1903. Areitag den 20. Wopemöer. jiT »ZU WÄS f ' ö V ■ »E W (Nachdruck verboten.) Ein W ädcken schick sak. Frei nach- dem Englischen von A. Wendt. (Fortsetzung.) „Wie grausam Sie sind!" schluchzte sie. „Grausam zu Ihnen, die Sie mein Herz gebrochen, mein Leben zerstört haben? O, es steht Ihnen gut an, von Grausamkeit zu reden! Die einzige Hoffnung, der einzige Wunsch meines Gebens ist, daß ich Sie nicht wieder sehe." Verzweislungsvoll schrie sie auf, erhob die Hände, wie um einen Schlag abzuwehren; dann ohne ein weiteres Wort ging sie an seiner Seite ins Gewächshaus zurück. Es war noch leer, das'Essen war noch nicht vorüber, sanft tönte die Musik herüber. Kraftlos sank Jane in einen Stuhl. „Lassen Sie mich hier; ich fühle mich nicht wohl." Ohne ein Wort, ohne einen Mick verließ er sie und ohne ein Wort, ohne einen Ruf ließ sie ihn gehen. 5. Kapitel. Ter trübe, graue Oktobermorgen des nächsten Tages dämmerte kaum int Osten, als das Kammermädchen an Janes Tür klopfte mit einem Ausdruck voll Teilnahme, halb voll Furcht im Gesicht und einem Telegramm in der Hand. „Es sind kaum zwei Stunden vergangen, seit sie zu Bett ging, und sie sah so müde aus, sie konnte kaum die Treppe herauskommen; es ist zu dumm, daß ich sie wecken muß. — Miß Gratton, ich glaube, Sie sind garnicht im Bett gewesen!" rief sie aus, als sich die Tür öffnete und Jane mit blassen und trüben, tief eingesunkenen Augen auf der Schwelle stand. „Was tut's! Wir sind so spät heimgekehrt, daß es nicht der Mühe wert war, sich nieder zulegen; ich war zu aufgeregt zum Schlafen. Doch- was wollen Sie von mir, Bessy, was bringen Sie mir da?" „Es ist eilte Depesche an Sie, Miß. Ein Eilbote brachte sie, Sie müßten sie sofort haben." „Eine Depesche an mich?" Jane nahm dieselbe mit zitternden Händen;, Angst und Aufregung hatten sich ihrer bemächtigt, ihre Lippen bebten, und ihre Finger waren kaum im Stande, sie zu öffnen. Mit einem mitleidigen Blick auf ihre junge Herrin hatte sich Bessy zartfühlend abgeweudet und machte sich im Zimmer zu schaffen; plötzlich fühlte sie sich angefatzt und eine fremd klingende Stimme rief sie an. Erstaunt wandte sie sich, Jane stand neben ihr mit einem vor Schmerz fast erstarrten Gesicht. „Lesen Sie, Bessy", rief sie mit heiser flüsternder Stimme, „habe ich recht gelesen? steht hier, daß, wenn ich — aber lesen Sie doch, daß ich begreife, was gemeint ist!" „Hier steht: Wenn Du Robert noch lebend sehen! willst, komm sofort! — Ach!" Sie ließ die Depesche fallen und fing in ihren Armen das mit einer Ohnmacht ringende junge Mädchen auf. „Nein, ich bin nicht krank, ich will nicht ohnmächtig werden. O, Robert, mein Robert! ich komme, ich bin bald bei Dir; Bessy, wollen Sie sehen, ob ich einen Wagen nach der Station haben kann und fragen, wann der erste Zug abgeht?" Mit Hilfe der Jungfer hatte sie begonnen, das kostbare, Kleid, welches sie noch vom Ball anhatte, abzu- streifen, nicht achtend, daß sie die Spitzen daran zerriß; ihr einziger Gedanke war ihr Bruder, die Sorge um ihn drängte alles andere in den Hintergrund. Noch vor einer Stunde hatte sie um den Verlust ihrer Liebe, ihrer künftigen Stellung in der Welt und all der damit verbundenen Herrlichkeiten getrauert, jetzt war das vergessen in der Sorge um den geliebten Bruder. „Ich muß mit dem ersten Zug fahren, es ist nicht nötig, erst Lady Dates zu benachrichtigen, oder Sir Harry zu stören, Bessy, ich kann allein fahren." „Sir Harry ist nicht mitgekommen, Miß, er ist mit Lord Grantley gefahren, wußten Sie das nicht?" „Nein, ich glaubte ihn im zweiten Wagen. Danke, Bessy, ich kann das andere selbst tun, sehen Sie, ob ich gleich abreisen kann." „Ter Zug geht um 8 Uhr 25 Minuten", sagte die Jungfer. „Ich werde Ihnen Frühstück besorgen, Miß, Sie müssen erst etwas genießen, es ist reichlich Zeit dazu." Sie ging, und Jane beendete ihre Toilette allein; dann ließ sie sich müde und abgespannt in einen Sessel sinken, Bessys Rückkehr erwartend. Langsam dämmerte das Tageslicht, ein kalter, heftiger Wind fuhr heulend um das Haus, mit dem welken Laub und in den dürren Bäumen und Sträuchern raschelnd. Jane, fröstelnd und schauernd, hörte es kaum in ihrem Kummer, sie war beinahe sinnlos vor Schmerz. Robert, ihr Bruder, krank, sterbend! Und sie war nicht an seiner Seite! O nein, nicht sterbend! junge Leute sterben nicht so schnell, ohne vorherige Krankheit, da mußte ein Irrtum vorliegen! Sie wußte ja doch nichts von einer Krankheit — oder sollte — Wie ein Blitz kam ihr die Wahrheit — seit vielen Tagen hatte sie keinen Brief von Robert erhalten, und Willy Smiths Briefe hatte sie ungelesen fortgvlcgt; diese hatten ihr sicherlich Mitteilung gemacht, hatten f.e gewiß auf Roberts Krankheit vorbereitet, hatten sie vielleicht als Pflegerin an seine Seite gerufen. Sie Hütte ihn durch Sorgfalt und Pflege der Gesundheit, dem Leben zurückgewinnen können! und nun--sie trat an den Schreibtisch und holte die Briefe. Doch unfähig, dieselben jetzt zu lesen, steckte sie sie in die Tasche für später; dann ging sie ruhelos im Zimmer auf und ab. Später entsann sie siw all der Vorsorge, welche ihr Bessy zeigte, ihrer Bitte, eine Tasse heißen, starken Tee's 690 zu genießen, welche sie gebracht hatte; wie sie versucht hatte, ihn zu trinken, wie sie nicht schlucken konnte, und es war ihr, als müsse sie ersticken. Dann kam die lange Fahrt zur Station; es war so kalt trotz aller Umhüllungen, so traurig, und sie kam sich in dem Wagen so verlassen vor. Dann im Zuge kam das ganze Gefühl ihres Elends über sie, so allein, so verlassen auf dem Wege zu ihrem sterbenden Bruder, ihrem einzigen Freund! Doch keine Träne erleichterte ihr Herz während der langen Fahrt! Ihr schien, als habe sie all ihre Tränen vergossen in der schrecklichen Nacht, vor diesem entsetzlichen Morgen. Es war leicht, über verlorene Liebe zu weinen! für diesen neuen Schmerz, für diese Qual der Selbstvvrwürfe gab es keine Tränen, keine Erleichterung! Auf dem halben Wege erinnerte sie sich der mitgenommenen Briefe, sie nahm sie hervor und las sie nach der Reihenfolge. Es waren eigentlich nur kurze Berichte, sehr unähnlich den Briefen, welche Willy sonst an seine Braut schrieb, die ungewöhnlich lang und voll Zärtlichkeit waren. Der erste K:e, Robert fühle sich nicht wohl, habe sich erkältet fiebere etwas. Er wolle sich ein paar Tage ruhig zu Hause halten, sie solle sich ja nicht ängstigen und beunruhigen. Der zweite war ernster: Robert war nicht besser geworden, wollte aber durchaus nicht, daß Jane benachrichtigt würde; Willy war bei ihm und tat, was in seinen Kräften stand. Der dritte Brief war kurz und sehr eilig geschrieben. Robert war sehr krank, der Fieberanfall war zum Typhus in seiner schlimmsten Form geworden, er wollte Jane nicht zuruckrufen, aber Willy erkannte, wie er sich freuen, wie es ihn beruhigen würde, die Schwester an seiner Seite zu haben. O, welche Vorwürfe sich Jane nun machte, wie sie sich selbst haßte? Wie wenig verdiente sie all die Liebe und Güte, welche der Bruder stets für sie hatte, wie undankbar sie war. Sie hatte so wenig an ihn gedacht, war so ganz mit sich selbst und ihrem Glück beschäftigt gewesen, daß sie nicht einmal seine Briefe vermißt hatte in der letzten Zeit; sie hatte sich nichts gedacht bei seinem Schweigen, sich täglich, stündlich weiter amüsiert, wahrend ihr Bruder, der Treueste, Beste, im Sterben lag. Dicker Nebel lag über der Stadt, als der Zug in den Bahnhof einlief, trübe schimmerten die Laternen durch den Tunst. Jane konnte kaum erwarten, daß der Zug hielt; endlich, endlich! Sie sprang aus dem Wagen und sah mit wilden, verstörten Blicken um sich nach einem bekannten Gesicht. Es war aber keins dort; Willy war nicht gekommen, sie zu empfangen; dies war sicher ein gutes Zeichen. Wenn Robert ihn nicht nötig gehabt hätte, wäre er sicher auf dem Bahnhof gewesen. Ein leiser Hoffnungsstrahl zog in ihr Herz; Robert würde gesund werden, v, nun war sie da, nun wollte sie ihn sorgfältig und unermüdlich pflegen! Nie wieder wollte sie ihn verlassen, nicht einen Tag, nicht eine Stunde! Er mußte ja nun gesund werden, es wär garnrcht anders möglich! Wie lang war doch die Fahrt nach Hause, wie langsam wand sich die Droschke durch den dichten Nebel! Nun hielt sie vor dem bekannten Eckhaus, die rote Laterne brannte zum Zeichen, daß hier ein Arzt wohnt. Jane stieg die Stufen hinauf, die Tür stand offen, sie ging hinein. Tas Gas in der Eingangshalle brannte, ebenso im Wohnzimmer, doch kein Mensch war da, eine unheimliche Stille herrschte ringsum. Wieder besiel die entsetzliche Angst das junge Mädchen und einen Augenblick mußte es niedersitzen, unfähig, ich zu regen. Tann ihren ganzen Mut zusammenraffend, tand sie auf und begann die Treppe zu ersteigen. Als ' ie die erste Etage erreimt hatte, öffnete sich eine Tür, ihres Bruders Stubentür, und Willy trat heraus: er sah überwacht, krank und elend aus und fuhr bei Jiane's Anblick heftig zusammen. „Jane!" rief er, aber felbst in der Ueberraschung klang Ke Stimme leise und gedämpft. „Bist Du endlich ge- men?" fuhr er fort mit einem Ton, in dem er die Bitterkeit nicht ganz unterdrücken konnte. Zu deutlich noch stand der Mick vor seinen Augen, mit welchem der sterbende Freund vergeblich die Schwester gesucht hatte. Nun war alles vorbei, und das weiße, stille Gesicht lag ruhig und friedlich in den Kissen. „Ja, ich bin hier", sagte sie, fast ohnmächtig sich gn das hölzerne Geländer lehnend; „ich wußte nicht" ~ ihre Kraft verließ sie, und mit einem flehenden Blick jn ihren großen Augen sah sie auf ihren Bräutigam. „Jetzt braucht er Dich nicht Mehr", sagte der junge Mann mit einem leisen Schluchzen in seiner Stimme; „Tu kommst zu spät, Jane!" „Zu spät!" wiederholte sie wie im Traum; die Dunkelheit wurde dichter um sie her, nur einzelne leuchtende Funken fuhren hindurch; vor ihren Ohren rauschte es wie ein Wasserfall — und Willy sing die in tiefe Ohnmacht Sinkende in seinen Armen auf. 6. Kapitel. Eine Woche war vergangen, seitdem Robert Gratton zur letzten Ruhestätte geleitet, seit er auf dem entlegenen Friedhof gebettet war. Jane und Willy waren nicht die einzigen Leidtragenden; viele ernste, abgearbeitete Männer erwiesen dem allgemein beliebten jungen Arzt, der so gern sich selbst vergaß, um andern zu helfen, die letzte Ehre; so manche Frau, deren Leben er erhalten, folgte im Zuge. Alle weinten sie, als die feuchte, kalte Erde mit dumpfem Gepolter auf den Sarg des stets hilfsbereiten jungen Mannes fiel; in Mllys Augen standen Tränen, als die Reste des Freundes ins Grab gesenkt wurden; doch Jane vergoß keine. Starr und unbewegt stand sie da, mit dem Ausdruck grenzenloser Verzweiflung in den brennenden Augen. Die Tage vergingen, sie zeigte dieselbe starre Ruhe, dieselbe hoffnungslose Stumpfheit. Da war keine Aehn- lichteit mehr mit der Jane von früher. Sie hatte ihre leichten, amüsanten Bewegungen verloren, selbst das marmorbleiche Antlitz schien ein anderes, nichts erinnerte an das rosige, lieblich lächelnde Gesicht von früher. Nur die Augen sprachen von Leben. Doch war der verlorene, lichtlose, schmerzliche Wick in ihrer Tiefe traurig anzu- sehen. „Jinmer diese starre Verzweiflung!" dachte Willy. „Ein heftiger Tränenausbruch wäre besser als die entsetzliche Gleichgiltigkeit gegen alles, was sie umgibt." Es reMete unaufhörlich, und in dem einfachen, fast ärmlichen Wohnzimmer iah es grau und trübe aus wie außen. Willy ging in dem kleinen Zimmer auf und ab, er schien etwas erregt zu sein; denn in beinahe ungeduldigem Tone sagte er zu der still und traurig dasitzenden Jane: „Ich wünschte wohl. Du ließest Julia oder Mary auf einige Zeit zu Dir Herkommen, da Du Dich so entschieden weigerst, zu uns zu kommen." „Julia oder Mary hier! Sie würden mit ihrem eleganten Wesen und Auftreten, mit ihren Schleppkleidern! wohl wenig passen zu dieser Umgebung." „Was hat bte Umgebung damit zu tun! sie würden sehr gern kommen, sobald Du sie darum bätest. So geht es nicht weiter. Du brauchst die Gesellschaft einer Freundin, die Dich liebt und auf Dich einwirkt. Ich bin darin so ungeschickt und unbehilflich, Jane, ich vermag so wenig über Dich!" „Laß mich, Willy; es gibt keinen Menschen auf der Welt, den ich lieber sähe als Dich", sagte sie freundlich, mit einem schwachen Versuch, zu lächeln. „Er liebte Dich so sehr! o Willy, Du warst gut und lieb zu ihm, während ich —" die Stimme versagte ihr, das erzwungene Lächeln erstarb und alle Farbe wich von ihren Lippen. „Du mußt Dich nicht immer anklagen!" sagte er liebevoll, indem er sich neben sie setzte und ihre kleine^ kalte Hand in die seinige nahm. „Er wollte ja nicht, daß Du wissen solltest, wie krank er war, er fürchtete die Ansteckung für Dich, er war auch so viel bewußtlos, daß er Dich selten vermißte; er war froh, daß er Dich Heuer und glücklich wußte und —" „Nicht weiter!" unterbrach sie ihn mit heiserer Stimme, erinnere mich nicht daran, wie gut er war und wie selbstsüchtig ich! Wie konnte ich dort fröhlich sein, während er litt? warum konnte ich nichts von seinen Schmerzen ahnen, warum fühlte ich nicht, daß er mich brauchte?" „Mer, mein Liebling, ich schrieb Dir", unterbrach sie Willy sanft. „Ja", erwiderte sie bitter, „ich las Deine Miefe, als es zu spät war." „Wie kam das, Jane, hattest Du keine Zeit?" SUpm -tifi hdttß fßtltß Qcitu Sie verstummten beide. Eintönig und ununterbrochen schlug der Regen gegen die Fenster. Ungeduldig zog Jane ihre Hand aus der seinen und rief erregt: „Ich wollte. Welch :u einen andern Mann liebst? Du, Jane Grat- Fortsetzung folgt. rch Dir sagt '^atz L.. ... ........... L°ch«d!m s'“u?"rl" « *“ w* «*- „Ja, es ist so." ffnnh86^11^0®' «?) zorniger Erregung mühsam atmend, UteÄ' 9">e"üte' * »« °>n- «l- „Ja, es machte chn glücklich, er hat es mir selbst vst gejagt; das macht eben meinen Kummer noch größer" „Temen Kummer?" rief er, indem er wieder versuchte, chre Hand zu fassen; ,,«o Jane, das isst ein hartes Wort, nrmm es zurück, sei gut!" ,.,„Nein, rühre mich nicht an!" rief sie beinahe heiser; >,rühr' mich nicht an! warte — ich habe Tir — etwas zu — sagen — warte —" Sie war leichenblaß geworden, die Augen voll Ver- zwelflung auf ihn gerichtet, schwankte sie zur Sette; er sprang hinzu, sie zu stützen, sie schrak vor ihm zurück und lehnte gegen den Tisch in der Mitte des Zimmers. Ernrge Augenblicke war es still im Zimmer, mau hörte ssur das erntömge Tröpfeln des Regens. Willy, erstaunt über ihr Benehmen, sah sie ängstlich fragend an, wäh- reni) das Mädchen, blaß und zitternd, nach Mut rang Galt es doch nun, das einzige, was die Welt ihr bot das treue, liebende Herz Willys, von sich zu weisen. , „Rege Tich nicht sv auf, Jane, muß es durchaus jetzt sem? Sage nur ern andermal, was Tu zu sagen hast, wenn Du ruhiger bist." B ' „Ach nein. Du mußt es jetzt wissen", entgegnete sie leise. „O, Willy, hilf mir, laß mich Dir alles sagen! .Und dann vergib Mir, wenn Dn kannst!" „Um Gott! Jane!" entrang es sich seinem gepreßten Ahnung von der Wahrheit durchzuckte ihn, unwillkürlich zog er sich etwas zurück. J W' rief sie erregt, „nun weißt Du es! Du errätst, , ein elendes Geschöpf ich bin, tote ich Dich getäuscht. Dem Vertrauen mißbrauwt habe!" „Willst Tu damit sagen, daß Du einen anderen liebst?" ASte er schmerzlich bewegt. „Aber nein, Jane, sage nein! sage Llles sonst, nur dies nicht!" Der Don seiner Stimme war so schmerzdurchdrungen, so tief erregt, daß ^ane zusammenzuckte und Eiseskälte ihr diirch die Glieder Tennoch antwortete sie halb flüsternd: „Das mußte Ten j».1T H es hörte auf zu regnen! jeder Tropfen scheint an meinen Kopf zu schlagen und verursacht mir Schmerzen." „Arme Memel wenn ich Dir nur zu helfen wüßte!" „Mir kann niemand helfen!" ries sie heftig, die Hände ringend. „Ach, warum mußte Robert sterben und mich hier allein lassen!" „Nicht allein, mein Liebling!" Er versuchte ihre Hand wieder zu fassen, sie aber preßte die ihrige fest zusammen und wandte sich von ihm. Obgleich diese Bewegung ihn tief verletzte, fuhr er, dieselbe scheinbar nicht beachtend, fort: „Meine Mutter wird Dich morgen besuchen und Dir selbst sagen, wie leid es ihr tut, daß sie es ihrer Erkältung wegen nicht früher tun konnte." „Teine Mutter ist sehr freundlich, Willy", sagte sie ausstehend und sich von ihm entfernend, „aber sie darf nicht Herkommen, ich kann Deine Mutter nicht empfangen." „Warum nicht, Jane, warum nicht? Sie und mein Vater sind herzlich besorgt um Tich; und ich würde glücklich sem. Dich unter ihrem Schutz zu wissen, bis ich Dich in unser Heim hole als meine süße, kleine Frau." . "Still!" rief sie heftig, „um alles in der Welt nicht weiter, Willy, Deine Worte tun mir entsetzlich weh'" „Aber Jane, weshalb? Tu weißt, wie innig ich Dich liebe! Tu weißt, daß Robert diese Liebe kannte und billigte, weißt, wie froh er war, Tich in meiner Obhut vermischtes. , . SGoß iu Skieniewice, wohin das Zarenpaar mit jemejt vier Töchterchen übergesiedelt war und wo auch der Großherzog von Hessen mit seinem Töchterchen weilte, liegt südlich von der Eisenbahnstation in einem großen schönen PA- Der Schloßpark ist 1451 angelegt worden. Damals üehörte Skierniewice dem Erzbischpf Jan, Es blieb seitdem bis zur ersten Teilung Polens Residenz des Erzbischofs von Gnesen, Fürstprimas von Polen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erbaute der Primas Ostrowski einen Palast in dem später der französische Marschall Davoust kurze Zeit lebte, der das Schloß von Napoleon geschenkt erhielt. Als bei der ersten Teilung Polens nach der Abdankung von Stanislaus Poniatowski Warschau an Preußen fiel, gelangte ©tierntetoice 1795 an Preußen. Davoust erhielt Skiernie- Ace zwölf Jahre später, als Napoleon das Herzogtum Warschau gründete. Seine Erben verließen es 1812 als Napoleon entthront wurde, und flohen aus Rußland. Nun wurde Skieruiewiee wieder dem Zartum Polen zugezählt und ging bei der Einverleibung Warschaus an Rußland über. Es wttrde das Eigentum der Gemahlin dcS damaligen Statthalters von Warschau Großfürsten Konstantin Pawlowitsch. Tie Gattin des Großfürsten, die polnische Gräfin Johanna Grudzinska, bekam das Schloß 1820 von Kaiser Alexander I der es ihr schenkte, als sie seinen Bruder heiratete. Sie erhielt bei dieser Gelegenheit den Titel einer Fürstin von Lowicz. Nach dem Tode der Fürstin (1831) tourbe Skierniewice von der russischen Regierung angefauft 1871 erhielt der russische Feldmarschall Fürst Barjatinski der Hntertoerfer des Kaukasus, Skierniewice zum leben» länglichen Besitz. Alexander III. besuchte als Thronfolger das Schloß wiederholt und weilte dort als Gast des Fürsten Barjatinski. Nach dem 1879 erfolgten Tode des Feldmarschalls ging das Schloß wieder in den persönlichen Besitz des Zaren über und wurde vollständig renoviert. Vom 15. bis 17. September 1884 fand dort die bekannte Treikaiser- Znfammenkunft statt und durch dieses bedeutsame politische Ereignis wurde der Name des kleinen Ortes weltbekannt. Die Kreisstadt Skierniewice, rnssich Skernewizy, an der Skierniewka, zählt ungefähr 10000 Einwohner, von denen der größte Teil Juden sind. An die denkwürdige Dreikaifer- Begegnnng erinnert ein kleines, prächtig ausgestattet: S Theater, das damals errichtet wurde. Dort fand bei jener Gelegenheit eine- Festvorstellung statt. — Das kaiserliche Lustschloß ist nicht groß. Von der breiten Freitreppe des von dichtem grünen Epheu umrankten Palais hat man eine hübsche Aussicht auf den uralten Park und die mit Teppichbeeten und Springbrunnen geschmückten weiten Rajenflachen vor dem Schloß. Eine breite Treppe führt ans dem mit kostbaren Gobelins verzierten Vestibül in den Speisefaal, das Billardzimmer und die innersten Gemächer des Schlosses. Den Eingang zum weiten im Stil Ludwi s XIV. möblierten Saal schmückt ein Kolossalgemälde des russischen Malers v. Rosen, das eine Truppenschau darstellt, die der Großfürst Konstantin Pawlowitsch 1824 in Warschau auf dem Sächsischen Platz abhielt. Auf dem Kamin in diesem Raume steht eine kostbare Standuhr aus Malachit, eine getreue Nachbildung des Peter-Denkmals von Falconet auf dem Senatsplatze in Petersburg. An einer Läugswand des Saales hängt ein lebensgroßes Porträt des Fürsten Bar- jartinSfi. Im Arbeitszimmer des Zaren befinden sich mehrere Landschaften russischer und ausländischer Künstler, darunter eine Arbeit Bogoljubows, eines geschätzten Marinemalers, die den Seekanal bei Petersburg darstellt. Dieses Zimmer schmückt auch ein Porträt Kaiser Alexanders II. in Huf ärenuni form zu Pferde von Sswertschkow. Bor dem Kaniin int Arbeitszimmer steht ein von Künstlerhand gemalter Ofenschirm, nicht weit davon sieht man den in schönem Schnitzwerk ausgeführten Bücherschrank des Fürsten Barjatinski. Dem großen Schreibtisch gegenüber steht eine alte Uhr, die die Zeit für sechs verschiedene Orte angibt und außerdem die Mondphasen zeigt. Im Billardzimmer stehen zahlreiche Gewehrfchränke, die Wände sind mit Jagdtrophäen geschmückt, Geweihen, an denen silberne Täfelchen angebracht find, die angeben, wo und wann das Tier erlegt wurde. Im Speisefaal befindet sich ein reichgeschnitztes, altes, großes Eichenholzbuffet, dem ein bunter Majolikakamin gegenüberliegt. Hebet der Tafel hängt ein in Schmiedearbeit aus geführter Kronleuchter, der zusammen mit den an den Wanden angebrachten Lampen eine Fülle von elektrischem Licht verbreitet. Das ganze Palais wird elektrisch beleuchtet. Die übrigen Wohn- und Aufenthaltsräume des Schlosses unterscheiden sich von den genannten Prunkgemächern durch eine fast an bürgerliche Schlichtheit erinnernde einfache und praktische Einrichtung. Der Schloßpark umfaßt mehrere Hektare. Er ist reich an jahrhundertealten knorrigen Eichen, mächtigen Kastanien, hohen Birken, schattigen Linden, herrlichen Edeltannen und breitästigev 692 Wallnußbäumen. Viele dieser Waldriesen besitzen urkundlich ein Alter von einem halben Jahrtausend. Wenn die Zaren- familie nicht in Skierniewice anwesend ist, ist der wundervolle Park für das Publikum geöffnet. Kaiser Nikolaus weilte mit seiner Familie zuletzt im November 1901 einige Zeit in Skierniewice. — Mommsen und Frau Niemann-Rabe. „Auch ich — so erzählt die berühmte Künstlerin — darf mich so glücklich nennen, von persönlichen Erinnerungen an Theodor Mommsen sprechen zu könuen. Es war zurzeit unserer Ur-„Faust"-Vorlesungen. Bei einer derselben hatten wir auch die Ehre, Professor Mommsen zu unseren Zuhörern zählen zu dürfen, und Professor Erich Schmidt sagte mir, der große Mann sei sehr ergriffen gewesen. Zugleich fragte mich Professor Schmidt, ob ich geneigt sei, in seinem Hause die „Geschwister" von Goethe zu lesen, um Mommsen eine Freude zu machen. Ich sagte freudig ja. Der Abend kam, und wir saßen in dem liebenswürdigen, gastfreien Haus vou Erich Schmidt an einem kleinen Tisch, Erich Schmidt, der den Wilhelm las, Fabrice und ich. Mommsen saß an demselben kleinen Tisch, dicht bei uns, um besser hören zu können. Es ist nicht leicht, am Tisch sitzend, in geselliger Umgebung, in Stimmung zu kommen, ich schließe deshalb bei solchen Gelegenheiten die Augen so viel als möglich, um mich in die Situation zu suggerieren. Diesmal jedoch konnte ich der Neugier nicht widerstehen, zu sehen, wie die Vorlesung auf unseren berühmten Zuhörer wirkte. Ich blickte ihn verstohlen an und sah, wie dicke Tränen über seine Wangen rollten! Das brachte mich nun wieder derart in eine gehobene Stimmung, daß ich wohl die Marianne nie so ehrlich so tief ergriffen gelesen habe. Als wir geendet, reichte uns Mommsen schweigend die Hand, noch immer standen seine Augen voll Tränen. In diesem Händedruck lag so viel Dankbarkeit für das, was wir getan, daß ich sehr stolz war! Ich hatte dann die große Ehre, von Professor Mommsen zu Tisch geführt zu werden, und ich glaube, daß der große Gelehrte sich mit der kleinen Frau Niemann ganz gut unterhalten hat! Er blickte mich immer so liebevoll an, er sah wohl noch, die Marianne in mir, und hoffentlich hat ihn Hedwig Niemann nicht enttäuscht!" Weihsiüchts-^itteratur. — Mai-Blumen. 20 kleine Erzählungen für Mädchen. (Löwes Verlag in Stuttgart.) Maria Giese bietet hier ein Buch, das ein eigenartiges Talent, in warmer, verständnisvoller Weise an die Kinderherzen zu pochen, bekundet. Tie 20 Erzählungen für kleine Mädchen (Preis 3 Mark) behandeln fein empfundene und intim beobachtete Episoden aus dem Tun und Treiben der Kleinen selbst. Maria Giese versteht es, all den holden Zauber wiederzu- gebeu, der im herzgewinnenden, harmlosen Kindergeplauder verborgen liegt. Das Buch ist ein wahres Schatzkästlein für die Kinderstube, berufen, überall dort, wo es Eingang findet, helle Freude zu bereiten. — Ein paar reizende Bilderbüchlein erschienen soeben in B. Behrs Verlag in Berlin W. 35, „Ri- Ra - R u t s ch" und „Märchen" von Marie v. Olfers (Preis geb. je 1.50 Mk.). Namentlich das erstere, das eine Reihe sehr hübscher Kinderlieber enthält, zeichnet sich durch seine flotten und frischen Federzeichnungen aus. Tas ganze Büchelchen machte einen durchaus künstlerischen Eindruck, jedes Bildchen darin ist echtes Leben und hat etwas von der Treuherzigkeit Ludw. Thomas, verbunden mit der reichen Milde Richters, an sich Auch die drei Märchen werden mit ihren bunten Bildern die Kleinkinderherzen innig erfreuen und wohl auf vielen Weihnachtstischen diesmal zu finden sein. — Tie schönheitsvolle, unvergängliche Jugendschrift von I u l i u s L o h m e y e r, „T e u t s ch e I u g e n d", welche 20 Jahre hindurch die Kinderwelt entzückt hat und sich die Herzen der deutschen Familie durch ihren edlen Gehalt, ihren Gemütsreichtum, ihre warmherzige deutsche Gesinn- ung, ihren frischen Humor und ihre Vertiefung in die Kinderseele, vor allem aber auch durch ihre dichterischen Meistergaben und die unübertroffene Schönheit ihrer künstlerischen Holzschnitte — nach ersten Meistern — erworben hat, hat Löwes Verlag in Stuttgart neu erstehen lassen. Tas stattliche, solid und geschmackvoll ausgestattete Buch wird zweifellos allgemein als Muster der Jugendliteratur Arbottion: Siugufi Eötz. — S ctohcn$trud rnb i crlca der 8 ri 11 ’'d n und nach Gehalt und Bilderschmuck als eine der edelsten Gaben, die unserer Kinderwelt bisher geboten wurden, anerkannt werden. Für Knaben und Mädchen im Alter von 8—12 Jahren ist es das schönste Weihnachtsgeschenk. — Gerstäckers Jagderlebnisse, für die Jugend herausgegeben von Karsten Brandt. Geschenk- ausgabe mit einem Bunt-, acht Ton- und 22 Textbildern von Ehr. Votteler, eleg. geb. Mk. 3.— (Löwes Verlag in Stuttgart). Friedrich Gerstäcker ist eine jener praktischen, tüchtigen Naturen, welche auf die deutsche Literatur einen heilsamen Einfluß ausüben, indem sie den schwärmerischen Augenaufschlag unseres Idealismus mit dem hellen Blick ins Menschen- und Völkerleben vertauschen, sagt Rudolf von Gottschall. Eine Perle in Gerstäkers Werken ist die Erzählung „Eine Gemchagd in Tirol", welche dem vorliegenden Bande zu Grunde gelegt wurde. Dichterische Schönheiten — vom einfachen Idyll des abgeschlossensten Berglebens an bis zum hohen Pathos erhabenster Naturbewunderung in reicher Stufenfolge — und klarste Plastik in der Schilderung von Land und Leuten machen dieses Werk zu einem Lesestoff, der ebensosehr künstlerisch erfreut wie bildet. Wenn das Kennzeichen einer gediegenen Jugendschrift ist, Paß sie gleicherweise jung wie alt interessiert, so dürfte diese Erzählung die Probe glänzend bestehen. Die Ausstattung ist prächtig und wird sicher Beifall finden. — Die in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Bilder- buch-Literatur sich geltend machenden Bewegungen im Anschluß an die „Kunst im Leben des Kindes" sind bekannt. Mit der Novität: „H änscheni mBlaubeerenwald" (Preis Mk. 2.50) bietet Löwes Verlag in Stuttgart eut Bilderbuch, von hervorragender Bedeutung, das jedem Anspruch an ein deutsches Bilderbuch gerecht Wird und eines großen Absatzes sicher ist. „ — Aus eigener Kraft. 17 Lebensbilder denkwürdiger Männer (Körner, Friesen, Jahn, Hofer, Speckbacher^ Radetzky, Ziethen, Blücher, Columbus, Schwarz, Gutenberg, Stephenson, Franklin, Reis, Senefelder, Siemens, Krupp). Löwes Verlag in Stuttgart. Preis eleg. geb. 4 Mk. Tiefes schöne Jugendbuch ist eine außerordentlich fein ausgestattete Neuigkeit des Weihnachtsmarkies und nach Inhalt und begleitenden Illustrationen besonders geeignet, unserer reiferen Jugend den idealen Ansporn für die spätere berufliche Laufbahn zu geben, indem den jugendlichen Lesern neben geschichtlichen Streiflichtern der Werdegang dieser bedeutenden Männer in fesselnder und zugleich begeisterter Weise vor Augen geführt wird. Der Band eignet sich als Weihnachtsgeschenk für Knaben im Wer von 12—14 Zähren. Rösselsprung. Herbstfaden. Nachdruck verboten. som spie er heut wer wie mich was früh alt den grrlß hei ber da schmer en gel haar ich oes mern mer seh als in ser 1 schau im ich \exx schim mern soll fe wer mir mer sind's som schlä alt *70 dar chen ber grau NtM ten fliUi her um herb sil mer zwei zen die des die im fäd stes ber (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Scherz-Charade in vor. Nr.r Sommerabeud. (Somme, Raben, d—.) rintctf i:d • und § teitittiidtrei. 9i. f'oTißt, Ensen.