Mittwoch dek, 18. MSrr. 1903. — Nr. 41. Mn LKßW^^W 'WvMi (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Von E. W. Hornung. -- Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen s,„ von F. Mangold. jj A, (Fortsetzung.) „Er ist mehr", antwortete Raffles, „er ist ein Künstler, und ich beneide ihn. Beim Pfarrer! Ich habe soeben im Klub einen Anschlag gelesen, daß in der Nähe von Dawlish eine Untat auf der Eisenbahn begangen worden ist. Man hat einen Pfarrer zwrscheu den beiden Gleisen gefunden. Das hat wieder unser Freund getan. Das Telegramnr spricht das zwar nicht aus, aber es liegt auf der Hand. Er hat einfach einen anderen niedergeschlagen, den Anzug abermals gewechselt, und ist vergnügt nach der Stadt gewandert. Ist das nicht großartig? Das ist meiner Ansicht nach das beste in seiner Art, was jemals geschehen ist." „Mer warum sollte er nach der Stadt kommen?" In Raffles' Gesicht verschwand der Ausdruck der Begeisterung sofort: offenbar hatte ich ihn an etwas erinnert, das ihm schon lange Sorge machte, das er aber in seiner selbstlosen Freude über die Taten des Mitverbrechers vergessen hatte. Ehe er antwortete, schaute er über die Schulter nach dem Vorzimmer. „Ich glaube, der Kerl ist mir auf der Spur!" sagte er hierauf. Während er dies sprach, wurde er ganz wieder er selbst — still vergnügt — cynisch sorglos — seine Lage und meine Ueberraschnng in der für ihn charakteristischen Weise genießend. „Aber hör' mal, was willst Du damit sagen?" fragte ich. „Was weiß denn dieser Crawshay über Dich?" „Nicht viel, aber er vermutet mancherlei." „Wie kommt er denn dazu?" „Weil er in seiner Art fast ebenso gerieben ist, als ich, weil er, mein lieber Bunny, mit Augen im Kopfe und einem Hirn dahinter gar nicht umhin kann, allerlei zu argwöhnen. Einmal bin ich in der Stadt beim alten Baird mit ihm zusammen getroffen, und auch damals auf dem Wege nach Milchester muß er mich im Wirtshaus gesehen haben, ebenso später aus dem Cricketplatz. Ich weiß tatsächliche daß es der Fall ist, denn er hat vor seiner Verurteilung an mich geschrieben und es mir gesagt." „Was? An Dich geschrieben hat er, und das hast Du mir nicht mitgeteilt?" Sein altes Achselzucken war die Antwort auf die oft wiederholte Klage. „Was konnte das nützen, mein lieber alter Freund? Es würde Dich nur beunruhigt haben." „Nun, was hat er denn geschrieben ?" „Es tue ihm leid, daß er vor seiner Rückkehr nach der Stadt verhaftet worden sei, denn er habe sich die Ehre nehmen wollen, mir einen Besuch, zu machen, allein ev hoffe, daß dieses Vergnügen nur aufgeschoben sei, und er bitte mich, mich nicht selbst abfassen zu lassen, ehe er wieder frei sei. Natürlich wisse er, daß Lady Melroses Halsband verschwunden sei, obgleich er es nicht erwischt habe. Ein Mann, der das nehmen und alles andere unberührt lassen könne, sei einer nach seinem Herzen. Und so weiter mit gewissen kleinen Vorschlägen für die ferne Zukunft, die, wie ich fürchte, eine sehr nahe Zukunft sein kann! Ich bin nur überrascht, daß er noch nicht auf der Bildfläche erschienen ist." Wieder schaute er nach dem Vorzinlmer, das er dunkel gelassen hatte, und dessen innere Tür ebenso sorgfältig verschlossen war, als die äußere. Ich fragte ihn, was er zu tun gedenke. „Laß ihn anklopfen — wenn er so weit kommt. Der Portier ist angewiesen, zu sagen, ich sei verreist; und' das wird in einer oder zwer Stunden auch, die Wahrheit sein." — „Du willst heute abend abreisen?" „Um 7,15 Uhr vom Liverpool Street Bahnhof. Ich spreche nicht viel von meinen Angehörigen, Bunny, aber ich habe eine sehr liebe Schwester, die an einen Pfarrer in einer der östlichen Grafschaften verheiratet ist. Bei ihnen bin ich stets willkommen, und mein Schwager läßt mich immer die Epistel lesen, um mich auf diese Weise zu veranlassen, in die Kirche zu gehen. Es tut mir leid, Bunny, daß Du nächsten Sonntag nicht dort sein wirst, um mich lesen zu hören. Einige meiner besten Pläne habe ich in jener Gemeinde entworfen, und ich kenne keinen besseren Hafen in einem Sturm. Aber ich muß packen. Ich wollte Dich nur wissen lassen, daß und warum ich abreise, im Falle Du Lust haben solltest, mein Beispiel zu befolgen." Bei diesen Worten warf er den Rest seiner Zigarette ins Feuer, streckte sich, indem er sich erhob, und verweilte so lange in dieser unschönen Stellung, daß ich meine Augen zu seinem Gesicht erhoben, um sofort die Richtung seiner eigenen Blicke zu folgen und ebenfalls aufzuspringen. Auf der Schwelle der Flügeltür, die die Schlafstube mit dem Wohnzimmer verband, stand ein gut gewachsener Mann in einem schlecht sitzenden Tuchanzug, der sich so tief vor uns verbeugte, day sein dicker Kops eine Scheibe von kurzem rotem Haar darstellte. So rasch ich auch diese ungewohnte Erscheinung musterte, genügte die Zeit für Raffles, seine Fassung wieder zu gewinnen, und als meine Blicke zu ihm zurückkehrten, hatte er die Hände in die Taschen gesteckt, und seine Lippen lächelten. „Gestatte mir, Bunny, Dich unserem ausgezeichneten Kollegen, Mr. Reginald Crawshay vorzustellen", sagte er, Der Dickkovf schnellte in die Höhe, und über futettt 162 genteilten, rasierten und, wie ich mich erinnere, durch die Umklammerung eines um mehrere Nummern zu engen Kragens geröteten Gesicht erschien eine gerunzelte Stirn. Damals aber kam mir alles das nicht zum Bewußtsein. Ich hätte meine eigenen Schlußfolgerungen gezogen, und wandte mich mit einem Fluche Raffles zu. „Das ist abgekartet!" rief ich, „wieder einer von Deinen verfluchten Streichen! Zuerst hast Du ihn hierhergebracht und dann mich. Ihr wollt, daß ich etwas mit euch zusammen aussühren soll! Eher mögt ihr zur Hölle fahren!" Diesen Ausbruch erwiderte Raffles mit einem so kalten, harten Blick, daß ich mich meiner Worte schämte, noch während sie mir über die Lippen sprudelten. „Aber Bunny!" sagte Raffles, indem er mir achselzuckend den Rücken kehrte. „Gott steh mir bei!" rief Crawshay, „er wußte nichts, er erwartete mich nickt, er ist nicht falsch. Und Sie sind ein frecher Spatz,", fuhr er zu Raffles- gewandt fort. „Das wußte ich Wohl, aber das macht mich stolz, denn Sie sind einer von meiner Sorte!" schloß er, indem er eine haarige Hand ausstreckte. „Was soll ich danach sagen?" erwiderte Raffles, die Hand ergreifend. „Sie müssen gehört haben, tote ich über Sie denke, und ich Bin stolz, Ihre Bekanntschaft zu machen. Aber tote, zum Kuckuck, sind Sie denn hereingekommen ?' „Das braucht Sie nicht zu kümmern", antwortete Crawshay, seinen Kragen lockernd. „Lassen Sie uns lieber darüber sprechen, wie ick wieder hinausgelange. Gott steh mir bei! So geht's besser!" ein blauer Ring umgab seinen Stierhalz, den er zärtlich streichelte. „Ich wußte nicht, wie lange ich den feinen Herrn noch spielen mußte und wen Sie mitbringen würden". „Trinken Sie Whiskp und Soda?" fragte Raffles, als jich der Sträfling auf den Stuhl gesetzt hatte, von dem ich aufgesprungen war. „Nein, ich, trinke ihn rein", entgegnete Crawshay, „aber erst kommen die Geschäfte an die Reihe. So billig kommen Sie nicht davon." „Na, dann heraus mit der Sprache. Was kann ich für Sie tun?" „Das wissen Sie auch, ohne daß ich es Ihnen sage." „Sprechen Sie nur." „Fersengeld möchte ick geben, und tote ich das machen soll, überlasse ich Ihnen. Wir sind doch Waffenbrüder, obgleich ich diesmal nicht bewaffnet bin. Das ist auch nicht nötig, dazu sind Sie viel zu verständig. Aber Brüder find wir, und Sie werden einem Bruder durchhelfen. So wollen wir's einmal ausdrücken. Sie werden mir auf Ihre Art durchhelfen, und ich überlasse alles Ihnen." Sein Ton war sehr versöhnlich und entgegenkommend. Er Beugte sich vor und zog ein Paar Knöpfstiefel von den nackten Füßen, die er nach dem Feuer ausstreckte, tooBei er seine schmerzenden Zehen Bewegte. „Ich hoffe, Ihre sind größer, als die da", sagte er dabei. „Wenn Sie mir Zeit gelassen hätten, würde ich mich danach umgesehen haben, aber ich war noch nicht lange da, als Sie kamen." „Und Sie wollen mir nicht verraten, wie Sie hereingelangt sind?" „Wozu das? Ihnen kann ich doch nichts lehren, und außerdem möchte ich fort. Ich will London, England und Europa verlassen. Weiter verlange ich nichts von Ihnen, Mister. Wie Sie eine Sache anfassen, frage ich ja auch nicht. Wo ich her komme, wissen Sie, denn ich hörte, wie Sie davon sprachen; wo ich hin will, wissen Sie auch, denn ich habe es Ihnen eben gesagt; und die Einzelheiten überlasse ich ganz Ihnen." „Nun, dann müssen wir eben sehen, was zu tun ist", sagte Raffles. „Ja, das müssen wir", entgegnete Mr. Crawshay, indem er sich behaglich zurücklehnte und begann, feine dicken Daumen umeinander zu drehen. Mit einem eigentümlichen Aufleuchten der Angen wandte sich Raffles mir zu, aber seine Stirn war nachdenklich gefurcht, und in den Linien seines Mundes lag Entschlossenheit mit Ergebung in fein Schicksal. Er sprach genau so, als ob er und ich allein im Zimmer wären. „Ist Dir die Sachlage klar, Bunny? Wenn unser Freund hier gefaßt wird, will er über Dich und mich ,pfeifen', um mich seiner Sprache zu bedienen. Er ist so rücksichtsvoll, das nicht unumwunden auszusprechen, aber es ist deutlich genug, und unter den obwaltenden Umständen auch ganz natürlich. Ich täte an seiner Stelle dasselbe. Früher hatten wir die Oberhand über ihn, jetzt hat er sie über uns; das ist ehrlich Spiel. Da wir nicht in der Lage sind, das Geschäft abzulehnen, müssen wir es übernehmen, aber selbst wenn wir uns weigern könnten, würde ich es nicht tun. Unser Freund ist ein großer Sportsman; er ist von Dartmoor entkommen, und es wäre zu schade, ihn dahin zurückzuschicken. Das tue ich unter feinen Umständen; wenn ich Mittel und Wege finde, ihn ins Ausland zu befördern." „Ich bin mit jedem Wege einverstanden, der Ihnen beliebt", murmelte Crawshay mit geschlossenen Augen, „ich überlasse die ganze Geschichte Ihnen." „Aber Sie müsien aufwachen, Manu, und uns allerlei mitteilen." „Gut, Mister, aber ich bin todmüde", antwortete er, indem er sich blinzelnd erhob. „Glauben Sie, daß die Leute Ihre Spur bis nach der Stadt verfolgt haben?" „Das wird wohl so sein." Und hier?" In diesem Nebel nicht — wenn ich ein bischen Glück gehabt habe." Raffles ging in die Schlafstube, zündete das Gas an und kehrte sofort zurück. „Also zum Fenster sind Sie hereingekommen?" „Ja, so wird's Wohl fein." „Daß Sie mein Fenster herausfanden, war verflucht geschickt, und wie Sie die Kletterei bei Hellem Tageslichte ausgeführt haben, ist mir unbegreiflich. Aber damit wollen wir uns jetzt nicht aufhalten. Glauben Sie gesehen worden zu fein?" „Nein, ich glaube nicht." „Nun, wir wollen hoffen, daß Sie recht haben, aber ich will einmal rekognoszieren und mich zu vergewissern suchen. Komm, Bunny, geh lieber mit und iß etwas; dabei können wir die Sache besprechen." Raffles sah mich« an, ich richtete meine Blicke , auf Crawshay, denn ich erwartete Widerspruch, und Widersprach las ich in seinem verständnislosen, wütenden Gesicht, dem Funkeln seiner erschrockenen Augen, und dem plötzlichen Ballen feiner Fäuste. „Und was soll aus mir werden?" rief er mit einem Fluche aus. (£)4 p fnnrt'Ptt Tvtpt u ^Neiu, das tue ich nicht", brüllte er und war mit einem Satze an der Tür, gegen die er sich mit dem Rücken lehnte. „So leicht will ich es euch doch nicht machen." Mit einem ärgerlichen Achselzucken wandte sich Raffles „Das ist das Schlimmste Bei diesen Gewerbsmäßigen, sagte er dabei. „Sie verstehen ihr Hirn nicht zu brauchen. Sie sehen nicht weiter als ihre Nasenspitze und meinen, mir wären ebenso. Kein Wunder, daß wir sie das Letztemal geschlagen haben." „Sprechen Sie so, daß man versteht, was Sie meinen, ober hol' Sie der Teufel", schnarrte der Sträfling. „Gut", entgegnete Raffles, „ich will so deutlich sprechen, als Sie es nur verlangen können. Sie sagten vorhin, Sie wollten fidj ganz in meine Hände geben — alles mir üb erlassen — und dabei trauen Sie mir nicht einen Zoll weit. Ich weiß sehr wohl, was auf dem Spiele stehch weun's fehlschlägt, aber ick übernehme die Gefahr und die Aufgabe. Und doch glauben Sie, ich wolle geradeswegs hingehen und Sie verraten, um bann selbst von Ihnen verraten zu werben. Sie firtb ein Dummkopf, Mr. Crawshay, obgleich Sie aus Dartmoor ausgebrochen sind. Jetzt müssen Sie auf einen klügeren hören und ihm gehorchen. Ich rette Sie auf meine Art ober gar nicht. Dazu gehört, baß ich nach Belieben komme und gehe, und mit wem ich will, ohne baß Sie sich eimnischen. Sie bleiben hier und verhalten sich so stille als Sie können, handeln so weise, als Sie vorhin redeten, und überlassen alles mir. Wenn Sie das nicht tun, wenn Sie dumm genug sind, mir nicht zu trauen — dann hat dort der Zimmermann das Loch gelassen. Gehen Sie hinaus und sagen Sie, was Sie wollen." Crawshay schlug sich auf die Lende, daß es schallte. i6e „Das nenne ich sprechen", sagte er. „Wenn Sie so reden, weiß ich, woran ich bin und traue Ihnen. Sie iind der Richtige, aber wie ich mit dem anderen Herrn daran bin, weiß ich nicht. Ich habe ihn damals bei dem Geschäftchen in der Provinz in Ihrer Gesellschaft gesehen, uno wenn er ein Kumpan von Ihnen ist, Mister Raffles, werde ich ihm wohl auch trauen können. Ich hoffe nur, Ihr Herren seid nicht zu knickerig —" Bei diesen Worten klopfte er sich mit einem kläglichen Gesicht auf die Tasche. „Ich hatte es nur aus die Kleider abgesehen", fuhr er fort, „und zwei Lumpen mit so leeren Geldbeuteln sind mir noch nie in die Finger geraten." „Unbesorgt", entgegnete Raffles. „Wir werden Ihnen schon anständig forthelfen — überlassen Sie nur alles mir, und verhalten Sie sich still." „Abgemacht", sagte Crawshay, „und während Sie fort sind, will ich schlafen. Wer keinen Schnaps — nein, noch nicht — danke. Wenn ich einmal anfange, höre ich auch nicht wieder auf, bis ich voll bin." Raffles holte sich einen langen leichten Mantel, wie man ihn beim Fahren zu tragen pflegt. Noch während er ihn umnahm, sank unser Flüchtling auf seinem Stuhl in Schlaf, seine bloßen Füße waren nach dem Feuer aus- gestreckt, und er murmelte unzusammenhängende Worte, als wir ihn verließen. „Gar kein übler Bursch, dieser Gewerbsmäßige", sagte Raffles auf der Treppe, „auch in seiner Art ein Genie, obgleich sein Verfahren für meinen Geschmack etwas zu unkünstlerisch ist. Wer Technik ist nicht alles. Innerhalb derselben vierundzwanzig Stunden aus Dartmoor zu entkommen, und in den Albany zu gelangen, das ist ein Ganzes, das seine Einzelheiten rechtfertigt. — Großer Gott!" In dem nebeligen Hofe waren wir an einem Manne Vorbeigegangen, und Raffles hatte mich in den Arm gekniffen. „Wer war denn das?" „Der Manu, den ich in diesem Augenblick am wenigsten zu sehen wünschte. Hoffentlich hat er mich nicht verstanden!" „Aber, wer war es beim, Raffles?" „Unser alter Freund Mackenzie von Scotland Jard!" Erschrocken blieb ich stehen. „Glaubst Du, daß er Crawshay aus der Spur ist?" „Das weiß ich nicht, aber ich will sehen." Ehe ich Einwendungen erheben konnte, hatte er wich herum geschwenkt, und als ich meine Stimme wiederfand, lachte er nur, und flüsterte mir zu, kühnes Vorgehen sei immer das sicherste. „Aber das ist geradezu Wahnsinn!" „Keineswegs. Schweig! Sino Sie das, Mister Mackenzie?" Der Detektiv wandte sich, um und musterte uns mit scharfen Blicken, sodaß ich in dem vom Nebel gedämpften Gaslicht sehen konnte, daß sein Haar an den Schläfen leicht ergraut war, und daß sein Gesicht noch die Spuren des Leidens trug, das ihm seine B wundung verursacht und das ihn nahe an den Rand des Grabes gebracht hatte. „Sie sind mir gegenüber int Vorteil, meine Herren", sagte er. „Hoffentlich sind Sie wieder ganz wohl", antwortete mein Gefährte. „Mein Name ist Raffles und wir haben uns voriges Jahr in Milchester getroffen." „Wirklich?" rief der Schotte sichtlich überrascht. „Ja, setzt entsinne ich mich Ihres Gesichts, und auch des Ihrigen. Ja, ja, das war eine böse Geschichte, aber Ende gut, alles gut." Seine angeborene Vorsicht war wieder erwacht, worauf mich Raffles durch Kneifen meines Armes aufmerksam machte. *• «Ja, für Sie hat sie ein glänzendes Ende genommen", sagte er, „aber was höre ich denn da von der Flucht des Rädelsführers jener Bande, dieses Crawshay? Was halten Sie denn davon, he?" „Die Einzelheiten sind mir noch unbekannt", er- wiederte der Schotte. „Sehr gut", rief Raffles. „Ich fürchtete schon, Sie seren wieder aus seiner Spur." (Fortsetzung folgt.) Blinddarm-Entzündung, eine Folge des Genußes „Meißen Mehles". Die Runde durch den amerikanischen Blätterwald macht, wie wir Nr. 9 der Zeitschrift „Die Mühle" entnehmen, folgender Aufsatz: „Das heutige Mahlverfahren veranlaßt tatsächlich die gefürchtete Blinddarmentzündung. Dieses wird nachgewiesen und deutlich erklärt durch den berühmten Dr. H. C. Howard in Champaign im nordamerikanischen Staate Illinois. Er gibt an, daß vor der Erzeugung des jetzt gebräuchlichen Weißen Mehles Blinddarmentzündung und Verstopfung beinahe gänzuch unbekannt waren. Um diese Behauptung zu beweisen, sagt er, daß in Gegenden, wo heute noch die dunkleren, grobkörnigeren Mehle verbacken und Schwarzbrot gegessen wird, jene Krankheit noch unbekannt sei, jedoch sobald die feineren und Weißen Mehle eingeführt und verzehrt werden, erschienen auch die Blinddarm-Erkrankungen. In den weniger dicht bevölkerten Gegenden, wo die Landwirtschaft meistens noch im Keinen betrieben und auch die Heineren Lohnmühlen noch ihren Sitz haben, könne eine derartige Erkrankung nicht festgestellt werden. Wenn jedoch nach und nach die Heineren Mühlen durch die Riesenmühlen vertrieben werden und dementsprechend auch die feineren und Weißen Mehle sich durch das neuere Mahlverfahren einbürgern, wird auch die genannte Krankheit dadurch mit eingeführt. Genannter Arzt, der über 50 Jahre lang tätig ist, sagt, daß vor 1875 eine derartige Krankheit gar nicht vorhanden ober nur in sehr vereinzelten Fällen anzutreffen war, währenb jetzt biese Krankheitserscheinung eine beinahe tägliche ist. Große Umwälzungen in ber Ernährung ber Menschen haben namentlich in ben letzten 50 Jahren stattgefuuben, und um ein Beispiel anzuführen, bürfen wir nur einen Ueberblick über bas heutige und das vor jener Zeit angewandte Mahl- verfahren des Getreides werfen. So hat man vor 50 Jahren noch keine Walzenstühle, keine Plansichter, keine Zentrifugalsichtmaschinen und keine großen Mühlenwerke gekannt. Wie jeder Müller weiß, hat dazumal jeder Landwirt sein Ge- treibe zur Mühle gebracht und bavou das bunkle, kräftige und gesunde Schwarzmehl erhalten. Heute haben in Amerika die großen Unternehmungen die Heineren ziemlich aus jedem Winkel verdrängt, und beinahe ist jeder Mensch gezwungen, die feineren und weißen Mehle zu essen. Selbst unsere Neger im Süden sind von ihrem alten Gebrauche, be^ grobgeschrotenen Mais zu verbacken, abgekommeu — auch in Deutschlanb und anderen überseeischen Ländern haben sich feit Jahren unsere Mehle eingebürgert, und was ist die Folge? Neger, Deutsche ic., die früher von Blinddarm- Verstopfungen und -Entzündungen nichts gewußt und nichts gefühlt haben, müssen zu Hunderten sich heute der schmerzvollen Blinddarmabschneidung unterwerfen, und das alles hat das heutige Mahlversahreit und das feine, weiße Mehl zuwege gebracht. Erfahrene Müller werden sicher zugeben, daß das heutige Mehl dem menschlichen Körper weniger dienlich ist, als das früher nach altem Verfahren gewonnene. Jedoch jedermann verlangt heutzutage „weißes" Brot vom Bäcker und will nur „weißes" Brot auf seinem Tisch sehen, nicht iöiffenb, daß dieses Gebäck nur seine Verdauung stört, denn nur die Unverdaulichkeit unseres heutigen Brotes bringt die störende und oft gefährliche Krankheit hervor. Warum sind unsere heutigen Kinder so bleich und abgezehrt, haben eingefallene Gesichter und verkümmerte Gestalten? Die nicht richtige Ernährungsart ist die Veranlassung! Gebt ihnen Schwarzbrot oder ähnlich gut bekömmliche und leicht verdauliche Backware, und eine gänzlich veränderte Erscheinung wird uns eutgegenjubelu und nicht mehr ein solcher krankhaft einherschleichender Nachwuchs. Dr. .Howard führt einen Knaben au, ber 13 verschiedene und gefährliche Anfälle gehabt hatte, die er sämtlich der heutigen Mahl- und Backweise zuschreibt; doch dieser kleine Schlaumeier hatte sich einer ärztlichen Behandlung mit dem Messer dadurch zu entziehen gewußt, baß er nur Brot von grobgeschrotenem Getreibe, viel Obst ünb Gemüse, aber nur wenig Fleisch zu sich genommen hat. Jetzt sieht er blühend aus und weiß nichts mehr von Bliubbarmeutzünbung und anbereu Krankheiten. Das Fehlen von Phosphaten in beut heutigen Mehl hat manchen Arzt veranlaßt, ben Kranken tu Arzneien die nötigen Mengen Phosphat zukommen zu lassen, beim ein Arzt muß heutzutage genau mit dem Zeitgeiste fortschreiten unb auch wissen, wie ber Müller feine Mehle herstellt. Wer hätte früher, als wir noch bas alte Mahlverfahren (64 Latten, an so biete Krankheiten gedacht, wie sie heute erscheinen? Seht euch heute um, wodurch entstehen sie? Diejenigen Nährstoffe, die zur Erhaltung guter Zähne dienen, fehlen unserem Brote. Beim Essen und kräftigen Kauen des alten Schwarzbrotes hatten die Menschen Gelegenheit, ikre Zähne sich zu erhalten, um sie dem natürlichen Ge- . brauche zu unterwerfen; beide (die Menschen und Zähne) blieben kräftig und gesund. Wer kaut heute wohl noch sein Brot! Ein Biß und unten ist es! re. 2c. Die Herren Feinmüller sollten wahrlich ein wenig mit Bedacht Vorgehen, wenn sie einsehen gelernt haben, welches Unheil sie mit den sogenannten „weißen" Mehlen anrichten. Ich glaube, mancher, der bessere Umschau halten würde, möchte umkehren und das alte Maglverfahren wieder einführen. Ueberlegt es euch! Denkt nach! Das jetzige Mahlverfahren ist allein verantwortlich für viele, viele Krankheiten. Es werden dem Getreide die Phosphate, die hauptsächlich in den Keimen und unmittelbar unter der Schale der Körner liegen, entzogen, weil Keime und Schale als Kleie abgesondert werden. Die weißen Mehle enthalten nichts anderes als Stärke und Kleber, die keineswegs zum Aufbau und zur Erhaltung des menschlichen Körpers dienen. Der Waldlieserant. (Nachdruck verboten.) Wenn jemand üt den Besitz eines Landgutes gelaugt, welches sich des wohlklingenden und vielversprechenden Namens „Fichtental", „Lindeilhain" oder dergl. erfreut, obwohl zwei Meilell in der Runde auch nicht eine Fichte oder Linde zu erblicken, ist, so ist dies gewiß für den neu-> gebackenen Gutsbesitzer wenig erfreulich; jedem Fremden möchte er Auskunft geben, auf welchem Wege mau nach dem Wald gelange. Nun, dagegen läßt sich allerdings nicht viel tun; ,licht jeder kann sich einen Wald pflanzen lassen, und die Aussicht, schon nach einigen Jahrzehnten im Schatten dieses Waldes ruhen zu können, dürfte auch wenige befriedigen. Wer aber sehr viel Geld hat, beut kann geholfen werden; der macht es ivie der „vielfache" amerikanische Millionär C. L. Blair; er läßt sich einen fertigen, ausgewachsenen Wald liefern. Dieser Herr hat sich kürzlich, tote amerikanische Blätter zu berichten wissen, in Blairsden bei Far Hills ein Landhaus für 10 Millionen Mark erbaut. Er war sehr enttäuscht, als er nach Ankauf des Terrains entdeckte, daß att jenem Ort sein Lieblingsbanm, die Tanne, fehle. Ec konsultierte nun einen Sachverständigen und fragte ihn, tvas sich dabei tun ließe. Der Mann erwiderte ihm, er könne ihm natürlich einett Tmtnenwald liefern, aber — nicht vor dem nächsteit April fertigstellen. „Wir sind jetzt gerade mit der Herstellung eines Sherwood-Waldes in Miniatur sehr beschäftigt", sagte er, „doch bis zunr ersten April sollen Sie den Wald bestimmt haben." Es war kein Scherz; die Leute gingeit eifrig ans Werk. Jetzt ist das Haus bereits auf der einen Seite von einem hübschen, dichten Forst umgeben, und int März tvird das Wäldchen bestimmt noch fertig werden. Nm sich eine genügende Anzahl von Tannen zu verschaffen, kaufte Mr. Blair einen ganzen Wald in Chester, einem etwa nenn Kilometer von Blairsden entfernt liegenden Orte, zum Preise von 100 000 Mark. In Deutschland würde solch ein Wald natürlich noch etwas kostspieliger werden. Die Bäume sind prächtige Exemplare und mußte« mit der Bahn befördert werden — ein kostspieliges Unternehmen; denn obgleich die Entfernung bis zum neuen Heim der Bäume, in der Luftlinie gemessen, nur kurz war, mußten dieselben mit der Bahn via Central New Jerseh nach White House und von dort nach einem Punkt auf halbent Wege zwischen Gladstone und Pea Pack durch die Rockaway Valley Railroad befördert werden. Bon dort mußte erst eine Zweiglinie nach dem Landsitz gebaut werden, damit die Bäunte, ohne umgeladeu zu werden, an ihren Bestimmungsort gelangen konnten. . Zwei Wagen waren zur Beförderung jedes Baumes . erforderlich, und die mutmaßlichen Kosten für den gesamten Transport, einschließlich des Baues der Nebenlinie, werden nicht viel weniger als 800000 Mark betragen haben. Nach seiner Vollendung wird Blairsden zu den Sehenswürdigreiten Amerikas gehören. Die Parkanlagen und Fahrwege ollen allein 20 Millionen Mark verschlungen haben. Das Tannenwäldchen wird aber bei weitem das schönste in New- Jersey sein. W ist dem Genie des Mr. John A. Mlkins aus In- dianopolis zu verdanken, daß das Verpflanzen großer Bäume n Amerika mit solchem Erfolge ausgeführt wird. Die Er- indung des Herrn Wilkins ist einfach und einzig in ihrer Art. Bor dem Entfernen des Baumes wird der untere Teil desselben mit einem Stahlrost von etwa 1,80 Meier Durchmesser umschlossen. An dieses werden etwa 14 gebogene Schaufeln von starkem Pflugstahl eingehängt. Diese Schaufeln werden in den Boden eingettieben, sodaß ihre Schneiden unter den Wurzeln zusammentreffen. Mittelst quer über die Scharniere der Schaufeln gelegter Eisen-, stangen befestigen die Arbeiter die Schaufeln an dem Rost, und der Fuß des Baumes ist nun auf diese Weise in einen Stahlkorb eingeschlossen. Dann erfolgt das Herausheben des Baumes aus seinem Bett. Eine Kombination von Fracht-, wagen und Hebemaschine, welche Wilkins den „Transporter" nennt, wird dicht an dem Baume ausgestellt und derselbe daraus mittels der Querstangen herausgehoben. An seinem Bestimmungsorte angelangt, wird der Baum dann behutsam in das zuvor für ihn gegrabene Loch hinabgelassen. Sie. Maschine wird entfernt, ohne daß Erdteile verloren gehen, und auch die Wurzeln bleiben intakt. Im letzten Jahre wurden vierzig hundertjährige Eichen in ihrem vollen Grün mittels des von Wilkins erfundenen „Transporters eine Strecke von 45 Kilometer befördert. Ikre Reise tat den Bäumen keinerlei Schaden, ja ihre Blätter blieben in diesem Jahre eher noch längere Zeit äls sonst an den Zweigen. . Man sagt, Wilkins vermöge innerhalb eine» Monats ei« Kornfeld in einen dichten Tannenwald zu verwandeln, HO» Charade. (Nachdruck verboten.) Man trägt das Erste oft am Haupt, Auch ist's an manchem Hause. Es hat gar viele auch geschützt Schon in der Schlatt Gebraust, Das Zweit' und Dritte liebt niemand, 's ist häßtich und verachtet. Doch trägt's das Erste über sich, Wird'S anders wohl betrachtet. Denn aus dem Harten fertigt man Viel wunderhübsche Sachen, Und aus dem Weichen kann man gar Ragout und Suppen machen. (AnflLsung in nächster Numiner.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Kriegsminister. Vermittel. Ein reicher Vater. Der Großvater des jetzigen Lord Rothschild benutzte auf seinen Geschäftswegen stets einen bestimmten Wagen, dessen Kutscher er freigebig, wenn auch nicht übermäßig bezahlte. Sein Sohn benutzte zuweilen denselben Wagen und pflegte außer dem Fahrpreis entz sehr beträchtliches Trinkgeld zu geben. Dieser Unterschied fiel dem Kutscher auf, bis er eines Tages feinen Mut zu-, sammennahin und den Alten fragte, warum sein Sohn immer mehr bezahle, als er. „Mein guter Mann", er-, widerte Rothschild, „mein Sohn hat das Glück, einen reichen Vater zu besitzen — ich nicht." . , Ein Unterschied. Vor einigen Tagen ging em allerer Herr mit seiner Fran die Straße entlang, als eine fremde Dame beim Ueberschreiten der Straße ansglitt und fiel. Der alte Herr eilte ihr zu Hilfe und zeigte sich eifrig nm sie bemüht. Als er zu feiner Frau zurückkehrte, empfing sie ihn mit unheilverkündender Miene. „Es ist schon alles gut", flüsterte er. „Ja, das kann ich mir denken", erwiderte sie hitzig. „Hier fällt eine unbekannte Frau, und Du halft nichts eiligeres zu tun, als Über die Straße zu rennen, um ihr beizustehen. Als ich dagegen neulich von der Treppe fiel, fragtest Du mich, ob ich mich für ein Zirkus-Engagement vorbereite." Tit-Mts, . Redaktion: Curt Plato. — Rotattonsdruck und Verlag der Brühl'schen Nniversitätö.Vntb- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,