Mittwoch den 21. Oktoöer. m _? _ äsääi§ß5ä&sS I - ’ iMI V.?v-:? -J .' W «Z 1 8 (Nachdruck verboten.) M Uschttmiihiit« m kl Bretazie. -Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) Am Abend ging es in Plouvenec lauter und lebhafter zu wie gewöhnlich; alles war überfüllt durch die Besucher des Neviner Gnadenfestes, von denen es viele vorzogen, erst am nächsten Morgen nach ihren Dörfern und Bauernhöfen heimzukehren und die Nacht noch lustig in Plouvenec zu verbringen. Auf dem Dorfplatz drängte sich eine wogende, lärmende Menge — im seltsamen Gegensatz zu der dunklen, unbeweglichen Masse der Festung mit ihren ragenden Zinnen auf der kleinen Insel. Bon der See her strich eine scharfe Brise und kühlte die heißen Stirnen und klopfenden Schläfen, die sich der frischen Nächtluft aussetzten. Most und Grog floß in Strömen, und die kleine, gelbe Flamme hinter der Glastür der Schenke zog unzählige Opfer in ihren unheilvollen Bannkreis. Ter Polizeichef hatte heute zwei Schutzleute mehr als gewöhnlich auf Posten gestellt, und sein eigenes, mildes Antlitz ließ sich allerwärts sehen. Diese Form beobachtete er mit der größten Gewissenhaftigkeit. Daß es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, seine bretagnischen Landsleute nach einem Gnadenfest wirklich im Zaum zu halten, sah er ckls gut er Bretagner vollkommen ein. Er war nicht wenig erstaunt, als kurz uach neun Uhr Guenn Rodellec auf ihn zukam und ihn ohne weiteres hastig mit sich aus der Seh- und Hörweite der Menge in den Schatten zog. „Ich warte schon eine ganze Stunde, Monsieur", sagte sie atemlos, „ich muß Sie sprechen, und darf mich dabei nicht sehen lassen." „Nun, was gibt es denn, Guenn?" „Ich weiß, daß etwas im Werk ist; Sie müssen es verhindern, dürfen aber weder nach den Tätern forschen, noch sie festnehmen." „Tas ist ja aber gesetzwidrig!" „Einerlei — so und nicht anders müssen Sie handeln", erwiderte sie kurz, „Sie dürfen nicht mehr und nicht weniger tun." „Aber, so erkläre mir nur, wovon die Rede ist!" „Ich werde Ihnen nichts erklären, bis ich Ihr Versprechen habe." Sie stemmte die Hände auf die Hüsten und saü ihn trotzig an. Er zögerte noch. „Ist es wirklich etwas Schlimmes?" „Ja, etwas sehr Gottloses." „Vielleicht komme ich auch ohne Dich dahinter." „Unmöglich! Ich kenne mich besser im Dorfe aus tote Sie." „Und warum kannst Du mir's nicht gleich sagend Sie zuckte die Achseln, dann faßte sie dringender feines Arm. „Vertrauen Sie mir, Monsieur, ich weiß, was M rede. Geben Sie mir Ihr Wort, und ich sage Ihnen alles." „Aber ich würde mich ja zum Mitschuldigen des Verbrechens machen!" meinte der junge Mann unschlüssig. „Ach was! Die Leute sind genau so schlecht, ob sie dies Tat vollbringen oder nicht. Wenn sie die Absicht haben, eine Schänduchkeit zu begehen, so ist das gerade so gut, als hätten sie's schon getan. Jene Männer werden Sie nrcht bessern, aber Sie können doch das Unheil von andern abwenden. Wollen Sie oder wollen Sie nicht? Wenn Sie nicht ■ etnroirrigen, wende ich mich an jemand anders." Er begann zu ahnen, wer wohl einer der Uebeltäter sein mochte. „Könntest Du die ganze Sache nicht selbst, verhindern?" fragte er vorsichtig. „Doch ja — ich könnte es schon" — erwiderte sie düster; „aber das nächste Mal, wenn wieder ein Unheil im Werke wäre, möchte es schlimm ablausen." Sie tat ihm sehr leid. Ihre Stimme klang so traurig und gedrückt; und den Tag über, beim Feste hatte sie so schön und glücklich ausgesehen, hatte so entzückend getanzt. „Es ist fteilich gegen alle Ordnung, aber da Du, Guenn Rodellec, mich darum bittest, will ich es tun. Ich vertraue Dir und gebe Dir mein Versprechen." Sie drückte ihm warm die Hand. „Gut, so hören Sier Heute nacht werden zwei Männer versuchen, Marots Speicher in Brand zu stecken. Sie werden dort eine Lunte anzünden, dann zum Ufer laufen, wo ein Boot auf sie wartet, werden um die Landspitze herumfahren, wieder landen und sich ganz harmlos und unbefangen zu ihren Kameraden gesellen. Bevor das Feuer ausbricht, liegen sie längst im Bette. Tie Lunte brennt gerade eine Stunde. Sie hätten also nichts zu tun, als sie auszulöschen. Damit wäre die ganze Sache abgetan." „Jawohl, und um wieviel Uhr soll dies alles vor sich gehen?" „Die zwei Männer werden kurz vor Mitternacht zum Speicher kommen." „Ich werde selbst am Platze sein und sie beobachten." „Bewahre", rief das Mädchen hastig, „das werden Sie nicht tun. Sie haben cs ja versprochen. Sie müssen Ihnen Zeit lassen, sich zu eutferneu, damit Sie niemand sehen und erkennen. Erst wenn die Männer weg sind, dürfen Sie kommen. Die Sache hat keine Gefahr, nun Sie darum wissen. Sie haben Zeit die Hülle und Fülle!" Er schüttelte zweifelnd den Kopf. „Aber sehen Sie denn nicht ein, daß ich nicht anders handeln kann? Ich kann ja nicht, nein, nein, ich kann nicht!" ries sie verzweifelt, alle Vorsicht außer acht lassend. „Nur ruhig, Guenn, nur ruhig! Ich will ja Deinem Wunsche nachkommen. Weiß niemand außer Dir und den Männern darum?" „Nur noch mein Bruder." „Es wäre freilich ein gefährlicher Platz für ein Feuer -4 628 die alten, morschen Häuser, die Werkstatt des Stellmachers, die Pferde mit alle dem Vorrat an Heu und Stroh und oben die Frau mit den kleinen Kindern." „Und die schönen, schönen Gemälde, an denen man so unzählige kleine Striche machen muß und die man so lieb gewinnt! Ach tote furchtbar wäre das!" rief sie schmerzlich die Hände ringend. „Richtig, Monsieur Hamors Bilder, die hatte ich ganz vergessen. Gut, ich will sehen, daß nichts zu Schaden kommt. Es ist wirklich ein Glück, daß es entdeckt hast, denn heute wäre wohl kaum eine hilfsbereite Hand zum Löschen auszutreiben. Du bist ein gutes Kind, Guenn!" „Darauf kommt's jetzt nicht an", versetzte sie gleich?- tziltig. „Nun, und Du — wirst Du auch wach bleiben?" „Ich werde daheim im Bette liegen, wie alle braven Leute, die nichts davon wissen", erwiderte sie mit schlauem Blick. Er sah ein, daß ihr daran lag, zu Hause zu sein, um keinen Verdacht zu erregen. „Es war das einzig Richtige, zu mir zu kommen", meinte er lobend. „Du bist doch immer klug und überlegt. Gute Nacht, Guenn!" „Gute Nacht, Monsieur!" Noch einmal kam sie zurückgesprungen. „Monsieur", flüsterte sie eifrig, „wenn Sie alle Spuren der Lunte vernichten und gegen niemand etwas davon verlauten lassen, so wäre das der sicherste Weg, sie an einer Wiederholung zu verhindern." „Wieso?" „Weil er dann — ich meine die Männer — glauben werden, daß Morots Geist über dem Ort wacht", — sie bekreuzte sich hastig, um ihre Ehrfurcht vor den Ueberirdischen zu bezeugen. Hoffentlich beging sie keine allzugroße Sünde, wenn sie bei dieser Angelegenheit sich ihren Einfluß zu Nutze machte. „Da hast Du recht, Guenn, daran habe ich noch gar nicht gedacht." Sie zuckte die Achseln. „Die Männer denken überhaupt nie an's Notwendigste; tun Sie nur jetzt genau, was ich Ihnen gesagt habe." „Gewiß, gewiß", erwiderte der Polizeiches willfährig. So schnell sie konnte, eilte sie über den Dorfplatz, bis zu der großen Glastür, hinter welcher das gelbe Licht so verlockend schimmerte; dort traf sie Nannic, der auf der Schwelle zusammengekauert saß. Beim Herannahen seiner Schwester öffnete er die Augen. Sie nickte bedeutungsvoll uno fragte, einen ängstlichen Blick auf die Tür werfend: „Kannst Du jetzt mit mir gehen?" „Ich soll auf ihn warten. Er fürchtet sich vor mir, weil er glaubt, ich habe etwas gehört. Er fürchtet, ich möchte ihn anzeigen. Als ob ich je etwas anzeigte! Darum hat er mich den ganzen Tag über nicht von der Seite gelassen. Als ob ich ihm etwas anhaben könnte! So ein armer kleiner Krüppel wie ich!" In Nannies schlauer Miene lag eine Welt von bitterem Hohn und Triumph. „Nun denn, so werde ich gehen, ich wollte, Du könntest Mitkommen!" In aufwallender Zärtlichkeit setzte sie hinzu: „Du bist stets ein lieber, guter Junge gewesen, Nannte, der beste Bruder, den jemals eine Schwester gehabt hat, aber was Du heute für mich getan — ich — ich —" Verlegen zupfte sie an ihrer Schürze, ihr bleiches, übermüdetes Gesicht begann sich zu röten. Die kecke Guenn stammelte, zitterte und fand keine Worte. „Geh Du nur heim", murmelte Nannic mit halbgeschlossenen Augen. „Ihr Mädchen seid törichte Dinger, eine wie die andere. Guenn vermied ech quer über den geräuschvollen Platz zu gehen, und schlich sich im Dunkeln am Ufer so eilig als möglich davon. Die Fenster eines oberen Zimmers im Grand Hotel, wo die drei Maler mit einen: Freunde Whist zu spielen pflegten, waren erleuchtet, sie stand einen Augenblick still und blickte hinauf. Sie hatte sie auch heute abend zu früher Stunde hineingehen sehen, und als jetzt ein dunkler Schatten hinter dem Vorhang sichtbar wurde, hoffte sie, es sei Hamor, und machte sich durch diesen Gedanken beglückt aus den Heimweg, Alle ihre Sinne waren geschärft und erregt wie nie zuvor. Ihr war, als höre sie Gras und Kräuter wachsen und die Bäume sich strecken und dehnen. Nebelhafte Gestalten schienen vor und neben ihr aus dem Booen zu steigen. Mechanisch bekreuzte sie sich und setzte ihren Weg nnverraat und ungehindert fort- So fest sie an das Vorhandensein einer übernatürlichen Welt glaubte, so wenig fürchtete sie dabei für ihre eigene Person. „Ich störe sie nie in ihrer Ruhe. Warum sollen sie mir übel wollen?" dachte sie bei sich erreichte bald ihr dunkles Haus und schlüpfte ins Bett. Ihr Gehirn brannte, ihr Körper schien nirgends einen Stützpunkt ftnden zu können. Ihr war, als ob das Bett, das Zimmer, ja die ganze Hütte in bodenlose Abgründe versinken wolle. ,,(£r sagte mir noch ich müsse essen. Vielleicht sehe ich dann morgen hübscher aus." Mühsam erhob sie sich, trank etwas Milch und aß ein paar fcit Srot. Als ihr Vater und Nannic heimkehrten, sah Rodellec jte anscheinend im tiefsten Schlafe liegen, sie zuckte nicht einmal mit den Wimpern, als er argwöhnisch das Licht der Kerze auf sie fallen ließ. Sobald er aber fort war, öffnete sie die Augen wieder und starrte noch stundenlang ins Dunkle; es war immer dasselbe Bild, das sich,vor ihren geisttgen Blicken entrollte: Die Menge zu Nevin um sie her, und Hamors Gesicht, unter allen das einzige, das sich von ihr abwandte. „Wenn er mich nur noch einmal anschauen wollte, dann könnte ich gewiß einschlafen, und ich muß schlafen, denn ich soll morgen hübsch aussehen. Warum kann ich aber auch mcht zur Ruhe kommen, da ich doch weiß, daß die herrlichen Bilder gerettet sind? Er liebt sie so von ganzem Herzen und arbeitet so fleißig daran." Hier hielt sie sich krampfhaft an der alten eichenen Bettlade fest, um sich vor dem Fallen, dem Versinken zu bewahren. In dieser Nacht ereignete sich in Plouvenec nichts Schlimmes. Gegen Mitternacht landeten zwei Männer geräuschlos am Strande, nicht weit von Morots Speicher, schlichen behutsam über den Grasplatz, bückten sich- flüsterten eine Weile zusammen und kehrten nach ein paar Minuten eilig dahin zurück, woher sie gekommen waren. Als das leichte Plätschern ihrer Ruder verklungen war, kam ein kleiner Mann, der sich bis dahin hinter einem benachbarten Hause verborgen gehalten und gewissenhaft vermieden hatte, das Inkognito der beiden zu durchdringen, schnell aus seinem! Versteck hervor, ging aus das Gebüsch zu und trat mit dem Fuße einen einzigen kleinen Feuersunken aus, der im Grase flimmerte. „Die hübsche, kleine Guenn", sprach er dabei lächelnd zu sich selbst. „Sie ist wirklich ein gutes Kind, jetzt wird sie ja wohl mit mir zufrieden sein. Seltsamer Weise ist auch mir wohler zu Mute, als wenn ich den alten Rodellec und Loic Nives hätte einsperren müssen. Denn natürlich ist Loic Nives der andere. Das kluge, kleine Ding! Leider scheint sie keine besonders hohe Meinung von mir zu haben." Der Polizeichef seufzte und dachte auf dem Heimweg an Guenns schöne, strahlende Augen. 16. Kapitel. Des morgens arbeitete Hamor jetzt regelmäßig auf einem alten Strandboot, das Guenn geschickt in die Nähe der Fähre gebracht hatte. Er begann damit von hier aus die Wälle, die Festungswerke, den steinernen Torweg und die Felsen aufzunehmen; daheim int Atelier entwarf er dann zahlreiche Skizzen von Guenn, wie sie das große Ruder handhabte; erst nachdem wohl ein halbes Dutzend größerer und kleinerer Entwürfe entstanden waren, meint« er die rechte Auffassung gefunden zu haben. Es herrschte ein stillschweigendes Uebereinkommen, daß ihn sein kleines Gefolge überall hin begleitete. Jeanne, wie immer mit ihrem Strickzeug bewaffnet, nichts ahnend von dem, was sich in ihrer Nähe entwickelte; Nannic, stundenlang schweigend vor sich^ hinbrütend, mit undurchdringlicher spöttischer Miene alles beobachtend, einen eigentümlichen, erwartungsvollen Ausdruck in seinen bleichen Zügen. Die Leute, die den Tag über mit der Führe kamen und gingen, sahen nur den eifrig beschäftigten Maler von einem Boot aus zeichnen, das w einiger Entfernung draußen ankerte und in dem ein junges Mädchen stand, mit dem Ruder kräftig gegen die Strömung ankämpfend, außerdem zwei Kinder am Steuer. Das fiel niemand aus. Die Maler waren ja alle ganz versessen aus das alte graue Gemäuer, obwohl, nach der Meinung der Bauern und Seeleute, die Plou- venecer Kirche mit den neuen, frisch geweißten Wanden weit schöner anzusehen war. Jeder wäre jedoch mit Hamors Wahl einverstanden gewesen, der gewußt hätte, daß Guenn Rodellec, das Kleinod des Dorfes, dazu erkoren war, dem Bilde erst warmes Leben zu verleihen, wie die Sonne den kalten Steinen der Festung. 621 Gefallen und gerade das hygienische Institut von Behring hat sich hier eingenistet und Altes zu Fall gebracht. In neuen, von Licht und Lust durchfluteten Räumen tritt ver- die in Hier stoßen wir auch! au1 Gebäude für Hygiene, MS Härnor, nach! langen Vorfluoien, zu einem endgil- tigen Entschluß in betreff seines Werkes gelangt war, betrieb er die Arbeit auf dem schwimmenden Atelier mit Feuereifer. Die Mädchen fanden ihn umgänglich und mitteilsam, und in Raumes hochstrebendem Herzen schien der Geist der alten bretonischen Barden wieder zu erwachen: „Wäre ich am Kap Raz daheim — wollt' ich führen etn Boot — mit Seelen — Seelen — Seelen", fang er feierlich. „Das wäre kein schweres Geschäft, Nannte; Seelen smd wohl eine leichte Frucht." „O nein, Monsieur, das sind ste nicht!" rtef Guenn ctftin „Nun, ich weiß über sie freilich; nicht sonderlich Bescheid", versetzte er lächelnd. (Fortsetzung folgt.) erreicht durch die Verbindung zweier Methoden, der Kälteeinwirkung und des luftleeren Raumes, und ihm dienen alle die zahlreichen Apparate und Einrichtungen, die wir hier vertreten finden. Da nimmt uns zuerst eine große Maschinenhalle auf, deren Gasmotoren und Dynamos all die Kräfte erzeugen, die für die vielverschlungenen Prozesse der Bazillenbearbeitung von nölen sind. Hier ist eine Vacnumpumpe in Bewegung, mit deren Hilfe die Kulturen eingetrocknet werden, dort sieht man Schüttelapparate zur Bereitung von Emulsionen, dort wieder andere zur Herstellung von Preßsaft aus Bazillenmassen, ja man mahlt sogar die schon so überaus feinen Bazillen, um die Gifte tm Innern ihres Leibes kennen zu lernen. Die scharf getrockneten Tuberkelbazillen können durch etwa acht Tage lang fortgesetztes Mahlen in schnell rotierenden Kugelmühlen derartig zerkleinert werden, daß man mikroskopisch nur noch sehr vereinzelte unversehrte Bazillen nachzu- weisen vermag. Auch eine Eismaschine ist in dem Laboratorium vorhanden, die zeitweise dazu gedient hat, durch öfteres Gefrieren- und wieder Auftauenlassen von Tuberkelbazillen deren Hüllen zu sprengen und auf diese Weise den Inhalt der Bazillen der Untersuchung zugänglich zu machen. Ersetzt soll diese letztere Methode durch einen eben im Entstehen begriffenen Kühlraum werden, dessen Anlage eine stets gleiche Temperatur von Minus 10 Grad gewährleisten soll. Daneben schwirren Zentrifugen, in denen der flüssige Inhalt der Bouillonkulturen von den festen Teilen abgesondert wird, kurzum ein vielgestaltiges Bild technischer Arbeitsleistung, wie es auf bakteriologischem Gebiete wohl einzig bisher dasteht. Welch ein Gegensatz zwischen dem Material und den hier weilenden Kräften: Völlig unsichtbare Zellenleiber, in dem großartigen Ausbau der Natur die kleinsten Lebewesen, die nur tausendfache Vergrößerungen dem menschlichen Auge widerspiegeln können, werden in solchen ungeheuren Mengen an dieser Stätte aufgehäuft, daß sie Maschinen von großer Ausdehnung zu füllen vermögen, und daß man mit ihnen operieren kann, wie mit Substanzen von normaler, faß- und sichtbarer Beschaffenheit. Sind doch im Behringschen Institut allein zu Bouillonkulturen mehr als 200 000 Liter verarbeitet worden und von Stufe zu Stufe hat sich ihre Wesenheit und Form geändert, bis aus dem verderbenbringenden Stäbchen, dem Bazillus, eine schier tote Masse, ein Mehlstäubchen, geworden ist. Fürwahr, schon der technische Verwandlungsprozeß, den diese Zellenleiber durchlaufen, bis sie an die letzte Stufe ihres Seins angelangt iinh ift Pin Meisterwerk fdiarffinniaer Ueberlegnng. Er sind, ist ein Meisterwerk scharfsinniger Ueberlegnng. beginnt mit der Züchtung von Bakterien auf den schiedensten Nährböden, auf erstarrtem Blutserum, auf Kartoffeln, auf Glyzerin-Fleischextrakt-Bouillon, und vielen andern mehr, und eine eigene Küche beansprucht allein die Herstellung dieser Nährböden. Die mit Kulturen versehenen und mit sterilisierten Wattepfröpfchen reinlichst verschlossenen Glaskölbchen kommen sodann in einen besonderen Brutraum und werden, nachdem sie sich hier zur vollen Reife entwickelt, je nacki dem zu erstrebenden Endergebnis einer der oben genannten Verarbeitungsmethoden unterworfen. Das Schloßlaboratorium, dessen Altane und Fenster überall die lieblichsten Ausblicke auf die Hänge des Vogelsberges, auf das grünende Lahntal und auf der Ferne her vor tauch end en Bergesrücken des Taunus öffnen, gehört entschieden zu dem interessantesten, was moderne Wissenschast in Vereinigung mit vollkommenster Technik hervorgebrawt hat, und drückt in seiner Ge- famtanlage wie in jeder einzelnen Anordnung das zielbewußte Walten eines erfinderischen Geistes ans. Um das Laboratorium herum ziehen sich Tierställe mit eiugefriede- ten Weideplätzen. Dort tummeln sich Pferde, Rinder, Ziegen, an denen die hauptsächlichsten Versuche angestellt werden und neben ihnen sind Meerschweinchen, Mau,e, Kaninchen und anderes kleines Getiersel in Scharen unter» gebracht. Diese letzteren dienen nur Vorversuchen, die Hauptarbeiten erstrecken sich auf das Großvieh. Bei ihm hat ja auch Behring vorderhand seine glänzendsten Triumphe gefeiert, indem es ihm bekanntlich gelungen ist, Rinder gegen Tuberkulose immun zu machen, eine Frage, die nicht nur in landwirtschaftlicher Hinsicht von höchster Wichtigkeit ist, sondern die aud) im Hinblick auf den Milchverzehr des Menschen von einschneidendster Bedeutung ist. Seitdem im Jahre 1882 Robert Koch den Tuberkelbazillus nach langen Versuchen und Mühen entdeckt und In neuen, —.,------- in Marburg der Student der Medizin seinen Lehrgang an und in technisch-glänzender Vervollkommnung repräsentiert sich bei flüchtigem Durchschreiten Institut aus Institut. Hier stoßen wir auch auf das der Universität angeschlosfene Gebäude für Hygiene, das die erste Wirkungsstätte Behrings bei seiner Berufung nach Marburg bildete, heute jedoch fast ausschließlich Unterrichtszwecken dient und in Prof. Bornhosf einen Setter und Lehrer erhalten hat. Nur einige Ställe für Versuchstiere und ein sich daran schließender Raum für Tierversuche deuten auf die großen Probleme hin, die der Forscher Behring sich gestellt, alles übrige aber gehört dem Unterricht und ift- völlig getrennt von den Arbeitsstätten und dem Wirken des letzteren. Das Institut für experimentelle Therapie, wie Behring sein Arbeitsfeld nennt, beherrscht schon äußer- -lich Stadt und Universität. Auf dem Berggelände am Dam- Mels- und Schloßberg in unmittelbarer Nähe des Schlosses e liegen Laboratorien und Versuchsräume, Ställe und eplätze, liegt das ganze, nahezu 20 Hektar umfassende Gelänoe, das mit tatkräftigster Unterstützung der Höchster Farbwerke Behring seit dem Jähre 1896 zur Verfügung steht. Der experimentelle Forscher der Neuzeit begnügt sich nicht mehr mit Wagen und Retorten, mit Mikroskop und Kamera: Das Getriebe einer ganzen Fabrik ist notwendig, um den wesentlichen Grundsatz der Behringschen Arbeitsleistung zur Durchführung zu bringen, nämlich große Volumina von Bakterienkulturen in außevordentlich Heine umzuwandeln, um auf diese Weise einmal die wichtigsten und für Jmmnnisiernngszwecke allein in Betracht kommenden Substanzen zu ifolieren und um weiterhin den so gewonnenen Impfstoff in denkbar einfachster und haltbarster Form verschicken zu können. Dieser Zweck wird Jas Ueyriug'sche Institut in Warburg. Ten Höhepunkt des Naturforschertages bildete Behrings Vortrag über Tuberkulosebekämpfung. Tie neuen Wege, die Behring der Forschung weist und die vor allem eine ent)gütige Absage an Robert Kochs These bedeuten, daß die vom Rinde herrührenden Tuberkelbazillen nichts zu tun hätten mit den Tuberkelbazillen, die von menschlicher Lungenschwindsucht herrühren, sie an Ort und Stelle ihres Entstehens und ihrer wissenschaftlichen Begründung zu studieren. Bot einen eigenen Reiz für alle, die den an den Naturforschertag sich anschließenden Besuch Marburgs und seiner Institute mitmachten. Die kleine Universitätsstadt an der Lahn hat ihr Aussehen in den letzten Jahrzehnten wesentlich verändert; zwar gruppieren sich noch Häuser und Straßen der Altstadt um die hochragenden Türme der Elisabethkirche, zwar thront noch hoch droben auf dem Schloßberg die alte Burg der thüringischen Landgrafen und gewährt von ihrem Söller eine entzückende Rundsicht Über das Lahn- und Marbachtal, allein der Romantik Zauber, der noch bis vor kurzer Zeit ungeschmälert ausgebreitet lag, ist verflochten mit modernen Schöpfungen, Neues ist erstanden allenthalben, im Tal wie auf den Bergeskuppen und drückt dem zeitgenössischen Marburg den Stempel kulturellen Fortschreitens auf. Da begrüßt den Eintretenden ein ganzer, wie aus der Erde gestampfter Stadtteil von wissenschaftlichen Instituten, die Mauer an Mauer gefügt alle Disziplinen der Naturwissenschaften umfassen. Da ist selbst die Umgebung des ehrwürdigen Deutschordensgebäudes dem Zahn der Zeit zum Opfer 628 nachgewiesen hatte, daß er der alleinige Errege« der Lungenschwindsucht sei, hat die Forschung nicht geruht, die Schlupfwinkel und Wege dieses Parasiten bis zu seinem Eindringen in den menschlichen Organismus aufzudecken. Und das geschah nach zwei Richtungen hin, einmal, indem man die schon seit langem bekannte Rindertuberkulose, die Perlsucht, in ihren Beziehungen zur Meuschen- tuberkulose einem eingehenden Studium unterzog und weiterhin, indem man die biologischen Prozesse, unter denen der Tuberkelbazillus sich vermehrte, fortpflanzte und schließlich sein Zerstörungswerk im Körper des Menschen begann, zu erkennen suchte. Der erste Weg führte bekanntlich zu der Erkenntnis, daß durch gewisse Nahrungsmittel, vor allem durcy die Milch, in zweiter Reihe durch Butter, Fleisch usw., die von perlsüchtigen Tieren stammen, Tuberkiilose übertragen werden könne und weiterhin zu dem wissenschaftlichen Verbot des Genusses unabgekochter und dadurch eventuell keimhaltiger Milch. Da kam der Londoner Kongreß vom Jahre 1901 und mit ihm die Aufsehen erregenden Mitteilungen Kochs, daß eine Art- Verschiedenheit zwischen den vom Menschen und den vom Rinde herstammenven Tuberkelbazillen bestände, und daß die Rindertuberkelbazillen für den Menschen unschädlich seien. Diese Behauptungen wären geeignet gewesen, alle unsere bisherigen Auffassungen vom Wesen und der Verbreitung der Tuberkulose über den Haufen zu werfen, wenn sie volle Beweiskraft gehabt hätten. Allein, hatten sich schon sofort nach den Kochschen Mitteilungen gewichtige Stimmen erhoben, die die Schlüsse des berühmten Forschers anzweifelten, und waren ttt der Folge der Zeit durch eingehende Nachprüfungen diese ersten Einwände wissenschaftlich erhärtet worden, so gebührt Behring das Verdienst, durch seine neuesten Untersuchungen wohl end- giltig die Kochschen Thesen widerlegt zu haben. Er stellte sich nun die Aufgabe, vor allem ein Serum zu finden, das das Vieh gegen Tuberkulose immun macht, und fand dies auf der Grundlage des von Koch seinerzeit angegebenen Tuberkulins. Während aber dies letztere ein Präparat darstellt, das keine lebensfähigen Bazillen mehr enthält, sondern nur ein im Wasser lösliches Tuberkulose gift ist, das aus den Bazillenleibern in die Kulturflüssigkeit übergeht, ist der Behrinasche Impfstoff mit lebenden Tuberkelbazillen, wenn auch in äußerst geringer Menge, imprägniert und verdankt nacb seinen Untersuchungen diesem Umstande allein seine antituberkulöse Wirkung. Behring ist mit diesem Gedankengang und seiner praktischen Verwirklichung dem alten Jennerschen Grundsatz der Pockenschutzimpfung wieder nahe getreten. Man hat in früheren Zeiten, vor der Entdeckung Jenners, bei Menschen eine Schutzimpfung gegen Pocken gelegentlich ausgeübt, indem man Gesunde mit Ansteckungsstoss impfte, den man pockenkranken Menschen entnahm. Das Verfahren war nicht ungefährlich, es setzte Gesundheit und Leben des Geimpften aufs Spiel. Das Pockengift wird aber abgeschwächt, wenn es den Körper eines Rindes passiert hat, meit seiner Hilfe kann man alsdann, lote Jenner es tat, ohne nennenswerte Gefahr für das schützende Individuum den Pockenschutz Herstellen. Ebenso kann man Rinder nut Tuberkelbazillen verschiedener Herkunft gegen Tuberkulose immun machen, und dies ist Behring nach jahrelangen Versuchen endgiltig gelungen. Die Verwertung dieser Methode in der landwirtschaftlichen Praxis schreitet in stetig zunehmendem Umfange fort. Wenn man bedenkt, daß nach den in den verschiedensten ■ Ländern angestellten genauen Prüfungen und statistischen Erhebungen in Stallungen mit mehr als 50 Rindern durchschnittlich 60 Prozent tuberkulös sind, so ist damit die ungeheure Bedeutung einer rationellen und zuverlässigen Jmmunisierungsmethode gekennzeichnet. Aber die Rindertuberkulosebekämpfung ist ja nur eine Etappe auf dem Wege gegen die Menschentuberkulose, und dieses Ziel schwebte Behring von Anbeginn feiner Tätigkeit an als erhabenstes vor! Und auch hier sind wir durch ihn um ein gut Stück vorwärts gedrungen und scheinen dem Augenblicke nicht mehr allzu fern zu sein, wo wir Waffen zum Schutz und Trutz gegen diese verderblichste alle« Seuchen erhalten. (Köln. Ztg.) Vermischte». * Wie ein Philosoph vor Gericht aussagt. Aus Wien berichtet das dortige „Extrablatt": Der Einspännerkutscher Tröstler war vor dem Bezirksgerichte Josef- stadt wegen Gefährdung der körperlichen Sicherheit angeklagt, weil er in der Währingerstraße an eine „Elektrische" angefahren war. Der damalige Fahrgast des Angeklagten, der Professor der praktischen Philosophie an der Wiener Universität, Hoftat Dr. Laurenz Müllner, wurde als Zeuge vernommen und erklärte: „Ich kann meine Aussage nur unter dem Vorbehalt der subjektiven Richtigkeit machen, da ich der Ansicht bin, daß niemand in der Lage ist, einen Vorgang, der sich unvermutet vor ihm abspielt, nach Ab- lauf einiger Zeit mit Sicherheit objektiv richtig darzustellen. Es tritt da eine Reihe psychischer Unterströmungen auf, die es bewirkt, daß nur innerliche Gedankenbilder, logische Schlüsse und subjektive Empfindungen mit dem wirklich Erlebten zu einem neuen Bilde vermengt werden, das dem Vorgänge objektiv keineswegs genau entspricht. Ich kann daher nur angeben, daß vor dem Pferde des Einspänners ein Radfahrer fuhr, daß der Einspänner diesem ausweichen wollte und dabei mit der entgegenkommenden Tramway kollidierte. Ich selbst habe die Kollision vorausgesehen und bereits versucht, die Stoßwirkung abzuschwächen und mein Verhalten so einzurichten, daß ich nicht verletzt werde. Ich hatte den Eindruck, daß der Kutscher rm Tn- lemma, einen Menschen zu überfahren oder an die Tramway zu streifen, von zwei liebeln das geringere gewählt habe." Der Richter sprach aus Grund dieser Aussage den frei. *'®ie Eheschließungen als sozialer Gradmesser. Es ist bewiesen, daß, sobald die Eheschließungen abnehmen, dies ein Zeichen dafür ist, daß die wirtschaftliche Lage sich zu verschlechtern anfängt. In keinem Jahre in der letzten Zeit ist der Prozentsatz der Eheschließungen in Berlin so gering gewesen, wie im vergangenen. Bei einer Bevölkerung von 1903 808 Seelen fanden, tote die „Nation alztg." schreibt, nur 19138 Eheschließungen statt, das sind 20,11 pro Mille der unverheirateten Frauen über 15 Jahre. Im Jahre 1901 betrug der Prozentsatz noch 20,99 und im Jahre 1900 22,26. Seit 1891 wurde der höchste Prozentsatz im Jahre 1897 erreicht, nämlich 22,30 Es heirateten damals bei einer Bevölkerung von 1 733 525 Personen 19 580. Der Monat, in dem die meisten Ehen geschlossen werden, ist der Oktober. Es war ttt diesem Monat die Zahl der Heiratenden tnt Verhältnis zur Bevölkerung (1000,0) 3,700, es folgt der Monat April Mit 3,337. Im August scheint wenig Neigung zu Eheschließungen zu sein, es heirateten nur 0,910, es folgt der Januar mit 0,933. Bon den Heiratenden gab es doch immer noch Männer, die unter 20, und Frauen, die unter 15 Zähren waren. Tie Heiratsziffer liegt seit 1771 (in fünfzigjährigen Gruppen) vor: da können wir unsere Damenwelt beruhigen: die Heiratszisfer war auch vor hundert Jahren gering, oft noch viel geringer als 1771 betrug die Ziffer nur 12,73 (auf 1000 Einwohner), stieg dann aber nach den Freiheitskriegen von 1816—20 auf 24,12 und erreichte den Höhepunkt nach dem Kriege von.1871. In den Gründer- jähren 1871—75 betrug die Heiratsziffer 27,02. Es hatte ja jeder damals Geld, um sich einen eigenen Hausstand zu gfründen. Zahlenrätsel. (Nachdruck verboten.) 1232445675 Teil des Heeres. 2 6 7 5 Musikstück. 3 2 4 5 6 7 5 Vorname. 2 4 4 5 6 Deutscher Fluß. 4 2 3 2 vulkanisches Produkt. 4 5 7 5 6 Musikinstrument. 5 6 4 5 Baum. 6 7 3 7 5 6 2 vielbesuchte Gegend. 7 4 12 ungarischer Vorname. 5 3 2 altbiblischer Name. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Ergänzungsrätsels in vor. Nr.r Beil, Ems, List, Wien, Pike Eile mit Weile. Redaktion: Auaust Göd. — Rotationsdruck und Lerlag der Brübl'schen UniversttätS-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gteßen.