Samstag den 19. Aezcmver. IBM 1903. —"Ur. 189. ■a ■-j « N I I I L ! (Nachdruck verboten.) Wotans Mrkoöung. Novelle von Robert Kohlrauschs (Fortsetzung.) Tie Mahlzeit war vorüber, eben wollte man sich- er» heben, — da kam die Katastrophe. Tie Tür vom Korridor öffnete sich-, und herein trat, gefolgt vvn seiner getreuen Verehrerin, der „Uebermensch". Er schritt erhobenen Hauptes, die Reisemütze auf dem Kopf, die bunte Decke um die schultern, ganz langsam durck- den Saal, setzte sich vor dem Fenster an einen Tisch und rief Lina zu, daß sie den Kaffee dorthin bringen solle. Ein Tvdesschweigen entstand; man vernahm durch die offene Gartentür das leise Rauschen der Wellen am Strand uird hier innen das rasche Atmen der nervösen Damen und der zornigen Herren. Eine kurze Weile schwieg auch der „Sopra" und ließ die schwarzen, kleinen Augen triumphierend int Saale die Runde machen; dann begann er den gewohnten Monolog, dem seine Dame in schuldiger, schwärmerischer Andacht lauschte. „Ich habe Ihnen Vorhin schön gesagt: das einzige MM, Has wenigstens halbwegs Existenzberechtigung hat, ist die ,Jugend".. Ich bin überhaupt der Ansicht, daß die „Jugend" allein ein richtiges Urteil über alle Tinge besitzt. Ich würde, wenn ich der Herrgott wäre, sämtliche Individuen vom Erdboden vertilgen, die über vierzig Jahre alt sind. Ich würde —" Ein heller, schriller Don unterbrach ihn so jäh) daß er überrascht verstummte. Jemand hatte mit dem Messer ans Glas geklopft, als wenn er eine Rede halten wollte. Die Augen aller schauten suchend nach der Stelle hin, vvn wo der Don gekvnrmen war, und aller Blicke hafteten auf Rauchmann, der sich erhoben hatte und mit ruhiger Sicherheit öastand, das blitzende Messer spielend in der Hand auf und nieder bewegend. Jetzt begann er wirklich zu sprechen, fcz; die Spannung war auf dem Gipfel. „Meine verehrten Damen und Herren", sagte er, dem -„Svpratz den Rücken zuwendend, „es ist hier im allgemeinen Nicht Sitte, Reden zu halten. Ich finde diesen Brauch sehr löblich, denn auch ich bin kein Freund Vvn Tisch- und anderen Reden. Aber es gibt Momente, wo das Schweigen zur Feigheit, das Reden zur Pflicht und Notwendigkeit wird." Eine leise Bewegung, wie ein zustimmendes Rauschen, Ang durch die Gesellschaft. Der „Uebermensch" lächelte noch -immer fern höhnisches Lächeln, doch war er sehr bleich ge- tvorden. ' " ‘ ,Mn solcher Moment scheint mir heute gekommen zu sein. Sie alle sitzen heute hier an ungewohnter Stelle, weil Ere vor einem Menschen geflohen sind, der Sie belästigt hat wie ein schädliches Insekt. Wer nicht genug damit. daß er Sie aus Ihrer Ruhe aufgescheucht hat — er besitzt auch noch die ungeheure Keckheit, Ihnen hierher zu folgen und Sie mit seinen unweisen und unsinnigen Reden auch hier zu quälen." Er h-atte sein Gesicht jetzt voll dem Schwarzen zu-, gewandt, der mit nervös zuckenden Fingern eine Zigarette zerdrückte, die er eben hatte in Brand setzen wollen. „Dieser Mensch — dieser hier, den ich Ihnen mit meinen Augen bezeichne, hat soeben über die Rechte und Fähigkeiten der Jugend gesprochen. Er hat mich so daran erinnert duß er selbst der traurige Typus eines Teiles der heutigen Jugend ist und dadurch eine Bedeutung über feine eigene kleine Persönlichkeit hinaus gewinnt. Er repräsentiert jenen häßlichen Teil unserer gegenwärtigen Jugend, der, zwischen Blasiertheit und Rohheit, zwischen Gigerl und Rüpel hin und her schwankend, unsere Straßen, unsere Wirtshäuser, unsere Theater entstellt, und bei dem in beispielloser Anmaßung jegliche Begabung für Besseres untergeht. Mit der Vertilgung dieser Art von Jugend könnte unser lieber, alter Herrgott wirklich uns allen einen Gefallen erweisen,- und er dürfte — nach wohl einmütiger Ansicht der an dieser Tafel Versammelten — am liebsten mit jenem Exemplar den Anfang machen, das sich, wie wir eben gehört haben, gern selbst zum Herrgott aufblähen möchte. Zum tzerrgoth dessen Welt ich mir freilich als allerletzte aus- suchen würde, um darin zu leben. Denn was könnte sie anders werden, als eine Spottgeburt aus Anmaßung und Torheit?" Der Bann der Ueberraschung, der zst Beginn der Rede sich über die Gesellschaft gelegt hatte, war allmählich geschwunden; Beifallsrufe hatten sich zuerst leise, dann lauter hineingemischt, und jetzt erklang ein lautes, allgemeines Bravo. Der „Sopra" sah sich nun endlich auch veranlaßt, aufzustehen und ein paar Schritte näher zu Rauchmann her anzutreten. „Mein Herr, sprachest Sie von mir?" fragte er mit heiser gewordener Stimme. „Ich dachte, das hätte ich- deutlich- genug gemacht Jawohl, ich spreche von Ihnen. Und ich sage Ihnen jetzt: Sie haben die Geduld der Gesellschaft hier bis aufs äußerste erschöpft. Es sind Leidende hier. Kranke und Nervöse, die Erholung suchen nach schwerer Zeit. Es sind Gäste hier, denen es mö-alicherwetse nicht leicht geworden ist, die Mittel zu solcher Kur aufzubringen, und die mit ihrest Tagen hier geizen müssen. Sie haben sich's angelegen seist lassen, ihnen alle die Ruhe, Die Erholung, die Kur zu stören, und darum fordere ich Sie jetzt im Namen dieser ganzen Gesellschaft auf, sie auf der Stelle — auf der Stelle, verstehen Sie mich? — von Ihrer höchst unangenehmest Gegenwart zu befreien. Und wenn Sie die Tür vielleicht ohne Hilfe nicht finden können — ich werde sie Jhnest zeigen." Er ging mit eist paar großen Schritten bis zu der offenstehenden Tür zum Garten und wies mit befehlerischer 754 — Handbewegüug hinaus. Der andere trat iljin' gegenüber, bleich, bebend, stammelnd. „Mein Herr, Sie sind — ich — ich —" er begann ein hastiges Suchen in allen Taschen seines langen, schwarzen Rackes, „nein, hier ist sie auch nicht, — ich habe keine Visitenkarte bei mir, — aber ich heiße Meyer. Sie werden von mir hören." Damit schritt er hinaus, sein weinendes Gefolge schlüpfte hinterher. Ter Sänger aber wandte sich nur für eine Sekunde noch zu der Gesellschaft zurück, die in tobenden Jubel ausgebrochen war, suchte mit einem einzigen, raschen Klick Ediths Gesicht und verließ dann gleichfalls den Saal. In den Jubel hinein, der jetzt noch ungemindert erklang, sagte die Generalin zu ihrer Tochter: „Tas war famos von ihm, ganz famos! Er ist der einzige Mann in der ganzen Gesellschaft." „Aber der andere wird ihn erschießen", stammelte Fräulein Edith. „Nur keine Angst, liebes Kind, der „Sopra" hat das Pulver so wenig erftrnden, wie er für seine Anwendung schwärmt."-- Rauchmann stieg in den Garten hinunter und sah den --Schwarzen" mit seiner Dame noch eben im Hause verschwinden. Der Rückzug glich so sehr einer eiligen Flucht, daß die Abschiedsdrohung sehr an Gewicht verlor. Der Sänger war jetzt allein im Sonnenschein hier draußen; eine sanfte, mit Feuchtigkeit gesättigte Luft kam von der Seefläche zu ihm her. Es tat ihm Wohl, einen Gegenstand für das unbestimmte Zorngefühl in seiner Brust gefunden zu haben, das sich in unberechenbarem Wechsel all die letzten Tage hindurch bald gegen Edith, bald gegen sich selbst gerichtet hatte. Er atmete tief auf, nun Mußte die Last doch herunter sein vom Herzen. Aber während er hastig, mit noch lebhaft klopfenden Pulsen auf der Kies- fläche hin und her ging, fühlte er mit Erschrecken, daß die Enge, die Bangigkeit, die Unruhe doch noch in ihm geblieben waren, die er mit dem Zorn zugleich verscheucht zu haben glaubte. Was war aus ihm geworden in so kurzer Zeit! Er kannte sich selbst und seine Empfindmrgen nicht mehr. Er wußte nur, daß etwas in ihm brannte wie ein zehrendes Fieber, das ihm die Ruhe nahm, ihn rastlos umhertrieb durch Berg und Tal und ihn immer wieder hierher zurückführte an diese Stätte, die so still und friedliche dalag und doch für ihn kein Ort des Friedens geworden war. Ter Beifall, der ihn eben umtönt hatte, war ein vertrauter, willkommener Laut gewesen und hatte ihm wohlgetan. Aber auch diese Wirrung dauerte nur kurze Zeit. Er machte dieselbe Erfahrung bannt, wie schon mehrfach in den letzten Tagen mit der künstlich erweckten Erinnerung an seine Erfolge in der bunten, lauten Welt, wo er als Herrscher galt. Sein Selbstbewußtsein war nicht erloschen; er sagte sich häufig sein stolzes, gewohntes: „Ich bin ich!" aber daß er sich gerade jetzt so häufig sagen mußte, das erfüllte ihn mit einem halb unbewußten Gefühl der Ueberraschung. Und jene Erinnerung — sie verflog immer wieder merkwürdig schnell. Es schien ihm, als läge das alles weit, weit hinter ihm, durch den Schleier der Ferne scyon undeutlicher und weniger glänzend gemacht. Oder war es nicht die Entfernung allein, die das Bild veränderte, war etivas anderes da, das sich dazwischen schob, war ein stärkeres Gefühl in ihm erwacht und ließ die Freude an Ruhm und Größe verblassen? Zuerst hatte ers geleugnet, dann bejaht; ein Gefühl war in ihm, das ihn nicht wieder losließ: der Zorn. Die Empörung über Ediths Worte lebte in ihm fort, mit denen sie die Brücke zwischen sich und ihm abgebrochen hatte, das peinigende Gefühl einer Demütigung, die er widerstandslos über sich hatte ergehen lassen. Mer jetzt war doch etwas geschehen, jetzt hatte er seinem Zorn ja Luft gemacht, wenn auch nicht gegen Edith, so doch in ihrer Gegenwart. Ob sein Auftreten ihr gefallen hatte? Mit der Frage zugleich erwachte der Aerger, daß der Gedanke überhaupt in ihm auffteigen konnte. Was kümmerte ihn ihr Denken und Fühlen? Gab es nicht ändere, Hunderte von Frauen, die jedes seiner Worte voll Andacht von»seinen Lippen getrunken hätten, mit derselben SStnbacfjt, wie — Plötzlich stand das Bild des Mannes den er eben gezüchtigt hatte, mit seiner schwärmenden Verehrerin vor ihm, und wie ein flüchtiger Blitz durchzuckte es rhn: war jener Mensch nicht vielleicht ein Zerrbild von ihm selbst? Ein halber, ein Viertel Gedanke nur, der sofort wieder verschwand, aber der ein neues, heißeres ftu- behagen in ihm entfachte und die nun schon gewohnte, fieberhafte Rastlosigkeit wieder erweckte. Bor sich nahenden Meuschenstimmen, die vom oberen Speisesaal herunter ertönten, floh er davon. In die Berge hinein, deren Weg ihm auf weiten, häufigen Wanderungen schon vertraut geworden war. Er ging diesmal den lorbeerumsäumten Pfad, auf dem er Edith bei jenem ersten Spaziergang begegnet war, wo sie den Zweig gebrochen und ihm gereicht hatte. Jetzt aber hatte auch der Lorbeer für ihn seinen Reiz verloren, er ging dahin, die Augen auf den Boden gerichtet, und sah auf die heften Blumenaugen am Wegesrand, die er sonst so wenig beachtet hatte. Plötzlich! ertappte er sich dabei, daß er dastand — er wußte nicht, wie lange schon — und aus einen großen gelben Primelsteru zu seinen Füßen niederstarrte. Und durch irgend eine Jdeenverbindung kam ihm Shakespeares Vers aus dem „Sommernachtstraum" ins Gedächtnis, der von. einer Wunder- und Zauberblume spricht: „Und Mädchen nennens Lieb' im Müßiggang". Der Müßiggang, der wars! Dies Herausgerissensein aus der gewohnten Tätigkeit, dieser Mangel an Ausregung und Erfolg, dies Vegetieren in dem erdrückend stillen Erdenwinkel! Wenn er nur erst wieder singen konnte, singen und Reisen von Ort zu Ort! Aber indem dieser Wunsch in ihm sich formte, kam es ihm zum Bewußtsein, daß er in den letzten Tagen viel weniger an seine Gesundheit gedacht hatte, als sonst, daß er über die pflichtschuldige, fast instinktive Befolgung der ärztlichen Regeln hinaus kaum so gelebt hatte, wie die Gesundheit es erforderte. Wenn sie ihn nicht mehr beschäftigte, was beschäftigte ihn dann? Ter Vers gab Antwort, der in seiner Seele tönte. Neben dem Müßiggang erklang noch ein anderes Wort in ihm, ein stärkeres, größeres, helleres Wort — die Liebe! Er war wieder vorwärts geschritten, jetzt blieb er von neuem stehen wie vor einem jäh geöffneten Wgrund. Tie Liebe, - welch ein Wahnsinn, daran zu denken! In welche Wirrnisse trieb ihn die ungewohnte Einsamkeit! Er grollte und zürnte, er haßte dieses Atädchen, das ihm so sehr die Ruhe der Seele raubte, — warum überlief es ihn wie Frost bei dem fernher tönenden Klang jenes anderen Wortes? Nein und tausendmal nein, er liebte sie nicht! Sich wehrend gegen ihr Bild, kämpfend gegen sich selbst, halb erstickt von einem Gefühl, das stärker war als sein Wille, kam er bis zu dem Platz, wo Edith ihm den Lorbeerzweig gegeben hatte. Und hier brach sein Widerstand in sich zusammen. Alle Waffen, die er sich geschmiedet hatte gegen ein übermächtiges, ihm fast noch neues Empfinden, zersplitterten in seinen Händen. Was er Zorn, Empörung, Haß zu nennen versucht hatte, es war nichts als Maske gewesen für das andere, sieghafte Gefühl. Es gab kein Leugnen mehr, er liebte Edith! Und mit dieser Erkenntnis Zugleich kam ihm die andere, welch eine Summe von Lieües- fähigkeit und Liebesbedürsnis in ihm sich aufgespeichert hatte in den langen Jahren beständigen Ringens um den Sieg in der Kunst. Er hatte keine Zeit gehabt für die Liebe. Angenehme, heitere Bilder hatten sich, rasch vorüber gleitend, in der ruhigen Glut seines Empfindens gespiegelt, niemals aber war diese Flut vom Sturm gepeitscht worden, hatte niemals die Ufer überschritten, die Tämme durchbrochen. Jetzt war es geschehen, jetzt ging sie, furchtbar angeschwoften, über ihn selbst hinweg, nahm seinen Füßen den Halt, umrauschte ihn mit gewaltigen Tönen, hob ihn auf und riß ihn widerstandslos mit sich fort. Riß ihn fort, — wohin? Zu ihr, zu Edith! Mit einemmale war kein anderer Gedanke mehr in seiner Seele. Zu ihr, hinunter ins Tal, um sie zu seheu, ihre Stimme von weitem zu hören, in denselben Mauern zu sein, in denen sie atmete. Jetzt war die Klarheit gekommen, vor der er sich instinktiv so lange gefürchtet hatte; jetzt konnte er das Ziel benennen, zu dem ihn fieberhafte Sehnsucht trieb. Mit großen Schritten eilte er den steinigen Weg hinab, noch immer voller Zorn, aber jetzt nur gegen sich selbst, weil er so schwach, war, diesem' Gefühl zu folgen. Er betrat das Hotel, schlich verstohlen über Flur und Treppe, schaute spähend im leer gewordenen Garten umher, flieg zu den Bänken am Strande, zu der Terrasse vor dem oberen Speisesaal empor und — fand Edith nicht. So trieb er es drei Tage lang, um dann aus seinem unentschlossenen, sehnsuchtsvollen Zustand aufgeschreckt zu 755 werden durch eine Nachricht, die einer der Hotelgäste ihm zutrug. Seit seinem Auftreten gegen den „Sopra" war er für die Hausgenossen nicht nur der vielbewunderte, von weitem angestaunte Künstler, jetzt war er der Ritter ohne Furcht und Tadel, den alle persönlich verehrten. Tie Herren begegneten ihm mit ausgesuchter Höflichkeit, die Damen bemühten sich um ein Gespräch mit ihm, indem sie alle Neuigkeiten der gemeinsamen kleinen Welt ihm zutrugen. Tie kränkliche Dame mit der doppelten Brille war es auch gewesen, die am Morgen nach dem Vorfall im Speisesaal zu ihm herangetreten war und, vor Lachen fast erstickend, gesagt hatte: „Ter Sopra, der Uebermensch, r- er hat doch gesagt. Sie sollten von ihm hören — er ist ab gereist!" Rauchmann hatte nur ein wenig gelächelt, — daß er so melancholisch lächeln konnte, machte ihn ganz unwiderstehlich! Tie Dame sprach mit verdoppelter Liebenswürdigkeit weiter, er aber dankte ihr nur durch halbe Aufmerksamkeit. Was kümmerte ihn jener Mensch? Er hatte kaum mehr an ihn gedacht. Um Ediths willen, darüber war er sich jetzt vollkommen klar, um ihr zu imponieren, hatte er den Kampf gegen den Lästigen ausgenommen. Sie hatte ahn mit keinem Blick, mit keinem Lächeln belohnt; was er getan hatte, war also vergeblich gewesen, war wertlos für ihn. Und nun kam jene blasse Dame mit einer neuen Kunde, bei der sie ihn, wie er meinte, mit absonderlichem Ausdruck betrachtete: die Generalin und ihre Tochter reisten ab! Ter Sänger wußte hinterher nicht, was er geantwortet, was er noch weiter gesprochen hatte. Sobald wie möglich machte er sich los, ging auf sein Zimmer, setzte sich vor die offene Tür zum Balkon und starrte lange Zeit regungslos hinaus auf den See. War es aus, wirklich zu Ende? Und wenn es so war, — war es nicht gut? Er versuchte, die Frage zu bejahen, aber indem er es tat, indem er sich die Welt ohne Edith zu denken versuchte, empfand er einen Schmerz, wie er ihn niemals zuvor gefühlt hatte. Und bevor er noch wußte, wie er dazu kam, saß er an seinem einfachen Schreibtisch, hatte Papier hervorgeholt, hielt die Feder in der Hand und ■— schrieb einen Brief. — — Tie Generalin hatte ihren üblichen Mittagsschlaf kaum beendet, als Edith leise die Tür des Zimmers öffnete und vorsichtig hereinschaute. Das schwache Geräusch ließ die halb noch Schlummernde völlig erwachen; sie öffnete die Augen mit ein wenig Mißbehagen, aber gleich kam wieder das gewohnte freundliche Lächeln aus ihr Gesicht, als sie die Tochter erkannte. „Komm nur herein, Kind, es ist genug mit dem Schlafen." Sie setzte sich mit einiger Mühe aufrecht, unterdrückte ein letztes Gähnen und sah zu Edith hin, die, ohne ein Wort zu sprechen, zur Balkontür hinüber gegangen war und nun ohne Bewegung und Sprache dort stand. „Wie kommt es denn, daß Tu zu Hause bist?" fragte die Generalin. „Ich glaubte Dich schon oben in San Michele oder auf dem Pizzocolo gar. Kannst ja nie genug kriegen von Deinen Bergen." „Da, Mutter, lies einmal den Brief." Edith bemühte sich, ganz ruhig zu sprechen, indem sie zu ihrer Mutter trat und ihr ein beschriebenes Blatt hinhielt, aber in ihrer tiefen Stimme war doch ein Beben, das sie nicht meistern konnte. „Ern Brief, — von wem?" ,^Lies nur." „Von Wotans Tie Generalin rief es, das Papier betrachtend, mit einem Ausdruck der Ueberraschung, in den auch etwas Freude hineinklang. „Von Herrn Rauchmann, ja", gab Edith mit noch mühsamerer Kälte zur Antwort. Tie Generalin suchte mit nervös bewegten Händen ihre Brille hervor; sie gebrauchte eine solche für Arbeit und Lesen, ließ sich aber nicht gern vor anderen Menschen damit sehen, weil sie behauptete, daß ihr rundes Gesicht dann völlig dem einer Eule gleiche. Nachdem sie diese vermeintliche Aehnlichkeit jetzt in der Einsamkeit ihres Zimmers hergestellt hatte, las sie den folgenden Brief: „Hochverehrtes, gnädiges Fräulein! Als es mir zum letztenmale vergönnt war, mit Ihnen Lu sprechen, haben Sie mir gesagt, man müsse lieben, um einen Liebesbrief schreiben zu können. Tas hier ist ein solcher Brief; prüfen Sie ihn, ob sein Ton echt ist, und ob er den Klang der Wahrheit besitzt, die Sie so lieben. Gelingt es mir diesmal nicht, jenen Ton zu treffen, so bin ich ein schlechter Musikant und werde ihn niemals finden. Denn heute führt mir die Liebe die Hand, und vieles, vieles möchte ich Ihnen sagen. Aber ich weiß nicht, ob ich es darf, ob die Kluft zwischen uns nicht zu groß ist, als daß ich darüber weg zu Ihnen sprechen könnte. Darum nur das eine, statt alles anderen: ich habe versucht, Sie zu hassen und Ihnen zu zürnen, aber ich habe damit aufgehört. Sie zu lieben. Mit einem Gefühl, so tief und mächtig, daß ich selbst davor erschrecke. Jedenfalls hätte ich auch jetzt noch nicht den Mut gefunden, Ihnen dies zu sagen, toentt ich nicht heute die Nachricht erhalten hätte, daß Sie zu reisen gedenken. Unerträglich ist mir der Gedanke, Sie scheiden zu sehen, ohne noch einmal mit Ihnen gesprochen und den Versuch wenigstens gemacht zu haben, mich vor Ihnen zu rechtfertigen. Und wenn nicht das, so doch Ihre Verzeihung zu erlangen.. Ich bitte Sie herzlich, geben Sie mir die Gelegenheit dazu! Heute nachmittag um fünf Uhr werde ich auf der Bank in der Bezzuglio-Schlucht sein, wo wir neulich einmal eine schöne und friedliche Stunde zusammen verlebt haben, die mir jetzt unendlich fern erscheint. Wollen Sie dorthin kommen und mir mündlich die Antwort auf diesen Bries sagen, dann werden Sie mich sehr glücklich machen, — wenn auch zum letztenmal glücklich in diesem Leben, falls Ihre Antwort anders ist, a:s ich sie wünsche. Unbedingt weroe ich dort sein, und ich bitte noch einmal: Kommen Sie!" Tie Generalin faltete das Papier bedächtig zusammen. „Ter Brief klingt echt", sagte sie dann. „Er klingt so — ja", antwortete Edith, aber ein leiser, vielleicht erzwungener Ton des Zweifels war in ihren Worten. „Was willst Tu tun?" * „Was rätst Tu?" „In solchen Fällen hat kein Mensch zu raten, nicht einmal die Mutter. Frage Tein Herz, was es sagt." Edith preßte mit plötzlicher Bewegung die Hand auf die Brust, als empfände fic einen heißen Schmerz; ihre Geste, so beredt, daß es der Worte nicht bedurfte. Die Generalin fand ihr feines, humorvolles Lächeln wieder. „Du wcrst gehen, wenn mich nicht alles täuscht." „O Mutter, Mutter!" Edith brach in Tränen aus und wandte sich ab, vergeblich bemüht, ein ungestüm hervorbrechendes Schluchzen zu ersticken. Ihre Mutter trat zu ihr heran und legte den Arm um die Schultern der Weinenden. Trotz ihrer Stärke war in der Bewegung eine ruhige Würde, mit Milde gemischt, tue jede Spur von Komik verscheuchte. „Solche Zweifel der Liebe tun weh", sagte sie leise, „für den Augenblick wenigstens. Hinterher behält man sein Leben lang Heimweh nach solcher Zeit." „Komm, Mutter, ich will vernünftig sein", sagte Edith, indem sie die Tränen trocknete und zu lächeln versuchte. „Das ist ja eine abscheuliche Senntimentalität, die eigentlich gar nicht zu mir paßt. Jcy bin wohl ein wenig nervös, — das paßt freilich auch nicht. Aber so weit werde ich's doch wohl wieder bringen, daß ich dem, was kommt, gerade ins Gesicht sehen kann. Und ivenn ich nachher hinauf gehen sollte, — Fräulein Häseler würde mich ja wohl begleiten, und in ihrer Gegenwart —" Sie verstummte mitten im Satz, überrascht, erstaunt, säst erschrocken. Vom Garten herauf tönte durch die Nachmittagsstille ein lauter, unerwarteter Ton: der Walkurenruf „Hojotohoh", von einer machtvoll schönen weiblichen Stimme hinausgeschmettert in das Schweigen des Sonntages. Edith und ihre Mutter standen in der gleichen Minute hinunterfpähend aus ihrem Balkon, und wie auf einen allgemeinen Befehl erschienen im selben Moment alle übrigen Gäste auf den Balkonen, in den Türen, auf der Terrasse vor dem oberen Speisesaal. Dort hatten sie die Dame am nächsten, die den Ruf ertönen ließ, eine üppige, hohe Blondine, nicht mehr ganz frisch in dem unbarmherzigen italienischen Licht, aber doch stattlich genug, um die Blicke der Männer festzuhalten. Sie sang, mit den Augen Rauchmann suchend, der in der rosenumsponnenen Laube zu Füßen der Terrassentreppe gesessen hatte und nun aufgesprungen war, um die plötzliche Erscheinung an- zuftarren wie einen Geist. Jetzt stieg sie die Stufen hinab, die Hand zur Begrüßung 75ö ausgestreckt, intimer noch singend. „Ich grüße Dich, Wotan!" klang es von ihren Lippen, die röter waren, als die Natur es erlaubt. Während sie aber den Garten betrat, eilte Rauchmann ihr entgegen, faßte sie bei der Hand, flüsterte hastig ihr etwas zu und zog sie mit sich ins Hotel, während er einen scheuen, bestürzten Mick zu dem Balkon NNporwarf, aus dem Edith stand. Weiter sah und hörte diese nichts mehr. Sie faßte die Flügel der Tür und schloß sie mit heftiger, aber doch lautloser Bewegung, legte den Riegel vor und stellte sich nun, am ganzen Leibe bebend, nahe vor ihre Mutter, die mit ihr zugleich ins Zimmer zurückgetreten war. „Sagst Tn noch, daß ich zu ihm gehen soll?" „Tas war allerdings ein wunderliches Schauspiel." „O nein, kein Schauspiel, — ein Stück Wirklichkeit. Was er mir vorgespielt hat, das war Komödie, zu deren Heldin ich ihm dumm genug schien, das hier war Wahrheit !" „Uttb — nun —" „Glaub' es mir. Mutier, ich habe gute Augen. Hast Tu den Blick gesehen, den er zu uns heraufwarf? Aus dem sprach das schlechte Gewissen des abgefaßten Lügners. Hat er mir nicht gesagt, jene Verlobung sei nur ein Scherz, ein Reklamecoup, was weiß ich? Stimmt es dazu, daß die Person ihm hierher nachreist und ihn begrüßt, wie sie eben getan hat? O nein, jetzt weiß ich's: das ist eine ernsthafte Sache; ich war ihm gut genug für einen Scherz, für ein Ferienvergnügen. Sie sollen ja Uebung haben in solchen Sachen, die Herren vom Theater." „Tu bist zu schnell mein, Kind. Es kann doch ein Zufall „Nein, es ist kein' Zufall. Und ich danke Gott, daß ich noch schnell genug bin im Tenken, um die Wahrheit zu erkennen. Jetzt aber müssen wir morgen reisen, Mutter, bas'wirst Tu doch fühlen?" „Ich, werde mir's überlegen", sprach die Generalin. „Gefallen hat auch mir die Szene nicht, — es ist doch ein wunderbares Volk, diese Theatermenschen. Ter Brief dagegen —" „Gib lhu wte wieder." „Da ist er, — Kind, was machst Du?^ Mit rascher Hand hatte Edith den Brief ersaßt und riß ihn mit fester, energischer Bewegung in Stücke. „Ich wollte, es wäre sein Herz^ das ich so zerreißen könnte", sagte sie dabei leise und drohend. „Und wenn Tu es könntest. Deines täte Tip darum doch ebenso weh wie jetzt." „Ja, es tut weh! Ja, Muttep, es tut weh!" „Vielleicht ohne Grund. Und darum sage ich: nichts übereilen. Wenn Tu die Augen mit Gewalt zumachst, ich. werde sie umso besser offen halten." Edith wollte etwas erwidern, aber sie fand die Worte nicht. Ein paar Schritte tat sie nach der Balkontür zu, als würde sie mit Gewalt dorthin zurückgerissen, doch besiegte sie den instinktiven Antrieb. „Ich muß jetzt allein sein", sagte sie mit dep erzwungenen Ruhe von vorhin. „Sei nicht böse, Mutter, aber im Augenblick ist Einsamkeit das einzige für mich. Wenn ich zurückkomme, dann hast Tu wieder ein ganz vernünftiges Kind, verlaß Dich darauf." „Mir wär' es lieber, ein glückliches." „Damit ist es vorüber. Lebewohl." Sie ging hinaus, ohne der Mutter Noch einwäl ins Gesicht zu sehen. Diese trat, sobald sie allein war, an die Balkontür, öffnete sie und horchte hinunter in den Garten. Wer alles war dort still geworden; die Rosenlaube war leer, die neugierigen Zuschauer der Theaterszene hatten srch verlaufen. Seufzend trat die Generalin ins Zimmer zuruck. — ®er Willkommen, den Marie Müller, alias Milka Mlllerta, bei Rauchmann gefunden hatte, wär keineswegs ^rundlicher Art gewesen. Im Gegenteil war und blieb .des Sangers Antlrtz ungewöhnlich finster, während er un- mutrg m dem Lesezimmer auf und ab schritt, in das er dre Sängerin so hastig hineingezogen hatte, (Fortsetzung folgt.). Wom WeihnachLsöüchertisch. Tie Engelhornsche Romanbibliothek Mit ihren hübschen roten Bändchen, die — ohne Bevorzugung des Auslandes — doch die zeitgenössische Literatur so ziemlich! aller Kulturländer umspannen und zu dem billigen Preise von fünfzig Pfennigen meist einen abgeschlossenen Roman darbieten, ist bei ihrer Gründung vielfach mit miß- trautschem Kopfschütteln, von der Buchhändlerwelt wohl auch mit spöttischem Lächeln begrüßt worden. Tie Fachkreise glaubten nicht so recht an die Möglichkeit, daß eine sp billige Ausgabe auch nur einigermaßen Rentabilität versprechen könne. Sie täuschten srch aber: das Unternehmen! wuchs und wurde zu einem glänzenden Geschäft, an dem! mit dem Verleger auch! die Schriftsteller profitierten, denn die „Masse" beeinflußt in diesem Falle auch, das Honorar, Bor kurzem konnte der „rote Engelhorn" eine Art Jubiläum feiern: Das Erscheinen des fünfhundertsten Bandest Wenn man die Höhe der einzelnen Auflagen bedenkt, die' allein den billigen Preis ermöglicht, so kann man leicht berechnen, daß es Millionen von Bändchen sein müssen^ die das Publikum in den zwanzig Jahren erstanden hach Jedenfalls ist die „Statistik der Gangbarkeit" der Engel- hornschen Romane nicht ohne allgemeineres Interesse. Ein! paar fremde Autoren marschieren an der Spitze, und zwar macht Ohnet mit seinem „Hüttenbesitzer" den Anfang; dabei muß aber bemerkt werden, daß das Buch zur selben! Zeit erschien, als das aus dem Roman geschnittene Drama dank seiner hübschen Rührseligkeit auf allen Bühnen Erfolge feierte. Aehnlich ist es mit F. H. Burrtetts „Kleinem! Lord" und mit Henry Savages „Offizieller Frau"; doch auch die späteren Romane Ohnets haben in der Engel- hornschen Bibliothek starken Absatz gefunden. Bon deutschen Autoren wurden Wlolzogens Romane „Tie tolle Komteß", „Tie Kinder der Excellenz" und „Der Kraft-Mayr" ernt! meisten begehrt; ihnen schließen sich an Lindaus „Helene Jung", Spielhagens „Susi", Wildenbruchs „Wanderndes! Licht", Heyses „Marienkind", Zabeltitz' „Heiratsjahr", A. von Gersdorffs „Ein schlechter Mensch" und ein „Berlinep Rangew-Band" von Ernst Georgy. Erfreulich ist es, daß der Engelhornsche Verlag sich im Gegensatz zu ähnlichen Publikationen der deutschen Schriftstellerwelt gegenüber nicht abweisend verhält — daß er nicht die Billigkeit der Uebersetzungsarbeit zur Richtschnur literarischer Bewertung macht. Ter neueste vollendete 19. Jahrgang bietet dafür den besten Beweis. Da M vor allem der beliebte deutsche! Erzähler F. v. Zobeltitz mit einer zweibändigen fröhlichen Sommergefchichte, „Der Backfischkasten", vertreten; von Rich. Skowronnek fesseln ebenfalls zwei Bände, nämlich der Roman „Das rote Haus", den jedermann bis zum Schluß mit gespanntestem Jnteresfe lesen toicb. Ohnet, der beliebte Franzose, tritt wieder mit einem Roman, „Ter Schritt zur Liebe", auf, H. Malot mit „Daheim", einem Gegenstück zu seinem berühmten „Heimatlos", und von den übrigen Schriftstellern des Jahrganges sind zu nennen; Quida, Ossip Schubin, Ths von Rom, Me Tvnnell Bod- kin, Margarete von Oertzen, Luise Westkirch, Fritz Dühring u. a. Tie roten, schmucken Bändchen sollten auf keinech Weihnachtstisch fehlen. Zahlenquadrat. Nachdruck verboten. Neun aufeinanderfolgende Zahlen sind in die Felder des nebenstehenden Quadrats derart zu sehen, daß die Summa jeder wagerechten, feder senkrechten und jeder der beiden Querreihen von Ecke zu Ecks gleich 66 ist. Die niedrigste Zahl soll im weißen Mittelfelde links, die höchste im weißen Mittelfelde rechts stehen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Wortspieles in vor.: Nr. a) Hering, Äsen, Adel, Raum, Lias, Inn, Doin, Ran, Rumpf, b) Ehering, Rasen, Nadel, Traum, Elias, Zinn, Edom, Iran, Trumpf. Erntezeit. NedakUon! August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lauge, Gießen.