Samstag den 20. Juni. Nr. 90 1903. euer äPfr Äy-VL MM 3*£v, MWGWM (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau. (Fortsetzung.) "L Tl* unterem m ",. □ >naen Tinge vor, die durchaus mcht nach meinem S?nne war?n genau wie ans meiner ersten Stel e m Lrver- vool die ich damals voll Widerwillen aufgab. ^ch- kann eben durchaus nicht einsehen, daß ^Mittel erlaubt ftm soll, um schnell -«eich zu werden. Aber es scheint, mems ern sichten sind veraltet, wenigstens stehen sre mir überall int iiSege." Colville hat einen guten Ruf", entgegnete Elliot. Jch'alaube nicht, daß Tu in dieser Hinsicht etwas bei ihm Lu befürchten hättest. Also, mein lieber ^eund, werdä ich Tich nun für die nächste Zeit als hier ansastig, betrachten und Tich, wenn Du es wünschest, mit einigen Familien unserer englischen Kolonie bekannt machen. ~ wirst eine Menge Landsleute hier finden. „Ah, ich sah heute morgen eine Engländerin , begann Richard Morgan mit einem bei ihm ungewöhnlichen Ei er brach aber dann ärgerlich über sein eigenes Ungestüm kurz ab und fügte mit gemachter Gleichgiltigkeit bei.. „Es war eine ganz hübsche junge Dame in Schwarz; sw kam gerade an mir vorüber, als Tu mich einholtest. Weißt Du viel- ,'Ah, ich erinnere mich, Tu mußt Frl. Forrest meinen. Sie ist mit meiner Frau nahe befreundet/s Richard Morgan vernahm dies mit heimlichnn Froh-- locken, fragte aber kühl: „Hat sie ihren Wohnsitz m Britssel? „Vorläufig, ja. Sie ist halb Pensionärin, halb Gouvernante bei einer Dame, die wir sehr gut kennen, der Vorsteherin einer unserer vornehmsten englischen Schulen. Tas arme Mädchen ist recht zu bedauern." „Zu bedauern? warum?" „Weil ihre Lage eine sehr traurige ist. Ihr Vater war ein Künstler — Engländer natürlich — ein fein gebildeter, ein sehr begabter Mann, wie ich hörte. Er muß sehr viel Geld verdient haben. Er besaß nur dies eine Kind und hatte ein hübsches Sümmchen für sie zurückgelegt, als er durch eine verkehrte Spekulation feilt ganzes Vermögen verlor. Dieser Schlag traf ihn vergangenen Juli, als seine Gesundheit ohnehin nicht die beste war. Ein heftiges Fieber erfaßte ihn und nach Verlauf einer Woche war er tot." „Seine Tochter ganz mittellos zurücklassend?" „Nahezu wenigstens; sie hatte nichts als einige tausend Franken, die man ihrem Vater noch schuldete. Ich weiß nicht, was aus d em armen Kind geworden wäre, wenn Frl. Osborne, die bereits erwähnte Dame, sich ihrer nicht angenommen hätte. Tie Forrest's stammten aus einer guten Familie aus Tevonshire, haben aber keine näherem Verwandten. Wo lerntest Tu Fräulein Forrest kennen?" Richard Morgan erzählte hieraus die Geschichte des vergangenen Abends, erwähnte aber seine eigene Rolle bei den häßlichen Vorgängen nur kurz. Aber der Freund erriet doch, was er hatte verschweigen wollen, und als er spater, die Sache mit seiner Frau besprach, erklärte die kleine lebhafte Dame ganz gerührt: „Wie froh bin ich, daß Herr; Morgan anwesend war, um sich der armen Aimee anzu- nebmen. Es waren jedenfalls jene schrecklich reichen Leute, von denen uns Frl. Osborne erzählte. Sie suchten während ihres vierzehntägigen Aufenthaltes in Brüssel einet Gouvernante zu ihren Kindern. Darüber muß ich noch Näheres hören." Kaum eine Woche war vergangen, und Richard Morgan sah sich durch seine liebenswürdigen Freunde in die kleine Gesellschaft eingeführt, in der auch Fräulein Osborne mit ihrem Schützling verkehrte. Aimee Forrest war das erste weibliche Wesen, das ihm mehr als flüchtige Bewunderung einflößte. Je mehr er ihre vortrefflichen Herzens- und Charaktereigenschaften kennen lernte, desto wärmer und inniger wurden seine Gefühle für das verwaiste Kind. So war der Winter herangekommen, und noch immer hielt ihn ein Abkommen mit Herrn Colville in Brüssel fest. Seine Herzensangelegenheit hatte keine sichtbaren Fortschritte gemacht, denn er besaß zu wenig Mut und Selbstvertrauen, wo ein jüngerer Liebhaber kühn als Bewerber ausgetreten wäre. Mit großem Interesse erforschte er unauffällig alles das, was sich auf Fräulein Forrest's Zukunft bezog. 'Er hörte, daH Fräulein Osborne die Absicht habe, nächsten Sommer ihre Schule abzugeben, um nach England zurückzukehren, und daß sie für ihren Schützling eine Stelle suche, wo man, wie sie sich ausdrückte, Nicht vergäße, daß Fräulein Forrest sowohl durch Geburt als Erziehung eine vollendete Dame sei, obschon ihr Vater „nur" ein Künstler gewesen wäre. Mit Schauder gedachte er der rohen Behandlung, die dem jungen Mädchen an jenem Abende im „Hotel Louise" zu teil geworden war, und immer mehr befestigte sich das Verlangen in ihm, das geliebte Wesen vor dem rauhen Kampfe mit dem Leben schützen zu dürfen. An einem schönen Tage im Februar traf er Fräulein Forrest, nicht gerade ganz zufällig, in Begleitung mehrerer Damen tut Altertumsmuseum. Ihr süßer Name klang von den Lippen ihrer Gefährtinnen beständig an sein Ohr; und als er später eine Minute allein mit ihr in einer Fensternische stand, wiederholte et weich: „Aimee, das klingt nicht englisch. Ihr Name wurde ans einer anderen Sprache gewählt, nicht wahr?" „O nein", versetzte sie errötend-. „Aimee nannte mich mein armer Papa, vielleicht weil er nur mich hatte." Tie Erwähnung ihres Vaters füllte ihre Augen mit 358 Tränen, und Richard Morgan mußte jede wertere Bemerkung unterdrücken. Allein ehe die Woche zu Ende ging, war alle Ungewiß- cheit vorüber. Ju einer kleinen Abendgesellschaft bei Frau Elliot wurde Aimee zu singen aufgefordert. Bereitwillig setzte sie sich an das Piano, und bald lauschte alles wie verzaubert der herrlichen Stimme, die das wehmütige Lied „Heimat, süße Heimat" mit wahrer Vollendung vortrug. „Warum wählten Sie gerade dieses Lied?" fragte Richard, als es ihm später gelungen war, die Sängerin in denr kleinen Gewächshause ihrer Wirtin allein zu sprechen. „Warum? — ich weiß es kaum. Vielleicht —" mit einem verräterischen Beben in der Stimme — „weil ich selbst keine Heimat habe." ^Ein Band zwischen uns", bemerkte er ernst und bewegt. „Tenn ich bin nur ein Wanderer und werde es vielleicht bis zum Ende meiner Tage bleiben, wenn ich nicht —, wenn ich nicht — ein Wesen finde —" Etwas verwirrt brach er ab, aber ihre Augen begegneten einauder und die peinigen erzählten besser als Worte, was er zu sagen hatte. Heiß errötend senkte Aimee das Köpfchen unter seinem wartenden Blicke,' aber als sie nach einigen Sekunden schüchtern wieder aüfsah, las Mchard die ersehnte Antwort in den lieblichen Zügen. Er wußte, daß er von nun an eine Heimat habe in dem treuen Herzen einer liebenden Braut. 3. Kapitel. So beglückt sich auch Richard Morgan fühlte in dem festen Besitze seiner liebreizenden Braut, so waren es doch recht ernste Gedanken, die ihm von nun an manche Stunden trübten. Sorglos, sich stets einer gewissen Unabhängigkeit erfreuend, hatte er bisher dahingelebt, und nun fiel es ihm chwer auf die Seele, daß er in seinem Berufe sich keine rchere Existenz geschaffen hatte. Weltklugheit hatte er nie wseffen und war stets mehr geneigt gewesen, zu brechen £3 zu bregen; nun machte er sich, vielleicht ungerecht bittere Vorwürfe über seine Vergangenheit. Seine Vermögens- losrgkert war die einzige Schranke, die sich zwischen seine baldige Verbindung mit Aimee stellte, und er grämte sich fast unablässig daxüber. Sie aber, vor der sein ganzes Inneres offen lag, suchte ihm alles leicht zu machen,' und pft gelang es ihrer sinnigen Heiterkeit, die Sorgen von seiner Miene und den Kumnler aus seinem Gemüt zu scheuchen. „O, ich fürchte mich vor nichts, jetzt, da ich nicht mehr allein bin!" sagte sie ihm; und der Widerhall vergangenen Leid's in ihrer Stimme wurde von einer neuen freudigen Zuversicht übertönt, so daß er es als eine Feigheit empfand, den frohen Mut des jungen Kindes nicht zu teilen. „Aber ich habe nie halb so viel verdient, als ich gesollt hätte, und gar keine Ersparnisse gemacht", beschuldigte er sich einst wieder, als sie an einem Märzabende in Sicht des großen weißen Hauses, sozusagen unter den Augen Von Aimee's treu besorgter, mütterlicher Freundin, unter dm knospenden Zweigen einer stillen Allee einherwandelten. ^,Sehr wenig ist mir von meiner Familie zugekommen; mem Liebling, Du wirst sehr arm mit mir werden!" Sie schüttelte energffch das feine Köpfchen. „Mcht, was ich arm nenne, Mchard. Geld macht nicht all unfern Reichtum aus." ‘ 1 „Aber einen sehr schätzenswerten Teil davon, mein Kind; auf alle Fälle ein Etwas, das ivir nicht entbehren können. Um Deinetwillen wünschte ich mehr davon zu besitzen." „Dann wünsche um meinetwillen nichts Derartiges", kam die rasche Antwort. „Das Geld macht so wenig glücklich, ich weiß es, Papa und ich hatten nie Viel davon, aber wir brauchten es nicht. Er schien immer zu fürchten, daß ich nach Reichtum Verlangeu trage, und warnte mich stets vor dessen Gefahren. Es freute ihn innig, wenn rch ihn versicherte, daß mir am Gelde nichts liege." „Mer mein unpraktischer kleiner Liebling, Dein Vater kannte doch dessen Wert so gut, daß er hart arbeitete, um etwas für Dich beiseite zu legen." „Ach, und ob er arbeitete!" sagte Atmee, und ihre Stirnme bebte in verhaltener Wehnnrt bei der schmerzlichen Erinnerung. „O, Richard, Du weißt nicht, wie er sich förmlich zwang, Jahr um Jahr nichts als Kopieen anzufertigen. Nur für solcye sei er der Bezahlung sicher, sagte er stets; mit Originalen sei ein Risiko verbunden. Und _ es war alles für mich, und alles ging verloren. O bitte, laß uns mcht nach Reichtum streben, wir beide können ihr: recht gut entbehren." „Wir beide" — er wiederholte die traulichen Worte, die für den Augenblick wenigstens seine Befürchtungen von der Zukunft zum Schweigen brachten. „Sei es denn so, mein Liebling, wir wollen tapfer unser neues Leben beginnen. Es müßte seltsam zugehen, wenn ich nicht bald ein passendes Heim für Dich bereiten könnte." „Und darf ich dabei helfen?" frügte Aimee schüchtern. „Man sagte mir früher oft, daß ich durch Musikunterricht verdienen könne. Ich wünschte es stets, selbst als Papa noch lebte, aber er wollte nichts davon hören. Jetzt könnte ich es versuchen, während wir warten." „Nein, mein Liebling", versetzte Mchard zärtlich. Wir werden nicht lange zu warten haben, und ich könnte es ebenso wenig ertragen wie Dein Vater, Dich in anderer Dienste zu sehen. Die große Frage ist nur die, wo wir unser Heim aufschlagen werden!" „Wo? Ei, in England, bat Aimee, „ich sehne mich so, dort zu wohnen." „Sei es denn in England, wenn sich das irgendwie ausführen läßt. Das Schlimmste ist nur, Leute meiner Art gibt es hort schon so viele und der Kampf um's Dasein wird deshalb doppelt so schwer sein, als anderswo." Daun bestimme alles, wie Du es am besten findest", sagte Aimee. „Wer", fügte sie sehnsüchtig bei, „England gefiel mir so gut, als ich vor vielen Jahren mit Papa dort war. Er malte damals für ein Londoner Haus und nahm mich mit hinüber. Ich erinnere mich kaum noch an etwas, ausgenommen schöne Felder mit gelben Blumen, die wie kleine Glöckchen äussahen, und weiße blühende Heckenzäune. Ich meinte damals, es könne nirgends schöner sein auf Erden, und Papa versprach mir, wir würden dort wohnen, wenn wir reich genug wären." „Und nun wirst Du mit mir dort wohnen, mein Liebling", tröstete Richard. „Lebte damals Deine Mutter noch?" „O nein, ich erinnere mich ihrer gar nicht. Sie starb in Antwerpen, als ich noch ein kleines Kind "war. Bis zuletzt konnte Papa kaum vou ihr sprechen. Nur einmal sagte er mir, daß er mit ihr auch alles Verlangeu verloren habe, in sein Vaterland zurückzukehren. Doch als ich heranwuchs, und mich nach England sehnte, änderte er mir zu Liebe seine Pläne. Ein Jahr später waren ivir dort gewesen." „Hatten Deine Eltern noch Verwandte dort?" „Ich glaube nicht, wenigstens sprach Papa zu mir nie davon. Du siehst, außer Dir habe ich niemand aus der Welt." „Wer mit mir fühlst Du Dich doch nicht so sehr verlassen?" fragte er innig und nahm als Antwort den langen Händedruck, mit dem sie sich trennten; denn vom nahen Kirchturme schlug es sechs Uhr, die Stunde, die Fräulein Osborne für Aimees Rückkehr festgesetzt hatte. Wer am Wende des nächsten Tages erschien Richard Morgan im St. Marienhaus — wie Fräulein Osborne ihre Anstalt nannte — mit Nachrichten, die diesen kurzen Trennungen ein baldiges Ende verkündeten. Des Morgens hatte Herr Colgville seinem englischen Gehilfen die Leitung eines neuen Unternehmens in St. Petersburg angeboten, und die Mttagspost hatte einen Mief aus England gebracht, der eine sofortige feste Anstellung in der alten englischen Stadt Nyrwich in Aussicht stellte, unter Bedingungen, die durchaus nicht unannehmbar waren. „Also stehen Sie nun vor der Qual einer Wahl, meine Lieben", sagte Fräulein Osborne heiter, die auf ihren Ruf ans einem Labyrinth! von Miefen und Rechnungen von dein einen Ende des langen Gemaches zu der entfernten Ecke kam, wo Aimee ihre kleinen Schätze, Bücher, Bilder und eine viel gebrauchte Staffelei ausgestellt hatte. „Ueberlegen wir jetzt reiflich das Für und Wider beider Pläne", sagte sie Platz nehmend. „England öder Rußland? Letzteres gefällt mir, am wenigsten; also hören imr zuerst, was sich dafür sagen läßt." „ „Daß es eine sichere Anstellung für drei Jahre Ware , versetzte Richard Morgan — „mit einem festen guten Ge- halte, und daß ich", fügte er leise Lei, „Aimee sogleich mit mir nehmen könnte."- In holder Verwirrung mit glühenden Wangen fuhr Aimee auf. Fräulein Osborne strich ihr liebevoll über das wellige Haar: „Erschrecken Sie nicht, mein Kind; „sogleich" bedeutet weder heute noch morgen, obschon Sie dies ja wünschen müßten. Bitte weiter, Herr Morgan. Nach Ablauf dieser drei Jahre wären Sie — ?" „Genau, wo ich eben bin, ausgenommen, wenn das Untermehmen besonders gewinnbringend sich erwiese, wenn Herr Colville mit meiner Arbeit zufrieden wäre —" „Und wenn er weitere Beschäftigung für Sie hätte", ergänzte Fräulein Osborne lächelnd. „Hm, ein solches Anerbieten scheint mir wenig verlockend. Was verspricht die andere, Herr Morgan?" „Sie sollen alles hören, was ich selbst davon weiß", versetzte dieser, indem er einen Brief in weiblicher Handschrift hervorzog und vorlas, mit der Mitteilung, daß er von seiner einzigen Schwester sei. (Fortsetzung folgt.) Serbien. LandundLeute. Serbien ist im großen und ganzen ein unbekanntes Land. Wir wissen, daß Belgrad seine wichtigste Stadt ist, daß es schöne Eichenwälder besitzt und die Schweinezucht dort blüht. Von feinen staatlichen Einrichtungen, vom Aufkeimen der Maste uno Wissenschaften aber vernehmen wir wenig. Es mag daher an der Zeit sein, hier einiges über das Land zu sagen, wobei wir für den beschreibenden Teil das große Werk von F. Kanitz „Serbien, statistisch-ethnographische Reisestudien" zu Grunde legen, da ein besserer Führer in keiner Sprache vorhanden ist und seine Angaben auch heute noch nicht für veraltet gelten können. Serbien ist etwa so groß wie die Rheinprovinz. Wicken wir auf die Karte, so erkennen wir, daß es die Gestalt eines Vierecks hat, das im Norden durch die Donau und Save, im Westen durch die Drina, im Osten durch den Timok und im Süden durch eine Anzahl Gebirgszüge begrenzt wird. Mit Ausnahme weniger Strecken im Norden ist das Land gebirgig und von zahlreichen, hier Planina genannten Bergketten durchzogen, die auch seine West- und Ostgrenze umwallen und im Nordosten sich als Fortsetzung der sieb'en- bürgischen Alpen zu erkennen geben. Ter höchste Berg des Landes liegt im Süden an der türkischen Grenze. Es ist der Kapawnik (1900 Meter). Die Taler der fast durchweg von Süden nach Norden strömenden Flüsse sind die Kulturzentren und Schlachtfelder des Landes, zum Teil aber, wie die Berge selbst) noch mit dichten Waldungen bedeckt und nur durch einige Talpforten öder beschwerliche Gebirgspässe miteinander verbunden. Außer den Grenzströmen ist noch die Morawa zu nennen, der Hauptfluß Serbiens, der durch die Vereinigung der serbischen und bulgarischen Morawa gebildet wird. Von dem kleinen Karstgebiet der Golubinje und Planina abgesehen, ist fast ganz Serbien bei der geringen Höhe und Ausdehnung, welche die Gebirge erreichen, anbaufähig, und das Land besitzt fasst überall guten, zum Teil sehr fruchtbaren Boden. Auch das Klima ist der geringen Meereshöhe entsprechend günstig, an Niederschlägen im Sommer mangelt es nicht. An inneren Schützen sind die Berge Serbiens reich, doch liegt der Bergbau, so blühend er im Mittelalter gewesen ist, heute darnieder, da die Serben sich nicht darauf verstehen, es auch, an Geld fehlt und die Ausbeutung durch Fremde nicht'gern gesehen'wird. Serbien ist heute ein Ackerland, 90 Prozent der Bevölkerung sind Bauern. Der Ackerbau steht freilich auf einer sehr tiefen Stufe und ist kaum mehr als Raubbau. Nur etwa ein Siebentel des Landes isst angebaut. Jedem Fortschritt abhold, gegen alle Fremden mißtrauisch, dabei sehr bedürfnislos, verharrt der serbische Bauer beim Hergebrachten. Nach wie vor macht ihm der Zigeuner den urtümlichen Pflua, der eine ungeheure Verschwendung von Kraft und Zeit bei Zugtier und Mensch erfordert und doch nur den Boden oberflächlich rrtzt. Nach tote vor wird das Getreide durch Pferde ausgetreten oder mit dem Dreschschlitten von den Aehren, durch den Wind von der Spreu gesondert. Bis tief in das vorige Jahrhundert hinein war Serbien ein großes Waldgebiet. Die ungeheuren Wälder, die uns die Kreuzfahrer schildern, sind erst im Lause der letzten sechzig Jahre gelichtet worden. Die Schumadia, das Herzland Serbiens, in Hessen Mitte Kragujewatz liegt, war während der Befreiungskriege ein mächtiger Wald, eine Zuflucht für die Bedrängten. Als Serbien in den europäischen Verkehr hineingezogen wurde und sich Absatzgebiete für Holz fanden, begann eine grauenvolle Verwüstung. Die Ziegen und Schweine sorgen dafür, daß kein Wald wieder wächst. Nur Abgelegenheit und Unwegsamkeit schützt den Wald.' Immerhin giebt es noch größere, zusammenhängende Waldgebiete. Die Eiche herrscht als Wäldbaum vor, daneben finden sich Buchen, Eschen,' Ulmen und Birken. An die. Eichen- und Buchenwälder knüpft sich Serbiens Viehzucht. Hier nähren sich vor allein die großen Schweineherden. Die Schweinezucht allein liefert in vielen Gegenden den Bauern Einnahmen. Die Ausfuhr von Weh, besonders von Schweinen, giebt Serbien die Mittel zum Ein-, kauf der Erzeugnisse europäischen Gewerbefleißes. Tie gewerbliche Tätigkeit ist an und für sich sehr gering und steht auf niedriger Stufe. In dem Lande wohnt das südslawische Volk der Serben, die ajnes Stammes, einer Sprache mit den Slawonicrn, Kroaten und Dalmatinern Oesterreichs, sowie mit den Bosniern und Herzegowinern sind. In der vollen Eigentümlichkeit seines Charakters und unberührt von fremden Eim flüssen findet man noch heute das Serbenvolk in dem von der Morawa, der Drina und dem Jbär umflossenen Gebiete, in jenen engen Bergregionen und düsteren Forsten^ die dem serbischen Freiheitskampf seine besten Führer und Streiter gaben, dort, wo sich das serbische Element ebenso rein erhielt, wie es an der' Donau im steten Verkehr mit Magyaren, Deutschen und Rumänen in seiner Ursprünglichkeit gelitten hat. Ter Serbe zeichnet sich durch ein scharfes Gesichtsprofil und kräftige Formen aus. Er ist an Wuchs eher klein als groß, breitschultrig, selten-korpulent. Ter Kops zeigt gute Verhältnisse, die Backenknochen sind hervorragend und die Nase oft von schönem Adlerschnitt. Tas Haar ist metft blond oder braun, seltener schwarz. Ter Bauer trägt nur Schnurrbart, während der Geistliche sich stets durch einen Vollbart auszeichnet. Schwarzes Haar gilt den Fraueni in den Städten als eine unentbehrliche Zierdej, weshalb die blonden Frauen es allemal färben. Schön ist die serbische Frau nicht, aber die Gesichtszüge sind regelmäßig. Von Charakter ist der Serbe im allgemeinen duldsam und gastfrei. Seine kriegerischen Tugenden, die schon die Byzantiner rühmten, werden von keiner Seite angezweifelt. Voll stolzen Selbstgefühls, ist er klug, ja schlau und läßt sich niemals einen Vorteil »ntgehen. Er betrügt dabei selten, doch wird es andern schwer, ihn zu überlisten. Dabei weicht er vor keinem "in seinem Recht zurück. Eher läßt er es auf ein eit Prozeß ankommen, und in diesem Falle ist er sich selbst der beste Advokat, wobei ihn seine große Redefertig- keit unterstützt. Ter Serbe erhitzt sich gern int Streit, geht aber nur selten zu Tätlichkeiten über. Tuelle und Blutrache sind ihm unbekannt. Trotz seinem scharfen Verstände bildet das religiöse Moment, die Neigung zum Mystischen, einen Grundzug seines Charakters. Sehr oft artet cs in Vorurteile und Aberglauben aus. Es gibt unzählige ungünstige und böse Vorbedeutungen, die Glück und Unglück verkünden. T-er persönliche Verkehr zwischen allen Klassen, zwischen Reich und Arm in Serbien ist äußerst ungezwungen. Es gibt keine durch Titel oder Rang hervortretenden künstlichen Standesunterschsiede. Indem die Türken den Adel gleich Hörigen zum Rajah erniedrigten, haben sie die Grenzen zwischen beiden völlig verwischt. Ter englische Reisende Eduard Brown fand noch im 17. Jahrhundert serbische Mädchen, die von königlichem Blut abstammten, vor den Pflug gespannt. Bei großer Neigung für Poesie und Musik zeigt der Serbe gegenwärtig noch wenig Sinn für die bildenden Künste und noch weniger für das Handwerk. Er besitzt rasche Auffassungskrast und auch sonst manche Talente, die er daheim beim Anfertigen seines bescheidenen Hausgeräts bekundet. Tas Handwerk als Lebensberuf erscheint aber in seinen Augen als eine verächtliche des Mannes unwürdige Beschäftigung. Ta viele ber, einwam- dernden Deutschen größtenteils ein Handwerk treiben und für den Serben arbeiten, blickt dieser verächtlich auf sie herab. Versuche, welche die Regierung anstellte, die Gewerbe im Lande einzubürgern, mißglückten. So bleibt der Serbe Hirt und Bauer, und tritt er aus den gewohnten Ver- 360 hältuissen des Elternhauses heraus, so wird er am liebsten Beamter oder Soldat. Betrachten wir die Kulturzustände des Landes, das den Anspruch darauf macht, der Kernpunkt des zukünftigen Südslawenreiches zu werden. „Die erste und schwerste Steuer, welche das Land und die Arbeit zu zahlen haben, sind die Transportkosten. Sie nehmen im geometrischen ärerhält- nisse zu, während die Entfernung vom Markt im arithmetischen wächst," Dieser Ausspruch Careys bewahrheitet sich auch in Serbien. Bis Ende 1896 waren nur 570 Kilometer Eisenbahnen vorhanden. Die Verkehrswege im Innern sind zum Teil ganz mangelhaft, und so ist auch im Gegensatz zu Bulgarien der Innenhandel nur unbedeutend und nicht sehr nutzbringend entwickelt. Die Levante-Donaulinie an der Nordgrenze sowie das Mora- watal mit seinen zwei Ausgängen nach Uesküb-Saloniki und Bulgarien-Konstantinopel beherrschen den ganzen Verkehr Serbiens. Was außerhalb dieser Straßen liegt, kann durchaus als verkehrsfern bezeichnet werden. Außer der kurzen Thimoktalbahn längs der bulgarischen Grenze Haben wir die Bahnstrecke der Orientlinie Belgrad-Msch-Zaribrod mit der Abzweigung Nisch-Wranja und mit ihrer Fortsetzung über die Grenze nach Saloniki sowie zwei kürzere Seitenlinien nach Semendria und Kragujewatz. Schon aus allen hier gemachten Andeutungen geht hervor, daß ein eigentlicher Bürgerstand in Serbien fehlt. Nur schwache Ansätze zu einem solchen sind vorhanden; ebenso wie das Land nur eine einzige Staot von nennens- iverter Bedeutung hat. Es mögen etwa 54 000 Personen sein, die zusammen die Bevölkerung der serbischen Hauptstadt Belgrad, und zwar eine recht bunt zusammengewürfelte Bevölkerung, ausmachen. Belgrad ist die Festung, die einst der edle Prinz Eugen dem Kaiser wiederbrachte. Seine hohe Bedeutung in alter und neuer Zeit verdankt Belgrad vor allem seiner glücklichen geographischen Lage. Auf und an der Terrasse eines Ausläufers der Audniker Bergkette iind am Zusammenfluß der Donau und Save gelegen, bildete es von seher den schon von der Natur bestimmten Stapelplatz für die unteren Donauländer. Schon ‘tat Beginn dieses Jahrtausends war Belgrad als „Alba graca" eine der wichtigsten Tauschstätten zwischen dem Morgen- und Abendland. Seine bevorzugte Lage gab ihm aber zugleich eine hohe strategische Wichtigkeit. Während der Völkerwanderung bis zur Gründung des Serbenreiches war Belgrad ein steter Zankapfel zwischen Avaren, Bulgaren, Magyaren und Byzantinern, um nach der Eroberung durch die Türken für immer mit dem Schicksal Serbiens verknüpft zu werden. Der Fremde, sagt eilt Beobachter, der nach Belgrad kommt in der Erwartung, hier eine Vereinigung von abendländischen und orientalischen Einrichtungen zu finden, wird arg enttäuscht. An allen Ecken und Endett merkt man das Bemühen, Belgrad modern zu entwickeln. Es verfügt über eine gut angelegte Wasserleitung, es besitzt eine Pferdebahn, es hat in einigen Straßen gute Bürgersteige, es kann sich sogar der Anlage von Boulevards rühmen. Dagegen ist von Bauten und Straßen orientalischen Charakters nichts zu bemerken, und nur in den Vorstädten ziehen sich enge, duinpfe und schmntzige Gassen hin, die mit ihrer Unsauberkeit, ihren verfallenen, kleinert Häuser sowie mit ihren primitiven Verkaufsläden an die unangenehmen Eigenschaften des Orients erinnern. Es fehlt Serbien an Bargeld und Unternehmungsgeist, noch mehr aber an Neigung, Fremde und fremdes Geld sich tat Lande an der Erschließung der reichen, aber völlig unentwickelten Hilfsquellen betätigen zu lassen. Es fehlt an Vertrauen auf Serbien im Auslande. Die Leitmtg des vielfach von Parteiungen zerrissenen, überall Spuren starker Korruption anfweisenden Staates ist weit hinter den Ansprüchen zurückgeblieben, die er macht, das Piemont der Südosthalbinsel zu.werden. Die Fortschritte, die der Staat seit Erringung der Freiheit gemacht hat und noch macht, find ja unverkennbar, aber doch sehr langsame. Sie erfcheinen noch langsamer, wenn man sie mit denen Bulgariens in der so kurzen, keineswegs einer ruhigen Ent- wicklung günstigen Zeit seit Abschüttelung des türkischen Joches vergleicht. Schon heute scheint Bulgarien Serbien zu überflügeln, tvährend die Besetzung Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich vorläufig allen hochfliegen- den Plänen der Serben ein unüberwindliches Hindernis entgegensetzt. Es erscheint dies um so verhängnisvoller, als Serbien mit seinem ganzen wirtschaftlichen Dasein auf Oesterreich-Ungarn angewiesen und von ‘ diesem ob* hängig ist, ferner ein wichtiger Teil der serbischen Nation aus ungarischem Boden wohnt und dort unter deutschem Einfluß eine etwas höhere Kultur angenommen hat. Auf dieser Abhängigkeit, wie auf der auch von ihnen vielfach erfahrenen Undankbarkeit Oesterreichs, d