Nr. 139. Freitag den 18. Septemder. K LsLLL al'Eii0W NHI WW ■■ W a II (Nachdruck verboten.) W UsßemsWe« turn her Bretagne. Bon B. W. Lowar d. (Fortsetzung.) wenn Du nicht ewig in der Hölle brennen ' begann er feierlich, „so vergreife Dich nicht an Eidern, ^st es nicht genug, daß Du die Mutter Akuter und den Sohn zum Krüppel gemacht hast? Ich ver- ^^^ba auf ihrem Totenbette, daß ich die Kinder beschützen wolle. In Bernodet waren sie wieder hungrig, Herds, und Guenn hatte eine häßliche Beule auf der Stirm . „ "7”' PW darüber geklagt. Eine Heilige in ^.er Nische täte das eher als Guenn. Ich fragte sie, aber ste schüttelte lachend den Kopf, rief „meme Gose!" und! bavon, zur Gavotte. Die tapfere kleine Guenn!" 9tlt^br“cI rm Gesicht des jungen Mannes war bei den letzten^Worten mild und weich- geworden. nTfon" । unkindliche Tochter, die ihren armen o ^rnachlassigt und tn den Gassen umherläuft; das ist, die volle Wahrheit, monsieur le recteur" ©axaSJ? ^n Pflichtgetreues, arbeitsames Mädchen, das Euch vierzig Franken monatlich aus dem Fischgeschäft ^unbrrngt, ganz abgesehen von dem, was sie für Weil InnL f b ^^)lfe in den Voyageurs verdient. Ich ver-- lange kemeVersprechungeu von Euch, denn ich glaube nicht an Euren Schwur, selbst nicht, iueiut Ihr ihn aufs heilige Kreuz ablegt. Aber das laßt Euch gesagt sein: Wagt es <^Ure ?nder zu schlagen, statt ihnen Brot zu geben. Nanmc muß zur Schule geschickt werden, und Guenn muß anständig gekleidet und ordentlich beaufsich- ^gt werden. Hört Ihr wohl — ordentlich beaufsichtigt! arme Kind — sie hat nur Euch — Euch! und alle diese Ahnden und Gefahren nm sie her, Euch! und so jung, so ter "Nb mrt dieseni süßen schönen Gesicht! Euch! fifitnS nÄT als gar niemand! Aber hiermit - Thhmert erhob drohend die Stimme, wenn -br frierend und.hungrig umhergehen laßt, Faust berübrt Z ,'?? 7” .etlW8 Mal mit Eurer rohen ä7Äi.blrül)rt, wenn Ihr sie tn Leid rind Gefahr bringt — so be^eickinen aISr Verfehmten und Verfluchten vezeichnen. Ganz Plouvenec soll erfahren, was ich weiß__ Ä ISää k.in e® /einem ehrlichen Seemann mehr beikommen mit Euch auszufahren; keiner wird mehr mit Euch necken und flXmerto°!tnn,M schon auf Erden als ern Aus- gefroßener, ein Verdammter umherirren — verflucht von i>en Menschen — verflucht von der Kirche — und all Euer zusammengescharrtes Geld wird sich in Fluch augstvErrZ 16 reCteUr' NUet ^n!" stammelte Rodellec Thymert hielt inne, sank auf die Bank nieder und be- anken opfern, Guenn soll em neues Kleid und Vortuch haben und! der Einige soll tn die Schnle geschickt werden. Ich hab« es ja immer tun wollen. Haben Sie mich aber auch gewiß tu egt in den Bann getan, monsieur le recteur?" Thymert erhob das Haupt. Er war sehr blaß und sah mit verstörtem, abwesendem Ausdruck auf Hervö. „Nimm nur Deine Kinder in Acht", sagte er, „es giebt für sie so Mele Gefahren ttt einem Orte wie Plouvenec." „Gefahren — was sollten das Wohl für welche sein? Guenn ist eine wilde Katze, und vor Nannic haben sie all« 7^/ ^ssscht, als ob er direkt vom Gottseibeiuns abstamme", lachte Rodellec. deckte sein Gesicht mit den Händen. „Was habe ich getan?" stöhnte er schmerzlich. ■ „ „Monsieur le recteur", und Rodellecs flehend erhoben« Kunde zitterten vor Erregung, „haben Sie mich schon verflucht? ist es unwiderruflich?" „Nein — nein, Männ", erwiderte der Pfarrer regungslos mit halberstickter Stimme. „Ich bin ja nur ein armer Mann", wimmerte Rodellec, aber ich will von dem wenigen, was ich mir für mein« alten .egge zurückgelegt habe, unserer lieben Frau zehn Franken und Saint Hervs von Plouvenec fünf Fr " opfern; Guenn soll ein neues Kleid und Vortuch Haber «Sünne füll in ibie (SdbiiTe erpfefvifft Ccrtxi .. "Jsh umß jetzt gehen", Thymert erhob sich entschlossen- „ich haoe noch viel zu Ain. Denkt an Euer Gelöbnis, Hervö, ich erfahre es, wenn Ihr ungetreu seid. Eine (Stimme wird es mir sagen. Guten Morgen." „"Gewiß, monsieur le recteur, ich! werde an alles denken", versicherte Rodellec, dem vor einer Wiederholung der harten! Worte bangte, die er soeben zu hören bekommen, „zehn Franken unserer lieben Frau, fünf Frankeil für Saint Hervö von Plouvenec, für Guenn ein neues Kleid und —" Aber Thymert war schon längst außer Hörweite. Das vsfciie Brevier in der Hand, ging er eilends den Felspfad An diesem Abend fand Guenn bei der Heimkehr ihren ^77 bereits zu Hause. „Hier", sagte er, ihr ein dunkel- rotes halbseidenes Halstuch hinreichend, „nimm es und putz' ^.lch damit." Guenn verschränkte die Hände aus dem Rücken und wies mit einem trotzigen: „Ich brauch's nicht", die Gabe von sich. , '/Du wirst es aber morgen tragen und wirst ihnen allen erzählen, daß ich es für Dich gekauft habe, — verstehst Du mich?" Er s ah ihr zornig in die Augen und trat heftig einen Schritt auf sie zu. „Warum antwortest Du nicht?" Er schüttelte sie rauh. Guenns Mienen drückten einen immer entschlosseneren Widerstand aus. „Wenn Du ihr weh tust, wird er es erfahren", erklang eine Stimme aus der Ecke. Nannic hatte sich geräuschlos hereingestohleu und ohne Zweifel schon eine ganze Werle als stuinmer Beobachter daneben gestanden. Er hatte eine eigene Gabe, alle Leute in Schrecken zu setzen, mit Ausi- nahme Guenns, die sich durch keinen seiner Einfälle überraschen ließ. - 554 „Wer wird et3 erfahren?" fragte der Water. Nannte lächelte boshaft. „Wo hast Drf heute morgen gesteckt?" fuhr Rodellec unruhig in seinem Verhör fort. „Am Strande unten — ich habe mit den Seelen gespielt, mit den Seelen — den Seelen —", sang der Knabe in seltsamem, selbsterfuudenem Rythmus. Er hatte schon bei sehr jungen Jahren entdeckt, daß seines Vaters wuchtige Hand nur zuweilen durch seinen stark ausgeprägten Aberglauben aufgehalten wurde. Was der Knabe anfangs tat, um seinen hinfälligen Körper zu schützen, war ihm nach und nach zur zweiten Natur geworden; es war wirklich schwer zu unterscheiden, bis zu welchem Punkte Nannte schlaue Verstellung übte, und wie weit er selbst glaubte, mit den über- uatürlichen prophetischen Gaben der alten bretonischen Sänger und Seher ausgestattet zu sein; dazu behandelte Nannic, trotz seiner Jugend und Kränklichkeit, seine Mitmenschen als lohnendes Studium, ja oftmals als belustigendes Spielzeug. Auch diesmal hatte er sich in der Mrkung seiner rätselhaften Worte auf das Gemüt seines Vaters nicht verrechnet. Rodellec fühlte sich sichtlich befangen und sagte, wie um sich vor sich selbst zu rechtfertigen: „Nannic, Du sollst in die Schule gehen. Gehe gleich morgen und sieh zu, ob Du etwas Vernünftiges in Deinen verrückten Kopf bringen kannst." „Ich wußte, daß ich zur Schule gehen sollte, ich will gehen, aber sie können mich dort nichts lehren — ich weiß es alles — längst — längst —" Guenn sah ihren Bruder freundlich an und fragte dann lachend: „Nannic, was hast Tu heute eigentlich gesehen?" „Ich sah Thymert", antwortete Nannic jetzt mit natürlicher Stimme wie jedes andere Kind. „Ich möchte etwas zu essen, Guenn, ich bin so schrecklich hungrig." „Gleich, gleich", beruhigte Guenn den Kleinen, dann hob sie das verschmähte Tuch vom Boden auf. „Hat Dir Thymert Uesagt, Du solltest es für mich kaufen?" fragte sie mutig ihren Vater, „war er heute hier?" Liebevoll streichelte sie das weiche Gewebe, das ihr auf einmal so reizend erschien. „Trag' es nur, kleiner Zieraffe", brummte Hervs mürrisch. Es waren die letzten Worte, die er seiner Familie heute abend gönnte. Bald darauf waren sämtliche Rodellecs in einen so friedlichen, sanften Schlummer gesunken, als ob es in ganz Plouvenec keine zweite so einige, glückliche und zufriedene Familie gebe. 5. Kapitel. Mit der ihm eigenen Gawandheit hatte^Hamor bald in Plouvenec festen Fuß gefaßt. Nachdem er sein Atelier eingerichtet imb sich mit den ortsüblichen Sitten und Ge- bräuchen vertraut gemacht hatte, ging er mit Feuereifer an die Arbeit. In der Umgegend hatten sich dreißig bis Vierzig Künstler angesiedelt, die augenscheinlich das glücklichste Leben der Welt führten. Die kleine Gemeinde wurde Von den Einheimischen im allgemeinen gleichgiltig geduldet. Tie Maler waren ihnen Fremde, mit denen ein rechter Bretagner keine Gemeinschaft z!u. haben pflegt; doch waren die Künstler dem Kandel und Verkehr von Plouvenec förderlich, was ihnen in den Augen der Ladenbesitzer, die den kleinsten Verdienst zu schätzen wußten, sehr zum Vorteil gereichte. Weil die Maler nun einmal da waren, ließ die Bevölkerung sie gelten. So lange sie sich bescheiden und zurückhaltend verhielten, so lange es ihnen nie beikam, den Seeleuten ihre Schätzchen abspenstig zu machen, oder überhaupt den Weibern die Köpfe zu verdrehen, so lange sie ihre Rechnungen pünktlich zahlten — hatten sie unbeschränkte Freiheit, in den Wäldern der Bretagne umherzustreifen, in Verzückung den Himmel anzustarren und um den ganzen Ort herum einen Gürtel von anfgeschlagenen Staffeleien und Feldstühlen zu ziehen. Ws freilich die innersten Ansichten der Eingeborenen über das Malervolk waren, steht aus einem ganz anderen Brett. Glücklicherweise sind den Menschen ihre Gedanken nicht aus der Stirn geschrieben. Der ehrliche Drescher, der seine Beschäftigung einen Augenblick unterbricht, um höflich die Fragen eines dieser Herren zu beantworten, welcher soeben an sein Scheunentor getreten ist, weiß, was er von einem Besucher zu halten hat, der, während er noch anscheinend ganz sachverständig nach dem Stand des Getreides fragt, bereits die unruhigen Augen forschend umherschickt, nach einein geeigneten Hnltergruild zu spähen. Auch die Seeleute, die faul am Strande liegen, sind eine willkommene Fundgrube für das Auge des beutehungrigen Künstlers. Mit wahrer Zärtlichkeit weilt sein Blick auf ihren gebräunten Gesichtern, auf ihren mattblauen Blusen, ihrem scharlachroten Gurt, ihren freien, ungezwungenen Bewegungen. Er bleibt stehen, um mit ihnen zu plaudern, es weht ein so warmer, südlicher Hauch aus dem abgeblaßten Farbenspiel, ein etwas, das ihn an Genua, an Neapel gemahnt. Im Geiste entwirft er ein Bild nach dem andern. Plötzlich erspäht er von weitem ein noch würdigeres Sujet: einen barfüßigen Buben, der am Strande Krebse fängt, aus Bequemlichkeitsrücksichten nur ein einziges, kurzes Kleidungsstück tragend. Grau in Grau! Ein mattgraues Hemd gegen das lichtgraue Gestade und gegen das graugrüne Wasser, im Hintergrund grüngrauer Ginster, der sich vom blaugrauen Horizont abhebt. Welche Mannigfaltigkeit von ästhetischem Grau! Wie harmonisch zusammenwirkend! Die Atmosphäre, die Perspektive! — Solche Gedanken lassen den Künstler seine nächste Umgebung vergessen, er sieht die gebräunten Seeleute nicht mehr, die Worte ersterben ihm auf den Lippen, versunken starrt er nur auf sein neues, ihm so unendlich wertvolles Motiv. Wer will es da dem wackertt Bretagner verargen, wenn er sich diese Kundgebungen des Genies aus seine Weise auslegt und den sonst so gesund dreinschauenden Fremdling entweder für einen Querkopf oder schlimmer noch für einen Wahnsinnigen hält? Der ahnungslose Künstler läßt sich nicht träumen, wie ihm sein unschuldiges Tun und Treiben ausgelegt wird. Was die Leute nicht verstehen, machen sie einfach lächerlich, noch heut wie in grauer Vorzeit, gelten die Fremden für Barbaren. So fröhlich und heiter die Künstler aber auch ihre Zelte in Plouvenec aufgeschlagen haben mochten, so war auch hier nicht alles Gold was glänzt; die meisten waren vem Geschick nicht allzuweich gebettet. Der eine hatte sich zu spät aus den Fesseln eines unliebsamen Berufs gelöst und mußte nun zeitlebens an den Folgen dieser Verzögerung leiden, im Bewußtsein, daß es ihm nie gelingen würde, sich aus der Mittelmäßigkeit emporzuarbeiten. Ein anderer fühlte sich bedrückt durch den unbezwinglichen Widerstand seiner Familie gegen den von ihm erwählten Beruf, und den meisten unter ihnen mangelts '— so prosaisch diese Tatsache auch erscheinen mag — der sickere Rückhalt eines! ausreichenden Einkommens. Der Held des modernen Romans ist jetzt nur zu oft Herrscher über unbeschränkte Reichtümer. Seine Entbehrungen sind rein psychologischer Natur; wenn ihm eine Herzenstäuschung zu teil wird, so kann er sich trösten, indem er erster Klasse eine Tour durch zwei Weltteile unternimmt, oder einen Winter in Aegypten verlebt und seinen Schmerz, seine Verzweiflung in einem' Dahabeeh vergräbt, das er allein für sich und seinen getreuen, wenn auch sehr kostspieligen Diener gemietet hat. Wer aber giebt sich dazu her, die Taten all der Tausende zu verherrlichen, Me nicht von Hunger und Frost leiden, nichit durch ihre zerlumpten Kleider das Mitleid des Menschenfreundes erregen, die kostspielige Neigungen haben und die Ansprüche eines -gebildeten Mannes, und doch zu wenig besitzen, um ihr höchstes Gut, ihre Freiheit, stets zu bewahren? Selbst in bedrängten Umständen trugen diese Leute jedoch fast immer heitere Mienen zur Schau. Tagsüber waren sie fleißig bei der Arbeit und am Abend dre behaglichsten Gesellschafter der Welt. In ihre Arbeit vertieft, fühlten sie sich glücklich trotz aller Schatten der Vergangenheit, trotz dem Dunkel der Zukunft und der Ungewißheit ihrer Lebenslage — denn solcke Arbeit ist an sich schon Freude. Everett Hamor war derjenige unter ihnen, den die Götter wohl am meisten in jeder Hinsicht begünstigt hatten. Er kannte fast alle hier weilenden Künstler wenigstens dem Namen nach, mit Staunton und Douglas hatte er in Paris häufig verkehrt. Douglas war ein langbeiniger rotbärtiger Schotte, der gelegentlich in die Ateliers feiner Freunde hereingeschritten kam, schweigend aber mit wohlgefälligem Ausdruck bei ihren Bildern verweilte, und ebenso gemessen und schweigsam wie er gekommen, das Atelier wieder verließ. Er war wortkarg, zurückhaltend in seinem Urteil — dann wieder plötzlich von heftigen Vorurteilen befallen, gütig, ehrlich und eigensinnig. Er hör^ gern eine lustige Geschichte erzählen, und wenn die Pointe 555 klar und leichtfaßlich war, so konnte man am Schluß sicher sein melodisches, leises Lachen vernehmen. Häufig jedoch machte es seinen Freunden den größten Spaß, wenn er eine« Witz oder Scherz durchaus nicht verstehen konntet vorsichtig, gewissenhaft und seiner Geschicklichkeit halber von allen geschätzt, war er doch innerlich überzeugt, daß sein Talent seiner Hingebung für die Kunst nicht gleich kam. Dieses Mißverhältnis bedrückte ihn häufig und ließ ihn dann noch schweigsamer als sonst in sich! versinken. Staunton war seines Zeichens ein tüchtiger Landschafter, im übrigen ein liebenswürdiger junger Engländer von sehr einnehmendem Aeußeren, der weitverzweigte aristokratische Verbindungen besaß und mit den Sitten und Gebräuchen der großen Welt vollständig vertraut war. Er hatte seinen glatten, geebneten Lebenspsad stets in der allerbesten Gesellschaft zurückgelegt. Nebenwege waren niemals nach feinem Geschmack. Sein ganzes Wesen atmete Milde und Selbstbeherrschung. Die Weichheit seines Organs blieb sich stets gleich und ward nie durch Zorn oder Erregung gestört. Wie sich die Freundschaft zwischen Staunton und Humor gebildet hatte, war eigentlich beiden ein Rätsel. Im großen und ganzen fühlten sie sich behaglich miteinander — und darin liegt vielleicht das Geheimnis der meisten Freundschaftsverhältnisse toter Männern. In ihrer Kunst gaben sie sich ohne Vorbehalt, ließen alles geschraubte Wesen, alle Uebertreibung beiseite, um einfach und wahr zu einander zu halten. Jeder fühlte innere Hochachtung vor dem Talent des andern und war stolz ,aus die Erfolge des Freundes. ■ (Fortsetzung folgt.) Neues über moderne Wohnungs-Kunst. Es ist eine hoch erfreuliche Tatsache, daß nun auch in Deutschland das Interesse für moderne Wohnungs- Kunst in letzter Zeit außerordentlich gestiegen ist. Nächst der maßgebenden Presse, welcher wohl ein Hauptverdienst an diesem Aufschwünge zugesprochen werden darf, ist dies vorzugsweise der modernen Kunstliterptur zu danken, welche jenes Gebiet mit besonderer Liebe und Opserfreudig- keit pflegt. An erster Stelle waren es wohl die von Alex. Koch in Darmstadt begründeten Zeitschriften, welche in dieser Hinsicht bahnbrechend und begeisternd gewirft haben. Es gehört jetzt schon geradezu zum „guten Ton", nicht nur Familien- und Witzblätter aus dem Familientisch aufzulegen, sondern eine gute Kunstzeitschrift fehlt immer seltener, und bald wird sie, wie in England, auch bei uns in keinem Hause mehr vermißt werden, das wirklich für „gebildet" gelten möchte. Es ist darum wohl angebracht, dieser modernen Kunstliteratur von Zeit zu Zeit Aufmerksamkeit zuzuwenden, namentlich der an führender Stelle stehenden „Deutsche Kunst und Dekoration". Diese von Alex. Koch im Jahre 1897 begründete, vielgenannte „Darmstädter Kunst-Zeitschrift" eröffnet ihren 7. Jahrgang soeben mit einem Oktober-Hefte, das ein in jeder Beziehung klares und überzeugendes Bild von der einzig dastehenden Bedeutung, Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit dieses führenden Organes der modernen kunstgewerblichen Bewegung entwirft. Es dürfte kaum ein Gebiet der bildenden oder angewandten Künste geben, das hier nicht mit hervorragenden Schöpfungen namhafter Künstler des In- und Auslandes vertreten wäre: Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungsausgestaltung,. Möbel-Bau, Medaillen, Plaketten, Schmucksachen und andere Metallarbeiten, Buchgewerbe, Stlckerei, Fächer, Lederarbeiten und Kunstverglasungen, Be- Wage, Fensterarrangements, kurz, so ziemlich altes, was Kunjtlergerst und Phantasie nur zu gestalten vermögen, ist hrer M finden. In der Tat, eine seltene Gelegenheit, sich mnen Ueberblick über die enorme Entwicklung zu ver- schasfen, welche auf allen diesen Gebieten in-neuerer Zeit 2ur E Deutschland eingesetzt hat. — Zwar ist die -„Deutsche Kunst und- Dekoration" längst m ihrem Wirkungs- hererche nicht mehr auf Deutschland und die anderen deutsch sprechenden Ländern beschränkt: in allen Kulturländern hat fte den Samen neuer, moderner Kunstweise gestreikt und ,rch eine hochangesehene Stellung erworben. Aber Deutsche Kunst steht in ihrem Programm an der ersten Stelle. Und welch glänzende Schöpfungen sind es, die sie uns diesmal wieder in einem künstlerisch abgestuften, typographisch mit feinstem Geschmack arrangierten Ensemble darbietet! Gleich an erster Stelle, als Doppelbeilage gedruckt, finden wir eine Reproduktion des monumentalen Tafelgemäldes, welches Melchior Lechter in dem von ihm geschaffenen Saale der Pallenberg-Stiftung im Kunstgewerbemuseum zu Köln als krönenden Abschluß dieser überaus prunkvollen Anlage ausgeführt hat. Dann folgen sehr eigenartige Gemälde des Amerikaners Arthur Johnson, eine höchst- pikante Künstler-Photographie „Hortensia", welche gleichfalls einen amerikanischen Künstler, nämlich Frank Eugöne, zum Urheber hat. Daran reihen sich Werke der in Deutschland noch kaum dem Namen nach bekannten finnischen Künstler: Gemälde von Rissanett, Architektur und Jnnen-Räume von S a a r i n e tt, die uns durch ihre volkstümliche Eigenart einen ganz überraschenden Einblick in die geniale Veranlagung der Finnländer tun läßt. — Rudolf B o sse lt-T arm st a d t, der bekantrte, ausgezeichnete Medailleur, gibt uns in einem Aufsätze: „Zur Wiederbelebung der Medaille nkun st in Deutschland" höchst beherzigenswerte Anregungen, die durch eine ebenso reiche als schöne Kollektion der besten modernen deutschen Medaillen und Plaketten erläutert werden, wobei die Bosselts selbst wohl an erster Stelle stehen (Hessische Verdienst-Medaille, Liebig-Medaille, Plakette auf Goethes Mutter «. rc.). Und noch ein anderer der „Sieben", welche einst die vom Großherzog in Darmstadt begründete „Künstlerkolonie" bildeten, ist mit ausgereiften Werken vertreten: Patriz Huber, der vor Jahresfrist als Opfer einer Künstlertragödie sein hoffnungsvolles, junges Leben dahingab. Aus seinem Nachlasse gesammelt sehen wir hier Schntuck-, Silber- und Lederarbeiten. — Außerordentlich interessant, insbesondere für Aerzte, sind sodann die von den Münchener Künstlern W. von Beckerath und K. Bertsch eingerichteten Sanatorien zu Badenweiler, welche hier zum erstenmale in einer umfangreichen Kollektion prächtiger Abbildungen vorgeführt werden. Zweckmäßigkeit, Einfachheit und gesunde!Lebensfreude spricht aus den feinen Formen dieser Räume, welche für die Ausgestaltung unserer Sanatorien von bahnbrechender Bedeutung werden dürften. — Besonders glänzend ist aber auch das Buchgewerbe mtb dietypographische Kunst vertreten und zwar durch die Steglitzer Werkstatt, welche Buchschmuck aller Art, Reklamebilder, Besuchs- und Einladungskarten, Geburtsanzeigen rc. von köstlicher Frische in großer Zahl für dieses Elite-Heft nicht nur gezeichnet, sondern auch selbst in künstlerischer Weise mit mehreren Farben gedruckt hat. Dazu kommen weiter sieben mehrfarbige Beilagen: Plakate und Märchen-Bilderbogen, sodaß das Heft also im ganzen nicht weniger als acht Blatt mehrfarbiger Beilagen enthält. Dieser Umstand dürfte am besten geeignet sein, von der Reichhaltigkeit des Inhalts und der Gediegetiheit der Ausstattung einen Begriff zu geben. Sehr viel Gutes hat der Herausgeber der Darmstädter „Deutschen Kunst und Dekoration" bekanntlich durch die von ihm organisierten redaktionellen Preisausschreiben gewirkt, die dazu bestimmt sind, jungen Talenten Gelegenheit zu geben, sich bekannt zu machen, und mit der Praxrs in lohnende Verbindung zu treten. Auch das vorliegende Heft enthält wieder Ergebnisse solcher Wettbewerbe und zwar Beschläge für Möbel, Türen und Fenster, sowie Fenster-Lösungen mit Erkersitzen, die namentlich der kunstliebenden Hausfrau sehr willkommen sein dürften, zumal sie sich durch erfreuliche Einfachheit auszeichnen. Aus der großen Fülle der Einzelabbildungen seien dann nur noch die folgeitb-en kurz genannt, um einen Begriff von der wohl einzig dastehenden Vielseitigkeit der Kochschen Zeitschrift zu geben: Stickereien nach Entwürfen von Prof. O. Gußmann-Tresden, ausgeführt von Fräulein Angermantr-Dresden, darunter entzückende Tisch-Gedecke, Kissen, Deckchen usw., sodann prächtige Fächer von Frau M. E r l e r - Berlin, das von den Professoren H. van d e V e l d e - Weimar und Peter Behrens- Düsseldorf gemeinschaftlich eingerichtete -Arbeitszimmer des Herausgebers Alexander Koch-Darmstadt, der vielumstrittene, geniale Entwurf vom Kaiserin Elisabeth-Tenk- m a l von Prof. Fr. M e tz n e r - Wien, Kunstverglasungen von CH. Gu er in -Paris, kraftvoll gezeichnete Skizzen zu einfachen Landhäusern von Mb. Müller-Magdeburg :c. Last not least müssen wir aber auch noch des prachtvollen preisgekrönten Umschlages -gedenken, welchen I. V. Gis- s a r z, das neue Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie, für die „Deutsche Kunst und Dekoration" geschaffen hat. 556 itrötnt, gibt ern 8 6 B Ncdaktion: Auailsi — Notationsdriw und L erlog der 5t riibl’ld.en NmversuätS-L uv« und Steindrndcrei. R' Lange, Greßcn 5 4 3 2 1 Schachaufgabe. Von K. Erlin. 8 7 6 5 4 3 2 Weiß. '7 + 13) Weiß zieht und setzt mit dem dritten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Arithmogriphs in vor. Nr.: rasilien, Rabe, Araber, Sieb, Iller, Lilie, Irene, Esel, Rase. In diesem festlichen Gewände wird die Zeitschrift nun ihren Siegeszug in alle Kulturländer fortfetzen und allenthalben, nicht nur im Atelier und in der Werkstatt, sondern ganz vornehmlich auch im Haus imb in der Familie, in allen gebildeten Kreisen die Saat des Schönen streuen. Dieses Oktoberheft 1903 mit ca. 150 Illustrationen und acht mehrfarbigen Beilagen ist auch einzeln zum Preise Vdn 2,50 Mk. in allen Buchhandlungen erhältlich. R. orientalische Sprachen: Ein berühmter japanischer Schau- spieler, Souketakaya-Dakasouke, spielte eines Tages die Rolle einer Persönlichkeit, die auf der Bühne sich den Bauch auffchfttzen muß (hara-kiri). Es war ein besiegter General der sich von seinen Feinden umzingelt sieht. Einige schwer zu befriedigende Zuschauer fanden nun, daß der Künstler serne Rolle nicht natürlich genug spielte; sie luden ihst also zu dem Teehause des Theaters ein und versprachen ihm vrele Geschenke für den Fall, daß er seine Rolle rea- usttscher durchführte. Am folgenden Tage versuchte der Schauspieler daher, das „hara-kiri" so wahr als nur irgend möglich darzustellen ft aber die Zuschauer fanden immer noch nicht, daß er sein Leiden natürlich genug zum Ausdruck bringe. Aus die wiederholte Bitte der Zuschauer strengte sich der Künstler immer mehr an, die Nachahmung der Wirklichkeit aus einen Höhepunkt zu bringen, und mit solchem Opfermut ging er an seine Aufgabe, daß ihn eines Tages die Kräfte verließen und er auf der Stelle tot mitten im Spiel zusammenbrach!. . . Literarisches. — Die „Ratte der Pharaonen". Diesen Beinamen trägt seit alters her der über ganz Nordafrika und Nordwestasien verbreitete Ichneumon (Herpestes ichneumon), den die alten Aegypter als heilig verehrten. Schon Herodot meldet, daß dieses zu den hundefüßigen Schleichkatzen gehörige Tier, das unsere Hauskatze an Größe übertrifft, im ganzen Nillande nur an heiligen Orten einbalsamiert und begraben werde. Solcher Ehrungen erfreute sich der Ichneumon ehedem wegen des von ihm mit Eifer betriebenen Fressens der Krokodileier; in neuerer Zeit aber hat sich das Blatt gänzlich gewendet: während er einst als heilig galt, wird er jetzt als Räuber gehaßt und verfolgt. Dieser Wandel der Volksgunst erklärt sich sehr einfach: wo der Nil die volkreichsten Gegenden Aegyptens durchströmt, gibt es längst keine Krokodile und folglich an seinen Ufern keine Krokodileier mehr. Fressen will der Ichneumon jedoch nach wie vor, und in Ermangelung seiner ursprünglichen ihm sehr gern gegönnten Nahrung Der greift er sich jetzt, aus der Not eine Untugend machend, an den Hühnern und Hühnereiern der Fellahs, die wahrhaftig so wie so schon arm genug sind. Den Ichneumon und die übrigen Schleichkatzen beschreibt in anziehender Weise Pros. Dr. W. Marshall in der 8. Lieferung seines volkstümlichen Prachtwerkes r „Die Tiere der Erde" (Stuttgart, Deutsche Verlags- Anstalt.) Die Lieferung bringt ferner den Schluß des Abschnitts über die Hunde und den Anfang des die Bären behandelnden Kapitels. Die sämtlichen mehr als 1000 Abbildungen dieser populären Tierkunde, die in 50 Lieferungen ä 60 Pfg. erscheint, sind ausnahmslos nach photographischen Aufnahmen nach dem Leben hergestellt; Lieferung 8 enthält einen prächtigen Farbendruck, der einen kletternden Himalajabären darstellt Vermischtes. Das „männliche Dienstmädchen". Das „männliche Dienstmädchen" ist schon oft scherzhaft als das einzige Mittel, der Dienstbotennot ein Ende zu machen hingestellt worden; jetzt aber ist das „männliche Dienstmädchen zur vollendeten Tatsache geworden: in vielen Londoner Haushalten ist es, wie ein dortiges Blatt berichtet, bereits tätig. Vor einiger Zeit wurde in England die Ein- wanderung von Chinesen als Hauspersoiral offen diskutiert, aber der Gedanke widerstrebte dem gesunden Menschenver- stande der Menge, und so blieb England vor der „gelben Mahr' bewahrt. Bei dem Lesen der Tageszeitungen aber erkannten einige Deutsche und Schweizer, die Besitzer von Agenturen für Hotelpersonal sind, daß sich für junge Leute, die geivöhnliche Hausarbeit gegen kleinen Lohn verrichten wollten und dabei noch die englische Sprache lernen konnten, etne große Zukunft böte. So haben sich denn in den letzten Jahren in der Gegend von Tottenham Coustt- road zwer »oder drei Agenturen gebildet, die Leute des Mittelstandes mit „Haushaltburschen" versorgen. Jetzt sind schon 2000 Ausländer, meistens Schweizer, Italiener, Deutsche und Franzosen in derartigen bescheidenen und nützlichen stellen tätig. Die jungen Leute werden, ehe sie nach England kommen, in der Hausarbeit ausgebildet) gewöhn- lich in Hotels, sodaß sie bewandert sind im Ausfegen, staubwischen, Bettenmachen und anderer Hausarbeit, die bisher von Mädchen verrichtet wurde. Ueberdies ist ihre im Haushalt sehr nützlich, denn sie können Möbel ivegrücken, Kohlen und schwere Kisten tragen, Fenster putzen und andere schwere Arbeit verrichten, die gute Hausp frauen Mädchen nicht gern zumuten. Dafür erhalten sie Wohnung, Beköstigung und einen Lohn von 5 bis 7,50 Mk. wöchentlich. Die Arbeitgeber, die sie beschäftigen, erklären, die 'Männlichen Dienstmädchen" eine wahre Wohltat ftnd. Erstlich sind sie alle Frühaufsteher und setzen eine Ehre darein, daß der schmutzige Teil der Hausarbeit gemacht ist, wenn die Familie aufsteht. Dann scheinen sie den schmutz der Küche nicht aufs Gesicht oder Hemd zu bnilgen, und wenn es klingelt, während der Haushaltbursche gerade abwnscht, so braucht er sich nur die Hände zu trocknen und die Jacke anzuziehen, um sauber gekleidet die Tür zu offnen. Auch das Problem des Soldatenliebsten und das darauf folgende Verschwinden von kaltem Fleisch und Bier hört auf, ivenn der angenehme Schweizer oder der höfliche Franzose im Haushalt verwendet wird. Wenn er Mit seiner Arbeit fertig ist, wird er nicht umherstehen und klatschen, sondern den Llbend über englische Sprachstudien tteiben, und er lernt in wenigen Monaten die Sprache. Einige Familien nutzen sogar die Sprachfähigkeiten ihrer Diener aus und lassen von ihnen ihre Kinder im Deutschen oder Französischen unterrichten. Wenn die Hanshaltburschen sich in ihrer Stellung wohlfühlen, so bleiben sie gewöhnlich ein Jahr, sodaß sie dann fließend eilglisch sprechen können. In ihrer Heimat bekommen sie nunmehr gut bezahlte Stellen in Hotels, und viele werden schließlich Leiter und Beisitzer von Hotels. WenU die Verhältnisse sich so weiter entwickeln, so würden die Dienstmädchen in wenigen Jahren unter biejer neuen Phase der Dienstbotenfrage zu leiden haben. Junggesellen und Geschäftsleute ziehen die Haushaltburschen vor, da sie nicht nur vorzügliche Dienstboten sind, sondern auch als Kainmerdiener gebraucht werden können. Daß der Haushaltbursche auch in kleineren Haus- WftUUgen Eingang finden wird, wo das Mädchen haupt- sachlcch zur Beaufsichtigung der Kinder gehalten wird, ist vorläufig noch unwahrscheinlich; aber in Indien und China 8- -ö. sind die Eingeborenen gute Kinderwärter, Köche und „Mädchen für alles". Eine derartige Entwicklung ist also auch hier nicht, ausgeschlossen. . *c-P i W e © cE) a u f i e I e r e r o i § nt u. Eine Anekdote aus der japanischen Theaterwelt erzählt der Verfasser Motoyosi von der Pariser Schule für