Ter Konstabler in der Stube oben blickte, Stimmeck hörend, heraus. „Ist sie zu sich gekommen?" fragte er. „Ja!" sagte Clifford unsicher. Tann wieder lag sie mit unbeweglichen Lippen da. M8 er es jedoch sagte, kam ein Ausdruck tiefster Qual über die zusammengekniffenen dünnen Gesich-tstzüge, und er erkannte, daß mit der Rückkehr zu vollem Bewußtsein auch die volle Empfindungsfähigkeit des Schmerzes zurückgss- kommen war. „Gehen Sie hinunter, den Obersten um etwas Branntwein zu bitten!" rief Clifford. Ter Konstab el aber schien nicht zu hören Er stand Noch immer am Fenster uitb blickte hinunter. Clifford wiederholte die Worte, und der Mann ging mit sichtbarem Widerstreben vom Fenster. Miß Bostal blickte heimlich hinaus und wendete sich dann mit einer raschen, vogelähnlichen Bewegung zu Clifford. „Ist noch- jemand von der Polizei in der Nähe?" fragte sie schnell. Clifford war im Begriff, zu verneinen, als der Konstabel, den er nach, Brandy geschickt und der sich mit erstaunlicher Schnelligkeit seines Auftrages entledigt hatte, wieder an der Ecke des Hauses erschien „Hier kommt er mit Brandy", sagte Clifford. „Doch Miß Bostals Ausdruck des Schmerzes wich auf einmal einem des Ekels. „Brandy?" rief sie aus. „Ich werde um keinen Preis ihn berühren. Ich habe, so lange ich lebe, dem Genüsse geistiger Getränke entsagt." Tiefe plötzlichen Ausbrüche von Willenskraft brachten Clifford etwas außer Fassung, daher er sich etwas erleichtert fühlte, als er den Obersten dicht hinter dem Konstabel sah, „Theodora! Bist Du verletzt? Ernstlich verletzt?" fragte er in einem fast gleichgiltigem Tone, als ob er noch zu sehr von dem drohenden Unglück überwältigt wäre, um sich über irgend etwas anderes beunruhigen zu können. „Verletzt?" rief sie empfindlich „Natürlich bin ich verletzt. Ich verlor, als iif). mich zum Fenster hinauslehnte, das Gleichgewicht und stürzte heraus und habe ein Bein, und wie ich glaube, auch eine Rippe gebrochen." „Sollen wir Dich hineintragen?" „O nein! nein!" sagte sie mit Entschiedenheit. „Man wird mir zu weh tun. Laßt mich hier, bis der Doktor; kommt." Ter Oberst drehte sich um, ebenso Clifford und der Konstabel, denn sie alle vernahmen die Töne eines heftigen Wortwechsels bioit männlichen Stimmen und wurden zugleich zwei Männer gewahr, von denen der eine sich tote es schien, von dem andern loszureißeu suchte, und dieser sich anstrengte, jenen zurückzuhalten. Für die drei Männer im Garten war in der Dunkelheit wenig mehr als dies Montag den 18. Mal. MB» «M 1903. — Nr. 73. MHI U ÜSO v (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Ter Sergeant fuh!r ohne jeden Zeitverlust zum Hause hinaus, während der Mann, der ihm die Weisung gegeben batte, die Tür des Schlafgemachs mit ein paar Schlägen seines Schlägers aufbrach Clifford- eilte bestürzt und erregt dem Sergeanten nach. Er kam ziemliche so schnell an Ort und stelle tote der Mann, dem er folgte und den er zwischen den immergrünen Gebüschen herumtasten sah, die so dicht unter der Mauer des alten Hauses wuchsen. Eine Reihe matter Klagelaute wie von einem schwächten Geschöpf, das mit schrecklichen Qualen rang, schlug ihm ans Ohr, als er um die Ecke des Hauses kam. Und in demselben Augenblick sah er den Konstabler, der die Tür des Schlafgemachs erbrochen hatte, sich- zum Fenster von Miß Theodoras Zimmer herauslehnen. „Was? Sie ist doch nicht heruntergefallen -— sie hat sich doch nicht herabgestürzt —" stammelte Clifford. Doch gerade, als er es sagte, bog der Sergeant mit den Armen die Büsche auseinander, und indem er das volle Licht der Laterne, oie er in Händen hielt, auf den Boden darunter fallen ließ, wurde die Gestalt der armen Miß Theodora sichtbar, die in einem unförmlichen Haufen hier lag. „O rührt — v rührt mich nicht an!" wisperte sie kraftlos, als sie das scharfe Licht auf ihrem Gesicht fühlte. „Rührt mich nicht an. Ich, habe das Bein gebrochen — und hier etwas, hier!" Sie erhob die rechte Hand matt nach der Brust, worauf ihr der Kopf zurückfiel. „Sie ist ohnmächtig geworden!" sagte Clifford. „Armes kleines Wesen! Was ist da zu tun? Soll ich den Arzt holen?" „Nein, Sir! Ueberlassen Sie das mir", entgegnete der Polizeisergeant rasch „Bleiben Sie hier, während ich Hilfe w 'd?" jemand in der Nähe, der's für mich tun ®c eilte d avon, seine Laterne zurücklassend. Clifford bltckte auf d as kleine welke Gesicht nieder und glaubte ein Zucken der Augenlider zu bemerken. Als er sich herabneigte, um besser zu sehen, wurde er überrascht, zu hören, wie sie rhin lerse zuflüsterte: „Ich bin froh, o so froh", murmelte sie noch ohne die Augen zu öffnen, „daß dies sich ereignet hat. Tenn jetzt können sie rneine Zeugenaussage gegen die grme Nell ja nicht fordern!" „Mein liebes Fräulein", sagte Clifford ebenso leise, „vrtte, beunruhigen Sie sich deshalb jetzt nicht. Nell wird sich schon rechtfertigen. Ich bin dessen ganz sicher." 290 sichtbar, doch waren die neuem Ankömmlinge nahe genug, Um an der Stimme erkannt zu werden. „Laßt mich los, laßt mich los, oder beim —" Ehe er noch mehr als dieses gehört hatte, strengte Clifford voll Interesse und Erregung die Augen an, um das Dunkel zu durchdringen. „Aber gewiß!" fchpie er, „das ist George Clarisens Stimme!" Tie beiden Männer waren jetzt nahe genug, daß Clifford den Mann deutlich sehen konnte, der seinen Begleiter zurückhielt, und in dem er Hemming erkannte. Der zweite Konstabler eilte, als das miteinander ringende Paar in das Gartentor trat, d-em Geheimpolizisten zu Hilfe. In demselben Augenblick fuhr Oberst Bostal wie um sich zu stützen, mit der Hand unter Clisfords Arm. Der junge Mann be- inerkte kaum diese Datsache, s!o völlig war er von dem Problem in Anspruch genommen, das sich ihm beim Anblick der beiden Ringenden aufdrängte. Denn der Mann den der Konstabler und Hemming festhielten, war in der Tat kein anderer als George Claris, wilden Blickes, grimmig und wahnsinnig aussehend, mit wildem Bart und unge- kamrntem Haar. Und er schrie noch immer mit aller Kraft seiner Lungen: A sie? wo ist sie? Laßt mich hin zu ihr, sag ich! Laßt mich sie sehen!" _ "Ach, der arme Mann glaubt, daß Sie seine Nichte hier ^ben !" rief Cliftord, der jetzt augenblicklich das Geheimnis der nächtlichen Storungen, über die sich der Oberst und seine Tochter beklagt hatten, zu dilrchschauen glaubte. . Oberst Bostal gab keine Antwort, warf jedoch einen raschen^Blick hinter sich». Clifford folgte unwillkürlich diesem Beischel und em Ausruf entfuhr unbewußt seinen Lippen. Tenn Miß Theodora war — verschwunden. 22. Kapitel. Nells Geständnis. Sir Neville d achte nicht daran, Nell Claris, seiner Be- wmlderung ihres schönen Gesichts wegen, vor den Schrecken eines überaus strengen Verhörs zu bewahren. Nachdem sie das Zugeständnis gemacht hatte, um das die ganze Sacha sich drehte, und darüber in Dränen zus cumn en geb rochen war, ließ er ihr sehr wenig Zeit, die Fassung zurückzugewinnen, ehe er mit lauter pomphafter Stimme fortfuhr: „Und so gestehen Sie zu, daß zurzeit, da Mr. King beraubt wurde, eine Person im Hause war, von deren Gegenwart niemand außer Jhiien daselbst etwas wußte. Welches war nun der Name dieser Person?" Nell blickte ihn vorwurfsvoll an. Er wußte ja, wer es war, und er hätte ihr also den Schwerz ersparen können, es selbst noch, namhaft zu machen. Da er jedoch wartete, so Zagte sie int starken Gegensatz zu dem Don des Friedensrichters ganz leise: „Miß Theodora." „Miß Theodora Bostal?" „Jv. „Und wie kam es, daß sie sich dort ohne Wissen aller andern befand?" . Aell, die einsah, dcch es hier keine Rettung gab, i^ocknete sich die Augen und stattete gefaßt folgenden Be- , ?jlß Bostal hatte seit einigen Monaten die Gewohnheit gehabt, Nell von Zeit zu Zeit zu bitten, sie nachts bei sich schlafen zu lassen, unter dem Borwand, daß der Oberst Siroan bsiebe und sie sich fürchtete, ganz allein in Shingle End M schlafen. Sie hatte Nell ersucht, die Sache gegen niemand, selbst nicht gegen ihren Onkel zu erwähnen, vorgebend, daß, wenn es bekannt werde, daß ihres Katers Haus manchmal ganz ohne Schatz wäre, man sicher dort einbrechen wurde. Nell hatte darin nichts Ungewöhnliches gefunden und ihrer Freundin bei mehreren Gelegenheiten bereitwillia Unterkunft gegeben. „Ich glaube, daß Sie die Gewohnheit hatten, jeden Morgen »nd Abend nach Shingle End zu gehen, frag' Sie M vertrautem Fuße mit ihrem Vater und ihr statlden, und ereignete?'1 Ü6er altc§ plauderten, was sich im Gasthof „Ja", sagte Nell. "llud ist es Tatsache, daß die Diebereien im „Blauen ^wen allemal stattfanden, sobald Miß Bostal unter dessen Dach schlief?" " ‘ ..Nur im Anfanges, sagte Nell ernst. „Das letzte Mal, wurde ®Hef' toar die Nacht, in der Mr. King beraubt „ „ "Wie kam es, daß Sie bei dieser Gelegenheit Ihrem Onkel nicht sagten, daß sie bei Ihnen geschlafen hätte?" „Wie konnte ich das? Doch dachte ich wirklich daran, es gegen ihn zu erwähnen und enthielt mich dessen nur, weil es ausgesehen haben würde, als ob ich Verdacht auf meine bafte Freundin würfe." „Ihre beste Freundin?" „Ja, Sir. Sie ist gegen mich sehr gütig gewesen. Sie! war es, die nt einen Onkel bewog, mich in eine so gute. Schule zn schicken." „Aha! Ick), sehe. Durch und durch abgeseimt. Sieht Nicht eben nach Verrücktheit aus", murmelte Sir Nevilltz für sich. Und er setzte das Verhör weiter fort. „Und er- regte die Tatsache, daß die Räubereien stets stattfanden/ sobald sie dort war, nicht Ihren Verdacht?" „Nein, — v nein! Ich habe nie an so was gedacht"/ Beteuerte das junge Mädchen ernstlich „Sie sagen, Miß Bostal war, soviel Sie wissen, bei den spätereil Raubversuchen nicht in dem Hause?" „Sie schlief nicht in dem Hatlse, Sir", antwortete Nell/ zu Boden blickend. „Nun, meine liebe Miß Claris, seien Sie atlfrichtig, und sagen Sie mir alles, was Sie davon wissen." Nell gehorchte mit einem Seufzer. Sie gab zu, daß an dem Morgen, an dem ihr Onkel in einem wahnsinnigen Zustande gefunden wurde, sie eine sorgfältige Untersuchung des Hauses vorgenommen und einen Umstand entdeckt hatte, der ihrer Aufmerksamkeit bisher entgangen war, nämlich daß ein Reserveschlüssel zur Hititertür, der früher an einem Nagel im Gange gehangeil hatte, verschwunden war. „Me kam es, daß Sie das früher nicht' bemerkt hatten?'« fragte Sir Neville fast streng. „Ich hatte gar nicht mehr an den Schlüssel gedacht, der nie benutzt wurde, bis wir das Haus, meines armen Onkels! wegen, verlassen mußten. Tann ging ich alle Schlüssel zu den verschiedenen Türen nach einem alten Verzeichnis durch das uns votl dem Manne zurückgelassen worden war, der den Ort vor meinem Onkel innegehabt hatte. Erst jetzt vermißte ich also den Schlüssel und erinnerte mich, daß ich ihn schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte." Sir Neville machte sich einige Notizen, ehe er fortfuhrr „Bevor Sie den Schlüssel vermißten, hatten Sie aber natürlich schon Verdacht?" Nell neigte zustimmend den Kopf. „Sie brauchen nicht zu glauben", sagte der Friederisrichter streiig, „daß ein freies Geständnis Ihres Verdachts der Dame irgend welchen Schaden bringt. Wir würden auch sonst zur Wahrheit gelangen, dessen dürfen Sie sicher fein.'« „Ich sage Ihnen alles, ivas ich weiß", sagte Nell schlicht. Sie erkannte selbst, daß keine Verheimlichung länger möglich war. Und sicher mußte Miß Bostal, wenn sie wirklich solcher ihr so unähnlichen Verbrechen schuldig befunden werden sollte, wahnsinnig gewesen sein, um sie zu begehen. „Wann kam Ihnen zum ersten Male der Gedanke in den Sinn, daß Miß Bostal die Diebereien begangen hätte?" Selbst jetzt versuchte die Erinnerung des furchtbaren Gefühls, das sie bei dieser unvergeßlichen Gelegenheit erfahren hatte, ein schmerzliches, peinvolles Zusammenziehen! der schönen GesichtHüge Nells. „Jem Stickels — der Fischer, — der —" Sie hielt inne. „Ter gemordet wurde. Ja, ja." „Er sagte mir — er — er hätte den Dieb gesehen." „Ja, das ergab sich schon bei der Untersticheng. Nun?" „Er sagte mir — der Dieb sei — Miß Bostal. . . daß er sie aus dem Gasthof hätte komnien sehen, in der Nacht, in der der Versuch, Hemming zu berauben, gemacht wurde!'« „Wann sagte er Ihnen das?" „Am Nachmittage des nächsten Tages." „Warum haben Sie das nicht bei der Untersuchung gesagt? Warum ließen Sie glauben, daß er Sie selber gesehen hätte?" „Ich war in einer sehr schwierigen Sage. Ich wußte elbst dann noch nicht, was ich denken sollte. Ich hatte Miß Theodora immer für so gut gehalten und außerdem war sie so gütig gegen mich, daß ich nicht wußte, was ich glauben sollte. Es war so furchtbar, und üch fragte mich, weshalb sie solche Tinge getan haben könnte. Auch war ihr Wesen, 291 vls ich ihr erzählte, d aß Jem Stickels gedroht hätte, es der Polrzet anzuzeigen, so kühl - sie schien nicht im geringsten daran beteiligt zu sein. Wie konnte ich annehmen, daß es nur deshelb war, wert sie ihn aus dem Wege zu räumen Udachte? O rch kann es selbst jetzt noch nicht glauben — ich kann nicht — ich kann nicht! Warum sollte sie es getan haben, wenn sre nicht wahnsinnig wäre? Und es ließ sich an chr doch nre eine Spur von Wahnsinn bemerken. Ich hielt sre rmmer für sehr klug." ! (Fortsetzung folgt.) Der Frühlings-Enzian. Eine botanische Frühjahrsplauderei. (Nachdruck verboten.) Wer hätte nicht hier in Gießen zur Frühlingszeit den Ruf gehört, dem sich ein Naturfreund dem andern, freudig über den nun endlich erwachten Frühling zuruft: „Der Enzian blüht, heute wurden die ersten Sträußchen in der Stadt verkauft." Das konnte man vor einigen Wochen oft genug hören. Und wahrhaftig, es wäre entschieden eine Versäumnis zu nennen, hier in Gießen zu wohnen, hier m Gießen zu studieren und nicht dieses wunderbare kleine azurblaue Blümchen kennen gelernt zu Haber,. Auf jeden Fall gehören die Enzianwiesen bei Rödgen zu den bedeutendsten Sehenswürdrgkeiten Gießens. Was ist aber das Bedeutungsvolle in dem Workommen dreser kleinen Pflanzen mit ihren prächtig leuchtenden Blutensternen? Wie kommt der Enzian nach Rädchen, da er doch in der ganzen Provinz Oberhessen nicht mehr an- getrosfen wird? Auf diese Fragen, die in den letzten Tagen mehr als ernmal an mich gerichtet wurden, möchte ich hier, soweit es der Raum und der Redakteur der Zeitung gestattet, eingehen. ■£'er azurblaue Frühlingsenzian (Gentiana Verna L.) ist zwar für uns eine große Rarität, für uns hier in Gießen, tit Hessen und noch über die Grenzen unseres engeren Waterlandes. Noch viel mehr: Gießen ist der einzige Fundort in Mitteldeutschland; in ganz Norddeutschland würde man den Enzian vergebens suchen. Dagegen ist er jedem Alpenwanderer ein alter, lieber Bekannter, der ihn schon oft bis hinauf zu den hohen Bergriesen an die Grenze des ewigen Schnees begleitet hat. Also im ganzen Alpengebiete von Südfrankreich bis nach Ungarn ist unser Enzian sehr verbreitet, und die Botaniker nennen das, ohne ihm übel zu wollen, gemein. Mer auch die oberschwäbischen Alpweiden, die Moore und Torfwiesen des bayerischen Hochlandes werden von ihm besiedelt. Nördlich von allen diesen angegebenen Standorten kommt er einzig und allein bei Gießen vor — gewiß eine sonderbare Tatsache, für die es aber eine ganz plausibele Erklärung gibt. Zunächst drängt sich wohl jedem die naheliegende Ber- mutung auf, der Enzian ist durch Menschenhand auf die Wiesen von Rödgen verpflanzt worden. Irgend ein Naturfreund hat ihn in den Alpen gesammelt und die Umgebung Gießens mit dieser seltenen Pflanze beglückt. Daß dem jedoch nicht so ist, beweist einfach die enorme Menge und die weite Werbreitung des Enzians in innerer Umgebung. Der Werbreitungsbezirk beschränkt sich nämlich nicht auf die paar Wiesen in der Nabe des Bahnüberganges be, Rodgen, sondern geht von Wieseck über Rödgen nach Annerod und Steinbach und nördlich bis nach Homberg a. d. Ohm. Ter Wersasser muß es sich allerdings versagen, an dieser Stelle genauer auf die Beschreibung der Standorte einzugehen, um einer etwaigen Ausrottung dieser seltenen Pflanze durch Touristen vorzubeugen. Botanikern und Naturfreunden ist er dagegen bereit, darüber Auskunft zu geben. — Also es ist rein unmöglich, daß bei einem so großen Areal die menschliche Hand die Werbreitung besorgt hätte. Auch spricht die Schwierigkeit, die mit der Verpflanzung des Enzians verbunden ist, gegen eine solche Annahme. Wer es je von den Lesern versucht hat — und es sind gewiß nicht wenige — dem ist es nicht gelungen, den Enzian im Garten zu kultivieren. Selbst hier im botanischen Garten, wo man sich schon seit langen Jahren abmüht, diesen widerspenstigen Gartenflüchtling möglichst unter den natürlichen Bedingungen weiterzupflanzen, schlagen alle diese Kulturversuche fehl. Auch nützte es nichts, die Pflanzen mit dem sie umgebenden moosigen Rasen auszustechen und einzupflanzen; sie kränkelten, blühten von Jahr zu Jahr spärlicher, um dann schließlich ganz und gar ~ der sorgfältigsten Pflege — einzugehen. Also der .Nensch hat den Enzian nicht nach Rödgen gebracht! dielleicht das Tier und besonders die Wögel? $te, konnten rm Frühjahr die Samen vom Süden nach Norden gebracht und hier bei Gießen etwa mit ihren ^krementen deponiert haben, ihnen zur Erleichterung, uns als lahrliches Fruhlingsgefchenk! Indessen für Wogelfutter taugen die winzig kleinen Enziansamen auf keinen Fall Jojft uicht anzunehmen, daß die Vögel auf ein so nahrstoffarmes Futter sich kaprizieren dürften. . Nun bleibt dem denkenden Menschen nur noch der Werbreitungsmittel; er besorgt ja so vieles, vielleicht hat er auch den Enzian den Gießenern aus dem Lüden herangepustet. Tas wäre aber für den Herrn „Wind" ein böses Stück Arbeit, die kleinen Enziansamen aus ihren Kapseln herauszublajen, sie zwischen den größeren Wiesengrasern und -Stauden emporzuheben, um sie dann auf seinem breiten Rücken von der oberbayerischen Ebene bss nach Gießen zu tragen, um sie dann hier auf einmal alle fallen zu lassen und auch nicht eines noch weiter nach Norden zu blasen. Und nun gar: Unterwegs dürfte er nicht ein einziges Samenkorn verloren haben — denn zwischen hier und Oberbayern ist der Frühlingsenzian noch Nicht gefunden worden. Also diese gewaltige Leistung eines mehrere 100 Km. langen Transportes ohne jeden Verlust ist dem Winde nun doch nicht zuzutrauen. Also der Wind war es auch nicht. Jetzt scheinen wir auf der Suche nach dem Enzian- Verbreiter zu Ende zu sein; das Rätsel seines Vorkommens scheint uns unlöslich, Vielleicht versuchen wir es einmal mit der Geschichte! Ist uns nicht in irgend einem alten Pflanzenbuche etwas über den Enzian berichtet? Stimmt! — und zwar hat der alte Botaniker Dillenius in seinem „Catalogus plantarum sponte eiria Gissam naseentium" aus dem Jahre 1719 auch von unserem Enzian erzählt. Zwar verwechselt er den Frühlingsenzian mit dem im September blühenden deutschen Enzian (Gentiana germanica Willd.) und mengt beide durcheinander; aber sämtliche Standorte stimmen mit den heutigen überein, so „circa pagum Anne- rodt und Schiffenberg, ante silvam Gissensem, in Prato Schiffenbergensi et Post silvam Hangestein. Also schon damals kam der Enzian auf einem recht ausgedehnten Gebiete vor — wieder ein neuer Beweis, daß der Mensch damals nicht im Spiele gewesen sein kann. Wielmchr waren es ganz elementare Naturkräfte, die das besorgt haben, was alle oben genannten und vermuteten Faktoren zu leisten nicht imstande waren. Lassen wir nun ganz die vom Menschen dokumentierten historischen Zeitalter beiseite und schlagen das gewaltige Buch der Erdgeschichte auf und blättern zurück bis zu der viele Zehntausende von Jahren hinter uns liegeiiden Epoche, die die Geologen mit dem Woxte Diluvialzeit zu bezeichnen pflegen. In jener Zeit, als die Verteilung von Wasser und Land in Europa wesentlich anders war als jetzt, war das Klima Mitteleuropas anfangs von der vorhergegangenen Tertiärzeit her wärmer, als heutzutage. Aber da brachen furchtbare Naturereignisse über dieses Gebiet herein, die mit dem Namen „Eis-Zeit" genug bekannt sein dürften. Kalte ©türme, brausten über Europa, Eis und Schnee fiel im Norden wie im Alpengebiete in großen Massen nieder. Das Klima hatte fidj bedeutend verändert, es war damals dem heute iu Grönland und dem nördlichen europäischen und asiatischen Kontinent herrschenden Klima ähnlich geworden. Gewaltige Gletschermassen erhoben sich im Laufe von mehreren tausend Jahren von Norden und von Süden, den Alpen aus, gegen den schmalen unvereisten Teil des mittleren Deutschland. Zu dieser falten, für Tier und Pflanze gleich schädlichen Zeit war alles Lebende auf diesen schmalen etwas wärmeren Teil zusammengedrängt. Es waren also die Pflanzen des hohen Nordens sowohl, wie die Pflanzen, die den Alpenstock bedeckt hatten, allmälig von ihren alten Wohnsitzen verdrängt worden und waren in die Ebene gestiegen, wo ihnen noch zur Not die ausreichenden Lebensbedingungen geboten wurden. So kam auch damals der Enzian mit noch vielen anderen sogenannten Eiszeit- .(Glacial-)pflanzen nach seinem heutigen Standort gewandert und hatte sich hier angesiedelt. Gekommen ist er unzweifelhaft vom Süden, also von Oberbayern, und nicht etwa vom Norden, wo er heute gar nicht zu finden ist. Zwar folgte der ersten Wer- — 292 — eisung Europas eine zweite nicht f» ausgedehnte, und viele Geologen sprechen gar noch von einer dritten, aber unseren Enzian vertrieb kein widriges Naturereignis mehr von seinem heutigen Standort. Im Gegenteil: das feuchte und kühle Wiesenland sagte ihm zu und so erhielt er sich bei uns bis auf den heutigen Dag. Es ist also gewissermaßen eine uralte Erbschaft, die uns Gießenern von der Eiszeit übermacht worden ist; die Wissenschaft nennt dies einen „Relict aus der Eiszeit". Nun bleibt nur noch die Frage nach dem Verbleib der Verbindungsbrücke, die der Enzian sich von Oberbayern Schritt für Schritt bis nach Gießen damals schlagen mußte. Da hat neben den schaffenden und vernichtenden Naturgewalten unzweifelhaft auch! der Mensch mitgewirkt. Da, wo die Natur Laub- und Nadelwälder entstehen ließ, und da, wo der fleißige Mensch sein Ackerland zu bestellen anfing, da verschwand auch der Enzian. Mso diese beiden Faktoren haben die Wegspuren des Engzians verwischt und wir können sie uns nur noch unter Zuhilfenahme der Erdgeschichte wieder rekonstruieren. Das wäre in kurzem das „Woher" und „Wie" des kleinen Frühlingsenzians. Wer ihn von den Lesern noch nicht kennen gelernt hat, der muß sich sputen, das jetzt zu tun; denn mit der von Tag zu Tag höher steigenden Sonne verliert er seine Blütenpracht und verbirgt seine kleinen Blättchen und Zweige dem neugierigen Auge des forschenden Wanderers. Wilhelm Zang, Assistent. Vermischtes. * Allerlei aus der Frauenwelt. Zur Sache der Sitzgelegenheit für Verkäuferinnen in Ladengeschäften nahmen die.Vorstände der verschiedenen Frauenvereine in Tilsit Stellung. Sie beabsichtigen keine Angriffe gegen die Geschäftsinhaber bezüglich der vom Bundesrat vor- geschriebenen Sitzplätze, sondern toiollen darauf sehen, daß die vorhandenen auch wirklrch benutzt werden dürfen. Es komme nicht selten vor, daß der Prinzipal den Verkäuferinnen erklärt: „Sie dürfen sich setzen, meine Damen, nur nicht wenn Publikum im Laden ist und ich im Laden bin." Geschäfte, wo solche zweifelhafte Vergünstigung herrsche, müßten gemieden und hierdurch Wandel geschasst werden. Nach einer eingehenden Diskussion, an welcher auch die städtischen Behörden teilnahmen, wurde eine Resolution in genanntem Sinne angenommen und beschlossen, das Vorgehen d er Frauenvereine zur Kenntnis der betreffenden Geschäftsinhaber zu bringen und diese zu ersuchen, ihre Stellung zu der Angelegenheit einem Ausschuß der Frauenvereine mitzuteilen. — Die bereits seit fünf Jahren in Berlin praktizierende Frl. Dr. med. Jenny Springer, welche in Zürich promovierte, wurde an der Berliner Universität als erste Vertreterin des weiblichen Geschlechts zum Staatsexamen in der medizinischen Fakultät zugelassen. — Tie vier Damen, welche vor kurzem ihr Abgangsexamen in der Gart en bau schule in Marienfelde bei Berlin ablegten, haben dasselbe bestanden; zwei derselben erhielten Prämien. Die vier Damen fanden Stellungen, in die sie sofort eintraten. — An der WienerUniversität waren im verflossenen Winterhalbjahre weibliche Studierende, und zwar 70 ordentliche und 236 außerordentliche Hörerinnen. Von den 70 ordentlichen Hörerinnen waren 19 in der medizinischen und 51 in der philosophischen Fakultät eingeschrieben. * * Ein Armband der Kaiserin. Ein eigenartiges Armband besitzt die deutsche Kaiserin. Es ist ein Geschenk des Kaisers und besteht aus sieben Gliedern, je von der Größe eines länglichen Einmarkstückes. Die Glieder, in Gold gefaßt und mit Brillanten besetzt, zeigen in Emailbrand die Bildnisse der kaiserlichen Sprößlinge, und zwar in der Mitte das der Prinzessin Luise Viktoria; nach rechts folgen die Bildnisse des Kronprinzen Wilhelm, des Prinzen Oskar und des Prinzen Joachim, nach links die Prinzen Eitel Friedrich, Adalbert und August Wilhelm. Ani Mittelstück befindet sich ein herzförmiger Anhänger, der das Porträt des Kaisers zeigt. Das Schmuckstück wird von der Kaiserin mit Vorliebe getragen. * Ein fatales H o chzeits g e s chen k. Eine tragikomische Szene spielte sich kürzlich am Eingang des Schöneberger Rathauses ab: Munter plaudernd wollte ein Braut-, paar die Vorhalle des Rathauses durchschreiten, um das Aufgebot im Standesamt zu bestellen, als dem Paare plötzlich ein Mädchssn entgegentrat und dem verblüfften Heiratskandidaten ein Paket übergab, aus dem ein lächelndes Kindergesicht heraussah. „Hrer hast Du mein vorläufiges Hochzeitsgeschenk!" sagte das Mädchen und verschwand eiligst,. Die Braut fiel in Ohnmacht, aus welcher sie der gerade das Rathaus verlassende Schularzt erst nach längeren Bemühungen erwecken konnte. Die nun aus den Besuch des Standesamtes verzichtende Braut verließ! leichenbläß das Rathaus nach; 'dler einen Seite, während der beschenkte Bräutigam mit seinem Paket nach der anderen Seite hin sich entfernte. Laute Zurufe aus der zahlreich versammelten Menge begleiteten ihn. * Ein en glischer Pastor in einer — Frauenrolle. Um eme Theateraufführung zu retten, übernahm! dieser Tage ein englischer Pastor eine eigenartige Rolle. Inj der kleinen Stadt Ramsey in Hungtindonshire sollte zum Besten eines wohltätigen Werkes eine Aufführung eines Stückes' „Das Wachsfigurenkabinett von Mrs. Jarley" gegeben werden, als die Darstellerin der Hauptrolle plötzlich erkrankte. Da sich niemand fand, der einspringen konnte^ waren alle Beteiligten in großer Aufiegung. In dieser verzweifelten Lage opferte sich der Pastor, der Reverend Thomas Normandale, und übernahm hte Rolle. So sah mark' den braven Geistlichen in Frauenkleidern auf der Bühne erscheinen. Der Bericht sagt leider nichts darüber, ob sie ihm gut gepaßt haben. ~ Literarisches. Kunst im Hause: Wer sich sein eigenes Heim wirklich künstlerisch schmücken oder ein hübsches Konfirma- ttons-, Geburtstags- oder Hvchzeitsgeschenk "machen wilh der sei auf R. Voigtländers Künstlerlithogra- phien aufmerksam gemacht. Ganz aktuell ist des weit-, gereisten Malers Ivo Puhonny : Japanische Fischer. Die' beiden neuesten Bilder find des Müncheners Angelo Jankt Eiserne Wehr, ein Matt von geradezu hinreißender Wirkung^, und des Karlsruher Künstlers Karl Langhein fein gestimmtes Friesisches Küstenstädtchen. Die Preise der bis jetzt erschienenen Blätter halten sich zwischen 2,50 und 6 MH Mel Kunst für wenig Geld! — Kataloge und Rahmen- Preisliste erhält man von R. Voigtländers Verlag in Leipzig. ____________ Schachaufgabe. Von Ch. Meyer in Bremen. (Nachdruck verboten.) 8 6 6 5 5 3 3 2 Weiß. (6 + 12) Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt. «Auflösung in nächster Nummer.) Auflöstlng des Quadraträtsels in vor. Nr.r KIND ISAR NASE DREI 1 ( ( l s e fl ti 8 n h Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Vuch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. e üb xa: