Freitag den 23. Januar Nr. 12 1903 »ZU MM «77?/» ^>2 WIMW (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fahrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Uebersetzung ans dem Englischen von Alwin« Bischer. (Fori'"""ng.) Trckz hnüs Kapitel. Eine § e i: .t „ » , - u r utt g. Tie Sonntagabende waren gewöhnlich der Unterhaltung Wer die Ereignisse der vergangenen Woche gewidmet. Mit Plaudern, Halma spielen oder Rätsel aufgebnbeschäftigt, pflegten sich die meisten Bewohner d s Hotels, in Grupp.n geteilt, auf der Veranda zu versammeln. Ein elegantes Cape auf dem Arm, stand Ladh Fanshawe nn Begleitung ihr.s Verehrers, des neuen Ankömmlings, auf der ins Freie führenden Treppe und ließ ihren Blick suchend über die Gesellschaft gleiten. Bald entdeckte sie auch ihren Gatten in einem Kreis von Bekannten, die voll atemloser Spannung der Erzählung einer Geistergcschichte lauschten. Er saß neben Mcs. Tuckitt, und sein Gesicht drückte vollkommenes Behagen aus. Plötzlich sah er aus, seine Augen begegneten denen Nitas und da er sah, daß sie im Begriff war, die Veranda zu verlassen, wahrscheinlich, um Lovell die Umgebung d s Hotels zu zeigen, nickte er ihr freundlich lächelnd zu. Lady Fanhawe aber wandte sich erregt von ihm ab. Ihr Gesicht war blaß, ai s ihren Augen blitzte ein eigentümlich s Feuer, und ihre hübschen Lippen waren fest zufammengepreßt, a s sie, Mr. Lovell die warme Hülle einhändigte und ihm ein Zeichen machte, sie über ihre Schultern zu legen, ein Amt, d. s er mit einer Miene zärtlicher Fürsorge und dr Geschicklichkeit,ein s in solchen Tiensten geübten Mann s ausführte. Hierauf stiegen sie die Stufen vollends hinab und schlenderten der Brücke zu, wo sie, über die Brustwehr gebeugt, w hl zwei Stunden in vertraulichem Geplauder verbrachten. Nur zwei Personen hatten des Verschwinden des Paares bemerkt: Mr. Foulcher und Miß T'Arcy, die anderen Bekannten waren zu sehr in die von einer hübschen, schwarzäugigen Tame mit großer Lebendigkeit borgetragene Spukgeschichte vertieft, die sich in dieser von Geistern ganz besonders heim- gesuchten Gegend zugetragen haben sollte. „Glauben Sie wirklich an Geister?" rief Mrs. Tuckitt mit spöttischem Lächeln. „Sie mögen nun spotten, soviel Sie wollen", fiel ihr Mr. Foulcher ins Wort, „bei den grünen Felsen ist cs jedenfalls nicht ganz geheuer. Und wenn ich auch damit nicht die Erscheinung irgend eims Totengerippes meine, so möchte ich mich doch nicht dafür verbürgen, daß dort nicht plötzlich ein böser Geist auftaucht und Sie umbringt oder doch wenigstens durchprügelt." „Ach was, Unsinn!" widersprach ihm Maureen. „Können Sie mir auch nur einen Menschen nennen, der eine derartige Erfahrung gemacht hätte?" r , „Tote erzähl.« keine G. schichten", war ferne bedeutungsvolle Antwort. . „Oder vielmehr, sie lügen nicht, meinen Sie wohl? Ich glaube nicht an Geister, obwohl ich zugebe, daß ich mir recht gern Schauergeschichten erzählen lasse", fügte sie, zu der etwas zigeunerhaft aussehenden Tame gewandt, freundlich hinzu. „Nun, wollen Sie Ihren Ausspruch durch die Tat beweisen?" fragte Mr. Foulcher, sich mit herausfordernder Miene in seinem Stuhl aufrichtend. „Natürlich, wenn es möglich ist. Wo haust Ihr Geists „Sie kennen doch den Hügel mit den grünen Felsen? Ich ließ mein Operngl s dort liegen, und lvenn Sie mir dieses vor halb zwölf ihr hier einhändigen, so gebe ich Ihnen fünf Pfund für Ähre Armen hier." „Gut, ich nehme Ihre Herausforderung an, um zehn Uhr werde ich hier Weggehen, ds gibt einen herrlichen ^pCL§tBTQClTl9.// „Und ich begleite Sie", rief Mrs. Tuckitt. „Sie werden nickcks dagegen einzuwenden haben, Mr. Foulcher, denn selbst vor 'zwei Frauen weicht der Geist nicht zurück, und ich tue es für den halben Preis oder auch umsonst, denn solch Keine Abenteuer machen mir den größten Spaß." Unter allgemeinem Gelächter und vielen Ermahnungen machten sich die zwei Tomen um zehn Uhr auf den Weg. Tie grünen Felsen mochten etwa eine Meile entfernt sein, und um dahin zu gelangen, mußten die beiden die Brücke überschreiten, wo sich Nita und ihr Begleiter noch immer in eifrigstem Gespräch befanden, und zwar waren diese so gänzlich davon hingenommen, daß sie die Vorübergehenden nicht einmal bemerkten. „T..s ist wohl ein guter Bekannter Ihrer Schwester?" fragte M.s. Tuckitt. „Ja." „Ein sehr guter Bekannter?" fuhr sie in schärferem Tone fort. „Nein, nicht gerade." „Er kannte nämlich eine Kusine von mir, auch eine sehr hübsche, junge Frau, und die Art, wie er mit ihr verkehrte, war nicht gerade nach meinem Geschmack. Allein bei Ihrer Schwester ist ja keine G fahr, sie. scheint nur tieferer Regungen überhaupt nicht säh.g zu sein." „Außer der Eifersucht", sagte Maureen zu sich selbst. Lebhast plaudernd hatten sie die grünen Felsen erreicht. „Welch eine entzückende Aussicht! Ein Plätzchen wie geschaffen für ein LiebcsUärchen!" rief Mrs. Tuckitt, indem sie von der gresbewachsenen, durch hohe bemooste Felsstücke umrahmten Keinen Hochebene aus llmschau hielt. „Und hier liegt ja auch Mr. Fvulchers Opernglas", verkündete Maureen. „Tie fünf Pfimd waren leicht verdient." 46 „Allerdings. Was werden wir nun damit niachen?" fragte Mrs. Tuckitt, sich aus einen Felsen niederlassend. „Wir verteilen es unter die ältesten Tvrformen. Mit zehn Schilling für jeder», können wir zehn Menschen be- glücken." „Ich wollte, solch ein Goldstück vermöchte auch mich glücklich zu machen", sagte Mrs. Tuckit mit einem Seufzer. Maureen aber hörte kaum aus sie — ihr Blick starrte die lange, Helle Straße entlang, an deren Ende die Brücke lag. Jetzt endlich bewegte sich das Paar heimwärts, und bald erschien es nur noch als ein einziger kleiner Punkt in der Ferne. Was mochte diesen verhaßten Lovell nach Bally-- bay geführt haben? Worüber konnte er und Nita sich zwei endlos lange Stunden unterhalten haben? „Abenteuer werden wir wohl heute keines mehr erleben", murmelte Mrs. Tuckitt. „Nicht einmal eine verirrte Kuh ist weit und breit zu sehen. Haben Sie eigentlich schon einmal irgend etwas erlebt, das ins Reich der Abenteuer gehört? Erzählen Sie mir etwas, es sitzt sich hier so himmlisch schön, und zur Rückkehr ist es noch zu früh." Maureen schilderte nun, wie sie sich einmal in Australien als halberwachsenes Mädchen von ihrem Baier die Erlaubnis abgerungen habe, auf einem etwas wilden Pferde allein nach einer ziemlich entfernt gelegenen Farm zu Bekannten zu reiten. Tas Pferd aber habe gescheut, sie ab- geworfen und anstatt heimzukehreu, sei es in entgegen-» gefetzter Richtung fortgelaufen, sodaß ihr Baier sie bei der befreundeten Familie vermutet und nicht nach ihr gesucht habe. Am anderen Tage erst seien eine Menge Boten aus- gescheckt worden, die sie dann auch endlich nach zwanzig qualvollen Stunden halb verdurstet und halb tot vor Angst aufgefunden und zu ihrem verzweifelten Baler gebracht haben. „Tas war aber auch das einzige, wirkliche Abenteuer, das ich erlebt habe", schloß Maureen. „Wie schön und friedlich See und Bucht da unter uns liegen, wie in tiefem Schlaf — das heißt das Meer schlummert nur, einen wirk- lrchen Schlaf kennt cs ja nicht, aber der See, der befindet sich jetzt ganz im Lande der Träume. Es isst wohl Zeit, daß wir uns auf den Heimweg begeben und seinem Beispiele folgen." „Still", rief Mrs. Tuckitt gebieterisch, „still!" „Was giebts? Fürchten Sie, ich könnte den See aufwecken?" rief Maureen mit jugendfrohem Lachen. »Seien Sie ruhig, setzen Sie sich!" bat ihre Gefährtin angstlech, endem sie Maureens Arm umklammerte. „Ich höre Stemmen, horchen Sie — sehen Sie, dort neben dem Baum im Hohlweg! Sehen Sie nicht die zwei Gestalten — Nvei Männer, die geradewegs auf uns zukommen?" „Doch, ich sehe sie, einen Manee und einen Knaben, sie haben einen Hund bei sich, Geister sinds also nicht. Was meinen Sie, was wir tun sollen? Fortlaufen können wir nicht, das wäre zu feige." Es ist auch viel zu spät dazu. Am besten ists, wir kriechen unter einen Felsen und rühren uns nicht. Ich bin überzeugt, daß nichts gutes die beiden zu dieser nachtschlafenden Zeit hierher führt." „Tas gleiche könnten sie auch von uns denken", erwiderte Maureen. Mrs. Tuckitt aber kroch bereits auf allen Bieren hinter einen der größten Felsen. Hoch aufgerichtet, nur mit Mühe einen Lachanfall bekämpfend, folgte ihr Maureen. Irgend eine Art Waffe haben Sie wohl nicht bei sich?" flüsterte ihre Gefährtin mit zuckenden Lippen, „Nein", antwortete das junge Mädchen, sich neben Mrs. Tuckit niederkauernd, „nichts als eine kräftige Hutnadel. Sie ängstigen sich doch hoffentlich nicht ernstlich, meine liebe Mrs. Tuckitt? Mir ist so behaglich zu Mut, als spielten wir Berstecken." Ein Schauder war Mrs. Tuckitts einzige Antwort. 14. Kapitel. Was die Lauscherinnen hörten. Mrs. Tuckitt trug ein schweres, schwarzes Seidenkleid, ihre jugendliche Gefährtin Dagegen war ganz in Weiß gekleidet und folglich bedeutend leichter zu entdeckten. Trotzdem klopfte das Herz der kleinen Frau so laut, daß sie die Näher und näher kommenden Schritte der zwei Männer kaum zu hören vermochte. Plötzlich verstummten die Tritte, und Maureen wagte es, vorsichtig mit einem Auge aus ihrem Bersteck hervorzulugen. Tie beiden Männer standen jetzt an der niedrigen Felsenmauer, ungefähr zwanzig Fug von ihnen entfernt, und Mrs. Tuckitt zuckte heftig zusammen, als plötzlich eine laute, rauhe Stimme fragte: „Ta wären wir ja, was willst Tu von mir?" „Na, weißt Du, Joey, unter den vielen Leuten aus dem Torfplatz konnte ich kein ruhiges Wort mit Dir sprechen, die Mädels umschwärmten Tich ja wie die Fliegen den Honig, und da ich keine Horcher haben will, so sagte ich Tir, Tu solltest zu den grünen Felsen kommen, wo uns so leicht niemand stört." „Tas ist schon wahr, denn nach zehn Uhr besinnt sich jeder, hierherzukommen, und bei Gott, mir war's vorhin, als sähe ich etwas Weißes." „Ach, schäme Dich, wer glaubt noch an diese Altweiber- geschichten?" „O, viele Leute; es ist eine bekannte Sache, daß schon mehr als einer hier ins Gras beißen mußte. Toch setze Tich jetzt und sprich schnell, was Tu von mir willst." „Ja, ja, nur Geduld", antwortete der andere, sich heftig räuspernd. „Kennst Tu den Kuffcher Terence?" „Dumme Frage!" erwiderte Joey ärgerlich. „Und Judy Flood von Caher hast Tu doch auch schon gesehen? Tie hat nämlich zweitausend Pfund Heiratsgut; schön ist sie freilich nicht, und die erste Jugend hat sie auch schon hinter sich." „Allerdings, aber zweitausend Pfund sind ein hübsches Sümmchen. Was ist's mit ihr?" fragte der Mann mit der rauhen Stimme. „Sie ist ganz vernarrt in den Burschen Terence, der aber will nichts von ihr wissen, obwohl sie ihre Kleider in Cork kauft und singen und Harmonika spielen kann." „Tie dumme Gans! Er guckt ja überhaupt kein Frauenzimmer an und geht ganz in seinen Gäulen auf. Uebrigcns ist sie wohl nicht die einzige, die gerne mit Terence anbändeln möchte, denn er ist ein hübscher Kerl." „Tas ist's ja eben, und deshalb möchte ich seine schöne Fratze aus dem Weg schaffen. So lauge er in der Gegend ist, gönnt Judy Flood mir keinen Blick, bin ich ihn aber los, so habe ich freie Bahn." „Wie willst Tu das aber machen? Er denkt nicht ans Fortgehen, und bei der Post weiß man wohl, daß er der beste Kutscher weit und Breit ist; deshalb bezahlt man ihn auch so gut. Ter sitzt so fest auf seinem Posten, wie der Cashelfelsen. Und da er niemals einen Tropfen Schnaps oder derartiges über die Lippen bringt, so kann man ihn auch in dieser Hinsicht nicht so leicht in Ungelegenheiten Bringen. Was hast Tu also für einen Plan?" Zum zweitenmale guckte Maureen ängstlich um die Ecke des Felsens, und nun konnte sie die beiden, im Mondlicht sich scharf abhebenden Gestalten deutlich sehen: einen großen, kräftig gebauten Mann im Sonntagsanzug und einen stämmigen Zwerg, dessen breitschultriger, schwerer Oberkörper auf zwei schmächtigen, krummen Beinen ruhte. „Mein Plan ist folgender", sagte der Größere. „Ich gebe Tir zehn Pfund bar in die Hand, wenn Tu mir Terence lebendig oder tot ans der Gegend schaffst." „Zehn Pfund?" wiederholte der Zwerg mit höhnischem Lachen. „Zehn Pfund für das Risiko, mich von ihm umbringen oder mich im Corker Gefängnis aufhängen zu lassen? Zehn lumpige Pfunds „Nun, dann meinetwegen fünfzehn." „Und das soll im Verhältnis stehen zu den zweitausend, die Tu bekommst? Ta mußt Du schon tiefer in den Beutel greifen, mein Alterchen." „Tu bist so ein gewandter Kerl, Joey, und schlau wie ein Fuchs. Tu bringst es leicht fertig, ihn Bei Seite zu schaffen." „Schweig mit Deinen Schmeichelreden. Hältst Tu mich für ein Frauenzimmer? Schöne Worte sind Billig." „Na, dann also zwanzig Pfund, aBer auch nicht einen Heller mehr." „Zwei Pfund Angeld und fünf Flaschen Whisky." „Meinetwegen." „ABgemacht", rief der Zwerg, indem er seinem Gegen- üBer zur Bekräftigung des Handels die Hand entgegenstreckte und sagte: „Ich haBe auch noch eine eigene kleine Abrechnung mit dem hübschen Mr. Terence zu machen. Ich war doch einmal Stallbursche Bei ihm, und da hat er mich mit Schimpf und Schande davongejagt, weil ich einen kleinen Rappen etwas mehr prügelte, als nötig war. Tas Vieh verlor daBei das rechte Äuge, er aber ging auch nicht gerade glimpflich mit mir um in seinem Zorn, das darfst Tu mir glauben. Und zudem hat er mich um meine schöne Stelle gebracht. Tasür soll er mir jetzt büßen. Mit Genuß würde ich ihm das Fleisch von den Knochen reißen, wenn ich die Gelegenheit dazu fände." „Wie willst Tu aber die Sache angreifen, mein Junge?" „Auf ihn zu schießen, ist mir zu gefährlich, wie wär's! aber mit einem Unglücksfall, zum Beispiel mit der Post-« kutsche in einer dunklen, stürmischen Nacht, das hätte durchs aus nichts Ausfallendes." „Und was würde dann aus den anderen Leuten im Wagen?" „Ach was, das find doch nur Engländer, die sollen sehen, wie sie sich aus der Patsche ziehen. Am nächsten Dienstag fährt eine Nachtpost nach Shule; vor zwölf Uhr ist kein Mondschein, und am Scanlanselsen gcht's scharf um die Ecke. Wenn ich ein festes Seil über die Straße spanne, so bürge ich dafür, daß der Wagen einen famosen Purzelbaum macht." „Nein, bei Gott", rief Jim mit großem Pathos, „so ernst war's denn doch nicht gemeint! Ans Leben will ich Terence nicht, denn «er hat mir wissentlich niemals etwas zu Leide getan. Er ist ein ruhiger, gutmütiger Bursch, und ehe Jrcdy ein Auge auf ihn geworfen hatte, waren wir die besten Freunde. Und nun auch noch vollends eine ganze Kutsche voll Menschen dabei ums Leben bringen, nein, beim Himmel, dabei will ich meine Hand nicht im Spiel haben." „Na, wenn Tu also gar so zimperlich bist", höhnte der Zwerg, „so kann ich ja einen Felsklotz auf ihn werfen. Ueber der Beraniastraße liegen viele große, schwere Steine aufeinander gehäuft, Terence geht jede Woche einmal da Vorbei auf den Pachthof, und zwar immer allein und spät abends, da ist die Sache leicht auszuführen. ,Tod durch Unglücksfall' wird dann einfach in der Zeitung stehen." Ein häßliches, schrilles Lachen begleitete seine Worte. „Und wenn alles vorüber ist, dann komme ich hierher und hole mir mein Geld, und Tu kannst Judy trösten. So sehr zu Herzen nehmen wird sie Terences Verlust wohl nicht, daß sie in ein Kloster geht. Was würdest Tu dann tun, mein Jungchen?" „Da ist keine Gefahr. Komm her, Crab, du dummer Kerl", rief er seinem Hund zu. „Was zum Teufel, machst du denn da?" Crab, der schon eine zeitlang unruhig herumgeschnüffelt hatte, entdeckte plötzlich die beiden Horcherinnen und begann wütend zu bellen. „Er scheint irgend etwas gefunden zu haben; wahrscheinlich einen Igel." „Bleiben Sie ganz ruhig", flüsterte Maureen, sich plötzlich aufrichtend. Rasch schlug sie ihren Kleiderrock über den Kopf, sodaß er ihr Gesicht verbarg, sprang aus dem Versteck hervor und lief geradewegs auf die beiden Verschwörer zu. „Was ist das? O heilige Maria!" heulte ängstlich der Zwerg. „Tvnner und Blitz, es kommt!" brüllte er heiser vor Entsetzen, und lief, so rasch ihn seine kleinen Beine tragen konnten, den Hügel hinunter. Einen kurzen Augenblick bot sein Helfershelfer mutig der Erscheinung Trotz, als aber Maureen mit drohender Gebärde auf ihn zuschritt, ergriff auch er das Hasenpanier. (Fortsetzung folgt.) Schnupftabakdosen. Von Fred Hood. (Nachdruck verboten.) Frankreich kann sich rühmen, die ersten Tabakschnupfer in die Welt gesetzt zu haben. Warum gerade Frankreich? Die Franzosen sind doch sonst die personifizierte Grazie, aber das Schnupfen ist gewiß keine graziöse Gewohnheit, mag es dem Schnupfer auch noch so viel Behagen bereiten. Indessen ist es so; man begann in Frankreich unter Ludwig XIII. zu schnupfen, und die damalige Zeit war doch gerade eine besonders galante. In der Tat fühlten sich die Kavaliere ganz glücklich, einen neuen Gegenstand entdeckt zu haben, welcher so viel Gelegenheit gach Luxus und Eleganz zu zeigen. Schnupfen kann natürlich jeder Bauer. Wer wie man schnupft, darauf kommt es an. Man denke sich eine mit Edelsteinen oder feinen Miniaturen geschmückte Dose aus kostbarem Stoff in der wohlgepflegten schlanken Hand eines seinen Kavaliers oder gar in der Hand einer schönen Dame! Oh, es kam sehr darauf an, mit welcher Manier man die Dose öffnete, sie einem Herrn oder einer Dame der feinen Gesellschaft anbot, und in welcher Weise man die Prise dem schmucken Döschen entnahm, um sie mit spitzen Fingern an die aristokratische Nase zu bringen. Es gab berühmte Schnupfer, die die Sache so fein machten, daß sie allgemein bewundert und nachgeahmt wurden. Mit solcher Wichtigkeit wurde das Schnupfen behandelt. Herr von Larochefoucauld war berühmt wegen seiner Grazie, mit der er seine Dose in der Hand zu drehen pflegte bezw. in die Tasche gleiten ließ, und die Schauspieler gaben sich alle Mühe, ihm diese Manier nachzuahmen. Die Schnupftabakdose gehörte zu den umerläßlichen Attributen des feinen Mannes, und reizenden Frauen erschien sie ebenso unentbehrlich wie der Fächer. Viele Damen benutzten die Dose allerdings nur, um ihre schönen Hände zu zeigen. Wer auch in England hatte unter der Regierung der guten Königin Wna das Schnupfen unter den vornehmen Damen eine nicht minder große Verbreitung gefunden. Die elegante Weltdame zog mitten in der Predigt ihre Dose hervor, bot ungeniert ihren Bekannten beiderlei Geschlechts von ihrem besten brasilianischen Schnupftabak an und forderte den Kirchendiener auf, eine Prise zu nehmen, während sie ihr Geldstück auf den Sammelteller legte. Der berühmte englische Essayist Steele erzählt, daß einmal eine Schöne seines Bekanntenkreises durch den Gebrauch der Schnupftabakdose in eine peinliche Verlegenheit geriet. Eines Tages hatte sie zufällig Besuch von einem Wbeter, als noch andere Bekannte vorsprachen. Unter dem Vorwand, einen Gegenstand, über den sie gerade sprachen, aus ihrem Boudoir holen zu wollen, begab sie sich auf einen Augenblick dahin. In demselben Moment hörte man, zum höchsten Erstaunen der Besucher und zum Entsetzen der nicht wenig verlegenen Dame das heftige Niesen eines Mannes im Boudoir. Es ist unglaublich, welch ein Luxus damals, und zwar nicht nur in England und Frankreich, sondern auch in Deutschland mit den Schnupftabakdosen getrieben wurde. Fast in allen Museen der Großstädte begegnet man derartigen kostbaren Dosen von historischem Interesse, und während der Pariser Weltausstellung konnte man in dem unvergeßlichen Petit Palais eine gunze Sammlung merkwürdiger Dosen von unschätzbarem Werte sehen. Viele dieser Dosen waren von auserlesener Schönheit und kunstvoller Arbeit, zum Teil mit prächtigen Diamanten von schönstem Wasser, feingeschnittenen Kameen und wertvollen Miniaturen geschmückt, sodaß die ängstliche Sorgfalt, mit welcher sie von den Sammlern behütet wurden, vollkommen gerechtfertigt erschien. Bei Besichtigung dieser Dosen konnte man nur im Zweifel sein, ob das Material den Kunstwert überstiege oder umgekehrt. Das Berliner Kunstgewerbe-Museum besitzt eine sehr reiche Sammlung von Dosen aus Achat, Jaspis, Muscheln usw. in Metallfassung, welche aus dem 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts stammen. Sie bilden zum Teil ein Vermächtnis des Fräulein von Uttenhoven, aus deren Besitz eine große Zahl wertvoller Gegenstände an das Kunstgewerbe-Mufeum gelangt sind. Zwei etwa um das Jahr 1750 gefertigte Dosen zeigen eine überaus reich und kostbare Dekoration des Deckels. Sie sind von Achat und mit figürlichen Darstellungen in Reliefmosaik aus Perlmutter geschmückt. Tie einzelnen Perlmuttteilchen sind so kunstgerecht ausgeschnitten, daß ihre Färbung gerade dem betreffenden Stück des kleinen höchst korrekt gearbeiteten Bildes entsprechen, sei es nun ein Frauengewand, ein entblößter Arm oder Fuß oder sonst eine Partie des farbenreichen Reliefs. Eine große runde Tose von 15 Zentimetern Durchmesser ist von Meisterhand mit einer idealen Landschaft in Lackmalerei geschmückt. Eine andere kleinere runde Dose zeigt ein aus 40 verschiedenen geschnittenen Steinen gebildetes Ornament in Goldfassung, welche ein kleines Fruchtstück umschließen. Tie Arbeit ist von Christian Neuber während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgeführt, und es sind nur Edel- und Halbedelsteine aus dem Kurfürstentum Sachsen verwendet. Ta- neben finden wir eine Sammlung von goldenen und silbernen Tosen mit reichem Reliefschmuck, Jagdbilder, myto- logische Szenen usw. darstellend. Sehr schön sind auch zwei aus sehr kostbarer Perlmutter gearbeitete Tosen mit teil- 48 „eifer Goldauflage, au» der ersten Hälfte )e3 18. Jahrhundert» stammend. Eine besondere Sammlung des Berliner Kunstgewerbemuseums bilden chinesische Porzellanfläschchen für Schnupftabak, aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Sie sind teils einfarbig glasiert, teils mit sehr feinen Mustern in lebhaften Tönen geschmückt. Tie figürlichen Miniaturmalereien auf diesen Fläschchen sind von überraschender Naturwahrheit. Namentlich fielen mir in dieser Hinsicht einige mit krähenden Hähnen und anderen Vögeln bemalte Tabakfläschchen auf. Viele dieser Fläschchen besitzen auch scharf hervortretende Reliefs, welche ganz merkwürdig verschlungene Tier- und Pflanzenmotive, überhaupt eine überaus reiche Fülle von Schmuck auf geringer Fläche zeigen. Tie Formen der Fläschchen sind an sich außerordentlich mannigfach, ja man begegnet hier allen Formen, welche jetzt wi 'der für die Riechfläschchen unserer modernen Damen Inwendung finden. Diese Sammlung muß einen außerordentlichen historischen und künstlerischen Wert besitzen. Eine große Anzahl kostbarer Schnupftabakdosen waren auf der Stuart-Ausstellung in London zu sehen, für welche die Eigentümer die kostbaren Stücke hergegeben hatten. Eine ckberne Dose gehörte einst dem Marquis von Montrose; man sagt, daß die Tose der letzte Gegenstand gewesen, den er in der Hand hielt, bevor er den Galgen bestieg (21. Mai 1650). Eine Eichendose war in Silber montiert und zeigte eine Darstellung Karls II., der sich in einer Eiche verborgen hat, während die Soldaten nach ihm suchen. Und das Holz zu dieser Dose wurde eben jener Eiche entnommen. Die Guelph-AuSstellung enthielt ebenfalls eine große Anzahl interessanter und schöner Tosen. Einige derselben zeigten auserlesene kleine Miniaturen von Cosway. Hier war die goldene Dose zu sehen, welche Byron dem (Sbmuitb Kean schenkte, sowie GarrickS Lieblingsdose mit einem Porträt seines Bruder Peter. Ein anderes vielerwähntes Exemplar war eine Tose mit einem Bilde des „Hell Fire Club" (HöUenfeuer-Klub), welcher vor der Vereinigung von Großbritannien und Irland in Dublin bestand, und zu /essen Mitgliedern mehrere bekannte Persönlichkeiten gehörten. Mehrere Schnupftabakdosen stammten von Monarchen. Eine derselben, welche von der Prinzessin Amalie, der Tochter Georgs III., dem General Fitzroy, verehrt worden war, enthielt eine Locke ihres Haares. Drei oder vier andere Dosen gehörten ursprünglich Georg IV., darunter üne, welche er Walther Scott zum Geschenk machte. Ein rüderes merkwürdiges, von dem Herzog von Cambridge dergeliehenes Exemplar aus Blutstein zeigte auf dem Deckel nnen Hund mit Augen und Zähnen von Diamanten und 'iner Zunge aus Karneol. Von -Friedrich dem Großen wird folgende Geschichte wzählt: Ter große König war über den Grafen Schwerin ms irgend einem Grunde ungehalten. Jedenfalls schenkte )er König dem Grafen eine Schnupftabakdose, auf deren Innenseite der Kopf eines Affen gemalt war. Am nächsten Tage zog der Graf die Dose bei Tische hervor, und zeigte w der Herzogin von Braunschweig. „Welch ein ausge- unchnetes Porträt Seiner Majestät!" bemerkte die Herzogin. Ler König sah etwas betroffen umher. „Ist es nicht ein schönes Porträt?" sagte die Dame, die Dose ihrem Nachbar reichend. „Außerordentlich gut", war die Entgegnung, und die Dose begann die Runde um den Tisch zu nachen. Da befahl der König, ihm die Dose zu reichen. Wie verblüfft war er über, als er sah, daß der schlaue Graf »en Affenkopf entfernt und denselben durch ein Porträt »es Königs ersetzt hatte, um diesem eine Lektion zu geben. Tie Jones-Kollektion im Albert- und Viktoria-Museum n London ist nach Mitteilungen von A W. Jarvis in English Jllustrated Magazine besonders reich an Tabak- tojen von seltener Schönheit und großem Werte. Eine nnzige, von Blaremberghe gemalte Dose ist auf 30 000 Warr geschätzt worden, und viele andere sind fast ebenso iel wert. Mehrere der in die Deckel eingelassenen Minia- nreil sind von Petitot. Eine Dose, welche fiüher im besitz Demidoffs war, zeigt Miniaturb-ilder Marie Antoi- rettes und der ganzen Familie Louis XVI. Neben der- u6ett befindet sich die goldmontierte Schnupftabakdose des Sir Thomas Lawrence, welche aus Vesuvlava gefertigt ist. Ein phantastisches Exemplar besteht aus Amethyst und stellt ein liegendes Lamm dar. Die Ohren sind aus Rubin und die Augen aus Diamanten scheinen tatsächlich Feuer zu sprühen. Unter den Schildpattdosen befindet sich eine, welche Louis XVI. dem Marschall Vauban geschenkt haben soll. Eine andere, von der man annimmt, daß sie der unglücklichen Marie Antoinette gehörte, wurde der Familie des Gebers von dem Prinzen von Conde ge- schenkt. Die Schnupftabakdosen-Sammlung des Britischen Museums ist nicht groß, doch sehr interessant. Im asiatischen Saal befindet sich, wie in Berlin, eine Anzahl zierlicher kleiner Porzellanflaschen, in denen die Chinesen ihren Schnupftabak aufbewahrten. Doch existiert im Britischen Museum auch eine kleine Sammlung chinesischer Schnupftabakdosen aus Glas. Da sind einige geschickte Imitationen von Onyx, Chalcedon, Türkis rc. und eine hübsche, kleine Dose, reich mit imitierten Steinen besetzt. In einem anderen Saale findet man eine Anzahl merkwürdiger alter Schnupftabakdosen aus Horn und Schildpatt mit Reliefbüsten verschiedener Monarchen. Das Britische Museum besitzt auch eine emaillierte goldene Schnupftabakdose, in welcher die Königin Charlotte ihre geliebte Mischung von spanischem oder Straßburger Schnupftabak aufbewahrte, und zu welchem sie stets ein wenig grünen Tee hinzuzufügen pflegte. Eine andere Tose war aus Lumachelli ofct „Feuermarmor" gefertigt, welcher ein faszinierendes Farbenspiel besitzt. Der Teckel dieser Dose sowie derjenige zweier oder dreier anderer Dosen, ist mit reizenden Kameen geschmückt. Die beiden Schnupftabakdosen Napoleons werden am meisten bewundert. Eine derselben wurde Frau Damer vom Kaiser geschenkt, als Dank für eine Büste des Charles James Fox, welche die Dame mit eigener Hand für Napoleon meißelte. Ein Miniaturbild Napoleons, welches den Deckel schmückt, ist von prächtigen Diamanten umgeben. Die zweite Dose, welche der Kaiser von dem Papst Pius VI. erhielt, zeigt aus dem Deckel eine prächtige antike Kamee. Beim Tode Napoleons fand man in der Dose ein Stück Papier, welches die folgenden Worte trug: „L'empereur Napoleon a Lady Holland temoignage de satisfaction et d'estime." Als Lord Charlisle von dem Vermächtnis hörte, beging er die Taktlosigkeit, seinem Gefühl gegen den toten Kaiser in einigen Versen Luft zu machen, welche mit den Worten begannen: „Lady, weisen Sie das Geschenk zurück, es ist mit Blut befleckt." Diese Verse amüsierten Byron höchlichst, und er parodierte dieselben. Lady Holland aber legte großen Wert auf dieses Zeichen dankbarer Erinnerung des Kaisers an ihre ihm während seiner Gefangenschaft auf St. Helena bewiesene Güte. Bei ihrem Tode vermachte sie die Dose dem Museum. Die Mode des Schnupfens hat in unserer Zeit zwar nicht abgenommen, aber sie ist in vornehmen Kreisen nicht mehr besonders beliebt, und darum wird auch auf die Ausstattung des Schmuckes der Tabakdose nicht mehr das nötige Gewicht gelegt. Vielleicht ist es aber doch angebracht, darauf hinzuweisen, daß man auf die Ausstattung wohlfeiler Zigarren- und Zigarettenbehälter eine ziemlich große Sorgfalt verwendet; es ist deshalb nicht einleuchtend, warum man nicht auch der Tabakdose des einfachen Mannes etwas gefälligen Schmuck verleihen sollte. Selbst die silbernen Tabakdosen, denen man hin und wieder begegnet, zeugen im allgemeinen von einem recht barbarischen Geschmack. Verständige Gold- und Silberschmiede sollten sich der Sache einmal bemächtigen, und die alten schönen Muster in den Museen studieren. Kapselrätsel. (Nachdruck verboten.) Reitpferd, Verdienst, Morgenandacht, Aufreibung, Ligroin, RatbauS. Es ist der Name eines deutschen Dichters zu finden, dessen einzelne Silben in vorstehenden Wörtern versteckt sind, ohne Rücksicht auf deren Silbenteilung. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'scheu UniversitätS-Bvch- und Steindrnckerei (Pietsch Erben) in Giessen,