o@ ff 8 8 RI L! M W Mn (Nachdruck verboten.) Wotans Werloöung. Novelle von Robert Koh Irans dH 1903. — mr. 188. (Fortsetzung.) An der Wahrheit der Zeitungsberichte von Wotans Verlobung zweifelte sie keinen Augenblick; seine Verwirrung, lein Mißmut hatten deutlich genug gesprochen. Er war verlobt — konnte das die Ursache der Empfindungen sein, die sie mit so zäher Gewalt überfallen hatten? Nein, nein, das nicht! Er war frei, war Herr seiner Handlungen, durfte tun, was er wollte. Nein, das war cS nicht, sicherlich nicht. Was künnnerte es sie, ob er verlobt war? Aber waruin tat ihr das Herz nur so Weh? Eine Kränkung, eine Be- leidigung, irgend etwas Häßliches mußte da sein, das ihr — nun schon zum zweitenmale in der Nähe dieses Mannes — das Gleichgewicht der Seele rauben wollte. Und nun fand sie's aus, plötzlich war es ihr klar: Er hatte noch ernmal die Unwahrheit gesagt, ihr, der Wahrheitsliebenden. Das erstemal hatte er gelogen, als er seinen Beruf verleugnete, das zweitemal, als er auf der Herfahrt lachend jeden Verdacht der Krankheit von sich wies. Was er zur Entschuldigung gesagt, was sie zuvor gedankenlos, willig hatte gelten lassen, das genügte ihr jetzt nicht mehr. Durfte ein Mensch denn nicht krank sein, weil er ein Künstler war, mußte ein Sänger als Halbgott gelten, allen irdischen Leiden entrückt? Mit frecher Stirn, mit fester Stimme hatte er damals die Wahrheit geleugnet, und es half nichts, daß er ihr jetzt nachträglich die Ehre gegeben hatte. Eine Kluft öffnete sich mit einemmale wieder zwischen ihm und ihr; für sie gab es keine Gemeinschaft mit unwahrhaftiqen Menschen. Co vergrub sie sich tiefer und tiefer in ihren Zorn, ohne zu bemerken, daß sie selbst — ihr Gefühl erklärend — unwahr wurde gegen sich selbst. Mit kühlem Gruß ver- abschredete sie sich, im Hotel angekommen, von Rauchmann und chrer Begleiterin, um fast zu erschrecken, als ihre Mutter sre nach kurzem, prüfendem Anschauen mit den Worten begrüßte: „Was hast Tu, Kind? Du bist ja leichenblaß! Was ist Dir geschehen?" Edith versuchte zu lächeln und gab eine ausweichende Antwort. Rasch aber ging sie auf ihr eigenes Zimmer, setzte sich nieder und weinte. Nicht über Wotans Verlobung, o nein! Nur darüber, daß sie ihn zum zweitenmale auf einer Unwahrheit ertappt hatte. -Ott demselben Augenblick war auch, Rauchmanu nicht allzu fern davon, zu weinen, und wenn das Gefühl, das in Edith tobte, in Wirklichkeit Zorn war, dann hatten sie beide dasselbe Motiv. Sein Ingrimm aber galt einem Brief, den er beim Nachhausekommen vorgefunden hatte, . btt ,(Seine Dich liebende Milka" unterzeichnet war. Sie schalt ihn, daß er ihr noch nicht geschrieben habe, sprach von Sehnsucht lind Trennungsschmerz und verwertete viele schöne Redensarten, d.ie aus liebeerfüllten Theaterstücken in ihrem Gedächtnis hängen geblieben waren. In dem Brief aber lag ein Zettel mit folgendem Wortlaut: „Tn mußt mir wirklich einmal schreiben; hier sind viele Bekannte von Dir, und ich muß doch irgend etwas vorzeigen können. Schreibe mir auch einen Gruß an die Freunde hinein, die Namen werden Dich nicht interessieren, es genügt, wenn Du von Freunden sprichst. Mein Brief ist so eingerichtet, daß er dort auch gelesen werden kann; mir wäre das nicht unangenehm, weil ich mit Mailand wegen eines Gastspiels au der Skala unterhandle, und es kommen doch auch wohl Mailänder nach Fasano? Wird etwas aus dem Gastspiel, dann fahre ich jedenfalls über dort, und die Leute sollen die Freude haben, uns zusammen zu sehen. Wien!" „Tie Person ist verrückt geworden!" grollte Rauchsmann vor sich hin, aber der Zornausbruch tilgte das Mißbehagen in seiner Seele nicht, das in Wahrheit schon eine Stunde vor Anbruch dieses Briefes darin gewohnt hatte. Bei Tische ging alles wortkarg her; die Generalin ließ erstaunte und ein wenig besorgte Blicke von Edith zu Rauchs- manu und umgekehrt wandern, aber sie fragte nicht noch einmal. Ter Sänger hatte seinen Platz neben ihr, da der Oekonomierat Zimmermann — der Herr mit der Billardkugel — den Wunsch ausgesprochen hatte, neben Fräulein Häseler zu sitzen. Zur größten Ueberraschung der ganzen Gesellschaft; denn er galt als ausgesprochener Weiberfeind und hatte sich Rauchmann gegenüber nach kurzer Bekanntschaft , als , solcher enthüllt, indem er sagte: „Und wenn man in die Sechzig is, heiraten wollen einen die Weiber doch immer noch!" Von der Zitronendame schien er aber ausnahmsweise nichts für seine tief eingewurzelten Jung- gesellengewohnheiteu zu fürchten. „Tie hat 'n Korken un hat 'n Papagei, die braucht keinen Mann mehr!" hatte er entschieden und zugleich Rauchmanu gebeten, den Platz mit seiner Nachbarin zu wechseln, sofern sie einverstanden sei und gleichfalls das Bedürfnis fühle, das beiderseitige, ähnlich Leiden täglich ausführlich zu besprechen. Fräulein Häseler, die oft wunderbare Tinge verstand, an die kein Mensch dachte, hatte bei Rauchmanns Aufstehen zuerst geglaubt, daß irgendwo Feuer ausgebrochen sei und hatte sortlaufen wollen, um ihren Polly zu retten. Dann aber war ihr die Sache klar gemacht worden, nnd sie hatte errötend — trotz ihrer Jahre konnte sie wirklich noch erröten —, mit einer gewissen Freudigkeit in die Veränderung der Situation gewilligt. So saß sie jetzt neben dem Oekonomierat, der ihr täglich mindestens zweimal darüber Bericht erstattete, ob seine Billardkugel rot oder weiß, groß oder klein sei, was die Vertraute seiner Leiden mit getreuen Bulletins über den Zustand ihres Korkes erwiderte. Tie Generalin hatte die beiden ein paar Mahlzeiten lang beobachtet, dann hatte sie mit ihrem klügsten und fröhlichsten Lächeln zu Edith gesagt: „Paß mal auf, die Wilk Ilreitag den 18. Iez möer. 750 Ich einen durch den andern furieren!" Nach Tisch hatte fie sich dar ans den Oekonomierat „gelangt" und hatte ihn in ein Gespräch verwickelt, nm ihn bald mit geschickter Wendung auf seine Krankheit zu kommen. „Wissen Sie, lieber Oekonomierat, bei Ihnen ist das ja gewiß eine ernste Sache, die sehr beachtet fein will; aber bei Fräulein Häseler ist es meiner Ansicht nach doch mehr Einbildung. Und ich glaube, von dieser Einbildung könnten Sie sie kurieren!" Als er verwundert und ungläubig gefragt hatte, wie er das machen könnte, hatte die Generalin geantwortet: „Ja, sehen Sie, es ist mir aufgefalleu, daß sich bei Fräulein Häseler eine gewisse Eifersucht auf Ihr Leiden herausgebildet hat, daß sie immer genau so geplagt sein möchte, wie Sie, Herr Oekonomierat. Wenn Sie einmal sagen, daß die Kugel in Ihrem Hals größer geworden sei, da fühlt sie gleich auch ihren Quälgeist zum Champaqnerpfropfen angewachsen. Berichten Sie aber, daß Ihnen besser sei, dann läßt auch sie den Kork sofort kleiner werden. Und darauf baue ich meinen Plan. Ueberwinden Sie sich einmal acht oder vierzehn Tage lang nnd melden Sie täglich eine kleine Besserung, — ich wette, nach Ablauf dieser Frist ist Fräulein Häseler geheilt! Sie tun damit ein gutes Werk, und schließlich kann es Ihnen ja nicht schwer Werben, Ihren wahren Zustand eine zeitlang zu verheimlichen; Sie sind ,ja doch ein Mann." „Natürlich, natürlich bin ich das", hatte der Oekonomierat eifrig versichert, der mit großen Augen — „Kalbsangen" meinte sie im stillen — zuerst die Generalin angestaunt, bald aber durch lebhafte Rufe, wie: „Js wahr, is mau einmal wahr!" seine Zustimmung ausgedrückt hatte. Seit jener Stunde verfolgte Herr Zimmermann die ihm vor geschriebene Taktik und amüsierte sich kömglick/oar-- über, daß die kluge Frau scheinbar recht behielt. Tie Anstifterin des Planes aber freute sich im stillen nicht minder und tröstete auch an diesem Mittag, als Edith und Nauch- mann so schweigsam dasaßen, mit der Beobachtung der beiden Patienten, die zusammen wohl hundertundzehn Jahre alt waren und sich doch noch an unsichtbaren Fädchen lenken ließen wie die Kinder. Soeben fragte Zimmermann, der seine Nachbarin direkt ins Ohr sprach und so ganz gut von ihr verstanden wurde: „Sie kennen doch wohl das italienische Sprichwort: „Chi va piano, va sano" — „Wer langsam geht, geht sicher?" Tas habe ich heute umgeändert; passen Sie mal auf. Ich sage: „Chi va a Fasano, va sano." — „Wer nach Fasano geht, der geht sicher", oder „der wird gesund." Ob das ganz richtiges Italienisch ist, das weiß ich nich, aber cs klingt famos, was? Und dies Fasano — wahrhaftiger Gott! — es tut 'nem alten Menschen gut. Ich kann Ihnen ^gen" — er blinzelte der Generalin zu — „meine Billardgel, die is heute schon wieder ’n bißchen kleiner. Sie is, wie soll ich sagen? Sie is heute wie ’n Hühnerei, wie ’n kleines Hühnerei, das ausnahmsweise mal rund is." Tie Zitroriendame spitzte den Mund, schluckte und griff mit der Hand an die Kehle, ganz wie die Sängerin an jenem Abend. Dann sagte sie langsam, ein wenig schmachtend: „Sie haben ganz recht, Herr Rat; ich spüre nämlich wirklich auch schon den Einfluß des Klimas hier. Mein Kork is nämlich auch wieder kleener geworden; er is heile, — ich will sagen, wie ’n Pfirfichkern. Tas is doch sehr angenehm, nich wahr?" Ter Oekonomierat erfreute die Generalin während dieser Auseinandersetzung mit Verzerrungen seines Gesichtes, die ihn bei der übrigen Tafelrunde in üblen Verdacht hinsichtlich seines Geisteszustandes brachten, aber Edith und Rauchmann, die mit im Komplott waren, hatten heute nicht acht auf das lustige Schauspiel. Sie blickten vor sich nieder und verzehrten schweigend ihre Mahlzeit. Im ganzen blieb es still während dieser „angenehmsten Stunde des Tages", tote die Generalin sie zu nennen pflegte; denn auch der „Nebermeufch" tour für kurze Zeit verreist, und fo entfachte der Widerspruch nicht die Unterhaltung der anderen. Rauchmamr pflegte naa) dem Essen eine Stunde zu ruhen, heute aber war eine absonderliche, unerklärliche Rastlosigkeit in ihm. Er ging in feinem Zimmer auf und nieder, las Milkas Brief noch einmal, — sein Gesicht wurde sehr zornig dabei, — warf ihn zerknittert zu Boden, lwb ihn wieder auf und kam endlich zu dem SckUnß, ihn doch irgendwie beantworten zu müssen. Aber bti*5 Zimmer war ihm heute zu eng, und so stieg er, mit Schreibzeug versehen, die Treppen wieder hinunter iht den Garten. Er setzte sich auf eine der Minke, an einem noch frei gebliebenen Tisch im vollen Sonnenschein, spannte seinen Regenschirm auf, den er vorsorglich auch mit heruntergebracht hatte, stellte ihn auf die Tischplatte und breitete im Schatten des schwarzen durchscheinenden Tachos seine Papiere aus. So saß er mit dem Kops, halb verborgen, im sanften Tämmerlicht, während die Sonne den übrigen Körper durchglühte. Ein rascher Blick über den Garten hin zeigte ihm, daß die meisten der Kurgäste langsam plaudernd auf dem warmen Kies promenierten, daß aber Edith und ihre Mutter unter den Gästen fehlten. Mit einem Seufzer wandte er sich zu seiner Arbeit; denn eine Arbeit war ihm ein Brief an die Müller wirklich. Was sollte er ihr schreiben? Sollte er auf die törichte Berlobungskomödie in Wahrheit noch einmal eingehen? Er hatte gar keine Neigung dazu. Viel lieber wäre er grob geworden, hätte ihr den Handel auf- gesagt, hätte ihr -- Tas Geräusch von Schritten ließ ihn ausblicken, und er sah Ediths hohe Gestalt sich gerade gegenüber. Sie war vom Seestrand heraufgekommen, wo sie gern an sonniger Mauer zu sitzen pflegte, und war auf Rauchmanns Tisch zugeschritten, da sein Gesicht für sie hinter dem Schirm verborgen war. „Pardon!" sagte sie kühl, ein wenig erschrocken zugleich, und wandte sich ab, dem Hause zu. Ein Verlangen kam über Rauchmann, Edith zu halten, sich ihr zu offenbaren. Mit einemmale war es ihm klar, daß die Spannung, die zwischen ihnen herrschte, seine Seele so unruhig machte. Mit schauspielerischer Gewandt- heit aber wußte er seine Erregung unter lachender Miene zu verbergen. „Ach, gnädiges Fräulein, Sie könnten mir ein wenig helfen!" sagte er so unbefangen wie möglich. „Helfen! Wieso?" „Setzen Sie sich ein paar Minuten her zu mir, dann sage ich es Ihnen!" „Warum soll ich sitzen? Ich kann es auch im Stehen hören!" gab sie zur Antwort; aber im Widersprach zu ihrer Rede ließ sie sich auf der Bank an der andern Seite des Tisches nieder, als würde sie durch eine fremde Macht darauf niedergedrückt. „Sie sehen, ich bin im Begriff, zu schreiben, aber ich komme nicht damit zustande!" „Was kann ich dabei tun?" „Wie schon gesagt: mir helfen!" „Und was wollen Sie schreiben?" „Ich will überhaupt nicht, aber ich muß! Einen Liebesbrief muß ich, schreiben!" Sie warf den Kopf zurück und sah- ihn an, scharf, durchdringend, aus dem vollen Sonnenlicht hinein in den Tämmerschein, den er sich geschaffen hatte. Noch schneller, als sonst bei solchen Gelegenheiten, bewegten sich ihre Augenlider. „Es ist das erstemal", sagte sie dann langsam und nachdrücklich, aber so leise, daß die Uebrigen es nicht verstehen konnten, „das erstemal, daß ich auf einen solchen Brief das Wort „müssen" angewandt höre!" „Ja, es ist auch eine besondere Sorte von Liebesbrief!" „Gibt es mehrere Sorten davon? Tas ist mir neu! Ich dachte, hier gäbe es nur dies: man liebt oder man hebt nicht. Siebt man, dann wird man einen solchen Brief auch ohne Hilfe zu schreiben wissen, — die Worte müßen ja von selbst aus der Feder fließen. Liebt man nicht, dann ist es eine Unwahrheit, und zwar eine der schlimmsten, die os gibt, solch einen Bries überhaupt schreiben „Und trotzdem bin ich in dieser Lage, ich muß ihn schreiben, ohne zu lieben!" „Tas kann ich unmöglich mit dem zusammenrermen, was ich vor einer Stunde gehört habe. Sie sind verlobt." — „Ich bins und bin es lvieder nicht! Tas ist ja eben der wunderliche Kasus! Meine Verlobung ist gewissermaßen eine Theaterverlobung, über der jederzeit der Vorhang fallen kann und die dann zu Ende ist. Eine Verlobung aus Geschäftsrückfichten, um der Reklame willen; eilte kleine Komödie für das neugierige und klatschsüchtige Publikum, das immer etwas über uns arme Theatermenschen zu reden Laben will, und dem wir immer neuen 761 Stoff für sein Getratsch bieten müssen, wenn wir nicht in Vergessenheit geraten wollen. Eine Verlobung auf Kündigung also, ich weiß nW, ob Sie mich verstehen!" „Nein, ich verstehe Sie nickt!" Sie hatte sich ganz zurücksinken lassen gegen die Lehne der Bank; ihr Gesicht war sehr blaß geworden und ihre Lippen zuckten. Sie sprach auch jetzt noch so leise wie zuvor, aber mit so schneidender Schärfe, daß er sie erschrocken ein paar Sekunden betrachtete, ohne eine Antwort zu finden. Auch enthob sie ihn dessen; denn sie selbst fuhr nach einen: kleinen, drohenden Schweigen fort zu reden. „Oder vielmehr, ich verstehe Sie nur zu gut! Von dieser Stunde an weiß ick, daß ich im Unrecht war, als ich Sie neulich um Verzeihung bat. Kein Wort hätte ich zurücknehmen sollen von dem, was ich über Künstlereitel'-- keit- und Künstlerselbstsucht gesagt habe. Darin versinkt und ertrinkt jedes andere Gefühl; sie allein bleiben und wachsen und morden, was ihnen nahe kommt. Sie erfüllen —" „Ja, — was habe ich denn verbrochen?" „Fühlen Sie es wirklich nicht mehr, welches Verbrechen — jawohl, Verbrechen Sie damit begehen, wenn Sie ein so frevelhaftes Spiel mit einer Empfindung treiben, die der Himmel dem Menschen als Höchstes und Köstlichstes ins Herz gelegt hat? Wer die Liebe und ihre Schöpfungen so zu persisilieren vermag, wie Sie es mit dieser Theatervorstellung getan haben, der beweist, daß fern Herz öde und leer ist, daß es für ihn nichts Heiliges mehr gibt. Und, jene Dame, — wie nahe muß sie Ihnen stehen, da sie sich ans diese Komödie überhaupt einließ! Wenn Sie mir also zumuten konnten, Ihnen zu helfen bei diesem sogenannten Liebesbrief —" »Ich bitte Sie, das war ja nur ein Scherz!" , „Es gibt Dinge, die über jeden Scherz erhaben bleiben müssen. Ter Tod, das Elend und die Liebe gehören dazu. Mir haben Sie heute Ihr Innerstes gezeigt: ich hoffe, Sre werden es nur ersparen, einen zweiten Blick in diese Welt -ohne Licht und Wärme und Wahrheit zu tun!" Trotz der Leidenschast, die sie durchbebte, erhob sie die Strmme nicht während der ganzen Rede, bewegte keinen Fänger und zeigte auch jetzt, als sie aufstand, keinerlei Hast. Inmitten all der Lustwandelnden, die sich ringsumher der Sonne freuten, bewahrte sie so sehr Haltung und Ton der vornehmen Dame, daß niemand es ahnte: hrer wurde ein Gespräch geführt, das zwei Menschen trennen mußte für immer. Mit ruhiger Würde hatte sich Edith erhoben, neigte rhren Kopf ganz leicht, kaun: merklich gegen den Sänger und schritt mit ihrem sicheren, ruhigen Gang dem Hause Rauchmann hatte unwillkürlich die Hand zum Gruße erhoben, aber bevor er sie noch zum Hut hinauf gebracht hatte, ballte er sie zur Faust und ließ sie auf der Tischplatte mederfallen. „Sv geh!" knirschte er zwischen den Zähnen. Wilder Zorn, wütende Empörung erfüllte ihn; "was wagte dieses Mädchen ihm zu bieten: Wer war sie, und was hatte sw geleistet, um ihn:, dem großen Künstler, so entgegen- zutreten?! Warum kreuzte sie immer wieder seinen Weg, und verdarb ihm Aufenthalt und Kur! Wenn sie doch abrersen möchte, sobald wie möglich! Nach Süden, nach Norden, wohin sie wollte; nur weit, weit fort und auf Nimmerwiedersehen! , Seltsam — bei diesem Gedanken eines Scheidens für immer mischte sich plötzlich ein anderes Gefühl in seinen Zorn, em jäher, stechender Schmerz, wie um einen großen Verlust. Und mit den: Schmerz zugleich- eine das Wut in die Wangen treibende Scham über das unwürdige Spiel, zu dem er srch hergegeben hatte. Nicht voll bewußt in dernselben Augenblick, — er wehrte sicy dagegen und entfachte künstlich von neuem feinen Zorn, .— aber doch vorhanden und kaum zu unterdrücken. Ruhelosigkeit erfaßte ihn aufs neue; er stand aus, räumte seine Sachen zusammen und ging zum Hausein- gang hinüber. Und indem er es tat, umfing ihn wieder die dort im Sonnenschein ruhende Wolke von Goldlackduft, der Atem dieser unzähligen, kraftvollen Blüten, die selbst wie die kleinen Sonnen leuchteten. Heute legte sich ihm der süße Duft beklemmend auf die Brust; er fühlte nichts ton der sommerlichen Schönheit, die in -ihm wohnte. Wie die Mahnung an etwas unrettbar Verlorenes drang er ans ihn ein, erfüllte ihn mit einem dumpfen Gefühl unerklärlichen Heimwehs und trieb ihn rascher die Treppen hinan. Sobald Edith sich unbeachtet sah, ließ sie die Maske der Ruhe fallen und stürmte vorwärts, ins Zimmer ihrer Mutter hinein. Tie Generalin hatte sich eben zur Mittagsruhe behaglich zurechtgesetzt, schlief aber noch nicht; auch- konute die Müdigkeit ihren klaren Augen den sicheren Blick nicht rauben. Mit einem einzigen Anschauen erkannte sie den Zustand ihrer Tochter, hob ihren schweren Körper ein wenig- aus seiner bequemen Lage und sagte: „So Kind, jetzt hab' ich's aber satt. Vorhin warst Tu weiß wie eine Lilie, und jetzt glühst Tu wie eine Jivse. Nun steh mir endlich Rede und Antwort: was fehlt Dir? „Nichts, nichts", versucy-te Edith zu stammeln, aber die Worte verklangen im Schluchzen. Weinend warf sie sich neben dem Sitz der Mutter auf die Kniee, drückte das Gesicht an ihre Schulter, und bat in halberstickten Tönen: „Laß uns reisen, Mutter, bitte, bitte, laß uns reisen." „Ganz gewiß nicht, wenn Du weinst, wie ein Backfisch; Tu gibst Dich- so gern für einen fertigen Menschen aus, aber heute, Kind, heute kommst Tu mir ungeheuer jung vor. Vom Reisen ist gar keine Rede, wenn Tu mir nicht ganz genau erzählst, was vvrgefallen ist, und was in Dir vorgeht. Namentlich letzteres; denn das ist immer das Wichtigere von beiden." Und Edith erzählte, stückweise, unzusammenhängend, bald verlegen, bald zornig. Ms sie aber geendet, und zum Schluß noch, einmal gebeten hatte, reifen zu dürfen, da strich die Generalin ihr mit leiser, milder Hand über das gebeugte Haupt und sagte mit seinem Lächeln: „Nicht wahr, Kind, Tu erinnerst Dich doch des Ausdrucks, den Scheffel gebraucht hat? Er gilt nicht nur für Männer, er gilt auch für Frauen, und auf Dich trifft er heute mit merkwürdiger Genauigkeit zu: „die Edith- hat's". „Mutter!" „Ja, daran ist nun garnichts mehr zu ändern. Man muß nur zufeh'n, wie man damit fertig- wird. Denn alles Leugnen vor Dir selbst und vor anderen hilft absolut nichts dagegen: Tu liebst diesen Mann." „O nein, ich hasse ihn!" „Tie Liebe kommt in merkwürdigen Verkleidungen, und der Haß ist ihr die liebste darunter. Solch ein Haß aber schmilzt wie das Eisen in der Glut, zuweilen auch schon wie der Jrühlingsschnee an der Sonne." „Nein, nein, nicht bei mir! Aber wenn Du das glaubst, wenn Tu mich solcher Schwachheit für fähig hältst, so ist das immer noch ein Grund mehr: Laß uns reisen!" „Wenn's nötig ist, werd' ich es tun, aber nicht eher. Uebrigens wäre es auch nickt möglich, selbst wenn ich wollte. Gestern habe ich an meinen Bankier um Geld geschrieben, und bis der Brief ankommt, vergehen ein paar Tage. Ebensoviele, bis ich die Antwort erhalte, mit Hilfe der italienischen Post vielleicht auch noch Mehr. Sv lange müssen wir bleiben; denn ohne Geld ist man in Italien ein noch ärmerer Teufel als sonst wo. Tu kannst nun in Ruhe versuchen, diesen Herrn R-auchmann jetzt auch einmal mit den: guten, klaren Verstände zu prüfen, den Tir der Himmel — Gott sei Tank! — gegeben hat, nachdem Du ihn bis jetzt nur mit dem Gefühl beurteilt hast." „Ich kenne ihn zur Genüge. Er ist eitel, unwahr und frivol." ,, „Tas wäre viel auf einmal. Aber Du kennst höchstens ein paar Handlungen von ihm, die ich -auch nicht verteidigen will; aber ein paar Handlungen sind noch nicht der Mensch. Bisher wissen wir eins nur ganz bestimmt von ihm: daß er ein großer Künstler ist. Und ich halte fest an dem Glauben, daß in einem Menschen, der so Großes leisten und schaffen kann, im tiefsten Innern auch große und reine Empfindungen wohnen. Tie können wohl einmal verschüttet werden durch allerlei Häßliches, — das kann ja auch der klarsten Quelle passieren, — aber ganz erdrückt werden sie doch wohl nur selten." „Tu verteidigst ihn sehr warm!" „Glaube nur ja nicht, daß ich ihn Dir einreden will. Eigentlich habe ich- sogar immer andere Pläne mit Dir gehabt —" „Ich heirate überhaupt nicht, Mutter." „Bis zu Deiner Hochzeit, — nein. Sieh', Kind, ich- will Dein Glück, weiter nichts. Und dann würde ich- mich auch 752 ohne Schwierigkeit hinein finden, wenn Dein Glück nnn zufällig doch in der Gestalt eines Sängers daherkäme. Und eins möchte ich Dir tutet) noch sagen, das Ideal eines Niädchenherzens, — das existiert nur in der jungen, warmen Phantasie. Tas Leben sieht ganz anders aus, und die Männer haben in der Regel ihre großen, dicken Fehler, — ebenso gut wie wir Frauen, die sogenannte Krone der Schöpfung. Aber darum gibt es doch tüchtige, liebe, prächtige Exemplare beiderlei Geschlechts, und wenn zwei solche Zusammenkommen, dann freut sich der Himmel. Auch die alte Mutter des weiblichen Exemplars würde sich freuen, Edith." „Ach. Mtitter, sprechen wir heute nicht von Freude." „So lange man die Sonne noch sieht, hat irrn immer noch Grund, sich zu freuen, das vergiß nicht. *6er nun sag' ich basta, — das ist so ziemlich das einzige italienische Mort, das ich kenne, dafür aber auch ein sehr verwendbares. Wir bleiben also mindestens noch acht Tage hier; vor einem Gefühl davonzulaufen, das nach einer Woche vielleicht wieder ebenso heftig nach dem geflohenen Orte znrücktreibt, dabei spiele ich nicht mit. Macht es Dich glücklich, so können wir uns das Essen auf dem Zimmer servieren lassen oder in dem alten, oberen Speisesaal, aber damit sind meine Konzessionen erschöpft, und ich sage noch einmal bündig und feierlich: basta!" Wie die Generalin es angeordnet hatte, so geschah's. Unter einem annehmbaren Vorwand ließ sie wirklich für sich und Edith inr oberen Saal servieren, was ihr im Grunde kein kleines Opfer war. Verständnisvolles Essen betrachtete sie als eine wichtige Handlung im menschlichen Leben und konnte sehr Höfe werden über Leute mit „unerzogener Zunge", die alle schönen Gottesgaben, dem lieben Vieh gleich, wie Heu hinunterschluckten. Auch aß sie gern in Gesellschaft und würzte die Mahlzeit mit klugen Worten. Aber trotzdem trug sie jetzt den Gefühlen Ediths Rechnung, in der stillen Hoffnung freilich, daß . ihrer Tochter die einsamen Mahlzeiten in dem großen, kahlen, meist leeren Raume bald ebenso langweilig werden würden, wie ihr selbst. So waren fünf Tage vergangen, als ein unerwartetes Ereignis sie mit der übrigen'Gesellschaft wieder in engere Berührung brachte. Vielen davon waren sie im Garten und auf den Spaziergängen auch in dieser Zwischenzeit begegnet und hatten so erfahren, daß ein revolutionärer Geist in der friedlichen Pension sich regte, daß ein Sturm im Glase Wasser sich vorbereitete. Ter „Uebermensch", der von seiner Reise noch anmaßender zurückgekommen war, hatte jetzt endlich! die Geduld auch der Geduldigsten erschöpft. Lange hatte das Gewitter sich vorbereitet, — nun kam es zum Ausbruch. Edith saß mit der Generalin bereits an ihrem weiß- gedeckten Tisch, den sie mit einem frischgepflückten Strauß von Primeln, Immergrün und Veilchen geziert hatte, — niemals vielleicht war sie reicher an kleinen Aufmerksamkeiten für ihre Mutter gewesen als in dieser Zeit, —> da erhob sich plötzlich ein verworrener Lärm von lebhaft durcheinander klingenden Stimmen. Er kam näher, wälzte sich zu ihnen her, und nnn wurde auch schon die Tür nach dem Garten hin aufgerissen: herein strömte die ganze Gesellschaft mit Ausnahme weniger Personen, allen voran, in großer Aufregung, mit heißem, rotem Gesicht der Oekonomie- rat Zimmermann. „Es is 'n Undiert, un es bleibt 'n Undiert!" rief er in großem Zorn. „Un wenn ich mich nich scheute, das Scheusal auzurühren, denn schmisse ich es mit eigenen Händen in den See." In ähnlicher Stimmung waren die übrigen Herren, kampfbereit, aber doch ohne die Initiative zum Kampf. Man hatte vormittags der Wirtin erklärt, daß man nicht mehr gesonnen sei, mit dem „Sopra" zusammen an einer Tafel zu speisen, und daß ihm dies in bestimmtester Form ju notifizieren sei. Das war geschehen, hatte jedoch nur das Resultat gehabt, daß er mit der einzigen, zu ihm haltenden Dame zusammen schon eine Viertelstunde vor der Essenszeit auf fernem gewohnten Platz erschienen war und jeden Eintretenden mit höhnischem Lächeln empfangen hatte. Schleu- nrge Umkehr der also Zurückgescheuchten war die Folge, und so hatte sich das ganze Häuflein in höchster Aufregung angesammelt, um zum Schluß gemeinsam die seeessio in montem, will sagen, den Aufstieg über die Treppe zum oberen Saal anzutreten. Hier wurde nun eilig eine neue table d'hote aus zusammengeschobenen Tischen improvisiert, und bald saß die Gesellschaft beim gewohnten Mahl. Rauchmann war als letzter von allen hereingekommen, hatte sich am Gespräch nicht beteiligt, sondern sich schweigend auf einen Stuhl am Fenster gesetzt und auf bte Seefläche hinausgeschaut, bis zum Essen gebeten wurde. Nun hatte er sich weit weg von Edith und ihrer Mutter, am anderen Ende des Tisches niedergelassen und setzte sein Schweigen auch jetzt noch fort. Um so lebhafter war die Unterhaltung der übrigen; alle sprachen zugleich, und die Herren richteten unzählige Aufforderungen an den ünten Tafelnden, der sie nicht hören konnte, vor ihnen zu erscheinen. Man erzählte, daß er die Aenßerung getan habe, kein einziger wage sich an ihn heran, und diese Worte wirkten wie Oel auf Feuer. Tie Augen blitzten, die Fäuste ballten sich, und Lina, die Kellnerin, mußte häufiger als sonst die Viertelliterflaschen mit Wein füllen; selbst die Generalin, die sich alles genau erzählen ließ, goß ein paar Gläser mehr als sonst von ihrem gewohnten Böwlchen — Chianti und Asti — zusammen. (Fortsetzung folgt.) Meihnachts-Litteratur. — Wilhelm Rabbe, Der Lar. Eine Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte. 3. Aufl. Preis 3 Mark. Verlag von Otto Janke in Berlin. Seit Raabes 70. Geburtstag müssen sich doch viele, die seinen Erzählungen bis dahin fern gestanden haben, darauf besonnen haben, daß deutsche Dichter nicht nur gefeiert, sondern daß ihre Schriften auch gelesen werden wollen. Es kann nämlich die Beobachtung gemacht werden, daß die Neuauflagen Raabescher Schriften schneller aufeinanderfolgen als früher. So erscheint denn auch die köstliche Erzählung „Ter Lar" jetzt zum dritten Mal; die Geschichte, in der der ausgestopfte Affe, der Hausgott des alten schnurrigen Kreistierarztes, gewissermaßen eine Art Vorsehung spielt. Das Erscheinen der neuen Ausgabe wird hoffentlich manche daran erinnern, daß ein Band von Wilhelm Raabe sich viel besser auf dem Weihnachtstische ausnimmt, als irgend ein wahllos aus der Flut der literarischen Neuigkeiten herausgegriffenes Buch; und daß man unter Raabes Werken keinen Fehlgriff tut. Kesundyeitspflege. — Im Verlage von Theodor Krische, Universitütsbuch- handlung in Erlangen, beginnt soeben zu erscheinen: „W er d e Ge su n d!", Zeitschrift für Volksgesundheitspflege und Krankheitsverhütung, herausg. von Tr. med. Gg. Liebe in Waldhof Elgershausen. Es soll dies eine volkstümliche Zeitschrift werden, die gediegenen Inhalt mit gefälliger Ausstattung zu vereinigen sich bemüht. (Preis vierteljährlich 75 Pfg.) Wortspiel. Nachdruck verboten. Es sind neun Wörter zu suchet: von der Bedeutung unter a. Aus jedem dieser Wörter ist durch Voranstellung eines passeitden Buchstabens ein aitderes Hauptwort zu bilden, dessen Bedeutung unter b angegeben ist. Tie vorangejetsten Buchstaben, also die Aniangsbuchstaben der Wörter unter b bezeichnen im Zusammenhang gelesen eine für die Landbevölkerung wichtige Zeit. a. 1. Fisch 2. nordische Götter 3. Stand 4. Begriff 5. Erdschicht 6. Nebenfluß der Donau 7. Bauwerk 8. nordische Göttitr 9. Teil des Körpers b. sinnbildlicher Schmuck Schmuck der Fluren kleines Instrument Spiel der Phantasie biblischer Prophet Metall biblische Landschaft Land in Asien Kartenbezeichnung Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.: Drache. Liedaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen UniversitStS-Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen