W 4 IU U B 4--S--äiBä F 443 B8ST1S'ÄS 3 3 ^3 3 3 rt-T $8. .3. "SIS f8 Montag den 23. MSrs. Nr. 44 1903. «ZlMi (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte Nebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) „Da steckst Drl also? Ich habe Dich im ganzen Schiff gesucht!" Trotz des strengen Verbots hatte ich die Brücke als meine letzte Hoffnung erstiegen, und dort saß A. I. Raffles in der Tat auf dem Glasdache eines Ventilationsschachtes und neigte sich über einen langen Deckstuhl, worauf ein junges weißgekleidetes Mädchen lag, ein schmächtiges Ding mit bleicher Hautfarbe, dunklem Haar und etwas auffallenden Augen. So viel hatte ich bemerkt, als er sich erhob und rasch umwandte, und dann konnte ich nur noch an die flüchtige Grimasse denken, die seiner gut gespielten Ueberraschung vorausging. „Wie.... Bunny!" rief Raffles. „Me kommst denn Du hierhergeschneit?" Dabei kniff er mich in die Hand, und ich stammelte etwas unverständliches. „Und Du fährst mit in diesein Schiffe? Am Eirde sogar auch nach Neapel? Na, das mnß ich wirklich sagen! Miß Werner, darf ich Ihnen meinen Freund vorstellen?" Das tat. er ohne zu erröten, indem er mich als einen alten Schulkameraden bezeichnete, den er seit Monaten nicht gesehen habe, und wobei er allerhand ganz willkürliche und unnötige Nebenumstände erfand, die mich verwirrten und mich mit Argwohn und Aerger erfüllten. Ich fühlte, wie ich für uns beide errötete, aber daran lag mir nichts. Meine gesellschaftliche Gemandtheit hatte mich vollständig verlassen, und ich bemühte mich auch gar nicht, sie wieder zu finden, um die mir aufgezwungene Rolle durchzuführen. Nur dazu lies ich mich herber, einige Worte zu murmeln, die mir Raffles geradezu in den Mund legte, und auch, das tat ich, ohne meine üble Laune zu verbergen. „Also Du hast meinen Namen in der Passagierliste gelesen, und das hat Dich veranlaßt, mich aufzusuchen? Du guter alter Bunny! Aber hör' mal, ich wollte. Du könntest meine Kabine teilen. Ich habe eine prachtvolle auf dem Promenadedeck, aber der Zahlmeister konnte mir nicht versprechen, mich allein zu lassen, und wir wollen gleich das nötige besorgen, daß sie keinen Fremden hineinbringen. Hier können wir ohnehin nicht länger bleiben." Ein Steuermann war nämlich ans Rad getreten, und noch während wir sprachen, nahm ein Lotse die Kommandobrücke in Besitz. Als wir hinunterstiegen, fuhr der Tender mit flatternden Taschentüchern und unter lallten Abschiedsrufen ab, und wir empfahlen lins voll Miß Werner unter Begleitung des langsamen tiefen Stöhnens, das aus denr Maschinenraum heraufdrang und uns! verkündete, daß unsere Reise begonnen hatte. Die Beziehungen zwischen Raffles und mir nahmen keinen vielversprechenden Anfang. An Deck hatte er meine hartlläckige Verblüffung durch seine erzwungene, aber tat ganzen überzeugende Lustigkeit verhüllt; in der Kabine legte er jedoch die Glacehandschuh ab. „Du Schafskopf!" knurrte er, „Du hast mich schon wieder verraten". „Wieso habe ich Dich verraten?" entgegllete ich, die besondere in den Worten „schon wieder" liegende Beleidigung überhörend. . „ „Wie? Ich sollte denken, jeder Dummkopf hätte herausfühlen können, daß ich unser Zusammentreffen ein rein zufälliges sein lassen könnte." „Nachdem Du selbst beide Billets genommeil hattest?" „Davon wußte an Bord niemand etwas. Außerdem hatte ich mich auch noch nicht dazu entschlossen, als ich sie nahm." , , „Dann hättest Du mich benachrichtigen sollen, sowie Du Deinen Entschluß gefaßt hattest. Du machst Deine Pläne, sagst kein Wort darüber, und dann verlangst Dn, daß ich mich ihnen instinktiv anpassen soll. Ich konnte doch nicht riechen, daß Du irgend etwas tat Schild« führst." Damit hatte ich den Spieß ziemlich wirkungsvoll umgekehrt, und Raffles lieg beinahe den Kopf hängen. „Ja, siehst Du, Bunny, ich wollte es Dich eigentlich nicht wissen lassen. Du — Du bist auf Deine alten Tage ein so frommes Huhu geworden." , Mein Spitzname und sein Ton besänftigtell Mich m weitgehendem Maße, noch andere Dinge kamen dazu, aber ich hatte ihm iminer noch viel zu verzeihen. „Wenn Du Dich scheutest, mir zu schreiben", fuhr ich fort, „so hättest Du mir mindestens einen Wink geben ollen, sowie ich das Schiff betrat. Ich würde ihn sofort verstanden haben, und so furchtbar tugendhaft, als Du zu glauben scheinst, bin ich auch nicht." War es Einbildung, oder sah Raffles wirklich, etwas beschämt aus? Wenn ich mich nicht tauschte, so war es das erste- und letztemal wahrend all der Jahre unserer Bekanntschaft, und zu beschwören vermag ich es auch jetzt noch nicht. „Das war auch gerade das, was zu tun, ich beabsichtigte", sagte er. „Ich wollte in meiner Koje warten, bis Du vorbeikamst, aber..." . „Du warst durch etwas besseres tn Anspruch, genommen." „Sag' lieber, etwas anderes." „Die reizende Miß Werner?" „Sie ist wirklich reizend." ,, , „Das sind die meisten jungen Australierinnen. "Woher weißt Du denn, daß sie Australierin ist?' 174 „Ich habe sie sprechen hören." „Wie ungezogen!" entgegnete Raffles lachend. „Sie spricht nicht mehr durch die Nase, als Du. Ihre Familie ist deutsch; Miß Werner ist in Dresden auf der Schule gewesen und reist jetzt allein nach Hause." „Geld?" fragte ich. „Geh zum Kuckuck!" erwiderte er, und obgleich er lachte, hatte ich doch den Eindruck, daß es ratsam sei, den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln. „Gut", sagte ich, „also Miß Werner hatte mit Deinem Wunsche, daß wir uns als Freunde gegenüberftehen sollten, nichts zu schaffen? Führst Du etwas feineres im Schilde?" „Das könnte wohl sein." „Willst Du mir nicht lieber sagen, worum es sich handelt?" Raffles musterte mich wieder mit der alten Vorsicht, die ich so gut kannte, und gerade, daß ich nach allen diesen Monaten so vertraut damit war, veranlaßte mich, in einer Meise zu lächeln, die ihn hätte beruhigen können, denn eine ungefähre Ahnung, worum es sich handle, war bereits in mir aufgestiegen. „Wirst Du auch nicht im Lotsenboot auskneifen, Bunny?" „Nicht ganz." „Also — erinnerst Du Dich noch der Perle, worüber Du so schöne Verse . . ." „Du hast sie!" fiel ich ihm mit feuerrotem Gesicht, wie ich einen Augenblick in dem Kabinenspiegel sah, ins Mort. Raffles schien überrascht zu sein. „Noch nicht", antwortete er, „aber ich gedenke, sie zu bekommen, noch ehe wir Neapel erreichen." „Ist sie an Bord?" „Aber wie — wo — wer hat sie?" „Ein kleiner Offizier, ein Knirps mit einem senkrecht in die Höhe stehenden Schnurrbart." „Den habe ich im Rauchsalon gesehen." „Ja, das ist er; dort haust er den ganzen Tag. Herr Hauptmann Wilhelm von H., wenn Du in der Liste nachsehen willst. Er reist in besonderem Auftrage seines obersten Kriegsherrn und überbringt die Perle." „Hast Du das in Bremen ermittelt?" „Nein, in X. von einem Zeitungsmenschen, den ich dort kenne. Ich schäme mich, einzugestehen, Bunny, daß ich deswegen dorthin gereist bin." „Dessen brauchst Du Dich nicht zu schämen", erwiderte ich, in Lachen ausbrechend. „Du tust genau das, was ich neulich an der Themse hoffte, Dich Vorschlägen zu hören." „Du hofftest das?" rief Raffles mit weit geöffneten Augen, und in der Tat war jetzt er an der Reihe, überrascht zu sein, und ich, mich mehr zu schämen, als ich es in Wirklichkeit tat. „Ja", antwortete ich, „ich bin von dem Gedanken ganz eingenommen, aber ich hatte nicht die Absicht, ihn vorzuschlagen." „Und doch würdest Du mir neulich Gehör geschenkt haben?" Gewiß hätte ich das getan, und gestand das auch rückhaltlos ein, aber selbstverständlich nicht schamlos und auch _ nicht mit dem Wohlbehagen eines Menschen, dem ein solches Abenteuer an sich Vergnügen macht, sondern unwirsch, trotzig, verbissen, wie jemand, der versucht hat, ehrlich zu leben, und dem es nicht gelungen ist. Da ich einmal dabei war, sagte ich ihm auch noch mehr und schilderte ihm beredt meinen hoffnungslosen Kampf und meine unvermeidliche Niederlage, denn hoffnungslos war jener, unvermeidlich diese für einen Menschen mit meiner Vergangenheit, obgleich die Chronik dieser Vergangenheit nur in meiner eigenen Seele geschrieben stand. Es war die alte, alte Geschichte des Diebes, der versucht, ein ehrlicher Mensch zu werden; es geht gegen die Natur, und damit ist alles gesagt. Raffles war durchaus nicht mit mir einverstanden und schüttelte den Kopf über meine altmodische Ansicht. Die menschliche Natur sei eiu Schachbrett, man müsse sich mit der Abwechselung zwischen schwarzen und weißen Feldern abfinden und dürfe nicht verlangen, sich entweder nur auf schwarzen, oder nur auf weißen zu bewegen, wie unsere Voreltern auf der Bühne oder in altmodischen Romanen. Ihm seinerseits gefalle es auf allen Feldern des Brettes gleich gut, aber der Schatten der schwarzen lasse die Helligkeit der weißen nur noch mehr hervortreten. Meinen Schluß erklärte er für abgeschmackt. „Aber Du befindest Dich bei Deinem Irrtum in guter Gesellschaft, Bunny, denn alle billigen Moralisten predigen denselben Unsinn, und der alte Virgil war der erste und schlimmste Sünder von euch allen. Ich wette darauf, daß ich jeden Tag, wo es mir gefällt, aus dem Avernus emporsteigen kann, und früher oder später werde ich das auch tun, um nicht wieder in ihn zu versinken. In eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht werde ich mich wohl nicht verwandeln können, aber ich kann mich zurückziehen, solide werden und ehrlich leben bis an mein seliges Ende. Ich weiß nicht, ob das nicht schon mittels dieser Perle allein ausführbar wäre." „Dann hälft Du sie nicht mehr für zu auffällig, um sie zu verkaufen?" „Wir könnten eine Perlenfischerei pachten und sie mit anderer geringwertiger Waren finden. Das müßte nach monatelangem erfolglosem Fischen geschehen, gerade wenn wir schon im Begriffe wären, das Geschäft als hoffnungslos aufzugeben und unfern Schuner wieder zu verkaufen. Bei Gott, das wird Lärm im Stillen Ozean machen!" „Nun, jedenfalls müssen wir sie erst haben. Ist dieser Herr von So-und-so ein gefährlicher Kunde?" „Gefährlicher, als er aussieht, und frech ist er, wie der Satan." Noch während er sprach, flatterte ein weißes Damenkleid an der offenen Kabinentür vorbei, hinter dem ich einen Schimmer von einem nach oben gedrehten Schnurrbart erhaschte. , „ „Ist das der Mensch, mit dem wir es zu tun haben? Hat er die Perle nicht dem Zahlmeister zu sicherer Aufbewahrung gegeben?" Raffles stand an der Tür und schaute nut gerunzelter Stirn über den Solent hinaus, wandte sich aber einen Augenblick später, die Nase rümpfend, nach mir um. „Mein lieber Freund, bildest Du Dir etwa em, bie ganze Schiffsgesellschaft wisse, daß sich ein solches Kleinod an Bord befindet? Du behauptest, es sei hunderttausend Pfund wert; in X. wurde es für geradezu un;chatzbar erklärt. Ich bezweifle sogar sehr, ob es selbst der Kapitan weiß, daß Herr von H. es bei sich führt." „Ja, hat er es denn auch wirklich?" „Er muß es haben." „Also haben wir es nur nut chm zu tun? Seine Antwort bestand in einer stummen Gebärde, denn wieder flatterte etwas weißes vorbei. Raffles trat hinaus und machte im Bunde der Spaziergänger den Dritten. Ein schöneres Dampfboot, als die „Sachsen" des Norddeutschen Lloyd, einen liebenswürdigeren Herrn, als ihren damaligen Kapitän, und bessere Reisegefährten, als ferne Offiziere kann man nicht verlangen. Das zuzugeben, WM ich wenigstens keinen Anstand nehmen. Im übrigen war mir diese Reise widerwärtig, aber daran war niemand schuld- der etwas mit dem Schiffe zu tun hatte, ebensowenig das Wetter, das einförmig ideal war. Selbst rn meinem, Herze war der Grund nicht zu suchen, beim die Ehe zwischen meinem Gewissen und mir ioar längst getrennt, und dieser Urteilsspruch war unwiderruflich. Mit meinen Bedenklichkeiten war auch, alle Furcht geflohen, und ich war vollkommen bereit, mit derselben leichtherzigen Hingabe im Genüsse des strahlenden Himmels und der leuchtenden See zu schwelgen, als Raffles. Dieser selbst war es, der mir die Freude an der Reise verdarb, aber nicht er allein; Raffles und die Heze aus deu Kolonien, die von der Schäle nach Hause zurnü- kehrte, die waren es. Was er an ihr fand — allein das ist eine müßige Frage. Natürlich sand er nicht mehr an ihr, als ich, aber sei es nun, daß er mich ärgern oder für lueme lange Treulofigkeir strafen wollte: genug, er ließ mich von Southampton bw ins Mittelländische Meer ganz links «egen, um sich die em Backfisch zu widmen. Es war wirklich zu abgeschmackt, wie sie immer zusammenhockten. Schon beim Frühstück fing es an, und bis elf oder zwölf Uhr nachts gab es nicht e Stunde, wo man nicht Miß Werners näselndes Lachen und Raffles leise Stimme hörte, womit er ihr seinen Unsinn ins Ohr schwatzte. Unfinn war es selbstverständlich, denn 175 ist eß annehmbar, daß ein Mann wie Raffles, mit seiner Weltkenntnis und seinen Erfahrungen über die Frauen (eine Seite seines Wesens, die ich absichtlich unberührt gelassen habe, da sie einen besonderen Band verdient), ist es glaubliche frage ich, daß solch ein Mann tagelang etwas anderes als Unsinn mit einem oberflächlichen Schulmädchen schwatzen konnte? Daß die junge Dame in mancher Hinsicht anziehend war, habe ich> wie ich glaube, schon zugegeben. Ihre Augen mögen wirklich schön gewesen sein, und die Form ihres kleinen braunen Gesichtchens war ganz reizend, soweit bloße Aeußerlichkeiten reizend sein können. Allein ihr Auftreten war freier als mir gefiel, und dabei besaß sie eine beneidenswerte Gesundheit, Feuer und Lebenslust. Melleicht habe ich keine Gelegenheit, Aeußerungen der jungen Dame auszuzeichnen (sie würden das auch kaum vertragen), und deshalb bestrebe ich mich umsomehr, nicht ungerecht gegen sie zu sein. Daß ich ein Borurteil gegen sie hatte, gebe ich zu. Ich ärgerte mich über ihren Erfolg bei Raffles, von dem ich infolgedessen weniger und weniger sah. Das eingestehen zu müssen, ist peinliche aber in mir nagte etwas, was eine verzweifelte Aehnlichreit mit Eifersucht hatte. Auch nach anderswo herrschte Gfersucht, nackte, ungezügelte, würdelose Eifersucht. Hauptmann v. H. drehte seinen Schnurrbart wie die Zwillingstürme des Kölner Doms empor, zerrte seine weißen Manschetten über seine Ringe und starrte mich unverschämt durch sein randloses Augenglas an. Wir hätten einander trösten sollen, aber wir wechselten nie ein Wort. Der Hauptmann hatte eine mörderische Narbe aus einer Wange, eine Universitätserinnerung und ich mußte immer denken, welche Genugtuung es für ihn gewesen wäre, wenn er Raffles hätte ähnlich zeichnen können. Nicht als ob Herr v. H. nicht auch dann und wann seine Gelegenheit bei der jungen Dame gehabt hätte. Raffles ließ ihm mehrmals täglich den Vortritt, um nachher das boshafte Vergnügen zu haben, ihn verabschieden zu lassen, gerade wenn er anfing, „warm zu werden". Das waren Raffles' Worte, als ich ihm heuchlerische Borwürfe über fein anstößiges Betragen gegen einen deutschen Offizier auf einem deutschen Schiffe machte. „Du wirst unbeliebt an Bord werden." „Nur bei Herrn v. H." „Aber ist das weise, wenn er der Mann ist, dem wir blauen Dunst vormachen müssen?" „Das weiseste, was ich jemals getan habe. Mich mit ihm anzufreunden, wäre das allertörichste — das gewöhnliche Verfahren." z Das tröstete und ermutigte mich, sodaß ich säst zufrieden war, denn ich hatte gefürchtet, daß Raffles die Hauptsache vernachlässige, und ich konnte mich nicht enthalten, ihm das zu sagen. Schon waren wir nahe bei Gibraltar, und seit wir den Solent verlassen hatten, war nicht ein Wort über seine Lippen gekommen. „Zeit die Hülle und Fiille, Bunny", sagte er, lächelnd den Kopf schüttelnd. „Ehe wir Genua erreichen, können wir nichts tun, und dort werden wir erst Sonntag abend ein» treffen. Die Reise ist noch jung und wir gleichfalls, also laß uns genießen, solange wir können." Während dieser Unterredung, die nach dem Diner aus dem Promenadedeck stattfand, sah sich Raffles aufmerksam um, und als er die letzten Worts- aesprochen hatte, verließ er mich auf eine Weise, die aus - eine bestimmte Absicht schließen ließ. Dagegen zog ich mich in den Rauchsalon zurück, um in einer Ecke zu rauchen, zu lesen und v. H. zu beobachten, der sehr bald erschien, sich verdrießlich in eine andere setzte und Bier trank. Im Hochsommer hat das Rote Meer wenig verlockendes für Reisende, sodaß die „Sachsen" sehr schwach besetzt war, allein auf dem Promenadedeck lagen nur wenige Kabinen, und das hatten wir benutzt, um meinen Wunsch, Raffles Kajüte zu teilen, glaubhaft erscheinen zu lassen. Unten hätte ich eine, für mich allein bekommen können, aber ich mußte oben sein. Raffles hatte darauf bestanden, daß ich das verlangen solle. Auf diese Weise kamen wir zusammen, ohne für mich erkennbaren Zweck. Am Sonntag nachmittag lag ich schlafend in meiner Koje, der unteren, als Raffles, der in Hemdärmeln auf dem Sofa saß, die Borhänge schüttelte. „Grollt Achilles in seinem Zelt?" „Was soll ich denn sonst tun?" fragte ich gähnend und mich streckend, aber ich bemerkte die gute Laune in seinem Tone und bemühte mich, sie zu fördern. „Ich habe etwas anderes zu tun gefunden." „O, das kann ich mir wohl denken." „Du mißverstehst mich. Der Knirps schneidet seine Pfeifen heute nachmittag, weil er im Rohre sitzt; ich habe andere Fische zu braten." (Fortsetzung folgt.) Orientalische Glasperlen. Von M. Koßak. (Nachdruck verboten.) Die Kunst, Glasperlen zu fabrizieren, ist eine uralte. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben die Frauen der ältesten Kulturvölker solche zum Ersatz für echte Steine getragen; die künstlichen Edelsteine und Perlen, von denen antike Schriftsteller zuweilen erzählen, waren in Wahrheit nichts als Glasperlen. Eine von ehrwürdigstem Alter, die zum Halsschmuck der Königin Hatasu, der Gemahlin des Königs Tuthmosis III. von Aegypten gehörte, wurde zu Theben durch den Kapitän Honey ans Licht des Tages gefördert. Wie die Hieroglypheninschrist auf der sehr großen Perle zeigt, wurde dieselbe etwa 1500 Jahre vor Christi Geburt verfertigt. Was uns an dieser Perle, wie einigen anderen ägyptischen, die einer etwas späteren Zeit entstammen, besonders interessiert, das ist ihre große Aehnlichkeit mit den heutigen ivrientalischen Perlen. Dies erscheint um so seltsamer, als dieser Zweig des Kunstgewerbes im Wandel der Jahrhunderte in allen orientalischen Ländern völlig in Verfall geriet und erst im frühen Mittelalter wieder durch Einführung italienischer Ware neu belebt wurde. So erzählt uns der bekannte Reisende Marco Polo, daß die Glasmacher Maui und Dominica Miotti aus Murano in Baßora künstliche Achate, Granaten, Amethyste und dergl. mehr zu hohem Preise verkauft haben. Diese Fabrikate, welche sämtlich durchlocht waren und den Namen „Marga- ritae", auf deutsch „Perlen" führten, wurden in Kleinasien und der Türkei bald nachgemacht; durch allerhand Aender- ungen bei ihrer Herstellung gewannen sie in nicht allzu langer Zeit das Aussehen der antiken ägyptischen Perlen. Gegenwärtig bilden diese orientalischen Perlen wieder einen sehr beliebten Exportartikel nach Europa. Die Damen tragen sie bei uns in Gestalt von Schmuck- und Uhrketten. Allerdings stammen keineswegs alle Perlen, die bei uns unter der Bezeichnung „orientalische Perlen" gehen, aus dem Orient; ein großer Teil derselben ist sogar in deutschen Fabriken angefertigt und sieht der echten Ware recht unähnlich. Was man uachgeahmt hatte, sind im wesentlichen die Muster. Unter den echten unterscheidet man hauptsächlich drei Sorten: die von bunten Fäden, Punkten und Ornamenten durchzogenen, die einfarbigen und diejenigen, bei welchen der Glasfluß mit Rosenblättern, Rosenholz und Rosenöl vermischt ist. , ... Bevor von den einzelnen Sorten die Rede ist, möge noch mit kurzen Worten die Herstellung der Glasperlen im allgemeinen beschrieben werden. Man verfertigt fte aus feinen, dünnen Glasröhrchen, indem man dieselben zerschneidet und die einzelnen Stücke abrundet. Damit dies letztere möglich ist, müssen die Perlen durch Schmelzen erweicht werden, wobei man jedoch Sorge zu tragen hat, daß die Löcher nicht zuschmelzen. Zu diesem Zweck werden die Perlen mit Kohlen- und Tonpulver zusammen in eine Trommel geschüttet, die man, wie dies auch beim Kaffeebrennen üblich ist, im Feuer dreht. Nachdem bte Perlen abgerundet sind, schüttet man sie auf Eisenblech, auf dem sie erkalten müssen. Da noch viel von dem Pulver an ihnen haftet, so tut man sie in ein Sieb und schüttelt fte darin so lange, bis sie sauber sind. Um die guten von den mißratenen zu sondern, werden sie auf eine schüfe Ebene gebracht, woraus die runden abrollen und die anderen liegen bleiben. Nunmehr müssen die Perlen geschliffen werden. Dies läßt sich sehr einfach bewirken, indem man fte tu einen mit feinem Sande gefüllten Sack bringt und diesen tüchtig schüttelt. Das gleiche Prinzip wird für das polieren angewendet, nur füllt man in diesem Falle den Sack mit Kleie. Von der letzteren sondert man die Perlen durch Absiebeu. Zum Färben des Glases, aus welchem die Perlen erzeugt werden, benutzt man vorwiegend Metalloxyde unt daneben Selenite und Selenate. Grünes Glas erhält mai durch Chromoxyd, Eisenoxyd und Uranoxyd, rotes imrct 176 Mangan, Kupfer und Eisenoxyd, violettes durch Maiigan- vxyd, blaues durch Kupferoxyd, weißes durch Zinnoxyd und Knochenasche, gelbes durch Kadmiumsulfit, dem etwas Nran- vxyd zugesetzt ist, nnd schwarzes durch Eisen und Braunstein im Ueberschuß. Da gewisse Metalle in ihren verschiedenen Oxydationsstufen den Gläsern auch verschiedene Färbungen erteilen, so ist es nötig, falls man Gläser vermöge der niedrigsten Oxydationsstufe färben will, dafür zu sorgen, daß das betreffende Färbemittel sich im Glasflüsse nicht höher oxydiert, mit anderen Worten, daß es nicht mehr Sauerstoff aufnimmt. Man setzt, nur dies zu erreichen, dem Glase Reduktionsmittel zu, wie Kohle, Eisenoxydul oder metallisches Zinn. Selbstverständlich giebt es noch für Glas viele andere Färbemittel, doch erübrigt es sich- dieselben §u erwähnen, da in anbetrackt der verhältnismäßigen Billigkeit der Ware ihre Anwendung dafür entweder zu kostspielig oder zu mühselig ist. So wird z. B. das schöne, goldgefärbte Rubin glas für Perlen nur ganz ausnahmsweise benutzt, dagegen fabriziert man in großen Mengen undurchsichtige weiße Perlen, zu deren Herstellung man sich des phosphorsauren Kalks in Gestalt von Guano oder tveiß- getzrannten Knochen bedient. Was die alabasterartigen Perlen anbetrifft, so nutzt ment zn ihrer Trübung gewisse Entglasungserscheinungen und die Ausscheidung der Tonerde beim Fabrikationsprozetz. Die einfarbigen klaren lind getrübten Perlen sind bedeutend billiger, als die gemusterten, weshalb die letzteren in den modernen Schmuckketten immer nur in geringer Anzahl verwendet werden. Zu den beliebtesten derselben gehören die mit metallisch glänzenden Pünktchen und Flitter- chen durchsetzten. Zur Hervorrufung derselben dienen häufig Kupferrubinbeisätze. Das Verfahren ist jedoch nicht ganz einfach, Die Glasmasse ist natürlich ein sehr gutes Lösungs- mittel für die meisten Metalle, beim Erkaltest scheiden sie sich aber, besonders wenn diese Masse stark bleihaltig ist, wieder von ihr aus. Je nachdem inan sie nun langsamer oder schneller erstarren läßt, sind die Metallblättchen größer oder kleiner. Will ment z. B. kupfergefärbtes Rubinglas erzielen, so muß man dafür sorgen, daß die Abkühlung so rasch wie irgend möglich vor sich geht; die Metallflitter- chen werdert dann in unendlich feiner Form ausgeschieden und das Glas gewinnt eine gleichmäßig rote Färbung. Soll das Glas jedoch mit den Metallflitterchen durchsetzt sein, so erhält matt die geschmolzene Kupferrubinglasmasse längere Zeit auf einer Temperatur, bei der das Glas noch zähflüssig ist, oder man tut soviel Eisenflttter dazu, daß die Hälfte oder je ttachdem ein anderer Teil des Kupferoxyds reduziert tvird. Während des langsamen Abkühlens scheiden sich dann winzige Krystallblättchen ab. Auf demselben Prinzip beruht die Fabrikation schwärzlicher und grauer Perlen mit nur ganz schwachem, grausilbrigem Metallglimmer. In diesem Fall wird dem Glas Blei zugesetzt, das, je nach der Schnelligkeit oder Kürze der Abkühlung, die Masse schwarz resp. schwärzlich färbt oder sie mit den erwähnten Metallfünkchen durchsetzt. Bunte Perleit erzielt man hauptsächlich durch Anwendung voit ztoei verschiedenen Techniken. Die eine besteht darin, daß man in die heiße Glasmasse farbige Glasstangen steckt, die sich darin auch erweichen, aber doch nicht ganz mit jener mischen. Der Effekt ist ein marmorartiges oder ge- flanimtes Glas. Will man feine Aederchen erzeugen, so drückt man weiße Glaszapfen breit und umspinnt sie mit farbigen Glasfäden; sie werden dann noch ein paarmal breitgedrückt und immer Don neuem übersponnen. Es entsteht atlf diese Weise ein mit beliebig starker Aederung ausgestattetes Glas, das seine Musterung auch bei der späteren Bearbeitung nicht einbünt. Während die so hergestellten Muster gänzlich uuregel- rnäkige, zum Teil Dom Zufall abhängige sind, stellt matt regelmäßige dadurch her, daß man auf einen farblosen Glaszylinder der Länge nacy farbige Glasstreifen und -Fäden in verschiedener Stärke legt und beim Ausziehen den Zylinder dreht. Es lassen sich auf diese Weise dttrch Anwendung von allerhand kleinen Tricks Glasstäbe fabrizieren, in denen die abstechenden Glasfäden verschlungene und gewundene Linien bilden. Im großett und ganzen ist diese Technik für die Perlenfabrikation nicht sonderlich beliebt, namentlich nicht im Orient. Man giebt da den berühmten Zufalls- rnustern den Vorzug. Die billigeren Schmuckketten aus orientalischen Perlen werden meist aus solchen zusammengesetzt, die man vermöge der anderen hier beschriebenen Verfahren fabriziert, und zwar ordnet man sie derartig, daß auf eine Reihe kleinerer durchsichtiger oder trüber Perleit von gleicher Farbe allemal eine große geflammte oder geäderte oder häufiger noch eine mit Metallfüttkchen durchsetzte folgt. Diese gemusterten Perlen sind dann aber bedeutend größer, als die anderen. Für kostbare Schmuckketten formt man die großen Perlen indessen einzeln über Tonkügelchen und verziert sie durch Ausschmelzen farbiger Fäden und winziger Fadenstückchen. Es werden aus diesen zuweilen kleine Blümchen, Sterne und andere einfache Ornamente gebildet. Einen in Frankreich sehr viel getauften Modeartikel bilden zurzeit Ketten aus gattz dichten gronen tükisblauen Perlen mit auf» geschmolzettett Rosenknospen, weißen Ornamenten oder bunten, zu Sternenrnustertt geordneten Pünktchen. Desgleichen sind Ketten aus schwarzen Perlen mit bunten Streu- blümchen darauf sehr modern. Eine besondere Kategorie der zu Schmuckketten benutzten Perlen stellen die „gewickelten" dar. Mau zieht für diese den Glasstab vor der Lampe in der üblichen Weise zu einem feinen Faden aus und wickelt ihn tu mannigfachster Weise über einem runden Stäbchen ztt beliebig großen Perlen zusammen. Diese Perlen sehen zwar sehr schön aus, doch erweisen sie sich leider als sehr wenig dauerhaft. Die Herstellung der mit Rosenblättern, Rosenholzspänen versehenen Perlen, bereit Einlagen zum Teil noch durch Anivenduttg von Rosenöl wohlriechend gemacht sind, ist Geheimnis der Fabrikanten. Viele dieser Rosenperlen haben übrigens gar nicht mehr das Aussehen von Glasperlen, obwohl Glasmasse zu ihrer Herstelltittg Berweuduttg findet. Gemeinnütziges. Die Uebergangszeit verlangt wegen des öfteren schnellen Temperaturwechsels eine sorgfältige Beachtung der Kleidung. Eine alte Regel sagt, im Frühjahr lege man die Winterkleider spät ab und im Herbst spät an, man setze stch beim Schwitzen nicht dem kalten Zuge aus, da vom Winter her die Haut durch die luftabschließende Kleidung jetzt mehr verweichlicht ist als im Sommer bei leichter Kleidttng. Besonders sind wegen des noch nicht durchwärmten Erdbodens die Füße noch warm zu halten. Im Frühjahr giebt es oft sehr schöne warnte Lust und kalte Erde. Vermidchtes. Die Ritterlichkeit ist noch nicht verschwunden. Herr Pumpernickel ging eines Tages aus, als es plötzlich heftig zu regnen begann. Während er die Straße mit geöffnetem Schirm entlang ging, begegnete ihm eine junge Dame seiner Bekanntschaft. Sie war völlig durchnäßt. „Ist es nicht ein schreckliches Wetter, Herr Pumpernickel?" sagte sie sanft. „Ja, und Sie haben keinen Schtrtn. Sre werden naß werden", sagte er tpji nehmend. . . Dann auf ihre triefenden Kleider und daratts tn den strömenden Regen blickend, sagte er gedankenvoll: „Ich würde Ihnen gern meinen Schirm borgen, wenn es nicht regnete!" Tit-Bits. Aus See. „Herr Kapitän, hat das Schiff über Nacht wirklich 20 Knoten in der Stunde gemacht?" „Ja, mein Fräulein." „Und was machen Sie mit all den Knoten? Der Kapitän (mürrisch): „Werfe Sie über Bord." „Ach, wie sonderbar. Ich dachte, die Matrosen mußten sie bei Tage aufbinden." Zahlenrätsel. (Nachdruck Verboten.) 1 2 345671 alter Weiser. 2 1 8 5 4 männlicher Vorname; 4 5 6 6 7 lästiges kleines Tierr 6 5 117 kleines Gefäß: 4 2 17 Blume; 3 5 3 5 2 beliebtes Ge'ränk. «Auflösung in nächster Nummer.) Nedaktion: Curt Plato. — Rvtatienödruck mtb Verlag der Brübl'schen NniversttätS'Bnck- und Cteindnickerei (Pietsch Erben) in Gießen,