1903. Hf W- TOT® TW V1ä^a5?Ww^£^^ EtÄ^>ü> w utMW BuWÄil ” e agfiStoMlnii WWÄMMWW (Nachdruck verboten.) Kin MädBenschicksak. Frei nach dem Englischen von A. Wendt, r' |'l (Fortsetzung.) Zwölf Monate waren beinahe vergangen, seitdem Jane zuletzt auf den toten Bruder geblickt, seitdem sie den Bräutigam fortgeschtckt hatte, und diese Monate waren hart zu durchleben gewesen. Jane hatte in dieser Zeit kennen ge- lernt, daß Armut, die sie so sehr fürchtete, nicht das größte Uebel rst. Sie war fetzt so allein, so verlassen und auf sich angewiesen in dem großen Hause. Zwar die Schülerinnen liebten sie, waren folgsam und gut und machten ihr keine Mühe, aber dennoch fühlte sie das Verlassensein immer mehr und mehr. Von der Zukunft hatte sie nichts zu hoffen — der Rückblick in die Vergangenheit brachte ihr tiefes Leid — mitunter kam eine törichte, wilde Hoffnung über sie, Sir Harry würde sie finden, ihr verzeihen und ihr all ihr verlorenes Glück wiedergeben — aber die Zeit rollte unaufhaltsam dahin, die Hoffnung erstarb und machte einer kalten, ruhigen Ergebung Platz. Alice Durhams scharfe Augen sahen den freudigen Schimmer, der in den herrlichen, dunklen Augen Janes aufblitzte, als sie eintrat, und lächelte dem blassen, schwarzgekleideten Mädchen freundlich ermunternd zu. „Wenn Ihr mir genug Atein zum Sprechen lassen wollt und mich nicht ganz erdrückt, habe ich eine gute Nachricht fiir Euchi", sagte Alice lachend, als die Kinder sich an sie hängten und sie jubelnd umarmten; „aber wenn Ihr mein Kleid verderbt, bleibe ich stumm." Die Kinder jauchzten, zogen sich ein wenig zurück, aber blickten mit großen, erwartungsvollen Augen auf die Tante, welche die munteren, jungen Gesichter, die leider beide wenig von der Mutter Schönheit besaßen, freundlich anlächelte. „Meine Schwester würde es gern sehen, wenn Sie und die Kinder mit zum Tennis-Tournier fahren wollten. Miß Gratton. Sie müssen wissen, es kommt heute zu Ende, und ich bin überzeugt. Sie werden ein gutes Spiel sehen. Kommen Sie gern? Es ist heute ein schöner Tag zur Spazierfahrt", setzte sie liebenswürdig hinzu. „Mrs. Thornton ist sehr gütig", entgegnete Jane, „ich brn überzeugt, wir werden alle gern gehen, nicht wahr?" „O, wie gern wir wollen!" rief die kleine Miß Thornton lustig. . „Wir können nun unsere Bücher fortlegen, nicht wahr, Mrß Gratton? Es ist schon lange 12 Uhr vorüber!" ,,Ja, Ihr könnt gehen", sagte Jane, auch ihre Bücher berserte legend und Alice liebevoll betrachtend. Sie hatte ern treses, fast mütterliches Interesse für dieses Mädchen, welches doch vier oder fünf Jahre älter war, als sie selber; ein Interesse, welches den, der es verstand und Begriff, tief gerührt hätte. „Meine Schwester hat mir erzählt, daß Lady Smith so gütig war. Sie zu empfehlen", sagte Alice nach einer kleinen Pause, während die Kinder mit ihren Büchern beschäftigt waren, „Sind die Smiths alte Freunde von Ihnen, kennen Sie sie genauer?" „Nicht sehr genau", sagte Jane langsam, indem sie sich zwang, ruhig zu erscheinen. „Mr. Smith war ein Freund meines Bruders." „Ah ! Sie kennen also Mr. Smith?" „Ich kannte ihn früher", antwortete die junge Gouvernante, während ein dunkles Rot ihr Gesicht- übergoß. Alice erblaßte merkliche als sie dies gewahrte, auch die Farbe war noch nicht in ihr Gesicht zurückgekehrt, als sie nach wenigen Minuten das Schulzimmer verließ und langsamen Schrittes ihr Zimmer aussuchte. 8. Kapitel. Tas Spiel war in vollem Gange. Der Platz des Lawri- tennis-Klubs leuchtete förmlich und zeigte sich sehr vorteilhaft an dem schönen, sonnigen September-NachmittcA Tie Äuserwählten der Nachbarschaft waren vollzählig erschienen; die Gegenwart von Mrs. James Thornton besaß allein schon große Anziehungskraft, und viele junge Herren drängten sich danach, einen Blick, ein Lächeln aus den blauen Augen der gepriesenen Schönheit zu erlangen. Es war ein hübsches, munteres, buntes Bild, welches sich den Augen bot, als Jane mit ihren Schülerinnen in die Anlagen kam. Viele Wagen waren in dem Schatten der schönen Birken aufgefahren. Einige der Insassen hatten sich zu den Gruppen der Spielenden gesellt, andere hatten ihre Plätze innebehalten und beobachteten von dort das Spiel. In einiger Entfernung war ein Podium errichtet, und eine Musikkapelle ließ muntere Weisen von dort erschallen; ein rot und weiß gestreiftes Zelt für Tee und andere Erfrischungen, ein kleineres zur Seite mit dem dichten, grünen Laub der Bäume im Hintergründe; die leichten, hellen Toiletten der Tamen auf dem grünen Rasen — alles dies gab ein schönes, lebeuK- v olles Bild. „Jst's nicht hübsch hier, Miß Gratton?" fragte Janes jüngste Schülerin, die Hand der jungen Gouvernante fest umschließend, als sie den Wagen verlassen hatten und sich den Plätzen der spielenden Tamen näherten. Jane stimmte bei; die ganze lebhafte Szene war etwas neues für sie nach dem einförmigen Leben in der Schulstube und den einfachen Spaziergängen im Park von Thorn- ton-Hall. Es machte ihr Vergnügen, aber es mischte sich auch Trauer darein. Keins von allen diesen Gesichtern erhellte sich, als sie kam, kein Mensch erwartete sie oder beachtete auch nur das schlanke, schwarzgekleidete Mädchen, das mit den beiden blonden, kleinen Kindern in dunklert Sammetkleidern mit bunten Schärpen näher kam. Tart stand ein leerer Stuhl, den Jane sich nahm, et. befand sich nahe an der (Steife, wo Alice Durham und ein hübsches, dunkeläugiges Mädchen in einem grau und roten Tenniskleid im eifrigen Spiel begriffen waren. Alices Gegenüber, als der besten Spielerin, gehörte das meiste Interesse, doch auch Alice spielte gut; es war sehr fraglich wer gewinnen würde, und alle Umstehenden waren höchst gespannt. „Ich hoffe, daß Tante gewinnen wird", sagte Weg Thornton. „Das hoffe ich ebenfalls", erwiderte Jane leise. „Ach seht, da ist Mama!" rief Lilly Thornton eifrig. „Miß Gratton, nicht wahr, sie ist wunderschön?" Jane blickte nach der anderen Seite, dort hielt Mrs. Thornton förinlich Hof, so umdrängte man sie, eifrig bemüht, ein Wort oder einen Mick von ihr Zu erhaschen. Ganz in kostbaren, dunkelgrünen Sammet gekleidet, welcher ihr goldenes Haar und ihren Teint aufs vorteilhafteste hob, sah sie in der Tat blendend schön aus. Sie saß zurückgelehnt in einem Rohrsessel und hörte träumerisch der Unterhaltung einiger junger Männer aus ihrer Umgebung zu. Ganz voll Bewunderung für ihre schöne Mutter, fuhr die kleine Lilly eifrig fort: „Ist sie nicht schön. Miß Gratton? Und dies reizende Kleid, möchten Sie nicht auch ein solches haben? Ich möchte es wohl! Wer Sie tragen immer nur schwarz; waruin tun Sie dies nur?" Ohne zu beachten, daß es auf sein Geplauder keine Entgegnung bekam, fuhr das Kind fort: „Tante Alice hat nie io schöne Kleider !vie Mama, und nicht halb io viel; ich glaube, Mama könnte das ganze Jahr hindurch jeden Tag ein anderes Kleid anziehen. Doch — Miß Gratton, was ist Ihnen, sind Sie krank?" fragte sie, ängstlich die Erzieherin ansehend, in kindlich besorgtem Tone. „Nein", antwortete Jane mühsam mit gepreßter Stimme. „Sieh, ich glaube. Miß Durham hat das Spiel gewonnen", fügte sie hinzu, um die Aufmerksamkeit der Kleinen von sich abznlenken. Dies gelang ihr auch, das Kind wendete seine Augen von dem blerchen Gesicht ab und verfolgte lebhaft das Spiel. Jane kämpfte mit aller Kraft gegen die sie überkommende Ohnmacht;' vor ihren Ohren rauschte es gleich mächtig brausendem Wasser, welches über sie hereinzu- brechen schien; bald heiß, bald kalt, zitterte sie an allen Gliedern und behauptete mit Mühe ihren Sih; ihre Lippen waren trocken, ihre Augen trübe und naß; die Zelte, die frohen Gesichter, die bunten Gewänder, die Felder und grünen Bäume, alles war verworren und in steter Bewegung, die Musik erklang dumpf und fern. Nur eines sah sie klar und deutlich vor sich — das schöne etwas blasierte Gesicht eines jungen Mar ies, welcher an Mrs. Thorntons Seite stand und mit einem müden Lächeln den Spielenden zusah. Sie hatte ihn sofort erkannt. Es war das Gesicht desjenigen, welcher sie vor mehr als Jahresfrist von der Station abgeholt, welcher sie dann in dem matt erleuchteten Zimmer in seine Arme geschlossen und ihr zugeflüstert hatte, daß er sie heiß und innig liebe, und welcher so bald danach, an jenem Abend auf der mondscheinbeschienenen Terrasse ihr erklärte, er wünsche sie nie mehr wieder zu >ehen. Er sah sie jext nicht, und sie dankte Gott dafür und hoffte, daß es nicht geschehen werde. Und wenn er sie dennoch bemerken sollte, würde er sie sicher nicht erkennen, sie hatte sich ja so verändert! O, ganz sicher, er würde nicht erraten, daß das kleine, blasse, fchwarz- gekleidete Mädchen Jane wäre — einst seine Jane. Als einige Zeit vergangen war, und Janes Nerven sich etwas beruhigt hatten, ließ sie ihre Augen aus seinem Antlitz haften und sah, daß auch er verändert war. Er war mager geworden und sah abgespannt, lebensmüde aus; sein Gesicht war dunkel gebräunt, wie vom Aufenthalt in heißen Zonen; aber dennoch, so wie er war, sah er schön aus, schöner als all die andern ihn umgebenden Herren, stattlicher, edler, reifer. Er beobachtete das Spiel sehr aufmerksam und verfolgte die graziösen Bewegungen Alice Durhams fast unausgesetzt, und Jane bemerkte, tote Alices Augen den seinen mit einem freundlichen Mick begegneten. Ta ertönte in ihrer Nähe die Frage: „Wer ist der große, grau gekleidete Herr mit der gelben Rose im Knopf- koch? Ich meine den eleganten, jungen Mann, welcher «eben Mrs. Thorntons Stuhl steht." „Es ist einer von Warwicks Gästen", war die Antwort. „Sieht er nicht schön und vornehm aus? Ich glaube, bemerkt stu haben, daß Mrs. Thornton sehr liebenswürdig zu ihm rst. Er soll reich sein und wäre sicher eine gute Partie für die niedliche Miß Durham, welche selbst kein Vermögen hat." Ein mattes Lächeln glitt über die Lippen der bleichen, kleinen Gouvernante. Als ob das Geld Einfluß hätte auf Harry Yales' Gesinnung! Wenn Alice nur wahr und treu ist! Hub sie schien ja beides zu sein, treu und gut. Dazu war sie niedlich, sanft und graziös; wenn er sie heiratete, würde sie glücklich sein und auch ihn glücklich machen. Aber wie sollte sie, Jane, es ertragen, das Glück der, beiden mit anzusehen! Jane, die ihn immer noch so innig, liebte, die ihn lieben würde, so lange eine Spur, von Leben in ihr wäre. All diese langen Monate hindurch hatte sie nichts von ihm gehört. Bald nach dem Tode ihres Bruders hatte sie eineu kurzen, sehr freundlichen Brief von Lady Yates erhalten, in welchem diese ihr Beileid bezeigte und ihre Unterstützung anbot. Aber Jane bebte zurück vor dem Gedanken, irgend welche Hilfe von Sir Harrys Mutter- anzunehmen. Sie beantwortete den Brief sehr höflich und schrieb, daß sie sich entschlossen habe, eine ihr von Freunden angetragene Stelle anzuuehmen. Lady Yales' Interesse an Jane war nicht groß genug, um wieder zu schreiben, so war jede weitere Mitteilung abgebrochen. Als das tödliche Ohnmachtsgefühl vorüberging, versuchte Jane, den neuen, ihr bevorstehenden Kampf ins Auge zu fassen, sie wollte tapfer und mutig ringen und kämpfen. Sre konnte sehr gut eine Begegnung mit Sir Harry vermeiden, selbst wenn er nach Thornton-Hall kam; denn es bestand eine breite Kluft zwischen Mrs. Thorntons Gästen und der Gouvernante. Aber wie hart war das Geschick gegen sie, daß es ihr von neuem solche Kämpfe auferlegte! — Jane konnte sich später nicht erinnern, wie die Stunden dieses Nachmittags vergangen waren, sie wußte, daß sie die Fragen der Kinder beantwortete, ab und zu ein applaudierendes Klatschen und heitere Musik hörte, daß sie hellen Sonnenschein aus der blumigen Wiese sah und grüne Felder, über welcbe die Damen in ihren hellen, leichten Sommerkleidern lustig dahin flatterten, aber alles war verworren, in weite Ferne gerückt. Nur eins war ihr klar und scharf im Gedächtnis, der Blick Sir Harrys, als er aus Alice zutrat, ihr zu dem gewonnenen Spiel gratulierte und sie dann nach dem Teezelt führte. Einige Augenblicke nachher erhob sich Mrs. Thornton, trat hinzu und stand einige Minuten bei der Erzieherin. „Sie sehen nicht gut aus, Miß Gratton", sagte sie freundlich!. „Ihnen ist sicher kalt, lassen Sie sich Tee geben, die Kinder werden gewiß auch froh sein, welchen zu bekommen. " Sie nickte ihr beiter zu und schritt mit den ihr folgenden Verehrern davon; Jane saß bewegungslos, sie hatte die Worte geh rt, aber kaum begriffen. Die Kinder aber sprangen lebhaft herzu und stimmten eifrig den Meinung der Mutter bei. Jane stand auf, und alle drei schritten auf das Teezelt zu, wo sich viele kleine, runde Tische befanden und ein großer, auf welchem Kannen und Tassen standen. Es war ein munteres, lebhaftes Bild; junge Männer in hellem Tennis-Kostüm vertraten die Kellner, indem sie Tee zu den älteren Herrschaften trugen und den jungen Damen Biskuits und Kucken brachten. Die Gäste waren alle froh und heiter, sie besprachen das Spiel und die Preise, während die Musik draußen spielte. Sir Harry und Alice hatten einen kleinen Tisch für sich allein, Jane bemerkte das, als sie mit ihren Schülerinnen an das Ende des großen Tisches trat. Alice sah rosig und erregt aus, sie plauderte munter, und ihr Begleiter, den Kopf in die Hand gestützt, beobachtete sie mit einem Mick voll Güte und Vergnügen. Tie beiden sahen hübsch und glücklich aus, „wie Liebende", dachte Jane bei sich, und selbst die Furcht, daß Harry sie sehen könnte, verhinderte sie nicht, das Paar mit großen, träumerrschen Augen zu betrachten. „Besorgt Ihnen jenmnd, was Sie wünschend ftagte eine freundliche Stimme an ihrer Seite, und einer der Vorsteher brachte eine Tasse Tee, welche Jane stehend leerte. Für sie war kein besonderer Tisch hergerichtet, kern 699 ToMoj üöer Oorkij's „Yachtasyl«. -^droivoje Wremja" schildert einen Besuchs Bet Leo Tolstoi. M fand Tolstoj zwar etwas müde. aufmerksamer Begleiter sorgte für sie. Das Gefühl trostloser Verlassenhett, welches sich jetzt ihrer bemächtigte, war bitterer noch, als die Eifersucht zuvor; selbst der goldene Sonnenschein draußen vermehrte das Bewußtsein ihrer Einsamkeit, machte ihr trauriges Los noch schwerer. Der Schmerz und der harte Kampf nach ihres Bruders Tode erschienen ihr leichter zu ertragen, als die grausame Gegenwart. Da saß ganz in ihrer Nähe der Mann, der ihrem Herzen alles war, welchen sie mehr liebte als sich selbst, und welcher sie auch geliebt und es ihr mit tausend zärtlichen Worten gesagt hatte. Und nun hatte er kein Wort, keinen Blick für sie! Ihr schwindelte, die Gedanken vergingen ihr. Ach,- wenn ihr Vergehen groß war, riesengroß, die Qual, welche sie jetzt erlitt, war größer, sie glich alles aus! — — Die Kinder wurden abgerufen, um einigen Bekannten der Mutter vorgestellt zu werden. Jane schlich sich aus dem Zelt, der heiteren Versammlung den Rücken kehrend; zum Sterben müde und elend, lreß sie sich auf eine einsame Bank nieder, halb im Gebüsch verborgen. Wie lange sie dort gesessen, wußte sie nicht. Die Sonne war im Westen gesunken, der Himmel erglänzte im herrlichsten Abendrot hinter den Birken, als Lilly Thorntons Stimme sie aus ihrer Bewußtlosigkeit erweckte. „Miß Gratton, Miß Gratton, wir haben Sie überall gesucht — kommen Sie schnell — Mama ist sehr böse! Es ist schon ganz spät!" „Sind die Preise schon alle ausgeteilt?" ftagte Jane, sich mühsam erhebend, und mit großen, trüben Augen um sich sehend. „O wie lange schon! Tante Alice hat ein Armband gewonnen. Aber kommen Sie rasch, Mama fährt mit un- serm Wagen." So schnell es ihre steif gewordenen Glieder gestatteten, folgte Jane dem Kinde nach der Stelle, wo die Herrschaften rhre Wagen erwarteten. Einige hatten den Platz schon verlassen, und die Fußgänger versperrten beinahe die Zugänge. Sir Harry half Miß Durham, sich in den Mantel zu hüllen, Mrs. Thornton stand dabei, stolz und hochmütig wie immer, und doch konnte ein genauer Beobachter bemerken, daß sie angenehm berührt und zufrieden war mit den Fortschritten zwischen ihrer Schwester und Sir Harry. „Sie haben sich ungemein vergessen, Miß Gratton", sagte sie kalt, als Jane in ihre Nähe kam. „Ich bin wohl kaum verpflichtet, auf Sie zu warten." Zu jeder andern Zeit würde der Don und die Art des Verweises Jane tief verletzt haben; denn es war das erstemal, daß Mrs. Thornton genötigt war, sie an ihre Abhängigkeit zu erinnern. Momentan verstand sie das Gesagte kaum; sie sah starr auf die schöne, blonde Frau, als ob sie diese vorher nie gesehen hätte, dann sich ermannend, stotterte sie eine Entschuldigung, die aber von Mrs. Thornton nicht beachtet wurde. Die Kinder kletterten in den Wagen, nach einer stolzen Handbewegung von Mrs. Thornton folgte Jane. Inzwischen hatte Sir Harry Alrce in den kleinen Jagdwagen geholfen und die Pelzdecke sorglich über sie gebreitet. Er tat es zögernd, als ob ihm diese Beschäftigung eine angenehme wäre. Nun trat er heran, half Mrs. Thornton in den Wagen steigen, und wechselte fröhlich und lachend einige Worte mit ihr. „Tragen Sre Sorge für Alice!" rief sie dem sich Entfernenden nach „Vertrauen Sie mir. Sie dürfen unbesorgt sein", antwortete er, auf den Jagdwagen springend und die Zügel ergreifend. a »Ist es nicht eigentümlich", ftagte Mrs. Thornton tachend, als der Landauer im Portal von Thornton-Halk hrelt, „daß dre Pferde mit dem kleinen Wagen so viel längere Zeit brauchen als die meinigen, die doch eine vtel schwerere Last hatten? Finden Sie das nicht auch?" . ", nicht so sehr eigentümlich, denke ich", antwortete an e mit trübem Lächeln, und Mrs. Thornton lachte vergnügt. ' Fortsetzung folgt. aber doch ganz rüstig. Das Gespräch befaßte sich hauptsächlich mit dem Werke Maxim Gorkijs: „Das Nachtasyl". Tolstoj sagte: „Auch ich habe mich mit dem Moskauer Viertel „Chitrofko" eingehend beschäftigt, wo die Menschen leben, die Gorkij im „Nachtasyl" schildert. Ich tat dies während der Moskauer Volkszählung. Damals hatte ich unter den Einwohnern von Chitrofko viele Freunde. Es ist ungerecht, wenn man behauptet, daß dre Barfüßler grausam seien. Tas rst gar nicht wahr. Unrecht hat auch Gorkij, wenn er diesen ihren Zug hervorhebt. Gewiß gibt es auch unter ihnen erboste, tückische Leute, aber der Grundzug des Barfüßlers besteht nicht darin. Bei den meisten fand ich ein seelisches Gleichgewicht und Gutmütigkeit. Als Gorkij bei mir war, riet ich ihm, besonders diesen Zug der Barfüßler in seinem neuen Drama hervorzuheben. Er sollte zeigen, daß die Barfüßler von keiner falschen Furcht beseelt sind, daß sie sich nicht im Wgrund befinden und daß sie leicht Menschen werden könnten, wenn sie es wollten. Ich kenne eine Erzählung, welche folgendes schildert: „Einmal wanderte ein Knabe und fiel in einen Schacht hinein, in den: nach Erz gegraben wird. Es gelang ihm aber, sich festzuklammern, und er blieb die ganze Nacht hängend über der Tiefe. Als es zu dämmern begann, schwanden allmählich die Kräfte des Knaben. Plötzlich bemerkte er einen Vorübergehenden. Er rief um Hilse. Der Wanderer näherte näherte sich ihm und frag: Warum schreist Du, spring' dock) hinunter. Du hast doch Boden unter Dir, etwa einen halben Meter." Wenn man über Gorkijs Barfüßler spricht, kommt mir immer diese Erzählung in oen Sinn. Wenn ein Barfüßler in den Abgrund füllt, so verliert er nie seine Geistesgegenwart. Ihm ist jede falsche Scham unbekannt, er ist sich stets bewußt, daß unter seinen Füßen nicht eben tief sich Boden befindet." Der Interviewer machte den Einwand, es sei doch möglich, daß feit der Zeit, da Tolstoj die Barfüßler studierte, ihr Typus, wenn nicht in den Grundzügen, so doch in den Einzelheiten sich verändert habe und daß die poetische Darstellung dieser Typen, wie wir sie bei Gorkij sehen, zu den traurigsten Ergebnissen führen könne. „Wie stellen Sie sich denn das Barfüßler- tum vor? Ist es denn nicht ein instinktives Streben nach ausgelassenem Leben, und ist es denn mögliche das Bar- füßlertum durch Wohltätigkeit zu bekämpfen?" Tolstoj dachte eine Weile nach und sagte lächelnd: „Ich kannte einen solchen Barfüßler. Einen Sekondelieutenant Namens I., ein kleiner, rühriger Herr, der einem Sperling ähnlich war. Er war ein intelligenter Vertreter des Volkes aus dem Chitrofko-Viertel, liebte über ernste Gegenstände zu sprechen und verbotene Gedichte mit Pathos zu deklamieren. Als ich diesen intelligenten Proletarier kennen lernte, schlug ich ihm vor, meine Manuskripte abzuschreiben. Er widmete sich eifrig der Arbeit, wurde solid, sparte etwas Geld und kaufte sich sogar eine goldene Uhr. Eines Tages verlegte er sich aufs Saufen, verschwand aus meinem Hause und . . . befand sich abermals in Chitrofko. Später brachte mir ein Barfüßler einen Brief von I., der seinen Jammer schilderte. Ich befteite ihn diesmal aus seinem Elend, und in der Folge noch öfter. Er wurde immer wieder rückfällig. In diesem Menschen lebte der Trieb zur Vagabon- dage, und er war weder durch Güte noch durch Strenge zu retten?" „Mit welchen Mitteln kann man denn das Barfüßlerwesen ausrotten?" fragte der Interviewer Tolstoj, erzählte ihm von einigen Moskauer Wvhltätigkeitsgesell- schaften, wie zum Beispiel „das Asyl für jugendliche Barfüßler", und äußerte dabei sein Befürchten, daß derartige Asyle, troh der menschenfreundlichen Ziele, der Gesellschaft dennoch Schaden anrichten könnten. „Selbstverständlich!" antwortete Tolstoj, „dies ist eine zweischneidige Frage. Einerseits Mitteid mit den Kindern. Wie soll man ein unschuldiges Kind diesem Jammer nicht entreißen? Andererseits, ist beim dieses Verfahren keine Aufmunterung für die Barfüßler? Der Barfüßler dentt sich wohl dabei ganz logisch,, es genüge, wenn er selbst sich wohl fühle, um seine Frau und Kinder wird sich schon die Gesellschaft kümmern. Darum fühlt sich der Barsüßler in Chitrofko so wohl und will seine Lebensart nicht ändern." „Das „Nachtasyl" gefällt mir gar nicht", sagte Tolstoj, „ich glaube, daß für ein Drama eine dramatische Situation notwendig ist. In Gorkijs Stück fehlt sie aber." Dann sagte Tolstoj weiter! Ueberhaupt verstehe ich! unser modernes Theater nicht." Jetzt ist Leo Tolstoj mit seinen Memoiren sehr beschäftigt. an Literarisches. Vermischtes. Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. Redaktion: August Götz. — RotatlonLdruck und Terlag der Brübl'jchen Auflösung der Scherzfragen in vor. Nr.: I. weine«; 2. Robe«; 3. Tischler; 4. Sagau; b. Topa^ * Ein Zirknsfeft unter Mitwirkung von Mitatiedern des da Herr sch en Königshauses. München ist von jeher durchs seine Künstlerfeste berühmt aewesen, unter denen sicn einige, tote z. B. das große Schiffs- und Rosenfest auf einer Insel des Starnberger Sees unauslöschlich der Erinnerung aller Teilnehmer und Zuschauer eingeprägt haben. Aber daß das Königshaus, Ofsizierkorps und Bürgertum einträchtig bei. einer an Olympia und die Spiele des klassischen Griechentums erinnernden Veranstaltung zn,ammenwirken, ist auch sur München etwas Neues. Ein Wvhltatigkeitsziveck namUch die Absicht der Gründung eines Sanatoriums sur lungenkranke aus dem Mittelstände hat dies schone Zusammengehen veranlaßt. Der äußeren Form nach stellte: sich die Festvorstellung, die am 17. November ^Anwesenheit des Regenten und des ganzen 5zofes in dem bts auf den letzten Platz ausverlauften Zirkus Bavarra stattfand, als eine von Liebhabern veranstaltete Zirkus-Aufführung dar. , ^ent inneren Gehalt nach bot sie aber in Anbetracht der je nach ihrer besonderen Ausgabe von den Mitwirkenden entfalteten N°L°bL L SWUWSL •»bc- gieren. (Schwabacher Verlag in Stuttgart.) Kunst. I ■ * Der Denkmalschutz int Grvhherzvgtum Kessen beginnt, seit in diesem Jahre ein Laudesgesetz hnrUpr erlassen worden ist, in erweitertem Maße Prak- Ecnw G-stalt anzunehmen. Ein bedeutender Anfang wurde tische Gestalt anzuneymim gelegenen Ruine e r b ^che?SchloN e s, der Perle der Bergstraße, linier de/ Leitung des Berliner Architekten Bodo Ebhardt | und unter Mitwirkung der hessischen Baubehörden^wu^den stammenden gotischen Burganlage ergaben. Hand in Hand I aÄöÄSö treuer Wiederbelebung begeht. Die Geschichte des ^chwstos 1 läf>t sich urkundlich verfolgen bis zum Jahre 1257, wo I Graf Tiether III. von SröeneWiii einen• seinen Burqmannen zu Auerberg ausstellte. In sparerer -leit diente das Schloß unter Philipp dem Großmutigen als I Lniluchtsitätte für oen flüchtigen Herzog Ulrich von Wart- I würbe, iwbbeSr e» beit srs es?» ä v“ nnb leider auch durch verständnislose Umgestaltung- bewa^t. I den heute maßgebenden Anschauungen wird die Er I Haltung der Denkmäler früherer Zeiten so zu gestal en fein daß d?e Bestimmung ihrer einzelnen.Ba^le auch den s Väter en Geschlechtern erkennbar bleibt, die Wiederhersteu nna solcher Teile darf nur insoweit vorgenommen werden, nU f A an der Land von deutlichen Resten und Ausgrab- ungew volle Klarheit über die ehemalige Verfassung schafsen läßt. Die vorgenommenen Ausgrabungen iieferien bemerkenswerte Anhaltspunkte für die Feststellung uriviiinglichen Planes, Reste von Architekturteilen des SP uä. JEnbEs W» S--SK d> zu einem kleinen Burgmuseumim Lauptkurm: veremigr werden sollen Im übrigen besteht die Absicht, das Et bS ruinenhaften Gestalt zu erhalten, wobei es jedoch nötia sein wird einzelne Bauteile von Grund auf zu erneuern um dem Verfall vorzubeugen. Zur Untersuchung de? baulichen flustandes muhten Mauern unb Fundamente ireiaeleatwerÄ die epheuumwachsenen Türme unb die i'hT(>a arünen Schmuckes beraubt, unb Mit ihm flss poetische unb malerische Reiz, unb kahle NMternheit trat L Me Stelle. Wenn ber Wiflensdurst der Forscyer oe sriebiat sein wird unb ber Baumeister als Fachmann gegen lerüörenbe" Gnflüfle seine Pflicht erfüllt hat, möge bte Mutter Natur wieder zu ihrem Rechte kommen unch mit ihrem grünen Schleier bte alten Steine deckend, neues neben ans ben Ruinen hervorzaubern. A A A E EI I K L L M M R R S S rmbiu «‘»ÄbZ 2. w-ibiich« »—>! «• »* *’ yei'ü. 4, Oelbf (gilpB(ung w höchster Nommn.) Reitkunst, Körperkraft unb Anmut unvergleichlich viel mehr. Ten Glanzpunkt des Ganzen bilbete die in ber Uniform von bayerischen Kürassieren unb Chevauxlegers aus ber Zeit bes ersten Napoleon gerittene Quadrille, an der drei Mit- alieder des Königshauses, Generaloberst Prinz Leopold nebst Geuiahlin kund Prinz Franz teilnahmen. Prmzessm Gisela, die Tochter der ehedem kühnsten Reiterin Europas, zurzeit schon selbst eine allerdings sehr jugendliche Großmutter- hätte In der ihre schlanke Figur umschließenden kleidsamen Chevauxleger-Uniform sehr wohl für ein kaum dem Back- fischalter entwachsenes Mädchen gehaltm werden können, während in dem glänzenden Panzer bte dreUschultrige hoh ^laur bes Prinzen Leopold es in künstlerischer Hinsicht meta haben. Zu den mannigfaltigen sonstigen Borfuyr uuaen aus dein Bereiche höherer Reitkunst hatten das Offi- zKwrvs des in München stehenden Regiments Schwerer i U ÄS Ä mit den Lanzen, von zwölf Unteroffizieren.der Schweren Reiter eine Militär-Quadrille vorgeführt. Tie hohe Schule daaeaen die Grande Voltige, die große Parsoree;agd unb anderes'wurden in Rokvkokostüm, im roten Frack unb an* Ä L bieTÄe Vorführung passenben Gewanbern, I teilweise von bekannten Herrenreitern unb Tragern alb I aristokratischer Namen geritten. Uebertrafen schon bteje I Nummern an Eleganz, an Korrektheit, teilweise Käme .an I Kühnheit unb jedenfalls an Vorzüglichkeit bes vorgcfuhrien V i erd em a te ri als dasjenige ,was man felbst imbesten Be- 3?lÄr? getragen haben, daß wenigstens ein Teil unserer Y g I ciuaenb an Körpergewandtheit nicht hinter oertentg ö Kcksteht, die vormals in Olympia um den Stegespreis IM KL XS» lich dieses Beiwerk sich weit weniger als bei einem imup I zirkus hervortat. UmversitätL-Buch. und SteindruSerei. R. Lauge, Gnßcn.