Nr. 10. 1903. Montag dm 19. Januar »U äMslilj jTo^r 3» ogMw* |i । Ijnio (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fohrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Alwina Vischer. (Fortsetzung.) „Mer meine liebe Nita, es ist doch Wohl nicht möglich, baß Du eifersüchtig bist?" „Ich und eifersüchtig?" rief Nita mit einer Miene beleidigter Würde. „Nein, nein, es war natürlich nur ein Scherz. Greville hätte viel eher Grund, auf die Schar Deiner Verehrer eifersüchtig zu sein." „Er weiß eben, daß er mir vollständig vertrauen kann; würde er aber einmal ernstlich eifersüchtig- dann wehe mir!" „Und ihm traust Du nicht? Wie edelmütig!" „Ich traue überhaupt keinem Mann — das lernte ich schon mit dem Alphabet. — Ach, dieser abscheuliche Tag!" rief sie, ein neben ihr liegendes Buch in heftigem Zorn durchs Zimmer schleudernd. „Das arme Buch!" sagte Maureen, „was hat es verschuldet? Warum arbeitest Du nicht an der Weste, die Du Greville schenken willst? So wird sie vor eurer silbernen Hochzeit nicht fertige Oder schreibe Briefe, das ist ein Tag wie gemacht für indische Korrespondenz. Ich gehe jetzt hinauf, um Florence Durrant zu schreiben." Lady Fanshawe starrte einige Zeit schweigend ins Feuer. „Ich hasse solch ausführliche Briefe. Wahrscheinlich werde ich irgend etwas Verzweifeltes unternehmen, oder mich aufhängen." „Ach nein, das Ertrinken soll viel angenehmer sein", sagte Maureen lachend. „Dazu brauchst Du auch heute nur auf den Tennisplatz zu gehen. Aber tu Dir lieber kein Leid an, Nitachen", rief sie, ihrer Schwester von der Türe aus eine Kußhand zuwerfend. Kaum waren ihre Schritte verhallt, so eilte Lady Fanshawe auf ihren Schreibtisch zu, und kritzelte nach längerer Ueberlegung einige Zeilen auf ein Bricfbögchen, steckte es in einen Umschlag, adressierte es mit fliegender Feder, und sagte, es siegelnd, mit halblauter Stimme vor, sich hin: „Was dem einen recht ist, ist dem andern billig." Dann stand sie auf, öffnete die Türe und sah in den Gang hinaus, wo Hauptmann Willis gerade auftauchte. „Kann ich Ihnen mit irgend etwas behiflich sein?" fragte er äußerst zuvorkommend. „Ach ja. Ist die alte Postkutsche schon fort?" „Nein, sie steht noch im Hof. Soll ich Ihnen noch etwas hinüberbefördern?" „Sehr freundlich", antwortete sie, ihm den Brief ein- ^ändigend. „Sie solle» mit einem Fünfuhrtee dafür be- „Und ich tue es ohne Belohnung, allein um das Vergnügen, Ihnen einen Dienst erweisen zu können", rief ein kleiner, ältlicher Herr mit scharfen blauen Augen. „Nein, ich danke, bemühen Sie sich nicht, Mr. Foulcher", | erwiderte sie mit ihrem süßesten Lächeln. „Hauptmann Willis bot sich zuerst an. („Dieser alte Foulcher ist eine bekannte Klatschbase", flüsterte ihr die Stimme der Klugheit zu.) Der von Lady Fanshawe erwählte Bote spannte sofort seinen Regenschirm auf und eilte zum Postgebäude hinüber. Ehe er den Brief einsteckte, konnte er jedoch nicht umhin, einen raschen Blick auf die Adresse zu werfen, die folgendermaßen lautete: Bertrand Lovelace-Lovelle, Esqre., David-droge Castle, Anglesea, N. Wales. Ein langer, vielsagender Pfiff ertönte aus seinem Munde, und das Schreiben fiel in den Kasten. Zehntes Kapitel. Ein schüchterner Wink. Auch in Ballybay wurde der Sonntag als Ruhetag hochgchalten — wenigstens was Fischen und größere.Landpartien zu Wasser anbelangt. Fast unkenntlich in ihrem Sonntagsstaat lungerten die Schiffer nach der Messe am Strande umher oder saßen plaudernd auf den Schutzwällen. Aber auch ihre Arbeitgeber hatten sich verwandelt, allen voran Mrs. Tuckitt, die in einer schwarz und weißen, aus Paris stammenden Toilette und mit einem kostbaren Capote-t Hute in der Kirche erschien, und damit sogar Lgdy Fanshawe in den Schatten stellte. Am Nachmittag pflegten die Fremden gewöhnlich einen größeren Spaziergang zu Fuß zu machen, und da Nita, ein heftiges Kopftveh vorschützend, zu Hause blieb, machte sich Sir Greville allein mit seiner Schwägerin und dem unvermeidlichen Taffy auf den Weg. „Es ist zu schade, daß wir Mrs. Tuckitt nicht habhaft werden konnten", bemerkte er, als sie, kräftig ausschreitend, die Straße hinuntergingen. „Sie liebt solche Spaziergänge sehr: aber vielleicht ist sie schon mit Foulcher voraus-, gegangen. Wenn wir uns etwas beeilen, können wir sie möglicherweise noch einholen." Maureen antwortete nicht. War es ihre Pflicht, Greville einen Wink zu geben? Durfte sie sich in die Angelegenheiten der Ehegatten mischen? Bekanntlich ein höchst gefährliches Unternehmen. Aber freilich, Nita hatte sich in einen solch unvernünftigen Zorn hineingeredet, und der arme Greville ahnte entfernt nicht, welch ernste Deutung sie seiner Freundschaft mit Mrs. Duckitt beimaß. Ja, sie wollte es wagen. .vielleicht ist es besser so", stieß sie mutig hervor. Greville war von Natur heftig. Maureen konnte also nicht wissen, wie er ihren schüchternen Wink aufnehmen würde, und so schlug ihr Herz doch ungewöhnlich rasch, als sie hinzufügte: „Tu weißt ja. Deine Frau mag sie nicht sehr •j fefifiiai eMH — 38 -< gern, auch ist Nita eigentlich etwas böse auf Tich, daß Du so viel mit Mrs. Tuckitt zusammen bist." „Was für Unsinn schwatzest Tu da, mein liebes Kind!" ,^Wohl möglich. Ich selbst bin ja durchaus nicht eifere suchtrg angelegt. Daß Du und Mrs. Duckitt bereits unzertrennlich auf dem Wasser seid, daran hat man sich nun schon gewöhnt; würdet Ihr aber auch ebenso unzertrennlich auf dem Land werden — —" ein etwas erzwungenes Lachen schloß den Satz. „Wahrhaftig, Maureen, wenn ich nicht wüßte, was für eine sonderbare kleine Person Tu bist, so könnte ich Dir ernstlich zürnen." „Verzeih mir, Greville, ich meine es wirklich nur gut." „Das glaube ich schon, aber deshalb brauchst Tu mir ^ochlange keine Moralpredigten zu halten. Mrs. Tuckitt gefallt mir nun zufällig recht gut, denn sie ist eine kluge, lustige, anspruchslose kleine Frau. Wir fischen zusammen; und warum sollen wir das nicht? Wenn Tu vielleicht wünschst, uns -als Gardedame zu begleiten, so sollst Tu uns herzlich willkommen sein." „Nein, ich danke", entgegnete sie gekränkt. „Ich weiß ja wohl, daß Mrs. Tuckitt und Nita sich Nicht verstehen", fuhr er fort,, „sie haben eben auch keine gemeinschaftlichen^ Interessen („außer Deine Person", dachte Maureen) und Nita ist von vielen Leuten entzückt, die mir gründlich zuwider sind; aber ich lasse sie trotzdem ruhig gewähren. Ich bin ein freisinnig denkender Mann, uno Nita teilt meine Ansichten. Jedenfalls hat sie mir noch nie Veranlassung -gegeben, das Gegenteil zu glauben. („Weil sie noch keine Gelegenheit dazu hatte", sagte ihre Schwester stch selbst.) Wie wir uns aber gegenseitig mit diesen verschiedenen Geschmacksrichtungen in Betreff unserer Bekannten zurecht finden, ist doch wahrhaftig allein unsere Sache iu bist viel zu jung, mein liebes Kind, um über derartige Tinge ein Urteil zu haben." Maureen schwieg. Sie war mit ihren wohlgemeinten Worten abgewresen worden, und im Grunde hatte sie ja auch kein Recht zu einer Einmischung. Während dieses Gespräches waren sie dem Seeufer gegangen und, an Herden von jungen Schweinen, die streckenweise hinter ihnen herliefen, an wilden Fuchsia- hecken, weiß angestrichenen Hütten und kleinen, dem Moon ab gewonnenen Kartoffelfeldern vorbeigekommen. Nun schlugen sie einen steilen, schmalen Ziegenpsad ein, der ins Innere des Gebirges über lustig sprudelnde Flüßchen führte, die sich von schroffer Höhe herab schäumend in die See kürzten. Hin und wieder flatterten aus dem Heidekraut zu ihren Fußen ein fettes Haselhuhn auf, oder ein schüchternes aus fernem Lager aufgeschrecktes Häschen ergriff eilends Tie Luft war still und warm, fast schwül. Dichte Nebel- mafsen sammelten sich langsam um die Bergspitzen, und Seit W Zeit huschte eine vereinzelte Wolke wie ein Gespenst von eurer Bergkuppe zur anderen. „Ich glaube, » etrt tüchtiger Regenguß", sagte Sir Greville, „und Tu hast mn dünnes Kleid an, Moll. Es wird wohl das Beste sein, wir kehren so rasch wie möglich um." ,. f?^^^tten sie den Weg am Seeufer wieder erreicht, wv sie Mr. Foulcher bemerkten, der allem Anschein nach ''dcho" seit geraumer Zeit beobachte X,^ssbrkte er, indem er hastig einen Gegenstand, der ^^ ^^echer sehr ähnlich sah, in die Tasche steckte. ita2 S sTr aoer tatfächlich nicht in Ihrem Sonntags- fcr“ ni> Srr Greville für ein ganz anderes Paar, waber, lachte er geheimnisvoll. „Sagen Sie mal, was ist eigentlich aus Mrs Tuckitt geworden?" fragte Sir Greville ' “ ” „Sie traute den Wolken nicht recht, und da gerade der Gemeindegeistliche vorüberfuhr, nahm sie den ihr in fernem Wagen angebotenen Plad dankbar an." J „3^ wollte es führe jetzt auch jemand vorüber, der mrch mitnehme, sagte Miß d'Arcy. „Es wird gleich ein Wolkenbruch kommen und meinen Sonntagsstaat durchweichen. Sehen Sie, da fällt schon der erste Tropfen! Eilen wrr, die nächste Hütte zu erreichen." Leichtfüßig lief sie den beiden Herren voran. p a 1 1 . „ Foulcher, mit dein Spottnamen Monsieur Fouche, war etwa sechzig ^ahre alt, ein kleiner, magerer, lebhafter hinein freundlich-verbindlichen Wesen eine unersättliche Neugierde und em unmäßiges Interesse für drg Angelegenheiten feiner lieben Nächsten verbarg. Ta er von seiner Frau geschieden und auch sonst ohne nähere Verwandte war und em nicht unbedeutendes Vermögen besaß; so konnte er ungehindert in der Welt umherreisen, ^n Ballybay vertrieb er sich die Zeit teils mit Fischen, teils mit Spazierengehen, oder einer gelegentlichen Whist--» Partie; ferne Lieblingsbeschäftigung aber bestand darin, auf der Veranda zu sitzen, die ankommenden und abreisenden Fremden zu beobachten und seine Schlüsse aus deren Ven kehr unter einander zu ziehen. „Diesmal werden Sie überrumpelt, Pat", rief Maureen etwas außer Atem, als sie nach ihrer eiligen Flucht vordem Wolkenbruch m die Hütte des alten Invaliden herein- stürmte. „Mein Schwager, Mr. Foulcher und ich sind nüm-i ^om Regen überrascht worden und bitten Sie um —bdach." Sie schüttelte, so gut es ging, die Regentropfen von ihrem Federhut ab und sah sich in der Stube um. r Ern ehrwürdig aussehender alter Mann mit durch- furchten Zügen saß beim Feuer, während sich ein junger Bursche aus dem Tisch niedergelassen hatte, und Kutscher Terence eme hölzerne Bank mit seinem Hunde teilte. Beim Eintritt her kleinen Gesrellschaft hatte sich Terence erhoben und grüßend den Hut abgenommen. „Na, Pat", sagte Sir Greville, den niedrigen, nur durch ein kleines Fenster erleuchteten, aber sauber und nett aus- gestatteten Raum musternd, „bei Ihnen ist es ja riesig behaglich, das muß man sagen." ,»/Jedenfalls ist es besser so, als wenn meine Knochen m irgend einem indischen Kirchhofe vermoderten. Setzen Sie sich, Fräulein, hier ist eine Bank für Euer Gnaden und für Mr. Foulcher. Bleiben Sie nur, Terence." „Was machen Ihre schönen Pferde?" fragte Sir Greville, sich znm Kutscher wendend. „Alles in Ordnung, ich danke." „Sie haben prächtige, vortrefflich gehaltene, aber meistens noch sehr junge Tiere. Machen Ihnen diese nicht sehr viel zu schaffen?" „O nein, sie sind nur ein wenig übermütig und halsstarrig, aber junge Pferde lassen sich gewöhnlich ganz gern anspannen; es macht ihnen Spaß." „Tas ist mir neu, daß Pferde auch an etwas Spaß haben können!" erwiderte Sir Greville lachend. „Und doch ist es so. Es gießt welche, die nichts Höheres kennen, als Rennen, andere wieder, denen die Jagd das meiste Vergnügen macht." „Aber der Viererzug, den wir am Tage unserer Ankunft hier vorgespannt hatten, scheint mir doch eine besondere Vorliebe fürs Durchgehen zu haben." „Gewiß nicht, im Gegenteil, es ist eines unserer ruhigsten Gespanne. Tie Pferde waren nur falsch, das heißt nicht an ihrem richtigen Platz angefchirrt. Und dann", fuhr Terence lächelnd fort, „darf man in diesem Fall doch wohl nicht die ganze Verantwortung den Pferden beimessen, der rote Sonnenschirm trug auch ein Teil der Schuld." ,La, ja, er und der übermütige Schecke, das waren die Hauptattentäter." Miß d'Arcy hatte sich während dieser Unterhaltung mit ihrem Hut beschäftigt, und Mr. Foulcher war ganz starr vor Erstaunen, den schweigsamen, zurückhaltenden Kutscher, von dem er bis jetzt nur ein: „Ja, Herr", oder „Nein, Herr", zur Antwort bekommen hatte, plötzlich so gesprächig zu sehen. Terence war nämlich eine Persönlichkeit, die Mr. Fonlchers ganz besonderes Interesse erregte. Er hatte die feste lieber,zengung, daß der Kutscher ein Mann mit einer „Vergangenheit" sei — ein Mann, der bessere Tage gesehen hatte. Welcher Art aber mochte diese Vergangenheit gewesen sein? (Fortsetzung folgt.) Sonnen-Hans. Eine Erzählung aus dem Schwedischen von Stig Stigson (Mfhild Agrell).*) (Nachdruck verboten.) Er kam mir entgegen hier am Wege wie strömendes Sonnenlicht. Dicht am Kopfe lag das Haar in hellen Locken, die Augen hatten die Bläue des Sees beim Morgenerwachen, das Lächeln war das des Glücks, und die Rede war Gesang Er trug Maiglöckchen am Hute und an der *) Mit Genehmigung des Verlegers dem kürzlich erschienenen Band „Aus dem Norden", Erlebnisse, erzählt von Stig Stigson (Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig, Preis Mk. 3.-) entnommen. 39 Brust, und in der Hand hielt er einen Strauß derselben Blumen, noch mit der Erde um die Wurzeln. Sein Schritt war leicht, und hie und da strich er die Wange gegen die rechte Schulter, als trüge er da unter dem Rocke einen versteckten Schatz. Der Anzug war der eines Touristen, und er rief mich an, um zu erfahren, ob es noch weit bis ins Dorf sei. Ich dürstete just so sehr nach einer Menschenstimme — ich hatte mich müde geträumt und müde gedacht und war so gierig, lieben zu dürfen — und er war so herrlich! Der Sonnengott selbst! Nie vorher hatte es mein Herz so zu einem Fremdling gezogen — nie! Ich brachte es ganz einfach nicht über mich, ihn sofort ziehen zu lassen, und so sagte ich fast bittend: „Tie Sonne sinkt bereits, Herr — willst du nicht bei mir ausruhen? Zum Dorfe ist noch ein bergiger und mühseliger Weg. Du bist wohl müde?" „Müde?" Tu hättest sein Lachen hören sollen, Herr! Es brach hervor wie ein tanzender Bach, wie eine jubelnde Jugendhymne. Tann winkte er und setzte den Weg fort. Ich versichere dir, mir war's> als habe alles Glück der Welt vor meiner Hütte gestanden und sich geweigert, einzutreten. Ich schäme mich, es zu sagen, aber ich folgte ihm von weitem, folgte ihm, wie man dem Lichte folgt. Meine langen kniebeugenden Waldwandrerschritte fielen wie schwere Steine in seinen leichten rhythmischen Gang. Ich hörte es, blieb aber doch nicht stehen. Plötzlich wandte er sich um. „Warum folgst du mir, Mer?" fragte er. Alter! Ich, der ich in vollster Manneskraft war! Aber von ihm verletzte das Wort mich nicht. Im Gegenteil, ich senkte schuldbewußt den Kopf. Ich hatte ja kein Recht, ihm zu folgen. Nun lachte er wieder, diesmal aber das feine, verständnisvolle, etwas stegesstolze Lachen eines Weibes. Dann nickte er, und ich sprang an seine Seite, und in zwei Minuten marschierte ich ebenso jung und keck wie er. Ich erfuhr, daß er Student sei, und Hans heiße. Wie er sonst hieß, gab ich mir keine Mühe, mir zu merken. Für mich war er schon damals „Sonnen-Haus", und „Sonnen-Hans" steht aus dem Denkmal, das in meinem Herzen errichtet ist. Er sprach rasch und ein wenig abgebrochen, während er unaufhörlich den Kopf herumwarf, um rechts und links alles des Ansehens Werte einzuschlürfen. Er hatte die Gabe, Wunder zu entdecken, Herr, das merkte ich sogleich, und sie zu verstehen. Die Stirn war die des Denkers, der Blick zuinnerst der des Träumers, der Mund aber eines Mädchens ungepflückte Rose. „Fürchtest du dich nicht, einsam und allein hier in den Einödwäldern umherzuwandern?" fragte ich endlich, so ängstlich schon um ihn, wie eine Mutter um ihren spätgeborenen Liebling. „Fürchten?" Er lachte. „Mrchtest du dich, Mer?" „Ja", entgegnete ich demütig. „Man wird hier furchtsam, weil man immer der Geringste ist!" Seine schönen Mädchenlippen kräuselten sich im Trotze, und dann beschleunigte er die Schritte, verstärkte sie zu einer Art wiegenden Rhythmus, der mich fast trunken machte von Jugendgefühl und Jugendmut. „Auch unglücklich gewesen? Sag' Alter?" flog die Frage aus der uns umschwirreuden Luft. „Ja", erwiderte ich ebenso demütig. „Wie hätte ich sonst das Glück kennen gelernt?" Ter schöne Lippenbogen spannte sich wiederum in blutrotem Trotze. „Freilich, freilich", sagte ich. „Wer hätte es wohl zuwege gebracht, dir Kummer zu machen?" Er zuckte zusammen, und starrte vor sich hin. Mir fchren's, als fiele Dunkelheit aus den blauen Augen hinaus ut das Sonnenlicht um ihn herum. Doch nur einen einzigen kurzen Augenblick währte der Schatten. Dann lachte er wieder und plauderte sorglos. Mutter war sechzehn Jahre, Vater einundzwanzig, tcy geboren wurde. Aus so etwas wird Freude, verstehst du, Alter? Wer doch bin ich gehaßt worden. Und weißt du, wer mich gehaßt hat? Mutter — ja sie, die nur eines ganz konnte — einmal sechzehn Jahre gewesen zu sein!" Er hielt plötzlich inne, und preßte die Maiglöckchen in der Hand so gewaltsam, daß sie in Todesangst erbebten. „Tu thust ihnen weh", sagte ich einfach. Augenblicklich tauchte er die verletzten Blumen in den Bach und legte sie hierauf zärtlich und -behutsam auf den flachen Oberrand des Touristenränzels. „Tu mußt nicht glauben, Mer, daß ich zu bedauern war. Oh nein! Tie Freude hat niemand aus mir herausreißen können, und der Stiefvater, das von den Eltern angeschaffte Namensschild, er hat mich lieb gehabt, tausendmal mehr als seine eigene zahme Alltagsbrut!" Es waren Mränen in seiner Stimme — für den, der gut hörte. Diese Gedanken hatten wohl lange in ihm geschwärt und geschmerzt — meine Sympathie wurde die Lanzette. Dann aber . . . Wie strahlend glücklich war er doch, wie schön, wie liebenswert! Er sprach von der Natur, von Upsala, von den Kameraden, von seiner Arbeitsfreude und seinem Arbeitsziel. „In der Sonne leben und in der Sonne sterben — dadurch, daß man das Leben für andere lebt." Der Schatten schnitt immer tiefere Zacken in die Waldwipsel. Ich wußte, daß ich ihn verlassen sollte, und dennoch folgte ich ihm, feig in meiner Furcht, ihn vielleicht niemals wiederzusehen. Ter Weg war ermüdend, endlose Sümpfe und himmelhohe Berge. Zuletzt verlor er die Geduld. „Giebt es keinen kürzeren Weg?" fragte er ungeduldig. Tie Jugend in ihm war schon des „ewigen Einerlei" müde. „Ja", erwiderte ich ruhig. „Es giebt einen kürzeren Weg, aber der ist ungangbar, denn der Frühlingsnebel liegt noch, und auch sonst ist er kaum zu benutzen." „Jetzt fürchtest du dich, Alter!" lachte er. „So ist es", antwortete ich. „Ich fürchte mich für zwei — oder vielleicht für zehn!" Sein Händedruck, Herr, als ich es endlich über mich gewann, mich von ihm zu trennen, wärmte bis ins Herz hinein. Sonnblut giebt andere Wärme als gewöhnliches Blut. „Ich weiß, du wirst mich nie vergessen, Mer!" rief er mir nach mit seiner frischen, ein wenig siegesgewissen Stimme. Er kannte seine Macht. Nun, war das zum Wundern? Ich winkte mit der Hand eine Bekräftigung seiner Worte. Da lief er zurück, umarmte mich und drückte mir den einen Strauß Maiglöckchen in die Hand. Dann setzte er seinen Weg im Sonnenschein fort, und ich bog in den Wald ab, wiederum ein einsamer und kinderloser Mann. Ich weiß nicht, wie lange ich gegangen war, vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht mehr, als meine Füße plötzlich wie vor einem gähnenden Abgrunde innehielten und eiskalter Schweiß mir aus der Stirn brrach. Ich war zu alt, um nicht auf dergleichen zu achten. Doch wem galt das Vorzeichen? „Gefahr, Gefahr!" scholl es in der Luft um mich her. „Gefahr, Gefahr!" Gott im Himmel, wem galt das Vorzeichen? Hastig wandte ich mich um, und sing an zu laufen, ohne zu wissen, warum und wohin. Da aber kam die Gewißheit wie ein mitten ins Herz geschleuderter Speer. Hans, dem Sonnen-Hans, einsam draußen aus dem Todesmoor, ihm galt das Omen! Gott im Himmel, warum sagte ich, daß ein kürzerer Weg da sei! Nun aber hieß es denken, schnell denken. Und ich dachte damals schneller als der Gedanke selbst. Bog ein durchschritt eine Rodung und fing an zu laufen, ruhig und berechnend, denn ich wußte, mit wem ich wettlief. Wie ich auf die Landstraße herauskomme, sehe ich Olof vom Sjö dastehen und gaffen, den Kopf dem Todesmoore zugewendet. Es bedurfte weiter nichts, um zu begreifen. Olof war ein Schwachkopf, einer, der immer mit dem wenigst Wichtigen begannn. Wenn er etwas berichten sollte. Natürlich hatte er angefangen, zu beschreiben, wo der Weg ginge, statt zu sagen, daß er zum Tode führe für jeden, der nicht jedes Hügelchen, jeden Halm, jede Schattierung kannte. Doch jetzt war keine Zeit, sich zu härmen! Ich rief Olof zu, er möge sich beim Häusler KarI Stricke verschaffen, dannn stürzte ich auf das Moor tzinausy — 4U — das blutrot in der Abendsonne glühte, lockend und an- mutig wie der blumengeschmückte Busen eines Weibes. Gott, Gott, warum gabst du dies zu! Niemals sind Füße schneller geflogen, als damals die meinen, und gleichviel berechnete ich unaufhörlich jeden Atemzug, jeden Schritt. Ich mußte ihn erreichen. Ich mußte! Bis zum Rufstein war die Gefahr nicht so groß; bis dorthin hieß es bloß dem Wege folgen. Endlich erblickte ich weit drüben einen Schatten, der wuchs und zusammenschrumpfte und drei bewegliche Arme hatte. Er war es niit seinem hohen Stock. Er ging so leicht, daß selbst das Schwankmoor unter seinem Fuße sicher schien. Ich wagte nicht zu rufen, aus Furcht. . . Ein einziger falscher Schritt konnte ja genug sein. Das Moor glühte immer blutroter, und seine Tausende kleiner Wasserlachen begannen zu flimmern wie grausame, saugende Augen. Wenn er nur beim Rufstein rechts abbog, wo der Weg eine große Kurve beschrieb, so war er gerettet. Aber just zur Linken breitete sich das Moor so lockend und schön aus — und der Fußsteig schien gerade dort so sicher und fest. Nun bemerkte ich, daß das Kreuz sonst zur Warnung »^gestellt, umgeweht war — vielleicht schon seit lange. Hierher kam ja fast niemals jemand. Ich hatte keine Zeit, dem Fade länger zu folgen; ich lief querem, lief auf den ausgestreckten Händen des Todes, Herr, allein ich war ihm zu schnell, viel zu schnell. Sonnen-Hans war jetzt beim Rufstein. Er blieb stehen, zögerte. . . Das Gebet hatte nicht Zeit, meine Lippen zu verlassen, aber es saß in meinem Herzen. Stürzte der Himmel ein, fielen die Sterne herab, wurde die Erde zu Trümmern und flammendem Feuer? So war es für mich, Herr. Er wich links ab. Nun rief ich: „Hans, Sonnen-Hans, Hilfe, Hilfe, der Alte stirbt! Hans, Hans, Hilfe!" Niemals hat eine Menschenstimme verzweifeltere Rufe ausgestoßen, aber der weite Moorwind zerriß den Schall zu nichts. Der Angstschweiß auf meiner Stirn war kalter Todesschweiß geworden, und dennoch zwang ich mich, niederzuknien, um durch die Stille dem Laut größere Stärke zu geben. Da sah ich, daß das Moor atmete. Gott helfe ihm. Es atmete, atmete nach Raub. Ich legte die Hände an den Mund und schrie laut, kaum mehr menschlich: „Hans, Sonnen-Hans, kehr' um! Der Me stirbt!" Er hörte mich nicht, und das Moor atmete immer heftiger, die hellen Wasseraugen flimmerten immer gieriger, und das Rot vertiefte sich immer mehr und mehr zu Blut. Ich warf das Ränzel fort, ich warf den Rock fort, ich riß das Hemd auf, — ich lief nicht mehr — ich sprang. Schon konnte ich die Maiglöckchen auf seinem Ränzel unterscheiden und den sonnenhellen Nacken. Ich sah ihn, nicht bloß als eine Form, sondern ich sah ihn. Da. . . Gott, Gott, warum erlaubst du das! Warum erlaubst du das! Der Schrei, den ich hörte, war nicht stark, nicht unschön, angstvoll heulend. Er glich am ehesten dem Springen einer Geigensaite. Der Todesschweiß auf meiner Stirn wurde warm; jedweder Nerv spannte sich, nun, da es galt, ihn vor dem Sicheren zu retten. „Rühr' dich nicht, mein Junge!" rief ich. „Rühr' dich nur nicht, Junge! Ich komme schon." Er wandte das Haupt mir zu und lächelte, lächelte, Herr. Dann flog etwas Weiches und Grünes durch die Luft hinauf auf den Rufstein — es war seine Brieftasche, ,das Andenken", das er mir soeben gezeigt. Der Rufstein gab mir festen Boden, und ich kämpfte uni ihn, Herr, kämpfte mit zehnfacher Mannesstärke und mit hundertfacher Mutterliebe. Doch was vermögen Menschenkräste gegen all diese tausend saugenden Tobet Zuerst war tief in seinem Auge das Dunkel, Verzweiflung wohnte darin, die ganze bebende Lebenssehnsucht der Jugend wohnte darin. Doch als er merkte, daß ich zu schwach sei, da dankte er mir, sah sich um mit einem weiten Blick, wandte das Haupt der Sonne zu, schloß die Augen, lächelte und legte sich zur Ruhe auf das wogende Schwankmoor, so getrost, als sei dies die Mutter, nach deren Liebe er so lange und so vergebens verlangt. Eine ganze Minute flammte das Moor mit dieser wunderbaren Menschenblüte. . . Dann zog es jubelnd den Atem ein . . . Einen ganzen Tag saß ich unbeweglich auf dem Steine und starrte hinab in das Moor, mehr tot als er, denn ich sah nicht einmal die Sonne. Olof, der hinkam, wiewohl zu spät, blieb einige Stunden bei mir, dann ging er, um Hilfe herbeizuschaffen. Zuletzt führten sie mich mit Gewalt fort. Monatelang lag ich auf meinem Bette, tödlich getroffen am Geist. Der Pfarrer hatte die Brieftasche gefunden und den Eltern geschrieben; aber erst im Spätsommer kamen sie hier herauf, „um die Stelle zu sehen." Die Mutter, die nur eines ganz gekonnt: „einmal sechzehn Jahre gewesen zu sein", eine gewöhnliche Frau, wenngleich schön, war in einem langen Trauerschleier gehüllt und weinte Mtltagsthränen; der Stiefvater dagegen, ein fetter Mann ohne Erziehung, wenn man so will, war voll Feiertagsweinen. Damals, Herr, kam mir der Wille, auszustehen. Ich bekam Lust, ihn dort hinaus zu begleiten. Sie durfte nicht mit, obschon sie darum bat, und der Weg nun zur Herbstzeit sicher genug war. Nein, sie durfte nicht, durfte nicht. Und der Stiefvater erzählte, wie geliebt der Junge gewesen, wie die ganze Landsmannschaft ihnen geschrieben und ihre Teilnahme ausgedrückt — wie er geliebt war von allen, außer etwa von einer . . . Hier brach er ab und hustete. Nur von dem Jungen sprach er, welch herrlicher Mensch er gewesen, wie gut gegen die Geschwister, wie gut gegen alle und wie begabt. Immer Nummer Eins! Und er sprach und weinte, weinte und sprach, ich aber weinte nicht, ich, Herr . . . Mutterschmerz ist wohl bisweilen so! Sie hatten ein Marmorkreuz mitgebracht, aber es verunglückte auf dem Wege hinaus. Sie schickten ein neues her, allein es erging ihm ebenso. Ihm, Sonnen-Hans ein Kreuz! Es hätte ihn nur beschwert. Neige dich vor, Herr, weit, weit vor! Siehst du dort weit draußen auf dem Moor etwas Weißes glänzen unter dem schimmernden Gelbroten? Das sind Maiglöckchen, seine Maiglöckchen! Ich hab' sie hinausgetragen, Scholle um Scholle, und sie haben Wurzel geschlagen, Herr, bei ihm Wurzel geschlagen. War es darum, daß sein junges Sonnenleben angezündet und verlöscht wurde — damit die Maiglöckchen draußen auf dem Moore gedeihen sollten? Oder war es, damit ich, der Einsame, einer Muttep Freude und Leid kennen lernen sollte? Oder war es, dam^die Dämmungen endlich zur Ausführung gelangten? Wer weiß, wer weiß es? Die Menschen leben bisweilen zu> -j wunderlich werng — und zu so wunderlich viel. Du kannst in den Zeitungen jenes Jahres von dem Ereignisse lesen. Tie Rubrik ist: „Schrecklicher^Tod". Aber war es schrecklich? Durfte er nicht das Programm seines Lebens erfüllen, „ein Leben in Sonne, ein Tod in Sonne?" Wie vielen Menschen ist dies beschert? Aber--! Hätte — ich — nur das nicht gesagt —i das — von dem Wege! Hätt' ich nur das nicht gesagt! Wie strömendes Sonnenlicht am er mir dort entgegen auf dem Fußpfade, wie strömendes Sonnenlicht! Sv jung, so schön, so . . . Verzeih-' die Tränen, Herr. , Sie sind dreißig- Jahre unterwegs gewesen, ich hab' mich so sehr nach ihnen gesehnt, aber jetzt erst sind sie Hervorgeorochen. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Burenhel de«. Redaktion: 6urt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'sche« UniverfitLU-Buch- und Cteindruckerei (Pietstb Erden) in Gieße«.