Mittwoch den 22. April. änil ujJhI s®y 1903. — Nr. 59. i'in |'®Q OLrh/qrnl (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) „Ich hätte von Ihnen mehr Geduld erwartet. Wm, nun! Soll ich für Sie mit ihr sprechen? Ich weiß zwar nicht, ob ich etwas ausrichten werde. Wenn aber irgend ein Wort von mir dazu führen kann, treuer Liebe den Weg zu ebnen, so werde ich's gern für Sie einlegen." Jem aber antwortete nur mit einer höhnischen Lache. „Ich meine es gut", zirpte die Dame. „Ich will selbst mit ihr sprechen. Und nun, wollen Sie mit in die Küche fiommen und anhören, was ich ihr sage? Vielleicht wird Sie's befriedigen." Nach einigem Zögern schlürfte Jem in den Gang hinein und Miß Bostal war im Begriff, die Tür zu schließen, als der Geheimpolizist, der sich bemüht hatte, jedes Wort dieser Unterhaltung zu erlauschen, plötzlich vor ihr stand und seine Hand an die Tür legte. ,/Verzeihung, Madame, ich würde aber gern ein paar Worte mit Ihnen sprechen, wenn Sie die Güte hätten, mir für einige Minuten geheimes Gehör zu gewähren. Mein Name ist Hemming, Madame, und ich darf wohl annehmen, es werde Ihnen zu Ohren gekommen sein, daß ich mich hier wegen der Diebstahlsgeschichte im „Blauen Löwen" befinde." Miß Bostal, die bei dem Erscheinen des Fremden zunächst einen kleinen schrillen Schrei des Schreckens aus- gestoßen, hatte ihre Fassung zurückgewonnen und gab ihre Zustimmung zu erkennen. „O ja — ich weiß — ich habe gehört. Sie sind der — Ja, treten Sie ein." Er tat es, wartete, während sie die Tür zumachte, folgte dann ihrer Leitung, nicht in die Küche, sondern in ein kaltes, dunkles Zimmer zur Rechten, das "nach ein-- geschlossener Luft roch Miß Bostal behielt weise ihren Shawl dicht um sich gewickelt und bat, Platz zu nehmen, während sie eines der beiden Lichter anzündete, die auf dem Kaminsims standen. Der Geheimpolizist warf einen umfassenden Blick über die Stube, und begriff es völlig, warum die Dame vorzog, ihre Zeit in der Küche zuzubringen, wo es wenigstens warm war. „Und nun", fragte die Dame, als sie sich auf einen schmalen, steiflehnigen Stuhl setzte, der mit verschossener Stickerei überzogen war, „was wünschen Sie, mich zu be- „Wohlan, Madame", sagte der Geheimpolizist, der auf der Kante seines Stuhles saß und über das Maß von Würde staunte, der über dre kleine, gezierte, armselig gekleidete Dame gebreitet war, „es besteht nur in folaendem. Ich wünsche zu wissen, ob irgend ein kleiner Unfall die junge Dame betroffen hat, die dresen Morgen bei Ihnen zubrachtei Miß Claris?" Er sah seinen und ihren Hauch in der kalten Luft der kleinen Stube und dachte, daß es draußen auf den Feldern viel wärmer gewesen wäre. Die Dame war augenscheinlich über die Frage erstaunt. „Ein kleiner Unfall?" wiederholte sie. „Nicht, daß ich mich dessen erinnere. „Hat sie irgend eine Arbeit für Sie verrichtet, Madame? Sie sprach etwas, wie ich glaube, von Bügeln." „Sie hat nichts hier gebügelt", antwortete die Dams rasch. ,,Wvhl aber ich" „Sre sagte, sie hätte gebügelt und sich dabei die Hand verbrannt." Die Dame schüttelte den Kopf. „Ich war es, die das Bügeleisen die ganze Zeit über? hatte", sagte sie bestimmt. Der Geheimpolizist bemerkte jedoch daß die Dame jetzt einen raschen Blick auf ihn warf und dann, als besänne sie sich, den Ton änderte. Er war augenblicklich überzeugt, daß sie eine Geschichte zu Gunsten ihrer Protege erfände. „Ich erinnere mich, wie mir eben einfällt", sagte sch „daß ich ihr mit dem Eisen sehr nahe kam und daß ich fürchtete, sie gebrannt zu haben, obschon sie sagte, es wäre nichts und ich in der Tat auch nichts sehen konnte." „Ich danke Ihnen, Madame", sagte der Geheimpolizist, sich auf einmal erhebend. „Und nun wollen Sie die Güte haben!u,nd mich sie und den Mann Jem Stickels, sogleich, ehe sie das Haus verlassen, zusammen sehen lassen." „Wenn sie noch hier sind, gewiß", sagte Miß Bostal, als sie ohne weiteres die Stube verließ und den Gang herab nach der Küche ging. In wenigen Minuten kehrte sie jedoch mit dem Ausdruck! der Verwunderung zurück. „Es tut mir leid, sagen zu müssen", sagte sie, „daß sie beide das Haus verlassen habem Ob zusammen oder nicht", fügte sie mit bescheidenem und feinem Lächeln hinzu, „kann ich nicht sagen." Der Geheimpolizist nahm, nicht in der besten Laune, Abschied. Jem Stickels war die Person, deren er habhaft werden mußte — das war gewiß. Hemmings Furcht aber war. daß man auf ihn schon Beschlag gelegt hätte. Elftes Kapitel. Beweise. Miß Bostal schloß, nachdem der Geheimpolizist fort war, die Tür, holte fröstelnd tief Atem, als sie den Shawl noch dichter um ihre dünne Person zog, und ging in das Speisezimmer. Auf einem der mit Roßhaar gepolsterten Stühle saß Nell in der Dunkelheit. Miß Bostal seufzte wieder, als sie das angezündete Licht, das sie mit sich aus hem Besuchszimmer gebracht hatte, vorsichtig auf den Tisch stellte. 234 „Ich fühle mich sehr schuldig und beschämt", murmelte sie fast verdrießlich, „dem Mann gesagt zu haben, daß Sie fort wären, da ich doch wußte, daß Sie nicht weiter gegangen wären, als bis hierher; ich hatte jedoch von zwei Nebeln das kleinere zu wählen, denn ich fürchtete, daß Eie ein zweites langes, quälendes Kreuzverhör von ihm gerade jetzt nicht würden vertragen können." „Sie hatten ganz recht. Miß Theodora, und waren so gütig, wie immer", sagte Nell herzlnch Das arme Mädchen sah in der Tat ganz erschöpft aus, und die Worte, die sie hervorbrachte, schienen ganz mechanisch von ihren müden Lippen zu kommen. „Kommen Sie in die Küche, Kind, wo es warm ist", sagte Miß Bvstal munter. „Ich will Ihnen eine hübsche heiße Tasse Tee machen, dann werden Sie sich wohler fühlen." „5ft Jem Stickels denn fort?" fragte Nell furchtsam. „Gewiß. Ich schickte ihn sehr schnell wieder fort." „Glauben Sie" — stammelte Nell und fing an zu erröten und zu zittern — „glauben Sie, daß er dem — dem Geheimpolizisten etwas gesagt hat?" „Das weiß ich wahrhaftig nicht, Liebe. Diese Männer sind so außerordentlich schweigsam, es ist unmögliche zu sagen, was sie wissen", antwortete die ältere Dame. Nell beobachtete sie und schloß aus ihren Worten, daß Hemming ihr nichts Beunruhigendes gesagt hatte, denn Miß Bostals ganze Aufmerksamkeit war jetzt daraus gerichtet, die möglich kleinste Menge Tee abzumessen, die für zwei Personen ausreichen würde. „Und überdies", fuhr Miß Bostal fort, nachdem sie die Teebüchse wieder zugemacht hatte, „was könnte Stickels ihm wohl zu sagen gehabt haben? Und welchen Glauben könnte er in die Geschichten des jungen Mannes wohl setzen?" Nell blickte sie mit vor Verwunderung und vor Schrecken aufgerissenen Augen an. „Sagte ich Ihnen nicht", sagte sie in heiserem Flüsterton, „daß Jem mir gesagt hat, er hätte den Dieb mit eigenen Augen gesehen? Er sagte, daß er Beweise beibringen könnte — Beweise!" „Nun, nun, meine Liebe", gab die ältere Dame gefaßt zurück, als sie ihren kleinen braunen Teetopf zärtlich auf den Ofen zum Ziehen setzte, „und wenn er es tat? Ich selbst habe die Idee, daß Stickels eine Geschichte ersonnen hat, um Sie dahin zu bringen, sich mehr mit ihm abzugeben. Denn es ist klar, daß der arme Bursche wie toll auf Sie ist." Nell machte eine Bewegung des Widerwillens. „O, aber Sie sollten ihn nicht so hart behandeln; es wird ihn noch zur Verzweiflung treiben." Nell erhob sich von ihrem Stuhl und nahm dicht an der Seite der Dame Platz. „Miß Theodora", flüsterte sie mit einem Gesicht voll Furcht, „es geschah nutzt, um einen Vorwand zu einer Unterredung mit ihr zu erlangen, daß Jem mir das sagte. Er sagte mir — er riet mir — mich Ihnen anzuvertrauen — Ihnen mitzuteilen, was er mir sagte — und alles." „Nun, meine Liebe, so sagen Sie es mir, wenn Sie es wollen", sagte Miß Bostal, die Hand freundlich auf die Schulter des Mädchens legend. „Soll ich?" Nells Gesicht sah leichenhaft in seiner aschigen Blässe aus. „Nun, mein Kind, ja, natürlich, sagen Sie's mir. Frisch, frisch, was ist da darüber so elend zu werden? Wenn Sie wirklich glauben, Jem Stickels habe den Dieb gesehen und könne beweisen, wer es ist, so sollten Sie froh sein und sich sicher durch Ihre Herzensgüte nicht abhalten lassen, von ihm zu verlange:!, es zu bekennen." „Wer, Sie wissen ja nicht — wer — wer — wie Jem meint, es gewesen ist." „Ach, Sie müssen sich nicht den Kopf damit warm machen. Ein Dieb ist ein Dieb und sollte bestraft werden, und wenn es eine Person ist, die Sie kennen, so mag es Ihnen leid tun, doch dürfen Sie vor Ihrer Pflicht nicht zurückschrecken, die von ihnen, den Verbrecher der Gerechtigkeit zu überliefern, verlangt." Nell entzog sich mit einem traurigen Lächeln der sie streichelnden Hand der Dame und schauerte zusammen. „Setzen Sie aber den Fall — es wäre jemand, den Eie kennen — und lieben — was würden Sie sagen?" Miß Bostal schüttelte den Kopf. „Meine Liebe", sagte sie, „ich sehe nun, was es ist; Stickels hat Ihnen gedroht, dem Geheimpolizisten zu sagen, daß er beweisen könne, Sie seien der Dieb, und Sie lassen sich so von ihm einschüchtern. Doch Kind, Sie vergessen, daß hier jedermann weiß, er würde Me Welt für ein freundlich es Wort von Ihnen geben, und jeder wird einsehen, daß er diese Geschichte nur aus Rache für Ihre Nichtachtung seiner erfunden hat Sie sind ein Schaf, mem Kind, ein. kleines Schaf, sich, von so etwas martern zn lassen." Nell holte erleichtert tief Atem. Dann stand sie auf. „Sie haben mir eine große Last von der Seele genommen", sagte sie dankbar mit leiser Stimme. „Ith werde, obald ich ihn sehe, ihm sagen — was aber soll ich ihm ägen?" sagte sie, plötzlich wieder etwas von Furcht be- chlichen. „Ich würde ihm, wenn ich Sie wäre, sagen, daß, was er gesehen hat — wenn er überhaupt etwas gesehen hat —i nicht Ihre Angelegenheit, sondern die der Polizei Wäre. Doch gleichzeitig, Nell, würde ich an Ihrer Stelle nicht so unfreundlich gegen den armen Burschen sein. Ich wurde, diesen Wend ganz gerührt von der Art, mit der er von Ihnen sprach. Ich glaube, er würde die rechte Hand für Sie geben, das glaub' ich, wahrhaftig. Und obschon es mich nichts angeht, Liebe, so denk' ich doch wirklich, daß Sie im wahren Sinne die Gelegenheit, Gutes zu tun, vernachlässigen- wenn Sie ihn nicht auf den besseren Weg bringen. Ihr Einfluß kann noch aus ihm einen guten Menschen machen, meine Liebe, wahrhaftig, das glaub' ich." Doch Nell runzelte stolz die Stirn. „Sie sind selbst so gut. Miß Theodora, daß Sie nicht Leute zu beurteilen imstande sind, die Ihnen nicht gleichen. Jem hat genug Gelegenheit gehabt, sich zu bessern. Er zieht es aber vor, sich müßig herumzutreiben, statt in See zn gehen." „Doch geschieht es ja nur, um Ihnen nahe zu bleiben,, Liebe", entgegnete hartnäckig die empfindsame alte Jungfer., „Ich will nicht sagen, daß der junge Mann in irgend einem Sinne Ihresgleichen ist. Doch glaube ich, daß wenn Sie sich wirklich etwas ans ihm machten —" „Aber ich tue es nicht", verwahrte sich Nell verächtlich. „Ich habe keinen Augenblick ernstlich an den Menschen gedacht, außer mit dem Wunsche, daß er für immer von hier fortgehen möchte; und wenn er sich erfrecht hat, zn sagen, daß ich ihm je die geringste Ermutigung gegeben hätte —" „Tas hat er nicht — das hat er nicht!" rief die alte Jungfer hastig. „Er hat sich immer nur sehr bescheiden und unterwürfig gezeigt —" „In Ihrer Gegenwart", fügte Nell mit Betonung hinzu; „doch wenn Sie nicht zugegen find, vermißt er sich, roh und selbst eifersüchtig zu sein! Als ob er hierzu das leiseste Recht hätte!" fügte sie zornig hinzu. Miß Bostals Lippen zogen sich mißbilligend zusammen. „Ich sehe wohl, wie es ist", sagte sie. „Der arme Jemi hat recht. Er klagt, daß Sie sich von den jungen Leuten, die im Herbst hier waren, den Kops hätten verdrehen lassem Er sagt, daß sie kein gutes Wort mehr für ihn gehabt hätten seit dem Hiersein jenes überaus weltlichen und frivolen jungen Mannes, der sich Clifford King nennt." Nell richtete sich empor. Miß Bostal sah die Bewegung und begriff etwas von ihrer Bedeutung. „Natürlich weiß ich daß Sie nicht so einfältig finty alles zu glauben, was ein müßiger junger Mann einem Mädchen von so schönem Aussehen wie Sie sagt, meine liebe Nell; aber andererseits ist da stets die Gefahr — die eine sehr natürliche ist —, daß man glaubt, er meine damit doch viel mehr, als er tut. Was er wirklich im Sinne trägt,; ist, sich für einige Tage auf Ihre Kosten zu belustigen, vielleicht zu versuchen, Sie glauben zu machen, daß er sich wirklich etwas aus Ihnen macht; doch wenn er nur einmal zurück in der Stadt bei seinen Freunden und seiner Familie ist, so denkt er des kleinen Mädchens nicht weiter, das €$ an einem Rasttag umschmeichelte." Ein kleines boshaftes Lächeln stahl sich hier über Nells Gesicht. „Mr. King hat meiner, seit er hier fort ist, gedacht. Miß Bostal", sagte sie ruhig, indem sie der spröden Dame einen schelmischen Blick zuwarf und dann wieder bescheiden ins Feuer sah. 235 Miß Bostal runzelte die Stirn und zog die Lippen in unheilverkündender Weise zusammen. Es hatte ihr lange an einer Gelegenheit gefehlt, Nell Vor dem leichtfertigen und weltlichen Clisford zu warnen, denn Nell war dem Gegenstand so geschickt und so hartnäckig ausgewichen, daß dies die erste Veranlassung war, die die ältere Dame gehabt hatte, ihrem Schützling ihre sehr entschiedenen Ansichten hinsichtlich seiner Aufmerksamkeiten wissen zu lassen. Sie nahm jetzt den Don und die Haltung richterlicher Wurde an, als sie, leicht an den schwarzseidenen Handschuhen, die sie über ihren dünnen Fingern trug, zupfend, sich dazu anschjckte, eine feierliche Warnung an ihre junge Freundin zu richten. „Ich bedauere, es hören zu müssen, meine Liebe, ich bedauere es seht, sagte sie. Dann, als Nell keinen Einwand «egen diese Antwort erhob, fügte sie in noch strengerem Tone hinzu: „Er hat Ihnen hoffentlich nicht geschrieben?" „O doch, das hat er." „Gott! Gott! Und Sie ließen es zu?" Miß Bostals Strenge war jetzt mit Staunen und Entsetzen gemischt. , „Ich konnte nichts anderes tun. Wenn jemand einen Vrref zu schreiben beliebt und ihn zur Post gibt, an die Con gerichtet, die, wie er wünscht, ihn erhalten soll, so diese Person es nicht hindern." „Doch wünschten Sie es zu hindern?" „Nein." Es bedurfte einiger Augenblicke, ehe Miß Bostal den Gleichmut, den sie während dieses Gesprächs verloren hatte, zuruckgewann. hastig" doch für verständiger, Nell — Wahr- Nell antwortete nicht sofort. Sie war, so gut sie die spröde alte Jungfer auch kannte, darüber von Staunen ergriffen, um wie viel ernster sie diese Kleinigkeit nahm, als die ungleich wichtigere Angelegenheit von Jems Drohung. Ihre Vorurteile waren so starr, ihr Gefühl für das, was schicklich war, so stark, daß Nell zu fühlen begann, wie unmöglich es sein würde, sie, wie weit man die Nachsicht auch triebe, zu überreden: daß die Tochter eines Gastwirts ein als passendes Weib für einen Gentleman zu betrachten sein könnte. Obschon das Mädchen die Empfindung hatte, von der Haltung ihrer alten Freundin mehr belustigt als verletzt zu werden, so fühlte fte sich doch ein wenig erbittert; und es war nicht ganz ohne boshaftes Vergnügen, daß sie gelassen sagte: „Mr. King hat um mich angehalten." Diese Worte wirkten wie ein elektrischer Schlag auf die bestürzte Dame, der ihr Vater nach reiflicher Ueberlegung sich entschlossen hatte, nichts von Cliffords Geständnis zu sagen. Sre starrte Nell an, als ob sie ihren Ohren nicht traute, faltete dann mit einer Art ruhiger Unterwerfung die Hände, und mit einem leichten Seufzer der Ergebung in die Einfälle einer tollen Welt bemerkte sie steif: „Und ich vermute, das ist, was man Fortschritt nennt." Nell sah ihr schelmisch ins Gesicht. „Aber Miß Theodora, was würde denn schlimmes dabei sein, wenn er mich heiratete, sobald ich es zuließe?" „Sobald Sie es zuließen? Sie haben also das richtige Gefühl gehabt, ihn auszuschlagen?" „Ich würde niemanden heiraten, solange dieses schreckliche Ungemach über Onkel George und mir verhängt ist", antwortete Nell stolz. „Wenn aber alles aufgeklärt wäre, warum sollte ich ihn dann nicht heiraten? Bin ich so unwissend, so ungeschickt, so ungesittet, daß ich ihm zur Schande gereichen würde?" "Astoiß nicht. Ich habe nie so etwas angedeutet. Sie srnd hübsch,, was Sie vermutlich wissen, daher man es ohne werteres einräumen kann; Sie haben eine gute Er- zrehung genossen, Ihr Benehmen ist gut, ja sogar sehr gut, nrchtsdestoweniger kann ich es nicht billigen. Ich mißbillige entschieden dre meisten Heiraten von Leuten, die nicht der- selben Rangstufe angehören. Ich betrachte sie als etwas tm höchsten Grade Unerwünschtes und Gefährliches." Und die Keine alte Jungfer warf sich empor, als ob sie erne Königin gewesen wäre, die irgend ein wichtiges Staatsgeschäft entschiede. „Sie wollen damit sagen", fuhr Nell immer be- mstigter ihrerseits fort, „daß Sie eine Heirat, wie die eines Mannes wie Jem Stickels, und einem Mädchen wie ich für schicklicher und erwünschter halten würden, als ein« Heirat zwischen Mr. King und mir?" „Das tu' ich, gewiß." Nell mußte ihr Gesicht verbergen, denn sie konnte bdi diesem Geständnis ein verächtliches Lächeln nicht unterdrücken. „Kein Zweifel, daß Sie mich als altmodisch verlachen", sagte Miß Bostal mit Herbigkeit, „ich kann aber bei meinem Alter meine Grundsätze nicht ändern. Ich sagte Ihnen, daß ich die Schäden dieser ungleichen Verbindungen gesehen habe, den Hader und Zank, die aus ihnen entspringen; und es sollte mir in der Tat sehr leid tun, ein Mädchen, an dem ich so großen Anteil nehme, wie, an Ihnen, Nell, die Frau eines Mannes werden zu sehen, dessen Freunde und Angehörige auf sie nur herabblicken würden." „Mr. King hat keine nahen Verwandten", sagte Nell sanft. „Und er sagt, daß er sie bei der Wahl seiner Frau nicht zu Rate ziehen würde, selbst wenn er sie hätte. Er sagt, er betrachte die Heirat eines Mannes, der alt genug ist, um etwas von der Welt gesehen zu haben, als dessen eigene Angelegenheit." „Das ist immer die Meinung einer Klasse, die unter der Mr. Kings steht", entgegnete Miß Bostal; „zu meiner Zeit jedoch wurde es nicht für die schickliche Ansicht eines Gentleman gehalten. Bei ihm setzte man voraus, daß er ebensowohl Rücksicht auf die Gesellschaft, als auf sich selbst nähme; und man traute ihm zu, daß er zuviel Ehrfurcht vor seinem Range hätte, um unter diesem zu heiraten." (Fortsetzung folgt.) Briefe Bismarcks an seine Gattin. Die Gartenlaube setzt in ihrem neuesten Hefte die Veröffentlichung von Briefen Bismarcks an seine Gattin aus dem Kriege von 1870/71 fort. In einem aus Versailles, 8. Oktober 1870, datierten Briefe heißt es in Bezug auf die Kavallerie-AttLcke bei Mars-la-Tour, an der beide Söhne Bismarcks im 1. Garde-Dragoner-Regiment teilgenommen hatten: Das Kreuz haben die Dragoner, die mit unseren Jungen ritten, jeder einzelne verdient, und wir alle hier im Hauptquartier gehn ohne Scham und Gram damit umher; und in der Garde-Kavallerie sind die Kreuz« nicht nach den Erlebnissen, sondern nach den Regimentern verteilt worden, z. B. 4 Stück für die 1. G. Drag., eben- soviele für die Gardes du Corps, die sich gewiß ebenso brav wie die Dragoner geschlagen haben würden, wenn man ihnen Gelegenheit dazu gegeben hätte, die aber nur bei Sedan ins Feuer kamen, dort 2 leicht Verwundete hatten, und nun mit ihren vier Kreuzen diese beiden und zwei andre brave Leute schmückten. Dafür kann der König wenig; er tut nach dem Anträge der Division (Goltz) und die Dragoner hatten eben niemand, der Anträge für sie stellte, weil ihre Stabsoffiziere und Rittmeister tot waren. Ich für mein Teil kann für meine Söhne nichts fordern, verdient haben sie es beide ohne Zweifel. Dann erzählt er, wie ihn sein Sohn Wilhelm, der inzwischen zum Leutnant befördert worden war, „am 2. im Bette, mit Blumenthals Uniform und ftemden Hosen an", überfallen hatte; „dazu hängte er Carl's Landwehr-Cartouche um, setzte meinen, nur in der Spitze nicht richtigen, Generalsbelm auf, und so nahm ich ihn mit zur Kirche, wo er sich vor Sr. M. meldete, der über den Anzug nichts sagte. Zu Tisch tranken wir Sekt, aus Rothschilds Keller gekauft, bis Dein Sohn einen roten Sattel auf der Nase halle, und dann ritt er mit Philipp über Lagny und Claye wieder in sein 3 Meilen entferntes Quartier, nicht ohne mir mein Gold aus der Westentasche und 2 P. Handschuh abgenvm- men zu haben, auch mit Cognac und Zigarren versehen."' Weiter erzählt der Reichskanzler von einem Spazierritte „um in der weichen stillen Herbstlust durch Louis XIV. lange grade Parkgänge, durch rauschendes Laub und geschnittene Hecken, an stillen Teichflächen und Marmorgöttern vorbei, Röschen eine Stunde zu galoppieren, und nichts Menschliches als Joseph's llapperuden Trainsübel hinter mir zu hören und dem Heimweh nachzuhängen, wie eS der Mätterfatt und die Einsamkeit in der Fremde mit sich bringen mit Kindererinnerungen an geschorene Hecken, die nicht mehr sind." „Dieses Vergnügen werde ich mir in dem verlassenen Königsgarten nun wohl täglich machen, bei Regen und Sonnenschein, um den vermittelnden Diplomaten zu entgehn; die Briefe kann ich leider nicht abweisen, sie kommen aus Berlin oft lästiger wie aus der Fremde, Landtagswahlen und Papstbeschwerden, deutsche Verfassung und Personenstreit in Elsaß-Lothringen oder Rheims, wo jetzt der Grhrzg von Schwerin Gouverneur ist und Gerhard mit ihm. Rußland nimmt sich sehr liebenswürdig, England außer dem Waffenhandel nicht schlimm, Beust unsicher wie immer, und unsre amerikanischen Freunde wissen seit Frankreich Republik geworden ist, nicht mehr genau mit welcher Seite des Gesichtes sie wohlwollender lächeln sollen. Sie lieben uns nach wie vor, aber Republik! lle vermögen den Franzosen nicht mehr zu hassen." In dem zweiten Briefe aus Versailles, 7. Dezember 1871, kommt Bismarck aus die damalige Lage vor Paris zu sprechen und schreibt: „Nach den glänzenden Siegen an Loire und im Norden sitzt unsre große Pariser Armee nach wie vor still, ob fest „gemauert", oder ob ihr wie Thor „ein weiblich Gewand die Knie umwallt" und am Gehn hindert, Gott weiß es, aber betrübend ist es, und Menschen kostet es mehr wie jeder Sturm. Unsre guten Pommern, 9 und 49 Regt, haben den Sieg vom 2. mit vielem Blute bezahlt, ebenso die braven Würtemberger. Auch Moltke ist, und natürlich mit entscheidender Stimme, gegen den Angriff und für alle Waffenstillstände; der Sturm werde uns 1000 Mann kosten; das glaube ich nicht. Das defensive Abwarten feindlicher Ausfälle, die täglichen lleinen Verluste, die Krankheiten, haben aber seit 2 Monaten etwa 10000 gekostet. Ich enthalte mich natürlich, meine zivilistische Ansicht solchen Autoritäten gegenüber geltend machen zu wollen; der gute Roon aber ist vor Aerger über unsere Passivität und seine vergeblichen Versuche, uns zum Angriff zu bringen, recht krank gewesen, jetzt besser, resigniert, nur darf man nicht von der Sache reden, er wird gleich unwohl vor Bitterkeit. Er bleibt eigentlich nur mir zu Gefallen hier, weil ich sonst politisch und gemütlich ganz vereinsame. Ich meine nicht, daß ich Widerstand Aller auf politischem Gebiete zu bekämpfen hätte, im Gegenteil, aber ich habe keine menschliche Seele hier zum Reden über Zukunft oder Vergangenheit. Wenn man zu lange Minister ist, und dabei nach Gottes Fügung Erfolge hat, so fühlt man deutlich wie der kalte Sumps von Mißgunst und Haß einem allmählich höher und höher bis ans Herz steigt; man gewinnt keine neuen Freunde, die alten sterben oder treten in verstimmter Bescheidenheit zurück, und die Kälte von oben wächst, wie das die Naturgeschichte der Fürsten, auch der besten, so mit sich bringt; alle Zuneigungen aber bedürfen der Gegenseitigkeit wenn sie dauern sollen. Kurz mich friert, geistig, und ich sehne mich bei Dir zu sein und mit Dir in Einsamkeit auf dem Lande. Dieses Hofleben erträgt kein gesundes Herz auf die Dauer." * Eine Schilderung der Brautau sstattung ver Prinzessin Karoline von Reuß ä. L., der Braut des Großherzogs von Weimar, wird besonders unfern Leserinnen willkommen sein. Die Ausstattung ist in Wien hergestellt und besteht aus der kostbaren Brauttoilette, aus reizenden Straßen-, Gesellschafts- und Wendtoiletten, Mauteaux de Cour, prachtvollen Mänteln und Hüten. Eine Dame, welche die Toiletten gesehen hat, schreibt darüber: Obwohl die einzelnen Stücke von fürstlicher Pracht sind, tragen sie dock) jene vornehme Einfachheit zur Schau, die der jugendlichen Erscheinung der Prinzessin angemessen ist. Das Brautkleid aus weißem Atlas deckt kostbare echte Spitze, die sich als hoher Volant rings um die Schleppe zieht und von einem duftigen Gewinde aus Mousseline de Soie überragt wird, das Myrten- und Orangenblütensträußchen in Festons halten. Die Hofschleppe, nach russischer Art, ein wenig über die Taille en Watteau befestigt, ist aus schwerem anllken Silberbrokat und mit Silberplache reich gestickt. Von den vielen und schönen Toiletten, die die Ausstattung enthält, verdienen Erwähnung ein weißes Taftlleid mit Tüll-Jnkrustationen und sehr apartem Aufputz aus weißseidenen Margueriten; ferner ein weißes Voilekleid mit Tuchapplikationen, am Corsage Filetsprtze, die sich von blaßblauem Grunde reizend abhebt; eine Befuchstoilette aus hochrotem Tast und Voile de Laine geschmackvoll zusammengestellt: ein weißes Seidenlleid, dessen prächtige, in offener Schafwolle ausgeführte Handstickerei ein Palmwipfeldessin zeigt. Besonders fällt eine nach künstlerischem Entwürfe gefertigte Toilette aus weißer Tuchstickerei auf Tüll mit wechselnden Tülleffekten auf. Alle die Toiletten sind am Halse ä jour gehalten, alle haben hochmoderne, originelle Aermel. Unter den Dinertoiletten möchte ich einer aus antikem blaßblauen Silberstoff, mit Venettanerspitzen besetzt, den Preis zuerkennen. Das kostbare Gewebe stammt aus dem Besitz der Großfürstin Maria Paulowna, der Freundin Goethes" und Mutter der deutschen Kaiserin Augusta. Aus ihrem Nachlaß rührt auch der Silberbrokat her, der zu dem Staatsgewaude verwendet wurde, das zur Hochzeitsfeierlichkeit für die Mutter des Großherzogs, die verwitwete Erbgroßherzogin Pauline hergestellt wurde. Die Toiletten und Mäntel, die die Mutter des Bräutigams bei der Hochzeit tragen wird, werden ebenfalls in Men angefertigt. * Ein Zig arettenkrieg. Die Zigarette, die sich im Sturm die Männerwelt erobert hat, und bei den Damen Alleinherrscherin ist, soll jetzt in ihrem Siegesläufe gehemmt werden. Man hat ihr in den Vereinigten Staaten, noch entschiedener in England, am nachdrücklichsten in Kanada den Krieg erklärt. Daß die Heine, zierliche verführerische Zigarette nicht ganz ungefährlich, jedenfalls der Gesundheit nachteiliger ist, als die männlich« Zigarre und gar die ftiedliche und patriarchalische Pfeife, haben Aerzte längst gepredigt. Aber das hat nichts genützt, man griff immer häufiger zur Zigarette. Da auch Knaben und selbst Mädchen im ftühesten Kindesalter sich ans Zigarettenrauchen gewöhnt haben, und da diese Leidenschaft von den schrecklichsten physischen und moralischen Folgen begleitet ist, hat sich in England eine Liga gebildet, die gegen das Zigarettenrauchen junger Leute ankämpft, und in kurzem werden das kanadische und das englische Parlament mit Zigarettengesetzen befaßt werden. In Kanada will man, da das Verbot des Zigarettenverkaufs an jugendliche Personen unter 16 Jahren nichts genützt hat, dre Herstellung und Einfuhr von Zigaretten ganz und gar verbieten; in England will man es vorläufig nur mit einem Verbot des Verkaufens und Ueberlassens von Zigaretten an Jugendliche versuchen. Natürlich findet das Vorhaben viel Widerspruch, aber nicht, weil man den Kindern nicht das Vergnügen des Zigarettenrauchens nehmen will, sondern weil man glaubt, daß solche Verbote doch nichts nützen werden, wenn nicht Lehrer und Eltern mit gutem Beispiel vorangehen und selbst das Rauchen aufgeben. Tatsache ist, daß die Zigarette, die auch die Großen verführt, viel öfter zu rauchen, die Jugendlichen besonders dadurch verleitet, daß sie so billig zu haben ist. Früher mußten der Schusterjunge und seine Standes- genossen warten, bis sie irgendwie in den Besitz eines Zigarrenstummels gelangten oder bis sie sich ein Pfeifchen mit allerlei Kraut und Rübenblättern gestopft, eine Zigarre aus seltsamen Kräutern hergestellt hatten. Die Zigarette aber, die schon für ein bis 2 Pfennig zu haben ist, wird dadurch eine noch gefährlichere Zauberin, und es wäre schon ganz gut, wenn man auch bei uns etwas ausfindig machen könnte, was ihren Genuß dem jugendlichen Alter verwehrte. G l e i ch k l a n g. Nachdruck verboten. Bist du's, — ei, ei, ich gratulier, Tann hast du, waS noch fehlte dir. Hast du's — hm, hm, sei auf der Hut, Mach deinen Fehler wieder gut. «Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.: Bei allem bedenke daS Ende. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlaa der Vrühl'schen Universttäts-Buch» und Eteindruckerei (Bietsch Erben) in Gießen.