»U 1903. — Nr. 106 Morrtag den 20. Juli. -Z eAo if I Igwuiir Ms M GW (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. Merriman. (Fortsetzung.) „Ich liebe Sie nicht bloß, und habe Ihnen eine ge- wisse Position zu bieten. — diese bitte ich nach ihrem Armseligen Werte abzuschätzen, — sondern es gibt andere Umstände, die wir Leide kennen, die Ihrer Aufmerksamkeit würdig sind, Umstände, die Sie vielleicht doch geneigt Machen tverden, sich die Sache noch einmal zu überlegen." „Das vermag nichts"," antwortete sie. „Solche Umstände existieren nicht." Etta sprach mit Herrn von Chanxville und dachte an Paul Alexis. „Ich möchte gern wissen, seit wann Sie entdeckten, daß Sie mich unter keinen Umständen heiraten können", fuhr Herr von Chauxville fort. „Es liegt zwar nichts daran, da es jetzt zu spät ist. Ich werde Ihnen nicht erlauben, sich zurückzuziehen, denn Sie sind zu weit gegangen. Den ganzen Winter erlaubten Sie mir. Ihnen in auffallender Weise den Hof zu machen; Sie erweckten in mir und der Welt den Eindruck, daß ich bloß ein Wort zu sprechen hätte, um Ihre Hand zu erlangen." „Ich bezweifle, ob die Welt im allgemeinen sich für die Sache so lebhaft interessiert, wie Sie sich einzubilden scheinen", antwortete Etta. „Es tut mir leid, daß ich zu weit gegangen bin, aber ich behalte mir das Recht vor, mich zurückzuziehen, wann und wo es mir paßt. Es tut Mir leid, daß ich Ihnen oder sonst jemand den Eindruck erweckte, daß Sie uur ein Wort zu sprechen hätten, um meine Hand zu erlangen, und ich kann zum Schlüsse nur hinzufügen, daß Ihre Eitelkeit Sie zu einem Irrtum verlockt hat. Ich werde jedoch großmütig genug sein, darüber zu schweigen." Der Diplomat war einen Augenblick verblüfft. „Mais!" rief er, empört die Armee in die Höhe hebend, und konnte selbst in seiner eigenen Sprache keiü anderes Mort finden. „Es wäre besser, wenn Sie jetzt gingen", sagte Etta ruhig. Sie schritt auf den Kamin zu und drückte auf die elektrische Klingel. Herr von Chauxville griff nach Hut und Handschuhen. „Natürlich haben Sie Gründe dafür", sagte er kalt mit vor unterdrückter Wut zitternder Stimme. „Dahinter steckt ivohl ein anderer. Irgend jemand hat sich eingemischt, aber in meine Angelegenheiten mischt man sich nicht straflos ein. Ich werde es mir angelegen sein lasseit, herauszufinden, iver es ist —" Er vollendete nicht, denn der Diener meldete: „Herr Alexis!" Paul trat in das Zimmer und verbeugte sich vor dem hinausgehenden Herrn von Chauxville, mit dem et oberflächlich bekannt war. „Ich kam zurück, um Sie zu fragen, welchen Abend Sie in der nächsten Woche frei häblm", sagte er. „Ich habe eine Loge zu den .Hugenotten'". Paul blieb nicht lange. Die Sache war in ein paar Augenblicken geordnet, und als er den Salon verließ, hörte er noch die Räder der Equipage Chauxvilles. Als die Tür sich hinter den beiden Männern geschlossen hatte, stand Etta einen Augenblick still und blickte auf die Portiere, als folge sie ihnen in Gedanken. Dann brach sie in ein leises Lachen aus, ein wunderliches Lachen, das vielleicht nicht sehr herzlich klang, ©ie’ zuckte die Achseln und griff nach einer Zeitschrift, mit der sie zu dem Stuhle zurückkehrte, den Claude von Chauxville ihr vor deu Kamin gestellt hatte. Nach ein paar Minuten kam Nelly ins Zimmer. Sie trug ein Bündel Flanell in der Hand. „Die größte Dummheit, zu der ich mich je hinreißen ließ, war, daß ich diesem Vereine beitrat", sagte sie heiter. „Bis Dienstag früh müssen zwei Flanellröckchen für die Säuglinge fertig sein. Ich habe die Säuglinge gewählt, weil die Röckchen so lächerlich klein sind." „Wenn Du nie etwas Dümmeres tust, so wirst Du nicht viel Schaden leiden", sagte Etta, indem sie ins Feuer blickte. „Möglich — aber was hast Du getan? Noch etwas Dümmeres?" „Ja, ich habe mich mit Herrn von Chauxville gezankt." Nelly hielt ein Röckchen am Saume empor und blickte ihre Cousine durch die für die Taille der Säuglinge berechnete Oeffnung an. „Wenn man es tun könnte, ohne seiner Würde etwas zu vergeben, so wäre das, glaube ich, das Gescheiteste, was mau mit Herrn von Chauxville anfangen könnte", sagte sie. Etta hatte wieder nach ihrer Zeitschrift gegriffen und stellte sich eifrig lesend. „Ja, aber er weiß zu viel", sagte sie vor sich hin. 6. Kapitel. Der T a l l e y r a n d - K l u b. Ter Talleyrand-Klub ist, wie sein Raine andeutek, ein diplomatischer Klub, aber Botschafter und Minister betreten seine Schwelle nicht. Sie schicken nur ihre Untergebenen hin. Einige der letzteren behaupten, daß Loiidon die Radnabe Europas und das Rauchzimmer im Talley- raud-Klub deren Schmierbüchse sei. Aus jeden Fall steht fest, daß Männer wie Claude vou Chauxville, Karl Steinmetz und hundert andere, die politische Maschinisten sind oder ivaren, in den Räumen des Tälleyraud-Klubs zu finden sind. Karl Steinmetz ivar, wie er versprochen hatte, nach. 422 Eiiglaub gekommen und hatte natürlicherweise sogleich das Rauchzimmer des Talleyrand-Klubs, Zimmer B, gleich links Von der Tür, ausgesucht. Hier befand er sich auch eines Abends nach einem trefflichen Diner, das er mit humoristischer Ergebung zu sich genommen hatte, und rauchte die größte Zigarre, die der Kellner herbeischaffen konnte, als Claude von Chaux- vilel zufällig nichts Besseres oder Aergeres zu tun hatte, als ihm Gesellschaft zu leisten. Herr von Chauxville schaute ein paar Sekunden durch die Glastür, dann drehte er seinen gewichsten Schnurrbart und schlenderte ins Zimmer. Steinmetz befand sich allein, und Herr von Chauxville war sich augenscheinlich, beinahe zu augenscheinlich, seiner Anwesenheit nicht bewußt. Er trat an den Tisch und begann vergeblich eine Zeitung zu suchen, die ihn interessierte. Zufällig hob er die Augen und begegnete dem ruhigen Blick von Karl Steinmetz. „Ah!" rief er. „Ja", sagte Steinmetz. „Sie in London?" Steinmetz nickte ernst. „Ja", wiederholte er. „Man weiß nie, wo Sie zu suchen sind", fuhr Claude von Chauxville fort, indenr er sich mit der Zeitung in der Hand in einem tiefen Lehnstuhl niederließ. „Sie sind ein Zugvogel." „Die Flügel sind jetzt ein bischen schwer geworden", sagte Steinmetz. Er legte die Zeitung auf seine dicken Knie und schaute Herrn von Chauxville über seine goldgefaßte Brille hinweg an. Der Baron schien sich zu frage«, welchen Zweck Steinmetz mit dem Dickwerden verfolge. Er witterte auch hinter dieser Fettleibigkeit irgend ein Motiv. „Ach, das hat nichts zu sagen", meinte er entschuldigend. „Die Zeit hinterläßt ihre Spuren an uns allen. Es war ja nicht gestern, daß wir in Petersburg zusammen waren." „Nein", antwortete Steinmetz, „es war vor dem deutschfranzösischen Kriege, — vor vielen Jahren." Herr von Chauxville zählte in entzückender Unschuld mit seinen schlanken Fingern auf dem Tisch. „Ja, die Jahre scheinen in Schwärmen davonzufliegen. Bekommen Sie je einen unserer Freunde aus jener Zeit zu sehen? Sie leben ja in Rußland." „Wer waren denn unsere Freunde zu jener Zeit?" parierte Steinmetz, indem er seine Brille mit einem seidenen Taschentuche putzte. „Mein Gedächtnis ist ein gebrochenes Rohr, — Sie erinnern sich doch?" Einen Augenblick begegnete Claude von Chauxville dem vollen Blicke der ruhigen, grauen Augen. „Ja, ich erinnere mich", sagte er bedeutungsvoll. „Nun, zum Beispiel Fürst Dawosf?" „Tot!" „Und die Fürstin?" „Sehe ich nie; sie hält ein Spielhaus in Paris." >,Und die kleine Andreia?" „Sieht mich nie; sie ist mit einem Engrossisten verheiratet, der ihre Vergangenheit begrub." „En gros?" „Et en detail." „Und Graf Lanowitsch?" fuhr Herr von Chauxville fort. „Wie befindet fich der?" „Er ist wegen seiner Verbindung mit der Armenliga verbannt worden." „Und Katharina?" „Katharina wohnt mit ihrer Mutter, der Gräfin, in der Provinz Twer, — wir sind Nachbarn." Herr von Chauxville nickte. Keine dieser Einzelheiten interessierte ihn wirklich, und seine Gleichgiltigkeit war augenscheinlich. „Ach ja, die Gräfin Lanowitsch, das war eine dumme Frau", meinte er sinnend. „Und ist es noch?" Herr von Chauxville lachte. Der plumpe, deutsche Ex- diplomat belustigte ihn ungeheuer. „Und — hm! Die Beaumonts?" sagte er; als ob ihm der Name beinahe entfallen wäre. KäÄ Steinmetz streckte lässig den Arm aus und griff pach der Zeitung. die auf seinen Knie en lag. Er entfaltete sie langsam und las, nachdem er das Gesuchte gefunden hatte, mit lauter Stimme: „Seine Exzellenz der rumänische Gesandte gab gestern int Gesandtschaftspalais ein Diner. Unter den Gästen befanden sich Baron von Chauxville, Femir Pascha, Lord und Lady Standover, Frau Etta Beaumont und andere." Steinmetz warf das Blatt hin und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. „So, mein lieber Freund; Sie wissen also wahrscheinlich mehr von den Beaumonts als ich." Wenn Claude von Chauxville die Fassung verlor, so ließ er es aus keinen Fall merken. Er besaß ein Gesicht, das in ganz hervorragendem Maße geignet war, alle Gedanken oder Gefühle, die ihm durch den Sinn gehen mochten, zu verbergen. Von gleichmäßig weißer Hautfarbe, war er in einer gewissen statuenhafter Weise ein schöner Mann. Seine Züge waren stets gelassen und würdevoll, sein dünnes, strasfes Haar war nie in Unordnung, sondern lag stets glatt und schlicht über seiner hohen, schmalen Stirne. Seine Augen besaßen jenen leblosen Ausdruck, der vielen Franzosen charakteristisch ist und vielleicht dem gewohnten Genüsse einer zu üppigen Küche und zu vieler Zigaretten zuzuschreiben ist. Herr von Chauxville überging den kleinen Zwischenfall mit nachlässiger Ruhe. „Das geht daraus nicht hervor", sagte er in kaltem, gelassenem Ton. „Frau Etta Beaumont hat nicht die Gewohnheit, alle, die zufällig an demselben Tische mit ihr speisen, in ihr Vertrauen zu ziehen. Frauen, die Konfi- denzen machen, sind gewöhnlich Lügnerinnen." Steinmetz füllte sich seine Pfeife. „Mein teurer Herr von Chauxville, Ihre Epigramme gehen an mir verloren", sagte er, ohne aufzublicken. „Ich kenne die meisten. Ich habe sie früher schon gehört. Wenn Sie mir etwas über Frau Etta Beaumont zu erzählen! haben, so sagen Sie es mir um Himmels willen ganz offen. Ich liebe einfache Gerichte und unausgeschmückte Geschichten. Sie wissen, ich bin ein Deutscher, das heißt, ein Mensch mit einem stumpfen Gaumen und einem dicken Schädel." Herr von Chauxville lachte wieder in seiner gemäßigten Art. „Sie verändern sich wenig; ihre ungeschminkte Redeweise erinnert mich an Petersburg. Ja, ich gebe zu, daß Frau Etta Beaumont mich ziemlich interessiert, aber das' ist kein Grund, warum sie Sie interessieren sollte." „Tut sie auch nicht, mein lieber Frund; aber Sie interessieren mich; ich bin ganz Ohr." „Missen Sie vielleicht etwas über sie?" fragte Herr von Chauxville so obenhin, — nicht wie einer, der eine Antwort erwartet, oder das, was er hören soll, zu glauben gedenkt. „Sie werden wohl bald mehr über sie erfahren." Karl Steinmetz zuckte die Breiten Schultern und schüttelte den Kops. „Ich bin kein Damenfreund", fügte er mürrisch hinzu. „Der liebe Gott hat mich nicht dazu geschaffen. Ich bin zu fett. Hat Frau Etta Beaumont sich vielleicht in mich verliebt? Hat irgend ein Unvorsichtiger ihr meine Photographie gezeigt? Hoffentlich nicht. Gott behüte mich!" Er zog ruhig an seiner Pfeife und blickte Herrn von Chauxville durch den Rauch an. „Nein", antwortete der Franzose ganz ernsthaft. „Sie steht mit dem Fürsten auf dem besten Fuß." „Mit was für einem Fürsten?" „Pawel!" Der Franzose stieß das Wort hervor, indem er wohlwollend das Gesicht des .anderen betrachtete. Steinmetz rauchte gelassen und zufrieden weiter. „Mein Herr!" sagte er endlich, „Ich erwarte, daß er sich eines Tages verheiraten Wirb." Herr von Chauxville zuckte die Achseln, drückte aus den Knops der elektrischen Klingel und bestellte, als der Diener erschien, Kaffee.' Dann wählte er mit großer Sorgfalt eine Zigarette aus einem silbernen Etui und rauchte, nachdem er sie angezündet hatte, einige Augenblicke schweigend. , .. Der Diener brachte den Kaffee. Steinmetz lag mit gekreuzten Beinen in seinem tiefen Lehnstuhl und starrte ins Feuer, das hell brannte, obwohl es bald Mai war. 423 Es war ein Schweigen, wie es zwischen zwei Männern herrscht, die einander gut kennen. „Und warum nicht Frau Etta Beaumont?" fragte Steinmetz plötzlich. „In der Tat, warum nicht?" antwortete Herr von Chauxville. „Es geht mich nichts an. Ein Weiser beschränkt seine Angelegenheiten auf ein Minimum und das Interesse an den Angelegenheiten seiner Nächsten aus noch weniger. Aber ich dachte, daß es Sie interessieren würde." „Tanke." Ter Ton, in dem der dicke Mann im Lehnstuhl sprach, Yang nicht trocken, denn Karl Steinmetz war zu klug, um sich einem solchen Zeitvertreib hinzugeben. Trockenheit läßt den Quell der Vertraulichkeit rasch versiegen. Die Auftnerksamkeit Herrn von Chauxvilles wurde scheinbar von einer Illustration in einer Wochenschrift gefesselt, die neben ihm auf dem Tische lag. Ein paar Augenblicke schwieg er, dann warf er das Matt beiseite. „Wer, zum Kuckuck, war eigentlich dieser Robert Beaumont?" fragte er. „Soviel ich mich erinnern kann, war er etwas im diplomatischen Dienst", antwortete Steinmetz. „Ja, aber was?" „Lieber Freund, das fragen Sie seine Witwe, wenn Sie das nächstemal ihr Tischnachbar sind." „Woher wissen Sie, daß ich ihr Tischnachbar war?" „Ich wußte es nicht", antwortete Steinmetz mit einem ruhigen Lächeln, das Herrn von Chauxville in Zweiftl ließ, ob er sehr dumm «der außerordentlich klug sei. „Sie scheint in sehr guten Verhältnissen zu leben"- sagte der Franzose. „Da sie meinen Herrn heiraten soll, freut mich das." Herr von Chauxville lachte beinahe verlegen und wechselte während eines Bruchteiles einer Sekunde unter Steinmetz' ruhigem Blick die Farbe. „Man kann nie wissen, wen eine Frau zu heiraten gedenkt", sagte er nachlässig. „Ich verstehe nur nicht, wie es kommt, daß sie seit dem Tode ihres Gatten in besseren Verhältnissen lebt oder zu leben' scheint." „Sie lebt also seit dem Tode ihres Mannes in besseren Verhältnissen oder scheint in besseren Verhältnissen zu leben?" fragte der dicke Mann in seiner langsamen Sprechweise. ,,^a. Herr von Chauxville erhob sich, reckte sich und gähnte. „Gute Nacht", sagte er kurz. „Gute Nacht, teurer Freund!" ... Nachdem der Franzose das Zimmer verlassen hatte, blieb Karl Steinmetz ganz regnngs- und ansdruckslos in semem Stuhle sitzen, bis er zu dem Schlüsse kam, daß Herr von Chauxville es nun müde sei, ihn durch die Glastür zu beobachten. Dann richtete er sich in seinem Stuhle langsam aus und blickte über die Schulter. „Unser Franzose fürchtet, daß Paul diese Etta Beau- , mont heiratet", murmelte er vor sich hin. „Warum wohl?" Stemmetz wußte, daß der Franzose ihn erkannt hatte, ehe er ins Zimmer trat. Karl Steinmetz ging sogar weiter M argwöhnte, daß Herr von Chauxville in den Talleyrand- Klub gekommen war, weil er wiißte, daß er in England fet, bloß um ihn auszuholen und vor Frau Etta Beaumont zu warnen. „Es sieht so aus, als sollten wir einander Lum erstenmale in die Hände arbeiten", murmelte der dicke Philosoph vor sich hin. „Aber es gibt etwas, das mir uoch weniger lieb ist, als die Feindschaft Claude von Chaux- villes: das ist seine FreundsclM." (Fortsetzung folgt.) Unfreundlichkeiten. Mit dieser Spitzmarke stellt ein Leser der Köln Uta " «niet dem Sinnspruch aus Gorkis Nachtasyl:"' Was kann es einem Menschen schaden, >venn er freu n blich' ist?" S ' ÄS?? vorenthalten wollen, da sie recht beberriaenswerte Mahnungen enthält. Es heißt da: JU langer Reibd Lieben die Elektrischen an mir vorüber; es ist nicht anaeuebm JÄJ müssen. Endlich der Waldschloßchen—Stadtpärk! Ich steche ein „Waldschloßchen bitte." - „Sehen Sie nicht, daß wir ul entgegengesetzter Richtung fahren?" — Woran sollte ich das sehen? Ich bin fremd in der Stadt. — Der unfreundliche Schaffner kennt jeden Laternenpsahl, er begreift wohl nicht, wie eilt gebildeter Mensch rechts und links verwechseln kann. An der nächsten Haltestelle finde ich den richtigen Wagen. „Waldschlößchen, wieviel?" Der Mann mit der Kuipszange öffnet kaum die Lippen zur Antwort: Als ob! nicht jedes Kind weiß, daß die Strecke 10 Psg. kostet! Ich bin so glücklich zwischen zwei dicken Herren eine Spanne Sitzraum zu entdecken. Aber ein Geruch zum Uebelwerden stört meine Wahl: in schwelendem Brande lassen die Fettmassen zur Rechten und zur Linken ihre Zigarren sich verzehren. Sie'handeln richtig: „Rauchen verboten." Auf der überfüllten Plattform, die ich betrete, wendet sich ein kleiner Herr rasch und neugierig nach mir um: seine Zigarette in fußlanger Meerschaum- spitze versengt mir den Bart. Schweigend stäube ich die Aschenreste ab. Diese notwendige Bewegung hat leider für meinen Nachbar einen unbeabsichtigten Stoß zur Folge: „Donnerwetter, so nehmen Sie sich doch in acht!" — Die Luftfahrt ist mir verleidet. Ich springe ab. „Bitte, mein Herr, wo geht man nach dem Waldschlößchen?" — „Fahren Sie doch mit der Elektrischen dort!" — Wahrhaftig, ich habe heute kein Glück. Auch der Wunsch nach Waldesstille ist verflogen. Der Anblick eines Zeitungsverkäufers erweckt in mir das Verlangen, nach dem Morgenblatt: „Die Kölnische bitte." — „Js nich." Ich beginne, ein wenig nervös zu werden. Dort int Cafe will ich mich erholen. „Einen Sherry und die Münch. Allgemeine'?' „Wird gelesen!" — Nach einer halben Stunde die gleiche Antwort. „Aber dort liegt sie ja". Ich zeige nach einem Stoß bedruckten Papiers, in gelbe Holzrahmen gespannt, vor einem Gaste aus dem dritten Nachbartische geschichtet. „Der Herr gibt sie nicht her." — „Also noch einen Sherry !" Wieder ein Viertelstündchen. Noch immer ruht die „Allgemeine" friedlich zwischen der „Frankfurter" und dem „Vorwärts". „Ich werde sie mir selber holen. Sowie ich mich erhebe, trifft mich ein Blitz aus scharsgeschliffenen Brillengläsern: der Argus am Nachbartische hat meine Absicht geahnt. Er wirft das „Tageblatt", in dem er liest, beiseite und ergreift rasch die Zeitung meiner Wünsche. Aergerlich will ich den Saal der Unfreundlichkeit verlassen. Da zupft es mich am Mantel: „1 Mark 20 Pfennig? mein Herr." „Ach so, das hatte ich vergessen." Und der Kellner — fortiter in re, nicht suaviter in modo — murmelt: „Das kennt man schon". — Warum dankt mir die junge Dame nicht, der ich im Tram meinen Sitzplatz überlasse? Warum läßt des Ladendieners Höflichkeit nach, wenn seine Ware meinem persönlichen Geschmacke nicht zusagt? Wozu mich zum Essen nötigem wenn ich satt bin, oder zum Bleiben, wenn ich nach Hause begehre? Ist es denn unbedingt notwendig, beim Gebrauche des Taschentuchs eine Explosion zu bewirken, daß alles rings im Kreise des Todes erschrickt? Dars es jedem Restaurent- Automaten gestattet sein, gegen Einwurf eines Zehnpfennigstückes mir mit einem kreischenden Walzer die Stimm- ung, zu verderben? Kann der nervenstarke Gasthofspförtner nicht einen der Lausjungens nach der Droschke aussenden, anstatt mit markerschütterndem Pfiss sie von ihrem Standorte herbeizurufen, eine Brutalität, die dem so viel geschmähten Vandalismus und nächtigen Lärmen der Hotelgäste ebenbürtig ist? Was kann es schließlich dem Schalterbeamten schaden, wenn er im Verkehr mit dem Publikum höflich ist? — Aber wahrlich, man müßte eine Dauerrede nach gefürchteten Mustern halten, wollte man dieses Klagegebiet voll und ganz erschöpfen. Kein Empfindungsuerv, der nicht fort und fort gereizt und beleidigt wird, überflüssige Unfreundlichkeiten auf Schritt und Tritt oder zum mindesten doch „moralische Hemdärmeligkeiten!" Ja, mein Gott, was kann es denn einem Menschen schaden, wenn er freundlich ist? Gemeinnütziges. Das Schlachten der Fische geschieht in unserem deutschen Vaterlande ost aus die qualvollste, schrecklichste Weise! In Holland dagegen hat man ein Schlachtverfahren, das praktisch und zugleich human ist, und allgemein geübt wird. Tort quält man die Fische nicht langsam zu Tode. Der Holländer giebt jedem abzuschlachtenden Fisch hinter dem Kops mit einem scharfen Messer einen tiefen Schnitt. Dadurch wird das Gehirn vom Rückenmarke getrennt und der Tod des Fisches erfolgt sofort. Die Qualen des lang- 424 feinten Absterbens der stummen Tiere werden verhindert. Aber auch vom gesundheitlichen Standpunkt ans ist das holländische Verfahren dringend zu empfehlen. Das Fleisch der Fische bleibt viel fester, der Geschmack wird viel besser, die Haltbarkeit eine erhöhte, und die Speise viel gesünder. Vermischter. * Das ewig Weibliche in der Politik. Die Katastrophe des Hauses Obrenowitsch hat von dem Einfluß dieses Elements wieder einen nachdrücklichen Beleg! gegeben; König Alexander ist an seiner Eheschließung und daneben an dem unglücklichen Verhältnis seines Elternpaares zu Grunde gegangen. In weniger eklatanter Weise, aber doch gleichfalls sehr deutliche hat sich dasselbe bei den beiden französischen Kaiserreichen gezeigt; auf St. Helena liebte Napoleon I., die Scheidung von seiner ersten Gemahlin als den ursprünglichen Grund seines Unglücks anzuführen, und alle Grazie und Liebenswürdigkeit der Kaiserin Eugenie touren nicht imstande, der ersten Damej des zweiten Empire die völlige Anerkennung der übrigen europäischen Monarchengemahlinnen zu verschaffen; zu dynastischer Intimität brachte es Napoleon III. feto ft nach seinen glänzendsten Erfolgen niemals, und diese seine Isolierung ist eine MiAr fache seines Sturzes gewesen. Sie? sonders tragikomisch zeigte sich dasselbe Motiv unter deut vorigen dänischen König Friedrich VII., der nach zwei Scheidungen von ebenbürtigen Lebensgefährtinnen die frühere Balletchoristin und dann Putzmacherin Luise Rasmussen zum Altar geführt hatte; später hat man in Kopenhagen den Trauungstag, 7. August 1850, als den Ursprung des dänischen Nationalunglücks bezeichnet. Im allgemeinen waren in der verwickelten schleswig-holsteinischen Frage! die Großmächte eher für das dänische Unrecht und gegen das deutsche Recht, schon ivetl sie Deutschland nicht den trefflichen Kieler Hafen gönnten; aber jene Heirat hatte den Kopenhagener Hof gesellschaftlich so geächtet, und das spätere Auftreten der zur Lehnsgräfin Donner erhobenen Königsgemahlin verstärkte noch den nachteiligen Eindruck. Kurz vor der Katastrophe bot sich noch die letzte Möglichkeit einer besseren Wendung. Napoleon III. lud König Friedrich VII. nach Paris ein, um mit ihm über die vorerwähnte Frage zu verhandeln. Der König wollte nidjit mehr als gern die Reise unternehmen, aber Kaiserin Eugeme verweigerte unbedingt den Empfang der dänischen Königsgemahlin, und die letztere befahl darauf ihrem schwachen Gemahl einfach die Ablehnung der Einladung. Nach diesem Abschlag war das Interesse Napoleons III. an dem Fortbestand der dänischen Machtstellung erkaltet, und als Vertreter des Nationalitätenprinzips begünstigte er zunächst in gewissen Grenzen die preußische Politik gegen Dänemark. Einige Wochen nach dieser Episode ioar König Friedrich VII. tot, mit ihm das dänische alte Königshaus erloschen und ein Jahr darauf die Verbindung Schleswig- Holsteins mit Dänemark nichts als eine Erinnerung. N e un zi g jü h r i g e r H e ir a ts d u r sti g er. Vor der Supreme Court des Staates Newyork fand, wie von dort geschrieben ivird, ei.t Prozeß des Mortimer S. Brown gegen die ziveite Fran seines verstorbenen Vaters, Augusta Andree-Brown, auf Annullierung der Ehe des Verstorbenen mit der Beklagten statt. Die erste Gattin Paul S. Brown's, des Vaters des Klägers, starb, als er bereits 89 Jahre alt ioar, und bald darauf heiratete er die Beklagte, die 30 Jahre alt war, nachdem er ntehrere Wochen lang mit ihr zusammengelebt hatte. Der Kläger machte geltend, daß sein Vater geistesschwach ivar, als er heiratete, weshalb die eingegangene Ehe ungiltig sei. Zum Beweise hierfür wurde dargelegt, daß der alte Mann auf Heiratsanzeigen in den Zeitungen bald nach dem Tode seiner ersten Fran eine umfangreiche Korrespondenz begann und überall Heiratsauträge gemacht habe. Die Klage wurde abschlägig beschieden. In der Entscheidung des Gerichts wurde bemerkt, der alte Herr habe, als er nach einer Frau verlangte, die ihm gefiel, nicht unvernünftig gehandelt, ebenso wenig gehe dies daraus hervor, daß er hastig zu Werke ging, denn in solchem Alter habe mau nicht lange Zeit zu überlegen. Daß der Greis au seinem Lebensabend sich nach weiblicher Pflege sehnte, könne man ihm schließlich auch nicht verargen. Während der Verhandlung wurde das Tagebuch des Greises der lOeffentlichkeit preisgegeben, worin er in Klagen über seine Vereinsamung und fein Sehnen nach einer Gattin ausbricht. Er bedauert, daß er trotz der künstlichen Zähne, der bemalten Augenbrauen und der gefärbten Haare immer noch nicht so jung aussehe, wie er sich noch fühlt. Literarisches. Das Grundverhältnis zwischen ManU Und Weib ist in einer modernen Frauenzeitschrift naturgemäß eines der wichtigsten und vielbehaudeltsten Probleme. In der neuesten Nummer der Fr au en? Rund sch au rückt die bekannte Frauenrechtlerin Dr. phil. Helene Stöcker diesem diffizilen Thema energisch zu Leibe und wenn auch! ihre Ansichten vielfach auf Widerspruch! stoßen dürften, so sind diese Theorien boch selten in so präzise Form gefaßt worden wie hier. In derselben Nummer behandelt Dr. iur. Frieda D u e u s i n g das Thema der Verletzung der elterlichen Fürsorgepflicht, Lu Märten das der Boden- und Wohnungsreform vom Standpunkt der Frauen aus, während Paul Zacherlich eine ergreifende Schilderung desSchau- spielerinnenelendes der Gegenwart gießt. Ganz besonders reichhaltig ist, um von den vielen anderen wichtigen Beiträgen zu schweigen, der künstlerische Teil ausgefallen. Der- setoe enthält einen wundervollen, die tiefsten künstlerischen Ideen in lichtvoller Weise enttvickelnden Artikel des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Hans Merian unter denk Titel „Das Reis aus Eden", während Anna Brunnemann Max Klingers Radierungen vom Schicksal des Weibes einer tiefgründigen Betrachtung unterzieht. Dieses Heft enthält ferner unter anderem als Kunstbeilage die Reproduktion einer Klingers chen Radierung, sowie noch verschiedene andere Kunstwerke itt vorzüglicher Wiedergabe. Frauen, denen die Frauen-Rundschau noch nicht bekannt ist, erhalten dieses Heft puf Wunsch gratis und franko von der Geschäftsstelle der Frauen-Runschau, Leipzig-R., Goe- schenstr. 1. Die Frauen des Orients in der Geschichte, in der Dichtung und im Leben. Bon A. Freih, v. Schweige r - L e r ch e n f e l d. Mit ca. 350 Textabbildungen, 11 farbigen und 14 schwarzen Vollbildern. In 25 Lieferungen (50 Bogen Quart ä 16 Seiten) ä 1 Mark. A. Hartleben's Verlag, Wien und Leipzig. — Die erste Lieferung eines Werkes von seltener Reichhaltigkeit des Inhaltes, verschwenderischer Illustrierung und glänzender Ausstattung liegt uns vor. Bisher hat es kein Schriftsteller in irgend welcher Sprache unternommen, die Frauen der alten morgenländischen Kulturwelt, (Araber, Perser, Inder) in ihrer Gesamtheit, in allen ihren geschichtlichen Phasen, m ihrer wechselnden kulturhistorischen Stellung und bezüglich ihres Einflusses auf die geistigen Enuneiationen dieser Völker zu schildern. Zwar bietet die vorliegende erste Lieferung dieser, auch in Betracht ihres Umfanges bedeutsamen Arbeit, einen lediglich orientierenden Einblick in den Gesamt- stosf, denn sie ist fast ganz mit der „Einführung" ausgefüllt. Aber die Inhaltsangabe und vielleicht mehr noch, die in den Projekt und auf die Umschlagseiten eingeschalteten Abbildungen lassen erraten, wie weit und hoch der orientkundige Verfasser die Grenzen zu seiner verdieiist- lichen Publikation gesteckt hat. Bis in die arabische Vorzeit, in das graue iranische und indische Altertum reichen die Untersuchungen und Studien. Die vorgefuhrten altmdr- schen und persischen Miniaturen, die prächtigen Photographien, Frauenschmuck aus musealen Sammlungen u. dgl. mehr geben einen Vorgeschmack von dem noch verhüllten Ganzen. Das der ersten Lieferung beigegebene Farbeu- 6i(b — eines von dem Dutzend, welche das Buch schmucken werden - führt „Die Verstoßung der Hagar" nach dem berühmten Originale des Van der Wer ff in der Dresdener Galerie in mustergiltiger Reproduktion vor. Da der Prospekt ausdrücklich versichert, daß sowohl rn textlicher als in illustrativer Beziehung jede Anstößigkeit peinlich vermieden ist, erweist sich das schöne Werk in erster Lime aw belehrende und bildende Frauenlektüre. Unter diesen Umständen darf man wohl auf die folgenden Lieferungen dieses Prachtwerkes gespannt sein. Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.: Liebe ohne Achtung ist nicht dauernd. Redaktion: August Göd. - Rotationsdruck und Verlag der «riibl'schen Universitäts-Tuch- und Cteindrnclerci. R. Lange, Gießen.