Samskg den 24. Januar. 1903. — Nr. 13. MW (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fahrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Alwina Vischer. (Fortsetzung.) „Gott sei Tank, sie sind fort!" rief Maur een, schwer aufatmend, aber voll Triumph, „und zurückkommen werden sie wohl nicht so schnell. Tas war unser einziges Rettungs- mittel. ^Sahen Sie, wie sie davonliefen, besonders der , »Ach, meine liebe Maureen", stammelte Mrs. Tuckitt, „Sre such, weiß Gott, das mutigste Mädchen, das mir jemals begegnet ist! Nun aber so rasch als möglich fort von hier! ^etzt kann man nicht mehr sagen, daß wir unsere fünf PN'nd leicht verdient hätten. Ich zittere an Leib und Seele. Geben Sie mir die Hand, liebes Kind, und helfen Sie mir über den Felsen. Mir ist, als fei ich um fünfzig ^ahre gealtert. Wer sehen Sie doch, einer ist stehen geblieben." „Ich will ihm schon wieder Füße machen", rief Maureen, sprang auf einen Felsblock und bewegte lebhaft die Arme hin und her. „Was für zwei elende Schurken!" fuhr Mrs. Tuckitt fort. „Welch ein Wenteuer! Ter Zwerg würde uns sicherlich umgebracht haben, wenn er gewußt hätte, daß wir seine Pläne behorchten. Ich glaube, es ist überhaupt besser, wir behalten dieses Erlebnis für uns; nur dem Kutscher ff en wir die Sache mitteilen." „Selbstverständlich", stimmte ihr Maureen bei, „und zwar so bald als möglich. Aber wie? Wollen Sie ihm schreiben?" »Stt einem Briefe läßt sich die Sache schwer aus-, emandersetzen. Ich will ihn lieber zu mir kommen lassen." Es war halb zwölf Uhr, als die beiden Tarnen das Hotel betraten, wo sie eine große Gesellschaft ihrer harrend vorfanden. Tie sonst so heitere, mitteilsame Mrs. Tuckitt sah blaß und verstört aus, Miß T'Arcy aber händigte Mr. Foulcher sofort sein Opernglas ein und sagte: „Wie Sie sehen, sind wir glücklich zurückgekehrt. Sie schulden uns fünf Pfund." /»Und erblickten Sie wirklich keinen (Seift ?" „Nein, im Gegenteil, wir wurden allem Anschein nach sogar selbst für. Geister gehalten, und brachten den Ort dadurch in neuen Verruf. Ta wir aber jetzt fehr müde und schläfrig sind, so wollen wir gleich zu Bett gehen. Gute Arm in Arm stiegen die beiden Tamen die Treppe 6M ihrem Zimmer hinaus. fr-Tt—, — rHS-i — — r- ,Laben Sie dem Kutscher schon geschrieben?" fragte Maureen am nächsten Morgen, als sie Mrs. Tuckitt, zum Fischen ausgerüstet, in der Vorhalle antraf. „Nein, ich vergaß es vollständig; ich war so müde und abgespannt, daß ich mich heute morgen verschlief und nun entsetzlich spät daran bin. Sehen Sie nur, wie die Schiffer, die dort auf mich warten, schon vorwurfsvolle Gesichter machen?" „Aber meinen Sie nicht, Sie sollten Terence vor Ihrem Wegfahren wenigstens noch ein paar Worte schreiben? Kommen Sie rasch ins Lesezimmer, für die Beförderung des Briefes will ich dann schon sorgen." Nach eiliger Beratung mit Maureen schrieb Mrs. Tuckitt folgende Zeilen nieder: „Mrs. Tuckitt bittet Mr. Terence, heute abend vor dem Essen zu ihr zu kommen, da sie ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünscht. Sollte Mrs. Tuckitt verhindert sein, so wird Miß D'Arch ihre Stelle vertreten." „Tas hätten Sie lieber nicht schreiben sollen." „Es ist nur für alle Fälle, vielleicht haben wir einen besonders guten Tag heute, und da kann ich unmöglich versprechen, vor Sonnenuntergang wieder hier zu sein." „Selbst nicht, wenn es sich darum handelt, einen Menschen vor Todesgefahr zu warnen?" „Nicht, wenn ich weiß, daß Sie die Sache ebenso gut ausfuhren können. Wenn irgend möglich, werde ich übrigens bis dahin zurück fein. Nun aber muß ich wirklich gehen, es ist schändlich, wie ich mich verspätet habe!" Damit händigte sie Maureen das Briefchen ein und eilte aus dem Zimmer. Maureen betrachtete den Umschlag, auf dem gekritzelt stand: „An Mr. Terence, bei Frau Macgill". Sogleich abzugeben. Eilig lief sie in die Vorhalle hinaus, wo sie Lizzie antraf, der sie den Auftrag gab, das Schreiben sofort an seine Adresse zu befördern. Hierauf begab sie sich mit ihrer Schreibmappe und ihren Büchern in die Veranda, wo außer einigen Durchreisenden nur Mr. Foulcher anwesend war, der sofort feine Zeitung weglegte und ein Gespräch mit ihr ankuüpfte. Schon nach kurzer Zeit wurde er indes durch Lizzie unterbrochen, die atemlos herein- gestürzt kam und sagte: „Ich trug Ihren Brief zu Frau Macgill, Terence war aber schon mit der Frühpost fort- gefahren. Sobald er zurückkommt, wird man ihm den Brief einhändigen, weil Sie doch sagten, er solle sogleich abgeliefert werden." Mit dem Ausdruck höchster Neberraschung hörte Mr. Foulcher diese Rede mit an, dann verschwand er langsam hinter seiner Zeitung, weniger mit der Absicht, sich in deren Inhalt zu vertiefen, als um sich dieses kostbare Bruchstück einer Skandalgeschichte in seinem Kopf zurechtzulegen. So, so, die kalte, stolze, unnahbare Miß T'Arcy schickt also heimliche Briefchen an den hübschen Kutscher. Schöne Entdeckung! 15. Kapitel. Die Stellvertreterin. Laut wurde an Miß T'Arcys Tür geklopft, und auf ihr: „Wer ist da?" steckte Lizzie den rothaarigen Kopf herein und flüsterte mit der Miene einer Mitverschworenen: „Er ist hier, gnädiges Fräulein, Terence meine ich." „Gut", erwiderte die junge Dame, die sich soeben um« gekleidet hatte. „Ist Mrs. Duckitt schon zurück?" „Nein, und es ist auch weit und breit nichts von ihr zu sehen." „So, dann werde ich gleich hinunterkommen; sagen Sie ihm, ich ließe ihn bitten, einen Augenblick zu warten. — Nun darf ich die Sache allein kussechten, es ist recht abscheulich von ihr!" sagte Maureen zu sich selbst, während sie eilig eine Brosche befestigte und ihre Armbänder überstreifte. Wenige Minuten später war sie unten in der Vorhalle, wo sie den Kutscher vor einem der eingerahmten Fahrpläne stehen sah. „Mrs. Duckitt wünscht mich zu sprechen", sagte er ohne weitere Borrede. „Ja, da sie nun aber noch nicht zurückgekehrt ist, muß ich ihre Stellvertreterin sein. Bitte, kommen Sie mit mir ins Freie, da kann ich ungestörter mit Ihnen sprechen." Rasch eilte Miß VArcy ihm voran durch eine kleine Seitentür, die aus einen großen, eingefriedigten Platz führte;, wo sich mehrere grasbewachsene Tennisplätze befanden. Hier blieb sie stehen, wandte sich um und stand nun ihrem er-' staunten Begleiter gegenüber. ,Lch habe Ihnen etwas mitzuteilen, von dem ich nicht wünsche, daß cmdere Leute es hören", begann sie plötzlich. Ihrem Gegenüber stockte der Atem. Ein rascher Blick flog zu ihr, dann zu Lizzie hinüber, die sich weit aus einem der nach hinten gehenden Fenster herauslehnte. ,^Jst es wegen eines Pferdes, gnädiges Fräulein?" fragte er, sich rasch beherrschend, in vollständig ruhigem Tone. „£) nein", anüvvrtete sie etwas von oben herab. „Es betrifft Sie selbst." „Mich selbst?" wiederholte er, indem er sie so scharf ansah, daß sich ihre Lieder einen Augenblick vor diesem durchdringenden Blicks senkten. „Da muß wohl irgend ein Irrtum Vvrliegen", fügte er langsam hinzu. „Nein, es ist kein Irrtum. Man hat es auf Ihr Leben abgesehen. Ich möchte Sie nicht gerne von Ihrer Arbeit abhalten, und doch müssen Sie durchaus von der Sache in Kenntnis gesetzt werden." Er neigte leicht den Kops, und sie erzählte ihm nun mit hastigen, erregten Worten das Gespräch der beiden Schurken bei den grünen Felsen. „Wir dachten, es sei am besten. Ihnen den Vorfall sogleich mitzuteilen", schloß sie, „damit Sie die Polizei davon benachrichtigen können. Mrs. Duckitt meinte, >vir selbst sollten uns lieber von der Sache fernhalten." „Natürlich, ich will oie Angelegenheit schon allein ins Reine bringen." Eine Pause trat ein Tann fuhr er fort: „Niemals werde ich es vergessen, wie tief ich in der Schuld der beiden Damen stehe. Ich bin kein Mann vieler Worte und wünschte nur. Ihnen meinen Tank durch die Tat beweisen zu können." „Haben Sie schon vergessen, daß Sie uns bei der gefährlichen Wagenfahrt durch Ihr mutiges Eingreifen das Leben retteten?" „Nein", antwortete er mit einem sonderbaren Lächeln. „Jener Tag ivird stets in meinem Gedächtnis bleiben. Ich — ich—" Er war im Begriff, noch mehr hinzuzufügen, drängte die Worte indes zurück. Fragend sah sie ihn an, er aber fuhr in gänzlich verändertem Tone fort: „Wie wunderbar, daß Sie nicht entdeckt wurden! Ter Zwerg Joey hat doch sonst Ohren, daß er- das Gras wachsen hört." „Es fehlte auch nicht viel, so wären wir durch einen Hund, den die Männer bei sich hatten und der uns aufspürte und wütend anbellte, verraten worden." ' „Und ivas geschah dann?" „Tie beiden Schurken glaubten, er habe einen Igel aufgestöbert; als sie sich aber unserem Versteck nähern wollten, schlug ich rasch mein weißes Kleid über den Kops und ging, als ob ich ein Geist wäre, aus die Männer zu. Tie Wirkung war großartig. Wie von Furien gepeitscht. 50 — liefen sie, teils wilde Flüche, teils Stoßgebete ausstoßend, den Hügel hinunter." Terences Züge hatten sich mehr und mehr erheitert, bis er schließlich in herzliches Lachen ausbrach. „Sie haben wahrhaftig einen Whnen Mut und ein tapferes Herz, gnädiges Fräulein. Nun werden die grünen Felsen von neuem in Verruf kommen. Verlieren Sie denn niemals die GeistesgegeMvart?" „Selten, aber man soll so etwas lieber nicht berufen", antwortete sie, indem sie sich an den Gitterzaun lehnte und die Spitze ihres zierlichen Fußes betrachtete. Miß T'Arcy hatte etwas überaus Anmutiges in jeder ihrer Bewegungen und bot auch jetzt in ihrem weißen Kleide in der Tat ein reizendes Bild dar. „Aber wissen Sie auch, daß mir jetzt eben etwas an Ihnen ausgefallen ist", sagte sie plötzlich, indem sie lächelnd zu ihm aufblickte. Ein ernster, forschender Ausdruck lag auf des Kutschers Zügen, als er antwortete: „Was meinen Sie damit?" „Merken Sie es nichts fragte sie mit einem Anslug von SchalHaftigkeit. „Bis vor etwa zehn Minuten sprachen Sie noch einen ausgesprochen irländischen Dialekt. Wo haben Sie den nun plötzlich gelassen?" Einen Augenblick stand er stumm und aufs äußerste bestürzt da, dann aber sah er ihr mutig in die Augen und sagte im ruhigsten Tone: „Ich gebe zu, daß es nutzlos wäre, mit Ihnen Berstecken zu spielen, und so will ich Ihnen lieber gleich gestehen, daß ich einst bessere Tage gesehen habe. Hier in Ballybay aber gelte ich allgemein für nichts weiter, als einen ehrbaren, anständigen jungen Mann, der sein Handwerk versteht. Wie kommt es nur, daß Sie mich so rasch — wie soll ich doch gleich sagen — entlarvten?" „Die Antwort ist sehr einfach. Bon Kindheit an war ist daran gewöhnt, mit Männern in außergewöhnlichen Lagen und Stellungen zu verkehren. Verschiedene unter meines Vaters KUechten und Schäfern waren Männer aus guten Fanrilien, die im Leben Schiffbruch erlitten hatten. Ach, das war immer ein sehr trauriger Anblick!" „Da haberr Sie recht", stimrnte er ihr ernsthaft bei. „Die meisten vorr ihnen waren durch Schulden oder ähnliche Tinge in ihre untergeordnete Stellung gedrärrgt worden", fuhr sie fort,' „aber ihr Herkommen und ihre Sprache konnten sie doch niemals ganz verleugnen, so wenig als Sie, obwohl Sie den Dialekt sehr gut sprechen." „Warum sollte ich auch nicht? Ich bin ja Irländer. Wahrscheinlich denken Sie nun, daß auch ich infolge von „Schulden oder ähnlichen Tingcn" heruntergekommen sei", sagte er, und in seinen Augen blitzte es wie versteckte Heiterkeit. „O verzeihen Sie", rief sie, bis zu den Haarwurzern errötend. „Wie oft hat mau mich schon wegen meiner unüberlegten Worte getadelt! Gewiß halten Sie mich jetzt für ein abscheulich naseweises, schlecht erzogenes Mädchen." „Nein, unter keiner dieser Bezeichnungen würde ich Sie wiedererkennen", war seine verbindliche Antwort. „Schon als Kind hatte ich ein besonderes Talent, allen möglichen Dingen auf die Spur zu kommen, von denen die erwachsenen Leute keine Ahnung hatten." „Also ein „ensaut terrible". Ta waren Sie gewiß der allgemeine Liebling?" „Tie Farmersleute wenigstens hatten mich alle gern —z weil ich niemals aus der Schule schwatzte." „Nun, so hoffe ich, daß Sie auch mich nicht verraten werden. Wollen Sie mein Geheimnis wahren?" „Gewiß, es ist ja so klein, daß es mir nicht schwer fällen wird." „Da aber halbes Wissen eine harte Probe für die Neugierde ist, so möchte ich noch hinzu fügen, daß ich ans einer gebildeten Familie stamme und als Offizier in Indien diente." Er hielt einen Augenblick inne. „Tie Umstände aber zwangen mich, auf die Höhen des Lebens zu ver«, zichten." „Sie hätten aber doch gewiß einen besseren Beruf wählen können." „O, es geht mir gar nicht schlecht dabei. Eine Menge Männer aus meinem Stande sind Droschkenkutscher in London oder Biehtreiber in den Kolonien. Meine gegenwärtige Stellung aber ist mir weit lieber, als die einförmige Arbeit in einem Bureau. Ich habe frische Luft, reichliche Arbeit, ich beschäftige mich gerne mit Pferden und, was auch nichK zu verachten ist — ich werde gut bezahlt." 51 Uttb dennoch wundert es mich. Saß Sie nicht außer Landes gingen; einem Manne stehen doch so viele Berufsarten offen. Wenn ich ein Mann wäre, ich glaube dann ginge ich nach Afrika." „Auch ich hätte dies allem anderen vorgezogen, allein ich habe Jemand, für den ich sorgen muß." „Warum bringen Sie die Betreffende dann nicht hierher; fie müssen sich doch sehr einsam fühlen?" „Wie rasch sie errieten, daß es eine Frau ist! Tiefe aber veranlassen, hierherzukommen, wäre einfach ein Ting der Unmöglichkeit. Sie hier bei Mau Macgill einmieten, welch ein Gedanke!" fügte er laut lachend hinzu. „Mir ist, als sähe ich sie vor mir und höre ihre entsetzten Ausrufe, denn rhr sind.Verhältnisse wie die, in denen ich jetzt lebe, vollständig fremd. Sie war ihr Lebtag an elegante Wagen und Dienerschaft, an die schönsten Toiletten und an die maßloseste Verschwendung gewöhnt." Ernsthaft, mit geröteten Wangen und funkelnden Augen sah Miß T'Arcy ihn an. „Ich verstehe", bemerkte sie kühl, „es ist eine Persönlichkeit, für deren Ansprüche das bescheidene Ballybay nicht geeignet wäre." „3 a, da haben Sie recht", stimmte er ihr eifrig bei. ,/Sie hat übrigens keine Ahnung, daß ich hier bin, und wenn jie es erriete, so käme sie sicherlich wie der Sturmwind hergesaust. Aber der Himmel bewahre mich vor den entsetzlichen Austritten, die dann stattfinden würden." „Miß T'Arcy!" rief eine sanfte Stimme dicht hinter ihr. Und als sie sich umivandte, bemerkte sie Mr. Foulcher, der in seinen Salonschuhen geräuschlos näher gekommen war. „Mrs. Tuckitt sucht Sie überall. Es tut mir leid, wenn ich Sie — störe — allein" Ein Blick flog von ihr zu dem Kutscher hinüber, und ein boshaftes Lächeln verzog das Gesicht des alten neugierigen Mannes. „Ich danke, Mr. Foulcher", antwortete sie ziemlich von oben herab. „Ich war ohnedies im Begriff, ins Hotel zurückzukehren. Mr. Terence und ich sirrd nun wohl fertig mit dem, was wir uns zu sagen hatten." Mit einem kalten Blick aus ihren großen, tiefblauen Augen und einer leichten Verbeugung, wie sie nur einem ihr gesellschaftlich Gleichstehenden zukam, begab sie sich ins Hotel zurück und ließ die beiden Herren stehen. Allein lange dauerte dies Zusammensein nicht, denn mit einem höflichen ,Mrten abend, Mr. Foulcher", wandte ich der Kutscher gleich darauf dem Gitterzaun zu, schwang ich darüber hinweg und überließ dem kleinen Foulcher >as Feld. Tiefer hatte das Dete-a-Tete des jungen Paares mit größtem Interesse von einem Gangsenster aus beobachtet: Zuerst waren die beiden steif und förmlich gewesen, dann wurden sie lebhafter, ja zutraulich und lachten sogar. Plötzlich aber nahm die junge Dame eine zurückhaltende, äußerst würdevolle Miene an; irgend etwas mußte sie also verletzt und ihren Stolz geweckt haben. „Ich gäbe was drum, wenn ich wüßte, was die beiden zusammen gesprochen haben", murmelte er, sich nachdenklich das Kinn streichelnd. „Eine solche Frechheit ist mir übrigens doch noch nicht vorgekommen — ein Stelldichein angesichts all der hinteren Hotelfenster! Wenn das Mädchen Geld hat, so wird er sie natürlich entführen — so wahr ich Simon heiße." Mit dieser Prophezeiung auf den Lippen verschwand Mr. Foulcher langsam wieder im Hause. (Fortsetzung folgt.) Kameen. Bon W. St en gl. (Nachdruck verboten.) Unter Kameen verstehen wir heute kleine Basreliefs, die in einen wegen seiner Seltenheit, Schönheit oder Härte wertvollen Stein eingeschnitten sind. Die frühesten Beispiele dieser Kunst finden wir, wie Cyril Davenport in einem von der Society of Mts in London gehaltenen Vortrage ausführte, aller Wahrscheinlichkeit nach in altäghptischen Scarabaeen, die eine Kombination von KamW und Jntaglio darstellen, insofern, als in ihren Grund noch Figuren eingraviert sind. Frühe Beispiele existieren ferner in Gestalt kleiner Skulpturen, auf dem Rücken von Siegelsteinen griechischen und etruskischen Ursprungs. Seltener finden sie sich auch bei Mykenischen Arbeiten. Glaskameen wurden in Rom schon lange vor der christlichen Zeit hergestellt, und man findet kleine, vergoldete Rosetten und Medaillons aus Ton sogar aus noch viel früherer Zeit. Die alten ägyptischen Scarabaeen sind gewöhnlich aus einem nicht allzu harten Material, Speckstein, Serpentin oder Syenit, die sich mit Feuerstein oder Obsidian oder gar mit harten Meißeln bearbeiten lassen, verfertigt; indes sind auch Exemplare aus Amethyst, Karneol, Obsidian und Jaspis nicht allzu selten. Die Mehrzahl scheint aus geformtem Glase oder Porzellan, gewöhnlich mit grüner oder blauer Glasur, hergestellt zu sein. Um das dritte Jahrhundert v. Ehr. erkannte man den gestreiften Onyx als ein höchst geeignetes Material für Kameenarbeiten, und derselbe erfreute sich daher bald bei den geschicktesten Künstlern ganz besonderer Beliebtheit. In dem Maße wie der Gebrauch von Siegelringen abnahm, wuchs in dieser Zeit die Wertschätzung der Kamee als Schmuckgegenstand. Der Onyx, eine Spielart des Chalcedons, findet sich gewöhnlich in unregelmäßigen Hohlräumen von porphyrischen Gesteinen, wo er sich in deutlich wahrnehmbaren Schichten, von außen nach innen fortschreitend, abgelagert hat. Diese Lagen haben abwechselnd krystallinischen und amorphen Charakter; die krystallinischen erscheinen im reflektierten Lichte weiß, während die amorphen grau und durchscheinend sind und merkwürdigerweise die Fähigkeit besitzen, Flüssigkeiten aufzunehmen. Infolgedessen haben diese Lagen sehr ost von Natur eine gewisse Färbung angenommen, indem sie von farbstoffführenden Wässern durchtränkt wurden. War das Wasser eisenhaltig, so ist die entstandene Färbung gelb bis rot und der Stein wird dann Sardonyx genannt. Wechseln nur weiße und graue Streifen miteinander ab, so heißt er Chalcedonyx. Wesentlich der Geneigtheit des Onyx für Kameenarbeiten ist es zu verdanken, daß diese Kunst einen solchen Aufschwung genommen hat und heute nicht nur den Archäo- logen und Kunstforscher interessiert, sondern auch in der Gegenwart eine große industrielle Bedeutung gewonnen hat. Namentlich steht dieselbe in Oberstem und Umgegend im oldenburgischen Fürstentum Birkenfeld in hoher Blüte. Ursprünglich gründete sich dieselbe hier auf reichliche Achatvorkommnisse in der Umgebung; nachdem jedoch die Ausbeute hier nachgelassen hat, werden auch große Mengen der wertvollen Steine aus Indien, Brasilien und Aegypten ein g eführt und hier fertig verarbeitet. Namentlich im Färben der Steine hat man jetzt eine solche Vollkommenheit erzielt, daß man im stände ist, jeden beliebigen Farbenton mit größter Genauigkeit herzustellen und so künstlich die vielfachen natürlichen Formen getreu zu kopieren. So erzielt man Rot durch Eisenpernitrat, Schwarz durch Oel, Honig oder Zucker; Blau durch Eisen- cyanverbindungen (Preußisch Blau), Grün durch Nickelnitrat. Durch Schwefelsäure läßt sich oft die natürliche Farbe wesentlich verschönern, wenn der Stein selbst schon Metalloxyde in sich enthält. Ms Bleichmittel findet dagegen Salpetersäure Anwendung. Auch durch bloße Erhitzung erziejt man bei manchen Steinen eine bessere Färbung durch Nachdunkeln derselben. Eine Beeinflussung der weißen, krystallinischen Lagen ist nur in sehr geringem Maße möglich; dieselbe beschränkt sich im wesentlichen auf eine leichte oberflächliche Rötung durch Mufstreichen einer Eisenlösung Ms Werkzeug zur Bearbeitung der harten Steine diente zuerst ein einfacher, scharfer Diamantsplitter, mit dem das ganze Relief herausgearbeitet wurde. Später verwandte man die Diamantspitze nur zum Vorritzen der Zeichnung auf die polierte Oberfläche des Steins, während das eigentliche Ausarbeiten des Reliefs dann leichter und schneller mittelst eines Handbohrers oder eines wirksameren, der modernen Juwelier-Schleifbank analogen Instruments ausgeführt wurde. Die härteren Steine machen die Benutzung von Oel und Diamantpulver zum Schleifen notwendig; die weichen Eisenspitzen der Schleifinstrumente werden dann mit einer dicken Schicht mikroskopisch feiner Diamantsplitter- chen bedeckt und bilden dadurch bei schneller Rotation ein sehr wirksames Schleif- und Gravierinstrument. Auch der Schmirgel, eine kristallisierte Tonerde und eine Wart des Korunds, findet bei der Verarbeitung der Steine zu Gemmen, Kameen rc. ausgedehnte Anwendung und wird z. B. schon von Plinius als bestes Steinschleifmittel erwähnt. Zum Polieren gewöhnlicher Steine sind pulverisierter Tripel, 52 ter im wesentliche« aus Kieselsäure besteht, ober andere ähnliche mineralische Erden, wie der in Derbyshire in England gewonnene Moderstein (rotten stone) fast allgemein im Gebrauch. Die als Poliermittel verwandte Substanz muß natürlich stets weicher sein als das zu polierende Material; als Träger für das Polierpulver dienen daher auch ost weiches Kupfer, Elfenbein und Holz. Die alten Griechen waren die geschicktesten Kameenkünstler, die je existiert haben. Die wenigen noch vorhandenen Proben ihrer Arbeiten aus der Ptolomäerzeit (3. und 4. Jahrhundert v. Ehr.) sind unübertroffen, und die feinsten römischen Stücke aus dem 1. Jahrhundert v. Ehr. bis zum 3. Jahrhundert n. Ehr. sind tatsächlich Werke griechischer Künstler, die in Rom ansässig waren. Gegen das Ende des dritten Jahrhunderts begann der griechische Einfluß auf die römischen Mbeiten nachzulassen, und es ist als sofortige Folge hier und da an ein merkliches Sinken des bisherigen hohen künstlerischen Wertes zu bemerken. Die Verlegung des römischen Hofes nach Byzanz und das Vordringen des Christentums wirkten ebenfalls nicht in günstigem Sinne. Vielfach begann man nun die Gestalten der klassischen Mykologie durch biblische und christlich-legendäre zu ersetzen; Herkules wird zu David, Venus und Heda zur Jungfrau Maria, und selbst das Haupt der Medusa hat man in das fromme Antlitz der heiligen Veronika verwandelt. Kein Wunder, wenn die byzantinische Kameenarbeit an künstlerischem Wert nicht allzuhoch steht. Bemerkenswert ist sie wegen der Geschicklichkeit, mit der sie in der Verwendung des Blutsteines, namentlich zur Darstellung der Kreuzigungsszene, vorging. Erst die Re- naissaneezeit brachte auch für die Kamee eine Wiederbelebung, wenn sie auch keine neuen und wirklich bedeutenden Formen hervorzubringen im stände war. Später — etwa vom 16. Jahrhundert ab — wurden Muscheln als Material für kleinere Mbeiten sehr beliebt. In technischer Hinsicht besteht gegenüber dem Ausarbeiten aus hartem Stein hier ein ziemlich bedeutender Unterschied, da das Material ziemlich weich ist und sich fast wie Holz bearbeiten läßt. Einzelne alte Kameen sind weltberühmt, teils wegen der außerordentlichen Schönheit ihrer künstlerischen Ausführung, teils wegen der Größe und Schönheit des Steins, aus dem sie herausgearbeitet sind. Die größten bekannten Kameen enthalten Darstellungen aus dem Leben des Kaisers Tiberius, des Nachfolgers von Augustus; die eine, 29 : 34 Zentimeter groß, befindet sich in Paris, die andere, 19 : 24 Zentimeter messend, in Wien. Das schönste Stück mit Einzelporträt durfte ein jetzt in London im Britischen Museum befindliches Bild des Kaisers Augustus sein, das, aus einem prachtvollen Sardonyx geschnitten, 15 : 22 Zentimeter mißt. Auch Vasen, Schüsseln und Becher wurden als Kameen aus wertvollen Stoffen geschnitten. Nur wenige derselben sind bis auf uns gekommen, und an diesen hat meist die Zeit ihre Spuren zurückgelassen, während die Mehrzahl überhaupt derselben zum Opfer gefallen ist. Nach der Besiegung des Königs Mithridates von Pontus soll Pompejus in dem königlichen Schatze nicht weniger als zweitausend aus hartem Stein geschnittene Gefäße erbeutet haben. Das berühmteste alte Stück dieser Art dürste die Farnesische Schale in Neapel sein, die bei einem Durchmesser von etwa 20 Zentimetern aus einem prachtvollen Sardonyx herausgearbeitet ist und in welcher wir wahrscheinlich eine altägyptische Arbeit aus der Zeit der Ptolemäer zu sehen haben. Ei« schlaues Mädel! Unter den Gästen eines vornehmen Hotels befand sich eine junge Dame vom Lande. Ter Wirt bemerkte, dag sie jeden Wend die Treppe her- unterkam, sich einen Krug Wasser holte, und dann in ihr Zimmer zurückkehrte. Eines Albends fragte er sie, warum sie nicht klingle, damit das Zimmermädchen ihr das Wasser brächte. „In meinem Zimmer befindet sich keine Klingel", sagte bie Dame. „Keine Klingel in Ihrem Zimmer, gnädiges Fräulein? Erlauben Sie, daß ich sie Ihnen zeige." Damit nahm er ihr den Wasserkrug ab und begleitete sie nach ihrem Zimmer, wo er sie auf den Knopf der elektrischen Klingel aufmerksam machte. Sie starrte denselben entsetzt an und rief aus: „Das ist eine Klingel? Das Zimmermädchen sagte mir, es sei das Feuersignal, und ich sollte es niemals anrühren, ausgenommen wenn es brennt." So verstand das Zimmermädchen, sich die Mühe des Wasserholens zu ersparen. Tit-Bits. Alles auf einmal. Der Logiergast kam zum Frühstück herunter und fand, daß nichts fertig war. Als seine Wirtin endlich erschien, fragte er sie, warum es noch kein Frühstück gäbe. „Ach", sagte sie, „ich hatte einen schönen Fisch für Sie gekauft, leider aber hat die Katze —" „Verwünschte Katze! Dann geben Sie mir etwas kaltes Huhn." „Ich bedaure, die Katze —" „Gut, dann einige Eier." „Es sind keine Eier da, die Katze —" „Nun, so braten Sie die Katze, dann haben wir alles auf einmal." Tit-Bits. Gut pariert. Kürzlich wurde eine Dame, eine wohlbekannte Vertreterin der Frauenbewegung, von einem anmaßenden, jungen Gecken gelangweilt, der in verständnisloser Weise seine Ansichten über die ernste Frage vorbrachte. Er spielte sich als Gegner der selbständigen Frau auf und schloß seine Bemerkungen über die Bestrebungen derselbe!« mit den Worten: ,Lch glaube wahrhaft, meine Gnädigste, Sie möchten gern ein Mann sein", worauf sie sanft erwiderte: „Und Sie nicht auch?" Tit-Bits. Ei» Kovtplimeul. „Ernst," sagte die hübsche Frau, „ich habe heute ein nettes Kompliment über Dich gehört." Ernst legte die Zeitung hin, drehte die Enden seines Schnurrbarts nach oben und sagte erwartungsvoll: „Nun, das ist nichts so Besonderes. Man sagt mir alle Tage Komplimente." Seine Frau fuhr fort, ihren Tee zu trinken, und Ernst wartete, daß sie weitersprechen solle. Endlich sagte er: „Nun, warum sagst Du mir nicht, wer es war, der mir ein Kompliment zollte ?" „O, Du würdest es in einer Woche nicht raten." „Frau S.?" fragte er. "Oder Else R.?" forschte er sehr angelegentlich. „Auch nicht." „Nun, wenn es ein Geheimnis ist, so will ich gar nicht wissen, wer es war, oder was er sagte." „Es ist kein Geheimnis", sagte seine Frau freundlich. „Herr H. sagte mir, daß er, so oft er mich träfe, von neuem überzeugt fei, daß Du ein Mann von ausgezeichnetem Geschmack wärest." Ernst erwiderte nichts. Er steckte die Hände in die Taschen und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Tit-Bits^ Anagramm. (Nachdruck verboten.) a. b. 1. Küstenfluß — Erzeuger. 2. Werkzeug — Stadt int Rheinland. 3. Amtskleid — Amtsperson. 4. Biblischer Name — Insel im Mittelmeer. 5. Einwirkung " — Schmuck. 6. Stimmungsausdruck — Truppengattung. 7. Teile des Gedichts — Gesäß. 8. Vorname — Klebstoff. 9. Vorname — Singvogel. ES find 9 Wörter zu suchen von der Bedeutung unter a; von jedem dieser Wörter ist durch Umstellung der Buchstaben em anderes Hauptwort zu bilden, dessen Bedeutung unter b angegeben ist. Die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b müssen im Zusammenhang einen amerikanisch«« Staat benennen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.r Ferdinand Freiligrath. Redakt«: Turt Plata. — Rotationsdruck und N$«to« der Brühl'schen UniversitätS-Beich« vvd Strindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.