Nr. LS Montag den 23. Februar. 1903 W HVWM TTIj MU (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Won E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen voll F. Mangold. (Fortsetzung.) Dabei ließen wir es auch, als ivir uns in Piccadilly mit einem Händedruck trennten. Raffles forderte mich an diesem Abend nicht auf, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Es sei seine Regel, sagte er, sich ordentlich auszuschlafen, wenn er am nächsten Tage Crickett oder — ein anderes Spiel vorhabe, und in seinen letzten Morten kam derselbe Grundsätze zum Ausdruck. „Vergiß nicht, Bunny, nur ein Glas heute abend, höchstens zwei, wenn Dir Dein Leben etwas wert ist — und das meine." Meines unterwürfigen Gehorsams inib der schlaflosen Nacht, die er zur Folge hatte und die kein Ende nehmen wollte, bis sich! zuletzt die Dächer der gegenüberliegenden Häuser am blaugrauen Londoner Worgenhimmel abzeichneten, entsinne ich mich bis auf den heutigen Tag. Ter Gedanke, ob ich wohl noch einen anderen Morgen erleben werde, quälte micch und ich machte mir die schwer- fieit Vorwürfe wegen der kleinen Unternehmung, zu der ich mich von meinem Eigensinne hatte verleiten lassen. Zwischen acht und neun Uhr abends bezogen wir unfern Posten in denk Garten, der an den Ruben "Rosent- halls grenzte. Das zu diesem gehörige Haus war geschlossen, denn der Wüstling hatte durch seine lärmenden Orgien die Nachbarn vertrieben und dadurch viel dazu beigetragen, sich in unsere Hände zu liefern. Bor jeder Ueberraschung von dieser Seite sicher, waren Ivir imstande, unser Haus durch eine Mauer gedeckt, zu beobachten, die gerade hoch genug war, daß man hinüber sehen konnte, wobei uns ein ziemlich- breiter Streifen Gebüsch in jedem der beiden Gärten weitern Schutz gewährte. So verschanzt, hatten wir eine Stunde auf der Lauer gestanden, und ein paar erleuchtete Erkerfenster betrachtet, über deren Vorhänge beständig unbestimmte Schatten huschten, und das Ausziehen von Korken, das Klingen von Gläsern und ein allmählig lauter werdendes Gewirr rauher Stimmen gehört. Unser Glück schien uns verlassen zu haben: der Besitzer der roten Diamanten speiste zu Hause und dehnte sein Mahl ganz ungebührlich lange aus. Ich meinte, er habe Gäste zum Diner, Raffles war anderer Ansicht und hatte recht, wie sich bald herausstellte. Jetzt knirschten Räder im Kies des Fahrwegs, und ein zweispänniger Wagen fuhr an der Treppe vor. Gleich darauf verließen die Leute das Speisezimmer, ihre lauten Stimmen verhallten, ertönten aber sehr bald vom Hausflur her. Ehe ich fortfahre, ist es notwendig, unsere Stellung vollkommen klar zu machen. Wir standen hinter der Mauer an der Seite des Hauses und nur wenige Fuß von den Fenstern des Speisezimmers entfernt. Rechts von uns sprang eine Ecke des Hauses diagonal in den Hintern Rasenplatz vor, links konnten wir an der andern Ecke vorbei eben itod)! die untersten Stufen der Freitreppe und den wartenden Wagen erkennen. Wir sahen Rosenthal! heraustreten — wir sahen vor allem andern das Funkeln seiner Diamanten. Dann kam der Preisboxer, hierauf eine Dame mit Haaren, die einem Badeschwämme glichen, endlich noch eine, und damit war die Gesellschaft vollzählig beisammen. Raffles bückte sich und zog auch mich in großer Aufregung nieder. „Die Damen gehen mit ihnen!" flüsterte er. „DE ist herrlich!" „Ties ist noch besser!" „Tie Gardenia!" hatte der Millionär geschrien. „Und das ist das beste von allem", sagte Raffles, indem er sich aufrichtete, als die Hufe und Räder im Kiese knirschten und der Wagen in scharfem Trabe durchs' Tor davon rasselte. „Was nun?" flüsterte ich, vor Aufregung zitternd. „Sie werden anfräumen. Ja, da kommen ihre Schatten. Die Fenster des Salons öffnen sich nach dem Rasenplatze. — Bunny, dies ist der psychologische Augenblick! Wo ist die Maske?" Mit einer Hand, deren Zittern ich nicht zu verbergen vermochte, zog ich sie hervor, und als er keine Bemerkung iiber das machte, was ihm unmöglich entgehen! konnte, wäre ich für Raffles in den Tod gegangen. Seine eigenen Hände waren fest und kühl, als er mir zuerstz meine Maske und sich dann seine eigene Vorband. „Bei Gott, alter Junge", flüsterte er lustig, „Du siehst aus, Ivie der größte Hallunke, der mir je zu Gesicht gekommen ist! Diese Masken allein bringen jeden Nigger (ms der Fassung, wenn wir einem begegnen sollten, aber ich bin froh, daß ich Dich daran erinnert habe. Dich nicht zu rasteren. Wenn das Schlimmste zum Schlimmsten kommt, kannst Du für einen Menschen aus Whitechapel gelten, und vergiß ja nicht, Dialekt zu sprechen. Falls Tu dessen nicht sicher bist, bleib eigensinnig wie ein Maultier stumm, und überlaß das Reden mir, aber wenn uns unsere Sterne gnädig sind, wird das alles nicht erforderlich sein. So, bist Tu bereit?" „Vollständig." „Hast Tu den Knebel?" „Ja." „Das Schießeisen?" „Ja." „Dann los dafür!" In einem Augenblick waren wir über die Mauer, im nächsten auf dem Rasenplatz hinter dem Hause. Der Mond schien nicht, und selbst die Sterne hatten sich zu unfern 114 flogen Im Hausflur gab es einen gewaltigen Lärm. Die Tum en waren auf dem Schauplätze erfchienen und streß en ein furchtbares Geschrei aus, als sie den verzweifelten Verbrecher erblickten. Tazu mag ich ihnen wohl auch genügende Veranlassung gegeben haben, obgleich nur dre Larve abgerissen worden war, und jetzt nur noch mein linkes Ohr verbarg. Rosenthall gebot brüllend Schwergen, worauf ihr» die Stimme des Frauenzimmers mrt dem Badeschwammhaar durch einige Flüche antwortete, und das Haus wurde zu einem Babel, das jeder Beschreibung spottet. Ich entsinne mich noch, daß ich darüber nachdachte, wie lange es wohl dauern werde, bis dre Polizei erschien. Purvis und die Damen waren dafür, sie herbeizurufen, aber Rosenthall wollte nichts davon hören. Er schwor, er werde jeden, Mann oder Weib, niederschre- ßen, der es versuche, sich zu entfernen. Er habe dre Polizei satt und wolle sie nicht im Hause haben und sich von ihr den Spaß verderben lassen, denn er wünsche, mrt mir auf seine eigene Weise fertig zu werden. Daber rrß er mich von den andern los, stieß mich gegen eine Tur und jagte, nicht einen Zoll von meinem Ohre entfernt, eine Kugel durchs Holz. . „Sie besoffener Dummkopf! Das wird ern Mord! schrie Purvis, indem er sich zum zweitenmal in die Schußlinie drängte. „Was liegt mir daran? Er rst doch bewaffnet, nicht wahr? Tann habe ich ihn in der Notwehr erschossen, und das werden sich die andern zur Warnung drenen lassen. Wollen Sie zur Seite treten, oder die Kugel felbg in die Rippen haben?" (Fortsetzung folgt.) Gunsten verschleiert. Meinem Führer auf den Fersen, I richtete tch mich auf. Rosenthall und Purvis rannten sckilicki ich zu einer Glastüre, die sich auf eine Veranda I draußen hin und her, fluchten auf die Kaffem und machten öffneten Raffles drückte dagegen — sie gab nach! I sich gegenseitig Vorwürfe. M-de- «»-!" ,.4« d» «Ml Mm K «. »Ich. gwi Sute'SS* eleBrif&t Lichter glüht-» während **?,*» W ***< bfe **'• N e°bc * -SÄ» w 6ras *** “nb - Äe -ächen wL ? etlm Wn '° m“i’6 „Guten Abend, Jungen", hustete er. »T^kue wich, I W • • • • bedrohte hörte ich nicht mehr. Auf Üblich eure^ B^nntschaft zu machen Wenn ob« unb Knleen kriechend,' verließ ich den Salon, tväh- Frnger rührst. Du da nnks, dann mst ^>u em loier ^unge. i er Revolver, den ich mit den Zahnen am Dich mein rch, Du Schuft! brüllte er Raffle^ au. ,,^;ch I ™. hatte vor meinem Kinn hin und her baumelte. nsääws den von Kimberley, dre Niemals kommen, wenn rch zu | , _ bedrohte ihn furchtbar mit meinem Hause bin. Aber rrngs um diese alte Bude ließest I „ I fnbafi feine weißen Jahne noch in seinem schwar- jeden Tag und jede Nacht dieselben Spuren zuruck, Du xwpperten, als ich drei Stufen auf einmal knurrte R-IPS tm --inst-n Sh-^ d die detsch Englisch, „nur nicht ungemütlich. Diesmal srnd I uicht erklären, aber der Garten und das Erd- wir richtig reingefallen, und wrr wollen nrcht l g I _ schienen von Menschen zu wimmeln, und was ich tat, fragen, tote Sie dahrnter gekommen swd. Aber mtfjlt I W t weitem nicht das Schlimmste, was ich hätte tun schießen, denn torr srnd nrcht bewaffnet, wahrhaftig nrcht. I «.. cy.r, ba§ erfte Zimmer, das ich erreichte. „Oho, Du bist ein Schlauberger", antwortete Rosen- wnnen trat tn oas eqre Erleuchtet, und Ml, mit dem Abzug feines^Revolvers sprelend, „aber Du . il)erbe nie im Leben vergessen,'wie ich zusammenfuhr, brst an ernen noch schlaueren geraten. ! als ich den aräßlichen Hallunken, mich selbst, bei meutern rst ern Dreh ja, ja. , I m^ot bewaffnet und zerlumpt, war ich in der Tat ern Endlich gelang es mrr, merne Augen von den schwär- I be„ tür eine Kuael oder den Henker wie ge- zen runden Mündungen, den verfluchten Dramanten, dre I erschien, und daß die eine oder der andere meine unser Köder gewesen waren, von dem schwamtnrgen Ge- I Abstimmung sei, bezweifelte ich feinen Augenblick mehr, sicht des überfütterten Prersboxers, den glühenden Wangen I roj,ben, versteckte ich mich in dem Kleiderschrank, dessen und der krummen Nafe Rosenthalls selbst abzuwenden. ^ch Spiegel bilde" und dort stand ich an allen blickte über sie hinaus nach einer Tür, dre von zrtternder ^preget Stund, lang, während Seide und Plüsch, schwarzen Gesichtern mrt werßen Aug- I G-schick meine Torheit und am heftigsten von äpfeln und Wollköpfeit gefüllt war. Aber ern plotzlrütes Ze,7 Raffles - w, zuerst irnd zuletzt Raffles - ver- Schweigen veranlaßte mich, merne Au^rerksamkert .wreder I ,,,, Plötzlich rrß jemand die Tür des Schrankes weit dem Millionär zuzuwenden, rn dessen Gesrcht nur dre Nase Wy .o^icn np /inen Laut gehört hatte, waren die ihr Farbe behalten hatte. , I 4- «immer aekommen, und nun wurde ich, ein I *!*•* «**>*. di- «**» w» w» ""d «*■ ich lebe, ich rnache ein Loch in Dich!" „Was wird denn für gepaschte Diamanten bezahlt?" näselte Raffles ruhig. „He?" Rosenthalls Revolver beschrieben imrner großer wer- benbc Streife. „Was wird für gepaschte Diamautett bezahlt — alter D. S. ?" „Wie zum Teufel kommst Du denn auf beu Gedanken?" fragte Rosenthall mit einem Rasseln in der Kehle, das für ein lustiges Lachetr gelten sollte. „Das mögen Sie wohl fragen", antwortete Raffles. „Da unten, wo ich herkomme, wissen's alle." „Wer hat denn wohl solchen Unsinn verbreitet?" „Tas weiß ich nicht; fragen Sie mal den Herrn zu Ihrer Linien; vielleicht kann der Auskunft darüber geben." Ter Herr zur Linken war bleich vor Aufregung geworden, und niemals hatte ein schlechtes Gewissen eine deutlichere Sprache geredet. Einen Augenblick schien es, als ob ihm die Augen aus dem feiten Gesicht hervorquellen wollten, im nächsten aber steckte er, seinem Berufsinstinkt nachgebend, die Pistolen in die Tasche und fiel mit den Fäusten über uns her. „Aus dem Licht — aus dem Licht!" schrie Rosenthall wütend. Aber es war zu spät. Sowie die massige Gestalt des Preisboxers in Rosenthalls Schußlinie trat, sprang Raffles mit einem gewaltigen Satz aus dem Fenster, während ich, ohne ein Wort zu sprechen, ruhig stehen blieb und nach allen Regeln der Kunst zu Boden geschlagen wurde. Lange kann ich nicht bewußtlos geblieben sein. Als ich wieder zu mir kam, herrschte ein großer Lärm im Garten, aber im Salon war ich aanz allein. Langsam 116 „Und hätte der Liebe nicht!" Eine Szene aus dem gleichnamigen Roman*) von Felix Hübel. (Nachdruck verboten.) Dem Rausche folgt die Ernüchterung, dem Traume das Erwachen. Das Erwachen ist entsetzlich. Ein graues, kaltes, fröstelndes Gefühl, das langsam heranschleicht; mit feuchten, eisigen ? fingern über die Menschenkörper streicht, sodaß sie auf- chauern und erschrocken die Augen öffnen. So war das Erwachen der beiden, die sich fest umschlungen hielten, als ob keine Macht der Erde sie trennen könne. Und doch kroch in ihnen etwas empor, das die beiden Leiber auseinanderdrängte, das keine Gemeinschaft mehr zu dulden schien, das sich feindlich zwischen sie stellen wollte. Beide fühlten, wie es an sie herantrat, wie es näher kam, wie ein Tier, das die Beute beschleicht, und ein leises Grauen ließ ihre Körper erschauern. Aber noch trennten sie sich nicht. Eine große Müdigkeit füllte Mattersteigs Seele, eine öde, farblose Müdigkeit, die sich verdichtete und verdeutlichte, je mehr er erwachte; zu einem einzigen Begriff, zu dem Begriff: Sterben! Er flüsterte dieses Wort in Marys Ohr. Sie nickte mit dem Kopfe. „Bor Tagesanbruch!" flüsterte er. „Ehe die Sonne scheint!" raunte sie. Die Nacht war im Schwinden. Der Himmel hatte eine milchige Farbe angenommen, in der das Licht der Sterne ertrank. Der Hauch, der vom Meere die Straße heraufwehte, war kühler geworden. Ringsum war kein Laut. Auch das Lied der Nacht war verstummt. Ganz aus der Ferne schien es noch einmal zitternd aufzuklingen; aber vielleicht war es das Rauschen der See. Die beiden eilten die Straße hinab, die nach der „Pa- reibe" führte. Welch eine Ruhe zwischen den Häusern, die so still und verschlafen dalagen, mit den herabg^vgenen Borhängen, als ob sie die Augen geschlossen hätten. Die beiden sprachen kein Wort. Sie hielten sich bei den Händen und schienen von ein und derselben Absicht beseelt, deren Ausführung keinen Augenblick Aufschub erduldete. Dann gingen sie die „Parade" entlang, mit hastenden, unruhigen Schritten, die von dem monotonen rhytmischen Rauschen des Meeres übertönt wurden. An einer Stelle führt eine gewaltige, breite, aus Steinquadern gebaute Treppe mitten ins Meer hinein. Diese Treppe schritten sie hinab, einige Stufen nur; dann standen sie wie auf Verabredung still. Es war die Zeit der herankommenden Flut. Das Meer hatte eine graugrüne Farbe, nur der Gischt der Wellenkämme schimmerte weiß in dem Dunkel der hinsterbenden Nacht. Langsam rollten die Wellen heran, eine nach der anderen. In der Ferne leuchtete ihr weißer Kamm kaum sichtbar. Näher kommend wuchsen sie in die Höhe und verbreiteten sich, bis sie einer rollenden Mauer glichen, einem beweglichen Walle. An der stachen Küste, die sich nach rechts und links dehnte, brach sich die erste, zerrann und verzischte in dem Gestein, das den Strand bedeckte. Aber der Strand verschwand nach und nach; stückweise schienen die gierigen Wellen ihn wegzufressen. Endlich brandeten die ersten Wogen bis an die Quaimauer. Gischt spritzte auf und zerstiebte; salziger Wasserstaub sprühte den beiden ins Gesicht. Mattersteig erwachte wie aus einem Baun. Er faßte Marys Hand und sah ihr ins Gesicht. Sie hatte ein seidenes Tuch um ihr .Haupt geschlungen. Das nur flüchtig aufgesteckte Haar hatte sich wieder gelöst, und einzelne Strähnen hingen herab. In ihren Augen war ein unruhig flackerndes Feuer, und die Hand, die Mattersteig hielt, zuckte fieberisch. Jetzt hatte sich ein Wind aufgemacht, der kalt über das Wasser kam. Die Wellen flohen vor ihm. Sie folgten einander im raschen Lauf. Die weißen Schaumkämme schwollen, flatterten empor, zerbrachen und zerstäubten, und wenn eine Welle an der Quaimauer zerschellte, kam schon die andere hinter ihr. Ein schwellendes Brausen, das wie das Gemurmel Tausender ferner Stimmen klang, tönte über das Wasser, ein leise pfeifender Ton schrillte dazwischen *) Soeben erschienen im Verlage von Hermann Seemann Nachfolger zu Leipzig. Preis Mk. 4.—. wie ein hüstelndes Lachen. Neber den Wellen lag auf einmal ein fahler Glanz, ein ganz mattes, metallisches Glitzern, der Reflex eines Lichtes, das von irgendwo kam. Eine der Stufen nach der anderen war von den Wellen verschlungen worden. Jetzt kam eine Welle, deren Gischt sich über die Stufe ergoß, auf der die beiden, Hand in Hand, regungslos standen. Und während das Wasser noch nach allen Seiten sich verlief, brach schon die nächste Welle über die Stufe. „Jetzt ist's an der Zeit!" sagte Mattersteig und schlang seinen Arm um Marys Taille. Seine Worte klangen wie ein Flüstern und waren heiser. Er blickte starr auf die heramageudeu, graugrünen Wellen, deren Schaum Heller und Heller aufleuchtete. Plötzlich dachte er au Sir Johns Bild, und er blickte aus das zitternde Weib herab, das er int Arme hielt. „Welle!" sagte er leise vor sich hin. „Welle! konnte ich auch das vergessen?" Sie hatte die Worte gehört und den Sinn verstanden. „Jetzt liebst Du mich!" flüsterte sie, ohne aufzublicken. Er schlang plötzlich beide Arme um sie und neigte sich heffig vor, gerade als eine Woge sie bis an die Kniee durchs näßte und der salzige Gischt über sie hinstob. Mary stieß einen heftigen Schrei aus, befreite sich mit einem heftigen Ruck aus feinen Arm und sprang aus die nächsthöhere Stufe. Wie sie dort stand und mit angstverzerrtem Gesicht in die heranbrausenden Wogen blickte, geschah ein Wunderbares: Ein flammender Lichtstreifen schoß über das Wasser und ließ es in allen Farben aufglühen. Die Wogen grollten nicht mehr, nein, in jauchzendem Uebermut kamen sie herangeschossen, im tollen ausgelassenen Spiele, sich jagend und sich überstürzend. Das Rauschen und Brausen klang wie der Gesang ferner Chöre, wie ein Hymnus an den Tag, an die Schönheit und an die Sonne. Am Himmel war ein Kamps. Graublaue Nebelfetzen wurden nach allen Richtungen gejagt, schossen hierher und dorthin, und eine Lichtslut strömte in hellen Flammen über den Horizont. Ein berauschender Glanz ergoß sich über das Meer, ein Flattern und Zucken von Lichtern, ein Glühen und Schimmern, das die Augen blendete. Berge von Sonnengold und Meeressilber wälzten sich flüssig heran, rollten über- und durcheinander nnd lösten sich in schillernde Farben auf, wenn sie zerschellten. Bis an die Hüfte stand Mattersteig im Wasser, den Blick starr in die Ferne gerichtet, als Mary ihn rief. „Martin! Komm!" schrie sie verzweifelt mit durchdringender Stimme; „ich kann nicht sterben! Ich kann nicht sterben!" —--Auch er konnte es nicht mehr, als er das Leben rufen hörte. Er folgte ihr. Mattersteig hatte den ganzen Tag aus dem Sofa gelegen, halb bewußtlos und wie zerschlagen, unfähig, irgend einen Gedanken zu fassen. Als er sich gegen abend erhob, fand er auf seinem Schreibtisch einen Brief. An der Aufschrift erkannte er sofort, daß er von Ralph Killarney kam. Er öffnete ihn und las: „Es ist unmöglich, daß Du das bist, was Du scheinst. Ich will es nicht glauben. Deimoch können wir uns nicht Wiedersehen. Und Mary? Ja, Du hattest recht, Du hattest recht! Ich kamt Dir dennoch nicht verzeihen, daß Du reckt hattest. Ich glaubte Dich zu erkennen, wie ich mich selbst kenne; aber jetzt finde ich, daß ich mich selbst nicht kenne. Wie konnte ich also Dich kennen? Melleicht wirst Du es für eine Phrase halten, wenn ich Dir sage, daß in mir alles tot ist. Du wirst sehen, daß es feine Phrase ist. Du hast mir mit Marys Liebe alles genommen, was ich besaß; alles! Denn auch Du selbst hast Dich mir genommen! Adieu für immer! Ralph Killarney." „Wie oberflächlich er ist und urteilslos!" dachte Mattersteig, während er den Brief las. „Oder verstehe ich nicht, was er meint? Jedenfalls gibt er mir den Abschied. Eine Unterredung scheint er für überflüssig zu halten. Soll ich den Brief beantworten?" Er warf sich wieder aufs Sofa und dachte nach. Er las den Brief noch einmal, und ein tieferer Sinn schien ihm darin aufzudämmern. „Bin ich es, der oberflächlich ist?" dachte ,er; „bin,ich nicht imstande, diese Worte zu deuten? Aber ich bin nicht mehr ich selbst, feit gestern, warum sollte er es sein?" 116 Endlich beschloß er, zu Killarney zu gehen, obwohl es ! ihm einige Ueberwindung kostete. „Denn", sagte er sich, „welches Recht hat Killarney, unser Verhältnis in dieser Weise zu läsen? Er sollte doch wissen, daß ich kein Verräter bin, daß irgend etwas Außergewöhnliches hier stattgefundeu hat." Aber Killarney hatte mit dem ersten Zuge schon Brighton verlassen. James war mit Packen beschäftigt und konnte keine andere Auskunft geben, als daß fein Herr nach London gefahren sei, um die gnädige Frau Mutter zu besuchen, und daß er Befehl gegeben habe, zu folgen, sobald alles geordnet sei. Mattersteig ging nach Hause und legte sich zu Bett. Er fieberte stark und hatte das Gefühl, daß eine schwere Krankheit im Anzuge sei; er war unfähig, irgend etwas zu unternehmen. Durch ein heftiges Klopfen wurde er aus dem Schlummer geschreckt, mtb wie er die Augen öffnete, sah er, daß es heller Tag war. Er rief „Herein!" und es ivurde ihm ein Telegramm übergeben, das er hastig aufriß uttb mit beit Augen überflog. Aus Lonbon. Von Ralphs Mutter. Es lautete: „Kommen Sie sofort. Ralph schwer erkrankt." Er wußte es sofort, es durchzuckte ihn wie eilt Blitz, daß Ralph tot war. Das Telegramm entfiel seiner Hand, und er saiik schwer ins Bett zurück. Es erschien ihm auf einmal alles so gleichgültig. Erst nach einer Weile konnte er sich den Begriff „tot" klar machen, und damit kam ihm ein Anfall von Verzweiflung, die ihn bis ins tiefste aufrüttelte. Er biß die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Er selbst, er lebte noch! Er hätte sterben sollen und war den Tod geflohen ivie ein elender Feigling! Also Ralph, Ralph hatte das tun können, wovor er, der so viel ältere, zurückgeschreckt war. Selbstmord! Was ist denn Selbstmord? Eine heroische Tat? „Selbstmord ist eine Feigheit, die zu begehen man Mut haben muß!" philosophierte Mattersteig. Gleich darauf dachte er: „Also auch setzt noch bin ich imstande, Theorien schön zu formulieren, sie in glänzende Worte zu kleiden! Auch jetzt bilde ich noch Philosopheme und stelle Lehrsätze auf! Wie schade, daß niemand sie an greift, auf daß ich sie verteidigen könnte!" Er lachte laut auf und schreckte heftig empor. Mit einem Ruck erhob er sich. „Werde ich wahnsinnig? Bin ich es schon?" Er versuchte sich anzukleideit, kant aber nur langsam damit zustande. Wie er beinahe fertig war, fiel sein Blick aus das Telegramm, das am Boden lag. Er hob es auf. „Welch ein Tor ich doch bin!" sagte er. „Warum soll Ralph nicht krank sein? Die Erregung hat ihn krank gemacht. Vielleicht, ja wahrscheinlich hat er nach mir verlangt, und ich —!" Er machte eine Haiidbewegung, als wollte er die Schreck- gespenste verjagen, die sein Hirn verwirrten. Er fühlte sich sehr schwach, aber in seinem Kopse wurde es langsam wieder klar. „Es kann noch gut werden", murmelte er; „noch gut! Er ist nicht tot. Das weiß ich jetzt." Er fuhr mit demselben Zuge, bett er vor zwei Tagen in Marys Begleitung benutzt hatte. Als bas Tor bes Killarneyschen Hanfes ihm geöffnet wurde, wußte er, baß ein Toter bar in tag. Ja, er wußte es sofort; es brauchte bies ihm uiemanb zu sagen. Oy, diese Häuser, in betten ein Toter ruht! Mattersteig versuchte, sich zusammenzuraffen, während er die Treppe hinauf stieg. „Nur endlich einmal diesem schrecklichen Zustande der Unklarheit entfliehen!" sagte er sich, „diesem Wirrsal von Gefühlen und Gedanken, die mich erdrücken. Wieviel Schuld habe ich an dem Geschehenen? Ich will es wissen!" Daun, während der Diener die Tür öffnete, dachte er: „Wird jetzt das Gericht kommen?" Fran Killarney saß in der Nähe des Fensters. Sie wandte den Kopf, als Mattersteig eintrat, aber sie erhob sich nicht. „Oh", sagte sie, indem sie thm die Hand entgegenstreckte und in sein Gesicht sah, „so wissen Sie es schon?" Mattersteig nickte stumm, während er dachte: „Warum weint und kreischt sie nicht? Warum klagt sie dich nicht an und ruft den Fluch des Himmels auf dich herab? Oh, wie ruhig sie ist!" „Haben Sie schon gewußt, ehe Sie kamen, daß —" Sie zögerte fortzufahren, und Mattersteig sagte: „Ich ahnte es!" Sie schwieg eine Weile, indes ihre Gedaitken zu wandern schienen. Endlich fragte sie, sich langsam erhebend: „Wollen Sie ihn sehen?" Sie gingen durch einige Zimmer hindurch, bis sie in ein duitkelverhängtes kamen. Dort lag er auf einem schneeweißen Bett, frische Blumen zwischen beit gefalteten .Händen, Blumen auf der Brust. Sein Gesicht aber war mit einem Tuch verdeckt. Mattersteig faßte das Tuch, um es emporzuheben, doch Frau Killarney hielt ihm den Arm: „Oh, tun Sie das nicht! Sie werben ihn nicht wiedererkenueu!" Mattersteig hob bas Tuch, bennoch mtb blickte in ein wächsernes verzerrtes Gesicht. „Entschuldigen Sie", sagte er, sich abwenbend, mit toter Stimme, „ich mußte es sehen!" Daun verließen sie das Zimmer. Frau Killarney setzte sich wieder in ihren Stuhl am Fenster und bat Mattersteig, bei ihr Platz zu nehmen. Eine lange Weile schwieg sie und sah zum Fenster hinaus. „Es muß furchtbar feilt, so zu leiden!" dachte Matter-, steig, während er ihr blasses, lebloses Gesicht betrachtete, „ihre Seele ist wie eine zarte Pflanze, auf der ein schweren Stein wuchtet. Ihre Seele ist taub und fühllos geworden. Sie kann nicht einmal weinen." Endlich sprach sie leise: „Er hat mir einen Brief hinterlassen. — Es ist auch einer für Sie da. Sie sollen ihn hernach haben. — Er schreibt, daß er in seiner Liebe eine große Enttäuschung erlebt habe. Das Leben sei ihm zur Last geworden und unerträglich. Und er ist nicht zu mir gekommen in seiner Not. Oh, in welcher Zeit leben wir'. Welche Zeit, in der Mutterhände die Schmerzen nicht mehr lindern, die Wunden nicht mehr heilen können, die das Leben ihren Kindern schlägt!" , Sie faßte Mattersteigs Hand. „Glauben Sie, daß ich schuld bin daran?" Eine unsägliche Angst sprach aus ihren Augen, die denen Ralphs glichen. „Glauben Sie, daß ich eine Schuld trage?" „ Es war inzwischen dunkler geworden. Die Schatten schlichen herein und standen ivie heimliche Feinde in den Winkeln, bereit, jeden Augenblick hervorzubrechen und unter ihren dunklen Tüchern alles zu erwürgen, was das Licht des Lebens hatte. Der ferne Lärm der Straße klang lute eine schwache Erschütterung; man fühlte ihn mehr, als daß mau ihn hörte. Mattersteig hatte nicht geantwortet, itub Fran Killarney fuhr nach einer Weile fort: „Sie haben ihn ja auch geliebt, und er — oh, er hat Sie mehr geliebt, als Sie ahnen tönneit! Daß auch Sie ihn nicht retten konnten! Daß auch er zu Ihnen nicht gekommen ist in seiner Not! Daß er so in beit Tob gegangen ist, in dieser großen, großen Ein-, samkeit!" t Mattersteig erhob sich. Er zog seine Hand aus denen der klagenden Mutter, die ihn streichelten, unbewußt vielleicht. Seine Kraft war zu Ende. Aus den Winkeln kamen die Schattengespenster, die mit würgenden Händen nach seiner Kehle griffen. Er schöpfte mühsam Luft und stammelte endlich r „Ralph ist durch meine Schuld gestorben. Ich bin ftrn Mörder. . ." Dann verließ ihn die Besinnung. D i st i ch o «. (Nachdruck verboten.) Ist Beides getrennt, so nahen die finsteren Schatten. Ist Beides vereint, lädt es zu närrischem Spiel. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Wortspiels in vor. Nr.: a. Aß, Sau, Ast, Eis, Bier, Stern, Eisen, b. Faß, Esau, Bast, Reis, Ubier, Astern, Reisen. Februar. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brtihl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.