schon besser, machten sich aber nicht bezahlt, und zu persönlichen Mitteilungen und den niedrigeren journalisti- scheu Arbeiten könne und wolle ich mich nicht herablassen. Abermals nickte Raffles, und diesmal mit einem Lächeln, das nicht wieder auS seinen Augen verschwand, als er sich mich beobachtend, zurücklehnte. Ich wußte, daß er an andere Dinge dachte, als an die, zu denen ich mich herab- aelassen hatte, und ich glaubte auch zu wissen, was er sagen werde. Das hatte er früher schon oft getan, und er würde es ganz bestimmt wieder sagen. Meine Antwort war bereit, aber er war offenbar müde, dieselbe Frage zu wiederholen. Seine Augenlider sanken herab^ er nahm die Zeitung wieder auf, die er hatte fallen lassen, und ich ruderte an der alten roten Mauer von hampton Court vorbei, als er wieder sprach. „Also hierfür haben sie Dir nichts bezahlt? Mein lieber Bunny, die Verse sind ausgezeichnet, nicht nur als Verse, sondern auch, weil Du es verstanden hast. Deinen Gegenstand in einer so knappen und abgerundeten Form zu behandeln. Jedenfalls hast Du mir mehr darüber mitgeteilt, als icb vorher wußte. Aber ist sie wirklich sünfzigtausend Pfund wert — eine einzige Perle?" „Hunderttausend, glaube ich, aber das paßte mir nicht ins Versmaß." „Hunderttausend Pfund !" sagte Raffles mit geschlossenen Augen. Wieder glaubte ich genau zu wissen, was kommen werde, und wieder hatte ich mich geirrt. „Wenn sie so viel Wert ist", rief er endlich, „wäre sie gar nicht zu Geld zu machen. Mit Diamanten ist es etwas anderes; die kann man teilen. Aber verzeih, Bunny, ich hatte vergessen." Wir sprachen nicht mehr über das Geschenk des Monarchen, denn der Stolz gedeiht am besten bei leeren Taschen, und auch die schwersten Entbehrungen würden mir den Vorschlag nicht entlockt haben, den ich von Raffles gemacht zu sehen wünschte. Meine Erwartung war halb und halb eine Hoffnung gewesen, obgleich ich das erst jetzt fühlte. Aber auch den andern Gegenstand, den Raffles vergessen zu haben behauptete, — meine „Abtrünnigkeit" oder „meinen Rückfall in ein tugendhaftes Leben", wie er es zu nennen beliebte — berührten wir nicht wieder. Wir waren beide etwas wortkarg, ein wenig befangen und ein jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Seit Monaten waren wir uns nicht begegnet, und als ich mich an jenem Sonntag abend um elf Uhr von ihm verabschiedete, bildete ich mir ein, daß wir uns wieder auf einige Monate trennten. Allein während wir auf den Zug warteten, sah ich im Lichte der Bahnhofslaternen, daß mich seine klaren Augen prüfend ansahen, und als sich unsere Blicke kreuzten, schüttelte Raffles den Kopf. „Er- scheint Dir nicht gut zu bekommen, Bunny", sagte er. „Von, Themsetal habe ich nie viel gehalten, und auch Du bedarfst einer Luftveränderung", schloß er, worauf Nr. 43. 1903. M •jl il ii'JpO ß IW""/ MM , (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) VIII. Das Geschenk des Monarchen. Als vor einiger Zeit die Nachricht durch die Presse ^daß ein europäischer Monarch beabsichtige, dem g eines Kannibalen-Eilands eine überaus kostbare Perle zum Geschenk zu machen, erregte dieser Vorfall namentlich in England beträchtliches Aufsehen. Ich führte damals ein bescheidenes, aber nicht unehrliches Schriftstellerdasein, und der Gegenstand, der das Tagesgespräch bildete, begeisterte mich zu einigen satirischen Versen, die eine bessere Aufnahme fanden, als alles, was ich bisher geschrieben hatte. Ich hatte meine Wohnung in der Stadt vermietet und unter dem Vorwand einer selbstlosen Leidenschaft für den Wassersport ein paar billige Zimmer in Thames Ditton genommen. „Ausgezeichnet!" rief Raffles (der es sich natürlich nicht hatte verkneifen können, mich dort zu besuchen), indem er sich im Boote zurücklehnte, während ich ruderte und steuerte. „Dafür hast Du wohl ein ganz niedliches Sümmchen bekommen?" „Nicht einen roten Heller!" „Unsinn, Bunny! Ich glaubte, so etwas würde ganz gut bezahlt. Aber laß den Leuten nur Zeit, dann wirst Du Deinen Scheck schon erhalten." „Nichts werde ich erhalten", antwortete ich verdrießlich. „Ich muß mich in diesem Falle mit der Ehre begnügen, daß meine Sachen angenommen worden sind; das hat mir der Herausgeber ganz unumwunden erklärt", fügte ich hinzu, wobei ich jedoch den bekannten Namen ves Herrn nannte. „Du willst doch nicht sagen, daß Du schon einmal gegen Bezahlung geschrieben hast?" Nein, das sagen zu wollen, war mir nicht im entferntesten eingefallen, aber ich hatte es getan, und nun war es heraus, sodaß wettere Verheimlichung keinen Zweck mehr hatte. Ja, ich hätte für Geld geschrieben, weil ich wirklich welches nötig gehabt hatte, und wenn er es denn einmal wissen müsse, so wolle ich zugeben, daß es mir sehr knapp gehe. Raffles nickte, als ob er das schon wisse, und ich wurde wärmer bei meinen Klagen. Es sei keine Kleinigkeit, den Kopk mit der Schriftstellerei über Wasser zu halten, wenn man keine Uebung habe, und ich schriebe, wie ich fürchtete, weder gut, noch schlecht genug, um Erfolg zu haben. Meine Hauptschwierigkeit sei .ein vergebliches Streben nach Stil; Herse gelängen mir 170 ich den Wunsch äußerte, mir einen verschaffen zu können. „Am besten wäre eine Seereise für Dich." „Und ein Winter in St. Moritz, oder empfiehlst Du Cannes oder Kairo? Das ist alles recht schön und gut, A. I., aber Du vergissest, was ich Dir über meine Fonds gesagt habe." „Nichts vergesse ich; ick» wollte Dir nur nicht wehe tun. Aber eine Seereise sollst Du machen. Auch ich bedarf einer Luftveränderung, und Du sollst mich als mein Gast begleiten. Wir wollen den Juli im Mittelländischen Meere verbringen..." „Aber Du wolltest ja Cricket spielen?" „Ach was, Cricket kann sich meinetwegen hängen lassen." „Ja, wenn ich wüßte, daß Du im Ernst sprächst . . ." „Natürlich spreche ich im Ernst. Willst Du mich begleiten?" „Von Herzen gern — wenn Du gehst." Bei diesen Worten schüttelte ich ihm die Hand und winkte ihm viele Abschiedsgrüße nach, immer in der von jeder Bitterkeit freien Ueberzeugung, daß ich weiter nichts von der Angelegenheit hören werde. Es war ein flüchtiger Gedanke gewesen, weder mehr, noch weniger. Bald aber fing ich an, zu wünschen, es wäre mehr gewesen, denn noch ehe die Woche abgelausen war, empfand ich das sehnlichste Verlangen, England auf immer den Rücken zu kehren. Ich verdiente nichts und mußte von dem Unterschied zwischen der Miete meiner Wohnung und dem Preise leben, zu dem ich sie möbliert für die Dauer der Saison veraftermietet hatte. Wer diese nahte ihrem Ende, und in der Stadt erwarteten mich Gläubiger. War es möglich, vollkommen ehrlich zu leben? So lange ich Geld in der Tasche hatte, bezahlte ich alles bar, und die offene Unehrlichkeit schien mir das weniger unehrenhafte Verfahren zu sein. Von Raffles hörte ick» natürlich nichts weiter. Eine Woche verging und die Hälfte einer zweiten, als ich spät am Mittwoch abend ein Telegramm von ihm in meiner Wohnung vorfand, nachdem ich ihn vergeblich in der Stadt gesucht, und verzweifelt in dem verlassenen Klub gegessen hatte, zu dem ich immer noch gehörte. „Fahr Montag 9,25 Uhr morgens mit Norddeutschen Lloyd Sonderzug", drahtete er. „Erwarte Dich Southampton auf „Sachsen" mit B-illet. Brief folgt." Der Brief kam, ein leichtherziger Brief und doch voll ernster Besorgnisse für mich, meine Gesundheit und meine Aussichten, ein Brief, der im Lichte unserer früheren Beziehungen und im Zwielichte ihres vollständigen Bruches fast rührend war. Er habe zwei Kojen nach Neapel genommen, und unser Ziel sei Capri, die Insel der Lotosesser, wo wir uns zusammen sonnen und „eine Weile vergessen" wollten, kurz, ein reizender Brief. Italien sei mir neu, und er werde den Vorzug haben, mich in seine Schönheiten einzuführen. Es für ein im Sommer unerträgliches Land zu halten, sei der größte Irrtum, den man begehen könne. Nie sei die Bai von Neapel gleich göttlich; und er schrieb von „stillen Feengärten", als ob ihm die Poesie von selbst in die Feder geflossen sei. Um auf die Erde und zur Prosa zurückzukehren, würde ich es vielleicht unpatriotisch von ihm finden, daß er einen deutschen Dampfer gewählt habe, aber aus keiner andern Linie werde man für sein Geld so zuvorkommend behandelt und so ausgezeichnet verpflegt. Dann folgte eine Andeutung, daß noch wichtigere Gründe für seine Wahl bestimmend gewesen seien. Brief und Telegramm kamen von Bremen, und ich schloß aus einigen Wendungen, daß sein Einfluß bei maßgebenden Persönlichkeiten eine wesentliche Herabsetzung des Preises bewirkt habe. Meme Aufregung und Freude könnt ihr euch, vorstellen! Es gelang mir, meine Schulden in Thames Ditton zu bezahlen, aus einem kleinen Zeitungsverleger einen sehr kleinen Scheck und aus meinem Schneider einen neuen Flanellanzug herauszupressen, und ich entsinne mich, daß ich meinen letzten Sovereign anbrach- um für Raffles eine Schachtel Sullivanzigaretten zum Rauchen auf der Reise zu kaufen. Wer als mich an jenem Montag morgen, dem schönsten Morgen eines häßlichen Sommers, der Sonderzug durch den Sonnenschein nach dem Meere trug, da war mein Herz so leicht, als meine Börse. In Southampton erwartete uns ein Tender. Raffles war nicht an Bord, und ich hatte ihn auch gar nicht zu sehen gehofft, bevor wir an der Seite des großen Dampfers lagen, aber auch hier schaute ich vergebens nach ihm aus. Sein Gesicht war nicht unter der Menge, die an der Brüstung land, seine Hand befand sich nicht unter den wenigen, die ankommenden Freunden ihre Grüße zuwinkten. Mit olötzlich schwer gewordenem Herzen stieg ich an Bord. Ich hatte weder ein Billet, noch Geld, um eins zu bezahlen, und wußte nicht einmal die Nummer meiner Koje. Mit einem Gefühl, als ob ich ersticken müsse, rief ich einen Steward an, und fragte ihn, ob ein Mr. Raffles an Bord sei. Dem Himmel sei Dank — er war da! Aber wo? Das wußte der Manu nicht, der offenbar etwas anderes zu tun hatte, und ich mußte auf die Suche gehen. Auf dem Promenadedeck war keine Spur von ihm, auch nicht unten im Salon, und der Rauchsalon war leer, abgesehen von einem kleinen Herrn mit einem roten Schnurrbarte, der nach den Augen in die Höhe gedreht war. Ebensowenig war Raffles in seiner eigenen Kajüte, nach der ich mich verzweifelt durchgefragt hatte, wo mich jedoch sein an den Gepäckstücken stehender Name etwas beruhigte. Warum er sich aber so versteckt hielt, war mir unbegreiflich, und als ich nach Gründen für dieses Verhalten suchte, konnte ich nur unheilverheißende Erklärungen finden. (Fortsetzung folgt.) Der falsche Cylinder. Won Arthur D. Wood. (Tit-Bits.) (Nachdruck verboten.) Mein kurzer Besuch in der russischen Hauptstadt tomc vorüber. Soweit ich es beurteilen konnte, war der Zug nur schwach besetzt. In meinem Abteil befanden sich außer mir nur zwei Personen — eine hübsche, gutgekleidete junge Dame mit weißen Zähnen und großen, dunklen Augen, welche mir gegenüber saß, und ein großer, hagerer Mann mit einem langen, energischen Gesicht. Dieser Herr stieg in Pskov aus, und da niemand seinen Platz einnahm, so hatten die junge Dame und ich das Koupee für uns allein. ... . , Meine Reisemütze über die Augen ziehend, setzte ich mich in die Ecke, um ein Schläfchen zu machen. Ich wußte nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als ein langer schriller Pfiff der Lokomotive mich weckte und ich schläfrig die Augen ein wenig öffnete. Was ich sah, machte jedoch, daß ich sie im nächsten Augenblick ganz weit aufriß. Meine schöne Reisegefährtin, welche mir gegenüber faß, hielt meinen,Zylinder in der Hand, den ich sorgsam auf den Sitz neben mir gestellt hatte, als ich meine Reifemütze auffetzte. Das Mädchen war nicht im geringsten verlegen, ^m Gegenteil, sie lächelte bezaubernd, als sie mein Erstaunen bemerkte, und sagte vollkommen ruhig: „Der Hut fiel vom Sitze, Monsieur Dollemache. Monsieur verzeihen, daß ich so frei war, ihn auszuheben." Mein Erstaunen wuchs noch, als sie mich bei meinem Namen nannte. „Es ist sehr freundlich von Ihnen, sich zu, bemühen", sagte ich- „aber — ich erinnere mich nicht, Sie fe zuvor gesehen zu haben, und dennoch scheinen Sie mich „Nur dem Namen nach Steht nicht Ihr Name auf Ihrer Reisetasche?" , rr „Ach ja, natürlich!" rief ich aus. Da auch meine volle Adresse auf der an der Tasche befestigten Etikette stand, so kannte meine Reisegefährtin, welche augenscheinlich guten Gebrauch von ihren Augen gemacht hatte, höchst wahrscheinlich auch diese. _ t . In Wlua verließ ich das Koupee und begab mich m den Erfrischungsraum. Als ich drei Minuten später wieder auf den Bahnsteig heraustrat, bemerkte ich an etnent Ende desselben eine kleine Menschenansammlung. Als ich mich der Gruppe näherte, war ich überrascht, zu sehen, daß meine Reisegefährtin nicht nur den Mittelpunkt derselben, sondern auch den Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit seitens dreier Polizisten bildete. Augenscheinlich war sie verhaftet worden. Ich hatte keine Zeit, mich mit der sonderbaren Angelegenheit toeiter zu beschäftigen, denn in diesem Augenblicke wurde zum Ein- steigen gerufen. „Was hat sie getan? Wissen Sie es? fragte ich den Schaffner, der die Tür hinter mir, schloß, „Wer weiß? Wahrscheinlich Nihilistin!" war die lakonische Antwort. Dann eilte er weiter. 171 Ich versuchte sie zu beruhigen, doch vergebens. Ich führte dann meine Schwägerin wieder nach Hanse, und die ganze Nacht saßen wir, angstvoll Alberts Rückkehr erwartend. Aber er kam nicht, und die junge Fran wurde säst wahn Jch^hatte rfahren, daß mein Bruder bald nach dem frühstück ins Britische Museum gegangen und gesagt hatte, er würbe zu Tisch zurück sein. Ich stellte demzufolge forschungen im Museum an, wo er als häufiger Besucher wohlbekannt war. Er hatte den ganzen Vormittag wt Lese- Sminer zugebracht und war gegen em Uhr fortgegangen. Ich bemühte mich, seine weiteren Bewegungen zu verfolgen, dock, veraebens. Wohin er gegangen war, als er das Museum verließ, und was aus ihm geworden, blieb ein undurchdrmg- ^^NcMrlich nahmen wir die Hülfe der MM in Anspruch und setzten eine hohe Belohnung für irgend eine,Ausmnst über den Verbleib meines Bruders aus. Die Polizei schien aber ebenso ratlos wie wir selbst. Die langen, trüben Tage wurden zu Wochen, die endlos scheinenden Wochen zu Monaten bis ein ganzes ^ah^ver- war Mein Herz blutete, da ich die furchtvare -Sirr Ln?7ah^ welche die entsetzliche Ungewißheit auf meine I Schwägerin ausübte. Sie war nur noch em Schatten ihres früheren Selbst und hatte kaum noch soviel Mast, um von einem Zimmer ins andere zu gehen. I r$;nec, Tages, etwa fünfzehn Monate nach Alberts ,ckt- samem Verschwinden, meldete mir mein Diener, daß eine SS* Ipr°ch-N wli-Iche. ,D°- Mm° «I d--m- | überreichten Karte war mir unbekannt, da aber die -körte "von äußerster Wichtigkeit" hinzugefügt waren, so lieh ich bie Tnsieur^innern sich meiner nicht, fürchte ich", sagte I s;e Dame auf englisch, doch mit ausgesprochen fremdartigeni Accent als ich ihr einen Stuhl bot. Als ich m ihre schwarzen I Augen blickte und ihr Lächeln sah, glaubte ich, sie schon I Monsieur erinnert sich vielleicht, vor ^wa fünfzehn Monaten mit einer Dame von Petersburg bis Bckua zu- I jammen gereist zu sein?" fügte sie hinzu, ohne meine Aut- | Vor^ fünfzehn Monaten! Ich erinnerte mich der Reife Kein nennenswerter Zwischenfall unterbrach den Rest, meiner Reise nach London. An der Holburn Viadukt Station erwartete mich mein jüngerer Bruder, der früher ein paar Jahre in Rußland gelebt hatte. Er hatte deshalb ein I besonderes Interesse für meinen Besuch in jenem Lande I und war begierig, näheres zu erfahren. I Ich blieb den ganzen nächsten Tag zu Hause und überließ meinem Assistenzarzt den Besuch meiner Patienten. Am zweiten Tage nach meiner Rückkehr wurde ich unter I anderem von einem Geistlichen konsultiert. Sobald er gegangen war, trat meine Haushälterin I ein und benachrichtigte mich, daß das Benehmen meuieS Besuchers ihr „sehr verdächtig" erschienen fei. „Während Anna Ihnen seine Kürte brachte", sagte sie, „ging ich zufällig durch das.Vorzimmer. Ich traute kaum meinen Augen, als ich sah, daß der Mann die Dreistigkeit I besaß, Ihren Hut von dem Ständer zu nehmen." Ich dankte der guten Alten, dachte aber nicht mehr an den Vorfall, bis ich einige Stunden später, als ich ausgehen wollte, bemerkte, daß mein Bruder feinen Hut auf dem Hutständer gelassen hatte. Da mein eigener Hut fehlte, so schloß ich, daß er diesen aus Versehen aufgesetzt hatte. Wir hatten dieselbe Hutgröße, und so war em solcher Irrtum leicht erklärlich. An demselben Abend sprach mein Bruder Albert wieder Bei mir vor. Fast feine ersten Worte waren: „Ich habe vorgestern abend aus Versehen Deinen Hut aufgesetzt." „Ich bemerkte es, aber es tut nichts", erwiderte ich. „Hast Du meinen Hut zurückgebracht?" „Nein. Er ist vollständig ruiniert; Du kannst ihn nicht mehr tragen." „Was hast Du denn damit angestellt?" „Ich? nichts. Ein Halbverrückter schlug ihn mtr gestern vom Kopfe." , „ „Wahrhaftig! Man scheint sich gegen unsere Hüte verschworen zu haben!" rief ich aus. „Wo passierte es?" ,Ln Regent's Park." „In Regent's Park?" „Ja. Es waren sehr wenig Menschen in der Nahe und der Ort schien außergewöhnlich ruhig. Das war mir sehr angenehm, denn ich wünschte über etwas nachzudenken, was ich gelesen hatte. Ich ging in Gedanken dahin, ohne auf den Weg zu achten, bis ich mich an den Zierbrnnnen in der Nähe des Westtores befand. , Ich wurde aus meiner Träumerei durch das Erscheinen zweier Männer aufgestört, welche sehr laut sprachen und wie wahnsinnig gestikulierten. Der eine war in außerordentlich heftiger Erregung. Es war ein untersetzter, stark gebauter Mann mit breiter Brust, langen Armen und etwas kurzen Beinen. Seine dunkle Gesichtsfarbe, seine schwarzen Locken, sein ungepflegter schwarzer Bart kennzeichneten ihn als Südländer. Der andere Mann war größer und sah Ich nahm seine Entschuldigung an, obwohl nicht in allzu liebenswürdiger Weise, wie ich fürchte. Im nächsten Augenblick kam der Akten äter mit meiner Kopfbedeckung — ober vielmehr der Deinigen — herauf, die ein klägliches Aussehen bot. Sie war nicht nur aus der Form geraten, sondern auch naß und schlaff, da sie mit dem Wasser in Berührung gekommen war. Die beiden Männer tauschten einige hastige Worte aus, dann wandte sich der größere von ihnen zu mir und sagte: „Monsieur wird gestatten, daß wir ihn entschädigen." Gleichzeitig überreichte er mir ein Zwcmzigmarkstück. Ich zögerte, doch sie waren hartnäckig und hätten sich nicht abweisen lassen. So gab ich nach. Einige Minuten später trennten wir uns." — — , Ich erzählte meinem Bruder darauf von dem besonderen Interesse, welches mein geistlicher Besucher vom vorigen Tage für den Hut bekundet, den mein Bruder in meinem Vorzimmer zurückgelassen hatte. Es schien ihn zu belustigen und wir machten einige humoristische Bemerkungen über die sonderbaren Abenteuer der beiden Zylinderhute. Dann ließen wir das Thema fallen und sprachen über Politik. Eines Abends, ettoa drei Wochen nach diesem Vorfall, war ich im Begriff, mich zur Ruhe zu begeben, als ich em lautes Klingeln an meiner Tür vernahm. Da alle Dienstboten schon schliefen, so öffnete ich selbst. Meine Schwägerin, Alberts junge Frau, fiel mir fast ohnmächtig in die Arme. i Sie war blaß, atemlos und erregt. „Ist Albert hier?" brachte sie angstvoll hervor. ,'Nein, ich habe ihn seit Dienstag nicht gesehen", versetzte ich, indem ich sie in die Bibliothek führte. „Wo kann er nur sein? Ich hoffe, ihm ist nichts &u- qestoßen", sprach sie, auf einen Stuhl sinkend. „ „Aber wie kommst Du darauf, daß ihm etwas zugestoyen sein "sollte?" fragte ich. . , , Cs ist etwas so außergewöhnliches, daß er einen ganzen Tag ausbleibt, ohne mich durch ein Telegramm oder aus andere Weise zu benachrichtigen, wohin er geht. Auch bleibt I er nie spät aus am Wend, ausgenommen, wenn er bei wie ein Pole oder ein russischer Jude aus. . Ganz in meiner Nähe standen sie still, aber da sie eme 6 mir unbekannte Sprache redeten, so konnte ich ihrer Dis- ! kussiou nicht folgen. Sie waren so lebhaft und schienen so vertteft in ihr Gespräch, daß sie meine Anwesenheit kaum gewahrten. Sie kamen mir schließlich so nahe, daß I ich nur die Hand hätte auszustrecken brauchen, um einen I von ihnen zu berühren. , . , I Ich war im Begriff, weiter zu gehen, als mir plötzlich der Hut vom Kopfe geschlagen wurde und den Abhang hinab ins Wasser rollte. Ter heftig Erregte hatte ihn mit j seinem Spazierstock getroffen, indem er gestikulierte, um seinen Worten größeren Nachdruck zu verleihen. Es folgte ein Schwall Von Worten — vermutlich eine überschwängliche Entschuldigung — von ausdrucksvollen Gesten begleitet. Dann, bevor ich noch Zeit hatte zu sprechen, stürzte er meinem Hut nach, den Abhang hinunter. Der andere pflanzte sich vor mir auf und erging sich in einer Flut von Entschuldigungen in gebrochenem Englisch, von denen ich nichts weiter verstand, als: „Bitte tausendmal um Verzeihung, mein Herr. Mein Freund ist trostlos über den Vorfall. Wenn er so erregt ist, so weiß er leider nicht, was er tut." „Das scheint so", bemerkte ich kalt, denn ich war sehr ärgerlich." „Ich fürchte, mein Freund ist nicht so ganz richtig hier", fuhr der Fremde fort, indem er vielsagend an feine Stirn tippte 172 Auflösung des Tauschrätsels in vor, Nr,r Laute, Laube, Lauge, Laune. S-edaktwn: Curt Mato, — Rotationsdruck und Bertas der BriihI'jckM UniversitätS-Buch- und Cteindruckerei (Pietsch Erbm) in Gieße«, vollkommen. Ja, eS war meine schöne Reisegefährtin, die man verhaftet hatte. v „3a, ich erinnere mich jetzt", entgegnete ich. „Monsieur erinnern sich auch zweifellos, daß ich in Wilna — angehalten — wie nennen Sie es doch? — verhaftet wurde?" fuhr sie fort. „Za, ich erinnere mich auch dessen." „Und Monsieur erinnert sich vielleicht, daß er einschlief, und daß ich seinen Hut in der Hand hielt, als er erwachte?" „Za, ich erinnere mich. Was hat das mit Ihrem Besuch zn tun?" fragte ich ziemlich ungeduldig, denn ihre Ge-i schwätzigkeit begann mir lästig zu werden. „Alles", erwiderte sie. „Jener Vorfall mit dem Hut ist die Ursache gewesen, welche all dies Unglück über Monsieur gebracht hat." „Ich verstehe Sie nicht, Mademoiselle", sagte ich. „Doch wenn Monsieur Geduld haben und meine Erklärung anhören will, so wird er alles verstehen." Ich nickte zustimmend, da ich nicht recht wußte, was ich sagen sollte. „Monsieur denkt ohne Zweifel, daß ich eine Nihilistin bin. Es ist wahr, daß ich ein Mitglied der Verbindung war. Doch ich war es nicht aus freiem Antriebe. Mein Vater zivang mich dazu, als ich noch zu jung war, um zu verstehen, was es bedeutete. Ich war sein Werkzeug, sein blindes, williges Wertzeug zuerst, aber dann — o großer Gott! Wie habe ich gelitten!" Ich war gerührt. Das Gefühl der Abneigung, welches ich zuerst empfunden hatte, schwand. „Doch ich bin nicht gekommen, um von mir zu sprechen, sondern von Monsieurs Bruder", fuhr sie nach kurzer Pause fort, ihre Bewegung bezwingend. „Mein Bruder?" rief ich aus. „Sie wissen etwas von ihm? Großer Gott! Sie wollen doch nicht sagen, daß er Ihrer teuflischen Gesellschaft in die Hände gefallen ist?" „Ja und nein. Ja auf Ihre erste Frage, nein auf Ihre zweite." „Damr um Himmels willen erzählen Sie mir, was Sie wissen." „Monsieurs Bruder befindet sich im St. Peter und Paul- Gefängnis in Petersburg." Ich starrte meine Besucherin in sprachlosem Staunen an. „Mein Bruder in einem russischen Gefängnis ?" fragte ich atemlos. „Sicherlich, Mademoiselle, Sie —" »Ach, nein. Ich irre mich nicht. Hören Sie, dann können Sie selbst urteilen, ob ich mich irre oder nicht. Meine Verhaftung in Vilna, welcher Sie selbst beiwohnten, erfolgte, da ich im Verdacht stand, die Trägerin wichtiger Geheimnisse an die Genossen in Berlin zu sein. In der Tat befanden sich die Papiere in meinem Besitz, als ich Petersburg verließe doch ich hatte eine Art Vorgefühl, daß ich beobachtet würde. Die Folgen fürchtend, steckte ich die Papiere zwischen das seidene Futter Ihres Hutes, während Sie schlummerten. Das erklärt es, daß Sie Ihren Hut in meiner Hand sahen." „Ja, ja. Bitte, fahren Sie fort." „Nun, wie Monsieur weiß, wurde ich in Vilna verhaftet und visitiert, und da man nichts bei mir fand, so wurde ich bald wieder freigelassen. Bei meiner Ankunft in Berlin teilte ich den dortigen Genossen mit, was ich in Vilna getan hätte. Da ich Ihren Namen und Ihre Adresse wußte, so schien uns die Wiedererlangung der Papiere eine leichte Sache, doch hierin irrten wir uns. Es'wurde eine Nachricht an die Freunde in London gesandt, und ein Mitglied unserer Gesellschaft, als Geistlicher verkleidet, stattete Ihnen einen Besuch ab. Während er int Vorzimmer wartete, untersuchte er die Innenseite eines Hutes, der, wie er annahm, Ihnen gehörte. Zu seinem Verdruß fand er dre Papiere nicht in demselben." „Bitte, fahren Sie fort", sagte ich, begierig, den Rest KU erfahren. „Zuerst fürchtete matt, daß Sie die Papiere heraus- genommen und der Polizei ausgeliefert hätten", fuhr sie L?r^--V'®Q^er Würben Sie sorgfältig beobachtet und alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Doch es wurde ein zweiter Versuch gemacht, vorübergehend in den Besitz Ihres Hutes Knielangen, denn da der vermeintliche Pfarrer bei Ihnen überrascht worden war, so glaubten wir, er hätte die Pa- vrere vielleicht übersehen. Diesmal wurde bemerkt, daß dre Jmtralen A. M. T. int Innern des Hutes nicht identisch mit den Jhrrgen seien. Das half uns, das Rätsel zu lösen. Wrr kamen auf den Gedanken, daß eine Verwechsel- ung der Hüte stattgefunden haben müsse. Irgend jemand — zweifellos A. M. T. — hatte Ihren Hut aus Versehen statt des semigen aufgesetzt. Es war nun unsere Sache, herauszufinden, wer A. M. T. sei. Wir erfuhren es bald — es ist nicht nötig zu sage«, auf welche Weise — es war? Ihr Bruder. Der dritte Versuch, die Papiere zu erlangen, war erfolgreich." „Sie sprechen von dem Vorfall in Regents Park?" „Ja. Nun, etwa einen Monat darauf hörten wir von dem Verschwinden Ihres Herrn Bruders. Jlenski, der Gefährte des Mannes, welcher Ihrem Herrn Bruder den Hut vom Kopfe schlug, verschwand an demselben Tage. Obgleich uns das Zusammentreffen auffällig war, dachten wir