M Kntechaltungsblall Dm MießenerKyeiger Uemml-A^eiger). W^W- WWLL SOffiri ft BBS] WW ZME MU « ■« AMK! «O »iWSMSMMWl 1903. —. Nr. 140 Samstag den 19. September. Xfi). cZ.5 (Nachdruck verboten.) N NslhcmäWc» m -er $rett|ie. Von B. W. Howar d. (Fortsetzung.) ®aLn™ luar ungefähr eine Woche in Plouvenec, als Letne3^or9en§ beim Frühstück zu seinen Freunden sagte: „Wenn Ihr ellfe halbe Stunde freie Zeit habt, so kommt mit nnr, mein Atelier zu besichtigen." . . "?ein Atelier? Ich hätte nicht für möglich gehalten, daß m Plouvenec noch em brauchbarer Raunc zu entdecken ser. Uebrrgens habe ich Dich doch aufgefovdert, das meine zu teilen", entgegnete Staunton. „Konimt nur mit, Ihr werdet ja sehen." „Aber lieber Schatz, glaubst Du wirklich, uns alten Emgeborenen noch die Honneurs von Plouvenec machen zu können?" '' „Urteile nicht zu vorschnell, bis Tu siehst, wie glänzend ^^ue Eroberung tft; da sind wir übrigens schon." Damit führte er sie durch ein tunnelartiges, steinernes altes Tor, vorbei an schweren Packtvagen und einem rot und gelb angestrichenen Omnibus. Mit stolzer Siegermiene zoa alsdann^ einen gewichtigen Schlüssel aus der Tasche, Gattertür, die in einen leeren, sonnenbeschienenen Hof führte und geleitete seine Freunde eine holprige, halsbrecherische Treppe hinauf zum ersten Stockwerk eines großen utt Hintergrund des Hofes stehenden Gebäudes. „Hier ist mein Königreich", rief Hamor beim Eintreten Mit freudigem Stolz. K Es war ein Bodenraum von ungewöhnlicher Größe, brer tiefe Fenster gingen auf den Hof hinaus, drei schmale Dachluken boten die Aussicht nach dem Himmel. Ein un- geheuer ausgemauerter Kamin erhob sich am entacaen- gesetzten Ende des Gemachs. Ter Ort mochte sonst wohl zum Nachreifen von Früchten benützt worden sein, wie ein Obstgeruch bezeugte; ehrwürdige Spinnweben schmück- ten die Fensterhohlen und entzückten das Auge des Malers. ■ j?en fanden auch einige große leere Holzkisten bie Hamor sogleich seinen Gefährten gastfreundlich ging'^bn ^"bot, wobei er ihnen mit gutem Beispiel voran- icV{»ett guten Fang", rief Staunton vergnügt, und murmelte dann überlegend vor sich hin: dem zerbrochenen Fenstersitns, goldfarbiges S Lr L b€m draußen, feine Verteilung von Licht und schatten — der reine Rembrandt — im Hintergrund warme, gesättigte Farbentöne." j 8 getne£ntSe.Oiert)er Klangt?" fragte Douglas in seiner „Nichts einfacher: ich küßte ein Kind, plauderte mit emer Frau, erhielt die Schlüssel und nahm Besitz. Es ging alles mit natürlichen Dingen zu." 8 8 „Du hast wirklich eins dieser Kinder geküßt?" „Auf Ehre!" or „Mein lieber Hamor, verzeih mir, wenn ich vorhin einen Augenblick an Deinen Triumphen zu zweifeln schien. Ich bTn gewiß nicht fixer Mann, um wahren Heldenmut zu unterschatzen h rief Staunton in komischer Bewunderung. „Nicht um das Heil meiner Seele würde ich solch kleine Ichmutzige Range küssen." „Sehr freundlich von Dir", lachte Hamor; „übrigens glaube ich daß ich eine ziemlich saubere Stelle erwischt hgb^ Auch gefiel mir das kleine Ding. Ich geriet neulich durch Zufall in die Nahe dieses Hofes und sah ihm von re1' er allerhand Vielversprechendes bergen müsse. Eine Frau schaute mit einem Kinde heraus, ich zog den Hut, sie kam näher und erklärte mir, daß ihr mari und tout le monde ausgegangen sei; wenn ich einen Wagen nach Qmmper wünsche, müsse ich warten, bis jemand zurück- allerdings außerordentlich schmutzige Kinder trotteten hinter ihr drein. Die schwer geplagte l^ine Fran schien eine Passion dafür zu haben, im Sonnenschein am Türpfosten zu lehnen und von Quimper zu träumen." r ö Douglas gähnte sichtlich gelangweilt. ' . „ÄH sagte ihr, daß es auch mein Herzenswunsch sei, «nrttaU.H'"wzusehen, daß ich vor Erwartung nachts mcht schlafen könne. Mit fieberhafter Hast fragte ich sie, wie bald sie mir ein Fuhrwerk zur Verfügung stellen könne, um dahin zu gelangen", fuhr Hamor lachend fort o^ite ftch an die halb belustigten, halb ärgerlichen Ein- Wen; „dann, nachdem ich die Kinder Jset!er "Ä l? bte Backen gekniffen hatte, entdeckte ich, daß das hübscheste unter ihnen das getreue Abbild seiner Mutter sei, nahm es auf den Arm, ließ es springen und eS'- /lch^Euch schon sagte, auf eine verhältnismäßig reinliche stelle. An Sonntagen waschen sie sich hier ja wohl auch das Gesicht. Nun, das war am Freitag jedenfalls waren meine Beniühungen von Erfolg begleitet sie hatte das Recht, den Speicher zu vermieten; für die geringe Entschädigung von zwanzig Franken monatlich bin „ §Err rm Hause. Es gehört dem Fischhändler Mo- rot , fuhr Hamor fort und öffnete eine Tür in der dem E^gang gegenüberliegenden Wand, „an jenem Balken dort hat sich Morot senior erhängt. Es sind auch noch ein paar weitere Balken vorhanden, zur gefälligen Benützung für uns drei Ihr seht, ich bin mit allem Komfort der Neu^ett" ausgestaltet, zieht nnr bald mit Sack und Pack „Gewiß, Hamor, am ersten Regentag rücke ich ein, ich bin Dir ungeheuer verbunden und verzeihe Dir auch Tein Kokettieren mit der kleinen Frau und ihren schmutzigen Kurz darauf schritten die drei jungen Leute wieder über den Hof, dem Ausgang zu. Das arme Weiblein schaute ihnen vom Fenster aus mit tiefem Seufzer nach. Wie gut hatten's doch diese Leute, die so vergnügt waren und sich die Zeit mit Bildermalen vertreiben konnten! Hamor, der erst nicht an sie gedacht hatte, besann sich noch im letzten Augenblick, und schwenkte freundlich grüßend den igitt. „Quimper", wandte er sich dann in belehrendem Ton an seine Freunde, „wurde vou irgend jemand gegründet, der bei der Belagerung von Troja entkam. Quimper ist berühmt wegen seiner ehrwürdigen Kathedrale, Quimper erfreut sich —" „Zum Teufel mit Deinem Quimper", rief Douglas unmutig. „Ganz nieine Meinung!" stimmte Havor fröhlich Lachend bei. 6. Kapitel. Seit jenem Morgen sah die kleine Frau die lustigen jungen Maler zu jeder Stunde aus- und eingehen. Sie hörte sie schon beim Eintritt in den Torweg lachen, dann wartete sie aus Humors freundlichen Grnß, den er zu ihrem Fenster emporzuschicken pflegte. Sie waren gewiß alle drei liebenswürdige junge Leute, aber in ihren Augen kam an Güte und Leutseligkeit unstreitig keiner Monsieur Hamor gleich, Staunton und Douglas hatten bald ihre Gerät- schasten in der unteren Hälfte des Bodenraums ausgestellt. Douglas malte mit Feuereifer ein neues Modell in rotem Röckchen, das im Vordergründe seines Gemäldes prangen sollte, welches eine Gruppe Waschweiber am Zuber dari- stellte. Es war ein höchst interessanter Vorwurf; Hamor fand zwar auf Befragen, daß das Wasser nicht naß genug aussah; „jedoch", tröstete er, „braucht ein Kübel voll Seisenwasser auch nicht so naß zu sein, wie die Meeres- Wogen. Aber male Deine Weiber recht körperlich, Douglas, male hinter ihnen herum, — „komm hinter Dein Motiv", wie Millais zu sagen pflegte." Den ganzen Tag lang, mit nur wenigen Pausen, kniete das unglückliche Modell inmitten des Hofes, ihren breiten Rücken oem Künstler zugewandt, der vollständig in Entzücken ausging über den roten Faltenwurf. Hamor konnte oft nur mit Mühe ein flüchtiges Lächeln unterdrücken, wenn er aus die regungslose rote Masse hinabblickte, und dann wiederum auf Douglas, der geduldig, feierlich und stumm vor seiner Staffelei saß. Als Humors Atelier eingerichtet war, fand es den ungeteilten Beifall seiner Kunstgenossen. Radikalveränderungen hatte er nicht damit vorgenommen, auch keine Versuche gemacht, sein ländliches Asyl durch Tigerfelle, venetia- nische Seidenstoffe, Gobelintapeten und Prachtroben in ein elegantes Pariser Künstlerheim zu verwandeln. Nur die unglückseligen Dackluken hatten, Dank Humors Geschick und Ueberredungskunst, einem großen Fenster mit Oberlicht Platz gemacht, sodaß die Helle jetzt ungehindert hereinströmen konnte. Der Zimmermann begriff selbst nicht, wie er dieses Kunststück fertig gebracht hatte, fxt schnell waren Auftrag und Ausführung auf einander gefolgt. Staunton und Douglas pflegten Hamor damit zu necken, daß er sich so rasch die Gunst von alt und jung im Torse erworben, aber sie kamen nie recht ins Klare, welcher Eigenschaft ihr Freund denn eigentlich seine allgemeine Beliebtheit verdanke. Auch bet den Modellen, klagte Douglas, gehe 'es ganz ebenso. Sie kamen alle lieber zuHamor und leisteten ihm bessere Dienste. Hamor war stolz auf seine Volkstümlichkeit und legte so viel Wert darauf, als ob sie das beste Zeugnis für seinen Charakter sei. Eines Tages befragte jhn Douglas geradezu wegen dieser seltsamen Erscheinung: „Lieber Hamor, nimm mir's nicht übel, aber was bist Du eigentlich anders als ein langbeiniger, ungeschickter Schlingel, fast wie ich, ich sehe wahrhaftig nichts so besonderes an Dir!" „Ich auch nicht", versetzte Hamor trocken, „aber was ist denn eigentlich los?" „Ach, es ist wegen Jeanne. Sie steht jetzt lange nicht mehr so gut wie srüher. Sobald die Zeit herannaht, daß sie zu Dir kommen soll, wird sie unruhig, und zu mir kommt sie allemal zu ML" „O, wenn's weiter nachts ist, das läßt sich schon machen", tief Hamor gutmütig, „ich will mit Jeanne darüber reden." „Tas ist schön und gut, aber ich möchte doch wissen, Koran es liegt, wenn wir Dir die Mädchen soviel leichter Värteren als mir; daß Jeanne nicht besser steht, ist ganz unverantwortlich. Sie soll leicht und lustig aussehen. Du weißt ja, den Waschkorb haltend, einen Arm über den Kopf erheben und im Begriff, wegzugehen, sich lächelnd zurückwenden, nm dem Geplauder zu lauschen. Nun fällt ihr aber von alldem nicht das Mindeste ein. Sie steht so steif wie ein Stück Holz und horcht — gerade nach der falschen; Richtung, da sie immer darauf aus ist. Dein Pfeifen und Singen zu hören und Deines Rufs gewärtig zu sein!" Hamor brach in ein lustiges Gelächter aus. „Du bist köstlich, liebster Douglas! Glaube mir; ich tue nichts Besonderes mit ihnen, ich gestatte ihnen nur, si.ch hier zu Hause zu fühlen." „Warum sollten sie das auch nicht?" brummte Douglas und wars einen vielsagenden Blick auf die überaus dürftige Ausstattung des Gemachs. „Zerbrechliches giebt's eben nicht viel hier drin." „Und dann bin ich immer freundlich zu ihnen, vielleicht liegt es daran." „Ich doch gewiß auch", versicherte Douglas nachdrücklich; „an Freundlichkeit lasse ich's niemals fehlen." Damit verließ er unmutig, dröhnenden Schrittes das Atelier. Hamor vergaß im Arbeitseifer gar bald das ganze Gespräch und die Sorgen seines Freundes. Er war ein selten glücklich beanlagter Künstler; sowohl! im Atelier wie im Freien ging ihm die Arbeit leicht von! der Hand. Jeanne, Viktoria und andere Modelle seiner! Freunde standen auch ihm; bereits hatte er mehrere jener kleinen, schnell geschaffenen Bildchen, Verkaussware, wie er sie verächtlich zu bezeichnen pflegte, begonnen, die er auf den Bildermarkt zu bringen gedachte. Innerlich freilich hegte er kühnere Pläne. Hamor war zwar ein ziemlich launisches Menschenkind, aber seine Kunst auszuüben war er immer aufgelegt. Wenn er sich zu dem einen Gegenstand nicht hingezogen fühlte, warf er sich auf einen andern' mit unverdrossenem Eifer; gelang ihm die Pracht der untergehenden Sonne nicht, so glückte ihm vielleicht die Ausführung von einem Paar Holzpantöffelchen um so besser. Jeanne strickend, Jeanne und Viktoria Garn windend oder iin Sonnenschein mit einander plaudernd, waren in verschiedenen Stadien der Vollendung begriffen; sein Skizzenbuch füllte sich- rasch mit Fischerknaben und Seeleuten in malerischen Stellungen, mit reizenden idyllischen landschaftlichen Punkten, und allerhand Genrebildchen aus dem täglichen Leben von Plouvenec. Viktoria besaß ein langes^ regelmäßiges Gesicht, das jedweden Ausdrucks ermangelte. Tie Kunstjünger, die „chic" malten, verstanden es aber meisterhaft, in ihre unbeweglichen Züge lenes wünschenswerte Gefühl zu legen. So reiste denn die idealisierte; Viktoria fortwährend Nach Paris, bald ein sehnsüchtiges Ahnen zur Schau tragend, von dem sich ihr schläfriges Gemüt nichts träumen ließ, bald als Pastellbildchen, voll schmachtender Koketterie, wie sie auf Tosen und Handschuhkasten beliebt ist, oder einfach und unschuldig wie eine! Feldblume, als wahre bretonische Madonna. Jeanne war frisch und rosig, immer gesucht und oft schon Monate voraus bestellt. Sie war ein gutes, hübsches Mädchen, und ihr Hauptschmuck der Reiz ihrer zarten Jugend. „Ich kann mir aber doch unmöglich den ganzen Winter meine Modelle zusammenborgen", sagte Hamor eines Tages verdrießlich, „Jeanne ist so alltäglich und abgebraucht, und Viktoria bewegt sich mit der Grazie einer Kuh, sieht diesem! Haustier auch wirklich gleich: Wenn ich sie jemals wieder malen sollte, werde ich ihr ein Paar Hörner über ihr« dumm dreinschauenhen Augen setzen. Ich muß wirklich sehen, daß ich die kleine Rodellec zum Modell bekomme." „Oho! die kriegst Du nicht", versetzte Staunton, „wir haben's alle schon versucht." „Nun, sie wird wohl auch noch zu erschwingen sein", entgegnete Hamor unbesorgt. Er war fest überzeugt, daß! Guenn das für ihn vom Schicksal bestimmte Modell sei. Aber ^obschon sie immer zu finden war, wo es Leben und Gelächter gab, hatte sie sich doch bisher so unnahbar verhalten, wie eine Königin auf dem Thron. Sie war überall und nirgends, beweglich wie die Welle, ungebunden wie die Möve auf der See; ein stilles, sittiges Verhalten war ihrer Natur fremd. Auch am Wend auf dem Dorfplatz war sie es, die mit klarer Stimme den Chor der Mädchen führte und die neckischen Liebes- und ernsten Kirchenlieder an stimmte. Aus den Dünen lachte sie mit Jeanne und Nannte; beim Fischverpacken arbeitete sie mit den ältesten Frauen H i» *-s V .« t-t a. H S2Cä .« ä. T H V M XP ü « . sr v ä » « • \x U «t \x r$^=M£.<-5 onfias ro <* ix w n p tlh? SCÄr-ö« Vsbw - 559 zwei — drei! (Fortsetzung folgt.) n „Und ich versichere Dich, daß Monsieur Hamor so liebenswürdig ist, daß —" Hier hielt sich Guenn die Ohren zu und sang so laut sic konnte: „Ah mon dieu, que la Vie est amere." „Tu m'ennuies, sag ich Dir! Sei doch endlich still! Kleines Närrchen, wie bist Du noch fo1 dumm, aber ich hab' Dich doch lieb! Komm, laß uns jetzt vernünftig sprechen. Siehst Tu Jeanne, ich habe jetzt genug von Deinem Monsieur Hamor, er hat für mich so viel Bedeutung wie" —: sie blickte suchend umher, um einen Gegenstand zu finden/ der Humors Unbedeutendheit genügend bezeichnen könnte; da fiel ihr Blick auf ihren rechten Fuß, hastig schob sie ihn vor und zeigte verächtlich darauf: „Nun, wie meine alten Holzpantoffeln. Hast Du's gehört, Jeanne?" und mit triumphierendem Lächeln blickte sie auf ihre bestürzte Freundin. Jeanne schlug vor dieser überzeugenden Beweisführung beschämt die Augen nieder, zuckte die Achseln, ließ die Arme sinken und wagte kein weiteres Wort mehr. „Komm, Jeanne", suchte die gutherzige Guenn die geschlagene Gegnerin wieder zu ermuntern, „wir woleln itttS amüsieren! Dort unten sehe ich Madame Nives in hellem Zorne und Viktoria hat einte neue Coiffe. Also laß uns sehen, wer zuerst dort ist. Vorwärts, Jeanne, <’in8 —। um die Wette; furchtlos und keck wie ein Knabe, warf sie sich stets mit ganzer Seele auf ihr Geschäft, und war, was sie auch unternahm, tüchtig und an ihrem Platze. In Plou- venec beurteilte man ihr Benehmen, ihren Stolz und ihre lustige Keckheit mit freundlicher Nachsicht, denn, wie wild sie auch war, wie schrankenlos sie sich auch zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht unter den rohen Fischern herumtreiben mochte, ihre Unschuld war so fleckenlos wie der Winterschnee auf den Gipfeln der Montagnes Noires. Wenn Hamor ihr begegnete, wie dies ja häufig genug geschah, so suchte sie niemals auszuweichen, sondern warf ihm einen feindseligen, herausfordernden Blick zu. Sie sah aber so reizend aus mit der zornigen Röte in dem leidenschaftlichen Gesichtchen, den dunkler schimmernden blauen Augen und den verächtlich gekräuselten Lippen, daß Hamor es sich gar nicht anders gewünscht haben würde. Nun aber begann er sich doch zu fragen, wie lange wohl dieses Vorspiel noch dauern sollte. Etwas erzwingen zu wollen, hieße seine Aussichten gänzlich vernichten; es galt also, sich in Geduld zu fassen. „Ich will alles dem Einfluß der Zeit und dem Zufall überlassen", dachte er bei sich, „je gleichgiltiger ich mich stelle, desto zahmer wird mein scheues Vögelchen werden." Einstweilen begnügte er sich damit, ihr möglichst oft zu begegnen und in ihrer Gegenwart allerhand Ätelierangelegenheiten mit Jeanne zu besprechen, die stolz auf ihren Verkehr mit ihm war und beständig von ihm schwärmte. „Tu glaubst nicht, wie gütig und lieb Monsieur Hamor ist!" sagte sie eines Tages voller Entzücken; „Du bist zu dumm, "daß Tu ihm nicht sitzen willst! Er pfeift und scherzt den ganzen Tag, dabei singt er so hell wie eine Heidelerche." „Tu m'embetes Jeanne", rief Guenn leidenschaftlich, „mit Deinem ewigen Monsieur Hamor hier, Monsieur Hamor da, Monsieur Hamor überall und nirgends! Was geht er mich denn 'am, wenn er den Kopf auch noch so hoch trägt und mit seinen neugierigen Angen alles zu Land und zu Wasser erspähen möchte, ewig lächelt, einen anschaut, als ob er die innersten Gedanken lesen könnte, und mehr wüßte, als die Engel itn Himmel?" „Tiens, — ich dachte doch, Tu sähest überhaupt nicht nach ihm hin", warf Jeanne in aller Unschuld ein. „Warum sollte ich auch? Es giebt Dinge, die man mit geschlossenen Augen sieht, dumme, Heilte Jeanne. Ich sehe doch auch die große Eiche am Weg nach Beuzec, wenn ich nach Trevignan zu schaue! Die Klippe, von der sich die arme Ivonne ins Wasser stürzte und w'o man sie kalt und tot sand, und die Sonne, die auf den Wogen scheint und glitzert, sodaß es einem schier weh tut — sehe ich das nicht auch? Gerade so weh tut mir sein Lächeln, gerade so sehe ich ihn. Ich sehe ihn immer — immer — wo ich auch sein mag — im Fischlager, inmitten all der Weiber — wenn ich durch die Felder nach Hause gehe — an dem Dolmen vorbei, wo es so einsam ist, ganz allein unter dem weiten Sternenhimmel, bei dem großen Menhir, im Walde und am Strand — wenn ich meine Coiffe abnehme und das Haar auflöse, wenn ich mein Gebet sage, wenn ich die Augen schließe, im Wachen und im Traume, immer und überall sehe ich sein Gesicht und seine Augen vor mir! O diese Augen! und dabei lächelt er immer, immer, immer!" „Aber, mein Gott, hassest Du ihn denn so entsetzlich, Guenn?" „Ja, ich hasse ihn aus Herzensgrund." „Nun, ich möchte nur, daß Du mit mir kämst, um zu sehen, wie er eigentlich ist. Ich begreife wirklich nicht, warum Du allemal so unwirsch wirst, wenn ich vom Atelier spreche. Wie komisch redest Du überhaupt von den Männern, und doch hast Du mir einmal gesagt, daß Du stolz seist auf unsere Seeleute, und auch ein Schiffer im Sturm sein möchtest", fuhr Jeanne in vorwurfsvollem Tone fort. „Gewiß, aber ein Schiffer im Sturm ist auch etwas ganz anderes als ein betrunkener Seemann am Lande — gelt lleine Jeanne? Uebriaens hab' ich das vorige Woche gesagt und gestern ift: nicht heute", lachte Guenn leichtfertig. „Heut hasse ich alle Männer bis auf drei: Thhmert, weil er ein Engel ist; Monsieur Louis, iveil er gut zu ihm ist, und Alain, weil er die Gavotte wie der Wind tanzen kann, leicht wie der Südwestwind!" Sie summte die alte Weise und versuchte einige Takte in fröhlicher Erinnerung zu tanzen. Plaudereien aus der Kaiferftadt. (Nachdruck verboten.! Beobachtungen vom „Jngmdkonzert". — Die „deutsche" Knust- pflege im kommenden Theaterjahr. — Björnsons „Geographie und Liebe". „Geh' fleißig um mit Deinen Kindern . . ." Mutter Berolina, die auf ihren Straßen zu Zeiten Hunderte von Entgleisten und Mißratenen zu wandeln hat, die sie geboren, scheint das goldene Wort des halb vergessenen Leopold Schäfer in jüngster Zeit immer höherer Beachtung wert zu halten, indem es dic-sonst sich selbst überlassen gewesene Jugend des arbeitenden Volkes hier und da an ein leises Gängelband nimmt, um sie vor schlechter Gesellschaft zu schützen, ihr Geschmack an vernünftigem Sport zu erwecken, und ihre Neigungen für die Kunst zu pflegen und zu veredeln. So hat man ihr für die Freizeit chnd die Ferienwochen die Schulhöfe als Spielplätze eingeräumt, große Spielfeste arrangiert, Aufführungen klassischer Dränten für geringes Eintrittsgeld veranstaltet und nun last not least auch die Institution der „Iu g en d ko nz erte" ins Leben gerufen. Diese Konzerte erfreuen sich eines riesigen Zuspruchs. Schon lange vor dem Beginn (nachmittags 4 Uhr) ist der gewaltige Saal der „Philharmonie" bis auf das letzte Plätzchen gefüllt, und tausend und abertausend frohe, erwartungsvolle Kindergesichter aus allen Bevölkerungsschichten harren einmütig der erlesenen Genüsse, die man ihnen bieten wird. Eine musterhafte Ruhe herrscht dabei im Saale; nirgends ein Streit um einen Platz, kein lautes Gespräch, kein dreister Zuruf. Es ist, als ob der sich so selten zeigende Genius der Dankbarkeit sie heute im Zügel halte und sie hindere, dem Hang zur Lebhaftigkeit, der diesem Alter eigen ist, nachzugeben. Tann die aufsichtführenden Herren und Damen aus dem „Komitee für Kunstpflege in der Schule" können das unmöglich allein fertig bringen, ebensowenig wie die hier und da mit anwesenden Eltern oder erwachsenen Geschwister, die für 50 Pfg. gleichfalls eine Eintrittskarte zu erlangen vermögen, während die Kinderkarte nur 20 Psg. kostet. Endlich beginnen die Vorträge, die durchweg auf einem hohen künstlerischen Niveau stehen. Ter zu wenig beachtete Grundi- satz, daß für die Jugend das Beste gut genug sei, scheint hier oberstes Prinzip zu sein. Unser bester Cellist, .Herr Anton H e k ki n g, erscheint auf dem Podium und spielt dem enthusiastischen "jungen Publikum Bach'sche und Schu- mann'sche Weisen, nachher auch ein Chopin'scheS Notturno und andere zum Herzen sprechende Sachen. Himntel, ist das ein Beifall! Man spurt den Jubel, die Freude, die Ergriffenheit, die diese jungen Seelen durchzittert und fühlt eine leise Wehmut, daß man selbst nicht mehr so auf- nahmesreudig, so selig dankbar, so — jung sein kann! Tann spricht Frau Margarete Pix, ein bewährtes Mitglied! des „Kleinen Theater"-Ensembles, eine Reihe guter Ofen dichte. Ihr schönes, wohllautendes Organ beherrscht den W M CLkI 560 (Auflösung in nächster Nummer.) NomtionLdruck und Lerlag der Brühl'sckan Univers.tätL-Euch- und Cteindruüerci. £R. Sanne. Gießen. Zur Bekämpfung der Tuberkulose. Auf der Jahresversammlung des deutschen Vereins P,r ?Es^ntliche Gesundheitspflege zu Dresden behandelte Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Gafsky- Greßen die Frage: Nach welcher Richtung bedürfen unsere derzeitigen Maßn ahmeü zur Bekämpfung der Tuberkulose einer Ergänz ung? Der Redner sprach die Ueberzeugung ans, daß die V?^bsrcennbare Abnahme der Sterblichkeit der Lunqen- schwindsucht zeige, daß wir uns mit den derzeitigen Maß- nahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose auf dem richtigen forderte er eine Ergänzung dieser Maß- rpirf J.L, aUo.^enden Richtungen: Es sollen in hin- rerchender Zahl öffentliche Untersuchun gsstellen ^ieÄöaftcbk^"' br“rd) bie ben Aerzten in Stadt und Land mSJÄ* ^geben werden soll, die Absonderung tußer» rulo^verdachtiger Kranker unentgeltlich auf das Borhanden- Ncdaktlon: August Göh. 2 ~------------ Weiten Rauin bis in die entfernteste Ecke und sie weiß ihre! Hörer mit fortzureißen, durch die verschiedensten Stimmungen hindurch, aus dem Grausen der „Kraniche des Jbi- kus" durch die geheimnisvollen Töne des „getreuen Eckhart" zu dem sinnigen Humor von Fontanes „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" und Karl Siebels echt kindlich empfundene „Mama bleibt immer schön". Ter Dank, der ihr wird, ist nicht minder enthusiastisch, und doch bleibt für den Sänger des Programms, Herrn Alexander H e i n c m a n n , noch die gleiche Begeisterungsfähigkeit. Er bietet ihnen Löwes „Archibald Douglas", Schuberts „Erlkönig" und zuletzt „Die beiden Grenadiere" von Schumann. In den Pausen ist Sturm auf das Künstlerzimmer. Der Berliner Backfisch ist eine Autographenjägerin erster Ordnung und ruht nicht, bis ihm drinnen auf das Programm oder gar in ein Album die Vortragenden ihre Namen einge- zeichnet haben. Tie einen kominen keck, die anderen stam- melnd, aber abweisen läßt sich keine. Es geschieht auch nicht. Welcher Künstlerseele täte diese natürliche Frische nicht Wohl nach all den Abenden, wo ein blasiertes oder gelangweiltes Publikum in Glacee-Handschuhen Beifall geklatscht hat, ohne vielleicht einen einzigen Ton bewußt gehört zu haben? Dann kam der mit tiefem Bedauern konstatierte Schluß des entzückenden Nachmittags. Jung Berlin mußte den «aal räumen. Und das aeschah wieder in einer so überraschend igutgeschulten Art, daß man im Stillen den Wunsch hegte, das öftere Berlin mit der Ellbogen-Technik möchte sich an diesem seinen Nachwuchs hier ein Beispiel nehmen. Solcher Konzerte bringt uns der Winter etwa ein halbes Dutzend, und da ich sie für eine segensreiche und leicht auch anderswo einzuführende, wenig Kosten verursachende Einrichtung halte, habe ich so ausführlich in diesem Briefe darüber geplaudert. Weniger segensreich, wenigstens für die Entwicklung der dent,cyen Kunst, erscheint mir die Jagd nach ausländischen Autoren, der alle unsere TheaterdireÜoren mehr und mehr nachgehen. Tie Spielpläne für den kommenden Winter- weisen außer Hauptmann, Sudermann, Halbe, Hartleben und Dreyer kaum Novitäten deutscher Autoren auf. Dafür tischt uns Brahm in „Deutschen Theater" Rodenbach (Franzose), Ibsen, Maeter- lrnck, Her^ermanns, das Lessingtheater Tolstoi, das Kleine Theater andere Franzosen, Holländer, Dänen, Russen und Skandinavier auf. Man sagt wohl, die Kunst hat kein Vaterland, aber es wäre doch nicht übel, wenn die „deutsche Kunst" ab und zu einmal in der „deutschen Reichs!- hauptstadt" wenigstens ein Unterkommen fände. Im „Berliner Theater" brachte man in dieser Woche Björnsons! liebenswürdiges Lustspiel „Geographie und Liebe" wieder vor das Publikum, das vor Jahren im Deutschen Theater keinen Geschmack daran finden konnte. Welcher Tcheaterdirektor wagt solch Experiment mit einem deutschen Autor? Ich konnte dem ironischen Kritiker nicht Unrecht geben, der hn der Pause den Theaterzettel von „Geographie und Liebe" dahin glossierte, daß unsere Bühnenleiter in den letzten Jahren ungeheure Fortschritte m der Geographie gemacht und immer neue Länder mit auffuhrungsbedürftigen Autoren entdeckt hätten. Kein Wunder, daß ihnen dabei die Liebe zum Erdgeruch der deutschen Scholle abhanden gekommen sei! Daher lallte ^le Parole fiir ihn: Weniger Geographie — und mehr sein von Tuberkelbazillen nntersuchen zu lassen. Die Eim sendung der Proben an die Untersuchungsstellen soll den Aerzten tunlichst erleichtert werden. Den Aerzten ist eine beschränkte Anzeigepflicht aufzuerlegen, die sich zum mindesten zu erstrecken hat a) auf jeden Todesfall an Lungen- oder Kehlkopffchwindsucht; b) auf jeden Fall, in welchem ein an vorgeschrittener Lungen- oder Kehlkopf- schwindsucht Erkrankter aus seiner Wohnung verzieht oder in eine Heilanstalt gebracht wird, c) aufjeden Fall, in welchem ein an vorgeschrittener Lungen- oder Kehlköpfschwindsucht Erkrankter in Rücksicht auf seine Wohnungsverhäftnisse oder unsauberen Lebensgewohnheiten seine Umgebung hochgradig gefährdet. Für die Fälle unter a mch b ist die Des - infektionssPflicht einzuführen; die Kosten der Desinfektion sind, zum mindesten soweit es sich um Wenin Bemittelte handelt, aus öffentlichen Mitteln zu bestreiten. In den Fällen miter c hat die Behörde tunlichst im Einvernehmen mit dem behandelnden Arzte die Anordnungeii zu treffen, die zur Verhütung der Krankcheitsübertraguna geeignet erscheinen. Das wirksamste Mittel unter ungünstigen Wohnungsverhältnissen und bei unsauberen Lebensgewohnheiten der Kranken die Uebertragung zu verhüten, besteht in der Verbringung der Kranken in ein Krankenhaus. Eine besonders dringende Aufgabe ist daher die weitere Schaffung von Heimstätten und Asylen, sowie von besonderen Abteilungen in den allgemeinen Krankenhäusern, in denen Unbemittelte, für die Heilstätten nicht geeignete Schwindsüchtige unentgeltlich oder gegen geringes Entgelt Aufnahme finden können. Sofern in den Fällen unter c die Entfernung der Kranken aus der Wohnung sich nicht erreichen läßt, ist die Entfernung der Gesunden, soweit sie nicht zur Pflege nötig sind, namentlich aber der Kinder, anzustreben. Durch Errichtung von, S ä u g- lingsHeimen imfo Kinderasylen ist im weiteren Umfänge als bisher die Möglichkeit zu schaffen, der in fiüher Jugend besonders großen' Gefahr einer tuberkulösen Infektion vorzubeugen. Es ist darauf hinzuwirken, daß tuberkulöse Personen solchen Berufen und Beschäftigungen fern gehalten werden, welche die Gefahr einer Uebsrtragungj der Krankheit besonders naheliegend erscheinen lassen; z. B. dem Seemannsberufe, der Beschäftigung in stauberzeugeuden Betrieben, in Verkaufsstellen von Nahrungsmitteln. Der Redner schloß seine Ausführungen mit der Versicherung, daß man zwar über den besten Weg zur Bekämpfung der Tuberkulose verschiedener Meinung sei, nicht aber darüber, daß eine energische Bekämpfung dieser Krankheit unter allen Umständen erfolgen müsse. Nach längerer lebhafter Debatte erklärte sich die Versammlung mit hen vom Referenten vorgeschlagenen Maßregeln einverstanden. Einst waren wir so glücklich. Einst waren wir so glücklich, Einst in der Frühlingszeit! Ter Winter ist gekommen, Mit ihm kam Weh und Leid. Doch wenn im neuen Lenze Die kleinen Blümlein blühn, Dann wird das Glück auch wieder In uns're Herzen zie'hn. Und wenn die Vöglein singen Die alten Melodei'n, Tann werden wir, du Holde, Wie eh'mals selig sein! Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.)