Arettag den 23. Hktoöer. 1903. m III imÄh k MW MWL»^ (Nachdruck verboten.) IsS UsHemSdßtii in der Brckpe. Mon B. W. H o iv a r d. . (Fortsetzung.) „Denken Sie, Sie wären ein Fischer —" begann sie mit Nachdruck; „Sie schlafen in Ihrer Hütte am Strande des Kap Raz. Um Mitternacht hören Sie ein Klopfen! Eie stehen auf — öffnen die Tür. Es ist niemand draußen. Sie gehen hinunter ans Wasser. Dort liegt ein fremdes Boot, kein Mensch ist darin zu sehen, es ist aber so schwer geladen, daß es kaum schwimmen kann. Sie ergreifen das Ruder — und meinen das Fahrzeug kaum vom Platze zu bringen, aber trotzdem kommen Sie damit in einer einzigen Stunde weiter, als sonst in einer ganzen Nacht. Sie fühlen Todeskälte, Sie hören Klagen und Seufzen, Zähneknirschen und Küochengerassel, und immer schwerer wird das Boot, immer schwerer von all den Seelen." „Von Seelen, Seelen, Seelen", wiederholte Nannie. „Das wäre für mich ein wenig ratsames Geschäft", bemerkte Hamor nachdenklich „Erstens brauche ich nachts ziemlich viel Schlaf, zweitens kann ich aus Deiner Beschreibung kein Motiv zu einem Mlde entnehmen. Ich will mir's daher reiflich überlegen, ehe ich ein Fischer am Raz werde. Die Malerei hat zwar auch ihre Schattenseiten; aber im Großen und Ganzen", — er sprach langsam, da er gerade bei einer schwierigen Stelle war, „zum Zeitvertreib Seelen spazieren zu fahren, —" er vergaß das Ende seiner Rede und versank gänzlich in die Arbeit. Nannte, der des Malers zerstreutes Wesen aufmerksam beobachtet hatte, brach in ein unbändiges Gelächter aus, besann sich aber schnell und nahm wieder seine gewöhnliche feierliche Miene an. „Was gibt's?" fragte Hamor plötzlich; aufblickend. „Bon was sprachen wir doch? Ach ja, von den Seelen. Nun Guenn, was macht denn die Seelen gar so schwer?" "Wirklich? Was meinst Du z. B, das diejenige Seele getan hat, die am allerschwersten wiegt?" „Sie hat ihren Freund betrogen", entgegnete Guenn ohne Zögern, verächtlich die Lippen kräuselnd. „Ihren Freund? Wenn'si nun aber eine Freundin war?" „Meme Hose", sagte Guenn. „freund oder Freundin, das bleibt sich ganz Meich; es ist die größte Sünde." „Was ist die nächstgrvßte?" „Für ein Mädchen? Sich dreimal zu verloben ohne zu heiraten." Hamor lachte herzlich. i ' „Wenn ein Mädchen das tut, muß es dafür in der Hölle brennen", fuhr Guenn mit unerschütterlicher lieber- zeugung fort „Das scheint mir auch eine sehr gerechte Strafe; txB glaube aber nicht, daß man bet mir daheim Derne Ansicht -eilt. Unsere Mädchen wissen gewiß nichts davon." „Es wäre Lesser, Sie wüßten's", meinte Guenn. „Sagen! Sie es Ihnen lieber." r „ ... „Das werde ich sicherlich, tun", versprach Hamor ernst« ^^Dte Arbeit glückte ihm, das Wetter wär überaus günstig, bald konnte er die Sitzungen mit Guenn aus der Insel beginnen. Vergnügt pfiff er vor sich hin. Es war wirklich unterhaltend, hier auf dem alten Boot zu malen und dabet ihren naiven Anschauungen über Sünde und Vergeltung zu lauschen. Sie hegte so ehrenhafte Gesinnungen, so reine,- unschuldige Gedanken — ein jedes Mädchen hätte stolz darauf sein dürfen. Und wie hübsch sie sich zu benehmen wußte, wie hilfreich sie ihm war! Er war in diesem Augenblick wirklich sehr wohlgesinnt und wünschte ihr eine Freuds zu machen. r r ras „Guenn", sagte er freundlich, „wenn Du Dich verlobst — und ich bin fest überzeugt, Du wirst diesen Schritt nur einmal tun — werde ich Dir ein schönes Hochzeitsgeschenk Das schicken." „Oh!" rief die kleine Jeanne voller Entzücken. Guenn blickte ihn unverwandt an, auf ihr Ruder gelehnt. „Und Dir auch, Jeanne", fügte Hamor hinzu. „Oh!" rief Jeanne abermals. „Ihr müßt mir aber natürlich sagen, was Ihr gern möchtet und wer der glückliche Bräutigam ist." „Natürlich", pflichtete Jeanne bei. „Auch ob Ihr lieber etwas für den Haushalt oder für Eure Kleidung möchtet, zum Beispiel das Hochzeitskleid?"- „Guenn, möchtest Du nicht gern Dein Hochzeitskleid voN Monsieur haben?" fragte Jeanne und suchte ihre Freundin durch einen Ellbogenstoß zum Reden zu bringen. „O.O hat noch Zeit, Monsieur", murmelte Guenn. Es kostete ihr Mühe, ihren Schmerz zu verbergen; dabei nahm ihr Gesicht einen düsteren Ausdruck an. „Was für eine seltsame Gemütsart", dachte Hamor, „geradezu unberechenbar. Man hätte wirklich meinen; können, sie würde bei solcher Veranlassung eher etwas huldvoller sein. — , , „ , . , „Nun also, macht das ganz wre's Euch beliebt", sagte er gleichmütig; „wenn dann die frohe Zeit da ist, schreibt Ihr mir einen Brief, und ich sende Euch, was Ihr wollt. ' „Jeanne wird ihren Schatz und ihr Hochzeitskleid bekommen", sagte Nannte in prophetischem Tone, „Guentt aber trägt Saint Divys Zeichen." . „Wer in aller Welt ist denn das, und was ist sein Zeichen?" \ Saint Divy, der Sohn von Sainte Nonne", erklärte Nannte und deutete auf eine blaue Wer zwischen der« Augenbrauen, die auf seiner Schwester Stirn ebenso deutq sich hervortrat wie aus der seinen. „Das ist ein frühen ) Tod", fuhr er halb singend fort. 630 Wie groß auch Guenns Fatalismus und Werglauben ,-in mochte, so war sie doch durchaus abgeneigt, der landläufigen Erklärung für die Bedeutung der kleinen blauen Ader beizustimmen. Ihre überschäumende Lebenskraft widersetzte sich dem Gedanken, um einer solchen Kleinigkeit willen rns Nichts versinken zu sollen. „Was heißt jung," was heißt alt?" sagte sie, trotzig die Achseln zuckend. „Seht doch die alte Josephe! Die hat auch die blaue Ader!" „Ja, aber die betete ohne Unterlaß. Saint Divy wird Dir auch helfen, wenn Du fleißig betest", belehrte Jeanne. „Wenn Du nur weniger singen und mehr beten wolltest, Nannic, so könntest Du wohl alles mit Saint Divy in Ordnung bringen. Er ist gar nicht ungefällig und Du hast weit mehr Zett dazu als Guenn, von ihr kann man ja mcht verlangen, daß sie gar so viel betet." „Ein früher Tod, ein früher Tod", wiederholte der Knabe eigensinnig. „Ach geh' Nannic", begütigte SDiunor, „sei nicht so wunderlich, Du wirst uns noch ganz krank machen mit Deinem Unkengeschrei! Mir scheint „Divy" überhaupt ein recht unpassender Name für einen Heiligen; wenn er aber die kleinen blauen Linien um Guenns Augen gemalt hat, muß ich ihm für seinen guten Geschmack meine volle Anerkennung aussprechen. Wir wollen ihn von ganzem Herzen bitten, daß er uns Guenn und ihre schönen Augen noch viele lange Jahre läßt. Was würden wir auch ohne Guenn anfangen? Was sollte aus dem Bilde werden?" setzte er mit freundlicher Stimme und einem warmen Blick auf das Mädchen hinzu. Noch vor einer Minute hatte sie jenes seltsame, schmerzliche Gefühl der Hoffnungslosigkeit beschlichen, das sie 1,16 gekannt, ehe Monsieur in ihr Leven getreten war, und das er mit einem einzigen Scherzwort so plötzlich und so grausam heraufzubeschwören vermochte. Hochzeitskleid und Bräutigam! Nun ja, warunr sollte er auch nicht davon sprechen? Und doch schnitt ihr sein sorgloses Ge- plauder rn's Herz. Der Gedanke an eine andere Be- ziehnng, als die, in welcher sie jetzt zu ihm stand, ihm dienend uiid ihn vergötternd, war ihr noch niemals in den Linn gekommen — wie wäre das auch möglich gewesen! Aber sie lebte und webte so mit allen Fasern ihrer Natur in, ihm und für ihn, daß ein Dasein, an welchem er kernen Beil hätte, ihr undenkbar schien. Sie ahnte es wohl als eine ferne Möglichkeit, daß er einst fortgehen müsse, aber sie gab dieser Vorstellung keinen Raum, außer in einzelnen, unglücklichen Momenten wie vorhin, als er vom Hochzeitskleide sprach. * , top1' aber nicht nur die Anspielung auf eine bevorstehende Trennung, die sie zu übermannen drohte, vielmehr em dunkles Bewußtsein von der tiefen Kluft, die zwischen ihnen lag, über die hinweg er ihr zulächelte und scherzend seme Gaben und, freundlichen Worte verteilte. Eine tolle auf die unbekannte Zukunft, auf die fremden die sich zwischen sie drängen würden, ein echt weibliches Verlangen, ihm mehr zu sein, mehr für ihn tun su können, das immer wieder auf seine unnahbare Gleich? giltigkeit stieß, die,auch wohl eine Frau seiner eigenen Kreise hatte^ zur Berzweiflmlg treiben können — das waren die Enipfnidungen, die wilder Gewalt ihr Herz erbeben machten. JJiit einem einzigen Wort vermochte er den Sturm ihres Innern zu stillen. ,Ito)er Bild!' Wie sie es liebte! Lächelnd und hold errötend unter Hamors Blick, führte sie das Ruder und schaute so selig auf die bemalte Leinwand, wie ff”§e ^Eter auf ihr Kindlein, — so zärtlich, so voll schlitzender Sorge, und rührender Hingebung. — to schon der Mühe wert, sie ein wenig zu reizen, sie sieht noch einmal so schön aus, trenn der Zorn dann verfliegt", dachte Hamor bei sich „Es ist wahr, ich vergesse allznleikht ihre Schwäche: sie will nun einmal' nichts von meinem Fortgehen hören. Sie möchte sich am liebsten ent r eben, ich bliebe für immer hier. Nun, wenn sie denn durchaus dem Vogel Strauß gleich den Kops verstecken will, so ist das ihre Sache und schließlich macheu's die Frauen ja alle fo" Er Pfiff leise weiter und warf einen prüfenden Blick ttuf sein Werk. Nannic schwatzte unterdessen allerlei wirres Zeug, auf das Hamor nur mit halbem Ohr hinhörte, endlich wurde er jedoch tone, daß die Erzählung des Knaben kaum etwas anderes sein könne, als etne bretonische Lesart der Geschichte von Wälard und Hölöise. „Es waren Liebesleute, erklärte Nannic plötzlich mit natürlicher Stimme, „wie Mr.' Staunton und das fremde. Fräulein." „Wie Mr. Staunton's Liebste möchte ich wohl sein", meinte Jeanne schüchtern. „Soll das heißen, daß Dil gern Mr. Stauntons Schätzchen wärest?" fragte Hamor lächelnd. „Mon dien — nein", rief Jeanne beschämt. „Mr. Staunton ist gar kein übler Mann", bemerkte Guenn ernsthaft. „Sehr verbunden! Ich werde ihm das wieder sagen." „Ich habe es ihm schon oft selbst gesagt", entgegnete Guenn gleichmütig, „ich'habe ihm gesagt, daß ich ihn ganz gut leiden mag, Mr. Douglas dagegen gar nicht." „Warum denn nicht?" „Ich weiß nicht, aber es ist einmal so. Daß man jemand gern hat, weiß man gleich, es ist aber sehr schwer zu sagen warum?" „Aber Douglas ist doch immer freundlich zu Dir, Guenn!" „Gewiß, ich habe ihn aber trotzdem nicht gern. Man hat doch die Leute nicht deswegen gern, weil sie freundlich zu einem sind." „Einige Leute denken aber doch so." „Zu denen gehöre ich nicht." „Aber Jeanne z. B. sicherlich." Hamor blickte lächelnd in das sanfte Gesicht, auf dem sich kein stärkeres Gefühl spiegelte. „Gewiß, Monsieur, ich habe alle Leute gern, die gut zu mir sind", erwiderte sie ernsthaft. „Und wenn ich- jemand nicht leiden kann", rief Guenn ta aufwallendem Ungestüm bett Kopf zurückwerfetto, mit funkelnben Augen, „so kann er mich mit Gold überschütten, er mag flehenb zu meinen Füßen liegen, unb trenn er lächelte wie ein Engel Gottes, wenn er mir zu Gefallen die Welt umsegelte, mir die Sterne vom Himmel herunterholte, unb wenn er gut zu mir wäre, — so gut wie keiner auf Erben, ich würbe ihn deshalb doch nicht lieben, wenn ich ihn nicht liebte!" „Und wenn Du ihn liebst, Guenn?" fragte Hamor leise, und versuchte in ihren Augen zu lesen. „Wenn ich ihn liebe?" — ihre Stimme, noch eben so keck und herausfordernd, sank zu einem leisen, leidenschaftlichen Flüstern herab, — „wenn ich ihn liebe — dann mag er mich quälen, mich schlagen, mich hassen, mich hungern lassen und töten — ich werde ihn dennoch lieben — wenn ich ihn liebe!" „Wen hast Du denn wohl auf diese Weise lieb, Guenn?" fragte der Maler. Er glaubte kein Unrecht zu begehen, wenn er der Laune des Augenblicks Folge leistete. Wo so das innerste Gefühl aus freien Stücken zum Ausdruck kommt, welcher Mann könnte der Versuchung widerstehen, sein Spiel damit zu treiben? Guenn zitterte. Seine Augen suchten die ihren. Seine Worte klangen ihr wie süße, berauschende Musik in die Seele. Der Zauber seiner milden Freundlichkeit ivar unwiderstehlich, und wie er so zärtlich zu ihr sprach, hätte sie ihm zu Füßen fallen unb den Boden mit Küssen bebecken mögen, den er betrat. Wer dicht neben ihr, den klugen, fragenden Blick wie gebietend auf sie gerichtet, stand die Gestalt des blassen, kleinen Krüppels. Auch für ihn schlug ihr großes Herz voll warmer, innigster Zärtlichkeit. In mädchenhafter Scheu hocherrötend wandte sie sich mit einem fast rührenden Blick würdevoll von Hamor ab unb streckte bieHanb nach ihretoiBruber aus: „Meinen!Nannic!" klang die Antwort leise von ihren Lippen. Hamor batte wohl etwas anbereS erwartet, blickte aber voll Bewunderung auf fie. „Mann wirb denn Monsieur Staunton seinen Schatz heiraten?" fragte die praktische Jeanne mit ruhiger Stimme.' „Ich glaube schon nächsten Monat", erwiderte Hamor. „Werden die dann nach der Hochzeit alle* beide Bilder malen?" erkundigte sich Jeanne lachend; für fie lag in dieser Vorstellung etwas unendlich Komisches. „Versteht sich." „Ja, wer wirb aber bann kochen und die Kinder warten?" Hamor lachte. „Jeanne, über diesen Punkt hoben sich chon weisere Leute als Du den Kopf zerbrochen. Wenn ie mich um Rat gefragt hätten —" er sprach mehr zu ich selbst, als zu seinen jugendlichen Hörern r— „ich hätte hnen gesagt: tut's nicht, und abermals: iut’i nicht. 831 und zum drittenmal, tut's nicht I — Ein Maler, der für feine Kunst lebt, sollte überhaupt nicht heiraten — das ist meine Meinung, und gar ein Ehebund zwischen Maler und Malerin erscheint mir als der barste Blödsinn. Nun, «in en Mann kenne ich wenigstens, dem das nicht passieren ttnrb er heißt Everett Hamor, Ihnen zu dienen meine Damen und Herren", fügte er mit komischer Verbeugung hinzu. Jeanne und Nannic lachten herzlich, sie waren stets sein dankbarstes Publikum. Guenn schwang ihr schweres Ruder, als wäre es leicht wie eine Feder; nach rechts, nach links folgte ihre schlanke Gestalt den kräftigen Bewegungen: „Ah mon oieu, que la Vie est amöre!" sang sie dabei, frisch und fröhlich wie ein Waldvöglein im Frühling. „Jeanne!" rief sie dann plötzlich der phlegmatischen kleinen Strickerin zu, „manchmal bist Du wirklich so dumm wie Viktoria! Hör' doch auf mit dem ewigen Stricken, wach auf, fei lustig!" „Non le roi Arthur n'est pas mort!" sang Nannic; >,der König Arthur ist nicht tot, er kommt wieder, wieder!" Guenn sah so glückliche aus, als sei nach ihrer Meinung der schöne Heldenronig bereits wiedergekehrt mit reichen Ehren, Freude und Friede im Gefolge. Die schönsten seiner Gaben aber bringt er für sie — seine erwählte treue Magd. _ « ; (Fortsetzung folgt.) Krlegserkeönisse aus dem Zekdzuge 1870/71. Am 14. Oktober hielt im hiesigen Kriegerverein der Bezirksvorsitzende, Herr Bruchhäuser, einen Vortrag über seine Kriegserlebnisse im Feldzuge 1870/71, aus dem wir hier folgendes wiedergeben: Der Vortragende hat den Feldzug als Feldwebel in der 7. Kompagnie des Gießener Regiments mitgemacht. Bei dem Ausbruche des Krieges stand er bereits in feinem 12. Dienstjahre, hatte also auch schon an dem Feldzuge im Jahre 1866 teilgenommen. Die Beförderungsverhältnisse waren damals noch, sehr ungünstig. Obwohl der Vor- tragende stets seine Pflichten treu erfüllt hatte, konnte er doch erst, Anfang 1870 zum Sergeanten und bei dem Aus- marsche in den Krieg zum Feldwebel befördert werden. Am 16. Juli 1870 wurde die Mobilmachung befohlen. Tie Führung der 7. Kompagnie übernahm Oberleutnant Äißner, vor dessen Hause aus dem Lindenplatz damals auch die Appells stattfanden. Am 23. Juli bezog das Regi- nrent in den umliegenden Dörfern Quartiere, um die Stadt Meßen für die durchmarschierenden Truppen frei zu lassen. Tie 7. Kompagnie lag in Münchholzhausen. Am 24. Juli war die Mobilmachung beendet, und am Nachmittage dieses Tages fand ein Generalappell auf dem Heßler und die Besichtigung durch, den Oberst Kraus statt. Dort wurden auch zum ersten Male die Packpferde, die das Gepäck der Offiziere,und Feldwebel tragen sollten, erprobt. Die 7. Kompagnie hatte ein schwaches Schimmelchen erhalten. Als es mit Packkörben hüben und drüben beladen war, stellte es sich breit auf alle Viere und war nicht von der Stelle zu bringen. Mit einem Fuhrwerk mußte dann das Gepäck zur Bahn befördert werden. Am 25. Juli, morgens gegen 8 Uhr, fuhr das 2. Ba- taillon von Meßen ab. Am Bahnhofe wurden noch von den Ungehörigen und Freunden den ausmarschierenden Truppen Erfrischungen und Lebensmittel überreicht. Die Fahrt ging E Lahntal hinab und dann rheinauswärts bis Mosbach. Ueberall wurden die Truppen stürmisch begrüßt. In Klein- Wrnternheim wurde übernachtet und für die Weiterbeför- derung des Gepäckes ein Karren requiriert. Am 26. ging der Marsch nach Alzey und am folgenden Tage nach Mörstadt, wo dre Kompagnie bis zum 1. August verblieb. Hier wur- den an dre Kompagnie die Erkennungsmarken ausgegeben. Am 2. August trat das Regiment den Vormarsch an, und Sar grng es quer durch die bayrische Pfalz nach Swar- .rckeil zu. Bei Ober-Bexbach kam Herr von Bockum-Dolos, ern angesehener Meßener Bürger, zum Regiments, um fernen Sohn, der rn der 7. Kompagnie diente, noch einmal wrederzuseheg. Er verblieb die Nacht bei den Soldaten in den Quartreren und nahm am andern Morgen von feinem eofine hef6etoegt Abschied. „Meinen Karl sehe ich nicht wieder", waren sernL letzten Morte. .Aber seine Be.fichcht- ungen trafen nicht ein, denn wohlbehalten kehrte der Sohn aus dem Feldzuge zurück. — Als das Regiment am 9. August nach Spiesen marschierte, brach auf der Straße der Gepäckkarren der 7. Kompagnie zusammen. In Neunkirchen wurde rasch ein neuer Wagen requiriert, der aber für das Schimmelchen viel zu groß war. Bald gab es jedoch bessere Pserde. Als man nach. Frankreich kam, blieb eines Tages das Schimmelchen in einem Stalle stehen, und zwei stolze Pferde traten an seine Stelle. Als die .Kompagnie später aus dem Feldzuge zurückkam, hatte sie statt eines Pack- pferdes ein flottes zweispänniges Fuhrwerk. Die hessischen Truppen waren dem 9. Armeekorps unter dem General von Manstein zugeteilt. Die hessische Division wurde von Prinz Ludwrg von Hessen, dem späteren Großherzog Ludwig IV., befehligt, und die 49. Infanterie- Brigade, der das Gießener Regiment angehörte, von Generalmajor von Wittich. Am 10. August erreichte das Regiment St. Johann, und am folgenden Tage sollte es die Grenze überschreiten. In Saarbrücken marschierte die 49. Infanterie-Brigade an dem König von Preußen vorbei, der sich, anerkennend über ihre gute Haltung aussprach. Gleich nach dem Ueberschreiten der Grenze kam man an das Schlachtfeld von Spichern und dann nach Forbach. Ueberall sah man Zeichen des hartnäckigen Kampfes. Nahe bei Forbach, links vom Waldesrande, standen einige Soldaten bet einem gefallenen Hauptmann. Es war Hauptmann von Manstein, der Sohn des kommandierenden Generals. General von Manstein ritt herzu, stieg vom Pferde, küßte die Leiche seines Sohnes und weiter ging es, neuer: Kämpfen entgegen. In Forbach wurden alle Gebäude nach verborgenen Franzosen untersucht und u. a. auch eine französische Regimentskapelle aus einem Keller hervorgeholt. Da der Feind sich nach Metz zurückgezogen hatte, so wurde der Vormarsch dorthin angetreten. Am 13. August kam das Regiment über Herny, wo ein Feldgottesdienst abgehalten wurde und am folgenden Tage bezog es in Remilly Quartiere. Am Nachmittag dieses Tages wurden die Franzosen östlich von Metz bei Colombey-Nouilly von Teilen der Ersten deutschen Armee angegriffen und geschlagen. Am Morgen des 15. lud das Regiment zum ersten Male die Gewehre, da der Feind jetzt in b#r Nähe war. Bei Mercy le Haut traf man aus Schützengraben, die aber von den Franzosen schon verlassen waren. Die Truppen rückten daher wieder nach Süden ab und das 2. Bataillon erreichte spät in der Nacht Orny, wo es Quartier beziehen sollte. Sie Einwohner hielten sich verborgen und hatten die Häuser zum größten Teil verriegelt; erst als man begann, die Türe:: einzuschlagen, kamen sie hervor. Nack) dem anstrengenden Marsche waren die Soldaten meistens sehr ermüdet, daß sie gar nicht abkochten, sondern sich sofort zum Schlafen niederlegten. Am Morgen des 16. August waren die Truppen gerade mit dem Abkochen beschäftigt, als sie allarmiert wurden und die Kochgeschirre wieder ausschütten mußten. Der Marsch ging zunächst westlich nach Corny an der Mosel. Hier kam man an etwa 100 gefangenen Franzosen vorbei, die aber recht siegesgewiß waren. „Wir sind zioar gefangen, aber unsere Armee wird heute noch siegen", riefen sie den Deutschen zu. Bei Corny erhielt Prinz Ludwig von dem Prinzen Friedrich Karl die Mitteilung, daß das 3. Armeekorps bei Mars la Tour in einem heftigen Kampfe mit Franzosen stehe und den Befehl, zur Unterstützung dieses Korps vorznrücken. Es wurden daher bei Corny die Tornister abgelegt, und nach dem Ueberschreiten der Mosel ging es im Laufschritt, teils im Marsch nach Gorze. Am Eingang der Stadt hing an einer Kette ein Franzose. Er war aufgehängt worden, weil er angeblich aus einem Hanse auf durchmarschierende deutsche Truppen geschossen hatte, was allerdings von seinen Angehörigen später bestritten wurde. Das Gießener Regiment wandte sich rechts von Gorze dem Walde zu, in dem aber nur mühsam vorwärts gegangen werden konnte, da er nur von wenigen schmaken Wegen durchschnitten war und viel Unterholz hatte. Es entwickelte sich ein Gefecht mit dem Feinde, dem aber dir hrrein- brechende Dunkelheit bald ein Ende machte. Ehrend der Nacht biwakierte das Regiment im Walde. Um ihren Durst zu löschen, leckten sogar manche Soldaten die Tropfen von den Blättern ab. Am folgenden Morgen hielt der General von Wittich eine Ansprache und teilte mit, daß die hessischen Truppen^ obwohl sie erst, spät in die Schlacht eingre.ifen. 632 konnten, doch wesentlich zu der siegreichen Entscheidung beigetragen hatten. Das Regiment setzte sich dann in Marsch und kam über das Schlachtfeld vom 16. August, wo noch Überall Tote und Verwundete lagen. Aus dem Schlachtfelde wurde heilte Biwack bezogen. Da es an Wasser fehlte, benutzten die Soldaten zum Kaffeekochen sogar das schmutzige Wasser in den Pfützen, nachdem sie es in Kochgeschirren etwas hatten abstehen lassen. In der Nähe beerdigten andere Truppen ihre Gefallenen. Ergreifend war es, als ein Jägerbataillon unter lautem Klagen seinen gefallenen Major beerdigte. Während das Regiment ab» kochte, ritt der König Wilhelm vorüber und dankte der hessischen Division für ihr erfolgreiches Eingreifen am vorhergehenden Tage. Am Nachmittag erhielt Sergeant Buß die Erlaubnis, nach Gorze zu gehen, um Lebensmittel zu holen. Er war aber am Abend noch nicht zurückgekehrt und traf erst am folgenden Tage auf dem Marsche bei der 7. Kompagnie wieder ein. Am Morgen des 18. August marschierte die hessische Division zunächst bis Caulre Fernre. Als die Truppen mit dem Abkochen begonnen hatten, wurde an die Gewehre gerufen. Es wurde bekannt gegeben, daß die Armee des Kronprinzen angekommen sei und daß die Franzosen heute noch unter die Kanonen von Metz müßten. Sogleich donnerten die Geschütze herüber. Die 7. Kompagnie wurde zur Artillerie-Bedeckung bestimmt. Als sie Aufstellung genommen hatte, kam rechts von Gravelotte her König Wilhelm, begleitet von dein Prinzen Ludwig von Hessen und Hurrarufen der Truppen begrüßt. Der König nahm einige Milderungen an der Aufstellung der Artillerie vor und ritt nach St. Privat weiter. Während des Hurra- rufens vermehrten plötzlich die Franzosen ihr Geschützfeuer, weil sie wohl den König ihnen gegenüber vermuteten. In die 7. Kompagnie schlug eine Granate, die sechs Mann verwundete und den Musketier Schott tötete. Das Gewehr von Schott ivar ganz zersplittert und der Lauf krumm gebogen. Dem Musketier Wagner aus Friedberg waren beide Hände und Beine abgeschossen, sodaß er am solgeuden Tage verstarb. Als Feldwebel Bruchhäuser zu ihm trat, rief ihm Wagner zu, er möge ihm helfen, seine Kleider brennten. In' der Tat hatte der Waffenrock durch die Granatsplitter Feuer gefangen. Feldwebel Bruchhäuser wollte ihm den Leibriemen abnehmen, aber das Schloß war durch ein Granatflück verbogen, sodaß er den Riemen mit dem Säbel durchschneiden mußte. Nur mit Mühe konnte er Wagner den Waffenrock ausziehen, da die Hände nur noch an einzelnen Fasern an den Armen hingen. Kurz darauf kamen Krankenträger und trugen den Schwerverwundeten aus der Schlacht. Während Bruchhäuser bei Wagner beschäftigt war, schlug dicht daneben eine Granate in die Erde, glücklicherweise ohne zu platzen. Im Laufe der Schlacht wurde auch der Kompagniechef, Herr Oberleutnant Kißner, schwer verwundet, woran er später in Deutschland gestorben ist. Der Abend machte dem hartnäckigen Kampfe ein Ende. Tie hessische Division hatte an diesem Tage nur wenig Terrain gewinnen können, da sie im Zentrum stand, aber schwere Verluste gehabt. Nachdem die Franzosen im Süden bei Gravelotte und im Norden bei St. Privat und St. Marie aux Chenes zurückgeschlagen waren, mußten sie auch auf ihrem Zentrum zurückgehen. Tie Verluste der 7. Kompagnie betrugen an diesem Tage au Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften 63 Mann. In der Nacht auf den 19. August biwackierten die Truppen aus dem Schlachtfelde. Am nächsten Morgen kam General von Wittich zu dem Regiments und sagte: „Soldaten, wo hier enn Mann liegt, liegen drüben (bei den Franzosen) ganze Sektionen". Und es war auch so. Ms man nut 19. in die verlassene französische Stellung kam, lagen dort massenweise tote Franzosen. Die vielen Verluste auf feiten des Feindes waren hauptsächlich der Wirkung des deutschen Geschützfeuers zu verdanken. In der französischen Stellung war die Erde geradezu von den deutschen Granaten gepflügt, und man sah tote Franzosen noch im Anschlag liegen, die von Granaten durchbohrt waren. Die Verwundungen auf deutscher Seite rührten zu einem erheblichen Teile von dem Feuer der französischen Mi- trailleusen her. In dem verlassenen Lager der Franzosen fanden unsere Soldaten große Mengen von Zelten, Teppichen, Lebensinitteln rc. Später wurde das Lager von deutschen Truppen ab gesperrt. Während des 19. August beerdigte das Regiment seine Toten. Die 7. Kompagnie errichtete auf dem Grabe des! Musketiers Schott ein Kreuz aus seinem zerschossenen Gewehre. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. * Englische Hochzeitstviletten. Aus London wird berichtet: Eine der malerischsten Hochzeiten, die man seit langem in London gesehen hat, fand am Donnerstag Nachmittag inmitten weißer Chrysanthemen und großerLilieN in St. Margaret in Westminster statt. Lady Gwendolen Onslow, die Tochter Lord Onslows, des Ministers für! Ackerbau, verheiratete sich mit dem Hon. Rupert Guinneß. Die Feier hatte große Menschenmengen zu der schönen alten Kirche gelockt. Unter den Klängen des Brautchores aus dem „Lohengrin" schritt die Braut mit ihren Brautjungfern und kleinen Pagen durch das Mittelschiff, das in eine Palmenallee verwandelt war. Die Braut trug ein entzückendes Brautkleid aus elfenbeinfarbenem Duchesse Satin. Der Rock und die lange Schleppe waren mit Silberstickerei auf Chiffon bedeckt, und zm beiden Seiten der Stickerei zogen sich Bandguirlanden in Silberfaden. Kleine Zweige aus Klee, in weißem Seidenband gearbeitet, vermischten! sich mit diesem Muster. In der Mitte jedes Blattes! funkelte ein kleiner Diamant. Silberstickeret auf Chiffon über Satin, mit einem gefältelten Seidenbaud am Datllen- chluß, bildete den unteren Teil der Taille, und der obere Teil war mit Silberstickeret ausgefüllt. Lange Aermel aus Spitze uud Chiffon fielen anmutig von den Schultern herab/ und der schön angeordnete feine Tüllschleier war mit einem kleinen Zweig aus Orangenblüten befestigt. Die Braut trug eine schöne Perlenschnur, ein Geschenk des Bräutigams. Die drei älteren Brautjungfern trugen große schwarze Hüte mit sehr hohen Köpfen und elfenbeinfarbene Kleider aus Seide mit Chiffon. Fünf kleine Mädchen in Empirekleidern waren auch Brautjungfern. Die beiden Pagen trugen die Uniform der Seekadetten zu Nelsons Zeiten, und mit ihren dreieckigen Hüten, blauen Fräcken, Kniehosen und weißen Strümpfen fielen sie allgemein auf. Die Mutter des Bräutigams, Lady Jveagh, trug creme mit einer rosa Doque mit rosa Chisfon und reichen Federn. Sie trug eine lange. Perlen chnur und einen kleinen weißen Palycape.Die Mutter der Braut trug ein schönes Kleid aus resedagrunent Tuch und Chisfon mit einem Kragen aus ecru Spitze mit Golofadeustickerei. . . ,,, „ „ * Haarernte findet im Oktober in Frankreich statt. Tie Händler beziehen die Märkte und suchen die jungen Mädchen zu bereden, sich von ihren schönen Zöpfen zu trennen. IN verschiedenen Distrikten kultivieren die Mädchen ihr Haar derartig, daß sie es alle drei Jähr zup Schnittreife bringen. Das Haar der normannischen Frauen! ist weitaus das schönste, in der Bretagne ist es am gröbsten/ und in Limoges gibt es das schönste Lockenhaar. Im Norden Frankreichs ist das Haar am wenigsten schön, da es durch die Seeluft gebleicht ist, während es in beit ^rggegendeu dunkel und lockig ist. Bedeutende Abnehmer sind die Amerikaner. Der Haarumsatz Frankreichs beläuft sich alljährlich auf fünf Millionen Frank. Deutschland liefert Mahr- sich viele Tonnen blonden Haares. Steigerungsscherze. Es fiiib für a und b sinngemäße Wörter zu ergänzen und zwar stellt b dem Klange nach die Steigerungssorm von a dar, wie a Reibe, b Reiher; a Mai, b Maier. 1. Ich bin noch a, lächelte sie, denn alle b habe ich bisher abge» ,V2?Sei dem a im Feindesland wurde der b gefangen. 8. Die a des Maurers liegt im b. . , 4, Es war noch so a, daß ich den verlorenen b gleich 5. Die a heilte wie durch ein b. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.r Kavallerie. Arie, Valerie, Aller, Lava, Leier, Erle, Riviera, Ilka, Eva, Redaktion: August Götz. - Rotationsdruck und Verlag der Vrübl'schen UniverstM-BuL. und SteiMuckerL, R, Lanü^Gteßrn.