Mittwoch den 23. Dezember. 1903. — Ar. 191. SnWRg WM VW EU W eümrrrr (Nachdruck verboten.) Wotans Merloöung. Novelle von Robert Kohlrauscht (Fortsetzung.) Edith saß und hielt ein Buch in der Hand; aber sie hätte nicht zu sagen vermocht, ob und was sie gelesen hatte. Sie seufzte leise, als die Sächsin bei ihr eintrat, bezwang sich jedoch schnell und bot ihr sreundlich^ernsten Willkommen. Fräulein Häseler war die Treppe so schnell emporgestregen, daß sie zuerst kaum zu reden vermochte; sie mußte einen Augenblick warten, bis sie für ihre Erzählung Atem genug gefunden hatte. Dann ging sie gleich mitten ins Feuer. „Ach nee, nee, Fräulein Bessel, daß Sie aber auch eben nich> unten gewesen sind! Jetzt hab' ich's nämlich ganz deitlich gesehen, gestern bin ich meiner Sache nich ganz gewiß gewesen, und die anderen haben gesagt, ich hätte mich getaischt. Gut, ich kann mich getaischt haben. Mer heute, — nee. Heite haben sie sich nämlich ganz öffentlich geküßt." „Wer hat sich geküßt?" „Tie beeden vom Theater. Ich wißte nämlich nich, wer sich kissen sollte int Hotel. Na, verlobt sind sie ja freilich, das hat schon in meinem „Leipziger Tageblatt" gestanden, aber darum brauchten sie sich doch nicht so ostentativ — so vor allen Leiten und noch dazu ohne jede Ehrendame." Edith stand auf; cs duldete sie nicht mehr auf ihrem Platze. Zugleich aber überkam sie ein Gefühl des Schwindels, das ihr gebot, sich auf die Platte des Tisches zu stützen, an dem sie gesessen hatte. „Wo ist meine Mutter? Haben Sie meine Mutter nicht gesehen?" „Nu, natierlich hab' ich's gesehen, ich selber, mit meinen eigenen Augen, sonst würde ich doch so was nich erzählen. Aber was man doch gesehen hat, das hat mau doch gesehen, nich wahr?" „Ob Sie meine Mutter nicht gesehen haben, das möchte ich wissen." Edrth hatte mit so lauter, schmerzerfüllter Stimme gesprochen, daß auch die Schwerhörige sie verstand. „Ihre Frau Mutter, ja, die sitzt noch unten im Speisesaal Bet den ibrigen; sie langweilen sich alle ganz ferchter- lich, und da sprechen sie natierlich von der Geschichte. Ich Eeie mich nämlich auch, daß ich dabet gewesen bin, wenn ) auch nich behaupten will, daß ich mich gelangweilt hätte. Nee, ich langweile mich nämlich niemals, auch nich wenn ich ganz alleene bin, — man muß eben seine geistigen Hilfsquellen in sich selber haben. Aber da hapert's Bei den Meisten." So fuhr sie fort zu schwatzen und drückte Edith den Dolch tiefer und tiefer ins blutende Herz^ Als eine Weile vergangen war, wandte sich diese plötzlich mit beinahe heftiger Bewegung zu ihr hin und fragte: „Haben Sie Lush wollen Sie mit mir spazieren gehen?" Sie sprach so nachdrücklich und scharf artikuliert, daß die andere sie gleich verstand. Mit einem leichten Schrei der Ueberraschung sprang sie auf und rief: „Nee, nee, machen Sie keene Witze! Bei dem Wetter, wie kann man denn da spazieren gehen? Ta weht man ja in den See, oder man weht in ’nen Abgrund, und dann ist die ganze Kur vergeblich gewesen. Tas wäre mir nämlich sehr unangenehm." „In den See oder in einen Abgrund", sagte Edith leise vor sich hin, blieb noch einen Moment nachsinnend stehen und ging dann zu dem Kleiderhalter, wo Hut und! Mantel aufgehängt waren. „Nee, nee, wollen Sie wirklich? Nee, Heeren Sie, das kann ich aber nich verantworten, das derfen Sie nämlich wirklich nich, — nee, da schicke ich lieber Ihre Frau Mutte« herauf, daß die einmal ein ernstes Wort mit Ihnen redet" Sie eilte hinaus ttnd ließ Edith allein. 'Tie hatte; kaum gehört, was die Sächsin geschwatzt hatte; sie vollendete langsam ihren Anzug, dann trat sie zum Balkon und öffnete die Tür. Der Sturm fuhr ihr entgegen, obwohl feine Macht hier in dem geschützten Winkel schon ein wenig ab gemildert war, aber der See rief mit lauter, wütende« Stimme zu ihr empor. Wie war die schöne Welt verwandelt, die so seh« geliebt hatte! Und wie glich die sturmdurchtobte Natur da draußen der eigenen, bis in die Tiefen aufgewühlten Seele. Frieden, Sonnenschein, Licht schienen gestorben für immer. Ter weißgraue Himmel mit seinen dichten, treibenden Wolkenmassen war gelblich durchleuchtet, und int Widerschein dieses matten, häßlichen Schimmers verwandelten Erde und Wasser ihre Farben. Das reine Blau der fchöuen Flut war verloschen und hatte einem schmutzigf-dunkleu, grauen Grün die Herrschaft eingeräumt. Die Küsten erschienen gelblich-grau über dem Wasser, durch einen un-i heimlich hellen Streifen am Ufer her von der tobenden/, finsteren Flut geschieden. Weißlicher Nebel umspann di« verdämmernde Ferne. Er und der Wellenschaum brachten im Verein mit jenen hellen Streifen an den Küsten entlang die lichtesten Töne in das düstere Bild. Wo die Brandung die Ufer traf, wo die Kämme der Wogen sich überstürzten, da sprangen weiße Lichter auf, um gleich wieder zu erlöschen und neu zu erscheinen. Vor dem Sturm her schien das Wasser zu fliehen, gerade hinein in die Bucht von Salo, deren Küsten die Wellen gewaltsam von sich abwehrten und zurückwarfen, — große, gewölbte, langgezogene Wellen, die sich den kleineren, herandrängenden Genossen entgegenstürzten wie verzweifelte Kämpfer, die sich auf der FlucU in letzter Todesnot noch einmal gegen den Feind wenden. In der Luft aber kreischten die Möven, als jubelten sie de« 762 «iahenden Vernichtung entgegen, und schaffen aus der sturm- dnrchtosten Höhe mit jähem Sturz hinab in die weißaufschäumenden Wogen. Es ihnen nachzutun! Edith fühlte diesen Gedanken über sich Üommen wie eine von außen auf sie gelegte Last und schauerte zusammen. Sie schloß die Tur, blickte mit einem seltsamen Abschiedsgefühl noch einmal im Zimmer umher, dessen Gegenstände ihr in der kurzen Zeit vertrant geworden waren und durch die hier verlebten Stunden des Grams eine ernste Weihe empfangen zu haben schienen, — dann ging sie hinaus. Auf- der Treppe kam ihr die Mutter laut atmend, in ungewohnter Hast, entgegen. „Edith, wo willst Du hin?" „Ich weiß nicht, Mutter. Hinaus, irgendwohin." „Mas soll das heißen? Bei solchem Sturm! Kein Mensch denkt heute daran, fortzugehen." „Ich muß." „Nein, Edith, Du bleibst; ich erlaube es nicht." „Sei mir nicht böse, wenn W ungehorsam bin. Ich kann die Luft hier nicht atmen." „Dieselbe Luft, die Deine Mutter atmet?" „Und er, auch er! Laß mich gehen, Mutter, ich kanu mit ihm nicht unter einem Dache sein!" Ter schmerzliche Ernst in ihren Worten war fo, stark, daß die Generalin keine Entgegnung mehr fand. Sie ließ die Tochter, deren Gesicht in dem Dämmerlicht des Flurs geisterbleich erschien, an sicy vvrübergehen und sah ihr seufzend, kopfschüttelnd nach, als sie nun wirklich dre Haustür öffnete und auf die Landstraße hinaustrat. Langsamer noch als sonst stieg die Zurückgebliebene die Stufen einpor. Sie war zu spät gekommen, das hatte ihr das Gesicht ihrer Tochter gesagt. Während sie noch unten gesessen und überlegt hatte, ob sie ihr von der Szene Mitteilung, machen solle, die bas ganze Hotel- beschäftigte, wußte ein anderer — oder eine andere, was wahrscheinlicher war — bereits in schonungsloser Weise die Neuigkeit an Edith überbracht haben. In ihrem Zimmer wanderte die Generalin, die sonst das Gehen nach Möglichkeit vermied, unruhevoll hin und her. Aehnlich wie ihrer Tochter !oar auch ihr jede Unklarheit und Unsicherheit verhaßt, und gerade jetzt sah sie Edith und sich selbst in einen ivilden Strudel von lähmender Ungewißheit gestürzt. Sie hätte so gern geleugnet, was ■ sie mit"eigenen Augen beobachtet hatte, doch stand das Bild Rauchmanns und der Sängerin um so fester vor ihrer Seele, je mehr sie bemüht war, es von sich abzilwehren. Was hatte die ©gerne bedeutet, die sich nicht auslöschen ließ? Noch immer war ein Rest von Glauben an den Sänger im Herzen der Grübelnden, aber den Weg, ihn vor sich und anderen zu rechtfertigen, vermochte sie nicht zu entdecken. Sie forschte, sie suchte, sie fragte sich und gab sich selber Antwort, um schließlich mit ihren Gedanken an der Sängerin haften zu bleiben und ihre langwierige Ueberlegung dann mit einem raschen Entschluß zu beenden. „Ich werde mir die Person einmal kaufen", — das war das Ergebnis ihres Grübelns, und sogleich ging sie auch an die Ausführung ihres Vorhabens, drückte ans die Glocke, um das Zimmermädchen herbeizurufen, und ließ sich bei Milk Millerta melden. Tie Sängerin gab ihrer Freude über den Besuch mit etwas überschwängffchen Morten Ausdruck, indem sie ihr, den stattlichen Körper in den Hüften wiegend, lebhaft ent- aegenging, als die Generalin bei ihr eintrat. Tiefe prüfte das Gesicht, das sie hier zum erstenmal in der Nähe sah, mit einem ihrer klugen, ruhigen Micke und kam bei sich zu denk Resultat: „Tie gefällt mir nicht." In gleich aufmerksamer Weise betrachtete auch die Sängerin die Cinge- tretene und schloß ihrerseits die Prüfung mit dem Gedanken: „In die Ticke kann er doch unmöglich verliebt sein." Laut sagte die Generalin ein paar entschuldigende Worte' über die Störung, die sie der — von der Bühne her ihr wohlbekannten — Künstlerin verursachte, kam damit jedoch nicht weit, denn die andere schnitt ihr, lebhaft einfallend, die Rede ab. „Solche liebenswürdige Störukrgen sind uns erfreulicherweise nichts neues", sagte die Millerta mit sanftem Lächeln, „sie sind eines der schönsten Vorrechte unseres Standes. Wir gehören ja nicht uns, wir gehören der Welt, und wenn jemand uns persönlich kennen zu lernen wünscht, der uns auf der Mihne gesehen und gehört hat, so ist das ein Erfolg, der mir für meine Person wertvoller ist als der kanteste Applaus und der schönste Lorbeerkranz." „Ich bin überzeugt", sagte die Generalikk mit einem nur halb unterdrückten, ironischen Lächeln, „daß Sie an solchen Erfolgen, wie auch an anderen, noch manches Jahr sich erfreuen können. Was aber mich angeht, so muß ich leider gestehen, daß es nicht die Künstlerin, sondern die Dame ist, die ich in Ihnen suche. Oder — im fluten, altmodischen Deutsch: ich komme heute als Frau zur Frau." Für eine Sekunde bekam die Sängerin eine flüchtige Aehnlichkeit mit der Citronendame; auch sie hatte etwas nicht ganz Süßes hinnnterzuschlucken. Nur um so sanfter, flötenähnlicher klang aber jetzt ihre Stimme. „Gnädige Frau berufen sich da auf etwas Herrliches, das uns beiden gemeinsam ist: auf die Weiblichkeit. Sie treffen damit eine weiche Stelle in nceinem Herzen; denn im Leben wie in der Kunst ist sie mir imitier das Höchste gewesen, und wenn es mir vielleicht wirklich gelungen ist, wie die Kritiken verschiedener Weltteile behaupten, meinen Gestalten eine gewisse Poesie einzuflößen, so ist sie es, die mir geholfen hat: meine Göttin, die reine Weibliche feit." „Wenn er die liebt, verdient er Prügel", sagte die Generalin zu sich selbst; vernehmbar aber fügte sie hinzu: „Sie bestärken mich nur in meinem Vorsatz, eine zarte Angelegenheit, die ich berühren muß, mit so zarter Hand wie möglich anzugreisen. Wenn es nicht ganz gelingt, so ist es nicht meine Schuld; denn es liegt mir daran, über eine gewisse Sache die Wahrheit festzustellen und in ihren Regionen weht mitnnter eine etwas scharfe Stift." „Trotzdem bleibt sie das Höchste int Leben tote in bet Svunft." „Wie vielerlei der ivohl das höchste ist?" fragte sich die Generalin. Tann sagte sie: „Int Leben gewiß. Meiner Meinung nach, gibt es kein Glück und kein Recht auf Glück ohne die Wahrheit. Tarnm lassen Sie mich gerade nnd offen sprechen. Sie, mein gnädiges Fräulein, sind nach den Berichten der Zeitungen seit einiger Zeit verlobt mit Ihrem Kollegen, dem Sänger Rauchmann —" „Tie Walküre mit dem Wotan, jawohl." „Nun aber, — sehen Sie, jetzt kommen wir in die Regionen, wo die Luft der Wahrheit scharf und schneidend wird, — nun aber hat dieser selbe Mann am gestrigen Tage meiner Tochter einen Brief geschrieben, in dem er ihr sagt, daß er sie liebt." „O, mein Gott!" Milka stieß einen halb unterdrückten Theaterschrei aus und verhüllte ihr Gesicht mit den Händen. „Aha", dachte sie im stillen, jetzt wird's Tag. Di« arrogante Person hat 'ne Tochter." „Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen wehe tun muß, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. Künstlich zu lösen vermag ich diesen Knoten nicyt, ich muß ihn durchschneiden. Sind Sie gewiß, daß Herr Rauchmann Sie liebt —" „Ich fürchte, er liebt mitt) nicht mehr." „Aber Sie haben sein Wort, Sie sind mit ihm ver- ^^^,Was ist ein Wort? Ein Hauch, ein Nichts. Gefühl ist alles! Und wenn fein Gefühl für mich gestorben und ein gesargt ist, ich habe nicht genug Kraft, um Totes zu erwecken. Sollte er wirklich Ihre Tochter lieben — Sie verstummte für einen Moment und preßte schluchzend noch einmal ihr Taschentuch an die Augen; sie brauchte ein paar Sekunden Zeit, um die einschlägige «zene ans „Kabale und Liebe" in Gedanken zu repetieren und sich die Teklamation verschiedener Luisen in dte Er in u c ri ntg z ui nck- zurufen. Sie war ein Jahr lang Schauspielerin gen es . ehe sie zur Oper ging, und aus jener Zeit haftete noch vieles in ihrem Gedächtnis. ffekt nahm sie das Taschentuch von den Augen, hob die Arme mit wilder Theatergebärde undrief: ,'Nehmen Sm ihn denn hin! Das unerbittliche Schicksal hat zwei Herzen voneinander gezerrt, die Gott aneinander gebunden zu haben schien. Er liebt mich nicht mehr, — nehmen Sie thn denn hin. Aber vergessen Sie nicht, — ja doch, vergessen Sie alles, was Sie hier heute gesehen und gehört haben. Vergessen Sie das arme Geschöpf, das sich opfern muß, und feien Sie glücklich int Glück Ihrer ^.achter. Sie hatte eine wunderschöne Stellung angenommen, eine bekannte Photographie steNte sie genau so dar, und Blick in die Spieaeltift des Kletderschrankes sagte ihr, £>aß rOHMIHimf' — 763 — die Posse gelungen war. Tie Generalin räusperte sich; es klang etwas nüchtern nach dem poetischen Erguß. Dann sagte sie ruhig und langsam: „Mein gnädiges Fräulein, ich glaube, von Geben und Nehmen kann unsererseits in diesem Falle nicht viel die Rede sein. Herr Rauchmann hat doch ganz allein über sein Herz und seine Hand zu ver- sügen; wie er sich entscheidet, das muß maßgebend sein. Fällt seine Wahl zu Ihren Gunsten aus, dann soll es mich für Sie freuen —" • „Nein, nein, es ist zu spät. Ter goldene Staub ist von den Flügeln des Schmetterlings heruntergewischt. Eine volle, reine Kunst und ein volles, reines Herz, das ist mein Wahlspruch. Wenn ich ein Glück mir wünsche, daun ist es nur ein Glück, das ohne Reu' — nein, nehmen Sie ihn hin!" Sie konnte sich von diesem Satze nicht trennen, er klang ihr gar zu schön. Tie Generalin wurde jetzt ungeduldig. >,Mein Gott, ich will ihn ja gar nicht nehmen. Höchstens meine Tochter, und auch bei der wäre es noch höchst zweifelhaft. , Ich bin nur zu Ihnen gekommen, um Klarheit in eine verwickelte Situation zu bringen, und ich meine, wir können das ohne alle Tragik und ohne alles Pathos tun." „Oh, gnädige Frau, wie bewundere ich Ihren festen, ruhigen, klaren Geist. Ich muß Sie um Verzeihung bitten: Sie haben mich in meinem Schmerz gesehen. Aber bedenken Sie, ich habe ihn geliebt! geliebt! Und doch, ich werde versuchen, mich nach Ihnen zu bilden, auch so fest und ruhig zu sein. Oh, daß ich Sie Mutter nennen dürfte!" Sie hatte die Hand der Generalin erfaßt und drückte einen Kuß darauf, doch war er sehr kurz, den» die Hand wurde ihr auffallend schnell entzogen. „Da müßt' ich denn doch danken", murmelte die Generalin, aber sie bezwang sich wenigstens so weit, daß ihre Worte nicht ganz ver- stän blich wurden. Aufgestanden war sie schon vorher und sie rüstete sich mit kurzem, höflichem Abschied zum Gehen. „Bitte, sagen Sie Ihrer Tochter, gnädige Fran, daß ich ihr Glück wünschen lasse von ganzem Herzen. Als Rauchmann um mich warb, — ach, verzeihe« Sie diese dummen Tränen, — da habe ich ihm zur Antwort gegeben: „Nur die Herrliche von allen soll beglücken Deine Wahl." Möge er in Ihrer Tochter diese Herrlichste gefunden haben. Ich werde in meiner Kunst meinen Trost suchen, und ich hoffe, daß sie mir kühlenden Lorbeer auf die wunde Brust legen wird. Sie aber, nehmen Sie —" „Nein, bitte, bitte. Noch einmal hinnehmen kann ich ihn wirklich nicht. Es wäre das viertemal in ganz kurzer Zeit. Auch ich hoffe, daß die Kunst Ihnen Trost gewähren wird, wenn Sie dessen bedürfen, und ich bitte, mir diese Störung und die unerfreuliche Erörterung zu verzeihen." Sie wandte sich zur Tür, uud während sie langsam, in dem von der Natur ihr vorgeschriebenen Tempo durch das Zimmer ging, vernahm sie hinter sich ein unartikuliertes Schluchzen; es klang, als hätte die andere sich das Schnupftuch ziemlich tief in den Mund gesteckt. Plötzlich jedoch hörte sie sich noch einmal angerufen. „Ach, Iwan Generalin, eine einzige Frage noch. Das Leben ist so häßlich, in Poesie und Schmerz hinein mischt sich immer die abscheuliche Prosa." Die Sängerin war der Fortgehenden nachgeeilt, stand jetzt neben ihr und ließ den Kopf tränenmüde gegen den Pfosten der Tür zurücksinken. So blieb sie einen Augenblick, als müsse sie neue Kräfte sammeln, die Angeu halb geschlossen, den Mund -offen, in einer Stellung, wie sie die Damen vom Theater sich für den Akt des Trauerspiels oder der Oper aufbewahren, in dem sie wahnsinnig werden müssen. Jetzt begann sie von neuem: „Durch die Indiskretion der Zeitungen war die Sache, diese halbe Verlobung, ja bereits in den Staub ber Öffentlichkeit gezerrt worden. Wenn jetzt, mein Gott, die Sache ist mir so furchtbar peinlich! Man müßte doch, gnädige Frau haben wohl nicht zufällig Beziehungen zu irgend einem einflußreichen Journalisten?" „Nein, ich bedauere. Tie Artikel dieser Herren lese ich mit Vergnügen, sofern sie gut geschrieben sind, aber persönlich kenne ich niemanden. Auch denke ich darin ein wenig altmodisch, daß ich mit wichtigeit Angelegenheiten des Lebens zunächst nur innerlich fertig zu werden suche; das Aeußerliche findet sich dann meist von selbst." „Sie haben recht. Ich muß schweigend zu dulden suchen. Und wenn ich zusammenbreche, wenn diese Last zu groß für mich ist, was liegt an mir? Kurz ist der Schmerz —" „Und ewig ist die Freude, jawohl. Also nochmals: Ber- zerhung für die verursachte Störung." Jetzt gewann die Generalin wirklich die Tür. Sie war sehr rot im Gesicht, als sie den Rückweg zu ihrem Zimmer antrat. „Wenn ich jetzt nicht gegangen wäre", murmelte sie vor sich hin, „hätte die Person mir den ganzen Schiller vordeklamiert und noch ein paar aubere Klassiker dazu. Es wundert mich nur,daß sie ihren Wagner nicht mehr zitiert; der mnß für solche Fälle wohl nicht ausgiebig genug sein." Sre hatte sich geärgert; tiefinnerlich war sie zugleich froh. Was sie gehört hatte, war nicht ungünstig für Edith, und sie brannte daraus, ihr die Unterredung mit der Sängerin zu erzählen. Aber Edith war noch nicht wieder zurück, uud sie kam auch im Laufe der nächsten Stunden nicht. Zunächst fügte sich die Generalin geduldig in das Warten, las ihre Zeitung, nahm ihre Handarbeit vor, schrieb ein paar Briese und fand bei diesen ruhigen Beschäftigungen ihren Humor soweit wieder, daß sie tu der Erinnerung au die Sängerin still vor sich hin lachen konnte. „Au der verliert er uichts", uud sie liebt ihn so wenig, wie er sie geliebt haben kann; Theatertränen und Theatergefühle", das war die angenehme Erkenntnis dieses Morgens, und mit ihrer Hilfe blieb die Einsame bei guter Laune. Als dann jedoch die Mittagsstunde ganz nahe war und Edith sich noch immer nicht blicken ließ, wurde ihre Mutter doch unruhig. Ter Sturm schien ihr noch lauter zu toben und mit seiner häßlichen Stimme ihr allerlei traurige Geschichten von Unglückssällen und Todesnot zu erzählen. CS duldete sie nicht mehr in der ruhigen Stellung, und sie begann int Zimmer umherzusucheu, als wenn ihr irgend einer von den Gegenständen Auskunft und Beruhigung zu geben vermöchte-. Dabei fiel ihr das Mich in die Hand, in dem Edith gelesen hatte; sie reiste selten, ohne einen Band Shakespeare mitzunehmen, und diesmal war der „Hamlet" ihre Lektüre gewesen. Er lag aufgeschlagen da; der Monolog: „Sein oder nicht sein", fiel der Generalin ins Ange, und sie las unwillkürlich die Worte: Ob's edler int Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden, ober Sich waffnenb gegen eine See von Plagen Durch Wiberstand sie enben. Sterben — schlafen. . Wer sprach bet vom Sterben? Warum tönten btefe Worte wie ber passenbe Text zu ber Musik bes Sturmes? Tie Getteralin lächelte, schüttelte ben Kops uub fühlte doch zugleich, wie ein Schalter ihr eiskalt burch bie Glieder lief. Es war Zeit, Edith mußte kommen! Wie konnte sie so lange draußen bleiben bei biefeut Unwetter, das gerade jetzt wieder mit großen, sprühenden Regentropfen gegen die Fenster schlug! Stimmen, Schritte, Bewegung int Hause, doch keine Edith! Die Mittagsglvcke ertönte, der Klang schrillte heiser durch das Hotel, die Gäste gingen plaudernd über Korridore und Treppen, und immer noch wartete die" Generalin voll wachseitder Unruhe vergeblich auf die Heimkehr der Tochter. Im Speisesaal nahm das Mittagsmahl feinen gewöhnlichen Gang, bei dem Unwetter doppelt willkontmett als einziger Wechsel in der Monökbuie des düste rett Tages. Tie meisten redeten jetzt lebhaft, um sich über ihn hinweg- zutäuscheu, Rattchmann aber saß schweigend an seinem Platz. Tie Millerta hatte zu seiner Freude sagen lassen, daß sie leidend sei und auf ihrem Zimmer speisen werde, und so brauchte er sich mit lästiger Gesprächigkeit nicht zu bemühen. Er brütete stumm vor sich hin und blickte erst auf, als sich gegen Schluß ber Essensstunde eine plötzliche uU- ruhe ber übrigen Gesellschaft bemächtigte. Ter eine flüsterte betn anderen etwas zu, bie Köpfe beugten sich erwartungs- voll vor, es war, als wenn einer ber Windstöße von draußen über sie dahinginge. Was ivar geschehen? Ein jeder fragte, horchte, erzählte weiter. Und nun kam mich zu Rauchmann die Nachricht, die alle übrigen bewegte, und die ihn traf wie ein Stich oder ein Stoß, schmerzhaft, betäubend: Edith Bessel wurde vermißt! Für einen Moment fühlte er sich wie gelähmt; aber diese Empfindung verlor sich sofort und machte einer Spannung aller Kräfte Platz, als die Generalin jetzt, von Angst und Sorge getrieben, in den Saal trat und int Gefühl einer' innerlichen Zusammengehörigkeit sogleich ans die Stelle zuschritt, wo Rauchmann sah. Fragen und Teilnahme bestürmten sie, man hielt sie auf, unterbrach ihren Weg, und doch war sie in ganz kurzer Zeit bei dem Sänger angelangt. Ihr volles Gesicht war entfärbt und schien älter und schlaffer; die Augen blickten unsicher suchend. „Meine Tochter ist vor mehreren Stunden fort,gegangen und nicht 764 zurückgekommeu. Ich fürchte, daß ihr ein Unfall zugestoßen ist." Sie hatte die Worte nur an ihn gerichtet, und auch er hatte das Gefühl, als wäre er allein mit ihr in einem plötzlich leer gewordenen Raum. Er antwortete ihr nicht gleich, sondern sah sie nur an, doch verstand sie die Sprache seiner Augen. Bor ihr stehend, — er hatte sich sogleich erhoben — fügte er nun auch eine Frage in Worten hinzu. „Haben Sie keine Ahnung, wohin sie gegangen ist?" „Nein, ich weiß nichts. Es ist mir, als hätte sie sich draußen vor der Haustür nach rechts gewendet, aber ich kann nichts bestimmtes behaupten." „Ich werde sie suchen." Er hatte seine Hand ausgestreckt, und die Generalin legte die ihre hinein. Hätten seine Augen ihr nicht schon genug gesagt, so hätte dieser Händedruck ihr die Versicherung gegeben, daß er Edith liebte, und daß er das äußerste wagen würde um ihretwillen. „Ich sollte Sie zurückhalten und sollte Sie bitten, sich um Ihrer Gesundheit willen zu schonen. Aber ich kann es nicht. Wenn einer sie finden wird, so sind Sie es, das sagt mir mein Herz." „An mir liegt nichts. Ich bringe sie Ihnen zurück. Auf Wiedersehen." Er ging mit festen, eiligen Schritten hinaus; alles an ihm schien gespannt, er sah größer aus als sonst. Die Generalin blieb und sah ihn: nach mit feucht gewordenen Augen. Und indem sie zerstreut auf die Fragen und Anerbietungen der übrigen horchte, ein paar von den anderen Herren machten sich gleichfalls zum Suchen bereit, meinte sie noch immer sein bestimmtes, männliches „An mir liegt nichts" zu hören. Und zugleich tönte das pathetischunechte „Was liegt an mir?" der Sängerin wieder hinein; es war eine Dissonanz, aber eine tröstliche, aus der ein reiner Wohlklang der Liebe sieghaft hervordrang. Rauchmann hatte sich mit Mantel und Hut versehen und wandte sich vor dem Hause sogleich nach rechts. Nicht die unbestimmte Aussage der Generalin war es allein, was ihn dorthin trieb; mehr ein dunkles, starkes Gefühl, baß er Edith in der Bezzuglio-Schlucht finden würde, wenn sie überhaupt zu finden war. So begann er bald den Aufstieg, ließ Fasano di sotto hinter sich und trat aus der geschützten Region der Häuser auf die lorbeerumschatteten Bergwege hinaus. Der von Südost kommende Sturm prallte gerade gegen die Bergeslehne, fand auch in den sonst so ruhigen Schluchten keinen Frieden und zauste in wilder Zerstörungssucht an den Bäumen, Pflanzen und Blüten. Er traf Nauchmann, ihn vorwärts treibend, halb von rückwärts und schien ihn zur Seite drängen zu wollen, weit fort von seinem Ziel. Aber er folgte der Idee, die ihn trieb, trotzte dem Sturm und gewann, erhitzt, schwer atmend, die Höhe des Weges an der Bezzuglio-Schlucht entlang. Eine halbe Ahnung hatte ihm gesagt, daß er Edith in der Nähe der an bedeutsamen Erinnerungen reichen Bank finden würde, und ein erstes Gefühl ungerechter Enttäuschung befiel ihn, als er die leere Bank und den weiten freien Weg vor sich erblickte, auf dem keine menschliche Gestalt zu sehen war. Während er für ein paar Sekunden Halt machte und Atem schöpfte, kam ein Glockenton, vom Sturm zerrissen, aus der Tiefe herauf. Tort unten schlug es drei Uhr, und er mußte jener Stunde schmerzlich gedenken, als er voller Sehnsucht, Angst und Hoffnung hier an demselben Platz auf den Klang der Glocke gewartet hatte. Plötzlich lebte auch Ediths Stimme wieder in seiner Seele auf; echogleich tönten ihm die Worte: „Das Leben ist ja so wunderschön!" Tas Herz tat ihm weh bei dieser Erinnerung, die ihn mit neuen Kräften vorwärts trieb; Edith hatte das Leben so sehr geliebt, und nun? Auf dem ebenen Wege kam er schnell bis an Bezzuglio heran, doch versäumte er nicht, überall umherzuspähen, ob irgendwo eine leise Spur von der Verlorenen zu entdecken sei. Vergeblich aber war all sein Schauen; der harte, kiesige Weg< duldete keine Fußspur, und ein Lorbeerzweig, der am Boden lag, konnte so gut von einer anderen Hand gebrochen sein als von der ihren. (Fortsetzung folgt.) Oesurrdhettspflege. — Gefahren der künstlichen Säuglings- ernährung. Die Ausführungen des berühmten Marburger Bakteriologen, des Geheimrat v. Behring, am letzten Tage der Naturforscherversammlung zu Kassel über Die stets nachteiligen Folgen der künstlichen Säuglingsernährung und den unmittelbaren Zusammenhang derselben mit der Tuberkulose sind gewiß ein h a r t e r M a h n - ruf für viele Frauen, welche bisher aus Unverstand' oder unberechtigter Eitelkeit die heiligste Pflicht der Mutter vernachlässigt und ihren Kindern den besten und reinsten Lebensquell, die Mutterbrust, vorenthalten haben. Aber selbst wenn diese äußersten Folgerungen, die Behring gezogen hat, nicht zutreffen sollten, so ist es ganz außer Frage, daß Flaschenkinder sowohl sofort als auch in ihrer weiteren Entwicklung den größten Gefährdungen ausgesetzt sind. Ohne Uebertreibung läßt sich aus Grund des statistischen Materials behaupten, daß von den an Magendarmkatarrh gestorbener: Säuglingen im Durchschnitt 90pCt. Flaschenkinder sind und der Magendarmkatarrh | selbst macht von der Säuglingssterblichkeit 6 0 bis 7 0 PCt. aus. Derartige Zahlen haben schon an und für sich eine ganz gewaltige Beweiskraft für die Forderung der Sclbst- stillung und sollten das Verantwortlichkeitsgefühl jeder Mutter wecken. Aber auch die Zukunft der Flaschenkinder ist in gesundheitlicher Beziehung überaus ungünstig, und vor allem wird das weibliche Geschlecht durch die Flaschenernährung im ersten Lebensjahre unbedingt beeinträchtigt/ indem der Knabe durch die Eigenart seiner Erziehung und natürlichen Anlage mehr imstande ist, solche Schädigungen zu überwinden. Wenn auch nicht zahlenmäßige Nachweise dafür bisher erbracht worden sind, so scheint doch ein großer Teil der Bleichsucht mit ihrem auf die Entwicklung des Mädchens und die Nachkommenschaft der Frau so nachteiligen Einfluß ebenso sehr mit der Flaschenernährung int Zusammenhang zu stehen, wie diese auch an und für sich die Fähigkeit des Mädchens herabsetzt, einst als Mutter ihren Kindern die Brust reichen zu können. Diejenigen Organe, welche wir lpenig oder gar nicht brauchen, sind einer von Geschlecht zu,'Geschlecht steigenden Verkümmerung und Entartung unterworfen, und so wird die Tochter jener Mutter, welche das Stillen vielleicht aus Bequemlichkeit verweigert hat, schon Nicht mehr so wie ihre Mutter zum Stillungsgeschäft befähigt sein. Daher sollte die junge Mutter niemals ihr Kind auf die Flasche verweisen. Sie sollte auf jeden Fall,- ob Königin oder Bettlerin, ihm die von Natur bestimmte Nahrung gewähren, und wenn sie das nicht aus Pflichtgefühl tut, jo mag sie es wenigstens aus Eitelkeit tun, da durch das Stillen jede Frauenbrust an Schönheit und Rundung nur gewinnt und sich selbst der roheste Mensch beim Anblick einer stillenden Mutter einer tieferen heiligen Empfindung nicht erwehren kann. Füllrätsel. Nachdruck rerbotm. © 1. Rechtsverhältnis. 2. indischer Gott. 8. Zeichen, 4, moderner Dichter. 6. Weibl. Vorname. In die Felder vorstehender Figur sind die Buchstaben A A, B C D E E E E. H, ! I I, L, N N N N, 0, P, R. S S, T T berari ei'nzütragen, daß die wagerechten Reihen Wörter von der e:g fügten Bedeutung ergeben, wahrend die beiden Nutzeren, du ch schwarze Felder bezeichneten senkrechten Reihen zwei berann Bäume nennen. „ „ „ Auflösung m nächster Nummer. © C) Auflösung des Wortspielrätsels in vor.: Nr. Borgen — Sorgen. Redaktion-. August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univers>tüts-Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.