwirrung auszudrücken, Clifford legte den Ton aber anders aus und küßte sie wieder und wieder. „O, Mr. King!" ächzte das Mädchen, sobald sie den Kopf weit genug zurückziehen konnte, um sprecheir zu können. „Sie haben mich mißverstatrden. Ich habe nach Ihnen nur, mir Rat zu erholen, geschickt. Ich —" „Ich verstehe Sie wohl", entgegnete Clifford ruhig, ohne sie doch ganz von sich loszulassen. „Und ich verlange danach. Ihnen die Kenntnisse meines Berufs zur Verfügung zu stellen, doch erst —" Er hielt plötzlich inne, mitten in seiner Rede von einem heftigen Auffahren Nells unterbrochen, die erschrockenen Blicks auf die Tür starrte, die in den Garten führte. Ter obere Teil der Tür hatte Fenster, und sie hatte plötzlich bemerkt, daß ein Gesicht von außen daran gedrückt war. „Wer ist es?" fragte Clifford, als er sah, was die Aufmerksamkeit des Mädchens gefesselt hatte. Und ohne auf Antwort zu warten, stürzte er durch die Keine Stube nach der Glastür. Nell sprang hinter ihm drein und hielt ihn ant Aermel zurück. „Es ist nichts. Lassen Sie's gut fein!" flüsterte sie furchtsam. „Es ist nur Jem Stickels. Oefsnen Sie nicht die Tür." Doch als Clifford unter dem Drucke ihrer dringenden Bitte innehielt, drang der Schall eines rauh hervorgestoßenen Fluchs an ihre Ohren; das Gesicht wurde plötzlich' zurückgezogen, und im nächsten Augenblick fuhr mit einem lauten Krach von zerbrochenem Glas Jems Faust durch die Scheiben und versetzte Clifford einen Stoß auf die Brttst. Nell fah, ehe der Schlag noch fiel, daß sich ent offenes Messer in der Hand des Fischers befand. Obschon sie auf den Geliebtten zustürzte und versuchte, ihn der Gefahr zu entreißen, kam sie zu spät. Mit einem Gehettl wilden Frohlockens zog Jem fein mit Blnt bedecktes Messer zurück. Z w e i t e r B a n d. 12. Kapitel. Ein gefährliche r Zeuge. Clifford iuar so ganz von Ueberraschnrig ergriffen, daß er int ersten Augenblick feine Werwnndung kaum inne ward. Im nächsten stieß er mit einem Rucke die Tür ein, und draußen Jem erblickend, der kaltblütig sein Messer an dem am Hause emporwachfeuden Ephett abwischte, ergriff er den Fischer mit einer Hand bei der Kehle, entriß ihm mit der andern das Messer und schleuderte es fort; ivorauf er den Mann mit solcher Gewalt von sich wegstieß, daß dieser hinstürzte und, mit dem Kopf auf einen Fenstersims schlagend, bewegungslos liegen blieb. Tann plötzlich von einem Gefühle von Schwindel erfaßt, der ersten Folge von ferner Verwundung, taumelte Clifford zurück gegen die zerbrochene Tür unb in Nells Anne. „Ach, es ist meine Schuld! meine! Ich hätte Sie nicht Bitten sollen, zu kommen!" jammerte sie, ohne weiter zu versuchen, ihre zärlliche Leidenschaft vor den Leuten zu verbergen, die von dem Lärm des .Handgemenges erschreckt, jetzt in die Stube hereindrängten. George Claris gehörte ztt den ersten, die kamen und er runzelte beim Anblick Ciisfords, von dessen Ankunft er noch nichts gehört hatte, zornig die Stint. „So, Sie sind es also, Mr. King", rief er heftig ans, als er den Mann erkannte, den er als bett Urheber all seiner Verdrießlichkeiten ansah. „Und was haben Sie jetzt wieder im Schilde geführt? he?" „O Onkel, Onkel, können Sie nicht sehen, daß er verwundet ist, schwer verwundet?" flehte Nell. „Senden Sie nach dem Arzt. O bitte, gehe docb eines rasch nach dem Arzt oder er wird sich verbluten!" George Claris verbarg nur schlecht die Tatsache, daß dieses Ereignis ihm eher zur Befriedigung als zum Ver- oruß gereichte, doch wagte er nicht dazwischenzutreten, als Nell einem der Leute, die sich eingedrängt hatten, den Auftrag gab, nach einem Arzt in Strvan zu gehen. „Wer hat es getan?" fragte jetzt jemand, doch nicht der Wirt. Clifford war zurzeit kaum bei Bewußtsein. Er war auf ein Sofa gelegt worden, während Nell, die genug Geistesgegenwart bewahrte, um nützlich zu sein und zu sehen, worin die Gefahr bestand, die Finger selbst auf me Wunde drückte, um dem Bluterguß Einhalt zu tun. Sie hörte die Frage und beantwortete sie. „Es ist Jem Stickels gewesen. Er stach nach ihm durch das Fenster der Tür." (Fortsetzung folgt.) Im Banne des weißen Todes. Aus: Kapitän Sverdrup, „Neues Land". (36 reichillustrierte Lieferungen ä 50'Pfg., F. A. Brockhaus in Leipzig.) Die vierte Lieferung von Kapitän Sverdrups Werk „Neues Lau d" (Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig) beginnt mit einem Kapitel über die Polar-Expedition des Amerikaners Greeley, dessen Lagerplatz von Sverdrup aufgesunden wurde, um nach Resten jener furchtbaren Tragödie zu forschen, die der Rettung der wenigen Ueberlebenden vorherging. Erst wenn man diese Schilderung gelesen hat, weiß mau voll zu würdigen, was für Helden jene Männer find, die im Dienste der Wissenschaft hinausziehen in die Welt des ewigen Eises, ohne die sichere Hoffnung zu haben, zurückkehren zu können in die geliebte Heimat, in den Kreis der Familie. Wie nahe stand Sverdrup und den Seinen vft der Tod! Aber wenn auch seine Expedition zwei treue Mitglieder, darunter den Arzt, verlieren mußte, glückte es ihr doch, nach langen Jahren auf ihrem Schiffe „Fram" ijts Vaterland zurückzukehren. Wir lassen hier die Schilderung, die Sverdrup über die Expedition Greeleys und ihr trauriges Ende gibt, folgen, indem wir im übrigen unseren Lesern die Lektüre des Sverdrupschen Werkes empfehlen. Dem Kavallerieleutnant A. W. Greeley war 1882 die Leitung zweier Stationen für magnetische und meteorologische Beobachtungen, die die Vereinigten Staaten übernommen hatten, übertragen worden. Alljährlich sollten die Stationen von einer Hilfsexpedition besucht und die dort Befindlichen der Reihe nach abqelöst werden. Wer weder 1832 bis 1883 konnten die Hilfsexpediionen bis dorthin gelangen. Im letzteren Jahre wurde sogar eines der Schiffe, der „Protheus", vom Eise zerdrückt und ging auf halbem Wege zwischen Kap Albert und Kap Sabine unter. Der Bericht über den Untergang des „Pvotheus", den Greeley in Brevoort vorfand, war ein harter Schlag für den kühnen Polarreisenden, bildete aber nur den Anfang der Tragödie, die sich im Laufe der nächsten neun Monate auf der öden Insel im Eismeere abspielte, einer Tragödie, die es an Schaurigkeit mit den grauenhaftesten Erzählungen über das Martyrium arktischer Reisenden aufnimmt. In einem Steinhause mit dem letzten Boote als Dach schleppten sie sich hungernd einen hoffnungslosen Winter hin. Nur einige wenige Seehunde, ein paar Füchse und im April ein kleiner Bär, sowie eine Art Seeflöhe, die sie selbst „Krabben" nannten, bildeten den Zuwachs, den ihre kärglichen Vorräte enthielten. Sie machten daraus, was sie konnten, indem sie außerdem Lederriemen kochten, die sie aus Schuhen und Anzügen schnitten. Die offizielle Dotenliste spricht eine fürchterliche Sprache. Won 26 überlebten nur sieben die schreckliche Zeit. 14 hungerten, zwei von diesen litten dazu noch an Skorbut und einer an Darmentzündung. Einer starb an Skorbut, einer, Sergeant Elison, an den Folgen von Erfrierung der Glieder. Unter unerträglichen Schmerzen lebte dieser über sieben Monate mit erfrorenen Händen, Füßen und Nase, und um den Löffel zum Munde führen zu können, ließ er ihn sich schließlich au den Armstund festbinden. Einer starb auf einer Schlittenfahrt Vor-Fvost und Erschöpfung, einer ertrank bei der Jagd, und einer, der Gemeine Henry, wurde auf Greeleys Befehl erschossen, weil er von den für alle bestimmten Vorräten stahl und deshalb als gefährlich für das Leben der übrigen angesehen wurde. Da Henry der Riese unter ihNen und infolge der reichlichen Nahrung Mindestens ebenso stark wie zwei von den anderen war, wurden die drei Sergeanten, denen der Befehl erteilt worden war, zugleich beauftragt, aufzupassen, daß nicht andere dabei verwundet würden. Mitten in dieser schwarzen Nacht des Hungers und der Krankheit leuchten in vollem Glanze die Sterne des Pflichtgefühls, der Selbstaufopferung und der Freundschaft. Die Augen müssen uns feucht werden, wenn wir davon lesen. Leutnant Lockwood z. B. verhungerte am 9. April; aber bis zum 7. April hat er sein stenographiertes Tagebuch geführt und mit großer Genauigkeit Barometer- und Thermometerstand fast ohne Ausnahme von jedem Tage notiert. Um einen spärlichen Fleischvorrat zu holen, den Rares 1875 beim Kap Isabella hinterlegt hatte, zogen vier der ausgehungerten Unglücklichen auf eine freiwillige Expedition, aus. Sie bemächtigten sich des kostbaren Schatzes. Aber unbarmherzig fegt der Novembersturm über die Ebenen hin, wirbelt gewaltige Schneemassen auf, und der Frost packt den unglücklichen Elison. Das kostbare Fleisch müssen sie opfern, um ihren Freund zu retten, was ihnen aber rtotz allem nicht gelingt. Der kräftigste von ihnen, der kühne Sergeant Rice, soll Hilfe holen, während sich die beiden anderen in den Schlafsack legen und ihren erstarrten Kameraden zwischen sich nehmen, um ihn warm zu halten. Der Sack fror steif, und als die Hilfe kam, hatten sie 18 Stunden regungslos in derselben Lage dagelegen! , Gegen das Frühjahr 1884 machten zwei von diesen vieren, die Sergeanten Rice und Frederick, wieder einen Versuch, sich des Fleisches zu bemächtigen. Doch wieder sollte er mißlingen. Sie wurden von einem heftigen Schneesturm überfallen, und Rice wird schwerkrank. Um seinen sterbenden Freund zu erwärmen und zu schützen, zieht Frederick seinen Timiak, seine Eskimojacke aus Bogelbälgen, aus und deckt ihn damit zu. Umsonst, Rice beginnt von seinen Lieben in der Heimat und von all dem guten Essen, das er bekommen würde, wenn er nach Hause käme, zu phantasieren. In einem klaren Augenblicke nimmt er seinem Freunde das Versprechen ab, seinen Nachlaß mit heim- zun^hmen und seine Manuskripte an ein bestimmtes Blatt zu senden. Halb entkleidet, in einem fürchterlichen Schneesturme bleibt Frederick mit seinem Freunde im Arme mehrere Stunden auf dem Schlitteu sitzen, bis Rice ausgelitten hat. Er kann selbst nicht mehr, aber das dem entseelten Freunde gegebene Versprechen und die Pflicht gegen sein Land und seine Kameraden stählen seine Willenskraft. Er tastet sich dorthin, wo sie den Schlafsack zurückgelassen hatten, um das Fleisch schneller transportieren zu können, und ruht sich bis zum nächsten Tage aus. Dann kehrt er nach dem Schlitten zurück, nimmt das, was er nach! Rices Bitte mit heimnehmen soll, an sich und hackt und gräbt mit einem Beile und seinen bloßen Fingern dem Toten im Eise ein Grab. Im Jahre 1884 zog eine Entsatzflotte von drei Schiffen unter Führung des Kapitäns zur See W. S. Schley, des jetzigen Admirals, zwischen Grönland und Ellesmereland nach Norden. Sie legten Depots an verschiedenen Stellen an, und am 22. Juni kamen zwei Schiffe nach Kap Sabine. Schon waren Partien an Land gesandt, um Depots anzulegen, als die an Bord Gebliebenen trotz des Heulens des Sturmes Hurrarufe hörten und gleich darauf Signale sahen, welche meldeten, daß ein Bericht von Greeley gesunden worden sei. Die Mitteilung verbreitete sich mit Blitzesschnelle, und es ertveckte unermeßliche Freude, als man hörte, daß es Greeley gut gehe, er aber nur noch 40 Rationen habe. Leider folgte sofort die Enttäuschung, denn als sie an die letzte Seite kamen, lasen sie mit Bestürzung das Datum — des 21. Oktober 1883, das war also vor acht Monaten! In größter Spannung wurde eine Schaluppe nach Norden geschickt. Sie spähen und spähen, und endlich sehen sie in der trüben Luft oben auf einen: kleinen Bergrücken die Umrisse eines Menschen. Es wird signalisiert; die Gestalt antwortet und kommt herunter, sie geht aber wie ein Trunkener und fällt zweimal. Sie sieht aus wie ein Gespenst mit eingefallenen Wangen, wilden Augen und zottigem Bart und Haaren. Leutnant Colwell, der Führer des Bootes, füllt seine Taschen mit Brot und Pemmikan und eilt mit mehreren Begleitern in Greeleys Zelt. Dort wartete ihrer ein grauenhafter Anblick. Der Tür zunächst lag ein Mann, der tot zu sein schien, mit herabgesunkenem Unterkiefer und offenen, ftarrblickenden Augen. 240 Ihm gegenüber lag einer ohne Hände und Füße, ein Löffel war ihm an den rechten Armstumpf gebunden. Zwei hatten gerade eine Kautschukflasche von der Zeltstange herunter- genommen und gossen daraus in eine Blechtasse. Gerade vor ihnen lag auf Händen und Knien ein dunkler Mann mit einem langen, verfitzten Bart nnd mit Augen, die in eigentümlichen Glanze funkelten. Er war mit einem schmutzigen, zerrissenen Schlafrock bekleidet und trug einen kleinen roten Fez auf dem Kopfe. Als er Col- well sah, erhob er sich ein wenig und setzte sich eine Brille auf. Ter Leutnant ergriff seine Hand und fragte ihn, ob er Greeley sei. „Ja", antwortete er mit schwacher Stimme, abgebrochen und schleppend, „ja — sieben von uns übrig — hier find wir — sterbend — wie Männer. Getan, was zu tun — ich ausgeschickt war — gebt mir das beste Zeugnis." Tann fiel er erschöpft zurück. Es war eine rührende Szene, als Colwell den Unglücklichen ein paar Stückchen Speise und abwechselnd ein wenig Pemmikan auf einer Messerspitze gab. Sie konnten nicht stehen, sondern lagen auf den Knien, streckten die Hände empor und baten um mehr; aber man war so vernünftig, ihnen dies abzuschlagen. Als Greeley merkte, daß er keinen Penrmikan mehr erhielt, griff er nach einer Büchse lnit Absud von Seehundshaut; dies, sagte er, dürfe er verzehren, da es ihm selbst gehöre. Man nahm ihm die Büchse fort; aber als Eolwell damit beschäftigt war, die umgefallene Zeltstange wieder aufznrichten, hatten sie die halbgeleerte Pemmikanbüchse ergriffen und kratzten sie leer. Ihr Haus hatten sie im Mai, als der Schnee aufzutauen begann und das Wasser durch das Dach drang, verlassen müssen und ihre Zuflucht zum Zelte genommen. Fünfzig Schritte vom Zelte waren zehn Tote begraben. Einer, der vor einigen Tagen gestorben war, lag unbegraben am Fuße des Landrückens. Bier waren am Strande niedergelegt und von den Wellen ins Meer gespült worden. Der erschossene Soldat lag auf einer Schneewehe in der Nähe des Zeltes. Als man die Leichen zur Konservierung während der Heimreise mit Alkohol präparieren wollte, fand man, daß von sechsen das Fleisch teilweise abgeschnitten war! Tie Schrecken und Leiden der letzten drei Wochen brauchen nicht geschildert zu werden, sagt Schley; wenn ihre Geschichte je erzählt werden wird, mag es Von den Ueberlebenden selbst geschehen. Vermischtes. * Alkoholismus und Geisteskrankheiten. Auf dein in diesen Tagen in Bremen stattgehabten internationalen Kongreß gegen den Alkoholismus ist naturgemäß auch des Zusammenhangs der Trunksucht mit den Geisteskrankheiten gedacht worden. Auch bei der jüngsten Besprechung der Alkoholfrage im preußischen Abgeordnetenhause berührte beim Etatstitel „Medizinalwesen" der Kultusminister Studt die Zunahme des Prozentsatzes der durch übermäßigen Genuß des Alkohols geisteskrank gewordenen Personen; er erklärte, daß das Bild, welches in dieser Hinsicht die Zukunft der Deutschen Nation biete, nicht düster genug geschildert werden könne. Zahlen gab der Minister für diese Zunahme nicht an, und es ist daher von Interesse, aus der Statistik einer großen Irrenanstalt nachzuweisen, daß die Annahme, daß Sie' alkoholischen Geisteskrankheiten zunehmen, tatsächlich zutrifft. So läßt sich aus den Mitteilungen der Irrenanstalt Frankfurt a. M. entnehmen, daß daselbst der Anteil der auf alkoholischer Grundlage Geistesgestörten im Verhältnis zur Gesamt-Aufnahme in den letzten zehn Jahren nnt ungefähr das dreifache gestiegen ist. Im Jahre 1892 betrug bei den Männern der Gesamtprozentsatz IO1/2 Prozent, im Jahre 1896 18,3 Prozent, im Jahre 1899 28 Prozent. Selbst, wenn man annimmt, daß ein Teil dieser gesteigerten Aufnahme von Alkoholikern äußerlichen Umständen zuzuschreiben ist, wie der erleichterten Aufnahme, der häufigen Ueberweisung feitens anderer Krankenhäuser, so ergiebt sich doch aus diesen Zahlen, daß die Trunksucht unter der Bevölkerung in erheblichem Maße zugenommen hat. Die meisten der aufgenommenen Trinker standen int Alter von 40—50 Jahren, also in einem Mer, kn welchem der Höhepunkt >er Schaffenskraft gemeiniglich noch nicht überschritten zu ein pflegt. Unter den Fällen von Alkoholvergiftung fan-i den sich namentlich Bierfahrer, Wirte, die ihr Beruf in nähere Berührung mit dem Alkohol bringt, doch auch Handwerker, Taglöhner, Maurer, Hausierer, überhaupt Arbeite« aller Art. Die Direktion der Anstalt machte die bemerkenswerte Wahrnehmung, daß die Erkrankten auch! bet längerer Behandlung gern den Alkohol völlig entbehrten und keinen Drang darnach zeigten, sodaß der Mißbrauch wohl auf die zunehmeuden Trinksitten des öffentlichen Lebens zurückgeführt werden darf, die schwer krankhaften' Folgen allerdings auch vielfach auf ungenügende Ernährung infolge schlechten Verdienstes. Literarisches. — MartinGreifs Name erwirbt sich in den Kreisen der vornehm gebildeten Welt unaufhörlich neue Freunde. Allenthalben zählt er innige Verehrer seiner Muse, wie er es verdient. In seinen Dichtungen finden sich nicht nur verstreut wahre Perlen echten deutschen dichterischen Schaffens, es schließen sich vielmehr ganze Reihen solcher aneinander, die ein keusch und klar empfindendes Herz tief freudig erregen, wie es besonders in seinen Natur- und Stimmungsbildern der Fall ist, welche in unzähligen Gemütern verwandte Töne, die bislang noch unbewußt, nur geahnt schlummerten, erwecken. Als Krone der Greifschett Werke bringt die C. F. Amelangsche Verlagsbuchhandlung in Leipzig „Neue Lieder und Mären", die für die gebildete Welt eine nicht genug hochzuschätzende Darbietung sind. El.... e K. — Tie Frage, wo und wann das höchst organisierte Lebewesen in Gegensatz zu seinen körperlich fast gleich gestalteten, aber heute geistig weit unter ihm stehenden tierischen Verwandten getreten ist, beginnt Prof. Klaatsch in den jetzt zur Ausgabe gelangten Lieferungen 29 und 30 von „Weltall und Menschhei t" Geschichte der Er- forschung der Natur und der Verwertung der Naturkräfte, im Dienste der Völker (Deutsches Berlagshaus Bong u. Co., Berlin, 100 Lieferungen ä 60 Pfg.) zu erörtern. Ter ausgezeichnete Anthropolog hat damit ein Gebiet betreten, das die schwierigste Materie innerhalb der vorgeschichtlichen Forschung bezw. der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechtes darstellt. Er bietet in dem neuen Abschnitt eine Fülle wertvoller Anregungen für Gelehrte und Laien und tritt in der namentlich von Häckel verteidigten Frage der unmittelbaren Abstammung des Menschen vom Affen mit bis an' Schroffheit grenzenden Fret- mut als scharfer Gegner der Lehre des Jenenser Gelehrten aus. Klaatsch bekämpft, nicht zuletzt unter Anführung von anatomischen Gründen, die Hypothese, daß das Menschengeschlecht etwa eilte höhere Entwicklungsstufe der noch setzt in wenigen Gattungen lebenden sogen. Menschenaffen, tote Orang oder Schimpanse sei, und tritt dafür nut großer Wärme für die Theorie ein — um unanfechtbare Beweise kann es sich bei derartigen Fragen begreiflicherweise nicht handeln —, daß zwischen Affe und Mensch lediglich eilte nahe anatomische Verwandtschaft bestehe, die auf eine gemeinsame Vorfahrenform zurückzuführen sei. Mr hatten demnach int Affen nicht unseren Urahnen, sondern etwa eine Art degenerierter Vettern zu erblicken, d. h. auf einer tierischen Vorstufe stehen gebliebene oder wieder dahm zu- rückgesnnkene menschenähnlich organisierte Msen. Buchstabenrätsel. (Nachdruck verboten.) Wer aus N gekommen, Hat uns Heil gebracht, Hat dem Tod genommen Seine Schreckensnacht. Wer ins L gekommen, Leidet ird'sche Pein, Hofft zu Nutz und Frommen Bald erlöst zu sein. (Auslösung in nächster Nummer.) Austösung des Gleichklangs in vor. Nr.r Versehen. __ Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Terlaa der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Eteindruckerei tVietsch Erben) in Gießen.