Freitag den 22. Mal, S‘ Oy KM M MG w (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Schluß.) Es bedurfte nichts Geringeres als eures Betttuchs, um alle diese Dinge zu fassen; und selbst als der Sergeant mrt einem riesigen Pack auf dem Rücken die Treppe huiunterstreg, war er keineswegs sicher, hinter sich nichts zurnckgelassen zu haben. Eine gebeugte Gestalt stand ihm in der offenen Tür des' Speisezimmers gegenüber. „Bin ich- auch- mit in Haft genommen?" fragte der Oberst ruhigen Tons. „Nein, Sir, aber wir müssen das Haus überwachen." „Was haben Sie da gefunden?" Der Polizeibeamte breitete bei dem trüben Lichte des Ganges fernen Fund still vor ihm ans. Auch der Oberst blrckte sch-wergend darauf hin und zog sich nn- verzuglrch- tn das Zimmer zurück. Der Sergeant verließ das Haus und begegnete auf dem Heuten Pfade, der zum Tore führte, Clifford: er wtes mtt etner Bewegung des Kopfes zurück nach dem Hause. „Bedaure den alten Herrn", sagte er mit ae- Sttmme. „'s hat ihn fast niedergewvrfen. Er bläst Trübsal da drinnen allein." . ,/Jch will gehen und mich- zu ihm setzen, wenn er mrch haben will", sagte Clifford> der sich Borwürfe machte, den Vater statt der Tochter in Verdacht gehabt zu haben. „Tun Sie es, Sir," sagte der Sergeant, der Miß Bostals Vater bewacht zu sehen wünschte und gern darein vnlligte, daß es von freundlicher Seite geschähe. So ging denn Elifford, nicht ohne Verlegenheit, in das Haus, während der Sergeant seinen Pack in das Gig trug, das ihn am alten Zollhaus erwartete. - Der Oberst hörte die langsamen Schritte draußen vor der Tür des Speisezimmers und rief: „Wer ist das?" Clifford stand in der Tür. „Ich bin es, Oberst. Darf ich eintreten?" ., Der alte Mann erhob rasch den Kopf und lächelte ryn hoffnungslos an, indem er die Hand nach ihm ausstreckte. „Treten Sie ein! Ja, treten Sie ein!" . ltnd u achdem er die warme Hand des jungen Mannes etn paar Augenblicke in seiner kalten festgehalten hatte, lteß er sie wieder fallen, und ihn mit einer Gebärde äum Sitzen einladend, versank er wieder in Schweigen. Clifford fragte ihn, ob- er das Feuer schüren sollte. Es war ein kalter Abend und die äußere Luft hatte von den offenen Fenstern zu den offenen Türen frei dnrch^das- Haus hindurch fegen können. "'ö®, ja, mein Junge, wärmen Sie sich wenn Sie tonnen. Es würde mehr Fetter, als die Erde umfaßt. bedürfen, um meine alten Knochen diese Nacht zu er» Wärmen." Diese furchtbare Traurigkeit seines Tons durchschauerte Clifford, der ihnr in der Tat wenig Trost spenden konnte. Es wurde ihm schwer, das Feuer neu anzusachen, und als es ihm endlich gelang, fand er, daß der kleine Kohlenbehälter leer war. „Ich will Kohlen holen", sagte der Oberst, der im Begriff, sich von seinem Stuhle zu erheben, von Clifford daran gehindert wurde. „Nein. Sagen Sie mir, wo sie zu sinden sind", sagte dieser rasch den Kohlenkübel an sich reißend. „O gut, wenn Sie wollen. Sie werden draußen hinter dem Hause den Deckel des' Wasserfasses aus der Erde liegen sehen. Wenn Sie ihn aufheben, — doch wirklich ich möchte Sie nicht gern bemühen — werden Sie den Eingang zu dem unter der Erde befindlichen Kohlenkeller finden." Dieser etwas seltsamen Weisung entsprechend, ging Elifford durch die Hintertür des Hauses hinaus, hob den Deckel des Wasserfasses in die Höhe, den erfinderischen Geist bewundernd, mit dem der Keller versteckt war, und fing an, die hölzernen Stufen hinab in die Finsternis unten zu steigen. Der Oberst hatte ihn zw-är mit einem Lichte versehen, doch war dieses auf der untersten Stufe plötzlich verloschen, und in demselben Augenblicke wurde er gewahr, daß er nicht allein wäre. Unwillkürlich stieß er einen kleinen Schrei aus. Eine Hand, die kleine weiche und schlanke Hand, deren er sich so lebhaft erinnerte, deren Eigentümerin er jedoch bisher ttie festzustellen vermocht hatte, wurde ihm rasch auf die Lippen gedrückt. „Holla !" hörte man eine rauhe Männerstimme schreien, die aber vom Garten oben gedämpft unter die Erde kam. Und Clifford. hörte ein leises Wispern dicht an seinem Ohr: „Der Polizeidiener! Schicken Sie ihn unter einem Vorwande fort. Ich- bedarf nur eines Moments, eines einzigen Moments." Der junge Mann schauderte. Obsch-oit er nicht fürchtete, daß Miß Bostal ihm etwas zu Leide tun würde, lag doch in dem Gedanken, sich allein mit einer Mörderin tief unten in den Eingeweiden der Ende, in der Gewalt der kleinen Hände zu befinden, die solche furchtbare Tat vollbracht hatten, etwas Unheimliches. „Holla! Wer ist das da unten? Sind Sie's, Mr. King?" „Ja", antwortete Elifford. „Ich hole hier Kohlen. Würden Sie wohl den Obersten um eine Schaufel oder eine Schippe oder sonst etwas bitten, sie darauf legen zu können." Der Mann leuchtete noch einmal mit der Laterne in den Keller hinein und antwortete: „Ja, Sir, ich kann nicht hineingehen. Doch- will ich ihn rufen." Er zog sich zurück und gleichzeitig schlüpfte Miß 298 Dostal mit erstaunlicher Keckheit und Schnelligkeit die Stufen hinauf und hinter seinem Rücken hinaus, während er von der Hintertür aus nach dem Obersten ries. Clisford verhielt sich still, doch schlug ihm das Herz. Er war aufs tiefste erregt, er horchte mit äußerster Spannung. Doch wußte er nicht, ob er wünschen sollte, daß das Mädchen entkäme oder der verdienten Strafe überliefert würde. Alles, dessen er inne wurde, war, daß die wenigen Augenblicke der Ungewißheit ihm endlos erschienen. Dann ließ sich die Stimme des Polizeibeamten, gemäßigt und ruhig, wieder vernehmen: „Ist richtig besorgt, Sir. Er kommt schon." Also war sie entkommen! Es war übrigens nicht mehr, als was von ihrer übermenschlichen List jit erwarten war. Und trotz allem Widerstreben fühlte er sich in hohem Grade befriedigt, zu ihrer Rettung mit bei- aetragen zu haben. Er konnte, wenn auch nicht dem Polizeibeamten, doch wenigstens dem Obersten mit freierem Herzen entgegentreten. Er nahm die Schippe, die ihm gereicht worden war, nnd erschien wieder mit den Kohlen im Speisezimmer. Der Oberst sah ihn durchdringend an und schloß dann die Tür. „Haben Sie sie gesehen?" fragte er leise. „Ja. Sie ist glücklich entkommen", antwortete Clisford. Der Oberst atmete erleichtert auf. „Ich wußte, als Sie den Polizeibeamten nach mir schickten, daß es eine List von ihr wäre", sagte er. „Sie sehen, Mr. King", fuhr er fort, während der junge Mann vor Ueberraschung errötete, „ich kenne ihre Schliche. Ich habe — ein solches Ende — seit fünfundzwanzig Jahren erwartet." Ein Ausruf, in dem sich! Erstaunen und Mitleid mischten, entfuhr Cliffords Lippen. Oberst Bostal erhob sich von seinem Stuhl, und, nachdem er ein Schränkchen in der Ecke des Zimmers geöffnet hatte, nahm er aus diesem eine alte Schreibmappe heraus, die er aufmachte, und aus der er Clrfford ein Bündel alter Zeitungsausschnitte überreichte. Sie bezogen sich alle auf Fälle von „Diebsucht", die vor der Behörde in West End vor dreiundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren zur Verhandlung gekommen waren und wobei eine junge Dame aus guter Familie von hoher Bildung der Ladendieberei angeklagt ivorden war. „Sie beziehen sich alle auf meine Tochter", sagte der Oberst gelassen. „Und in allen haben wir ihre Freisprechung durchgesetzt mittels der Einrede, daß sie an Hysterie gelitten hätte, was auch wahr war." „Dann ist sie also nicht für ihre Handlungen verantwortlich?" warf Clisford erleichtert dazwischen. Der Oberst zögerte und sagte dann: „Frei heraus, so ist meine eigene Meinung, daß sie völlig verantwortlich ist. Sie ist eine hochbegabte Person und ihre Verschlagenheit und List sind unübertrefflich. In ihrer Natur ist eine moralische Entartung vorherrschend, die sie die Aufregung des Verbrechens suchen läßt. Das ist meine eigene Meinung. Ich nahm sie von London weg, doch überall, wohin wir gingen, drohte sie mich und sich selbst in Gefahr zu bringen. Endlich brachte ich sie hierher, wo sie, wie es schien, aus Mangel an Gelegenheit ehrlich sein mußte. Und bis vor wenigen Monaten glaubte ich, daß es mir wirklich gelungen wäre. Ich schwöre es Ihnen zu, daß ich bis zur Untersuchung wegen Jem Stickels nie einen Verdacht hatte, sie wäre in die Diebereien im ,Blauen Löwen' verwickelt. Als ich dann jedoch sah, daß es zwischen ihr und der armen kleinen Nell Claris läge, wußte ich- wer der Verbrecher war. Wie aber konnte ich es zur Anzeige bringen? Mein Herz blutete für das arme Mädchen, ich wußte jedoch, daß die Wahrheit herauskommen würde, und ich hatte nicht den Mut, dies M beschleunigen." Lange herrschte Stille in dem kleinen Zimmer. Dann wagte es Clisford, zu fragen: „Wissen Sie, wohin sie gegangen ist?" Der Oberst schüttelte mit dem Kopf. „Alles, was ich wein, ist, daß was sie auch immer getan hat, es das möglich Beste für ihre Sicherheit ist. Ich kann ihr hierin vertrauen." Clisford war ergriffen. Daß die kleine, abgezehrte Person ein Ungeheuer, ein unnatürliches und entartetes Geschöpf ohne jedes sittliche Gefühl war, war klar. Der Oberst stand wieder auf, schloß seine Briefmappe zu und bot dem jungen Manne die Hand. „Gehen Sie", sagte er ernst, doch gütig. „Sie haben alles, was Sie konnten, für mich — für uns — getan und ich danke es Ihnen. Jetzt müssen Sie uns unserm Schicksal überlassen. Und erinnern Sie sich dessen, was ich gesagt habe: es ist wenig Ursache, für meine Tochter zu fürchten." So entlassen, nahm Clisford widerstrebend Abschied von dem alten Herrn und machte sich nach Courtstairs auf, wo er leicht Unterkunft für die Nacht fand.--- Arn folgenden Morgen bei Tagesanbruch langte in der Irrenanstalt der Grafschaft, sechzehn Meilen von Stroan, ein unheimliches Wesen an, ohne Schuhe, wildäugig, fast der Stimme von Kälte und Schrecken beraubt. „Nehmt mich auf!" schrie das Geschöpf, als der Torwärter auf ihre Rufe kam. „Nehmt mich auf oder ich tu' mir ein Leid an. Nehmt mich auf! Nehmt mich auf!" Es war Miß Teodora. Kein Irrsinniger, der je in die Mauern der Anstalt ausgenommen ivorden war, hatte halb so wahnsinnig ausgesehen, wie sie. Die Aerzte untersuchten sie und rieten ihre Aufnahme an. Und als der Sturm über sie losbrach und die Steckbriefe die Anstalt erreichten, wurde von den Aerzten kein Zweifel mehr in Betreff ihres Wahnsinns erhoben. Sie wurde zwar pflichtgemäß vor die Behörde gebracht. Immer mit dem gleichen Erfolge. Sie lächelte, schwatzte, sie schien in völliger Unkenntnis ihrer Lage, völlig unverantwortlicb zu sein. Und schließlich wurde ihr gerichtliches Verhör aufgehoben, weil alle Aerzte bezeugten, daß sie unfähig, sicy zu verteidigen, wäre. Und als bekannt gemacht wurde, daß Miß Theodora- so lange es Ihrer Majestät beliebte, eingesperrt werden sollte, erkannte jedermann die Gerechtigkeit dieser Entscheidung an, mit Ausnahme des Obersten Bostal, der zu Clisford, als sie allein waren, sagte: „Ich sagte Ihnen, daß sie davonkommen würde. O sie ist klug!" Clisford selbst wußte nicht, was er denken sollte. Doch hatte er damals an etwas viel Angenehmeres zu denken, denn Nell Claris konnte nicht länger „nein" zu ihm sagen. Anstatt im Verdacht eines Verbrechens zu stehen, war sie jetzt eine Heldin. Es war Ehre und nicht Schande, die sie über ihren Gatten jetzt bringen konnte. Nur eines hatte Clisford noch abzuwarten. Nell wollte ihren Onkel nicht eher verlassen, bis sein Verstand wieder ganz hergestellt wäre. Monatelang harrte sie des Wiedererwachens seiner Vernunft, indem sie ihn mit liebender Sorgfalt pflegte. Und als er, wieder im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, fähig war, in den ,Blauen Löwen' zurückzukehren, die Bäume in den Farben des Herbstes standen und der Wind über die Marsch fegte, führte Clisford seine schöne und süße Braut aus dem Gasthof am Strande hinweg. ___________ Mutterpslichten. Von Laura F r o st. Um Kinder zu erziehen, braucht man sehr viel Liebe, sehr viel Geduld und sehr viel Nachdenken. Es wird in heutiger Zeit gegenüber den Bestrebungen der Frauen für die Ausbildung oes weiblichen Geschlechtes ost von dem Instinkt der Mutterliebe gesprochen, der ganz untrüglich die Frau leite, so daß sie zu ihrer Hauptaufgabe, der Erziehung ihrer Kinder, keine besondere Ausbildung ihrer geistigen Fähigkeiten brauche, ja, daß unter einer solchen sogar die Naturwüchsigkeit und Unwillkürlichkeit des Instinktes leiden könne. Demgegenüber möchte ich bemerken, daß wir den Instinkt mit dem Tier gleichermaßen teilen, und daß es ein Leichtes ist, die Aeußerungen unerzogenen Instinktes sich zu vergegenwärtigen. Das Tier, das sich dem Menschen am ähnlichsten zeigt, ist der Affe. Sein Name allein genügt, um unter der Bezeichnung „Affenliebe" uns alles vor Augen zu führen, was von Verkehrtheiten in der Erziehung nur geleistet werden kann. Niemand wird das Verfahren einer Mutter billigen, die ihr Kind küßt, wenn ihr eine Zärtlichkeitslaune kommt, die es unfreundlich von sich 299 sein, die ihr Kind gut erziehen .Mißbrauchte ihrem Buche: derart hin, daß sie sagt, der ringsten dem Ideal einer gemütstiefen charaktervollen .Persönlichkeit, wie die Erziehungsaufgabe sie verlangt. Sie L .. ,r vs • rv> r*v ' .Z. i „ 1. . zv4-r\v*4-11 m Tt>14" ^-c HY* o 1ttt Da ist viel Schönes Und hier Kirschen! Selbstlosigkeit zu weit gehen! — schasst nicht Segen, sondern ist bum w. v7 edelste Gefühl kann verderblich wirken, wenn mcht Erkennt- Wie soll eine Mutter will? „Warum laßt Ihr mich nicht spielen, wie ich will, so lange ich doch artig bin?" Ja! Warum nicht? c Ob diese Mutter sich ihres Erzieheramtes bewußt war? Für sie war dieses hübsche Kind nur ein Spielzeug, das ihrer Eitelkeit schmeichelte. Nach Verlauf von einer halben Stunde, in der fast jedes Wort an Bubi gerichtet war, erhielt das Fräulein die Weisung, mit ihm in den Wald zu gehen. Bald fing nun die Angst um Bubi bei den Eltern an; wo er so lange bleibe; ob ihm wohl ein Unfall zugestoßen sei. Und als er vergnügt mit seinem Fräulein und einem großen Waldblumenstrauß erschien, hörte ich die vorwurfs- vollen Worte, der Mutter: „Aber, Fräulein, wie verknittert ist Bubis Anzug! Das ist unglaublich! Sie werden ihn morgen überplätten müssen!" rr Und doch war das Benehmen dieser oberflächlichen Frau noch wohltuend im Vergleich zu einem anderen Vorkommnis, dessen Zeuge ick am nächsten Morgen war. „Bubi, jetzt will ich Dir etwas Bubi!" !" „Aber Bubi, sieh' diese Düte! drin. Komm' und sieh !" „Nein!" „Bubi, sieh' doch! Erdbeeren! Willst Du nicht?" „Nein!" Ellen Key stellt in , .... Frauenkraft" die Aufgabe der beiden Geschlechter bei der Entwickelung der Kultur derart hin, daß sie sagt, der Mann sei der Träger der Intelligenz, die Frau die Trägerin der Humanität, des Gemütslebens. Sie tritt für die volle, selbständige Entwickelung der Persönlichkeit der Frau ein, damit diese umso trefflicher ihrer Aufgabe nachkommen könne. Diese große Ausgabe sei die Erziehung des Menschengeschlechtes zu allem Edlen und Guten und Reinen. „Je entwickelter Gedanken und Phantasie sind", sagt Ellen Key, „um so reicher wird auch der Gefühlsinhalt, und je reicher der Inhalt ist, um so tiefer und frischer wird das Gefühl selber." Die reichen Gemütsanlagen der Frau, deren edelste sich in den Begriff der allen Frauen eigentümlichen Mütterlichkeit zusammenfassen lassen, können erst zu ihrer rechten Entfaltung kommen, wenn ein klarer Blick, Verständnis des Lebens, Verständnis des eigenen und fremden Charakters ihr Tun regeln. Jede ernste Mutter weiß, wie oft sie überlegt und nachgedacht hat, wie oft sie dem Instinkt nicht die Führung überlassen hat, sondern im Gegenteil ihn erst von dem Verstände zu zielbewußtem Handeln und zu richtigem Fühlen hat erziehen müssen. Nur dieses Bewußtsein hat sie auch in schweren Stunden der Sorge um ihre Kinder ruhig vorwärts schauen lassen, das Bewußtsein, daß sie sich! allzeit bemüht hatte, nach bestem Wissen ihre Pflicht zu tun. Nein Das Kind pflückte nämlich einige Schritte weiter solche Mumeu und sprang herzensvergnügt im Grase umher. " -........- ■' " zeigen, komm' her, weist, wenn sie keine Zeit hat, die es mit schönen Kleidern putzt und ein anderes Mal unordentlich! und unsauber gekleidet gehen läßt, je nachdem ihre augenblickliche Stimmung sie beeinflußt. Das Tier ist unverantwortlich für sein Tun, der Mensch aber, im Besitz seiner geistigen Kräfte, ist dafür verantwortlich — das ist der große Unterschied! (Sine Mutter hat die volle Verantwortlichkeit für die Erziehung, die sie ihrem Kinde angedeihen läßt; es ist daher von ihr zu verlangen, daß sie sich der hohen Bedeutung ihrer Pflicht bewußt ist, und daß sie sich mit allen Kräften bemüht, derselben gerecht zu werden. fühlen keine Pflichten, keine Verantwortlichkeit. Ihr Tun ist Laune, ihr Einfluß auf das Kind reicht nur so wert wie ihre Körperkraft die seine noch bezwingt. Für ihres Kindes Seele, für die Erziehung seines, Gemüts- und Geisteslebens, feines Charakters find sie nichts! Noch eine dritte Mutter möchte ich erwähnen, deren unendliche Liebe keine Schranken kannte, und dre daher in der Selbstlosigkeit ihrer Mutterliebe zu weit ging — Ja, so seltsam es klingen mag, man kann auch rn der Selbstlosigkeit zu weit gehen!! - Und jedes „Zu viel schäf t nicht Segen, sondern ist vom Uebel; selbst das In unser Haus waren neue Sommergäste eingezogen. Lautes Weinen eines Kindes und die immer wiederholten Worte: „Wirst Du jetzt gehen!" riesen mich an das Fenster. Man denke sich folgenden Anblick: Wieder ein kleiner Jnnge, wieder eine elegante, junge Frau. Aber in der Hand hat fie des Kindes Peitsche, und schlägt mit derselben jedesmal bei ihren Worten: „Wirst Du jetzt gehen!" auf ihr Kind. Wie auf einen Hund! Der Knabe soll rn die Küche gehen, um Milch zu holen. Er will etwas sagen, die Mutter läßt ihn nicht zu Wort kommen, sondern schlagt ihn, er läuft ab, sie schlägt ihn doppelt, denn er hat den falschen Weg eingeschlagen; auf der anderen Serie liegt die Küche. Endlich verschwindet das geängstigte Krrrd na^'Ist r^Jnstinkt? - Ist das Mutterliebe? - die,in ihrem Zorne sich so wenig beherrschen kann, daß sre nicht an das Kind, nicht an die vielen Einwohner des Hause-, denkt, die die Szene alle mit ansehen! Mit welchen Gefühlen wird dieser Knabe, wenn sein Bewußtsein, erwacht, sich seiner Kindheit, seiner Mutter erinnern! — Und doch soll die Liebe zu den Eltern die Wurzel der Tugenden und die Grundlage jeder Erziehung sein! Es giebt leider reckt viele solche Frauen, wie die beiden soeben geschilderten; sie entsprechen nicht imge- liwi'nltervolleii Bernis es leitet. . , ,, , . Diese Mutter hat es ihrem einzigen Sohne verheimlicht, wie kümmerlich ihre Vermögensverhältnisse waren; sie hatte viele Jahre gedarbt und gehungert, um ihm zu einem sorgenfreien Leben das nötige Geld schicken zu können. Er hatte sich daran gefreut, sich kerne Gedanken darüber geinacht, ob es ihr leicht oder schwer wurde, ihm das Geld zu schicken, und hatte schließlich das vergnügte Leben in der Großstadt viel interessanter gefunden, als die einfache Stille daheim bei der Mutter. So war er voil ihr fern geblieben längere Zeit. Da rief der Arzt ihn an ihr Sterbebett. Und hier, dem kleinen, blassen, vom Tode gezeichneten Gesicht der Mutter gegenüber schlug Lu das Gewissen. Die Frau starb an Entkräftung; es stellte sich heraus, daß ihre Verpflegung seit Zähren ganz “X.lS »Ml da- Bild Mej« dritten Frau Jede zärtlich liebende Mutter wird sicher das Gefühl>8 hätte ich auch für mein Kind tun können'" Und doch wird der Inhalt dieser kleinen G-M» th- lagen, b'-ß fie M »i-malS M* #» halte denn jene Mutier in ihrer selblofen Liebe ihrem Sohne getan? — Sie hatte ihm einige kurze ^ahre Sollte es denn aber wirklich noch Mütter geben, die sich dieser hohen Aufgabe nicht bewußt sind? Es ist leider nicht schwer, zur Beantwortung dieser Frage Erfahrungen aus dem täglichen Leben anzusühren, Beispiele, die typisch zu nennen sind für viele Mütter. Während eines Sommeraufenthaltes in einem Luftkurorte hatte ich mir ein stilles Plätzchen in den Tannen gesucht, wo ich manche Stunde den Zauber der Natur in ihrer Einsamkeit genoß. Eines Tages ließ sich! in, der Nähe eine Familie nieder, die aus dem Elternpaar, einem niedlichen, etwa vierjährigen Knaben und' dessen „Fräulein" bestand. Die Behandlung dieses Kindes war sür meine Auffassung unerträglich. Die ganze Aufmerksamkeit der'Erwachsenen war auf das Kind gelenkt, und un- abläsfig folgte Frage auf Frage. „Bubi, wo steckst Du? — Bubi, komm' einmal her!" Das Kind antwortete: „Nein!" „Bubi, geh' nicht zu weit! — Bubi horst Du?" Nein!" ",Bubi,' steh' diese Blümchen! Willst Du sie nicht pflücken?" „Und hier Torte! Nun, Bubi?" Endlich ließ Bubi sich erweichen, etwas Torte anzu- uehrnen. Nun möchte ich wissen, was aus solchem Bubi werden soll. Das Kind war so niedlich und gut, und hätte es leine Gefühle aussprechen können, so hätte es wohl gesagt: 300 erleichtert, und hatte ihm dafür für sein ganzes weiteres Leben die schwere Last aufs Herz gelegt, daß sie um seinetwillen gelitten und gehungert habe, bis ihre Kraft versagte. Kein beruhigendes Wort, kein Hinweis auf die Zukunft konnte das wieder gutmachen. In die sonnige, heitere Seele ihres Kindes war ein Schatten gefallen, den hatte sie verschuldet; in seine Freude war der bittere Tropfen der Reue gekommen, der sein Leben vergiftete, den hatte ihr Tun veranlaßt. Wie soll denn nun aber eine Mutter ihr Kind recht erziehen? Welches sollen die Grundsätze sein, die sie dabei leiten? Was soll sie als die Hauptsache ihrer Erziehung zu erreichen suchen? Das Handeln jedes Menschen folgt gewissen Regeln, die seinem Charakter entsprechen. Wird er sich dieser Regeln bewußt, so nennt er sie seine Grundsätze. Allerdings haben diese Grundsätze in der Praxis nicht ganz so großen Wert, wie es im ersten Augenblicke scheinen möchte. Denn sowohl im Leben, wie in der Erziehung gestalten sich. die Ereignisse oft sehr verschieden von dem, was menschliche Berechnung erwarten ließ. Die Welt ist kein Marionettentheaetr — auch nicht die Welt in der Kinderstube, — auf dem ftcfi die Figuren nach einem bestimmten Schema hin und her bewegen lassen. Jeder Fall ist ein besonderer Fall, jede Persönlichkeit hat ihre eigene Art. Unter mehreren Geschwistern giebt es nicht zwei, die in gleicher Weise zu behandeln sind; jedes Kind ist eine eigene, in sich abgeschlossene Individualität, die man wohl leiten, aber nicht wandeln kann. Und je tiefer und reicher eine Natur ist, desto wunderlicher ist oft ihre Entfaltung. Daher giebt es auch bei der Erziehung nicht eine Regel, fte maßgebend ist fiir alle Verhältnisse. Nur in den äußersten, weit umfassendsten Zügen läßt sich! ihr Wesen in Lehren und Formeln bannen, und auch „Grundsätze" dürften nur mit der Einschränkung zu empfehlen sein, daß sie jederzeit, den Verhältnissen entsprechend, eine Aenderung gestatten. Die Hauptaufgabe jeder Erziehung ist die hohe sittliche Forderung, Wahrheit und Pflichttreue als die Grundpfeiler alles Guten in dem Kinde zu pflegen und zur schönen Entfaltung zu bringen. Stur eines kurzen Hinweises bedarf es, nur eines aufmerksamen Blickes in die bestehenden Zustände, urn zu sehen, wie wenige Mütter noch dieser höchsten Forderung sich bewußt sind. Sie wollen planlos bald dieses und bald jenes erreichen oder mühen sich um Nebensächlichkeiten. Woran liegt das? Wird sich nicht jederzeit die Mehrzahl der Mütter bemühen, ihre Kinder so gut zu erziehen, wie es in ihrer Kraft liegt? In dieser Frage liegt gleichzeitig die Antwort. Auf die Kraft, auf die sittliche Kraft der Mutter kommt es an, auf ihre eigene Persönlichkeit. Bewußt und unbewußt wirkt das Vorbild des Erziehers als stärkster Faktor, ungleich einflußreicher, als alle seine Worte. Wer wenig hat, kann auch nur wenig geben; der innere Wert bestimmt das äußere Tun. Eine Frau, deren Charakter nicht in sittlicher Reinheit entwickelt ist, wird kaum zu sittlicher Reinheit erziehen können. Nur eine Mutter, die nicht aufhört, an der Veredelung ihres eigenen Selbst zu arbeiten, wird verständnisvoll auch! der Entwickelung rhres Kindes gegenüberstehen. Damit kommen wir auf die Worte Ellen Keys zurück, aus die Forderung, die Frau solle zur selbständigen Persönlichkeit ausgebildet werden. Je vertiefter diese Ausbildung der Frau ist, desto reicher wird ihr Seelenleben sein, desto zuverlässiger ihr Charakter, desto vollkommener auch der Ausdruck des Gewonnenen in dem Wirken ihrer erzieherischen Liebestätigkeit. Nach der Eigenart ihrer Person wird sie sich die Ziele für die Erziehung ihres Kindes stecken, und wird mit liebevoller Weisheit sich! bemühen, sie zu erreichen. (Aus „Deutschland", herausgegeb. von Graf v. Hoensbroech.) Vermischtes. , * Die Zeitungen der Könige. lieber die Art, wre dre Könrge sich über die Ereignisse des Tages auf dem Laufenden erhalten, macht eine englische Zeitschrift sehr interessante Mitteilungen. Da die Herrscher großer moderner zivilisierter Länder zu den beschäftigten Leuten aus Erden gehören, so hat kauin einer von ihnen die Zeit, die Spalten einer Zeitung gemächlich durchzulesen. Der Kaiser von Oesterreich ist verantwortlich für die Methode, nach der die meisten- europäischen Herrscher die Tägesnachrichten erhalten. Vor mehr als dreißig Jahren gab er den Befehl, daß ihm jeden Morgen eine Privatzeitung geliefert werden sollte, die aus Auszügen aller leitenden Morgenblätter Oesterreichs gemacht wird. Jeder wichtige Artikel wird von einem sachverständigen Schriftsteller ausgezogen, auf kleine viereckige Blätter geschrieben, in eine Mappe getan und dem Kaiser auf den Frühstückstisch gelegt. Er hat strengstens befohlen, daß nichts, was ihn'persönlich betrifft, wenn es ihn auch unangenehm berühren sollte, ausgelassen wird, und gelegentlich bestellt er ein Pack neuer Zeitungen, um sich zu vergewissern, daß seine Befehle befolgt werden. In dieser mehr oder weniger veränderten Form lesen fast alle regierenden Herrscher die Zeitungen. Der deutsche Kaiser hat einen Hofbeamten mit einem Stab Mitarbeiter, dessen einzige Pflicht es ist, alle Zeitungsnachrichten, die den Kaiser interessieren könnten, auszuschneiden, in einem Buch aufzukleben und jeden Morgen vorzulegen. Diese Bücher werden aufbewahrt und geordnet und bilden schließlich ein wertvolles Archiv der Geschichte seiner Regierung. Bis vor kurzem waren die russischen Herrscher zufrieden, ihre Nachrichten aus zweiter Hand durch offizielle Kanäle zu erhalten, wobei natürlich Kritiken und andere, möglicherweise unangenehme Artikel fehlten. Das befriedigte den jetzigen Zaren aber nicht. Vor ent oder zwei Jahren ließ er sich privatim russische Zeitungen aller Parteirichtungen schicken, ja er schloß sogar Anarchistenblätter nicht aus, wie z. B. die in Genf und Grokow herausgegebene „Glocke". Eiftig nahm der Zar alles zur Kenntnis, was sich aus russische soziale Fragen bezog/und dann machte er Auszüge daraus in seinem Tagebuch. Man muß aber daran denken, daß der offizielle Ring in Rußland so allmächtig ist, daß selbst der dem Namen nach allmächtigste Zar nicht allein die von ihm begünstigten Reformen ausführen kann. Der literarischste Herrscher Europas ist zweifellos Viktor Emanuel III. Außer seiner Muttersprache beherrscht er deutsch, englisch und französisch, und er liest russisch. Wenigstens drei Stunden täglich beschäftigt er sich in seinem Arbeitszimmer mit der lauftnden Literatur jeder Art. Er soll die Zeitschriften den Tageszeitungen vorziehen, aber kein Herrscher hält sich gründlicher über alle Tagesfrageck unterrichtet. Er hat z. B. englische Besucher mehr als einmal durch seine genaue Kenntnis der verwickelten Parteipolitik und sozialen Fragen in Erstaunen gesetzt, in denen er bewanderter ist als manche Parlamentarier. Auch König Oskar von Schweden gehört zu den belesensten Herrschern. Er findet immer Zeit, die Zeitungen seines Landes ohne andere Hilfe zu lesen; aber für die anderen Länder beschränkt er sich hauptsächlich auf Ausschnitte. Ferner ist er. selbst Mitarbeiter dreier Stockholmer Zeitungen; aber er schreibt natürlich unter einem Schriftstellernamen. Die Zeitungs-Nachrichtenbureaus, von denen es über 400 geb eck soll und die Tausende beschäftigen, haben auch unter den Fürsten Kunden. Eduard VII. ist, wie man sagt, auf zwei abonniert, und er soll wöchentlich Hunderte von Ausschnitteck erhalten. Außerdem liest der König seine Zeitung aus erster Hand. Königin Viktoria las selten selbst, ließ sich aber von einer ihrer Damen die Zeitung vorlesen. König Christian von Dänemark liest jeden Tag der Woche eine andere Zeitung. Auf diese Weise erfährt er, wie er sagt, was alle denken, und sicherlich steht kein Herrscher in engerer Fühlung Mit seinem Volke. Der König der Belgier liest Ausschnitte. Da er ent tüchtiger Finanzmann ist, interessiert er sich besonders für alles, was sich auf den Geldmarkt bezieht. ' Hornony m. (Nachdruck verboten.) Man kann es Feste und Feiern, Man kann's auch ein Revier. Man kann es eine Dummheit Und ein Verbrechen hier. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Delphischen Spruchs in vor. Nr.: Glieder — Lieder. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.