Nr. L7. 1903. un WKM a MfÄ MW (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus denr Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) So sah ich zu, wie er seine Taschen leerte und wie sich der Tisch mit ihrem funkelnden und glitzernden Inhalt bedeckte: Ringe zu Dutzenden, Diamanten mandelweise, Armbänder, Anhänger, Aigretten, Halsbänder, Perlen, Rubinen, Amethisten, Saphire und Diamanten, immer wieder Diamanten, blitzende Lichtstrahlen, die mich blendeten, verwirrten. Als letzten Gegenstand zog er kein Kleinod, sondern meinen eigenen Revolver aus seiner innern Tasche hervor, und sein Anblick machte einen wunderlichen Eindruck auf mich. Ich glaube, ich sagte etwas, meine Hand griff hastig danach, und noch jetzt steht Raffles vor mir, wie er mich mit seinen klaren Augen anschaute, über denen seine Brauen in hochgcschwungenen Bogen emporgezogen waren, und ich sehe noch, wie er mit seinem ruhigen zynischen Lächeln die Patronen ans den Kammern entfernte, ehe er mir die Waffe zurückgab. „Vielleicht glauben Sie mir nicht, Bunny, aber ich habe noch nie einen geladenen Revolver bet mir getragen", sagte er, „jedoch will ich nicht bestreite», baß es einem eine gewisse Zuversicht verleihen mag, indessen wäre es doch sehr eklig, wenn etwas schief ginge. Man könnte sich am Ende verleiten lassen, ihn zu gebrauchen, und das liegt gar nicht in meiner Absicht, obgleich mir häufig der Gedanke gekommen ist, daß ein Mörder, der seine Tat eben vollbracht hat, Großartiges empfinden inuß. Machen Sie nicht ein so unglückliches Gesicht, lieber Junge; ich habe diese Empfindungen noch nie gehabt und glaube auch nicht, daß ich sie jemals haben werde." „Mer das da haben Sie doch schon einmal getan?" fragte ich mit heiserer Stimme. „Schon einmal? Mein lieber Bunny, Sie beleidigen mich! Sah das wie Anfängerarbeit aus? Natürlich habe ich das schon getan." „Häufig?" „Hm — nein! Jedenfalls nicht häufig genug, der Sache ihren Reiz zu nehmen; tatsächlich nie, wenn mich nicht die Not dazu trieb. Haben Sie mal etwas von den Thimblebey-Tiamanten gehört? Das war das letzte Mal — und ein armseliger Haufe falscher Steine war mein Lohn. Tann habe ich das kleine Geschäft auf Dor- mers Hausboot bei Henley im vorigen Jahre gemacht, wobei auch nicht viel herauskam. Einen wirklich großen Zug habe ich noch nicht getan, und sobald mir einer ge- uugt, steckt ich das Geschäft auf." Ja, dieser beiden Fälle entsann ich mich, aber zu denken, daß Raffles der Täter war.... Das war unglaublich, empörend und unfaßbar! Dann fielen meine Blicke wieder auf den an hundert Stellen glitzernden und funkelnden Tisch, und mein Unglaube war zu Ende. „Wie sind Sie zuerst dazu gekommen?" fragte ich, als Neugier die Oberhand über mein Staunen gewann und sich das Fesselnde, das sein Lebenslauf für mich hatte, allmählig mit der Anziehungskraft verwob, die er als Mensch auf mich ausübte. „Ach, das ist eine lange Geschichte", antwortete Raff- les. „Das war in den Kolonien, als ich draußen war, um Criquet zu spielen. Die Geschichte ist zu lang, als daß ich Sie Ihnen jetzt erzählen könnte, aber ich war so ziemlich in derselben Klemme wie Sie heute Abend, und es war ein einziger Ausweg. Mehr als das eine Mal beabsichtigte ich damals nicht, allein ich hatte Blut geleckt, und es war vorbei mit mir. Warum sollte ich denn arbeiten, wenn ich stehlen konnte? Warum ein langweiliges, mir nicht zusagendes Geschäft anfangen, wenn mir Aufregung, Romantik, Gefahr und Wohlleben gleichzeitig geboten wurden? Natürlich ist es ja furchtbar unrecht, aber wir können nicht alle Musterknaben sein, und die Art, wie die Güter verteilt sind, isst von vornherein sehr ungerecht. Außerdem beschäftigt man sich doch auch nicht unausgesetzt damit, und ich bin nur neugierig, ob Ihnen das Leben ebenso gefallen wird, als mir." „Ob's mir gefallen wird?" rief ich aus. „Nein, nein, das ist kein Leben für mich Einmal und nicht wieder!" „Sie würden mir also nicht noch einmal helfen?" „Verlangen Sie es nicht, Raffles, um Gotteswillen verlangen Sie es nicht-" „Und doch sagten Sie vorhin, Sie würden alles für mich tun; Sie forderten mich auf, mein Verbrechen zu nennen! Allein ich wußte gleich, daß es nicht Ihr Ernst war. Diese Nacht haben Sie mich freilich nicht im Stiche gelassen, und das sollte mich wahrhaftig zufriedenstellen. Ich bin undankbar und unvernünftig, wenn ich mehr verlange, und es wäre am besten, heute einen Strich darunter zu machen, aber, sehen Sie, Bunny, Sie sind der richtige Mann für mich, der — richtige — Mann! Denken Sic nur einmal darüber nach, wie glatt diese Nacht alles gegangen ist! Nicht die geringste Schwierigkeit! Etwas furchtbares ist es also nicht, und wird es nie sein, wenn wir beide zusammen arbeiten." Während er dies sprach, stand er vor mir und hatte mir die Hände aus die Schultern gelegt, und dabei lächelte er, wie nur er zu lächeln wußte. Ich drehte mich auf dem Absatz um, stemmte die Ellbogen auf den Kamin und verbarg meinen brennenden Kopf in den Händen. Im nächsten Augenblick legte sich seine Hand noch nachdrücklicher auf meinen Rücken. „Schon gut, mein Junge; Sie haben ganz recht, 106 und ich mehr als unrecht. Ich werde es nie wieder verlangen Gehen Sie, wenn Sie wollen, und kommen Sie gegen Mittag wieder, um das Geld in Empfang zu nehmen. Abgemacht haben wir ja freilich nichts, aber ich werde Ihnen natürlich aus der Klemme helfen — besonders nachdem Sie mir diese Nacht so getreulich beigestanden haben." Jetzt fuhr ich herum, und das Blut kochte in meinen Adern. „Ich bin bereit, wieder mitzutun", zischte ich zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. „Nein, das sind Sie nicht", antwortete er, den Kopf schüttelnd mit einem schalkhaften Lächeln über meine wahnwitzige Begeisterung. „Doch, ich will!" schrie ich mit einem Fluch. „Ich will Ihnen helfen, so oft Sie es verlangen! Was kommt denn jetzt noch darauf an? Einmal habe ich dabei geholfen und werde cs wieder tun. Der Teufel hat mich nun einmal in den Klauen; ich kann nicht mehr zurück, selbst wenn ich wollte, und ich will gar nicht. Wenn Sie mich nötig haben, bin ick Ihr Mann!" So verbanden sich Raffles und ich-in den Iden des März zu verbrecherischem Tun. II. Eine Aufführung in Kostüm. Ganz London sprach damals von einem Menschen, dessen Name schon jetzt nur noch ein Name ist, und weiter nichts. Ruben Rosenthal hatte sich seine Millionen in den Diamant- seldern von Südafrika erworben und war nach Hause zurück- gekehrt, um sie zu genießen — was er eben unter genießen verstand. Wie er dabei zu Werke ging, das werden die Leser der billigen Abendblätter nicht so leicht vergessen, die Blätter, die förmlich schwelgten in endlosen Anekdoten über seine ursprüngliche Armut und seine gegenwärtige Werschwendung, vermischt mit interessanten Schilderungen des wunderbarer! Haushalts, den der Millionär in St. Johns Wood eingerichtet hatte. Dort hielt er sich ein Gefolge von Kaffern, die buchstäblich seine Sklaven waren; und von dort unternahm er seine Ausflüge in die Welt mit ungeheuren Diamanten im Vorh.md und an den Fingern unter Bedeckung eines berüchtigten Preisboxers, der trotzdem noch keineswegs das schlechteste Element in der Rosenrhallschen Menage war. So behauptete der Klatsch, aber die Tatsache war durch mindestens ein polizeiliches Eingreifen fest- gestellt, dem ein gerichtliches Nachspiel gefolgt war, worüber die erwähnten Blätter mit gerechtfertigtem Gusto und fettgedruckten Ueberschriften berichtet hatten. Das war alles, was über Ruben Msenthall bis zu dem Zeitpunkt bekannt geworden war, wo es der Klub der Alten Zigeuner, der unter der schweren Not der Zeit litt, für der Mühe wert hielt, ein großes Festmahl zu Ehren eines so reichen Vertreters der Grundsätze dieses Klubs zu veranstalten. Ich nahnr nicht daran teil, allein eins der Mitglieder führte Rassles Lin, der mir noch an demselben Abend Bericht erstattete. „Das Tollste, ivas ich je im Leben mitgemacht habe", sagte er. „Was den Menschen selbst betrifft — na, ich war auf etwas Groteskes gefaßt, aber als ich ,den Kerl sah, blieb mir denn doch der Verstand stehen. Zunächst ist er das erstaunlichste Stück Vieh, das man sehen kann, über sechs Fuß groß, mit einer Brust wie eine Tonne, einer gewaltigen krummen Nase und dem rötesten Haar und Bart, die mir je vorgekommen sind. Er soff wie eine Saugspritze, betrank sich aber gerade nur so viel, daß er uns noch eine Rede halten konnte, die ich um keinen Preis versäumt haben möchte. Es tut mir leid, das Du nicht auch dabei warst, meiu alter Bunny." Das zu bedauern, fing ich selbst an, denn Raffles war nichts weniger als ein erregbarer Mensch, und ich hatte ihn nie so aufgeregt gesehen. Hatte er Rosenthals Beispiel befolgt? Daß er mich um Mitternacht in meiner Wohnung aussuchte, nur um mir von einem Festesessen zu erzählen, war an sich g-enug, einen solchen Verdacht zu begründen, obgleich es allerdings mit dem im Widerspruch stand, was ich von A. I. Rassles wußte. „Was hat er denn gesagt?" fragte ich mechanisch, denn ich ahnte, daß noch etwas anderes hinter Rassles Besuch stecke, und zerbrach mir den Kops darüber, was das sein möge. „Was er gesagt hat?" rief Raffles. „Frag' lieber, was er nicht gesagt hat! Er rühmte sich seines Emporkommens, prahlte mit seinem Reichtum und schimpfte auf die Gesellschaft, die ihm seines Geldes wegen die Arme geöffnet und ihn wieder zurückgestoßen habe, weil er zu reich sei. Auch Namen nannte er mit einer Offenherzigkeit, der es nicht an Reiz fehlte, und schwor, er sei ebenso gut als nur irgend einer im allen Lande. Um das zu beweisen, zeigte er auf einen g,roßen Diamanten in der Mitte seines Vorhemdes mit einem kleinen Finger, der einen ähnlichen Stein trug Welcher von unseren aufgeblasenen Prinzen könne sich denn zweier solcher Steine rühmen? Und ich muß sagen, es schienen wirklich zwei wundervolle Steine zu sein, mit einem eigentümlichen rötlichen Schimmer, der einen ganzen Topf voll Geld wert sein muß. Der alte Rosenthall schwor, sie wären ihm noch nicht für fünfzigtausend Pfund feil, und fragte, wo es denn noch einen Menschen gäbe, der mit fünsundzwanzigtausend Pfund im Vorhemd und noch einmal fünsundzwanzigtausend Pfund am kleinen Finger spazieren gehen könne. Einen solchen Menschen gäbe es einfach nicht, und wenn einer existiere, so würde er nicht den Mut haben, solche Schätze offen zu tragen. Er habe aber den Mut — und er wolle uns auch sagen, warum. Und ehe man drei zählen konnte, hatte er einen riesigen Revolver aus der Tasche gezogen." „Doch nicht bei Tische?" „Gewiß, bei Tische und mitten in seiner Rede! Aber das war noch gar nichts gegen das, was weiter kam. Er sagte, er wolle seinen Namen mit Kugeln an die Wand schreiben und uns zeigen, warum er sich nicht fürchte, mit seinen Diamanten umherzulaufen. Das Vieh Purvis, der Preisboxer, der sein bezahlter Grobian ist, mußte seinen Herrn und Gebieter gehörig anranzen, ehe dieser seine Absicht aufgab. Einen Augenblick herrschte vollständige Panik; einer kniete sogar unter dem Tisch und betete, und die Kellner rissen sämtlich aus." „Das muß ja ein ganz grotesker Auftritt gewesen fein." „Das will ich meinen, aber ich wollte, sie hätten ihn schießen lassen. Er war ganz darauf versessen, uns zu zeigen, wie er seine roten Diamanten beschützen könne; und, weißt Du, Bunny, ich war ebenso versessen darauf, es zu sehen." Bei diesen Worten beugte sich Rassles mit einem pfiffigen, leisen Lächeln zu mir herüber, das mir endlich die geheime Bedeutung seines Besuches nur zu klar machte. „Du hast also Lust, selbst einen Versuch zu machen, an die Diamanten zu kommen?" „Das ist doch unverkennbar, wie ich zugebe", antwortete er achselzuckend. „Aber ja — ich bin ganz erpicht auf sie! Um ganz offen zu fein, liegen sie mir schon seit einiger Zeit auf dem Gewissen. Man kann doch nicht fortwährend von diesem Manne, seinem Preisboxer und seinen Diamanten reden hören, ohne eine Art von .Verpflichtung zu fühlen, einmal die Finger danach auszustrecken. Wenn es aber so weit kommt, daß der Mensch einem mit dem Revolver vor der Nase herumfuchtelt und sozusagen die ganze Welt herausfordert, dann ist die Geschichte aber nicht mehr zu umgehen. Sie wird einem einfach ausgenötigt. Das Schicksal wollte, daß ich diese Herausforderung hörte, Bunny, und ich bin nicht der Mann, ihr ans dem Wege zu gehen. Das einzige, was ich bedauerte, war, daß ich mich nicht auf die Hinterbeine setzen und es auf dem Flecke sagen konnte." „Nun", entgegnete ich, „so, wie wir stehen, kann ich zwar die Notwendigkeit nicht einsehen, aber ich bin natürlich dabei." Vielleicht verriet mein Ton, daß mir die Zustimmung nicht, ganz von Herzen kam, obgleich ich versuchte, meine Abneigung zu verbergen. Seit unserem Unternehmen m Bond Street war kaum ein Monat vergangen, und wir hätten es ganz gut noch eine Weile aushalten können, ohne ein neues Verbrechen zu begehen, denn wir lebten ganz behaglich. Auf Rassles Rat hatte ich einige Kleinigkeiten geschrieben, mich sogar zu einem Artikel über unseren eignen Juwelendiebstahl verstiegen, und für den Augenblick hatte ich genug von dieser Art von Abenteuern. Ich war bet Ansicht, wir sollten zuftieden sein, daß es , uns gut ging, und mir wollte die Notwendigkeit nicht einleuchten, unA neuen Gefahren auszusetzen, ehe wir dazu gezwungen waren. Auf der anderen Seite war mir jedoch auch daran gelegen, zu zeigen, daß ich nicht im geringsten geneigt war, von dem Versprechen zurückzutreten, das ich vor einem Monat gegeben hatte. Allein es war nicht meine unverhohlene Abneigung, wogegen Raffles Einwendung erhob. „Die Notwendigkeit, mein lieber Bunny? Schreibt der 107 — Dichter nur, wenn der Wolf vor der Tür heult, malt der Waler nur ums tägliche Brot? Sollen wir beide uns zum Werbrechen treiben lassen, wie Hinz und Kunz von White- chap»l? Du tust mir weh, mein lieber Junge, und Du brauchst darüber nicht zu lachen. Kunst um der Kunst willen ist eine abgedroschene Redensart, aber ich gestehe, daß sie für mich etwas Verlockendes hat. In diesem Falle sind meine Beweggründe vollkommen rein, denn ich bezweifle sehr, ob wir so seltene und auffallende Steine jemals zu Geld machen können. Aber wenn ich — nach dem heutigen Abend — keinen Versuch mache, sie zu bekommen, kann ich niemals wieder einem anständigen Menschen ins Gesicht sehen." Seine Augen blinzelten, aber sie funkelten auch. „Es wird ein schweres Stück Arbeit werden", begnügte ich mich, zu antworten. „Glaubst Du etwa, ich hätte mich so darauf verbissen, wenn es das nicht wäre?" rief .Raffles. „Mein lieber Junge, ich würde die St. Pauls-Kathedrale stehlen, wenn ich's könnte, aber ich werde mich ebensowenig jemals dazu erniedrigen, eine Ladenkasse zu leeren, wenn der Krämer den Rücken dreht, als ich einem alten Weib ein paar Aepfel aus ihrem Korbe nehmen könnte. Selbst die kleine Geschichte vor einem Monat war eigentlich ein schmutziges Geschäft, aber es war notwendig, und die Geschicklichkeit, womit wir's ausgeführt haben, gibt ihm einen besseren Anstrich. Aber sich an Leute zu machen, die behaupten, daß sie vor einem auf der Hut seien, das ist etwas Ehrenhaftes und mehr sportmäßig. Die Bank von England wäre zum Beispiel ein ideales Ziel, aber dazu gehörten min--; bestens ein halbes Dutzend von uns und Jahre der Vorbereitung. Einstweilen ist Ruben Rosenthall ein Stück Wild, das für Dich und mich edel genug ist. Wir wissen, daß er bewaffnet ist, und wie sich Billy auf Boxen versteht. Ein Sonntagnachmittagsvergnügen wird's nicht geben, das räume ich ein, aber was kommt denn darauf an, Bunny — was kommt darauf an? Der Mensch soll nach Zielen streben, die zu erreichen einige Mühe kostet, mein Junge, oder wozu, zum Kuckuck, wäre denn der Himmel erschaffen?" „Mir wäre es lieber, wenn wir vorläufig noch nicht nach so hohen Zielen strebten", antwortete ich lachend, denn seine Laune war ansteckend, und der Plan begann mich zu reizen, trotz meiner Bedenken. „Verlaß Dich nur auf mich", antwortete er, „ich werde Dir durchhelfen. Ich glaube, es wird sich Herausstellen, daß die Schwierigkeiten bei näherer Prüfung verschwinden werden. Die, Leute trinken beide wie der Satan, und das vereinfacht die Geschichte beträchtlich. Aber wir müssen uns die Zeit nehmen. Wahrscheinlich wird sich die Sache auf ein Dutzend verschiedene Arten ausführen lassen, zwischen denen wir die Wahl haben. Zunächst müssen wir das Haus jedenfalls mindestens eine Woche lang beobachten, und es können sich eine Menge Umstande ergeben, die noch mehr Zeit erfordern. Aber laß mir eine Woche, dann werde ich mich genau aussprechen können — das heißt, wenn Du wirklich mittun willst." „Natürlich will ich das", antwortete ich entrüstet. „Aber warum soll ich Dir eine Woche lassen? Weshalb können wir das Haus nicht zusammen beobachten?" „Weil zwei Augen ebenso viel sehen als vier und weniger Raum einnehmen. Man soll niemals paarweise jagen, wenn's nicht unbedingt notwendig ist. Du brauchst kein böses Gesicht zu machen, Bunny, es wird genug für Dich zu tun geben, wenn die Zeit da ist; das verspreche ich Dir. Mach' Dir nur keine Sorgen, Deinen Anteil am Spaß sollst Du haben, und einen roten Diamant obendrein — wenn alles gut geht." (Fortsetzung folgt.) Die Geschichte des Koh-L-noor. Aus Harpers Monthly Magazine übersetzt. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Schah Zamaun blieb fest eingekerkert in Kabul, bis fein dritter Bruder, Schah Schujah, erfolgreich gegen Mohammed kämpfte, ihn absetzte, den Gefangenen, Schah Zamaun,, befreite und den Thron dann felbst einnahm. Den Kvh—i—noor erlangte er indessen doch noch nicht. Ob-, gleich Schah Zamaun geblendet war, hatte er alle die Jahre daher sein Geheimnis bewahrt in der eiteln Hoffnung, daß er eines Tages seinen Thron wieder erlangen werde, und nun, befreit wie er war, und mit weniger Aussicht als je, den Thron wieder zu besteigen, weigerte er sich, das Versteck des kostbaren Edelsteines bekannt zu geben. Wie er je in den Besitz des Schah Schujah gelangte — denn schließlich bekam er ihn doch — wird nie bekannt werden. Ob Zamaun solch brüderlicher Ueberredung wie der Folter und den Daumenschrauben nachgab, oder ob der Edelsteiil zufällig von dem Mullah des Schlosses gefunden wurde ist bis heute unbekannt. Auf alle Fälle bekam Schah Schujah den Edelstein in seinen Besitz, und durch die Ironie des Schicksals war sein Los schlimmer als das seiner Vorgänger. Da er bald durch eine Empörung aus seinem Lande vertrieben wurde, streifte er als heimatloser Wanderer in dem Pandschab und in Kaschmir umher. Nur eine kleine treue Schar folgte ihm. Die Gefahren und Beschwerden, die er ertrug, sind ohne Gleichen in der Romantik der modernen Literatur. Seine heldenmütige Königin weigerte sich, ihn zu verlassen; sie folgte ihm auf allen seinen Wanderungen und vermehrte dadurch seine Angst und seine Gefahr. Endlich glaubte er in Srinugger einen Zufluchtsort gefunden zu haben. Aber sobald der Herrscher von Kvschmir den Edelstein erblickte, erfaßte ihn das Verlangen, den Juwel in seinen Besitz zu bringen; indem er alle Gesetze der Gastfreundschaft und selbst der Freistätte — Gesetze, die als von Gott gegeben angesehen und im Osten vor allen anderen beobachtet werden — verletzte, kerkerte er seinen Gast ein und bemühte sich, den Schatz zu erlangen. Sein Vorhaben wurde gerade bei Zeit bereit lt. Rangit Singh, der Siih*) und Herrscher dcs Pandschab t ü tmie noch von einem mächtiger! Reiche. Da er auf der südlichen Seite seines Gebietes von den Briten umgeben war, mit denen er gerade einen Bündnisvertrag abgeschlossen hatte, wandte er seine Waffen nach Norden und fiel in Kaschmir ein. Nach einem erfolgreichen Feldzuge befreite er Schah Schujah aus seiner gefährlichen Lage und bot ihm ein Asyl in Lahore an. Durch die Ironie des Schicksals befiel dort den Schah Schujah dasselbe Unglück wie in Srinugger. Während er der Gast Rangits war, offenbarte er seinem mächtigen Wirte in einem Augenblicke kindischer Eitelkeit, daß er noch im Besitze des Koh—i—noor sei; so groß war der gcheimnis- volle Zauber des Edelsteines über die Herzen der Menschen, daß Rangit, der bisher der treueste Freund und der ritterlichste Wohltäter gewesen war, von einer heftigen und unbezwingbaren Leidenschaft erfaßt wurde, den Juwel um jeden Preis in seinen Besitz zu bringen. Er unterwarf seinen nun als Gefangenen angesehenen Gast fortgesetzten Schmähungen und Beschimpfungen, kerkerte ihn innerhalb der vier Mauern seines Hauses ein und versagte ihm sogar die notwendigsten Lebensbedürfnisse. Aber Schah Schujah hing noch mit der Hartnäckigkeit bei Verzweiflung an feinem Edelstein. Es ist wirklich ein seltsamer Einblick in orientalische Gewohnheiten und in die Macht orientalischen Glaubens, daß, obgleich Rangit sich so weit vergessen konnte, seinen Gast indirekt großer Graufamkeit zu unterwerfen, er seine Person nicht offen berauben konnte. Zuletzt sann er einen scharfsinnigen Plan aus, seine Absicht zu verwirklichen. Et erbot sich, eine mächtige Armee, die von drei napoleonischen Generälen, Court, Allard und Ventura, nach europäischer Art geschult und ausgerüstet worden war, nach Afghanistan zu führen und Schah Schujah auf den Thron von Kabul zu fetzen, wenn letzterer ihm nur den Edelstein abtreteu wolle. Von der Aussicht angelockt, sein verlorenes König reich wieder zu erlangen, was, wie er nicht zweifelte, Raugii wohl imstande sei zu vollbringen, willigte er in den Plan und entsagte dem Besitze des unschätzbaren Koh—i—noor, indem er sich nur die Uebertragung des unbedingten Eigen tumsrechtes bis zur Wiedererlangung des Thrones vor Kabul vorbehielt. Ob Rangit je beabsichtigte, sein Wort zu halten, wir! man nie erfahren. Sei es, wie es wolle, er sah die Notwendigkeit ein, Schah Schujah gefangen zu halten, solang« er nicht imstande war, unbedingtes Eigentumsrecht del Edelsteines zu beanspruchen. Endlich zur Verzweiflung getrieben, beschloß Schal Schujah, auf britisches Gebiet zu entfliehen. Sein Versuq mißlang wiederholt. Trotzdem verließ ihn die treue Schar *) Die Sikh sind ein eigenes Volk im Nordwesten vor Vorderindien. Ihre Religion ist ein Gemisch von BrahmaiÄ mus und Islam. 108 Die ihm in die Verbannung gefolgt war, auch hier nicht. Da sie es unmöglich fanden, auf geheime Weise mit ihm ?u verkehren, obgleich es ihnen erlaubt war, ihn als Glieder eines Hauses zu bedienen, gelang es ihnen, ihm ihre Pläne unter der Verkleidung eines prosaischen Liebesliedes mit» zuteilen. Dann verbargen sie eine Strickleiter in einem geheimen Gemach, lösten eine eiserne Fensterstange von außen und setzten sie wieder sorgfältig ein. Schah Schujah mußte in der bestimmten Nacht notwendigerweise einige Augenblicke in jenem geheimen Gemache zubringen. Er benutzte die Strickleiter und entkam so aus dem Hause seiner Gefangenschaft. Dann begann eine gefahrvolle Wanderung in der Verkleidung eines Bauern, bis zuletzt der Setledsch (Nebenfluß des Indus) erreicht wurde. Die nachfolgende Geschichte dieses Mannes ist ebenso tragisch. Was Rangit Singh für den Koh—i—noor versprochen hatte, versuchte die britische Regierung aus politischen Gründen. Im Jahre 1839 begleitete ein britisches Heer den Schah Schujah nach Kabul, um ihn auf den Thron von Afghanistan zu setzen, als einen freundschaftlicheren Herrscher als den russisch gesinnten Dost Mohammed. Der Einfall war erfolgreich. Schah Schujah wurde in Kabul eingesetzt, sein Nebenbuhler gefangen genommen und nach Kalkutta transportiert. Aber zwei Jahre später brach eine Empörung aus; das britische, aus etwa 16 000 Mann bestehende Heer, welches das Land besetzt hatte, mußte sich im tiefen Winter zurüctziehen. Die Schrecken jenes Rückzuges bilden eine der traurigsten und furchtbarsten Episoden in den Annalen der modernen Geschichte. Tie garze Armee wurde vernichtet bis auf einen einzigen Flüchtling, der die freundschaftlichen Mauern von Jellalabad erreichte, um dort den Jammer mid das Unglück seines Heeres zu erzählen. Und Schah Schujah, die unglückliche Ursache, wurde in Kabul ermordet, als seine Verteidiger fort waren. So kam ein König um, der viel für seinen Thron und das Verlangen nach dem Koh—i—noor gesündigt hatte, gegen den aber durch die Eroberung jenes gefährlichen Thrones und den Besitz jenes mystischen Juweles noch weit mehr gesündigt worden war. Unterdessen (1839) war auch Rangit Singh gestorben. Als er auf dem Sterbebette lag, fühlte er den geheimnisvollen Einfluß des unheilvollen Diamanten, um den er so wacker im Leben gekämpft hatte. Er fühlte, daß sein schrecklicher Fluch auf seinem Hause ruhte, baß das volle Maß davon auf seine Nachkommen fallen werbe. Nur ein Akt der Buße konnte das drohende Geschick abwenden. Sterbend bat er die Umstehenden, mit dem Juwel nach dem Tempel von Püree zu eilen und ihn dem Götzen Jug- gernaut anzubieten. Unglücklicherweise gab die Königin-Regentin einen Gegenbefehl und behielt den Edelstein für seinen Nachfolger, den jugendlichen Dbuleep Singh. Während ihrer kurzen Regentschaft brach eine Revolution aus, der zwei ungestüme und blutige Kriege gegen die britische Regierung folgten; das Pandschab wurde annektiert, unb der Koh—i— noor, ber Preis bes Kampfes seit dreißig Jahrhunderten unter Königen und Kaisern, wurde der britischen Krone übergeben. Ehe er seinen letzten Ruheplatz unter den königlichen Insignien von England fand, machte er einen weiteren Wechsel durch. Er wurde dem Lord (damals Sir John) Lawrence übergeben, der ihn in die Tasche steckte und erst sechs Wochen danach daran dachte, als er aufgefordert wurde, ihn der Königin Viktoria zu übergeben. Erschrocken eilte er nach Hause, um den kostbaren Edelstein zu suchen. Glücklicherweise hatte sein Hindu-Diener ihn gefunden; der gab auf alles acht und hatte „das kleine Stück Glas" ausbewahrt, das von seinem vergeßlichen Herrn so achtlos beiseite geworfen worden war. Bis auf die letzte Seite seiner Geschichte befriedigte dieser wunderbare Stein sein Verlangen nach gefahrvollen Abenteuern. Als er nach England gebracht wurde, wog er nur 181 Karat. Er wurde (mit zweifelhafter Klugheit) in Amsterdam wieder geschliffen und bis auf 106 Karat verkleinert. Als er zuerst durch die Weltgeschichte bekannt wurde, wog er 787 Karat, oder hatte ungesähr viermal die Größe des zweitgrößten Diamanten in der Welt. An Größe glich er damals einem sehr großen Hühnerei; er war ungefähr 2r/z Zoll lang und an seinem dickste« Teile beinahe l»/z Zoll breit. Nun entsteht die Frage, w a n n und wie verlor dieser prachtvolle Diamant von 787 Karat beinahe zwei Drittel seiner Größe und wurde bis auf 279 vermindert? Dies ist nicht nur eine bloße Berufsfrage oder eine Frage von akademischem Interesse; es ist eine Frage von der größten Wichtigkeit, an der momentane Erfolge hängen, welche die zukünftige Geschichte beeinflussen oder nachteilig darauf ein» wirken können. Dies sind die Tatsachen des Falles: Es war ein Diamant in den Urkunden des Landes erwähnt als 787 Karat schwer und an Form einem großen Ci ähnlich. An dem Hofe des Schah Jahan wurde er von Tavernier gesehen. Damals wog er nur 279 Karat, war an Größe ungefähr dem Drittel eines großen Eies ähnlich und hatte über seiner Grundfläche eine gerade Spaltung — eine Tatsache, die int natürlichen Zustande der Diamanten unbekannt war. Unterdessen war ein geheimnisvoller Edelstein als das Auge eines Gottes in einem Hindu-Tempel aufgetaucht. Er glich auch einem Teile eines Eies — dem dünneren Teile — und hatte auch an seiner Grundfläche eine gerade Spaltung. Die Folgerung ist einleuchtend. Edelsteine, die den Götzen geopfert wurden, — vielleicht aus den Gründen ihrer geängstigten Besitzer — werden häufig in der Geschichte Indiens erwähnt. Das Schicksal dieses Diamanten, der einzig in seiner Art war, glich dem vieler seiner bescheideneren Vorgänger. Er wurde entzwei geschlagen, ein Teil behalten und das andere dem Götzen als ein Sühnopfer dargeboten. Und das Auge des Gottes hat auch eine merkwürdige Geschichte, welche die wunderbare Erzählung des Koh—i— not, seiner anderen Hälfte, ergänzt. Ein tollkühner Irländer, der aus Neigung Abenteurer von Beruf geworden war, rühmte sich in einer Londoner Schenke, daß er drei verschiedene, sehr verwegene Heldentaten ausführen wolle, die noch kein Europäer bis jetzt vollbracht habe, ttämlich 1. den Großmogul auf seinem Thron zu sehen, 2. auf einem ungesattelten Elefanten (einem seit den Tagen Han- nibals nicht in Europa gesehenen Tiere) zu reiten und 3. den größten Diamanten in der Welt in seinen Händen zu halten. Wie er nach verschiedenen Abenteuern die beiden ersten Taten ausführte, gehört nicht in den Rahmen dieser Chronik; was aber die dritte betrifft, so wird uns erzählt, daß es diesem verwegenen Abenteurer gelang, auf die Gefahr seines Lebens in Verkleidung in den Hindu-Tempel einzudringen, wo der Götze mit dem Diamant-Auge stand, und den kostbaren Edelstein zu stehlen. Nach weiteren Abenteuern erreichte er die Küste, segelte nach Europa und fand seinen Weg nach Rußland. Dort verkaufte er den Diamanten dem Grafen Orloff für eine große Summe, der seinerseits ihn der Kaiserin Katharina für 450 000 Rubel (Lstr. 90 000) bar, eine Leibrente von 4000 Rubel (Lstr. 800) und einen russischen Adelstitel überließ. Er wurde später in Amsterdam in der Form einer Rose geschnitten und auf das russische Szepter gesetzt. Er wiegt jetzt 194,75 Karat und ist deshalb beinahe doppelt so groß als der Koh—i—noor. Nun ist die Frage in betreff der beiden Edelsteine, welcher Art ist die Meinung der Hindus über ihre eigenen Anspruchsrechte? Wenn dies wirklich die Hälften des eckften Steines von göttlichem Ursprung sind, ist dann die göttliche Bürgschaft und das Mandat von Indiens Souveränität durch seine Verstümmelung aufgehoben? Mit anderen Worten: Haben die beiden Hälften den Charakter des ursprünglichen Ganzen verloren? Oder besitzen sie denselben noch beide und getrennt? —«• Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) Hbdkfrdnspndhlgnsmkt Vrbdrltkmmrvrbdsltld GltrtwrddshrzmrndblmnwchsndrH Znmkmpfglst gsthtnchdrwltmnsnn. Vorstehende Buchstabcnreihen sind in Gruppen zu zerlegen, die sich durch Einfügung passender Vokale zu sinngemäße» Wörtern bilden lassen» Das Ganze ergibt einen Vers von Scheffel. (Auflösung in nächster Rümmer.) Auflösung des Ergänzungsrätsels in vor. Nr.: Eifer, Reid, Glied, Bude, List, Mieder, Wand, Feder«, Schwert. Redaktion: Curt «lat». — Ke*etien#6rud mtb Serien der Brühl'scheu UniversitätS-Buch. und Stemdruckerei lAittkch Erben» in Giesten.