1903 Nr. 74 W^WMM^ÄMW 5 : £> ^<2 ?£« (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Str Neville lächelte etwas über ihre Offenherzigkeit. Nell mochte selbst nicht sehr klug sein, jedenfalls aber war sie eine treugesinnte Freundin, um den üblen Ruf, in den sie die Sache gebracht hatte, zu ertragen, ohne einen Versuch, sich durch den Verrat einer Freundin davon zu befreien. Ties war aber natürlich nicht der amtliche Gesichtspunkt, den er einzunehmen gehalten war. Er hustete heftig und sah sie scharf an. „Glauben Sie nicht/", sagte er, „daß Sie im Interesse der Gerechtigkeit die Pflicht gehabt hätten, offener zu sein?" „O Sir, fördert man das Interesse der Gerechtigkeit gegen seine Freunde?" „Man sollte es", war die rasche amtliche Antwort. „Und dann hat mich auch niemand etwas befragt, was einen Zweifel gegen sie enthalten hätte. Man hielt es sür ausgemacht, daß ich der Tieb wäre, die Geschworenen, wie alle andern. Sie erinnern sich dessen wohl?" Ja, Sir Neville erinnerte sich dessen. Und wie er jetzt in das reine und süße Gesicht vor sich sah, verwunderte er sich, wie die Leute solche Esel gewesen wären und vergaß, daß er selbst einer dieser Esel gewesen war. „Nun", sagte er mit einem noch hochtrabenderen Tone als je, „Sie gaben wirklich Ihre Zeugenaussage so überaus schlecht, mit einer so scheinbaren Abwesenheit aller Aufrichtigkeit ab, daß dies den Irrtum der Leute einigermaßen entschuldigt." „Es geschah, weil ich inich so elend fühlte, Sir, elender als irgend ein anderer, weil ich gewissermaßen die Wahrheit wußte." „Sie hätten auch den Gerichtshof sie wissen lassen sollen."" „Sir, wenn es sich nur um die Diebereien gehandelt hätte, so würde ich's wohl getan haben", antwortete sie ernst. „Ich befand mich! in" solcher Unruhe mit meinem Verdacht, daß ich einen meiner Freunde"" — ihr Erröten verriet sie — „bat, zu mir zu kommen, um seinen Rat einzuholen. Doch ehe ich noch Zeit hatte, ihm zu sagen, was mich in Schrecken versetzte, fand der Mord statt. Nun aber wagte ich's nicht." „Ja, ja. Es war jammerschade", sagte Sir Neville. „Sie würden sich selbst viel Elend erspart, und es würde der Dame, tote Sie ja sehen, nicht geschadet haben. Und nun möchte ich. gern, toemt es Ihnen gefällig ist, noch einige Auskünfte in Betreff der Nacht des Mordes haben. Hörten Sie oder hörten Sie nicht, nachdem Sie mit Miß Bostal zurück- gekehrt waren, jemand aus dem Hause hinausgehen oder hereinkommen. „Ich — ja, ich hörte etwas", stammelte Nell. „Was war es?"" „Fastunmittelbar nachdem mich Miß Bostal in der Küche verlassen hatte, hörte ich die Hintertür öffnen und schließen." „Ah! Gingen Sie nachzusehen, wer die Tür geöffnet hatte?" „Nein." „Ich vermute, daß Sie sich bei dem Klange ettoodi dachten. Was war es?" „Ich dachte, es wäre Miß Theodora. Sie lief immer ab und zu in den Garten, sei es, um die Hühner zu füttern oder nach Eiern zu sehen oder Holz von dem Stoße zu selten des Hauses zu holen, oder Wasser vom Brunnen." „So, daß sie zunächst dachten, sie wäre es, und sich nicht weiter darüber beunruhigten?" „Ja." „Hörten Sie oder glaubten Sie zu hören, daß sie wieder her ein kam?" Hier trat eine Pause ein, dann flüsterte Nell: „Ja.7 „Wann war es?" „Es war — eine lange Weile nachher, gerade als ich den Tee in das Speisezimmer trug." Sir Neville legte die Feder nieder, die er in Händen gehalten hatte, schlug die Hände zusammen und sah sie über den Schreibtisch mit aufgebrachter Miene an. „Aber mein liebes Kind, warum sagten Sie das dem Coroner nicht?" „Ich konnte es ihm in Beantwortung der an mich gerichteten Fragen nicht sagen", antwortete Nell bestimmt. „Erinnern Sie sich nicht, daß mait mich nichts weiter gefragt hat, als ob ich außerhalb des Hauses gewesen wäre, nicht ob ich irgend jemand andern hinausgehen oder hereinkommen hörte." Sir Neville entwerte sich. Er richtete eine andere Frage an sie. „Ich habe von einem Berichte gehört, daß ein Segel- tnchbeutel, das für die schiffbrüchigen Seeleute am Abend vor dem Wahnsinnsausbruche Ihres Onkels gesammelte Geld enthaltend, in Ihrer Stube gefunden worden ist. Ist das wahr?" „Nein, Sir. Meg, die Magd meines Onkels und ich fanden ihn auf einem Strohteller am Fuße der Treppe. Und das ist ttutt wirklich alles, was ich zu bekennen habe, Sir", sagte Nell mit einer Miene der Erlösung. „Nun, es ist glücklicherweise hinreichend fiir unfern Zweck"", sagte Sir Neville, indem er aufstand, um die Klingel zu ziehen. „Und nun muffen Sie in den Salon gehen und sich von Lady Neville ein Glas Wein geben löffelt. Sie sind etwas von einer Heroine, obschon Sie sicherlich nicht viel dazu beigetragen haben, den Gang der Gerechtigkeit zu bescüleuitigen", schloß er mit einem würdevollen Schütteln des Kopfes. Doch Nell lehnte es ab, in den Salon geführt zu 294 — des und ein ' „Wie könnte sie bei einem so kurzen Vorsprung das: Weite gewonnen haben?" fragte Hemming ungläubig. „Ich weiß es zwar nicht. Es ist ihr aber gelungen. Ich gehe jetzt, das Haus zu durchsuchen; darum geben Haftsbefehl?" „Ja, Sir." eichtn Die vordere Eingangstür war von dem Obersten offen gelassen worden, den der Sergeant im Speisezimmer sitzend fand, mit dem Kopf über die verglimmenden Kohlen gbb^Bitte um Verzeihung, Sir, aber ich muß das Haus noch einmal durchsuchen." Der alte Herr gab nickend seine Zustimmung und der Beamte zog sich wieder zurück. Vom Erdgeschoß zum ersten Stockwerk, vom ersten Stockwerk zum Dach durchsuchte er alle Winkel. Nicht ganz vergeblich. Denn obschon er Miß Bostal nicht fand, so fand er doch hinlängliche Beweise ihrer raubfüchtigen Gewohnheiten, um jeden Gerichtshof wenigstens von ihrer Schuld an den geringeren Verbrechen des Diebstahls zu überzeugen. , , Untei den Dielen der Dachstuben, sowie emgenaht •nt der Matratze des eigenen Bettes der Dame, rn Löchern der außer Gebrauch gesetzten Schornsteine der Kamine versteckt fand der Beamte emen Haufen ebenso verschiedenartiger, wie sie des Verbrechens überführender 1 t cßAhlrt* nn a ivt (cAti nor itrtn (nOLi). „Für wen?" „Für Miß Bostal." Und der Polizeibeamte setzte die Durchsuchung Gartens und Hauses nach der Dame, die in so geheimnisvoller Weise verschwunden war, fort. „Dann ist es Miß Bostal — nach der George Claris so dringend verlangt?" Der Gastwirt, der jetzt in eine dumpfe Stille uno Ruhe versunken war, hatte seine Aufmerksamkeit ganz auf die vordere Eingangstür gerichtet. Es war Hemming, der antwortete: „Ja, Sir. Er ist noch nicht ganz bei fich, aber nicht zu weit davon entfernt, um uns nicht nützlich gewesen zu sein. Wir haben ihn die letzten Tage immer unter den Augen gehabt, und so oft er eine Gelegenheit findet, stürzt er geradezu auf dieses Haus fort und verlangt lärmend nach der Frau, die ihn beraubt hat. So nahmen wir , ÖCT|uJlcuCuu^llti<.«,, . ihn denn mit, um ihn ihr gegenüberzustellen. Sie gab Gegenstände. Geld in Papier und rn Silber und Gold, uns hierzu keine Gelegenheit, bis wir den Haftsbefehl Schmuck von meist nur geringem Wert und anscherneno hatten." neu aus Läden gestohlen, ein halbes Dutzend Herren- „Es scheint, daß sie Ihnen selbst jetzt die Gelegen- ut)rat, Bleistifthalter, Börsen, Stucke von Zeug und von heit nicht dazu geben wird", bemerkte Clifford. Spitzen, Visitenkartentäschchen, silberne Löffel und Gabeln Hemming stellte sich, als ob er ihre Verhaftung nur bildeten einen Teil dessen, was er gefunden hatte für eine Sache von einigen Minuten hielte, und blieb Das meiste war mit dem Staub von fuhren bedecrr, ruhig auf seinem Posten, um die vordere Eingangstür das Gold und Silber angelaufen und durch Alter uno zu überwachen, während die Polizeibeamten die hinteren ! Feuchtigkeit seiner Farbe beraubt. Im ganzen eine - Räume durchsuchten. Doch sah er keineswegs so ver- I Ueckliche Sammlung, deren Wert sich etwa aus emig trauensvoll ans, als nach seinen Worten zu erwarten hundert Pfund belaufen konnte. gewesen wäre. I (Schluß folgt.) In der Tat hatte er Grund, sich unbehaglich zu I -- fühlen. Er war es gewesen, der zuerst Verdacht gegen । Miß Bostal gefaßt batte, und indem er mit der Ortspolizei gemeinschaftlich handelte, hatte es alles Scharfsinns, Hessen er Meister war, bedurft, hinlängliche Beweise gegen sie aufzutreiben, um die Erlassung eines Haftbefehls zu rechtfertigen. Der Anblick einer alten Narbe aus einer ihrer kleinen Hände, bei Gelegenheit eines seiner chingle End, hatte ihn auf den Gedanken könnte vielleicht das Frauenzimmer sein, werden, lehnte es ab, sich, ehe sie fortging, selbst nur ein Glas Wem oder eine Tasse Tee in bas Studierzimmer bringen zu lassen. Sie war blaß, zitternd, elend. Aber sie fühlte, daß sie des Alleinseins bedürfte, um sich die Augen auszuweinen über die furchtbare Tatsache, endlich doch gezwungen worden zu sein, dem Gerichte Bei- . . , „ „ . ... e stand zu leisten, dem sie den Verbrecher gern entzogen I Besuche in Shingle End, hatte ihn auf den Gedanken hätte, wenn es ihr möglich gewesen wäre. Eine Frage gebracht, sie könnte vielleicht das Frauenzimmer sein, hatte sie jedoch ihrerseits an den Friedensrichter zu stellen, dessen Hand er in emem Gasthof mit emem Zündhölzchen fie ficft üoti ihni j UcxbrciTiTtt tjcitte. , Sie werden sie doch für wahnsinnig erklären? natür- Es hatte aber sehr lange gedauert, ehe er darauf lich werden Sie's, nicht?" fragte sie angstvoll, doch eine Klage zu gründen vermochte, bis er endlich aus mit dem Versuch der Bejahung ganz sicher zu scheinen, den Einfall geriet, den fetzt nur noch halb wahnsinnigen Sir Nevills Antwort war aber nicht eben beruhigend George Claris dabei zu benutzen, den er den Händen und die Miene, mit der er sie begleitete, war es noch der arglosen Nell unter dem treu gehaltenen Versprechen weniqer entrissen hatte, daß sür ihn Sorge getragen und er ihr Das ist ein Gegenstand, der erst später in Betracht bald wieder zurückgebracht werden sollte. Selbst dann noch zu ziehen ist" I hatten der Polizei große Sebwierigketten im Wege gestanden. Nell schritt mit schwankenden Füßen der Türe zu. Anfangs war Claris trotzig und verschlossen. Aus keine Miß Theodora eine Mörderin! In Gefahr lebenslang- Frage war von ihm eine klare Antwort hinsichtlich der lich zum Zuchthaus, wenn nicht zum Strange verurteilt Begebenheiten der Nacht zu erlangen gewesen, die ihm zu Weden! den Verstand verrückt hatten. Erst kurz vor dem Nachmittag Der Gedanke war überwältigend furchtbar. I dieses Tages hatte er Miß Bostal zum ersten Male namens Nell wankte zu dem Cab und wurde zurück in ihre lich des Diebstahls beschuldigt, und der Polizei hierdurch Wohnung nach Courstairs in einem fast ohnmächtigen genügenden Anhalt für wettere Maßnahmen verschafft. Zustand gebracht, ein paar Minuten, bevor der Polizei- I Clifford hörte m sprachloser Bestürzung zu. sergeant, der sie abgeholt hatte, mit einem Haftbefehl „Weshalb kann sie es dann aber getan haben? Ist sie. für Miß. Bostal nach Shingle End abging. verrückt?" fragte er dann «o , Hemming zuckte die Achseln. 23. Kapitel. I „Sieht nicht gerade verrückt aus, den Mann er» Schluß. schossen zu haben, der gegen sie aussagen wollte", sagte Der Polizeisergeant, der den Verhaftsbefehl für Miß er trocken. Bostal nach Shingle End gebracht hatte, hatte bis dahin „Gerechter Gott! So denken Sie, daß sie — noch nicht Gelegenheit gefunden, ihn dem Obersten vor- I Es war ihm selbst noch jetzt fast unfaßbar, daß zuzeigen. Jetzt aber, da die Dame verschwunden und I die spröde, kleine alte Jungfer, die es so anstößig gesunden es nötig geworden war, den Platz sorgfältiger zu durchs I hatte, ihn Sonntags auf einer Landstraße im Sommersuchen, wendete sich der Sergeant ehrerbietig an den anzug gehen zu sehen, sich der wohlüberlegten Verbrechen alten Herrn, um ihn zu benachrichtigen, aus wessen Befehl schuldig gemacht haben sollte, die ihr jetzt zur Last ge- er hier handle. I legt wurden. Oberst Bostal, der die Absicht des Mannes erriet, I Während der Stille, die seinen Worten folgte, trat fuhr entsetzt zusammen, und, ohne die Erllärung des einer der Polizei von Stroan heran. „Sie ist uns ent- Mannes anzuhören, noch den Verhaftsbefehl zu beachten, wischt", sagte er mit leiser Stimme , „Wir haben den zog er sich hastig in das Haus zurück. I ganzen Platz ab gelaufen. Sie hat auf keine Weise ins Haus Clifford war jedoch des Papiers in der Hand des zurückkommen können." . . . Beamten ansichtig geworden und etwas von der Wahr- r"~ heit wurde ihm plötzlich klar. Es traf ihn so unerwartet, daß. ihn der Schreck übel und schwindlig machte. raa bedurfte einiger Augenblicke, ehe er mit heiserer bebender Stimme zu fragen vermochte: „Ist das 295 Schmücke dein Heim! Von Joses Aug. Lux. Wohnräume spiegeln immer den Geist ihrer Bewohner. Gleichviel, ob ste mit reichen oder geringen Mitteln aus- §bstattet srnd. So werden sie zu Verrätern, und der über- flusftge Aufwand, der sogenannte Luxus, der vielfach für Geschmack genommen wird- offenbart nur zu oft, was er eben zu verhüllen strebt: die Geschmacklosigkeit. Das ist kapriziöse Geschichte: Geschmack ist nicht immer für Geld zu haben. Auch nickt für viel Geld. Es ist damit fast wre mrt der Liebe. Eine Angelegenheit des Herzens und Nicht des Geldbeutels, oder nicht in erster Linie. Die ärmste Hütte kann reicher daran sein als der prunkende Palast. Denn Seelenadel kann auch unter dem fadenscheinigen Kleid und unter dem rauhen Bauernkittel wohnen. Sicherlich wird er auf die Umgebung ausstrahlen, auf die nächste häusliche Umgebung, und dort im Stillen wirken. Ganz unauffällig, groben Sinnen nicht wahrnehmbar. Das „Seelische" ist es, was mich an den Wohnräumen interessiert, das, was menschlich an ihnen ist. Nicht wie sie, eingerichtet, ob kostbar, ob ärmlich. Wenn ich in einem weißgetünchten Bauernhaus sorglich gepflegte Blumen am Fenster sehe, möchte ich am liebsten verweilen. Wie man bei lieben guten Menschen verweilt. Die kahlste Stube, darin Reinlichkeit herrscht und ein paar Topfgewächse stehen oder ein Blütenzweig im Glas, birgt einen Strahl von Schönheit wie heimliches Licht. So ist auch das Leben der blassen Näherin, die dort wohnt, nicht ohne Segen. Allein das Zeugnis, das die Wohnungen für die persönliche Kultur der Besitzer ablegen, bst nur in seltenen Fällen ein günstiges. Ich habe die Wohnungen aller Stände gesehen, und vor allem des Mittelstandes, der den Hauptteil der Stadtbevölkerung ausmacht, und ich habe fast durchwegs nur Variationen eines Themas gefunden, das nichts Erquickendes bot. Auf die falsche Note des erborgten Luxus, der den Schein höher stellt als das ®efin' ist heute noch das meiste gestimmt. An jeder Schwelle, die ich überschritt, hatte ich die Empfindung, als schallte nnr eine widerliche Reklamestimme entgegen: „Schmucke Dem Heim!" Den traulichen Blumenflor, der uns die lebendige Natur, den Frühling in die Stube zaubert, fand ich ersetzt durch die künstliche Palme, eine erbärmliche Karikatur, die ihre starren Blätterfinger ver- verzweiflungsvoll nach allen Richtungen ausstreckt, in der offenbaren Absicht, das Makart-Bouquet traurigen Angedenkens an Geschmackswidrigkeit zu übertrumpfen. Tas beleidigte Auge, das sich von diesem unwürdigen Anblick weg zum Fenster wendet, begegnet dort einer neuen Schmach. Wohlfeile, klägliche Imitationen der Glasmalerei hangen an den Scheiben und wehren dem spärlichen Tages- lrcht in den engen, düsteren Gassen den Zutritt in die dämmerigen Stadtwohnungeu. Resigniert lasse ich mich auf die ach! so wohlbekannte Ripsgarnitur nieder. Doch es könnte auch eine Plüschgarnitur sein, oder eine solche aus Halbseidendamast. Denn ich sehe sie nicht. Sie ist über und über bedeckt mit Milieux und Schutzdeckerln aller Art, welche die „züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder" in den langen Jahren des heiligen Ehestandes gestickt und gehäkelt hat. Als ich mich wieder erhebe, habe ich die Proben des häuslichen Kunstfleißes auf meinem Rücken hängen. Die verlegene Miene der Hausfrau steigert meine eigene Verlegenheit, als ich inne werde, daß die ausgenähten Lappen das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, und nicht nur das Heim „schmücken", sondern auch als cache-misere die Blößen der verschlossenen und zerschlissenen Garnitur sorgsam verhüllen sollen. Ich bücke mich rasch, die verstreuten Fetzen aufzulesen, aber da hätte ich beinahe das Unglück gehabt, von der nahen Konsole das Gelump des unnützen Kleinkrams, jene „Kunstgegenstände" und Geschenksartikel, die wir aus den Schaufenstern der Kronenbazare kennen, die niedlichen Schweinchen, Figürchen, Tellerchen aus Glas und Porzellan, die für wenig Geld viel Geschrei machen, herabzuwerfen und damit das Odium eines ungefügigen Barbaren auf mich zu lenken. Ich brauche kaum zu sagen, daß mich die erlogene Eleganz verstimmte, daß mich die Enge drückte, und daß die beständige Gefahr, ein Unglück anzurichten, mein Benehmen unfrei und linkisch machte. Aber ich fand es nirgends besser. Durchwegs Räume mit mehr oder weniger Luxus, die unseren Geist und unseren Leib fesseln, die nicht geeignet sind, unsere Bewegungen und Geberden maßvoll aufzunehmen, die, angefüllt mit dem Unrat der Geschmacklosigkeit und einer babylonischen Wirrnis von Stilbrocken und Schnörkeln, den Sinn für Einfachheit, Echtheit und Wahrhaftigkeit ertöten. Ich nehme keinen Becher zur Hand, ohne den Leib eines Mönchleins oder Gnomen zu umschließen, jeder Zigarrenabschneider wird mit dem Kopf Bismarck's oder Moltke's maskiert, jedes Gefäß ist überladen mit Blattwerk und Guirlanden, die Wände sind angefüllt mit schlechten Bildern, Fächern, japanischen Schirmen und Photographien. . Die freundlichen Hausgötter der Gastlichkeit und Geselligkeit pflegen nicht in Räumen zu wohnen, wo die Stimme des Herzens nicht ausklingen kann, wo die Persönlichkeit sich im Widerspruch zur häuslichen Umgebung befindet, und wo selbst die Inwohner Fremdlinge sind. Fremdlinge im eigenen Heim. An einem Herd ist nicht gut zu rasten, wo unaufhörliche Dissonanzen herrschen. Die Talmi-Eleganz unserer bürgerlichen Wohnungen, die unter der Devise „Schmücke Dein Heim!" stehen, all die billige Effekthascherei, all der anscheinende Komfort, der keiner ist, weil er nur des Scheins wegen da ist, und nur Plage macht, ohne für etwas gut und nützlich zu sein, mit einem Wort: das Großtun, das ist diese unaufhörliche Dissonanz. Wie gesagt, wer mit feiner Witterung begabt ist, spürt das schon an der Türschwelle. Und all die Nichtigkeiten, die nur da sind, um über den wahren Zustand zu täuschen, werden zu den schreiendsten Anklägern. Kann man wirklich von dem „Geist" oder „Charakter" solcher Mohnräume auf das Wesen der Menschen zurückschließen und den einzelnen verantwortlich machen? Man bedenke: ein Zahnarzt glaubt es sich schuldig, einen Empfangssalon ä la Louis XV. zu besitzen. Die Sache muß möglichst billig sein, darum ist auch das Schlechteste gut genug. Aber immerhin, man sieht doch, daß man auch wer ist! Vor einem ernsten Urteil wird der Zahnarzt kaum als geschmackvoller oder auch nur als gebildeter Mann bestehen. Aber seine Entschuldigung ist, daß es den Leuten gefällt, und die Masse giebt Richtung. Im Großen wie im Kleinen. Sie macht die Mode. Und sei diese noch so absurd, ihrer suggestiven Kraft wird sich der Einzelne, der Durchschnittliche, kaum entziehen. Man spricht von Zeitstil und von Kulturströmung, die eine Epoche charakterisiert. Der Einzelne folgt dann seinem Herdeninstinkt. So mag man, wenn man nachsichtig sein will, den ganzen Skandal von Lüge und Täuschung, von schäbiger Eleganz und erlogener Vornehmheit, der in Geschmacksdingen seit gut dreißig Jahren herrscht, jener unpersönlichen Abstraktion, die man Zeitgeist nennt, zuschreiben. Wer schließlich müssen es doch wieder die Einzelnen sein, die eine Wendung anbahnen. Im richtigen Verstände müßte der marktschreierische Imperativ „Schmücke Dein Heim!" gerade zum tüchtigen Kehraus führen. Die Schmucklosigkeit wäre zunächst der größte Schmuck, die Befreiung von dem angepriesenen putzmachenden Tand. Man brauchte nur damit zu beginnen, statt der künstlichen Pflanzen lebende, echte ins Zimmer zu bringen, um Freude an ihrer Echtheit und ihrem Gedeihen zu gewinnen, und eine Revolution ist eingeleitet. Zuerst würden die schweren, verdunkelnden Stoffgardinen fallen, um wieder Licht und Lust in die dumpfen Räume einzulassen. Wir müßten den echten Blumen, so wie wir sie erhalten wollen, dieses Opfer bringen, und es wäre eine gerechte Wiedervergeltung, denn gerade diese verdüsternden Stoffgardinen waren es, die zur Zeit, als der Makart'sche Atelierstil Mode wurde, unsere Blumen verdrängt haben. So nun aber das clair-obscur jener romantischen Rembrandt'schen Stimmung vor der Tageshelle gewichen ist, entpuppt sich die Lächerlichkeit des ganzen Stimmung machenden Krimskrams an den Gesimsen, all der Krüge, die keinem Gebrauch dienen, die weder Wasser noch Wein fassen, der Vasen, die keine Blumen aufnehmen können, der Teller, die zu keiner Mahlzeit verwendet werden können, und die sich als dürftiger Gschnas vor dem hellen Tage schämen, nicht minder, als die dunkel gehaltenen Wände, die so beliebt sind, weil man den Schmutz darauf nicht sieht. Im Schmutze leben, das macht nichts, nür sehen darf man ihn nicht! Nun aber wird der ob seiner Nichtigkeit entlarvte Prunk unerträglich- und es beginnt ein lustiger Umsturz, vor dem nichts niet- und nagelfest ist. Vom Hundertsten käme man ins Tausendste. Vom Fenster zu den Wänden und den 296 Bildern, und von diesen zu den Möbeln, bis ins Kleinste herab. Es ist fast unabweislich, in allen Einzelheiten des Wohnraumes die neue Wohnungsästhetik zu erhärten. Der Ausgangspunkt dieser neuen Aesthetik aber ist, daß wir allen sogenannten Luxus aus unseren Häusern fortschaffen und zur Aufrichtigkeit und Einfachheit zurückkehren, wenn wir wollen, daß die Kunst wieder im Hause beginne. Dann muß unsere Sorge darauf gerichtet sein, daß wir nicht die goldene Regel verletzen, die uns William Morris gegeben: „Behalten Sie nichts in Ihrem Heim, wovon Sie nicht wissen, daß es nützlich, wovon Sie nicht glauben, daß es schön ist!" Vermischtes. *Der Nährwert d e r S p e i s e n ist nicht von allen Nahrungsmitteln genau bekannt, und von dem, was die Sachkundigen ermittelt haben, weiß man in weiteren Kreisen meist auch noch zu wenig. Der Nährwert von Fleischsuppen tvird noch vielfach überschätzt, übrigens auch der von Austern. Fische enthalten nach einer allgemein verbreiteten Annahme besonders viel Phosphor in ihrem Fleisch und sollen daher namentlich für Leute, die hauptsächlich mit dem Gehirn zu arbeiten haben, em empfehlenswertes Nahrungsmittel sein. Dieser Glaube hat aber eine Bestätigung durch wissenschaftliche Untersuchungen bisher nicht erhalten, denn es besteht auch kein sicherer Nachweis dafür, t ' sich in Fischen mehr Phosphor fände, als in ander- ! Fleisch. Außerdem wird Fischfleisch wegen der kurzen . die-fasern für besonders leicht verdaulich gehalten. j . ca) dürfte es darin einem mageren Rindfleisch nur gle-ch-teheu. Viel schwerer verdaulich dagegeu ist fettes Hammelfleisch: kaltes Hammelfett ist geradezu als unverdaulich zu bezeichnen. Der Fettreichtum fällt überhaupt stets nach dieser Richtung hin ins Gewicht. So sind Dvrsch- und Weißfische als magere Fische bekömmlicher als der fette Lachs und Aal. Mit Bezug auf leichte Verdaulichkeit und Nährwert gleichzeitig nimmt der Hering vielleicht die erste Stelle ein. Unter den Pflanzenstoffen sind Erbsen, Bohnen und Linsen als Nahrungsmittel als die wichtigsten zu betrachten. Die Linsen waren eins der ältesten Mittel der menschlichen Ernährung, und die rote ägyptische Linse lieferte wahrscheinlich das Gericht, um das Esau seine Erstgeburt an Jacob verkaufte. * Ein schönes Geschichtchen aus Kindernr und erzählt der „Franks. Generalanz.": Das 2y2 Jahre alte L-eschen bekommt kurz vor dem Schlafengehen noch etwas zum Knuspern. „Mamachen, leg' mich doch in Papas Bett." bittet die Kleine. Die Mutter, welche zuerst der Bitte nicht nachgeben wollte, willfahrt schließlich dem Wunsche ihres Lieblings. Nach einiger Zeit, als sie „ausgeknuspert" hat, ruft Klein-Lieschen: „Mama, nun leg' mich m mein Bettchen." Die geduldige Mama tut dies, kann sich aber nicht enthalten, die Kleine nach ihrem sonderbaren und außergewöhnlichen Verlangen zu fragen. „Ei, Mamachen, giebt das kleine liebe Herz ganz treuherzig Auskunft, „ich will keine Krümeln in meinem Bettchen haben!" * Hauskatze und Feldhase in trauter Eintracht nebeneinander zu sehen, ist ein Bild, das man gewiß mcht 8U sehen bekommt. Dieses Bild ist gegenwärtig m Gernsheim, wie man von dort schreibt, zu sehen und erregt Verwunderung. Als vor einiger Zeit in auswärtigen Blättern von einer Wtzin berichtet wurde, die einen jungen Feldhasen säuge, glaubten wir an eine Mystifikation des betr. Berichterstatters oder einen verspäteten Aprilscherz. Wre ivir uns aber dieser Tage durch Augenschein überzeugen konnten, bestätigt sich die Mitteilung voll und ganz. Der glückliche Besitzer dieses „Naturwunders" ist Herr Gg. Metzger, der gerne die Besichtigung desselben gestattet. Nach unfern Nachforschungen erfahren wir: Bor drer Wochen beobachtete die Hausfrau, daß die Katze sich unter dem Küchenherde gelagert hatte, und ein auffälliges Benehmen zeigte. Bei näherem Zusehen erkannte man, daß dieselbe einen ganz jungen Feldhasen von ea, 10 £agcn sauge. Leider hat man den interessanten Fall verschwiegen und wird derselbe erst jetzt bekannt. Man begegnet aber begreiflicher Weise überall einem ungläubigen Kopfschütteln. Der Feldhase soll in den drei Wochen seit ihn die Katze nährt, recht ansehnlich gewachsen sein Jetzt wird er noch ausschließlich von der Katze genährt. Es ist rührend zu beobachten, mit welcher mütterlichen Sorgfalt dies geschieht. Auffallend ist, daß der Hase keine Spur von Scheue und Wildheit zeigt, die doch seinen Brüdern im gleichen Alter in so großem Maße eigen ist. Man kann sehr gespannt sein, wie sich dieses Idyll werter entwickelt. Msde. „Wiener Mode", 16. Jahrgang, 16. Heft, Ausgabe vom 15. Mai. Für die Dame von Welt, sowie für die einfache, bürgerliche Frau ist es von großer Wichtigkeit, das Neueste in der Mode bald zu sehen, ehe es noch getragen oder in den Schaufenstern der Bekleidungsbranche sichtbar wird. Nimmt doch die Anfertigung meist viel Zeit weg, und vom Wunsch bis zur Erfüllung ist oft ein weiter Weg. Da bringt nun schon jetzt die „Wiener Mode" die neuesten Gartenkleider, Kurorte- und Promenadentoiletten^ Besuchs- und Straßenkleider für den täglichen Gebrauch, Sportkostüme für die fesche Jugend, neue Hutmodelle, eine bedeutende Blusen- und Jackenauswahl in den verschiedensten Ausführungen. Besondere Anerkennung verdient, daß die „Wiener Mode" oft Toiletten bringt, die aus älteren Kleidern gefertigt werden können. Ist doch die Sparsamkeit eine der ersten Tugenden unserer Frauen, und wie hoch muß man eilte Dame achten, die es versteht, ans getragenen Kleidern etwas Neues herzustellen. — An den reich illustrierten Modeteil des stattlichen Heftes schließen sich Hand- arbettsvorlagen für jede Technik an, und endlich der unterhaltende Teil, der interessant genug ist, die freien Stunden des Tages anregend auszufüllen. Das Abonnement kann den Damen aller Stände warm empfohlen werden. Preis 2,50 Mk. vierteljährlich. Zu beziehen durch alle Buchhand- lungen sowie direkt vom Verlage der „Wiener Mode" in Wien VI/2. De dobbelte Buchfiehrungk. (Nachdruck verboten.^ Herr Schmitz erzeehlt beit Wärt in Schwan: „Ten Ed'ward, meinen Sohn, Hab' zu än Goofmann ich gedhan Vor'n Jahr in Kondition. „Tas Wiegen un das Diedendrehn Tas gann er schon famos, Liniieren dhut er wunderscheen Un is in Briefschrei'm groß. „Te Buchfiehrungk bloß will noch nidj In seinen Schädel 'nein; Tenn „idaljän'sch", schreibt er an mich, Un „dobbelt" soll die sein." — „Hm", spricht der Schwan-Wärt, „sonderbar", Un gukt de Kreide an, „Tie is ja doch än" jeden klar, Ter leidlich rechnen gann. Ich hab' se an der Thiere hiev Mir spielend beigebracht; Statts Zwee schreibt mer einfach Mer, Un statts der Vier 'ne Acht." Edwin Bormann. Delphischer Spruch. (Nachdruck tierboten.) Ketten und Regimenter und Menschen — was haben sie alle? Nimm dem Worte den Kopf, spricht eS znm Herzen vertraut. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.r 1. 8e7—d5, Lb5: 2. De8f. — 1. . ., Ke6 2. Df5f. — 1. Sc7 2. Sb6ft. — 1. . Kc8 2. De8f. — 1. . Sg6 2. Df5f. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und L'erlag der Briibl'schrn UniversitätS-Buch. und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.