Mittwoch den 22. Juli. 1903. — Nr. 107. W I". MHW .®JTw bä : WMM (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) 7. Kapitel. Alte Bekannte. Karl Steinmetz hob die Feder von dem vor ihm liegenden Papier in die Höhe und rieb sich mit dem Zeigefinger die Stirn. „Herrgott! Wieviel Scheffel hat denn eine Tonne?" sagte er laut vor sich hin. „Wie soll ich das heraus- rriegen? Diese englischen Gewichte und Maße, dieses englische Geld, wo es doch ein Metersystem gibt!" Während er noch immer darüber grübelte, trat Paul Alexis ins Zimmer. Der junge Mann war in Soireetoilette und blickte ziemlich eifrig nach der Uhr. „Werden Sie zu Hause dinieren?" fragte er, als Steinmetz sich in seinem Stuhle umdrehte. „Ich speise außer Hause. Ich bin bei Frau Etta Beaumont geladen." Steinmetz neigte ernst den Kops; er sah nicht Paul, sondern das Muster des Teppichs an. Eine kurze Pause entstand, dann sagte Paul mit völliger Einfachheit: „Ich werde sie wahrscheinlich heute fragen, ob sie meine Frau werden will." „Und sie wird wahrscheinlich ,Ja' sagen". „Dessen bin ich nicht gar so gewiß", rief Paul lachend. Karl Steinmetz blickte ihn an und lächelte. „Sie haben sie wohl nie gesehen?" Steinmetz schwieg, dann sprach er eine Lüge, eine gut überlegte, entschlossene Lüge aus. „Nein." „Wir gehen in die Oper, Loge II, erster Rang; wenn Sie hinkommen wollen, wird es mir ein Vergnügen sein, Sie vorzustellen. Je früher ihr euch kennen lernt, desto besser." „Sie sollten eine reiche Partie machen." „Warum?" Steinmetz lächelte. „Weil jeder es tut, der es kann", antwortete er. „Da wäre Katharina Lanowitsch; ein Gut, so groß wie das Ihrige, an das Ihrige angrenzend, eine große, russische Fanlilie, ein gutes Mädchen, das — zu haben ist." Paul lachte gutmütig. „Sie sind geneigt, meine zahlreichen guten Eigenschaften zu überschätzen. Katharina ist ein sehr nettes Mädchen, aber ich glaube nicht, daß sie mich heiraten Wurde, selbst wenn ich es wollte." „Was Sie nicht zu tun gedenken?" „Gewiß nicht." „Dann machen Sie sie sich zum Feind", sprach Steinmetz ruhig. „Das kann unangenehm werden, aber es läßt sich nichts dagegen machen. Sie wissen ja: ein verschmäht tes Weib, — Shakespeare oder die Bibel, ich verwechsle! sie immer miteinander. Nein, Paul, Katharina Sano« witsch ist eilte gefährliche Feindin. Sie ist seit vier Jähren' in Sie verliebt, und Sie würden es gesehen haben, wären Sie nicht ein Narr. Mein lieber Paul, ich fürchte wirllich> daß Sie ein Narr sind. Gott segne Sie dafür!" „Ich glaube, Sie irren sich", sagte Paul etwas kurz, „nicht bezüglich meiner Narrheit, sondern bezüglich Katharina Lanowitsch." Ein feines Rot zog über seine ehrlichen Züge, und er wandte sich ab', um wieder nach der Uhr zu sehen. „Die Art und Weise, wie Sie von den Frauen sprechen, gefällt mir nicht, Steinmetz; Sie sind wirklich ein cynisches, altes Scheusal! — Ich sehe Sie also später noch?" „Ja", sagte Stzinmetz ohne auszublicken. So machte sich denn Paul Alexis auf den Weg, sich' um die Hand der Dame seines Herzens zu bewerbens und während er sein Haus verließ, empfing jene Dame Herrn Claude von Chauxville in ihrem Salon. Die beiden hatten sich seit Wochen nicht gesehen — in der Tat, seit dem Tage, da Etta dem Franzosen gesagt hatte, daß sie ihn nicht heiraten könne. Ihre Einladung zum Diner, in den gewöhnlichen freundlichen Worten abgefaßt, war der erste Zug in dem Spiele gewesen, das gewöhnlich ,Muff' genannt wird. Claude von Chauxvilles Annahme dieser Einladung war der zweite Zug gewesen, und jetzt schüttelt teit diese zwei Personen, die sich vor einander nicht fürchteten, einander mit liebenswürdigem Lächeln die Hände, während Paul durch die belebte» Straßen seinem' Ziele zueilte. „Ist mir verziehen worden, da ich zuni Diner kommen darf?" fragte Claude vou Chauxville unerschütterlich als der Diener sie allein gelassen hatte. Etta stand in herrlicher Toilette vor dem Kamin. Sie war mit einer Blume auf ihrer Schulter so sehr beschäftigt, daß sie nicht sogleich antwortete. „Was soll verziehen werden?" fragte sie endlich in abweisendem Tone. Herr von Chauxville zuckte in ferner anmutigen Weise die Achseln. „Mon Dien! Ein Verbrechen, das keine andere Entschuldigung und keine Erklärung fordert, als einen Spiegel." Sie blickte unschuldig zu ihm auf. „Einen Spiegel?" „Ja, den Ihrigen. Haben Sie mir verziehen, daß ich mich in Sie verliebt habe? Das ist, wie ich höre, ein Verbrechen, das Frauen manchmal verzeihen." „Es war kein Verbrechen", sagte sie. Sie hätte die Räder von Pauls Equipage gehört. „Es war ein Unglück; bitte, lassen Sie uns vergessen, daß es geschah —" Herr von Chauxville drehte seinen zierlichen Schnurr«! bart, indem er sie scharf anblickte. 426 „Sie können vergessen", sagte et, „aber ich denke daran." Sie antwortete nicht, sondern wandte sich ab, um Paul lächelnd zu begrüßen. „Ich glaube, die Herren kennen einander?" sagte sie anmutig, nachdem sie ihm die Hand gereicht hatte, und die beiden Männer verbeugten sich. Sie gehörten verschiedenen Nationen an, aber es gab drei Sprachen, in denen sie sich mit gleicher Leichtigkeit verständigen konnten. „Wo bleibt eigentlich Nelly?" rief Frau Etta. „Sie konimt immer so spät." „Wenn ich da bin", dachte Herr von Chauxville bei sich, aber er sagte es nicht. Bei Tisch wurde die Konversation hauptsächlich von Etta und Herrn von Chauxville geführt, der einen großen Vorrat von Epigrammen und glänzenden Nichtigkeiten befaß, die er in einer Weise von sich gab, daß sie wirklich wie Weisheit klangen. Etta war ihm ebenbürtig, indem sie seinen scharfen Witz manchmal übertraf, manchmal sich mit einem silberhellen Lachen begnügte. Nelly war abwechselnd sehr schweigsam und sehr gesprächig. Wenn Paul und Etta miteinander sprachen, sah sie die beiden nie an, sondern blickte starr auf ihren Teller, ein Glas oder das Salzfaß. Wenn sie sprach, so richtete sie ihre an und für sich recht unbedeutenden Bemerkungen ausschließlich an den Mann, den sie nicht leiden konnte, an Claude von Chauxville. Das Mädchen versprach, eine jener Frauen zu iverden, die sich spät entwickeln und wie die besten Früchte langsam reifen. Während der Fahrt ins Opernhaus verhielten sich die beiden Frauen in Ettas zierlicher, kleiner Equipage schweigsam. Etta hatte ihre Gedanken im Kopfe; sie befand sich auf dem entscheidenden Punkte eines schwierigen Spieles und konnte die Karten, die sie in der Hand hatte, selbst eine Freundin nicht sehen lassen. In der Loge ivar das Arrangement bald getroffen. Etta und Paul saßen zusammen im Fond, Herr von Chauxville und Nelly in der Ecke der Loge. „Ich habe meinen Freund Karl Steinmetz gebeten, heute herzukommen", sagte Panl zu Etta, als er sich gesetzt hatte. „Er sehnt sich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Er ist mein — Premierminister drüben in Rußland." Etta lächelte anmutig. „Es ist sehr freundlich von ihm, daß er mich kennen lernen will", antwortete sie. Sie lauschte scheinbar der Musik, in Wirklichkeit eilte »sie im Geiste sechs Jahre zurück. Sie hatte mit dem dicken deutschen Philosophen nie viel zu tun gehabt, aber sie kannte ihn zu gut, um sich auch nur einen Augenblick mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß er ihren Namen und ihre Person vergessen haben könne. Etta Beaumont war in ihrem Leben noch nie außer Fassung geraten. Dieser kleine Zwischenfalb hätte es beinahe zu stände gebracht. „Wann kommt er?" fragte sie. „Gegen halb Zehn." Etta hatte auf ihrem Armband eine Nhr. Solche Frauen kennen immer die Stunde. Es war ein Wettrennen, und Etta gewann es. Sie hatte nur eine halbe Stunde vor sich, Herr von Chauxville war anwesend, und auch Nelly mit ihren stillen, ehrlichen Augen war da; trotzdem brachte die Witwe Robert Beaumonts Paul dahin, ihr einen Antrag zu machen, und sie gab! ihm ihr Jawort. Das brachte sie trotz tausend Schwierigkeiten und mehr als einer Gefahr zuwege, ehe der Logenschließer die Tür hinter ihnen öffnete, und Steinmetz breit, humoristisch und undurchdringlich, mit einem ernsten Lächeln auf der Schivelle erschien. Er sah Claude von Chauxville, und ehe der Franzose sich umwandte, veränderte sich der Ausdruck, der aus Steinmetz breiten, ruhigen Zügen lag. „Ich glaube bereits das Vergnügen gehabt zu haben, die gnädige Frau irgendwo kennen zu lernen. War es nicht in Petersburg?" Gelassen und lächelnd bejahte Etta und stellte ihn Nelly vor. Herr von Chauxville benützte die Gelegenheit, die junge Dame zu verlassen und sich Paul und Etta zu nähern, um alle weiteren Versuche zu vertraulichen Gesprächen vollständig zu vereiteln. Einen Augenblick blieben Steinmetz und Paul nebem emander allein. „Ich habe eben ein Telegramm bekommen", sagte Steinmetz ans russisch. „Wir müssen nach Twer zurück; schon wieder Cholera. Wann können Sie kommen?" Paul biß sich unter dem starken Schnurrbart die Lippen. „In drei Tagen", antwortete er. „Wirklich, Sie begleiten mich?" fragte Steinmetz unter dem Schutze der lärmenden Musik. „Natürlich!" Steinmetz blickte ihn neugierig an, dann warf er einen Blick auf Etta, sprach aber kein Wort. Es sah beinahe so aus, als gewähre die plötzliche Abreise des Geliebten Etta eine gewisse Erleichterung; denn während er in den übrigen wenigen Stunden des Abends ernst und still blieb, war sie munter und fröhlich. Das Letzte, was er von ihr sah, war ihr lachendes Gesicht, das zum Wagenfenster herausschaute, während die Equipage davonrollte. Als Nelly und Etta zu Hause angelangt waren, begaben sie sich in den Salon, wo Biskuit und Wein auf dem Tische standen. Die Kammerjungfern nahmen ihnen die Mäntel ab und ließen sie dann allein. „Ich habe mich mit Paul verlobt", sagte Etta plötzlich. Sie war dabei, die verivelkten Blumen von ihrem Kleide herunterzureißen, und sie nachlässig auf den Tisch zu werfen. Nelly stand, ihr den Rücken zukehrend, vor dem Kamin, auf dessen Sims sie beide Hände gelegt hatte. Sie war im Begriffe, sia) umzuwenden, als sie ihr eigenes! Gesicht im Spiegel erblickte, und das, was sie dort sah, bewog sie, von ihrer Absicht abzustehen. „Es überrascht mich nicht", sprach sie mit gleichmäßiger Stimme, in der Haltung einer Statue. „Ich gratuliere Dir. Ich glaube, er ist — nett." „Du glaubst auch, daß er zu gut für mich ist", sagte Etta mit einem leisen Lachen. Aus diesem Lachen klang etwas Eigenes heraus — etwas, wie verletzte Eitelkeit, die verletzte Eitelkeit einer Frau, die weiß, daß eine bessere vor ihr steht. „Nein", antwortete Nelly langsam, indem sie mit dem Finger eine Ader des Marmors auf dem Kaminsims nachzog. „Nein, das nicht." Etta blickte zu ihr auf. Es war etwas sonderbar- daß sie nicht fragte, was Nelly sich dachte; vielleicht! fürchtete sie sich vor jener Ehrlichkeit, die alle Gedanken und Worte des Mädchens charakterisierte. Statt dessen erhob! sie sich und gähnte. „Möchtest Du etwas Wein trinken?" fragte sie. „Danke, nein." „Dann wollen wir also zu Bette gehen." „Ja." 8. Kapitel. Der Fürst, Das Dorf Osterno, das am Ufer des Flusses Oster liegt, ist zu keiner Zeit ein angenehmer Ort. Es ist aus Holz gebaut, allein die Straße, die ans jeder Seite von niedrigen Häusern begrenzt wird, ist seltsamer Weise gut gepflastert. Dies hat der Tyrann Fürst Pawel getan, der die Straße bauen ließ, weil er nicht gern durch Pfützen und ausgefahrene Geleise fuhr, — nicht weil er den Bauern Arbeit geben, nicht weil er sie vor dem Verhungern retten wollte, durchaus nicht, obwohl er ihnen durch die Befriedigung seiner Laune zufällig diese kleinen Dienste erwies; sondern bloß weil er ein großer ,Barin' war, ein Fürst, der alles haben konnte, was er wollte. Hatte nicht der andere Bärin, der Steinmetz, die Arbeit beaufsichtigt? Steinmetz, der Verhaßte, der Verabscheute, das Werkzeug des Tyrannen, den sie nie zu Gesicht bekamen? Fragt nur den Starost, den Dorfschulzen, der kennt die Barins und haßt sie gehörig! Es war spät int Herbst, an einem Abend, dessen viele wegen seiner langen Totenliste gedächten, als Michael Ruhn, der Starost oder Dorfälteste, erste Kaufmann, Bürgermeister und einzige verüünftige Mensch von Osterno, auf der Türschwelle seines kleinen Ladens stand. Es war ein sehr! heißer Abend. Die Sonne war in einem Nebel untergegangen, der sich jetzt in ein ungesundes Grau ver-^ wandelte und sich über den westlichen Himmel verbreitete- wie der Schatten des Todes über ein Menschenantlitz. Es war das richtige Cholerawetter, und die Cholera war in Osterno eingezogen; sie hatte sich hier häuslich 427 niedergelassen, und nichts konnte sie töten, als der Wintersrost, worauf zweifellos der Hungertyphus ihr Nachfolger wurde. Der Starost, hatte getan, was er konnte. Er hatte dem Semstwo den'Zustand des Dorfes gemeldet und die gewöhnliche Bitte um Hilfe ergehen lassen, die in der gewöhnlichen Weise nach Twer übermittelt worden war, wo man sie augenscheinlich mit dem gewöhnlichen, philosophischen Schweigen entgegengenommen hatte. Allein Michael Ruhn hatte auch an Karl Steinmetz telegraphiert, und seit dem Abgänge der Depesche Hatte der Starost die Gewohnheit angenommen, abends auf seiner Türschwelle zu stehen, die Hände auf dem Rücken gefaltet und die kleinen, schwarzen Augen westwärts auf die Straße des Fürsten gerichtet. An jenem Wend schauten die kleinen, schwarzen Augen nicht umsonst in die Ferne; denn Plötzlich erschien auf der Straße ein schwarzer Fleck, wie ein Insekt, das über eine Landkarte kriecht. „Ah!" sagte der Starost. „Ich wußte es, aus ihn kann man sich verlassen!" Die Nachricht, daß ein Wagen aus der Straße von Twer sich nähere, verbreitete sich bald. Alle Bauern traten vor die Türen ihrer verfallenen, hölzernen Hütten, selbst die Schenken leerten sich für eine Weile. Als das Gefährt näher kam, sah man, daß die Pferde in scharfem Trab gingen. Neben dem Kutscher aus dem Bocke saß ein zweiter Bedienter; in dem offenen Wagen befand sich nur eine Person, Karl Steinmetz. Während er durch das Dorf fuhr, folgte ihm ein Gemurmel von vielen Stimmen, das von dem Gerassel der Räder, dem Klappern der Pserdehufe nicht ganz übertönt wurde. Das Gemurmel war ein Fluch. Karl Steinmetz hörte es deutlich, und lächelte mit einem seltsamen Ausdruck unter seinem dichten, grauen Schnurrbart. Der Starost, der aus seiner Türschwelle stand, sah das Lächeln. Er erhob mit seinem Nachbar die Stimme und fluchte. Als Steinmetz vorüberfuhr, machte er mit dem Kopse eine kleine, rückende Bewegung nach der Richtung des Schlosses. Das scharse, hagere Gesicht Michael Ruhns zeigte dabei keine Spur eines gemeinsamen Einverständnisses, und der Wagen rasselte durch das schwer getroffene Dorf weiter. Zwei Stunden später, als es ganz dunkel war, jagte ein geschlossener Wagen, dessen zwei Laternen hell durch die Nacht glänzten, im Galopp aus das Schloß zu. „Das ist der Fürst", sagten die Bauern, die aus ihren niedrigen Schwellen kauerten. „Das ist der Fürst. Wir kennen seine Glocken, — sie sind aus Silber, und wir werden im Winter hungern! Fluch über ihn! Fluch über ihn!" Der Wagen ffihr rasselnd vor dem glänzend erleuchtete« Schloßtor vor, und innerhalb! desselben, zu beiden Seiten der breiten Vorhalle, standen die Diener bereit, um ihren Herrn zu bewillkommen. Es war eine seltsam malerische, bunte Menge: Der Majordomo im schwarzen Frack, und neben ihm die anderen Hausbediensteten, große, stämmige Kerle in ihrer reichen Livree; hinter ihnen die Stallknechte und Jäger, eine kleine Armee in roten Tuchröcken, Weißen Lederhosen und hohen Stieseln, alle mit der Pelzmütze in der Hand, steif, in Habtachtstellung) sauber, ehrlich und nicht übermäßig intelligent. Das Schloß Osterno ist im Stile der meisten russischen Herrensitze und Moskauer Paläste gebaut. Der kaiserliche Palast aus dem Kreml ist ein Beispiel davon. Gne breite Vorhalle, in deren Hintergrund eine ebenso breite Treppe zu einer Galerie emporführt, auf welche die Wohnzimmer münden; am obersten Ende der Treppe, der Vorhalle gerade gegenüber, führen große Flügeltüren in den Sawn, der beinahe einem Thronsaale gleicht. Alles ist prächtig, hoch, geräumig, wie man es nur in russischen Hausern steht. Wahrlich, in diesem nordischen Reichs in diesem großen, reichen Land ist es gut, ein Kaiser, ein Fürst, em Edelmann zu sein, — nicht aber ein armer Mann. Paul schritt durch die Reihen seiner Diener. Er selbst war um emen Kopf größer, als der größte Bediente, ein rn,vL3°e Ä ber stämmigste Jäger. Mit einem raschen Kopfnicken dankte er für die tiefen Verbeugungen und schritt die Treppe hinan. Au ihrem obersten Ende erwartete ihn Steinmetz in voller Toilette, und auf seinem Frack glänzten die Wzeichen einiger Orden, die er während seiner früheren diplomatischen Tätigkeit erhalten hatte. (Fortsetzung folgt.) Der Papst ist gestorben. Skizze von Alphonse Daudet. Ich verlebte meine Kindheit in einer großen Provinzstadt, die zu beiden Seiten eines ansehnlichen schiffbaren Flusses liegt. Dort vermochten sich meine Reiselust und die Leidenschaft für das Leben auf dem Wasser früh zu entwickeln. Wenn ich jetzt an meinen Winkel am Kai oder an die Fähre in seiner Nähe denke, fühle ich mich tief bewegt. Noch sehe ich das alte Schild an einer Segelstange und die Worte darauf: „Cornet. Kähne zu vermieten"; noch sehe ich die feuchte, schwarze, schlüpfrige Treppe, die zum Wasser hinabführt, die Flotille von bunten, frisch angestrichenen Fahrzeugen, die sich an der untersten Stufe Bord an Bord aneinanderreihen, und sanft im Wasser schaukeln, leicht und flüchtig schon durch die Namen, die sie an der Steuerseite führen: Paradiesvogel, Schwalbe. Zwischen den langen weißen Ruderstangen, die dort am grünen Abhang trocknen, steht der alte Cornet niit seinem Farbentopfe, seinen großen Pinseln, seinem verwitterten Gesichte, das wie der Fluß im Wendwinde sich unzählige kleine Fältchen und Grübchen immer tiefer furcht. — O, dieser alte Cornet war der böse Dämon meiner Kiiabenjahre, meine quälende Leidenschaft, mein Versucher, mein schlechtes Gewissen. Zu wieviel Sünden hat er mich mit seinen Booten verleitet! Ich schwänzte die Schule, ich verkaufte die Bücher. Was hätte ich nicht alles für einen Nachmittag auf dem Wasser gegeben! Meine Hefte lagen im Kahn, die Jacke hatte ich ausgezogen, den Hut nach hinten gerückt, so daß der frische Windhauch lustig in meinen Haaren spielen durfte; nun zog ich fest die Ruder an und runzelte die Stirn, um recht wie ein alter Seebär auszusehen. So lange ich noch in der Stadt war, hielr ich mich in der Mitte des Flusses, gleichweit von beiden Ufern entfernt; damit man den Seebären nicht erkennen sollte. Was war das für ein himmlisches Vergnügen, sich in das Gewimmel der Nachen, der Flöße, der Heilten Dampfer zu mengen, die aufeinander zu fuhren, sich auswichen und dabei kaum eine Spanne Raumes zwischen sich ließen. Da rauschten die Schaufelräder eines Dampfbootes dicht an mir vorbei, oder ein dunkler Schatten kam von hinten über mich her: es war der Bug eines großen Aepfelkahnes. „Aufgepaßt, Du da!" rief eine heisere Stimme; und schwitzend und keuchend lavierte ich behutsam durch das wirre Treiben aus den: Strome; an den Pfeilern der vielen Brücken galt es noch die bösen Wirbel und Strudel, namentlich das gefährliche Totenloch zu umschiffen. Ja, ja, es war gar keine Kleinigkeit, sich ohne Steuermann durch alle diese Hindernisse mit zwölfjährigen Armen durchzuarbeiten. Bisweilen hatte ich das Glück, der „Kette" zu begegnen. Dann befestigte ich mich rasch an die lange Reihe der ins Schlepptau genommenen Schiffe, legte die Ruder querüber wie zwei wagerecht schwebende Flügel und überließ mich der stillen Bergfahrt, die den Fluh in lange Schaumstreifen zerschnitt, während an den Ufern die Bäume und Häuser vorbeizogen. Weit, weit vor mir hörte ich den monotonen Stoß der Schraube, oder einen kläffenden Köter auf den bugsierten Fahrzeugen dort, Ivo aus niedrigem Schlot eine dünne Rauchsäule emporstieg. Alles das gaukelte mir eine große Seereise vor, und ich träumte mich allmählich in das Leben des Schiffers hinein. Aber leider begegnete mau der Kette nicht immer. Dann hieß es rudern und rudern unter stechender Sonne. Fiel sie so senkrecht um die Mittagsstunde aus das Wasser — wahrhaftig, ich fühle sie noch jetzt auf Hals und Arme brennen. Alles funkelte und glitzerte. Von den Rudern tropfte es wie glänzendes Silber — ich schloß die Augen. Weil ich so kräftig loslegte, glaubte ich- pfeilschnell dahin- zusliegen; blickte ich dann aber auf, sah ich am Ufer immer noch denselben Baum und dieselbe Mauer. Nach unendlicher Arbeit, die mir manchen Schwciß- tropsen kostete, gelang es mir schließlich, aus der Stadt herauszukommen. Die Badeanstalten, Wäschereien und Brücken verschwanden. Der Fluß wurde breiter und breiter, hin und wieder spiegelte sich ein Garten der Vorstadt oder 428 ein Fabrikschornstein in oen Wellen am Ufer. Fern am Horizont tauchten grüne Inseln auf. Da — auf einmal konnte ich nicht mehr weiter. Langsam ruderte ich in das raschelnde Schilf, und von der Anstrengung der drückenden Hitze, die der blendende Wasserspiegel in lichten Strahlenbündeln zurückwarf, zu Tode erschöpft, ließ der Seebär den Kopf hängen, und hatte stundenlanges Nasenbluten. — Das war das gewöhnliche Ende meiner Wasserfahrten. Aber — schön war's doch! Bei der Heimkehr gab es neue Schrecknisse. Ich mochte mich noch so sehr beeilen, ich kam doch immer zu spät, lauge, lange nach Schluß der Schule. Die beginnende Dämmerung, die ersten Gaslichter im aufsteigenden Dunste, der Zapfenstreich machten mir Angst und bange. Wie beneidete ich die Leute, die ich so sorglos und ruhig dahingehen sah! Mir aber war's im Kopf noch wüst von «sonne und Wasser, es sauste mir in den Ohren, und dunkle Röte stieg mir ins Gesicht, wenn ich an die Lüge dachte, die ich zu Hause anbringen wollte. Denn mit einer Lüge mußte ich jedesmal das fürchterliche „Wo warst Du?" erwidern, das mich auf der Schwelle empfing. Dieses Verhör bei meiner Ankunft war das schrecklichste für mich. Ich sah mich gezwungen, schon auf dem Flure zu antworten und, bevor ich mich hinsetzen konnte, eine Nachricht bereit zu halten, die so unerwartet, so niederschmetternd sein mußte, daß die Ueberraschung alle weiteren Fragen abschnitt. Dann erst durste ich eintreten und Atem schöpfen; aber bis ich dazu kam, welche Schwierigkeit! Ich erfand Mordgeschichten, Revolutionen, entsetzliche Katastrophen; die halbe Stadt stand in Flammen, die Eisenbähnbrücke war in den Fluß gestürzt! Das Tollste aber war folgendes: Eines Abends kam ich sehr spät heim. Meine Mutter, die wohl schon eine gute Stunde in banger Sorge gewartet hatte, eilte mir entgegen. „Wo warst Du?" hörte ich sie stagen. Es ist unglaublich, was für Teufeleien einem Kinde durch den Kopf gehen können. Im schnellen Laufen hatte ich vergessen, eine Lüge zu ersinnen. Da siel mir etwas ein. Ich wußte, daß meine Mutter sehr fromm, so katholisch wie eine geborene Römerin war, und gab ganz atemlos zur Antwort: „O Mama — wenn Du wüßtest!" „Was denn? Was gibt's schon wieder?" „Ter Papst ist gestorben." „Der Papst ist gestorben!" — wiederholte die Mutter und lehnte sich totenblaß an die Wand. Ich schlüpfte hurtig in mein Zimmer, doch ein wenig erschrocken über den Erfolg und die Ungeheuerlichkeit meiner Lüge. Aber ich hatte den Mut, an ihr festzuhalten. Eine wahre Begräbnisstimmung senkte sich über meine Familie Der Vater war sehr ernst, die'Mutter wie vernichtet. — Bei Tisch wurde nur ganz leise gesprochen. Ich schlug die Augen nieder. Angesichts dieses großen Ereignisses war mein Ausbleiben so bedeutungslos, daß mich niemand darnach fragte. Jeder wußte nun irgend einen schönen Charakterzug aus dem Leben Pius IX. zu berichten, bis sich das Gespräch in die Geschichte der Päpste verlor. Tante Lina erzählte nun zum hundertsten Male von Pius VII., den sie einmal im südlichen Frankreich zwischen zwei Gendarmen in einem Postwagen gesehen hatte.*) Ich hörte das alles mit heuchlerischem Seufzen au und stellte mich sehr teilnahmsvoll während ich dachte: Menn sie morgen früh erfahren, daß der Papst gar nicht gestorben ist, werden sie sich darüber freue», daß sie vergessen, mich zu schelten. Und dabei kämpfte ich mit dem Schlaf, die Augenlider fielen mir zu. Ich sah vor mir auf den sonnendurchglühten stillen Buchten der Saone schmale blaue Kähne und eine große Wasserspinne, die einem blitzenden Diamant glich und langsam über die Wellen flog . . . *) Pius VII. wurde bekanntlich im Jahre 1808 als Gefangener Napoleons I. nach Frankreich gebracht. Anm. d. Uebers. Annft. — Hausschatz älterer Kunst. Von dem Kunst- werke „Hausschatz älterer Kunst", welches die „Gesellschaft für vervielfältigende Kunstst in Wien herausgtvt, sind soeben die Lieferungen 16 und 17 erschienen, mit denen sich diese auf 20 Lieferungen berechnete Publikation ihrem Abschlüsse nähert. Die in den beiden neuen Lieferungen enthaltenen 10 Blätter schließen sich ihren Vorgängern würdig an. Die Reproduktion in Radierung undj Kupferstich ist auch diesmal wieder ganz vortrefflich. Die Radierungen William Ungers nach Rembrandts „Sitzender Mann", nach Rubens' „Sieg und Tod" aus dem Decius-Mns-Cyklus der Liechtensteinschen Galerie in Wien, und nach dem von einem Schüler Rembrandts, vielleicht von B. Fabritius herrührenden „Christus vor Pilatus" gehören zu den allervorzüglichsten Leistungen der reproduzierenden Graphik. Fast auf der gleichen Höhe halten sich die übrigen Blätter: Garofalos „Heilige Katharina"^ gestochen von G. Eilers, F. van Mieris' „Männliches Bildnis", radiert von W. Hecht, Adriaen van Ostades „Unterbrochenes Spiel", radierr von A. Juppe, S. Ruys- d a e l s „Landschaft", radiert von G. Greux, P. van Slinge- lants „Violinspieler", radiert von L. Kühn, Steens „Heiterkeit im Familienkreise", radiert von C. Rauscher, und Wouwermans „Düne", radiert von W. Krauskopf. — Der Preis dieses wirklichen Kunstwerkes ist außergewöhnlich; mäßig, da die Lieferung mit 5 Blatt Radierungen nur 3 Mark kostet; es kann die Anschaffung jedem Kunstliebhaber wärmstens empfohlen werden. Literarisches. — Das Studium der Rechts- und Staats- Wissenschaft von Dr. H. O r t l'o f s, Landgerichtsrat a. $.,■ vormals Professor an der Universität Jena. Halle a. S. 1903.' Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, Preis 1,50 Mk. brosch. Der Verfasser, welcher während seiner akademischen Lehrzeit vor allem Gelegenheit hatte, mit den Mängel»! des Unterrichts und des Studiums der Rechts- und Staats- Wissenschaft bekannt zu werden, ist bereits im Jahre 1887, mit einer sehr bemerkenswerten Schrift über „Die Reform des Studiums der Rechtswissenschaft^ und 1902 mit einer lesenswerten Broschüre über „Zwischenprüfung oder Zwischenzeugnis im Rechts sind tum" hervorgetreten. — Die vorliegende Schrift bringt zwar keine wesentlich neuen Gesichtspunkte, die für die Reformbewegung innerhalb der deutschen Juristenwelt von besonderer Bedeutung wären, aber immerhin ist hervorzuheben, daß sie infolge der erschöpfenden Behandlung in historischer Beziehung und auf rechtsvergleichender Grundlage für jeden Juristen aus das wärmste zu empfehlen ist. — Verfasser hebt besonders die Bedeutung des öffentlrchen Rechts gegenüber dem Privatrecht hervor tmi> verlangt eine Umgestaltung der Studienpläne auf pädagogisch-disziplinarer Grundlage, Einführung einer Zwischenprüfung und des Quad rienni ums für ganz Deutschland. — Auch die Vorbildung auf den höheren Schulen erfährt in der Schrift eine eingehende Besprechung, wobei sich Verfasser als energischer Verfechter der humanistischen Gymnasialvorbildung zeigt. — Besonders künftige Verwaltungsbeamte seien auf das Buch von Ortloff hingewieseu. H. W. D. t h e o l. G. C h r. D i e f s e n b a ch (f im I. 1901 i» Schlitz): Geschichte der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob in 103 kurzen erbaulichen Betrachtungen für die Geitteinde. 300 S. Verlag Steffen, Leipzig. Eleg. gebunden 4,50 Mk. 1903. — Aus dem Nachlaß des Verfassers ist diese vortreffliche Gabe bett vielen Verehrern des fleißigen und begabten Autors eben erst dargeboten. Diefsenbach legt in seiner sinnigen Art die Geschichte der Patriarchen s o praktisch in kurzen Abschnitten aus, daß jeder Leser seinen Gedanken zu folgen imstande ist; jede Betrachtung schließt mit einem Gebet. Die ganze Darstellung, einfach und wohl verständlich gehalten, hat Leser im Auge, die, etwa gelegentlich eine^ Familien- und Hausandacht, die Wschnitte 1. Mose 12—28 aufs neue erwägen möchten. Wr freuen ttns, aus de» Verfasser noch einmal nachdrücklich Hinweisen zu können^ dessen oftmalige Gaben — in Poesie wie in Prosa — viele Leser zu hohem Danke verpflichtet haben. ° „ Lindenborn. R. Lange, Gießen. Redaktion: Auauki Göb. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei.