Montag den 31, Dezember. ,n W, jji n11 UKä (Nachdruck verboten.) Wotans Aerloöung. Novelle von Robert Kohlrausch!. (Fortsetzung.) „Was machen Sie für Szenen und wie kommen Sie hierher?" war seine erste Frage. „Aber ich bitte, mein Herr", gab sie lächelnd zurück, >,sert wann sagt man denn „Sie" zu seiner Braut? Muß ich an unseren Kontraktabschluß im „Cafe Luitpold" erinnern? Ja, Wotan, Wotan, was ist denn mit Dir los?" Er blieb vor ihr stehen, mit blitzenden Augen, die Stirn drohende Falten gelegt. „Daß ich hier keine Ko- mvdre sprelen will, "das ist mit mir los", antwortete er gedampft, aber heftig. „Wer spricht von Komödie? Ich komme in sehr wich- trgen Angelegenheiten. Mein Gastspiel an der Skala, das in fünf Tagen anfängt, ist die eine, die andere geht uns beide an." „Wieso?" „Wir müssen uns heiraten, Wotan." Er lachte kurz auf, hart, unfreundlich, bitter. Das Lachen war beredter als Worte, sie aber ließ sich nicht irre machen. „Wenn ich sage, „wir müssen", so kannst Du doch denken, daß ich meine Gründe habe. Du weißt ja, ich hatte ebenso wenig Lust dazu, wie Du selbst." „Ich weiß, daß bei allen Weibern, auch den scheinbar vernünftigsten, der Refrain des Lebensliedes das Heiraten ist." d „Laß Dir nur erst erzählen." Sie hatte sich auf den einfachen, hellbezogenen Tivan niedergesetzt und zog ihn an der Hand auf den Platz an ihrer Seite nieder. Jetzt ^?ugte sre sich nahe zu ihm heran und flüsterte ihm ihre Erzählung ins Ohr; einzelne Worte nur klangen vernehm- licher. „Neulich habe ich gastiert in der — der Fürst — sehr gnädig/ sehr gnädig, — goldene Medaille — wünscht es, wünscht es dringend —" | ; Sie war ihm beim Schluß ihrer Rede so nahe gekommen, daß die Zitvonendame, die merkwürdig häufig an der Glastür des Lesezimmers vorüberging und mit den Augen aufzufangen suchte, was das Gehör ihr versagte Mnz aufgeregt ausrief: „Eben hat sie ihn nämlich gekißt wahrhaftig, sie hat ihn gekißt." 0 p Rauchmann beugte sich zurück vor der unwillkommenen Annäherung und sagte zornig: „Das ist ja hübsch! Dazu gut genug, - es ist ja reizend. Meine Meinung über diese Sache werde ich Ihnen, — werde ich Dir nock recht gründlich sagen. Aber nicht hier und nicht jetzt. Wir haben bereits Publikum da draußen, und daß ich nicht gesonnen bin, hier eine Gastrolle zu geben, das sagte ich Außerdem habe ich eine Verabredung, die keinen! Aufschub duldet. Gestatte mir also, daß ich Dich zunächst' auf Dem Zimmer führe, falls Du bereits eins! erhalten hast."- „O nein, bis jetzt noch nicht. Ich hätte mir und Tip . Überraschung verderben können. Aber ich- wäre wirklich nicht böse, wenn ich den Reisestaub ein wenig abschütteln könnte, und nebenbei hoffe ich;, daß mein Wotast etwas besserer Laune ist, wenn er von seiner Verabredung« — sie betonte das Wort sehr malitiös — „von seiner Verabredung zurückkommt." Er Kickte die Achseln, ohne noch Antwort zu geben, und geleitete sie in das Bureau des Hotels, wo er sitz der Fürsorge der Signora Gigolä überantwortete. Seine hoffnungsvolle Stimmung war durch diesen! Zwischenfall arg gestört worden; es schien ihm ein böses Omen, daß seine Pseudobraut gerade an diesem Tage, der über fein Gluck entscheiden sollte, ihm in den Weg getreten war. Er atmete erleichtert auf, als er sich- von ihr befreit hatte und nun unter duftendem Lorbeer langsam hinauf- stteg in die Einsamkeit der Berge. Biel zu früh ttieb ihn die Erwartung hinan, aber hier war er wenigstens allein gttt sich selbst, mit den neuen, großen, ungewohnten Ge- fuhlen, die ihm das eigene Ich und zugleich die ganze Welt zu verändern schienen. Seit er in den Bergesfrieden swfftteten war hatte er wieder zu hoffen angefangen; er suhlte sich Edith naher in dieser Natur, die ihr so eng befteundet war, wenn ste zu ihm selbst auch noch immer nicht sprach. Fast eine Stunde vor der Zeit gelangte er zu der bezeich!-, neten Bank am blütenumspvnnenen Abhang der Bezzuglio- Schlucht. Hier setzte er sich nieder, aber es duldete ihn nicht lange auf fernem Platz. Er begann, den fast Horizont talen, breiten Weg hin und wieder zu wandeln, der am Ab- hang entlang führt. Alles war wie an jenem Morgen, als er mit Edith hier gewesen war; nur auf dem Gipfel des Pizzoeolo ruhte eine schwere, grauweiße Gewitterwolke, unter deren Schatten die Farbe der Felsen sich verwandelte. Ein dunkles Graublau färbte dort oben das Gestein, in finsteres Violett vertiefte sich das Rotbraun der dürren Bäume, die noch vergeblich auf den Frühling warteten. Rauchmann runzelte die Stirn, als er das Gewitter^ drohen dort oben sah. Sonnenschein wollte er haben; Hellen, bleibenden Sonnenschein für sein Leben sollte diese Stunde ihm bringen! Er zürnte der lastenden Wolke, die den Gipfel des Berges nicht freigab: an übler Vorbedeutung war der Tag auch obuehin schon reich genug. Unablässig ging er auf und nieder, um dann plötzlich mit seufzendem Atemzuge stehen zu bleiben, als der Klang einer Dorfglvcke verweht zu ihm heraufdrang. Es war fünf Uhr, die Stunde, die er bestimmt halt». Kam durch die Stille kein Geräusch von Schritten, kein leises Zeichen vom! Nahen der Geliebten? Er stand, er horchte, er ging bis' zur nächsten Biegung des Pfades, nm wieder stehen zu 758 - -leiben und tont neuen zu horchen. Auch abwärts machte er ein Stück des Weges, spähte vergeblich und eilte dann, von plötzlicher Angst gefaßt, bergauf. Wenn Edith nun ton Der" anderen Seite kam, ton Bezzngtto her und ihn vergeblich suchte! Atemlos gelangte er zurück zur Bank, aber die Bank war leer. Kein Don, kein Schritt, kein fernher dringendes Geräusch als das gedämpfte Brausen des Wildbachs in der Tiefe zwischen seinen rötlichen Felsen. Tie Minuten enteilten; zuvor waren sie mit lahmen Schritten torübergeschlichen, jetzt flohen sie dahin, und jede von ihnen nahm, indem sie entschwand, ein Stückchen von Hoffnung und Glücksgefühl mit sich hinweg. Eine Viertelstunde war vorüber, — nun schon eine halbe! Sie kam nicht mehr, die Erwartete, Ersehnte, sein Herz fühlte es bereits als Gewißheit, und doch mochte es ttoch nicht! aufhören, zu hoffen. Er war wie im Fieber, seine Hände zitterten; sie waren eiskalt, aber in den Schläfen klopfte das heiße Mut mit vernehmlichen Schlägen. Und "nun meinte er, das Herz versage völlig seinen Tienst; für einen Moment stockte der Pulsschlag, ein Gefühl des Erstickens, des Schwindels kam ihn an. Zugleich aber auch das Gefühl einer ungeheuren Freude, einer höchsten, letzten Erwartung^. Ein Schritt war erklungen, vom Tal her sich nähernd, langsam, ganz langsam. Tie Wegesbiegung verbarg noch die kommende Gestalt, und der Sänger hatte die Fähigkeit verloren, sich zu bewegen. Er hatte mit der Hand einen am Wegrand wuchernden Lorbeerbaum erfaßt, als müsse er sich halten, und starrte mit brennenden Augen auf die Stelle, wo jetzt — fett —. Er wunderte sich nachher, daß er nicht aufgeschrieen hatte vor Schmerz und Enttäuschung beim Anblick der Gestalt, die nun wirklich vor seinen Augen erschienen war: eine Bauersfrau aus einem der Dörfer hoch oben, die mit den ruhigen Schritten der Bergbewohner den Pfad emporgestiegen war und nun mit einem höflichen „reverisco" an Rauchmauu vorüberging. Er nickte nur zur Antwort, er konnte nicht sprechen. Wie zermalmt sank er auf die Bank und begrub in der tiefen Stille, die dem Verhallen der Schritte folgte, die letzte Hoffnung. Es war vorüber, — Edith hielt ihn keiner Antwort würdig. Ties verachtungsvolle Schweigen war schlimmer als die härteste Zurückweisung. Es war vorüber, alles vorbei! Noch ein Weilchen saß er regungslos in seinem dumpfen, erstickenden Schmerzgefühl, dann stand er auf. Tief unten hatte es sechs Uhr geschlagen; nun hatte er eine Stunde vergeblich gewartet, nun mußte er gehen. Bei dem Gedanken aber, ins Hotel zurückzukehren und der Kollegin zu begegnen, faßte ihn ein tiefer Widerwillen, und so ging er bergauf, durch Bezzuglios kiihle Schatten hindurch, dann weiter auf einem der Wege, die nach Fasano di sopra führen. Als er in diesen Ort hinabgestiegen war, sah er mit einem Lächeln voll Schmerz den Wegweiser, der die Inschrift „Lorbeerweg" trägt. Zeigte der hölzerne Weiser ihm den Weg in die Zukunft? War es der Lorbeer nur, der einst so heiß begehrte, jetzt beinahe verachtete, beit das Leben ihm bot? Sollten die Rosen der Liebe für immer seinem Tasein versagt bleiben? Er fragte sich's, indem er dem Weg folgte, der wenigstens noch nicht zur Tiefe führte. So kam er langsam nach Gardone di sopra, schritt an den grauen Bauernhäusern und den tropisch umgrünten Villen mit gleicher Achtlosigkeit vorüber und stand plötzlich vor der Kirche, die, auf mächtigem Unterbau- weit vorgeschoben, die Umgebung beherrschte. Es fiel ihm ein , daß Edith einmal die Aussicht von. der die Kirche umziehenden Steingalerie gerühmt hatte; auch war ein rötliches Leuchten um ihn her, dessen er sich in seiner schmerztollen Versunkenheit halb bewußt wurde, und das Besonders zu künden schien. So umschritt er die Kirche, trat auf die Galerie hinaus und sah eine Batik vor sich an der Mauer des heiligen Gebäudes. Hier ließ er sich nieder, er war allein. Ein paar Sekunden schloß er die Augen, dann blickte er auf. Und nun sah er etwas, das auf ihn wirkte wie eine Offenbarung, — die Offenbarung von der ewigen Schönheit, Größe und Majestät der Natur, die ihm bisher ein schweigsames, unlesbares Buch gewesen war. Tie Sonne ging nieder hinter den Bergen, die Salo beschirmen. Jene drohende Gewitterwolke hatte sich nun doch von Pizzocolo gelöst und sich zerteilt in unzählige, locker geballte Dunst- massen, die in reinem Grau vor einem Himmel von unsäg- licher Klarheit und Reinheit schwebten. Und über ihr Grau schüttete die sinkende Sonne jetzt ein Meer von Glut, dessen etnzelne Wellen rot und gelb, goldig und grünlich erstrahlten. Hier und da ein Glanz wie von weißglühendem Metall, und unter diesem himmlischen Farbenspiel, vom Wiederschein, übergossen, das wundervolle Stück von Erde und See, diese Kette von Buchten und Vorgebirgen, diese Wälder von immergrünen Bäumen und die gewaltige, ruhige Fläche des Wassers mit sanftem Rot auf dem stumpfer gewordenen Blau. Da drüben im Osten aber wie ein Beherrscher dieser schönen Welt der gewaltige, breit hingelagerte Monte Baldo, von ungeheuren Schneemassen bedeckt, feurig rosa erglühend über verblauender Tiefe. Bläuliche Schatten auch in den Abgründen zwischen tortretenben Felsensprossen, hoch oben aber am äußersten Raub entlang ein schmaler Streifen von Licht, bas ganze Profil bes Berges mit silbern em Band umgrenzend, eine leuchtende Scheidelinie zwischen Erde und Himmel. In dieser Stunde des Sonnenuntergangs öffnete sich Rauchmanns Seele für ein neues Gefühl; wie der Held im Märchen durch die Berührung des Drachenblutes die Sprache der Vögel verstehen lernte, so tat sein Herz blutend sich auf für die Sprache der gesamten Natur. Er sah, fühlte, atmete diese erdrückende Schönheit, und wenn sie ihm im Augenblick * auch keinen Trost gewährte, sondern eher das Weh noch zu erhöhen schien, so sagte ihm doch zugleich ein dunkles Ahnen, daß seinem Leben etwas Neues, Großes zu teil geworden sei. Klarer durchströmte ihn ein anderes Gefühl; es gab etwas Mächtigeres als die Kunst, — die Natur, es gab etwas Schöneres als Erfolg und Ruhm, — die Liebe. Tas aber war der herbste Schmerz von allen: indem sie ihm entschwand, erkannte er zum erstenmal ihren ganzen Wert; wie das Rot am Himmel allmählich erlosch und verglühte, so starb auch für ihn das Licht, von dem die Seele lebt. Tort hinten am Monte Baldo schienen die bläulichen Schatten emporzukriechen, rasch, wachsend, mörderisch für das weichende Licht, bis es ganz entschwunden und vergraben war unter einem kalten, toten, nächtlichen Blau. Majestätisch war er noch immer, der gewaltige Berg; aber die Schönheit und Anmut ivaren von ihm genommen mit der gestorbenen Farbe der Liebe. So blieb auch er, der Mann, der mit brennenden Blicken das Schauspiel des Sterbens verfolgte, des Schönsten int Leben beraubt, einsam zurück. Groß, bewundert, berühmt wohl noch immer; aber allein geblieben mit dem letzten und einzigen, was fhm das Lehen ließ, — allein mit seiner Kunst. Dem traumhaft schönen Sonnenuntergang war ein Umschlag des Wetters gefolgt. In der Nacht hatte sich der Wind aufgemacht und seine Stimme von Stunde zu Stunde lauter erhoben; mit Anbruch des Tages war er bann zum tu Üben Südoststurm angewachseu, der auch in die stille, geschützte Bucht von Fasano heulend hineinfuhr. Fast ausnahmslos waren die Gäste des Hotels Gigola gedrückt oder mißmutig diesen Morgen. Sie waren so sehr verwöhnt durch die Gunfi der Sonne, daß sie das eilig vorüber gepeitschte Grau dieses Tages nur mühsam ertrugen. Auch fehlte dem Auge die gewohnte Abwechslung. Kein Boot wagte sich hinaus auf den wütenden See, die Dampfschiffe hatten die Fahrt eingestellt, und wenn die Generalin fest entschlossen gewesen wäre, mit Edith abzureisen, heute hätte die Flut sich geweigert, sie zu tragen. Ihnen hätte nur der weite, mühsame Landweg offen gestanden, und schon eine geringere Schwierigkeit Ijatte Die Generalin bestärkt in ihrem Zaudern und leisem Hofstn, daß sich die Reise noch verschieben lasten wurde. Aber verstimmt und ungeduldig war auch sie durch das immer noch zunehmende Unwetter, und in dieser Laune gtng fie nach dem Frühstück, das sie mit ihrer Tochter auf dem stimmer einaeitontmen hatte, ohne deren Begleitung in bin Speisesaal hinunter. Eine größere Zahl der Gäste war hier noch unschlüssig, gelangweilt sitzen geblieben. Nach einem kurzen Aufleuchten ber Mienen, das heute jeder kleinsten Zerstreuung folgte, versanken die Anwesenden, als die Generalin sich zu ihnen gesetzt hatte, sehr schnell wieder in ihr ärgerliches Brüten. Umso lieber be- merkte sie unter den mürrischen Menschen zwei, die sich von der grauen Stimmungsfärbung der übrigen _ Nicht hatten anstecken lassen, sondern ihre alten Gesichter m ungewohnt fröhliche Falten legten. Es waren Fraulem Haseler und Oekonomierat Mmmermann. Jene hatte ihren Polly 759 mit herunter gebracht, weil sie behauptete, daß -er sich vor dem Unwetter fürchte, und scherzte mit ihm in sehr jugendlicher Art, indem sie zuweilen einen bedeutungsvollen Blick auf ihren Nachbar warf. Ter mußte wohl an ihrer Heiterkeit beteiligt sein; denn Polly konnte sie unmöglich Hervorrufen, da er in bösartiger Weise mit dem Schnabel auf alles einhackte und noch abscheulicher schrie als sonst. Bald erfuhr auch die Generalin, wie diese Heiterkeits- oase in der Wüste der allgemeinen Mißlaune zustande gekommen war. -Ter Oekonomierat, der sonst nach eigener Erklärung schon ziemlich „knackstieflig" war, erhob sich mit merkwürdiger Gelenkigkeit und setzte sich neben die Generalin, der er nun unmittelbar ins Ohr sprach. Er hatte sich das bei Fräulein Häseler angewöhnt, ohne die Annehmlichkeit der Unterhaltung dadurch zu erhöhen. „Wahrhaftigen Gott, Frau Generalin", sagte er mit einem strahlenden Gesicht, „wenn Sie im Mittelalter gelebt hätten, man hätte Sie als Hexe verbrannt." Sie faßte — nach dem Grundsatz, an diesem Tage deni Himmel für jeglichen Anlaß zur .Heiterkeit dankbar zu sein oie Sache von der humoristischen Seite auf und lachte herzlich „9hin, da ist es ja ganz gut, daß ich ein wenig verspätet zur Welt gekommen bin." „Is es auch is es auch! Un nich nur für Die, auch für andere. Ich meine ja natürlich nich so 'ne Hexe, wie man sie — so eine auf 'm Besen, nee. So 'ne andere, so 'ne gute, die man ja aus Versehen mit verbrannt hat Tenn wissen Sie, Ihr Rezept hat ganz merkwürdig geholfen." „Mein Rezept?" „Na, Sie haben doch zu mir gesagt —" Er faßte mit der Hand in gewohnter Weise an seine Kehle und machte Mit deni Kopfe nach Fräulein Häseler hin so gewaltige Bewegungen, als wollte er ihn durchaus an eine andere Stelle, vielleicht zur Abwechslung einmal auf die linke Schulter, versetzen. „So, ich verstehe. Sie haben ihr weiter ein wenig — sagen wir: vor phantasiert?" „Hab' ich getan 'ne, hab' ich getan 'ne!" Wvnn er ganz lebhaft wurde, so verwandte er das unerklärbare Anhängsel „ne" der alten, eingefleischten Hannoveraner, das so ungeheuer ordinär klingt. „Un es hat geholfen, wahrhaftigen Gott! Ter Proppen is kleiner un kleiner qe- ^Je ’n förmliches Wettrennen ■ mit meiner ÄIlarbliKjcI gemacht. Und heute morgen, heute, bei dem wäre^ sie mir zuerst gesagt, daß er ganz weg „Tas ist ja ein sehr schöner Erfolg." m. mein einmal großartig, nich wahr? Un was 's Riesigste is, es hat nich ihr alleine geholfen — nee, nich ihr allema Ob es nu so 'ne Art Sympathie is oder was!, 77 u» ob Sie's nu glauben oder nich: meine Billardkugel rs auch weg." a „Wirklich?" „Wahrhaftigen Gott! Reine weg! Un bei dem Wetter, wo sie doch sonst gewesen wäre wie 'ne Kanonenkugel — weg biste, Fritze!" a „Ta gratuliere ich von Herzen." , „Na, ich habe erstemal zu danken. Tas haben Sie wirklich ganz großartig gemacht, Frau Geiieralin. Aber nu is r man bloß noch eine Sache bei, — ich will doch abreisen in n paar Tagen, und wenii es nu Sympathie gewesen is, u,nd ich sehe Fräulein Häseler nich mehr, — sie hört nichts, das is 'ne gute Eigenschaft, — un ich Sache " bCmt toieber' ba§ wäre doch 'ne ganz verteufelte lieber das Gesicht der Generalin ging das Wetter- verwiU etlKh. herzlichen Heiterkeit, daß sie — redlich Erteilt — für die ganze mürrische Gesellschaft auf eine Stunde hinaus gereicht hätte. ' 1 „Da gab' es doch ein Mittel." „'N Mittel?" das STäuleh, ’*"*** - **** ®* „Nehmen, nehinen? Wieso denn nehmen?" „Heiraten." „Um Gottes willen, sprechen Sie nich so laut!" >,Sie kann's ja nicht hören." „So was hört 'nen Frauenzimmer unter allen Um- wenden un wenn et Watteproppen in 'n Ohren hat, noch dreimal so dick wie der, den sie im Halse gehabt hat. Sehen Sie, sehen Sie, — sie guckt schon her. Nee, heiraten? Nee, nee, nee — heiraten is nich." „Ich weiß nicht, was ich vorziehen würde." „Nee, sehen Sie, Frau Generalin, sechsundsechzig bin ich nu in Ehren alt geworden und habe wohl schon zweihundert weibliche Angriffe tapfer abgeschlagen, un da sollt' ich nu jetzt um die Billardkugel die Häseler, — nee, nee, setzen Sie mir man keinen Floh ins Ohr!" Tie Generalin wollte lachend noch etwas erwidern, aber in diesein Augenblick wandte die Besprochene ihr sauersüßes Gesicht zu ihnen her gnd rief sehr freudig: „Sie, Herr Oekonomierat, eben hat er nämlich Philipp gesagt." Da vom gelehrigen Polly die Rede war, dessen kreischendes Geplapper seine Herrin sehr gutwillig ergänzte, und da der Oekonomierat selbst mit Vornamen Philipp hieß> so erschrak er nicht wenig. Er beugte sich noch näher als zuvor zu der Generalin hin, und sagte mit angstvoller Stimme: „Wahrhaftigen Gott, sie ahnt was! Sie legt mir schon Fallstricke!" Damit stand er auf, machte ein paar sehr hastige Ver- .beugungen nach den verschiedenen Seiten und verschwand in fluchtartigem Rückzug aus dem Zimmer. Sein Aufbruch wurde jedoch nur wenig bemerkt; denn die Gesellschaft war gerade jetzt durch einen anderen, viel interessanteren Anblick gefesselt. Im Garten, unmittelbar am Hause entlang, wanderten Rauchmann und die Millerta auf und nieder in eifriaem! Gespräch. Dort war ein schmaler Streifen durch das vorspringende Dach gegen den in Schauern vom Sturm herab gejagten Sprühregen einigermaßen geschützt; hier konnte man auch bei schlechtem Wetter frische Luft schöpfen, wenn man die aus allen Fenstern des Speisesaales, des Musik- und des Lesezimmers hervorschauenden neugieriaen Augen nicht schenke. Tie beiden, die gegenwärtig dort auf und ab spazierten, kümmerten sich scheinbar durchaus nicht um sie; nur nach oben, nach den Zimmern der Generalin und Ediths, warf Rauchmann mitunter einen flüchtigen Blick, wenngleich er sich sagte, daß nichts mehr zu verlieren sei. Am vorigen Abend hatte er die Sängerin zu vermeiden gewußt, jetzt aber hatte sie ihn „gestellt". Sobald sie ihn un Garten erblickt hatte, war sie herabgekommen und hatte den Versuch gemacht, ihre von Riiigen strahlende Stonö ni seinen Arm zu schieben. Sein hastiges Zurücktoeichen hatte den Anlaß zu einer ziemlich erregten Debatte gegeben, die auch jetzt noch fortdauerte. Endlich blieb die Millerta stehen, hob die langstielige Lorgnette empor, die sie der Mode gemäß trug, obwohl sie vortreffliche Augen hatte, und sah Ranchmann scharf ins Gesicht. z "' ' „Also Du willst nicht?" z/)te in.z/ „Definitiv nicht?" ■ „Nem." „Tann lassen toir's ruhen. Nur keine zwecklose Erregung, das verdirbt den Teint und den Magen. Im Grunde kann ich Tir's nicht übel nehmen, ich würde mich auch nicht heiraten, wenn ich ein Mann wäre. Es war nur so ein Versuchsballon, tote sie's in den Zeitungen nennen; ich finde schon noch einen anderen Dummen, der mich nimmt." „Da mußt Du sehen, daß die Portion von der ge- toünschien Gottesgabe nicht zu klein bei ihm ist." „Laß mich nur machen", sprach Millerta zu Rauchmann. Wenn aber aus der Sache nichts werden kann, — mein Gott, dieser Sturm ist wirklich abscheulich, mir müssen rasch zum Schluß kommen, — also, wenn wir unser so ideales Verhältnis schon so rasch wieder auflvsen müssen, dann haben wir wenigstens auf einen guten Abgang zu denken. Tie Verlobungsnachricht hat sehr gut gewirkt, ich bin oft darauf angesprochen worden, und auch die Einnahmen waren sehr nett, — man hat eben wieder mehr Interesse für mich. Wie kommen wir nun am besten auseinander ?" „Wir Reichen uns höflich die Hand und sagen höflich Lebewohl." „Was fällt Dir ein? Die Sache muß doch in Szene gesetzt werden. Wenn man einen so schönen Bräutigam aufgibt, hat man natürlich Anspruch auf Entschädigung." „Entschädigung, wieso?" Er war sehr düster, mürrisch und wortkarg während des ganzen Gesprächs. „Ein bisserl Lärm, ein bisserl Aufsehen. Um der Reklame willen haben wir uns verlobt; ReK«nie müssen wir 760 nun auch mit unserer Scheidung vor der Hochzeit machen. Wie wär's, wenn wir uns zankten, hier, jetzt gleich?" „Da bin ich dabei. Dir einmal alles zu sagen, was ich auf dem Herzen habe, das könnte mir passen." „Also gut: erst ein Krach, dann eine Versöhnung, dann ein größerer Krach." „Die Versöhnung streichen wir." „Oh> nein, das wäre unnatürlich!. Liebespaare trennen sich in mehreren Akten. Vorhang auf, erster Akt!" Sie stand vor ihm, lächelnd, erwartungsvoll; der Sturmwind machte eine kleine Pause, als lauschte er auf das, was kommen sollte. Da Wotan jedoch nicht sprach, sondern sich! nur schweigend auf die Unterlippe biß, nahm die Millerta wieder das Wort. „Nun, ich warte. Du hättest mir allerlei zu sagen, dächte ich?" „Das hätte ich allerdings, wenn ich wollte." Er sprach ganz langsam, grollend, mit einem finsteren Ton in der Stimme. „Ich könnte Dir sagen, daß Du mich zu einem frivolen, niederträchtigen Spiel verleitet hast. Zum Spiel mit einer Sache, mit einer Empfindung, die viel zu ernst und zu groß für solch!e Erniedrigung ist. Daß Du —" „Gut gedonnert, Wotan. Nur noch etwas lauter." „Ich könnte Dir sagen, daß ich hier ein anderer Mensch geworden bin und schon jetzt, nach so kurzer Zeit, der Welt wie ein Fremder gegenüber stehe, in der ich früher mit Dir gelebt habe. Daß ich etwas Neues und Herrliches hätte finden können, und daß Tu — Du —" „Komm ein wenig weiter hierher. Da sehen die im Speisesaal uns besser." „Aber das alles wären weggeworfene Worte. Wozu soll ich Dir sagen, was Du nicht fühlst und nicht verstehst?" „Oh, ich- verstehe vielleicht mehr, als Du denkst. Wie heißt sie denn?" „Wer? Was meinst Du?" Jetzt klang seine Sprache wirklich dem Donner verwandt, und auch die Blitze waren da, die zum Donner gehören; sie zuckten aus seinen Augen hervor. „Ich! meine, daß 'bei solch einer Veränderung eines Mannes in so kurzer Zeit unter allen Umständen eine „Sie" im Spiele ist, Sonst warst Du ein ganz vernünf- figer Menschi, und jetzt —" „Und jetzt?" „Jetzt bist Du verliebt nach allen Regeln der Kunst, bis an den Hals, bis über die Ohren, rettungs- und hoffnungslos. dkun, Wotan, bin ich! so dumm, wie Du geglaubt hast?" „Tu bist ärger als dumm; Du bist frech!!" „So ist es gut, so ist es famos! Paß aus, jetzt komrnen die Tränen." Sie zog ihr Taschentuch! hervor und preßte die im Winde flatternden Spitzen an ihre Augen. „Laß die Kom-ödre, laß es endlich gut sein. Ich! will Wahrheit und Natur, hier hab' ich sie lieben gelernt. Tu aber bist eine Parodie auf beide." „Ach, W!otan, Liebster, nimm mich, wie ich bin. Denn Tu bist eigentlich doch ein reizender Kerl!" Ehe er sich's versah, hing sie ihm am Halse und küßte ihn gerade vor dem Fenster des Speisesaales, an dem Fräulein Häseler seit geraumer Zeit schon stand. Ein kleiner Aufschrei drinnen war das Echo des Kusses. Wotan wollte die Zudringliche zurückstoßen, aber sie hatte ihn so geschickt umarmt, daß es nicht gleich gelang. Während er noch bemüht war, sich zu befreien, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Das war Gruppe zum Aktschluß. Und nun addio, caro mio, — ich krieg es doch noch heraus, wie sie heißt." Damit gab sie ihn frei, wandte sich! rasche und verschwand im Hause. Langsam, die Röte des Zornes auf dem finster verzogenen Gesicht, folgte er ihr nach.-- Fräulein Häseler war in großer und angenehmer Aufregung. Ter Anblick des Kusses, den sie soeben per distance hatte mitgenießen dürfen, ließ ihre (Stimmung noch rosiger werden, als sie, dem grauen Sturmtag zum Trotz, vorher bereits gewesen war. Sobald Rauchmann und Milka sich aus ihrem Seehkreis entfernt hatten, erzählte sie zunächst den im Speisesaal Versammelten das, was sie erspäht hatte, bis aufs kleinste genau. Und alle — die Generalin ausgenommen — hörten es mit Behagen noch einmal erzählen, obwohl sie-selbst es ebenso gut gesehen' hatten wie die Zitronendame. Tiefe durchstreifte sodann, als ihr Wirkungskreis hier erschöpft war, das Bauer mit dem Papagei im Arm, die übrigen Gesellschaftszimmer des Hotels, suchte die dorthin versprengten Gäste auf und Unterhielt auch sie mit ihren Neuigkeiten, um endlich- zu Ediths Gemach hinaufzusteigen und dort an die Tür zu pochen. (Fortsetzung folgt.) Weiynachls-Litieratur. — Richard Voß: Ein Königsdr-rm'ä. Roman. Engelhorns allgemeine Romanbibliothek, Stuttgart. Tie Inspiration zu diesem Roman hat der Verfasser unzweifelhaft durch die Vorgänge am bayerischen Hofe erhalten; aber er hat den Stoff behandelt wie ein echter Dichter,, nicht in slavischer Nachahmung der geschichtlichen Ereignisse, sondern in durchaus freier Gestaltung, indem er Fäden nach- Belieben löste und knüpfte, um schließlich ein mit feinster Kunst geschaffenes Ganzes herzustellen. Cs reizte! Richard Voß, die Entwickelung des Cäsarenwahnsinns von seinen geheimsten Ursprüngen an aufzudecken und bis zurN erschütternden Ende durchzusühren, und sein Vorhaben ist ihm völlig gelungen. Dadurch daß er seinem Roman die Form eines Tagebuches gab, war es ihm möglich, in die geheimsten Tiefen des Seelenlebens dieses unglücklichen Prinzen hinabzusteigen, die ersten schwachen Keime des beginnenden Wahns bloßzulegen und mit Spannung das Anfwuchern des Uebels zu schildern, das durch nichts er- strckt werden kann, dessen Bekämpfung ein rührend gezeichnetes edles Mädchen aus dem Wolke vergeblich ihr Lebensglück opfert. Aber nicht nur stofflich ist dies Werk geeignet, weiteste Anteilnahme zu erwecken. Richard Voß zeigt sich auch hier wieder als Meister des Stils, der jeder Regung des Gemüts den passenden Ausdruck zu geben vermag. „T i e g e s e l l i g e H a u s f r a u" ist soeben bei Eduard! Bloch, Berlin, in sehr eleganter Ausstattung erschienen., Verfasserin ist Isa v. d. Lütt, reizvolle Beiträge hast Georg von Bemming geliefert. — Tas flotte Büchlein bringt im ersten Teil in amüsantem Geplauder allgemeine Ratschläge und originelle Neuheiten für Bazare und andere! Feste. Es weist hin auf den inneren Gehalt, den die gesellige Hausfrau ihren Gästen bieten sollte, und regt sie helfend dazu an, diese Pflichten im einfachen, wie int reichen Hause erfüllen zu können. Jin zweiten Teile bringt es für große und kleine Kreise Aufführungen und Untere Haltungen, den verschiedenen Jahreszeiten und Festen entsprechend. Den Schluß bildet eine originelle Einführung des „Ueberbrettls in den Salon". Es folgt ein hübsches, vollständig durchgeführtes Brettlprvgramm. Das Buch dient sowohl großer, als intimer Geselligkeit. Wortspielrätsel. Nachdruck verboten. Tut man's bei Andern, Ist bald gebrochen der Mut. Tut man'es andern, Kommt man um Geld und ®ut. So oder so ist man ein Trops Und hat das Wort mit anderm Kopf. Auflösung in nächster Nummer. Aufllösung des Zahlenrätsels in vor.: Nr. 25 20 21 18 22 26 23 24 19 Auflösung des Preisrätsels in Nr. 179 b. Stern, Reue, Alm, Hering, Eber, Aster, Range, a, Dstern, Treue, Halm, Ehering Leben, Laster, Drange. ■ Othello. Die Gewinner sind: AlbertBötz,Gießen, Grünber» g erstraße 29 1,1. Preis: General Christian de Wet „Der Kampf zwischen Bur und Brite," mit Karten und Illustrationen. Käthe Winterstein, Gießen, Ebelstr a ß e 13, 2. Preis : Königin Louise von Elisabeth Halden, mit Titelbild in Lichtdruck. Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Avonne- rncntsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Eteindruckcrci. R. Lange, Gießen.