Nr. 58 1903. Montag den 20. April. ZDF -LSVxZM H (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Mit raschen Blicken davon Notiz nehmend, starrte er schweigend hinauf, bis Nell, deren Kopf bisher abgewendet war, sich bewegte und ihn gewahrte. Sie errötete tief und wollte schon hastig das F-enster schließen, als er sie mit einer gebieterischen Gebärde darin aufhielt. „Um Vergebung, Miß, könnte ich Sie aber wohl eine Minute lang sprechen?" Einen Augenblick schien sie zu zögern, und in diesem Augenblick konnte er bemerken, daß sie totenblaß wurde. Schließlich machte sie aber doch eine Bewegung der Zustimmung, schloß das Fenster und verschwand. Der Detektiv, welcher glaubte, Grund zu der Befürchtung zu haben, daß sie aufs neue versuchen würde, zu entfliehen, drängte sich hastig an Meg vorbei und öffnete die Seitentür. „Was gehen Sie so hinein, ohne nur so viel als „mit Erlaubnis" oder „wenn Sie erlauben?" zu sagen?" fragte sie auf der Stelle. „Sie hörten ja doch, daß die junge Dame mich sprechen will", erwiderte der Detektiv, als er ohne weitere Umstände ins Haus hineinging. Am Fuße der Treppe begegnete er Nell. „Was wünschen Sie mir zu sagen?" fragte sie in sehr ruhigem Tone. Es war jetzt so dunkel int Gange, daß sie nur schwer einander ins Gesicht sehen konnten. „Nun, zunächst, Miß, würde ich gern in besserem Lichte mit Ihnen sprechen", antwortete der Mann. „Hier herein also", sagte sie ihm nach einem neuen Augenblick sichtlichen Zögerns, den Weg in das kleine Wohnzimmer an der Rückseite des Hauses zeigend. Hier war ein Feuer und auch eine Lampe. Der Geheimpolizist drehte den Docht in die Höhe. „Sie werden entschuldigen, Miß, aber ich habe es ganz besonders nötig, Sie, während ich spreche, zu sehen." Sie war rund um den kleinen Tisch gegangen und stand an der ihm gegenüberliegenden Seite. Mit einer plötzlichen Bewegung schoß der Detektiv zu ihr hinüber, und fie mit festem Griffe bei dem Handgelenk fassend, zeigte er auf die innere Fläche ihrer rechten Hand. Auf der zarten, rosigen Haut war eine kleine Blase, frisch entstanden, mit einer roten Entzündungslinie rund um die Grundfläche. Zehntes Kapitel. Jem Stickels ivird eine Person von Wichtigkeit. „Das ist ein Brandmal, wie?" fragte er ruhig. Tas Mädchen war weiß und zitterte von Kopf zu Füßen. Ihre Stirn wurde feucht und glisterte im Schein der Lampe. Ihre Lippen schienen kaum fähig zu sein, die Worte zu bilden, die sie mechanisch borbrachte. ,,^za. „Dars ich Sie höflichst ersuchen, mir gefälligst zu sagen, wie Sie dazu kamen?" Sie blickte mit einem Gesicht zu ihm auf, das starr vor Furcht war. „Was — kümmert Sie das? Warum brauchen Sie es zu wissen?" Cs schien, als ob sie etwas bei sich überlegte und er nahm ohne weiteres an, daß sie eine glaubhafte Geschichte zu ersinnen versuchte, um das Merkmal aus ihrer Hand zu erklären. „Sie nehmen, wie ich sicher bin, an, daß mir nichts daran liegt, Ihnen mit unnötigen Fragen lästig zu fallen. Und natürlich, wenn Sie sich weigern, sie zu beantworten, kann ich Sie nicht dazu zwingen. Verweigern Sie es?" „O nein, sicherlich nicht", antwortete sie schnell. „Ich habe etwas gebügelt, der Stahl traf meine Hand und ich verbrannte mich." „Und wann fand dies statt?" Wieder zauderte das Mädchen. Der Geheimpolizist nahm auch von diesem Umstand Notiz. Er wiederholte die Frage. „Heute — diesen Morgen." „Ich glaube, Miß, Sie waren diesen Morgen nicht hier." „Ich war nicht hier im Hause." „Haben Sie etwas dagegen, mir zu sagen, wo Sie gewesen sind. Miß?" Ihr blasses Gesicht errötete. „Ich möchte es lieber nicht." Dann, als sie wahrnahm, daß er dies gegen sie anmerkte, fügte sie hinzu: „Mein einziger Grund dafür ist, daß ich im Hause einer Freundin war und ich sie nicht durch Ihre Erkundigungen über — nun über mich beunruhigt zu sehen wünsche." Der Mann lächelte kalt. „Ich fürchte, Miß, es ist zu spät, uns darüber zu beunruhigen. Da -ich wirklich wünsche, Ihnen soviel Unruhe und Belästigung, wie möglich, zu ersparen, so lassen Sie es mich vielleicht andeuten, wo Sie gewesen sind. War es nicht bei dem Obersten Bostal, Miß, in dem Hause, das man Shingle End nennt?" „Ja. Sie weiß hiervon aber nichts, ich sagte ihr nicht, weshalb ich käme." „Ganz recht, Miß. Beunruhigen Sie sich nicht darüber. Ich werde ihr nicht sehr zur Last fallen, das verspreche ich Ihnen. Bei dem jetzigen Stande der Sache handelt es sich 230 nur um Fragen. Doch begreifen Sie natürlich, baß wir uns versichern müssen, wahre Antworten zu erhalten." Nell sah ängstlicher als je aus, sie erhob aber keinen weiteren Nnwand. „Wünschen Sie mich noch, etwas zu fragen?" sagte sie ruhig. ^Vorderhand, nein, Miß. Und ich bin Ihnen sehr verbunden für die kurze Unterredung, die Sie mir gewährt haben." Er verbarg aber nicht — vielleicht konnte er's nicht,— baß seine Stimmung sich beträchtlich gehoben hatte. Nicht nur war hier das Brandmal auf ihrer Hand, sondern auch noch ein Dutzend Kennzeichen in ihrer Leichtfüßigkeit, ihrer Größe, in der Schlankheit ihrer Gestalt, der Weiche heit ihrer Hand, dem Stocken in ihren Antworten — die ihn vollkommen sicher machten, endlich, auf der richtigen Fährte zu sein. Daher er ihr glauben zu machen hatte, baß er sich auf der falschen befände. „Natürlich, Miß", sagte er, „geht es nicht an, zu viel zu sagen, wenn man gleichsam nur nachforscht. Doch will ich Ihnen gestehen, daß Sie mir, und "zwar auf eine Weise, wie Sie es sich nicht vorstellen werden, in hohem Grade behilflich gewesen sind, den Dieb ausfindig zu machen, der all diese Verwirrung angerrchtet hat." Wieder erblaßte das Gesicht des Mädchens mit der zarten, verräterischen Haut und zuckte vor Schrecken zusammen. „Und nun kann ich noch, beachten Sie's wohl, im engsten Vertrauen hinzufügen, denn es ist eine Sache, die ich nicht bekannt werden lassen möchte, bevor ich den Burschen wirklich erwischt habe, daß es einer der berüch- tigsten Diebe von East End in London ist, der schon mehr als einmal gesessen hat." Als er diese Worte mit einem Ausdruck von großer Schlauheit sagte, drückte Nells Gesicht, das so leicht wie ein Buch zu lesen war, zunächst Staunen, dann Erleichterung und endlich eine Freude aus, die sie vergeblich zu verbergen suchte. Er konnte erkennen, obschon sie die Augen niedergeschlagen hatte und ihr Mund dicht verschlossen war, daß sie den heftigen Antrieb des Entzückens, der den Qualen seines Verhörs gefolgt war, kaum zurückhalten konnte. Es entstand eine augenblickliche Pause, ehe sie sich zu sammeln »und in ruhigem Tone zu antworten vermochte. „Nun, ich bin sicher, daß mein Onkel und wir alle sehr froh sein werden, wenn Sie seiner habhaft geworden sind. Wollen Sie diesen Weg nehmen?" Und die innere Tür des Wohnzimmers öffnend, zeigte sie ihm den Weg durch die Schenrstube. Als der Geheimpolizist, nachdem er sich am Schenktisch erfrischt iu;nd sich bei George Claris, dem er einen ähnlichen Wink gab, entschuldigt hatte, sich wieder cmf der Straße nach Strvan befand, lächelte er in sich hinein. Er war ja bis jetzt überaus glücklich gewesen, doch fehlte noch manches Glied in der Kette der Beweise, um Die schöne Nell Claris der im Gasthof begangenen Beraubungen zu überführen. Da er nicht beabsichtigte, in sein Hotel zu gehen, bevor er nicht wettere Nachforschungen in Shingle End angestellt hatte, so schlug er, nachdem er eine Lirze Strecke auf der Straße nach Stroan zurückgelegt hatte, den Rückweg über die Felder ein und trieb sich hier zwischen dem „Blauen Löwen" und dem Hause des Obersten Bostal herum, Vorteil von jeder kleinen Hecke und jedem Baum ziehend, tont sich außerhalb dem Bereiche zufälliger Beobachter zu halten. Es dauerte nicht lange, bis er gewahr wurde, daß hier noch jemand anders auf der Hut war. Die Gestalt eines Mannes in einer Jersey und in Seemannsstiefeln mit einem zurückgeschobenen Filzhut auf dem Kopfe und einer Pfeife im Munde, zog bald seine Aufmerksamkeit auf sich Er erkannte in dem Manne Jem Stickels, einen häufigen Gast im „Blauen Löwen", eine Persönlichkeit, die in chlechtem Rufe, als ein notorischer Bummlev und Faulenzer land, der nur arbeitete, wenn die Not ihn dazu zwang. Er konnte sich nicht ganz vergewissern, ob Stickels ihn ehe, doch der Fischer spähte nach jemand anderem und )er Detektiv hatte keine Schwierigkeit, zu erraten, daß diese andere Person Nell Claris war. Tenn Jem Stickels machte in der Tat aus seiner Bewunderung der jungen Dame ebensowenig ein Hehl, wie aus seinem Entschlüsse, „den Stolz der Dirne eines schönen Tages zu Fall zu bringen". Es war die Absicht des Detektivs nach Shingle End zu gehen, um Miß Bostal wegen des Brandmals auf Nells Hand zu befragen. Doch da er überzeugt war, daß Nell versuchen würde, ihn zu überlisten, indem auch sie zu der Dame ginge und sie auf seine Fragen vorbereitete, so glaubte er warten zu sollen, bis sie sich dazu auf den Weg machte, sodaß er bei ihrer Ankunft noch bei Miß Bostal sein könnte. Seine Erwartungen trafen buchstäblich ein. Er stand wartend hinter einer Gebüschgruppe unweit des Gartens tors von Shingle End, als er des Mädchens zuerst ansichtig wurde, das mit eilfertigem Schritt über die Felder kam. Als sie sich näherte, konnte er ihren keuchenden Atem hören, konnte er in dem bleichen Lichte des Tezembertages sehen, daß sie im Gehen ängstliche Blicke umherwarf. Als sie nur noch ein paar hundert Schritte von ihm entfernt war, hielt sie mit einem leichten Aufkreischen inne, da Jem Stickels plötzlich an ihrer Seite erschien, aus dem Versteck eines der zahlreichen Gräben hervorspringend, von denen die Marsch nach allen Richtungen durchzogen war. Der Detektiv hörte des Fischers rohes, höhnendes Lachen. Tann sah er das Mädchen vorwärts stürzen, in der augenscheinlichen Absicht, sich ihrem unwillkommenen Bewunderer durch die Schnelligkeit ihrer Füße zu entziehen. „Tas ist genau dieselbe Bewegung, mit der sie mir entwischte!" dachte der Detektiv, als er die schlanke Figur ■ sich plötzlich rechts wenden sah, der groben Berührung ausweichend, die sie bedrohte. Jem Stickels wußte jedoch, mit wem er zu tun hatte. Die Hände in die Taschen steckend, begnügte er sich, ihr den Weg mit seiner Person zu verlegen, wobei er geschickt jeden ihrer Versuche, an ihm vorüberzukommen, vereitelte. Diese Versuche und die erfolgreichen Bewegungen, durch die Jem sie zu Nichte machte, brachten die beiden jungen Leute nahe genug an den Platz, wo der Geheimpolizist sich versteckt hielt, um die Worte hören zu können, die der Fischer jetzt an das Mädchen richtete. „Halt!" schrie er barsch und in keinem unterwürfigen Tone, „Sie täten besser, aus das zu hören, was ich zu sagen habe und Ihnen drum sage. Denn, wenn Sie es nicht tun, so werde ich meiner Wege gehen und es dafür jemand am drem sagen." „Das ist gerade das, was ich von Ihnen verlange", antwortete Nell entrüstet. „Sie wissen gar wohl, daß rch mit Ihnen weder jetzt noch später, besonders aber letzt zu sprechen wünscho" , , t r . .... „Was meinen Sie mit Ihrem „besonders aber jefei , he meine schöne Lady Pfau?" fragte Jem, der augenschem- lich getrunken hatte, obschon er wußte, was er tat. Statt aller Antwort wendete sich aber das Mädchen plötzlich um und schickte sich an, nach dem Gasthof zurückzulaufen. Jem, der auf einen solchen Versuch vorberertet war, überholte sie bald; sie waren aber jetzt zu wett weg, als daß der Detektiv hören konnte, was sie sagten, obschon er den Ton ihrer Stimmen wohl unterschied. Es war sichtbar, daß die allernächsten Worte, die Jem ausstieß, einen großen und furchtbaren Eindruck auf Nell machten. Ihr Gesicht, das erst nur Widerwillen und Ekel aus gedrückt hatte, wurde mit einemmal starr vor Schrecken, als der junge Mann ganz dicht neben ihr stand und mit heiserem Flüsterton ihr etwas in aufgeregter, ernster Wetse zuraunte. So eifrig bemüht war der Detektiv, das kennen zu lernen, was einen so starken Eindruck auf das Mädchen ausübte, daß er aus seinem Versteck nach dem Ableitungs- graben, der längs der Straße hinlief, und dann in diesem weiter fortkroch, manchmal durch Wasser, manchmal nur durch den Schlamm, bis er dicht genug bei den beiden Sprechenden war, um die meisten ihrer Worte auffangen zu können. Als er stillhielt, schlug das Mädchen gerade ein Begehren des Mannes mit aller Energie des Widerwillens und Abscheues ab. „Natürlich will ich es nicht", sagte sie heftig. „Natürlich wird niemand Ihre Geschichte nur einen Augenblick glauben. Auch halte ich es nicht für möglichj, daß Sie wagen würden, Sie jemand andrem zu erzählen, aus Furcht, für wahnwitzig gehalten zu werden." „Mollen Sie nicht? Nun dann gut!" schnaubte Jem. „So werde ich's jenem Hemming erzählen, der seit kurzem hier 'rumspioniert und Ihren Onkel mit seinen Fragen so aufsässig gemacht hat. Soll ich's ihm sagen. Miß, he?" Der Geheimpolizist konnte das tziesicht des Mädchens 231 nicht sehen, als sie nach einer kleinen Weile antwortete: „Sie mögen mit mir hinauf nach Shingle End kommen und Ihre Geschichte dem Obersten und Miß Theodora erzählen. Das ist's, was Sie tun mögen, wenn Sie es wagen." Es entstand eine neue Pause, und der Geheimpolizist erkannte aus der Art, wie sie die Worte hervorgebracht hatte, und aus der Haltung, in der sie des Fischers Antwort erwartete, daß sie weniger trotzig als ihre Rede war. Endlich sprach der Fischer aufs neue. Und es war klar, daß ihr Vorschlag nicht nach seinem Geschmacke war. „Hören Sie an, Miß Nell", sagte er im Tone vernünftiger Widerlegung, „wollen Siee mich wirklich dazu veranlassen? Sie wissen, sehen Sie, doch zu gut, daß ich nicht gewagt haben würde, so offen zu Ihnen zu sprechen, wenn ich nicht zuverlässige Beweise erlangt hätte? Nun sagen Sie, sollte ich da? Ihr Gesicht verriet mir doch, daß Sie wüßten, was ich weiß, was kann es da nützen, zu trotzen? Und da ich nun weiß, was ich weiß, ist's da nicht klar, daß ich nichts Böses int Sinn trage, da ich mit Leichtigkeit ein oder zwei Pfund verdienen könnte, wenn ich's dem Schubjack von Detektiv hinterbrächte. Wohlan denn, Sie müssen es einsehen, he?" „Kommen Sie mit und sagen Sie es vor Zengen aus. Ich fordere Sie auf, es zu tun!" erwiderte Nell mit etwas mehr Sicherheit,. da sie des Mannes Sträuben dagegen bemerkte. „Nein, das werde ich nldM", versetzte er trotzig. „Ich werde dann meine eigenen Wege verfolgen. Und rch sage nur das — wenn Sie gesonnen sind, freundlich mit mir zu verkehren — so verlange ich nicht viel mehr — und mich einzuladen, mit Ihnen und Ihrem Onkel Tee zu trinken, wie Sie vor drei Monaten den jungen Zierbengel aus London dazu eingeladen haben, so will ich das Maul halten, und es soll zwischen Ihnen und mir bleiben. Wenn Sie sich aber nicht herbeilassen, solches zu tun —" „Ich werde es nicht", entgegnete Nell ganz zornig. „Ich sage Ihnen, die ganze Geschichte, die Sie erzählen, ist widersinnig, und niemand wird Ihnen einen Augenblick glauben, und Sie können sie sagen, wem es Ihnen beliebt." Und sie sprang plötzlich von Jem wieder fort und, mit flüchtigen Schritten die Straße gewinnend, eilte sie rasch auf Shingle End zu. „Recht so!" schrie Jem drohend mit Aufgebot seiner Stimme, als er mit ihr schritt haltend über die Felder nach des Obersten Haus ging, während sie auf der Straße blieb. „Wenn Sie sich aber von mir raten lassen wollen, so erzählen Sie's Ihren großen Freunden frisch von der Leber weg, und sehen Sie zu, ob diese es nicht für das beste halten, daß Sie sich mit mir vertragen." Als er die letzten Worte ihr zuschrie, ging Jem Stickels an der Stelle vorbei, wo der Geheimpolizist sich verborgen hielt. Einige Augenblicke später nahm dieser Gelegenheit, aus seinem unbehaglichen Versteck hervorzukriechen, und Jem mit raschen Schritten nachfolgend, holte er diesen ein, noch ehe er den Zaun, der des Obersten Garten umschloß, erreicht hatte. „Sind Sie es, Stickels?" fragte er, als ob er seiner Sache nicht sicher wäre. „Mm, ich wünschte gerade mit Ihnen ein Wort zu sprechen." Er sagte es mit gedämpfter Stimme, weil er nicht wollte, daß Nell ihn hörte, die, ihnen jetzt ein wenig voraus, noch immer aus der Straße ging. Doch Jem, der gerade von ihr gehört werden wollte, stieß seine Antwort so laut er konnte hervor. „Ja, Mr. Hemming, 's ist mir ganz recht. Und vielleicht habe ich Ihnen ebensoviel zu sagen, wie Sie mich zu fragen haben, Sir!" Der Geheimpolizist sah, daß Nell, die jetzt an der Ecke der Straße und im Begriff war, sich nach der Vordertür des Hauses zu wenden, innehielt, zögerte und halb geneigt schcen, zurück zu Jem zu gehen. Jem, der es bemerkte, trat einen Schritt zurück und schten auf sie warten zu wollen. Nell kam aber nicht. Nach kurzer Uneutschlossenheit verschwand sie um die Ecke des weißen Hauses. Jem Stickels schien indes seine Absicht, dem Geheimpolizisten das, was er wußte, zu sagen, toteber geändert oder nur gesucht zu haben, das Mädchen durch das .Borgeben dieser Absicht zu erschrecken. Denn statt Hemming weiter Rede zu stehen, schwang er sich über den Zaun in den Garten und, in voller Eile über die jetzt leeren Blumenbeete hinwegsetzend, drückte er das Gesicht, so dicht er konnte, an das Fenster der Küche, wo ein Licht brannte. Sich einige Schritte nach links wendend, konnte der Geheimpolizist von seinem Standort außerhalb des Gartens sehen, daß in der Küche Leute waren und alsbald die beiden Gestalten, als die Miß Bostals und Nells, unterscheiden. Auch konnte er sehen, obschon er nichts davon zu hören vermochte, daß Nell höchst aufgeregt etwas erzählte und die ältere Dame ihr ruhig zuhörte. „Hahahahaha!" erschreckte plötzlich die höhnische Lache Jem Stickels die beiden Damen, die auf die Seite sprangen und nach dein Fenster starrten. ■ „Hahahaha!" brüllte der junge Fischer aufs neue. Ter Geheimpolizist stand aus dem Sprunge, Über den Zaun zu setzen in der Absicht, Jem anzureden, als die Hintertür des Hauses sich plötzlich öffnete und Miß Bostal, gut in einen dicken wollenen Show! gewickelt, sodaß nur ihre dünne f chmale Nase und ihre fünften hellen Augen zu sehen waren, den Fischer mit freundlicher Stimme ans der Tiefe ihrer wollenen Umhüllung ansprach. „Jem Stickels? Sie sind es? Was machen Sie denn hier draußen und erschrecken uns so zum Tode. Wenn Sie uns etwas zu sagen haben, so kommen Sie doch herein." Tie zwar freundliche, doch herrische Stimme der Dam« schien den anmaßenden jungen Gesellen doch etwas verlegen zu machen. Er würde sich weggedrückt und über den Zaun in die Felder fortgemacht haben, wenn in der Stimme der gezierten kleinen Dame nicht etwas Gebieterisches gewesen wäre, das ihn zurückhielt. „Ich habe keiner von Ihnen etioas zu sagen", murrte er trotzig. „Wer hat gesagt, daß ich's hätte? Ich habe zu niemanden nichts gesagt, außer nur dies, daß ich nicht einsehe, warum die Miß da drinnen mich wie Dreck behandeln soll und daß, wenn sie fortfährt, mich fo zu behandeln, ich Mittel besitze, mit ihr wett zu werden." Die kleine steife Dame seufzte hörbar, sie schien wahrhaft bekümmert über die Sache zu fein. „Aber haben Sie nicht gehört", sagte sie mit einem etwas gezwungenen Schein von Scherz, „daß ein Verzagter niemals die Gunst schöner Frauen gewinnt? Wie kommt es, daß Sie so sicher sind. Miß Claris wolle Sie schlecht behandeln?" „Wie ich des sicher bin?" brüllte Jem in hellem Zorn auloderud. „Ich bin des sicher, weil sie es tut, weil sie mir nie Begegnet, ohne den Kopf zur Seite zu wenden, als ob ich tief unter des gnädigen Fräuleins Beachtung stände. Tas ist, warum ich des sicher bin —" fuhr er fort, einen Blick nach dem Küchenfenster werfend und seine Stimme noch höher erhebend, in der Hoffnung, daß Nell sie vernähme — „und das ist, warum ich auch sage: ich werde wett mit ihr werden." „Gott! Gott!" jammerte Miß Bostal, indem sie den Shawl dichter um sich zog. „Ich hätte nicht erwartet, daß ein braver Bursche, wie Sie, eine Dame bedrohen würde." Jem knurrte nur. (Fortsetzung folgt.) Zoh annette Lein. Die Leser der Familienblätter wissen, daß die alte greise Gießener Poetin Johannette Lein vor kurzem zu Grabe gegangen ist. Vor uns liegen zwei Büchlein, die Auswahlen ihrer Gedichte enthalten und Zeugnis ablegen von ihrem feinen dichterischen Empfinden. Viel ist es nicht, was die Oeffentlichkeit von ihr besitzt, denn fte war eine von Materiellen Sorgen oft heimgesuchte Näherin, und die meisten ihrer Gedichte waren nur für engere Kreise b eftimmt. 1899 erschien von Alfred Bock int Ricker- scheu Verlag in Gießen eine Ausgabe „Gedichte von ^zo- hannette Lein". Aber schon zwei Jahre vorher, 1897 hatten Freunde der Dichterin, unter ihnen vornehmlich bte Gattin des Professors der Rechte Krüger, später in Bonn, em kleines Bändchen erscheinen lassen unter dem Titel „A u s engem Haus". Beide Ausgaben enthalten zum Teil dieselben Gedichte. Wir können uns nicht versagen, den Anfang eines der schönsten, „Lebensgang" betitelt, hierher zu setzen. 232 Redaktion; Angust Götz. — Rotationstruck und Lerlaa der Erübl'Ichen UuiversitüIs'Luch- und Steindruüerei (Tuetsch Erben) in Gießen. eine "5c f „Nun fast am Ende des lebens, am Avenv des Tags, Fühl' ich- tote lang mir der Weg,, der rauhe, geworden. Ernst und still, wenn auch nicht klagenden Sinnes Mick ich zurück auf die Zeit, die wie im Fluge entschwunden. Hart war der Kampf um des Lebens geringes Bedürfen, Denn an der Wiege schon sang ja die Sorge ihr Lied- War doch der Vater geschieden, schon eh' ich gekommen, Schlief er doch Monate lang schon im Schoße der Erde; Trauernd und mutlos lebte das Mütterlein weiter, Ms ich dem Lichte des Lebens die Augen erschloß." Und dann weiter aus demselben Gedicht: „Niemals habe ich Sehnsucht gefühlt nach der Schule; Wie ein gefangenes Vögelchen fühlt' ich mich dorten Wäre auch sicher entflohen und niemals wieder gekommen Hätt' ich Flügel gehabt wie die glücklichen Segler der Lüfte. Langsam wachsen die geistigen Schwingen dem Menschen, Oftmals werden sie lahm, wenn zu früh sie gebunden, Wenn sie nicht heben sich dürfen und prüfen die Kraft." Vermiete», so viele Mädchen unverheiratet bleibe«? Sehr - fach: weil sie---„Döring-Seife" gebrauchen. Prefchsrr Jäger in Stuttgart ist auf dies Geheimnis gekommen. In dem „Magisch-Physiiaiischen Taschenbuch von Ehr. v. E., Ulm, 1789", erzählt Hofrat von Eckartshausen: „Auf gleiche Art vereinigte ich einst zwei Eheleute, die sich lange Zeit nicht mehr ausstehen konnten. Ich wußte, daß sich diese Leute einst liebten, daß keinerseits einige Ursache zur Abneigung gegeben wurde, und war daher sch? s tj, daß natürliche Ursachen hieran schuld sein müßten. Nach ' einer reifen Nachforschung entdeckte ich die Quelle dieses Uebels durch einen Zufall. Man brachte von ungefähr Msam in des Herrn Zimmer und er ward schier ohnmächtig bei dem Geruch desselben. Nun erfuhr ich, daß die Frau sich des Poudre Marechal bediente, welcher aber ost, zwar mit einer sehr geringen Quantität Bisam versetzt ist. Ich sagte es ihr sogleich, sie sollte sich dieses Haarpuders nicht mehr bedienen. Sie unterließ es auch; und bald lebten sie wieder in der besten Harmonie. Auch bezeugte sich hiernach, daü eben vom Gebrauche dieses Haarpuders an die Zeit ihrer Uneinigkeit anfing." — Dazu bemerkte Professor Jäger schon vor Jahren, und ein Aussatz in seinem Organ „Prof. Jägers Mvnatsblatt" bringt es jetzt in Erinnerung: „Wer nicht weiß, was Liebe und was Bisam, Moschus usw. ist, wird in Obigem nichts weiter finden als eine sogenannte Idiosynkrasie; anders der Kundige. Bisam, Moschus und Aehnliches sind tierische Riechstoffe, die bei ihren Erzeugern im Dienste der Geschlechtsliebe stehen, und ihr Träger ist teils ausschließlich wie beim Moschus, teils in hervorragendem Maße wie beim Bisam, das männliche Geschlecht. Nun ist es ein durch die ganze Natur gehendes Gesetz, daß die männlichen Gerüche anziehend auf das weibliche Geschlecht, dagegen Daß sie ihre Persönlichkeit in der Tat ausbildete und groß und frei wurde, davon legt eine Zuschrift eines ihrer Freunde an uns Zeugnis ab. Dieser schreibt: „Das Scköne und Fesselnde an ihr war die wundervolle Harmonie, in welcher ihre Gaben und Eigenschaften zu einander standen: die schlichte Frömmigkeit, die warme Begeisterung für alles Edele, nach dem eine Menschenseele strebt, die innige Herzenswärme, der feine Takt, die gänzliche Neidlosigkeit und der unbestechliche Gerechtigkeitssinn. Sie war ein zur Nacheiferung anfeuerndes Vorbild; man ging nicht von ihr ohne etwas zum rechten Nachdenken von ihr erhalten zu haben. Lehrhaft war fte nicht, aber lernen konnte man von ihr. Lernen konnte man, wie man durch ehrliche, treue Arbeit an sich selbst den inneren Menschen hebt über das Alltägliche und Gemeine, und sich Gottes schöner Erde freuen kann, auch wenn der Anteil an derselben, wie der ihr zugemessene, ein karger war, und so hat sie das, was sie empfand und innerlich erlebte, in zahlreichen Gedichten ausgesprochen, denn sie — die arme Nähterin, die nur die Volksschule besuchte, — hatte durch eine gütige Fügung einen hellen Blick und die Gabe erhalten, das Gedachte oder E fabrene in schöne poetische Form zu kleiden. Wer sie fei- n lernte — und nicht nur so obenhin — hat < e: si nlichkeit kennen gelernt, eine vornehme auf das männliche abstoßend wirken, wie dies im obigen Falle klar zu Tage tritt. (Das bestätigt auch Bölsche in dem 3. Band seines Werkes „Das Liebesleben in der Natur".) Wenn man nun gegenwärtig, namentlich seit dem Aufkommen der „famosen" Döring-Seife, auf Schritt und Tritt bei dem weiblichen Geschlecht auf den Moschus-Geruch stößt, ja auf Damen, die eine ganze Wolke dieses Bocksgestankes um sich haben, so findet der Kundige es ganz begreiflich daß in unseren sogenannten gebildeten Ständen die Klagen Über das Sitzenbleiben der Mädchen so überhand nehmen. Angesichts der unbestreitbaren Tatsache, daß beim weiblichen Geschlechte das Verständnis von- der Bedeutung der Riechstoffe als Liebeszauber nicht so abgestorben ist wie bei unserer verschulmeisterten Männerwelt, woher die weite Verbreitung des Parfümgebrauchs beim weiblichen Geschlechte kommt — ist es einem auf den ersten Blick unbegreiflich wie bei ihr dieser „ehemör- derische" Unfug so sehr einreißen konnte. Wenn man aber bedenkt, was Moschus ist, so wundert es einen nicht int geringsten: So abstoßend ein männlicher Geruch auf den Mann wirkt, so anziehend ist er für das weibliche Geschlecht, und gerade deshalb ist dieses auf den Moschus hereingefallen. Für Mädchen, die noch unter die Haube kommen wollen, ist der Moschusgeruch eine Art Selbstmord." — Jetzt wissen wirs also. Der arme Herr Tiff. „Gibts was neues in der Zeitung?" fragte Fran Tiff ihren Mann, welcher die Abendzeitung mit Beschlag belegt hatte. „Nein", antwortete Herr Tiff. „Aber es scheint mir doch, daß Du ziemlich lange dazu brauchst, um nichts zu lesen. Ich denke, Du reichst mir einmal die Zeitung, vielleicht kann ich etwas darin finden." „Nun, hier ist etwas, das Dich vielleicht interessiert. Ein Mann weigerte sich, die Begräbniskosten für seine Frau zu bezahlen und ließ sich wegen des Geldes verklagen., Der Gerichtshof entschieo, daß ein Mann für das Begräbnis seiner Frau bezahlen muß. Was denkst Du darüber?" „Ich denke, oer Mensch sollte sich schämen", erklärte Frau Tiff mit Nachdruck. „Das meine ich auch", pflichtete Herr Tiff bei. „In denken, daß ein Mann das Begräbnis feiner Frau nicht bezahlen will! Ich meine, er sollte entzückt sein —" „Johann Heinrich Tiff, was sagst Du da?" fragte bie Fran. . „ „So meinte ich es natürlich nicht. Ich meine, er sollte es als seine heiligste Pflicht betrachten, für das angemessene Begräbnis seiner Fran zu sorgen und mit Freuden dasselbe bezahlen." „Mann, denkst Du wirklich, daß er — daß Du zum Beispiel mit Freuden mein Begräbnis bezahlen würdest?" „Das wollte ich damit nicht sagen, meine Liebe. Du verstehst nicht, was ich eigentlich meinte." „Ich verstehe Dick vollkommen. Du sagst mir, Du wünschtest, ich wäre tot, damit Du mit Freuden mein Begräbnis bezahlen könntest, daß Du entzückt sein würdest, hierzu die Gelegenheit zu haben — ja, entzückt, war Dem eigener Ausdruck, Du abscheulicher Mann." „Aber höre", protestierte Herr Tiss, „Du könntest das, was ich sagte, nicht in dieser Weise auslegen, wenn Du nicht stets so bereit wärest, mit mir zu zanken." „Versuche doch nicht, Dich zu verteidigen. Was Du sagtest, genügt, um eine Frau zum Selbstmord zu treiben. O warum, warum glaubte ich- einen Elenden wie Drch lieben zu können!" Bei diesen Worten brach Frau Tisf in Tränen aus. Herr Tiff setzte seinen Hut auf und ging davon. So geht es, wenn die Zeitung „etwas Neues" Bringt Kapselrätsel. (Nachdruck verboten? Arbeiter, Schalmei, Lemnos, Fallbeil, Andenken, Keiler Midas, Wien, Rosalinde. Es ist ein Sprichwort zu suchen, dessen einzelne Silben der Reibe nach versteckt sind in vorstehenden Wörtern ohne Rücksicht auf deren Silbcnteilung. (Auflösung m nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 45: W. Kh5, Dg.3, Tb4, el, Sd4, f4. Schw. Ke5, Te4, Bd7, f5, 1. Dg3—c3, beliebig. 2. Fünffach matt.