Samstag den 21. Uoverrröer. 1903. m WSwH1 ÄQ8 (Nachdruck verboten.) Kin WödOenschicklak. Frei nach dem Ercglischen von A. Wendt. (Fortsetzung.) „Laß mich Tir alles erzählen; es ist für mich keine vorteilhafte Geschichte, aber Du mußt alles wissen, Du ollst das Schlechte von mir zuerst hören. Als Du mich ragtest, ob ich Deine Frau werden wollte, sagte ich ■ a aus zwei Gründen. Er —" hier versagte ihr die Stimme ans einige Sekunden — „er wünschte es; ich hatte das Leben hier recht satt, ermattet von dem steten Kampf gegen die Armut, nahm ich Deinen Antrag willig an. Ich wußte, daß ich Dich nicht liebte, aber ich hatte Dich gern, lieber, viel lieber als jeden anderen Mann, Tu warst reich — ich verlangte nach Reichtum. Er erhob abwehrend die Aand, sie schien es nicht zu bemerken und fuhr mechanisch fort, nach jedem Wort fast eine Pause machend. „In Uateshall lernte ich — einen — andern jungen Mann kennen — welcher — reicher als Tu — war — sein eigener Herr — und —" „Und ziehst den Reicheren mir vor", rief er mit unendlicher Bitterkeit. „Denkst Du, erwürbe dies annehmen?" rief sie ebenso bitter. „Er mochte mich gern — für einige Augenblicke war ich so töricht, zu glauben, daß er mich liebte — v gütiger Himmel, wie glücklich war ich da! Ich vergaß alles, als er mich in seinen Armen hielt. Ich vergaß mein Tir gegebenes Versprechen, vergaß Deine Güte, Dein Vertrauen, vergaß dann auch seinen Reichtum — o Willy, vergib mir!" „Tu hast kein Erbarmen mit mir", sagte er heiser, ohne sie anzusehen. „Fahre fort, damit ich weiß, was ich zu vergeben habe." „Mein Glück war sehr kurz, Willy, es dauerte nur wenige Stunden. Ich ließ einen an Dich adressierten Brief fallen, er fragte, wer und ivas Du mir wärest; ich antwortete ihm, Du wärest ein Freund von Robert und Mir. " „Er glaubte Dir?" fragte er verächtlich. „Ja, aber meine Lüge war ohne Nutzen. Am nächsten Abend, die Nacht bevor ich Deine Depesche erhielt, waren wir auf einen Ball — und Deine Schwester Julia war auch dort. Ich wußte nicht, daß sie in der Nachbarschaft war, hätte ich ein Zusammentreffen ahnen können, ich hätte es vermieden. Aber", fuhr sie leiser fort, sein zorniges Lachen nicht beachtend, „sie trafen sich, Julia sagte ihm, daß idj verlobt wäre.--Als er mich darum befragte, wußte rch, daß eine zweite Lüge ganz unnütz wäre." Ihre Stimme versagte vollständig, die Erinnerung an die Szene auf der mondbeleuchteten Terrasse in Brightfield war ihr fürchterlich; ihr Gesicht verzog sich wie im Krampf, ihre Augen schlossen sich, und ihr Kopf sank auf die Brust. Willy hatte sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt und lehnte regungslos gegen den Kaminsims. Dies Schweigen wurde Jane unerträglich, sie fühlte sich so beschämt und erniedrigt, ihre Sinne schienen sie verlassen zn wollen; es verlangte sie danach, Willys Augen zu sehen, seine Stimme zu hören, und doch fürchtete sie sich davor. „Willy", flüsterte sie endlich, „o Willy, sprich mit mir, sage ein Wort! Willst Du nicht versuchen, mir zu verzeihen?" Er ließ die Hände finken und wandte ihr sein gutes, aber alltägliches Gesicht zu, auf welchem der tiefe Schmerz deutlich ausgeprägt war. „Ich brauche das nicht erst zu versuchen, Jane; wenn ich Dir etwas zu vergebens habe, ist es geschehen. Mcht Du — ich verdiene Tadel, ich mußte klarer sehen, Du warst so jung, unerfahren, h Werde glücklich mein Liebling, mit dem Manne, welches Du liebst!" Wehmütig lächelnd streckte er seine Hand hin. Ein schrilles Lachen ertönte von Jane's Lippen. „Mit dem Manne, welchen ich liebe!" entgegnete sie heftig, „mit dem Manne, dessen einziger Wunsch es ist, mich nie wieder zu sehen, welcher mir kein Wort der Verzeihung schenken wollte, welcher, toenn ich sterbend zu seinen Füßen läge, sich nicht zu mir beugen würde, um mir die letzten Minuten zu erleichtern! O, Willy, Du hast mir soeben gar zu deutlich gezeigt, daß er mich nie geliebt! Du hast mir verziehen. Du, den ich so tief kränkte! Was ist dagegen mein Unrecht gegen ihn! — Willy, wenn Du es willst, so bin ich bereit, mein Versprechen, das ich Dir gab, zu erfüllen." Cie sprach in vollem Ernst, meinte es in Wahrheit jo und erwartete zitternd seine Antwort. Sie wußte kaum, was sie sprach, wie schrecklich es wäre, wenn Willy sie beim Wort nähme! Einen Mann heiraten, wenn alle Liebe, alles Sehnen und Hoffen einem andern gehört! Es wäre tausendmal leichter, zu sterben — aber sie wollte es tun. „Wenn Tu mich haben willst, Willy, will ich Dir eine gute Frau fein. Versuche, zu glauben, daß ich jemand geliebt habe, der nun gestorben ist — denn in der Tat, er ist tot für mich." Tas war für den armen Willy ein harter Kampf, eine schwere Versuchung; denn er liebte sie tief und innig; sie stand allein in der Welt, ohne jeden Schutz, und bedurfte so sehr der Sorgfalt und Treue eines liebenden Gatten. Aber wie die Verhältnisse jetzt lagen, konnte er ihr nicht helfen; wenn er sie heiratete, war sie freilich gegen Armut geschützt, aber damit nahm er ihr jede Hoffnung, jede Aussicht auf Lebensglück. ,Tenkst, Du, Jane, ich kann dies Opfer annehmen? Nein, o nein, icfy liebe Dich viel zu sehr, um Dein Glück zu begraben, um Dir die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft zu rauben ! Laß mich Dein Bruder sein, arme Kleine,, 694 ich kann Dir den Verlorenen zwar nie ersetzen, aber selbst er könnte es nicht treuer meinen als ich." „W ist kein Opfer meinerseits. Ich bin heimatlos und freundlvs; Du kannst mir Obdach und Freunde geben — den Preis dafür zahle ich willigt" „Tu sollst Deinen Freund nicht verlieren", erwiderte er dumpf. „Tein Preis ist jedoch zu hoch, Jane! Hast L.u bedacht, was es heißt, Dein Leben einem Mann anzuvertrauen, welchen Tu — gern hast? Daß eben dieses /gern haben' jede Hoffnung auf Liebe ausschließt? Du wurdest ein elendes Leben führen, ich ebenfalls. Hältst Tu mich", fuhr er mit plötzlich ausbrechender Heftigkeit fort, für einen herz- und gefühllosen Mann, daß Du nur dies zumutest? Nein, ich werde Dich sicher nicht heiraten, nicht uns beide unglücklich machen, nicht langsam Teui und mein Herz brechen! — doch jetzt laß mich, gehen, ich habe heute genug ertragen — ich bin zu Ende mit meiner Kraft." Rasch wandte er sich zur Tür, dort angelangt, kehrte er zu Jane zurück und reichte ihr die Hand. „Leb' wohl für heute, Jane, ich komme morgen wieder." Ohne ihn anzublicken, legte das Mädchen ihre kalte Hand in die [einige. „Bist Tu mir böse?" fragte sie furtchsam. 1 „Böse?" wiederholte er schmerzlich; „nein, Jane, ich bm Dir nicht böse!" Langsam ließ er ihre Hand los und ging; Jane war allein. 7. Kapitel. "Natürlich ist er nur hierher gekommen, um in Deiner Nahe zu fern. Er weiß, wie befreundet wir mit Warwicks sind; und er weiß auch, daß Du während der Jagdzeit hier bist, Du hast es ihm ja selbst gesagt, Alice." , „So, habe ich?" fragte Alice Durham lächelnd, „vielleicht tat ich es." „Natürlich tatest Du es, ich habe es selbst gehört, als Du ihm sagtest. Tu kämest zum September hierher. Es Ware eine ausgezeichnete Partie für Dich, Alice", sagte Mrs. James Thornton, sich von ihrem Schreibtisch erhebend, tvo sie einige Korrespondenzen erledigt batte, zu chrer Schwester: „Sir Harry ist sehr reich, ein' schöner Mann, em ausgezeichneter Gesellschafter, Yates-Hall ist ein herrliches, altes Schloß, und Du findest ja soviel Geschmack an diesen alten Wohnsitzen." „Ja, das ist alles wahr", stimmte Alice bei: „aber dann, Hanna, siehst Du —" Sie machte eine Pause, verließ ihren Platz a'm Fenster, trat zu der Schwester, legte ihren Arm um deren Taille und betrachtete ihr Gesicht und ihre Gestalt prüfend im Spiegel. Tie Schwestern befanden sich im Boudoir von Mrs. Thronton in Thornton-Hall, einem zierlichen Gemach, in dem alles mit rosa Atlas und weißen Spitzen bekleidet war Es war ein modernes, lauschiges Nest in dem alten, stattlichen Gebäude, in welchem Mrs. Thornton sich manchmal aufhielt, welches sie in der Regel aber bald wieder vertauschte mit einem andern moderneren Hause mit großen Spiegelscheiben und vergoldeten Decken. Sie behauptete, sie sei hier nicht an ihrem Platze, Pariser Toiletten wollten nicht in diese düsteren Zimmer passen. Thornton war eine schöne Frau, eine herrschende Schönheit selbst in London. Alice Durham sagte immer, daß die Schönheit der Schwester ihre eigene Hoffnung auf Verheiratung, stets vereitelt hätte. „Die Leute verlangen Juwel von Mrs. Thorntons Schwester!"-setzte sie lachend Miß Turham war keine Schönheit, eine graziöse, vlonde Tochter Englands, mit frischer, zarter Gesichtsfarbe und freundlichen graublauen Augen. .."Obgleich nicht schön, hat Alice das Benehmen einer Schönheit", sagte ihre Schwester zuweilen, „sie schlug verschiedene gute Partien aus, als ob die Tochter eines ^rmvgenslosen, englischen Offiziers das Recht hätte, so buhlerisch zu fein. Selbst ich habe nie soviel Anträge gehabt." ° Und Alice entgegnete ihr, daß sie schon mit 19 Jahren geheiratet, wahrend sie selbst, immer noch ledig, ihr t4- W bereits vollendet hatte, trotz aller Mühe, welche die Schwester sich gegeben hatte, ihr einen Erfolg in der Gesellschaft zu verschaffen. „^/'Nnn, was soll ich sehen?" fragte Mrs. Thornton, nachdem beide eine Weile geschwiegen. I „Etwas sehr Hübsches!" entgegnete Alice lächelnd, ihren blonden Kopf auf die Schulter' der Schwester legend und das schöne Gesicht derselben mit liebenden, bewundernden Micken betrachtend. „Natiirlich", lachte die Schönheit, „was weiter?" Einen Augenblick schwieg Alice und ein träumerischer Mrck trat in ihre Augen. „Siehst Tu, ich denke mir, daß es schon sein muß, wenn Mann und Frau sich lieben- — aber ich weiß ganz genau, daß Sir Harry mich nicht liebt, und ich ihn auch nicht." . „Woher willst Du das wissen?" fuhr Mrs. Thornton in scharfem Don auf. „Glaubst Du, er wird Dich Deiner Mitgift halber heiraten?" „Kaum", entgegnete Alice lachend. „Diese Genugtuung hat man, wenn man ein armes Mädchen ist. WeL mich heiratet, ist gewiß nicht von meinem großen Beutel! .angezogen." „Also, wenn Ergebung auf der einen Seite und Verehrung auf der andern ist, sehe ich keinen vernünftigen Grund, warum Du und Sir Harry nicht ein glückliches Paar werden sollt." . „Ich weiß nicht, mir ist, als ob viel Liebe auf beiden Seiten vorhanden sein müßte, um den Klippen und Gefahren im ehelichen Leben zu entgehen." „Unsinn, Alice, das ist eine von den fixen Ideen. Ter größere Teil der Liebesheiraten bringt Unzufriedenheit, Enttäuschung, und endet mit Scheidung! Sieh auf mein Leben! Gibt es etwas Besseres, Befriedigenderes? Weder James noch ich waren je sehr ineinander verliebt, und wir sind beide glücklich und zufrieden." Ter sinnende Ausdruck in Alice Turhams grauen Augen vertiefte sich das Leben, welches die Schwester so befriedigte, erschien ihr einsam und freudlos. Die gesellschaftlichen Triumphe, die wunderbaren Pariser Toiletten, die immerwährenden Vergnügungen hatten keinen Reiz für sie, ihr wäre die Gesellschaft ihres Gatten und der drei niedlichen Mädchen, die zu der schönen Mutier bewundernd und etwas scheu aufblickten, Tante Alice aber vergötterten, lieber gewesen. „James muß die Gäste von Warwickhouse herbitteri", sagte Hanna Thornton gähnend, ihre kleinen, in schwarzen Atlasschuhen steckenden Füße betrachtend. „Du mußt Dich von Deiner besten Seite zeigen, Alice, es ist wirklich die höchste Zeit, daß Du heiratest." „Ja, ich müßte heiraten und damit Papa und Dich endlich von großen Unkosten Befreien! Doch beiläufig: gehen die Kinder heute nachmittag mit zum lawn-tenriis? Sie möchten so gern der Verteilung der Preise durch Dich beiwohnen und mich spielen sehen." . „Ja, ich denke, sie können mit", sagte Mrs. Thornton gleichgiltig, „Jackson kann sie im kleinen Wagen hinüb erfahr en, Miß Gratton kann die Aufsicht übernehmen." „O, danke, das wünsche ich gerade", erwiderte Alice munter, leicht die Wange der Schwester küssend. „Sag', wo hast Du Miß Gratton herbekommen, ist sie schon lange in Deinem Hanse?" „Wie lange, weiß ich nicht genau, wohl beinahe ein Jahr, oder ungefähr so lange. Lady Smith hatte sie mir empfohlen.!" „Ah, Lady Smith", rief Alice aus, sich abwendend, um die lebhafte Röte, welche ihre Wangen überzog, zu verdecken. „Ja! Du kennst sie?— Es ist eine Kaufmannsfamilie — sehr reich — Du weißt ja, massenhaft Geld und wenig Manieren, so etwas gewöhnlich/'' „Gewöhnlich, Hanna?" fragte Alice erstaunt = „ich dächte nicht, — ich fand ■—" „Tie jüngeren Familienglieder sind ganz leidlich, doch auch sie haben so etwas Plebejisches; es sind zwei Töchter und ein Sohu." „Ten Sohn traf ich im Sommer int Seebade, ich fand ihn aber durchaus nicht gewöhnlich." „Er natürlich nicht; er ist das Haupt der Familie, hat Anwartschaft auf den Baronstitel mit einigen tausend Pfund Einkommen jährlich", antwortete Mrs. Thornton; dann das Gespräch ändernd, fragte sie: „Welches Kleid wirst Tn heute nachmittag tragen, Alice?" , „M ein gelbes Tennis kleid", antwortete diese. „Wer sind Miß Grattons Verwandte, Hanna? Sie hat nichts Plebejisches in ihren Manieren." . „Nein, ihr Benehmen ist musterhaft, sie hat ausgezeichnete Manieren, darum habe ich sie engagiert. Sie besitzt eine natürliche Grazie und eine gesellschaftliche Bildung, welche immer seltener werden, und welche, wenn sie sie den Mädchen beibringen kann, besser und nützlicher sind, als Hroße Gelehrsamkeit." „Wer ist sie? gehört sie zu der großen Zahl derer, die ernst bessere Tage sahen und durch Unglück gezwungen sind zu , solcher Stellung?" „Nein, sie ist nur die Tochter eines Landarztes, aber sie wurde in Brüssel erzogen, spielt und singt ausgezeichnet. Sre ist eigentlich viel zu hübsch für ihre Stellung; keine Haushaltung, wo erwachsene Söhne sind, würde sie engagieren." „Tas glaube ich auch', gab Alice gedankenvoll zur Antwort; „ich fürchte, ihr Leben ist sehr traurig." Erstaunt erwiderte Mrs. Thornton: „Aber was willst Tu, liebe Alice, erwartest Du, daß ich sie mit auf Bälle und Gesellschaften nehmen soll? — Ich gehe jetzt zu Josephine,, sie muß die Knöpfe an meinem grünen Sammetkleide ändern, das will ich nachmittag anziehen. Mache Dich auch recht schön, Warwicks mit ihren Gästen werden ebenfalls dort sein", schloß sie lächelnd. Sie verließ das Zimmer, die langen Falten des hellblauen Morgenkleides umflossen weich die schöne Gestalt und berührten in langer Schleppe den Boden, während em Sonnenstrahl ihr goldenes Haar und zugleich den silbernen Gürtel um ihre schlanke Taille streifte. Mit zärtlicher Bewunderung blickte Alice der Schwester nach; langsam kamen ihre sanften, grauen Augen von der Tür zurück und starrten in das Feuer des Kamins; der ernste Blick vertiefte sich zu einem traurigen, und Traurigkeit war ein seltener Gast in Alice Durhams sonniger Natur. „Es kann nicht recht sein", sprach sie zu sich selber, dm weichen Falten ihres Morgenkleides mit unruhigen Händen nervös streifend, „es kann nicht recht sein, einen Mann zu heiraten, welchen man nicht liebt, — und doch — rch weiß, wenn er mich fragt, werde ich nicht nein sagen. Außerdem denkt der andere sicherlich nie an mich — er mochte mich als Freundin, weiter war es nichts" Die roten Lippen zitterten einen Augenblick, als ob der Gedanke an „den andern" ihr Schmerz verursachte, dann warf sie mit einer energischen Bewegung den Kopf »w tud und schüttelte die Bedrückung von sich ab. „Lady Yates klmgt sehr hübsch Lady Yates von Yates-Hall noch besser", lächelte sre, „und welch ein Spaß, eine höhere Stellung ernzunehmen als Hanna, welche mich all die Jahre hindurch bemuttert und Mtadelt hat, und welche, trotzdem sie es gut meint, manchmal so verletzend wird. Nun will ich aber N den Krndern gehen und sie glücklich machen. Die kleine blasse Gouvernante sieht aus, als ob auch ihr ein Feiertag recht erwünscht und nötig wäre; ob sie Wohl gern mitgeht?" Mit leichten Schritten lies sie die beiden Treppen hinauf zu der zweiten Etage. Dort befand sich die Bildergalerie«, welche rund um das Haus lief und ihr Licht von oben durch eme Glasdecke erhielt. Hier hatte Jane Gratton manche Stunde verbracht zwischen den gemalten Damen in ihren bunten, steifen Kostümen und den stattlichen Kava- lreren nnt hohen Halskrausen und wallenden Federn auf den Hüten, und oft hatte sie hier die bezaubernde Schönheit der jetzigen Mrs. Thornton aus dem Porträt bewundert. Bon den zahlreichen Türen, welche sich auf die Galerie ’iM™ und welche sämtlich mit schweren Sammetportiereü verhrillt waren, führte die eine zu einer Reihe von Zimmern, welche für die Kinder und ihre Gouvernante vorbehalteh Diese bestanden aus einem Borzimmer, welches in dre Schulftube führte, dann kam Miß Grattons Schlafzimmer und das der Kinder. Mr. Thorton war reiche, alle Einricht- ^®3fn rm Hause waren großartig und bequem. Miß Grattons Stelle konnte rn dieser Beziehung eine beneidenswerte genannt werden, ^hr Gehalt war gut, ihre Pflichten nicht allzu schwer, denn sie hatte manche freie Stunde — und ./Over bedrückten, so war das nicht Ltz Schuld der Famrlie. Die Ankunft von Tante Alice in Thornton-Hall brachte eine angenehme Abwechslung in ^anes eintöniges Leben. Sie und die Kinder waren das g'W Frühjahr, den ganzen Sommer hindurch allein in der Hall gewesen, erst zur Jagdzeit waren Mr. und Mrs. Thornton gekommen und hatten Alice mitgebracht, und seitdem waren täglich neue Gäste angelangt. Diese hatten mit dem Leben der Erzieherin nichts zu tun; aber Tante Mce war^ ern häufiger Gast im Schulzimmer, ihr freundliches, höfliches Wesen war Jane sehr wohltuend. Ihr blasses Gesicht leuchtete auf, und die Kinder jubelten, als die Tante die Tür öffnete. — Fortsetzung folgt. Mattdereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Berliner Krauzwoche. — Verbrauchszissrrn in der Blumenborse. — Auf den Kirchhöfe« der Weltstadt stillster Port. Feste, die die Massen feiern, ziehn geradezu riesige Kreise m der Weltstadt und geben ihr auf Wochen hinaus emen bestimmten Charakter. So ist's Ostern und Weihnachten; auch Pfingsten, wenn die lichtgrünen Maien ihren Einzug in Berlin halten; am ausgeprägtesten jedoch in der Woche vor dem stillen Feste, das wir den lieben Abgeschiedenen gewidmet haben, die draußen auf einem der Fmedhöse ausruhen von dem Wirren nnd Hasten des brandenden Lebens, das seine Wellenschläge immer weiter ausdehnte, und rings um die Begräbnisstätten, die in Vatertagen draußen einsam zwischen den märkischen Feldern und Wiesen lagen, Straßen und Plätze erstehen läßt! Wie viele unserer Kirchhöfe liegen schon mitten im Getriebe der Großstadt! Mietskasernen ragen rings um sie aus, Kirchen und Schulen bilden ihre nächste Nachbarschaft, das Fauchen und Stampfen aus den Werkstätten großer Fabriken tönt über sie hin, die Straßenbahnwagen sausen vorüber! Das ist der Frieden eines Weltstadtkirch- Hoss!... Man verhandelt augenblicklich um neue große Terrarns auf Teltower Gebiet, einer Gegend, die durch ihre schlechten Fahrverbindungen für Berlin noch nahezu unentdeckt ist. Aber werden dort dann erst die Beisetzungen beginnen, so wird es nicht lange dauern, und durch die verbesserten Fahrgelegenheiten entwickelt sich auch hierhin einer jener Polypenarme, der den magern Boden der Mark zu dem wertvollen Baugrund von Groß- berlm umwandelt. Aus der Straße wird nach und nach ern Stadtteil, der über kurz oder lang mehr und Mehr mit den benachbarten Häuserkolonien zusammenwächst, bis dann auch , dieser Kirchhof, der uns heute noch „weit draußen" liegend erscheint, dem riesigen Komplex der Millionenstadt einverleibt ist. Als erste Ansiedler an diesen neuen Kirchhöfen erscheinen gewöhnlich Steinmetze mit Grabkreuzgeschäften und KranMndler. Ftir die letzteren lohnt es sich besonders draußen an den Pforten den Blumenschmuck feil zu halten, den an Tageii stillen Gedenkens der Großstädter seinen Toten spendet. Und wenn der Nvveniberhimnlel nur ein erträglich gutes Gesicht zeigt wie in diesem Jahre, so bringt die berliner Kranz» Woche manch einem die Miete für das Minze Jahr zusammen. Denn es ist schier unglaublich, was die Blumenindustrie in diesen Tagen an Kranzmengen auf den Markt chafft. Ganz Berlin scheint ein einziges großes Kranz- lager zu sein. Frauen und Kinder werden in großen Sälen bis in die Nachtstunden hinein beschäftigt, um Kränze zu binden. Große Geschäfte beziehen die Lorbeerblätter und das Tannenreisig waggonweise und liefern mit ihren Ge- pannen schon seit Wochen Tag ftir Tag Dausende von den billigen Sorten in die Geschäfte der Borstädte, die sie vor ihren Schaufenstern aufgestapelt liegen haben oder die Wand des Hauses bis an den ersten Stock hinauf damit behängen. Für 40 Pfennig schon kann der wenig Bemittelte sich o ein Kränzlein erstehn, um es dem Unvergesseuen aufs Grab zu legen. Aber von dieser untersten Stufe geht es hinauf bis zu Preisen, die den ganzen Wochenlohn eines Arbeiters verschlingen würden und darüber. Unter den Markthallen Berlins erfreut sich jene zwischen Friedrich- und Lindenstraße des Rufes, die Berliner Blumen- börse zu sein. Und es ist interessant, einen Gang durch diese Kranzauslagen zu machen. Der betäubende Duft gibt den Gedanken gleich von vornherein eine melancholische Richtung und die Augen, die von Blumenkreuzen zu Palmenwedeln und dann eine Reihe von - Tausenden von Kränzen hinunter irren, umschleiern sich leise. Welch' ein Luxus, der sich auch hier entfaltet! Kränze mit den kostbarsten Blüten, deren jede allein einen exorbitanten Preis kostet, kann man hier bewundern. Eine reiche Finanz- bavonin hat den einen bestellt, die am Samstag das Grab! 696 ihres toten Kindes damit schmücken will; ein anderer wird auf den kalten Marmor zu liegen kommen, unter dem eine junge Braut ihren ewigen Schlummer schläft. Arme Lieblinge! Auch die teuerste Orchisblüte in eurem Prunkkranz wird euch nicht mehr erfreuen können, als das rote Eber- eschenbeerlein zwischen den schlichten Stecheichenzweigen das neben euch ruhende Kind einer armen Witwe-. Ach, vielleicht gedenkt sie in den harten Arbeitswochen ihres Lebens des Verlustes öfter und inniger als die in vornehmes Pelzwerk gehüllte Dame, die ein feuriges Jucker- gespann bis dicht an die Pforte des Kirchhofs gebracht hat, und die sich im Trubel der winterlichen Feste dieses Tages vielleicht nicht wieder erinnert. Am Bußtag glichen unsere Kirchhöfe schon beinah Wallfahrtsorten. Ueberall war inan geschäftig, die Hügel zu schmücken, Sand zu streuen, die Kreuze zu säubern. Und wenn sich auch ein leiser Beigeschmack von Mode und Protzentum hier und da bei diesen Bemühungen geltend macht: es ist doch gut, daß wir diesen Festtag eingeführt haben, der bekanntlich erst unter Friedrich Wilhelm III. in Preußen festgelegt wurde. Manch einer, der sich sonst der draußen Schlummernden vielleicht nicht erinnern würde, hält an diesem Tage ernste Einkehr! Ter Weltstadt stillster Port liegt draußen im herbstlichen Grünewald. Wer in diesen Tagen durch die stillen Forsten auf Schildhorn zuwandert, wird eine knappe Viertelstunde vor dem Ziele rechts abbiegend auf den kleinen seltsamen Friedhof mitten im Waldesfrieden merken, daß auch hier noch ein Teil jener L-ebe ihre wehmütig schönen Blüten treibt, die übers Gra? hinaus dauert. Von den Gräbern, ohne Marmorprunk und Goldschrift leuchten doch hier und da ein paar grüne Kränze mit roten und weißen Rosen darin, die eine doppelt innige Sprache reden. Denn dies ist der Friedhof jener Leichtsinnigen, Unglücklichen und Verzweifelten, die in der heiligen Waldeinsamkeit einst Hand an sich gelegt haben und freiwillig in jenes Land gegangen sind, aus dem noch kein Wanderer wiederkehrte! . . . Auch sie mögen im Frieden ruhen! . . . A. R. Air Keherwmsse des Wogelfluges, Tie Britische Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft hatte im vorigen Jahre einen zoologischen Ausschuß zur Förderung verschiedener wissenschaftlicher Fragen eingesetzt, und bei der diesmaligen Jahresversammlung ist bereits ein Bericht über die Beobachtungen erstattet worden, die seitens dieser Kommission über den Vogelflug gemacht worden sind. Zunächst sind die Eigenheiten des Fluges bei verschiedenen Vögeln studiert worden. An wilden Sing- schwäuen wurden zwei Messungen während des Fluges angestellt und gefunden, daß bei diesen Vögeln 3hz Flügelschläge auf die Sekunde entfallen, etwas weniger als bei der Krähe. Die schwerfälligen Seetaucher oder Lummen wurden über dem Rande einer Klippe segelnd angetroffen, was sehr überraschen mußte, weil oiefe Vögel ein sehr bedeutendes Gewicht und dabei keine Flügel haben, was für einen Segelflug denkbar ungeeignet ist. Zu erklären mochte die Erscheinung dadurch sein, daß gerade ein außerordentlich heftiger Sturm blies, der den Vögeln eine ungewöhnliche Tragkraft verlieh. An verschiedenen Vögeln wurden Bestimmungen der Fluggeschwindigkeit vorgenommen. Stare sah man nach ihren Nistplätzen mit einer Geschwindigkeit von 65 bis 75 Kilometer in der Stunde fliegen, jedoch lassen sie sich auf ihren gewöhnlichen, kurzen Meisen während des Tages io eit mehr Zeit; int ganzen scheinen die Stare hinsichtlich der Fluggeschwindigkeit mit den schnellsten Haustauben vergleichbar zu fein. Schwalben kommen in ihrem mit blitzartigen Wendungen durchsetzten Fluge nur nur 25 bis 40 Kilometer in der Stunde vorwärts, also weniger schnell als Krähen. Wilde Enten können auf nicht langer Strecke fast 60 Kilometer zurücklegen. Vielleicht der interessanteste Punkt der Untersuchungen betraf die Fluggeschwindigkeit von Haustauben, die einige der hervorragendsten Züchter zur Verfügung gestellt hatten. Bei einem Fluge von 12 Stunden Länge wurden von ihnen 53 Kilometer stündlich durchmessen, bei einem Fluge von 4 Stunden 58, bei einem solchen von einer Stunde 64, in 10 Minuten 77 und in einer Minute 84 Kilometer, auf die Stunde berechnet. Tümmler wurden oft innerhalb ihres Hofes 10 Er 12 Stunden ohne Unterbrechung in die Runde fliegend. gesehen. Es ist möglich gewesen, die von einer Taube während des Fluges geleistete Arbeit annähernd zn schätzen. Sie ist ungefähr dieselbe, die jemand leisten würde, wenn er eine Leiter von 1000 Meter Höhe in 10 Minuten ersteigen würde, und es ist wahrhaft wunderbar, daß eine Taube solche Arbeit 10 oder gar 12 Stunden hintereinander ohne Rast, lohne Futter und ohne zu trinken zu leisten vermag. Damit übertrifft sie dre Leistungsfähigkeit aller elektrischen Motors, aller gewöhnlichen Dampfmaschinen und auch fast aller Motorwagen. Diese Untersuchungen über den Taubenflug haben auch für die Beurteilung des Fluges anderer Vögel ihre Wichtigkeit, und beweisen die Möglichkeit sehr langer Wanderflüge der Zugvögel. Der zoologische Ausschuß hat weiterhin vier Fragen festgestellt: Warum sind die Flügelspitzen der Krähe beim Fluge aufwärts gebogen, beim Kranich abwärts? — Warum sind die Schwungfedern^ eines Krähenflügels von einander getrennt, sodaß der Wind hindurchblasen kann, während die Schwungfedern eines Schwalbenflügels geschlossen sind, sodaß der Wind nicht hindurch kann? Warunt ist der Flügel einer Mauerschwalbe lang und schmal, der eines Fasans kurz und breit? Warum ist der Schwanz einer Taube fächerartig gestellt, der einer Schwalbe gegabelt und der einer Elster in der Mitte am längsten? — Jeder, der zur Beantwortung dieser Fragen etwas beitragen will und kann, wird freundlichst gebeten, seine Beobachtungen und Ansichten dem betreffenden Ausschuß mitzuteilen. Liteva^rfches. Es ist an der Zeit, sich einen Kalender an- zuschaf fen. Einer der beliebtesten ist der Gartenlaube-Kalender, der sich in den bald 20 Jahren seines! Erscheinens eine große Schar treuer Freunde geworben hat. Er bringt aber auch Treffliches, dieser hübsche Band, den nur eine Mark kostet. Der Jahrgang 1904 steht seinen Vorgängern nicht nach In erster Linie seien die Erzählungen „Alte Liebe" von W. Heimburg, illustriert von F. Bergen, „Die Wahl" von Eva Treu, illustriert von C. Wedenmeyer und „Des Schmiedewastls Bescherung" von Helene Raff, illustriert von R. Mahn, erwähnt. Aus der Fülle belehrender Aufsätze wollen wir noch einige her aus greifen: „Ter Kampf gegen die Zahnfäule" von Dr. S. Falken, ,,Vou den Gefahren der Abhärtung bei Kindern" von Dr. M. Cohn, „Nickelstahl" von W. Berdrow, „Ein schweres Franen- schicksal" von R. v. Gottschall, „Das Ding mit zwei Enden. Ein appetitliches Kapitel" von R. March Wenn wir dann noch der zahlreichen Miszellen, des Humoristischen in Wort und Bild, der Kunstblätter, des Kalendariums und der sonstigen wertvollen Notizen, des illustrierten tagesgeschichtlichen Rückblicks von Dr. H. Diez, sowie der ganzen geschmackvollen Zusammenstellung und Ausstattung des Kalenders gedenken, so zweifeln ivir nicht, daß auch dieser neue Jahrgang des Gartenlaube-Kalenders den Beifall seines Leserkreises finden wird. Scherzfragen. Die Antivort ist in der Frage versteckt. Nachdruck verboten. 1. Was taten die Negermädchen, als der Löwe in entsetzlicher Weise brüllte? 2. „Was verlangst Du" fragte der junge Ehemann, „um die Stärks meiner Liebe zu erproben." 3. „Häuschen sagte der Vater bei Tisch, „lernst wohl auch tvackerl Was willst du den entmal werden?" 4. Bitte, liebe Olga, sag Auwu, wohin er den Brief zu richteit hat. 5. Welchen Edelstein hielt Onkel Otto passend für den Braut- schmuck? (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösttng des Nösselprungs in vor. Nr.; Wie ich heut früh in den Spiegel schau, Hei, was seh ich da schimmern. Sind's zwei Fädchen die silbergrau, Mir um die Schläfe flimmern. Boten des Herbstes, tlimmerdar Soll euer Gruß mich schmerzen, Besser Altweibersommer im Haar, Als Altweibersommer im Herzeli. S.ebottietu Angust Götz. — Rvtatienötrnck und S crlrg ter B rnll'scheu lluircrstaN'-Tuä- und Etciudruücrci. R. Lange, Eteßeu,