1903. W WW M ffl ■ (Nachdruck verboten.) IM Nschttiüödchcl! «I der BreilM. Bon B. W. H o!v a r d. (Fortsetzung.) In sicherem Rhythmus, entzückend durch die freie An- niut ihrer Bewegungen, tanzte Guenn Rodellec, mit einer Ungezwungenheit und Leidenschaft, die die Maler bezauberte und sogar den ländlichen Preisrichtern die Köpfe verdrehte. Ihr feines Köpfchen, ihr halb schelmisches, halb träumerisches Lächeln, ihre rosigen Wangen, die kleine, zarte Gestalt, die sich bald vor-, bald zurückbog, jetzt zu fliehen schien, und dann wieder den verliebten Alain zu sich heranivinkte, ihre glänzenden Augen, die wie in stolzem Flehen Hmnors Blicke suchten — das Mädchen war ein lebendiges Gedicht. Die Musik schwieg, man rief ihren Namen, und sie trat vor, um den Preis für das beste Tanzen in Empfang zu nehmen. Dieser bestand in einer leichten, silbernen Halskette. Hamor lächelte ihr freundlich zu, er stand in ihrer nächsten Nähe. „Ich will sie Dir umhängen", sagte er und legte ihr den Schmuck über die Schultern. Guenn schlug die Augen nieder, sodaß die dunklen Wimpern einen Schatten ans ihre Wangen warfen. Ihr Herz schlug stürmischer bei seiner kleinen Aufmerksamkeit als vorhin bei dem angestrengten Tanzen. „Aha", lachte ein Neviner Künstler, „Sie schäkern wohl mit den Kindern und inachen ihnen den Hof?" „Niemals", entgegnete Hamor voll Selbstgefühl; „ich bin nur freundlich zu ihnen." Nach einer Ruhepause, die den meisten wohl unmenschlich kurz erschienen wäre, gab der Musikant das Zeichen, und die Paare, größtenteils die nämlichen wie vorher, traten zu der wichtigsten Probe an: es galt den Preis für die längste Ausdauer im Tanzen zu erringen. „Das bringt noch größere Ehre", vertraute Guenn in erregtem Flüsterton Hamor an. „Nun, hoffentlich bist Du Siegerin!" „Ah, jetzt habe ich keine Angst mehr!" sagte sie mit glücklichem Lächeln. In einer Ecke sah sie Nannic an einem Faß lehnen. Sofort stand sie neben ihm. „Nannic — Nannic, Glück oder Unglück?" fragte sie leise, sich über das bleiche Gesicht des mystischen kleinen Sehers beugend, um seinen Orakelspruch zu hören, „schnell", fuhr sie dringender fort: „Ist es Glück?" „Diesmal ist's Glück", krächzte das Kind geheimnisvoll. Leichtfüßig sprang sie zu Alain zurück, sie kam gerade zum Anfang. „Gliick, Glück!" riefen die Sackpfeifen, „Glück", tönte es in ihrem seligen Herzen nach, und „Glück", klang es ihr jedesmal, wenn Alain tapfer aufstampfte, um den Takt zu bezeichnen. Sie sah Hmnors und Nannics Gesicht- ihr eigenes ward bleich vor innerer Aufregung, wie sie jetzt die ersten, leichten, abgemessenen Schritte tat, den kostbaren Atem sparend. Unermüdlich klang die eintönige Pfeife, und im Kreise drehte sich die Schar der Tänzer, nach einer halben Stunde schon um ein beträchtliches vermindert. Als Guenn dies bemerkte, schlug sie alle Vorsicht in den Wind. „Allons", rief sie und tanzte ivie nie zuvor, „schneller» schneller", vief sie den keuchenden Musikanten zu, dann winkte sie ihnen lachend, von ihrem Podium herabzusteigen. Sich wundernd, Ivo das hinaus wolle, aber immer weiterspielend, gehorchten sie langsam. Jedes Auge war auf Guenn gerichtet, eine förmliche Anziehungskraft schien von ihr auszugehen. In ihrem strahlenden Gesicht, ihren elastischen Bewegungen ivar auch nicht die Spur einer Erinüdung wahr- zunehmen. Hinreißend in ihrer Lieblichkeit mit wahrer Herrschermiene führte sie den Reigen. Plötzlich jedoch tat sie einen schnellen, unerwarteten Sprung hinaus aus dem Tanzsaal ins Freie, in die frische Luft und den hellen Sonnenschein, die sie in diesem entscheidenden Moment mit unwiderstehlicher Gewalt zu locken schienen. Der Kirche zu, wo am Morgen die Ablaßfeierlichkeiten mit einer glänzenden Prozession begonnen hatten, führte — wie ein zweiter Rattenfänger von Hameln — dies jugendlich reizende Mädchenbild die erschöpfte Schar, arglistig noch einen Hügel aussuchend, an dem die letzten noch übrigen Kräfte erlahmen mußten. Guenn hatte richtig berechnet: Ein Paar nach dem andern entzog sich atemlos dem tollen Reigen, zuletzt vermochten auch die Sackpfeifer den an sie gestellten Anforderungen nicht mehr zu genügen. Auch Alain, ob aus Atemnot oder aus Artigkeit, hatte aufgehört zu tanzen, so stand Guenn allein, stolz und siegreich der staunenden Menge gegenüber. Sie breitete beide Arme aus und warf sie dann zurück, als wolle sie der ganzen-Versammlung die Siegerin in höchsteigener Person vorführen. Langsam ließ sie die Arme wieder sinken tuib stand mit geöffneten Lippen da, heftig atmend, anscheinend aber mehr vor Aufregung als vor Ermüdung. Dies war der Höhepunkt ihres Triumphes! Ihre ganze kleine Welt war Zeuge ihres Sieges gewesen, nun konnte sie die ehrlich erworbenen Lorbeeren Hamor zu Füßen legen, so ärmlich sie waren, sie ahnte nicht, daß es bessere geben könne. Vor innerer Erregung zitternd, schmachtete ihr ganzes heißes Herz nach ihm. Ihre schönen Augen suchten mit leidenschaftlichem und doch kindlichem -Flehen die seinen: „Schenk' mir auch Dein Lächeln, o Du mein Meister, damit es meiner Freude die Krone aufsetze!" Hamor hatte ihr tätige aufmerksam und mit sichtlichem -Vergnügen zngeschaut, war aber in diesem Augenblick durch lebhafte Erörterungen über eine Frage der Moral gefesselt und von ihr abgeleitet worden. Die junge Dänin hatte sich bedauernd darüber geäußert, daß die kleine Helene durch das Modellsitzen in so früher Jugend systematisch zur Eitelkeit und Selbstüberhebung erzogen werde. Hamor be- 622 hauptete dagegen, daß selbst, wenn die Weine allzu eingebildet würde, dies immer noch besser für sie sei, als ohne ein Bewußtsein ihrer Schönheit auszuwachsen und i» den Fischpackhäusern bei harter Arbeit gemein und häßlich zu werden. Guenn sah, daß er nicht auf sie blickte — sein Gesicht allein von ihr abgewandt in diesem wichtigen Moment — das einzige in der ganzen großen Menge! Sie griff uiit der Spant nach dem Herzen, ihr war, als empfinde sie plötzlich einen starken physischen Schmerz. Neben der grausamen Enttäuschung spiegelte sich in ihren Zügen ein Ausdruck ungläubiger Verwunderung. Mit großen, angstvollen Angen beugte sie sich weit vor — er würde ja gewiß nach ihr schauen! Doch Humor war noch in die Entwicklung seiner bequemen Sophistik vertieft und wandte sich ausschließlich der jungen Winstlerin zu. Guenn trat heftig einen Schritt näher, ihre ungestüme Natur trieb sie an, sich der Dame zornig in den Weg zu stellen mib Hamor mit einer Flut leidenschaftlicher Vorwürfe zu überschütten. Doch Liebe und Schmerz hatten dies trotzige Gemüt schon in strenge Zucht genommen. Langsam wandte sie sich nach Jeanne und Alain um, die ihr am nächsten standen; — ihre Bewegungen hatten mit einem Male etwas seltsam Müdes und Schlaffes angenommen. „Ich werde niemals wieder tanzen!" sagte sie mit einem unsagbar traurigen Zug nm den Muni). Was war es nun alles wert! Das lange Warten, die ungeduldige Vorfreude, das Opfer ihres weichen, glänzenden Haares, die geheime Hoffnung, ihm in dem so teuer erkauften armen Kleide zu gefallen, die Bewunderung, die aus den kecken Augen der Mannschaft der „Merle" sprach, der Neid ihrer Gefährtinnen, die Wonne des lustigen Reigens, das glückliche Gefühl, jung und stark zu sein, die Leichtfüßigste und die Hübscheste von allen, — was war eLnun wert? — Was war das ganze Leben eigentlich noch wert? — Er hatte ja sein Gesicht abgeivandt. Sie hätte in die dunklen Wälder fliehen, sich dort in einer Höhle verkriechen und sterben mögen! Hier war alles so schrecklich hell und die Leute waren so grausam luftig und lärmend. „Bringe mich weg von hier", rief sie Alain mit halb erstickter Stimme zu. „Mer der Preis, Guenn, der Preis!" rief Jeanne aufgeregt. Sie warten nur darauf, ihn Dir zu geben. Ach er ist zu schön! Wie froh bin ich! Ich wußte ja, daß Du siegen würdest!" „Habe ich gesiegt?" fragte Guenn zusammenschauernd. „Ja, bist Du denn nicht klug?" lachte Jeanne. „Es ist Ermüdung, weiter nichts — sie muß einen Schluck Grog nehmen", entschied Alain. „Warte hier bei ihr, Jeanne, ich hole etwas." „Tie wunderschöne Stickerei kannst Du tragen, wenn Tu auf dem nächsten Gnadenfest tanzest." „Ich werde nie wieder tanzen! "wiederholte Guenn mit schmerzlich klagender Stimme. Statt aller Antwort zuckte die geduldige Jeanne nur mit den Achseln. Guenn war aber auch immer so sonderbar! Nannic, der unbemerkt zu den beiden herangehinkt war, betrachtete seine Schwester kopfschüttelnd; sein Gesicht hatte den gewohnten, spöttischen Zug verloren, etwas tote Mitleid schien sich darin zu regen. „O Nannic, Nannic!" und Guenn klammerte sich krampfhaft an ihn. „Geh und hol' Dir den Preis", sagte der Knabe hastig, „die Narren sehen alle nach, Dir hin, geh Guenn!" Sie gehorchte. Stumm und bleich stand sie vor den Preisrichtern und nahm den Preis und die Glückwünsche ihrer Freunde entgegen. — Loic Nives hatte Rodellec am Aermel gezupft, als Guenns flehendes Auge auf Hamor gerichtet toar. „Habt Jhr's gesehen?" fragte er in heiserem, eifersüchtigem Flüsterton. „Habt Ihr gesehen, tote sie nach dem Burschen schaut!" Rodellec wandte sich zu dem Sprecher hin, aus seinen Lösen Augen schossen grimmige Micke: „Ich möchte mir eins wissen", knirschte er und eilte häßliche Betonung lag auf diesem Worte, mit dem der Vater fein eigenes Kind schmähte, „von wem hat sie diese Kleider?" „Der verdammte Kerl!" Loics Sttmme bebte Vor Haß Und Wut. Tie beiden gingen abseits und flüsterten leise zusammen; als sie sich plötzlich umdrehten, wären sie fast über Nannte gestolpert. „Willst Du wohl Deiner Wege gehen!" rief Rodellec barsch. „Muß ich Dich denn immer auf den Fersen haben?" „Ich folge Euch nicht — nicht Euch — nicht Erich —" sang Nannic, dann suchte er seine Schwester auf. Erst als die Ringkämpfe vorüber, waren, kam Hamor wieder in Guenns Nähe. Als er ihrer ansichtig wurde, sagte er wohlwollend: „Ich muß jetzt wirklich gehen und meinem kleinen Modell gratulieren. Das Mädchen wird wohl ganz stolz geworden sein und nur noch auf nette Taten sinnen. Sie würde es mir niemals vergeben, wenn ich ihr nicht, gleich ihren übrigen Anbetern, meine schuldige Ehrfurcht bezeugte." „Das ist sehr brav von Ihnen", meinte die junge Dänin. „Bitte, sagen sie ihr auch, wie sehr ich ihr Tanzen bewundert habe. War es doch gerade, als hätte sie die zwei kleinen Tanzschuhe aus Andersens Märchen an." „Nun, Guenn", sagte Hamor herzlich und hielt ihr lächelnd die Hand entgegen, „heute ist wohl der glücklichste Tag Deines Lebens? So etwas tote Dein Tanzen habe ich noch nie gesehen." „Haben Sie cs denn gesehen?" Guenn blickte zu Boden und zeichnete mit dem Fuße Figuren in den Staub. „Gesehen? Wer natürlich, jeden Schritt! Ich toar so stolz auf Dich und bin entzückt, daß Du gesiegt hast." „Haben Sie sich darüber gefreut?" Sie schaute mit einem seltsam sehnsüchtigen Blick zu ihm auf und sprach sehr leise. Das toar es ja, was ihre Seele erhofft und ersehnt hatte — aber es kam zu spät. „Was fällt ihr jetzt ein?" überlegte Hamor. „Ist es irgend eilte Grille oder die Nachwirkung der Ueberaiistreug- ung? — Guenn" wandte er sich mit wahrhaft väterlichem Tone zu ihr, „an Deiner Stelle würde ich nicht so viel umherstehen. Du mußt etwas zu Dir nehmen und Dich ausruhen, sonst bist Du morgen zu nichts zu gebrauchen." Sie lächelte tapfer. Er bedurfte ihrer doch wenigstens noch. „Unser Bild" hatte sie nötig, dieser eine Trost war ihr geblieben. „Ich danke, Monsieur, icy bin gar nicht müde und verspreche Ihnen auch morgen sehr hübsch für Sie auszusehen. Fürchten Sie nichts." Hamor gesellte sich wieder zu seinen Freunden; unterwegs hielt er sich noch einen Augenblick auf, um , eine Skizze von Hervo 'Rodellec und Loic zu machen, die in eifrigem Gespräch die Köpfe zusammensteckten. „Natürlich brüten sie Unheil für irgend jemand, aber glücklicherweise geben sie ein gutes Genrebild ab, so wie sie dort stehen. Ich bin den beiden Strolchen sehr dankbar für das neue Motiv und für ihre interessanten Profile." Sorglos ging er weiter; auch Nannic zu zeichnen, der lang ausgestreckt nicht weit von ihnen im Grase lag und träumerisch in die Luft starrte,- dazu nahm sich Hamor nicht mehr die Zelt. Rodellec sprach den Knaben an, da er aber keine Antwort erhielt, gab er es brummend auf und gebrauchte nur die Vorsicht, sich, mit seinem Kumpan etwas weiter von Nannic zu entfernen und mit gedämpfter Stimme zu reden. Aber Nannic hatte sehr scharfe Ohren. „In Trävignan wird gesprengt", hörte er ganz deutlich, „einer von uns kann es auf einem guten Pferde bequem in zwei Stunden bewerkstelligen." „Thn' Dn's", versetzte Rodellec, „man wird Dich weniger vermissen." Bei diesen Worten nahm Nannics Gesicht einen* eigentümlich klaren, gespannten Ausdruck an; die beiden Männer berieten weiter, sie hatten den Knaben vollständig vergessen. , . Die arme Guenn sehnte sich unaussprechlich nach dem stillen Atelier. Wenn nur der Tag zu Ende wäre, und die Arbeit morgen wieder begonnen hätte. Dies Vergnügen toar, nach ihrer Empfindung, nichts als harter, grausamer Schmerz. Niedergeschlagen, mit wehem Herzen, ließ sie sich von Jeanne führen, wohin sie wollte. . Vielleicht zum erstenmal war heute die sanfte Freundin der leitende Teil. „Wie sie stolz ist", flüsterten die eifersüchtigen Gefährtinnen untereinander, „nichts ist ihr gut genug, nun sic die zwei Preise hat. Seht nur wie sie vornehm tut! Sollte man nicht glauben, sie sei die Frau Gräfin ans dem alten Schloß, so schmachtend und verdrossen schaut sie drein." „Guenn", raunte ihr Mutter Qu aper zu und trat dicht an das junge Mädchen heran. „Guenn, nimm Dich,doch zusammen, mach' Dich steif, tu' Stärke in Deinen Kubel. Das ist das wahre Wort. Sei kein solcher Waschlappen. — 823 Was Dir auch geschehen sein mag, laß es die Leute nicht merken. Daheim kann man seine Gefühle nach Belieben einweichen, vor der Welt muß alles immer steif und gestärkt aussehen." „Wen kümmert es denn?" fache Guenn trübselig, raffte sich aber trotzdem ein wenig in bte Höhe. „Geh herum, lache, treibe Spaß! Sei nicht so lappig! Mach' doch die anderen Mädchen eifersüchtig! Und vor allem, laß ihn nicht merken, wie Du den Kopf hängen läßt." Bei diesen weltklugen Worten, die dem Inhalt nach vielleicht in den höchsten Kreisen nicht anders gelautet hätten, fuhr Guenn erschrocken empor: „Ihn? Wen?" „Du lieber Himmel, das weiß ich nicht", kicherte Mutter Quaper, „jedenfalls irgend einen nichtsnutzigen Schlingel; Du wirst bald genug einsehen, daß es ein Unsinn war, Dich um ihn zu grämen. Dahinter kommt jede Frau, früher oder später. Heute aber nimm meinen Rat an, man kennt Dich ja gar nicht wieder — mach' Dich steif, sage ich, mach' Dich steif!" So schwer es auch fiir ein verliebtes Mädchen sein mag, auf guten Rat zu hören, so blieb doch der Mahnruf an Guenns Stolz nicht vergebens. Sie war aus dem besten Wege, sich auszuraffen, als tztannic plötzlich neben ihr stand. „Komm in die Kirche, sobald er in die Schule geht; aber ohne daß er's sieht." Nannic hatte sein geheimnisvolles Wesen abgestreift, in diesem Augenblick war er ein kluger, tatkräftiger Knabe, der einen bestimmten Zweck verfolgte. So plötzlich wie er gekommen, verschwand er auch wieder. Rodellecs Kinder brauchten nicht lange auf die Gelegenheit zu der wünschenswerten Unterredung zu warten. Zuerst stahl sich Guenu in die leere Kirche. Die Ruhe und Stille taten ihr unglaublich wohl. Kurz darauf erschien Nannte. „Stillt, was giebt's?" fragte Guenn. „Ich habe keine Minute zu verlieren. Ich muß wieder unten sein, wenn er herauskommt." Dann machte er hastig eine Mitteilung, die Guenn wie von einem elektrischen Schlage erbeben ließ. „Die Feiglinge!" rief sie zornig. „Mach' nun, was Du willst, nur daß kein Aufsehen entsteht!" setzte der Knabe mit philosophischer Miene hinzu. „Der Pvlizeichef muß mir helfen", sagte Guenn eifrig; ihr mattes Wesen war verschwunden, Klugheit und Scharfsinn standen ihr im Gesicht geschrieben. „Es darf Ach aber niemand mit ihm reden sehen!" „Natürlich nicht, das versteht sich von selbst." „Uiib er muß versprechen, nicht nach dem Täter zu forschen." „Nein, nein, tvir können ihn doch nicht anze-igen; die schändlichen Feiglinge!" rief sie mit grimmiger Verachtung. „Wer geh jetzt, Nannic, mach' daß Du zurückkommst! Du bist ein Engel!" „Vergiß nicht: kein Aufsehen!" Als Rodellec, vom Trünke erfrischt, wieder in der Dorfstraße erschien, saß Guenns Emgel noch auf derselben Stelle, auf der ihn sein Vater verlassen, mit aufgestützten Armen und halbgeschlossenen Augen, geheimnisvolle Aussprüche murmelnd, und Guenns Stimme erscholl hell und klar mit den anderen Mädchen im Chor; zwischen den einzelnen Strophen konnte man auch wieder ihr lustiges Lachen hören., Klang dies vielleicht auch etwas zu lustig, um ganz natürlich zu sein, so war doch niemand kritisch genug, daraus zu achten. Die Matrosen der „Merle" drängten sich um sie, für jeden hatte sie ein übermütiges Scherzwort, keiner konnte ihrer Zaubergewalt widerstehen. Hamor, der vorbei ging, blickte fte lächelnd an. „Die kleine Hexe, wie sie's versteht! Aber eins ist gewiß: so reizend sie auch ist, wenn sie ruhig bleibt, sie noch unendlich viel reizender in der Bewegung. Noch nie habe ich solchen wechselnden Ausdruck in einem Mädchenantlitz gesehen — welche Lebenswärme, was für prächtige Farben, welche Zartheit der Umrisse! Ob man bei einer Frau unserer Gesellschaftskreise wohl das alles beisam'menftnden könnte? Ich glaube kaum, mit jo viel Ursprünglichkeit läßt sich die Kultur nicht Vereinen." Guenn überstand den endlos langen Taa tapfer und gefaßt. Seitdem sie die Arche verlassen hatte, hielt ihre heitere Stimmung wieder stand. Freilich mitten unter den tollen Ausbrüchen ihrer Laune, bei der ausgelassensten Lustigkeit seufzte ihr Sera ost schmerzlich: „Will es denn gar nicht Abend werden?" Jahre schienen seit dem Hellen Morgen vergangen, an dem sie voller seliger Hoffnung hierher gekommen war. Für wie urwüchsig Hamor sie auch halten mochte, heute hatte sie ihre Rolle durchgeftihrt gleich einer geübten Weltdame. Neue, bisher unbekannte Kräfte erwachten in ihr. Sie war um viele Illusionen ärmer geworden, sie fühlte sich namenlos elend, aber trotzdem gelang es ihr, heiter zu bleiben; selbst auf der Heimfahrt nach Plouvenec ertönte ihr helles Lachen. Sah sie sich aber- unbemerkt, so barg sie stöhnend den Kopf in den Händen. „Ich bin alt", seufzte sie, „ich bin heute so alt geworden, und werde niemals wieder jung fein können. Aber ich habe noch etwas zu tim heute abend — morgen, und noch manchen Tag. Wäre es nur erst morgen und ich könnte den heutigen Jammer vergessen!" (Fortsetzung folgt.) * V o m s ü ß e n A p f e l w e i n. Wohl wenige von denen, welche dem Genüsse süßen Apfelweines hulbigen, sind sich bewußt, in welcher Weise derselbe auf den Organismus und den Stoffwechsel einwirkt. Zwei Bestandteile kommen in Betracht, der Zucker und die Säure. Der Zuckergehalt beträgt beim süßen Apfelwein zwischen 7 und 16 Prozent, die Säure (Aepfelsäure) von 0,13 bis 1,15 Proz., doch sind diese Zahlen, je nach Klima, Sorten und Jahrgängen großen Schwankungen unterworfen. Der Birnenmost wird gewöhn- lich für zuckerreicher gehalten als der Aepfelmost. weil die Birnen süßer zu schmecken pflegen als die Aepfel; der süßere Geschmack rührt dabei aber nicht von einem größeren Zucker-, sondern von einem geringeren Säuregehalt her. Bekannt ist, daß bei der Herstellung von Aepfelwein gewisse Zusätze zur Verwendung kommen, wie u. a. Zucker und Wasser. Diese sind jedoch nicht als Verfälschungen zu betrachten, sondern dienen nur dazu, um die Mostbereitung zu erleichtern und den Wein haltbar zu machen. Der süße Aepfel- weiu wirkt nun in mannigfacher Hinsicht auf das Befinden ein, er wirkt kühlend, durststillend, regt die Tätigkeit der Nerven an, erhöht den Appetit und steigert die Darmtättgleit. Wird der süße Aepfelwein systematisch getrunken, so wirkt er ähnlich wie eine Traubenkur, wobei allerdings zu bemerken ist, daß die Trauben viel säurereicher und zuckerreicher sind, wie der süße Aepfelwein. Er entfaltet eine leicht abführende Wirkung. Bei übermäßigem Genüsse kann er auch schädlich wirken, namentlich wenn die Zufuhr anderweitiger Nahrung beschränkt ist, dann setzt er die Ernährung des ganzen Körpers herab und das Gewicht nimmt ab. *Tas unliebsame Stillschweigen. Nach dem Erfurter Kongreß im Jahre 1808 kam Napoleon auf feiner Rückreise durch Aschaffenburg. Es war der Befehl ergangen, die Zöglinge aller Schulen und Institute auf dem Wege, den der Kaiser zum Schlosse nehmen würde, aufzustellen, damit sie ihn mit Lebehochs bewiW-ommnen sollten. Bei dem Vorübergeheu Napoleons herrschte auf dem äußersten rechten Flügel tiefe Stille. Der Adjutant des Kaisers äußerte über dieses Stillschweigen sein Mißfallen, indem er darin eine verabredete Kundgebung vermutete. „Mein Herr", fuhr er den Bürgermeister an, „wer hat denn diesen jungen Leuten Stillschweigen auferlegt?" — „Der liebe Gott", antwortete der Gefragte, „denn es sind die Schüler des Taübstummeuinstituts." * Was die Schweiz an den Fremden v ex- di ent. Man hat schon öfter behauptet, daß der Wohlstand der Schweiz zum größten Teil auf dem Fremdenverkehr ruht. Die Zahlen, die der Statistiker greitler in Zürich zufammengestellt hat, bestätigen nicht nur diese Anschauung, sondern liefern auch sonst vorzügliches und authentisches Material über manche interessante Punkte. Im Juli des vergangenen Jahres stellte ein Berner Arzt statistische Untersuchungen dariiber an, wie viel Menschen jährlich die Alpen besuchen, um die Berge zu besteigen; es wurde fest- gestellt, daß jedes Jahr gegen 100 000 Menschen in die Alpen reisen. Aber natürlich bilden diese Feststellungen nur einen Bruchteil der Gesamtzahl. Freulers sorgfältig zusammengestellte Statistik zeigt, daß diese nicht weniger als 380000 beträgt. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß Freulers Feststellungen sich nur auf solche Reisende beziehen, die die Schweiz zu Kur- ober Erholungszwecken aufsuchen, und andere Reisende nicht berücksichtigen. Ferner — 624 — erfährt man die Durchschnittsdauer des Aufenthaltes jedes Besuchers; diese beträgt zwei bis drei Wochen. Das bedeutet eine Gesamtsumme von sieben oder acht Millionen Tagen, die Reisende jährlich in der Schweiz verbringen. Der interessanieste Teil des Freulerschen Berichtes bezieht sich auf die veile und ökonomische Seite, aus den Verdienst der ; Tls und ähnlichen Unternehmungen. Nach Freuler ist bi v i isamtbetrag, der an die Besitzer von Hotels und Pimsi neu jährlich bezahlt wird, zwischen 86 und 98 Mill. i von denen 20 Proz. aus der Tasche der einheimischen Bevölkerung (kommen. Ausländische Reisende geben also gegen 60 Mill. Mk. für Unterhalt und Wohnung aus, ferner 16 bis 18 Mill. Frs. an die Eisenbahnen, Damvferbesitzer und Inhaber von Fahrzeugen aller Art. Dieser Gesamtsumme von fast 90 Mill. Mk. sind von feiten der Eisenbahnen, Restaurateure 2c. Ausgaben von 52 bis 62 Mill. Frs. oder mindestens 40 000 000 Mk. entgegenzuste-lleu. Freuler betont, daß von diesem Bruttogewinn von fast 50 Mill. Mk. 25 Mill. Mk. für Verluste und Verbesserungen gerechnet werden müssen. Der Reingewinn für die Kapitalanlagen, die er aus über 550 Mill. Franks schätzt, wäre danach jedenfalls gering. Daraus folgt nach Freuler, daß Reisende in der Schweiz sehr billig reisen und Unterhalt finden. Den Besuchern stehen 1896 Hotels, Pensionen und private Unterkünfte zur Verfügung, die zusammen 104 800 Betten-enthalten. 945 sind nur wahrend der Saison geöffnet, sie enthalten 62 800 Betten; 591, die das ganze Jahr hindurch geöffnet sind, enthalten nur 42 000 Betten. 22000 Personen haben volle Beschäftigung in diesen Hotels und Pensionen; 5000 werden unregelmäßig darin beschäftigt, wobei beide Geschlechter in fast gleicher Anzahl beschäftigt werden. Es kommt also eine Bedienung auf je vier Betten. Im ganzen gibt das Hotelgewerbe auf der Höhe der Saison direkt oder indirekt 32 000 bis 35 000 Personen Beschäftigung, deren Löhne 9 bis 11 Millionen Franks betragen, nicht eingerechnet Wohnung und Unterhalt, die Freuler auf 7 500 000 bis 8 500000 Frs. schätzt, und Trinkgelder, die 3 500 000 bis 4 000 000 Frs. betragen. Was die Nationalität der Bedienenden betrifft, so tonnte fest- gestellt werden, daß mit Ausnahme einer geringen Zahl — zirka 3500 — alle geborene Schweizer sind. Diese Ausstellungen zeigen, in welchem- außerordentlichen Maße die finanzielle und ökonomische Lage der Schweiz von der Anwesenheit fremder Besucher abhängig ist, *, ,S eimitleidsvoll, o Mensch!" Diese Mahnung Will). Jordans — sie ist der Titel eines seiner schönsten Gedichte — findet leider immer noch nicht genügende Beachtung. Roheit gegen Menschen und Tiere ist in den letzten Tagen mehr wie vorher in Erscheinung getreten. Ob es sich dabei um raffinierte Mißhandlung und Tötung von Kindern, um die scheußliche Verletzung von Pferden durch Knechte oder um sonstige Greueltateu handelte: — in jedem Falle macht man die Wahrnehmung, daß neben etwaiger Anlage zu verbrecherischem Tun bei den rohen Menschen in der Hauptsache Mangel an Erziehung Schuld an den entsetzlichen Vorkommnissen trägt. Wir haben gesehen, wie die Kinder im Hause des reichen Mannes erzogen iuerben, und wir sehen täglich, was in den unteren Sch-ichren der Bevölkerung unterlassen wird, teils mit, teils ohne Schuld der Leute. Da ist es denn kein Wunder, daß tagtäglich Roheitsakte der schlimmsten Art verübt werden, vor allem an den wehrlosen Tieren. Wie diesem schweren Uebelstande abznhelfen sei, darüber ist schon viel geschrieben worden. In der Hauptsache wird man sich, soll es anders werden, aus die Einwirkung der Eltern, noch mehr der Schule verlassen müssen. Das sagt auch Gust. Stoll-Eisenach in einem Aufsatz im „Ibis" in folgenden Worte«; Im Hause erlernten die Kinder das Mitleid gegen die Haustiere, gegen das Hündchen und Kätzchen, gegen das Mgelchen, das im Bauer sein Liedchen ertönen läßt, von Vater und Mutter. (Leider nicht so allgemein, wie hier gesagt wird. D. Red.) Am Beispiele nn'b Borbilde der Eltern werden die Kinder erwärmt für die Tiere, mit denen sie verkehren. Die Tierfreundlichkeit der Eltern reizt die Kinder zur Mahnung, sodaß sie, wie die Eltern, mit innerer Gewalt sich zu. den Tieren hingezogen fühlen, Freude und Leid mit ihnen zn teilen suchen. Es entsteht ein patriarchalisches Verhältnis zwischen den Hausbewohnern, zu denen die Mitbewohner, die Tiere, unter allen Umständen gerechnet werden. Tierfreundliche, mitleidige Eltern haben tierfreundliche, mitleidige Stober, die als Erwachsene nie zur Tierquälerei sich hinneigen werden. Auch die Schule hat vielfach Gelegenheit, die Kinder zur Tierfreundlichkeit, zum Mitleid gegen die Tiere zu erziehen. Triersreundliche Lehrer wissen, wie sie dieses anzufangen haben. Ihr eigenes Beispiel und Vorbild genügt ja schon, um Her* freundliche, mitleidige Kinder zu erziehen. Nn Lehrer, oem es vergönnt ist, naturgeschichtlichen, zoologischen Unterricht zu erteilen, kann die Kinder begeistern für das Leben und Treiben der Tiere, ihnen die Liebe zu den Tieren ans Herz legen und tonen Mitleid für die gesamte Tierwelt ins Herz pflanzen, daß sie beseelt werden, nicht nur Freud, sondern auch Leid mit ihnen zu teilen. Auf diese Weise werden schon die Kinder zum Tierschutz- erlogen. Als Erwachsene werden sie den Tierschutz in der Tat üben. Wer das Mitleid des Kindes gegen die Tiere erweckt, hegt und pflegt, der treibt ein hochedles Werk! Eltern, Lehrer! Ihr seid berufen, Bausteine zu diesem hochedlen Werk beizutragen. Ihr dient damit der ganzen Menschheit! Lricrmrksches. — Im Verlage von Schickardt u. Ebner in Stuttgart, erschien als 28. Heft der Sammlung zwangloser hippo- logischer Abhandlungen „Unsere Pferde": Die Logik in der Reitkunst von Oberst a. D. Spohr in Gießen, erster Teil „Heber die Beziehungen der Reit- un b Dressier hi lsen zu der anatomischen Mechanik des Pferdes." Hier bietet der als hippologischer Schriststeller längst anerkannte Verfasser wohl zum ersten Male eine wissenschaftliche Grundlage der Reitkunst. Das Buch ist als eins der hervorragendsten auf diesem Gebiete zu bezeichnen. Es füllt eine Lücke in der Reitliteratur aus und kann aus das Interesse aller Liebhaber der Reitkunst rechnen. — Seit langen Jahren steht unter den besten deutschen Kalendern der Daheim - Kalen der (Verlag von Bel- Hagen u. Klasing, Bielefeld und Leipzig) an erster Stelle. Diesmal ist der atlbeHebte Hausfreund in vergrößertem Format, reicherer Ausstattung und mit wesentlich vermehrtem Inhalt erschienen. Was ihn der deutschen Familie so lieb und wert machte, seine Gediegenheit, seine Zuverlässigkeit, seine Reichhaltigkeit, blieb unberührt; der Inhalt erfuhr aber eine Bereicherung nach der belletristischen Sette hin, sodaß der Daheim-Kalender, jetzt mehr almanachartig ausgestattet, eine überraschende Fülle fesselnden Unterhalt- nnasstoffes bietet — u. a. allein fünf größere Erzählungen von Ernst Behrend, Paul Osk. Höcker, L. Glaß, Mar. Mewes und Friedrich Jacobsen. Er bringt ferner — um nur einiges herauszuheben, eine vortreffliche, reich illustrierte Abhandlung über Schnorr von Carolsseld von Fritz v. Ostini, einen interessanten astronomischen Artikel über die Milchstraße von Dr. W. Meyer, einen fesselnden Aufsatz über modernen Schmuck (mit sarbigen Abbildungen), ein Essay über Ernst Curtius von Dr. C. Busse, einen historischen Beitrag über den Herzog von Enghien v. Th. H. Pantenins und einen Artikel von Dr. Julius ©Hube: Die Säure in der Küche, während Otto Funcke über „Christ und Patriotismus" spricht. Zahlreiche Gedichte runden den belletristischen Inhalt ab; ans dem vielseitigen, praktischen Nachschlagszielen dienenden Text sei besonders die Genealogie erwähnt. Ergänzungsrätsel. (Nachdruck verboten.) B — — — Werkzeug — — s bekannter Badeort i L — s — Charakterzeug "V — i — n europäische Hauptstadt P — — z — eßbare Gewächse. Statt der Striche sind passende Buchstaben zn setzen, sodaß Wörter von der beigesiigten Bedeutueg entstehen. Die cingesugten Buchstaben müssen im Zusammenhang gelesen ein bekanntes Sprichwort ergeben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.: Wenn es drei Heller tun, da wende vier nicht an, : Und nicht zwei Worte, wo's mit einem ist getan; (Rückert.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und L erloa der B rnbl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckcrci. N. Langc, Gienen.