Samstag den 17. Hktoöer. (Nachdruck verboten.) N MemAHe« vm Sn Brckßie. .Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) Es ist keine sonderliche Uebertreibung, wenn man sagt, daß der Flecken Nevin von fremden Künstlern vollständig erobert und in Besitz genommen worden ist. Was sich dort von der einheimischen Rasse noch vorfindet, genügt gerade, um den Bedarf der fremden Eindringlinge an Modellen zu befriedigen. — Eine reiche und gütige Mutter Natur hatte aber auch in Nevin den Malern ein Paradies er- schaffen, in dem es an unzähligen Motiven niemals gebrach. Wohin man das Auge wenden mochte, überall fiel es aus kleine, fertige Bildchen, die den Künstler förmlich einzuladen schienen, sie auf Leinwand zu übertragen. Ein seichter, vielfach gewundener Bach, der über anziehende Felspartien schäumte, sich zwischeii malerischen Ufern und den in herkömmlicher Weise herabhängenden Bäumen dahinschlangelte, kleine, absonderliche Mühlen und strohgedeckte Hutten, die für ein Kabinettstück in Wasserfarben wie ge- schienen, glattgeschorene Grasabhänge und tadellose Wäldchen bildeten das Entzücken und den Stolz der Neviner Künstlerwelt. Und doch, trotz dieser längst anerkannten Reize war eilt flüchtiger Beschauer oft imstande, in kalter Undankbarkeit zu sagen: „Jawohl, es ist ein reizendes Nest, aber ein Nest bleibt es trotz alledem, man hat eben alles schon hundertmal gesehen. Die kleine Mühle, das Bächlein mit den Schrittsteinen und dem Schaum, ist ja die reine Vorlage für ein Kinderzeichenheft — allerliebst, aber so wohl bekannt." Wenn man dann dieses Musterdorf im Rücken hatte, atmete man unwillkürlich freier auf der kahlen, weißen Landstraße, zwischen den schroffen Mauern, auf denen die wirren Massen wilden Schlingkrauts wuchsen, und erleichtert schweifte der Blick über die endlosen Strecken purpurner duftender Heide, bis an den fernen Wald, dessen stolze Wipfel die Wolken zu berühren schienen und der in seinem kühnen, dunklen Schatten eine Welt von Schweigen und Geheimnis barg. Je weiter man sich von Nevin entfernte, je weniger man der Gefahr ausgesetzt war, von der öffentlichen Meinung geköpft, gehangen oder gevierteilt Zu iperden, — um so höher wuchs einem der Mut, bis man schließlich zu dem Ausspruch kam: „Ich liebe so etwas ^dsches, solche liltputtschen Reize nicht: Nevin gefallt mir nicht!" — Heute aber hatte die Neviner Partei ein ganz entschiedenes lieber gewicht. Das Giiadenfest, das schon seit Jahrhunderten bestand, würde zwar gefeiert worden sein, wenn auch nw ein fremder Fuß in Nevins Straßen gewandelt, nie em fremdes Auge sich an Nevins malerischer Schönheit ergötzt hatte, aber die jungen Männer, in den braunen Sammetröcken, und die jungen Damen mit den breiten Rubenshuten und Velasquezkrausen taten, als sei das Fest nurihretlvegen da. Sie mischten sich mit der liebenswürdigsten Herablassung unter das Landvolk und gönnten den biinten Trachten und den rohen Volksbelustigungen ein freundliches lächeln. „Für uns sind ja alle diese Stellungen, sur uns diese Farben, für uns dies unbefangene zur Schau stellen der Sitten und Gebräuche dieses urwüchsigen Volkes. Wie malerisch historisch! Wie antik und doch so lebendig'". Guenn war heute überall und nirgends. Eine Menge Stimmen hatten schon gefragt: „Wer ist denn das schöne Mädchen nut den kecken Augen und den anmutigen Bewegungen?" Die Bauern erwiderten: „Das ist nattirlich Guenn Rodellec, wer könnte es anders sein?" und die Malers meinten: „Das ist Humors Modell, der glückliche Kerl . «ei einer der Buden stand- mit Staunton und Humor! eine Dame, die unter Lachen und Scherzen eines der vielen aufgestellten Glücksräder drehte. Sie war eine fleißige strebsame Künstlerin, die keine Spitzenkrausen trug und einen kleinen Hut aufhatte. Man konnte im allgemeinen m Nevin die Bemerkung machen, daß in Nevin der Hut, desto kleiner das Talent, je reicher die Krausen, desto beschränkter die Tatkraft der Künstjünger war. Dreimal schwang die junge Dame das Glücksrad und dreimal zog sre eme Niete, obwohl es kleine Gewinne in Menge gab. Ms sie sich endlich mit einem Scherzwort zurückziehen wollte, suhlte fte einen leichten Stoß am Ellbogen und sah in ein aufgeregtes, strahlendes Mädchengesicht, das sich dicht an ihre Schulter drängte. „Ta, nehmen Sie, Mademoiselle!" und Guenn drückte ihr eme Schachtel mit Zuckersachen in die Hund. „Mer warum, mein Kind?" fragte die Dame und betrachtete die junge Spenderin mit neugierigen Blicken. „Sie haben noch jedesmal verloren, das ist sehr ärgerlich, und ich habe fast alles gewonnen; sogar bei der alten Zigeunerin in dem Zelt da drüben, habe ich Glück gehabt, und die ist doch eine Hexe und hat den bösen Blick. Nehmen Sie es nur, Mademoiselle!" , "Du bist sehr großmütig", sagte die junge Künstlerin lächelnd und blickte mit sichtlichem Interesse in das junge Gesicht. „Meine chose", versetzte Gueinl leichthin. „Wer bist Du denn, Kind, ich habe Dich noch nie in Nevin gesehen." Ehemals, in den Tagen ihrer Freiheit, würde Guenn mit einem kecken: „Ich bin Guenn Rodellec; wer sind denn Sie?" geantwortet haben. Jetzt aber entgenete sie mit einem halb verschämten, halb freudigen Blick auf Humor, zugleich mit dem Finger nach ihm weisend: „Sein Modell!" Ihr ganzer Stolz, in seinem Triumphzug folgen zu dürfen, selbst als namenlose Sklavin, lug in diesen zwei Worten. „Was für ein ungewöhnliches, schönes Mädchen!" murmelte die Malerin auf Englisch. 618 Hamor lächelte und drehte an seinem Schnurrbart. ,°Aber, willst Du mir nicht etwas geben, das ich zur Erinnerung au Dich aufbewahren kann?" wandte sich die junge Dame Guenn wieder zu. Sie war entzückt von der Freimütigkeit und Schönheit des Mädchens und bewunderte die warmherzige Regung, die das Dorfkind veranlaßt hatte, ihr Glück mft einem weniger bevorzugten Wesen zu teilen. „Vielleicht gibst Du mir eine jener hübschen Nadeln? — „Sehr gern, Mademoiselle", und Guenn begann sich der bezeichneten Trophäe zu entledigen. Sie war geschmückt gleich einem mit Orden behangenen Feldmarschall, der zum Hosball geht, ihr Halstuch bedeckten ganze Reihen Vor- stecknadelu mit buntfarbigen Wachsköpfen und Gehängen von Gold- und Silberkettchen, alles Zeichen der Verehrung, die ihr mindestens die Hälfte der Matrosen und jungen Landleute dargebracht batten. „Warum hast Du oiese Farbe gewählt?" fragte die Künstlerin und befestigte das hellblaue Schmuckstück an ihrem Kleide. „Es ist die hübscheste Nadel und hat die Farbe von Mademoiselles Augen", erwiderte Guenn, ohne die geringste Absicht schmeicheln zu wollen. Ein Murmeln des Beifalls, ließ sich in englischer Sprache unter den umstehenden Künstlern vernehmen. „Sie macht Ihnen Ehre, Humor", sagte ein Neviner Studienfreund. „Wer hätte solche Antwort von einem Plouveuecer Fischermädchen erwartet", meinte ein anderer. „Ich muß gestehen", erklärte Humor lachend, „ich erkenne sie selbst kaum wieder mit diesen neuen, höflichen Umgangsformen. Sie muß bei erstaunlich guter Laune sein! Guenn ist das hübscheste Mädchen, das ich je gesehen habe, und mir bei der Arbeit nützlich; was aber ihre Liebenswürdigkeit anbelangt, so läßt sich davon nicht viel Rühmens machen. Glücklicherweise ist dies ja zu meinem Zweck nicht unbedingt nötig." Guenn, die seine liebe Stimme ihren Namen aussprechen hörte, sah mit dankbarem Lächeln zu ihn! auf. „O Monsieur Hamor", rief die junge Dame vorwurfsvoll, „wie können Sie so etwas sagen! Sie ist das entzückendste, kleine Ding von der Welt, und ich bin überzeugt, daß sie auch ein sanftes, freundliches Gemüt besitzt.' — Dein Name ist also Guenn", wandte sie sich abermals an das Mädchen, lediglich um das Gespräch mit ihr zu verlängern. „Ja, ich bin Guenn", sagte sie, im stillen überlegend, d6- das einfache, graue Kleid mit dem Leinenkragen .Hamor wohl gefallen könne; auch hätte sie die Hände der Dame für ihr Leben gern ohne Handschuhe gesehen. „Aber, Du weißt nicht, wer ich bin?" „O doch, Sie sind Monsieur Stauntons Schatz." Die Fremde errötete in tiefster Verlegenheit. Sie und Staunton befanden sich noch in jenem schwankenden, doch seligen Zustand der Ungewißheit, sie war daher auf solche unverhohlene Deutlichkeit nicht vorbereitet. Ter junge Engländer kam ihr rasch zu Hilfe. „Aber, Guenn", sagte er, „Du hast ja eine Unmasse hübscher Dinge; wie kommt es, daß Du mehr geschmückt bist als die andern?" „Weil ich aller Liebling bin", versetzte sie ruhig, und zog die Augenbrauen in die Höhe, als sei sie erstaunt, etwas so Selbstverständliches noch erklären zu müssen. „Güten Tag, ich muh jetzt gehen. Suchen Sie sich nur bald einen guten Platz", riet sie Hamor eifrig, „damit Sie alles ganz genau sehen können. Horch! Da ertönt schon das Zeichen, wir werden gleich anfangen." Die Hände über dem Kopfe zufammenfchlageud, sprang sie davon, mit einem letzten, glückstrahlenden Blick auf Hamor, und bahnte sich durch Schieben und Stoßen ihren Weg zu Alain, der von der entgegengesetzten Seite gleichfalls zu ihr hinstrebte. Die Gavotte begann: Die Sackpfeifen ließen ihre schrille, eintönige Weise hören. Rückwärts und vorwärts, unter Drehungen und Windungen, wogte die endlose Reihe der tanzenden Paare »cuf und ab. — Bauern in der Tracht ihres Heimatortes'; schwerfällige Burschen und Mädchen, die bei dem Vergnügen eine ernsthafte Miene aufsetztm, zwar nicht recht wußten, was sie mit ihren Füßen anfangen sollten, aber doch mit lobenswerter Ausdauer weiter stapften; stattliche Matrosen der „Merle", die mit einer gewissen leichten Weltgewandtheit tanzten, und inmitten wer ländlichen Eroberungen von Zeit zu Zeit einander verständnisvoll zuwinkten; Erbinnen reicher Bauernhöfe, sich ihrer Würde uttb ihrer Silberspitzen wohl bewußt, und dabei mit größter Sorgfalt jeden ihrer Schritte abmessend, — das waren die Tänzer, die sich nach dem Klang der unermüdlichen Sackpfeife und ihres eigenen, fröhlichen Lachens und Scherzens, im Reigen schwangen, durchschnittlich mit mehr gutem Willen, als Zierlichkeit. (Fortsetzung folgt.) Eine Wrenrettung im Kasse Aippold. Auf Grund des Ergebnisses der Hauptverhandlung verfaßt von einem Ohrenzeugen (Dr. Franz Habersbrunner in Bayreuth.) Andreas Tippold, die Bestie in Menschengestalt, ist gerichtet. Er ist gleich einem Ephialtes einer fluchwürdigen Berühmtheit überantwortet. Und doch, man will es nicht fassen, daß ein Mensch solche ungeheure Schuld auf sich geladen hat, man sucht nacy Mitschuldiger! und entdeckt sie — in den Eltern der unglücklichen Opfer. Namentlich die Mutter klagt inan an. An ihrer Schuld zweifelt niemand mehr, nur der Grad der Schuld wird verschieden beurteilt. Ein großes Blatt, die Münchener Neuesten Nachrichten, klagt die Eltern am schwersten an, es spricht von einer unbegreiflichen Gewissenlosigkeit, von einer verbrecherischen Leichtfertigkeit und von einer bodenlosen Unkenntnis von Men- ichen und Dingen, welche die Eltern der unglücklichen Opfer der infamen Kanaille (Dippold) an den Tag legten, der sie ihre Kinder zur „Erziehung" überantwortet haben. Welch furchtbarer Gedanke, daß die Eltern, daß die Mutter Mitschuldige an der bestialischen Hinschlachtung ihres Kindes sein soll. Wir haben in den letzten Tagen von solch unerhörter Grausamkeit vernommen, daß uns der Glaube an die Menschheit geraubt ist, daß wir alles für möglich halten. Und doch, die Anklage ist so fürchterlich, daß wir uns der sorgfältigsten Prüfung der Schuldfrage nicht entschlagen dürfen. Die'EmPörung hat sich so auf unsere Nerven gelegt, daß wir Gefahr laufen, selbst ungerecht, selbst grausam zu handeln. Und grausam, fürchterlich grausam iväre cs doch- wenn wir etiva zu dem namenlosen Schmerz einet Mutter um ihr heißgeliebtes Kind die unbegründete Anklage gesellten, sie sei mit schuld am Tode ihres Kindes. Woher können wir Gewißheit erlangen, ivoniit können wir unsere Anklage begründen? Nur das Ergebnis der Haupt- verhandlung kann uns, darf uns als Beweismittel dienen. Mas hat die Verhandlung ergeben? Trotz der umfangreichen Berichterstattung über die Verhandlung, wir sagen es zuversichtlich und kühn, ist das Ergebnis der Verhandlung nicht Gemeingut der Oeffeutlichkeit geworden. Namentlich eins ist in den Berichten ganz ungenügend zu tage getreten, die Korrespondenz zwischen den Eltern, insbesondere der Mutter des toten Heinz und dessen Peiniger Dippold. Die einzelnen Briefe wurden so rasch verlesen, daß sie nur der gewandteste Stenograph mitschreiben tonnte. So besitzen auch wir nicht alle Briefe, aber die wenigen genügen unseres Erachtens, den Leser einen Blick in das Herz der Mutter tun und ihn entscheiden zu lassen, ob die Mutter des Verbrechens an ihren Kindern fähig war, dessen sie geziehen wird. Und TidcEji ein anderes, in den Berichten ist kerne übersichtliche und chronologische Darstellung gegeben, tote lange die Muiert ihre Kinder in den Verbrecherhanden Dippolds ohne Aufsicht beließ. Es möge darum Zweck der folgenden Zeilen sein, dies unter ausschließlicher Verwertung der Ergebnisse der öffentlichen Verhandlung uach? ^^Der Vorgänger Dippolds in der Stellung eines Hauslehrers wurde ab gedankt, weil er sich den Koch'schm Kindern zu wenig' widmete. Dippolo wurde ach 30. Juni 1902 unter einer größeren Anzahl von Bewerbern in Rücksicht auf seine guten Zeugnisse, seine hervorragenden Empfehlungen von maßgebenden Personen, wie Lehrern und. Professoren re. und den günstigen Ausfall der über ihn em- gezogenen Erkundigungen ausgewählt und engagiert. Er traf am 6. Juli in Ziegenberg ein, wo die große KoHftche Familie ihren Sommeraufeuthalt genommen hatte. Dtp- pold hatte zunächst in Ziegenberg nicht Platz und mußte in dem wenige Minuten entfernten Ballenstedt Wohnung nehmen. Dorthin gingen die. Kochschen Knaben täglich zur 619 Stunde, denn nur als Lehrer, nicht als Erzieher war Dippold zunächst engagiert. Die Abreise der Familie erfolgte Ende August. Da erst kam Dippold, der bis dorthin mit sichtlichem Erfolg nur das Studium der Kinder geleitet hatte, als Lehrer und Erzieher ins Haus. Gr hatte bisher das in ihn gesetzte Vertrauen vollauf gerechtfertigt. Von Ende August brs zum Oktober, der genaue Termin ist uns leider entgangen, war Dippold mit den Kindern allein, hatte aber fortgesetzt Bericht an Frau Kommerzienrat Koch zu erstatten. Zn einem der vielen Antwortschreiben der Mutter seiner Schüler aus dieser Zeit kommt die Stelle vor: „Seien Sie sich stets bewußt, daß es mein Liebstes ist, was ich Ihnen anvertraut habe." Im Oktober nun kam Frau Kommerzienrat Koch wieder zum Nachschauen auf einige Tage nach Ziegenberg. Sie fand alles in bester Ordnung. Tie Knaben waren an Dippold sehr anhängliche Am 9. November fand durch Reallehrer Dr. Wedte in Ballenstedt eine Prüfung der Kinder statt, die ihre entschiedenen Fortschritte dartat. Die Prüfung sand wieder in Gegenwart der Mutter und der Schwester der Knaben statt, die mehrere Tage blieben. Ende November erfolgte die erste schärfere Züchtigung der Kinder und am 29. November die Mitteilung hiervon an die Mutter durchs Bürgermeister Wendt. Am 2. Dezember ist Frau Kommerzienrat Koch in Ziegenberg, das sie nicht mehr verläßt, bis sie mit Dippold und den Kindern nach Berlin sährt, um dort Weihnachten zu verbringen. Sie hat Dippold, wie der Heilgehilfe Zeutsch bezeugt hat, sofort ernstliche Vorstellung über die Züchtigung gemacht, und Dippolo hat versprochen, daß es nicht mehr Vorkommen soll. Dippold träufelt aber zum ersten Male Gift in das Herz der Mutter, indem er dre Geschichte von den geheimen Sünden erfindet. Die Mutter fügt sich während des ganzen Aufenthaltes in Ziegenberg in die von Drppold festgesetzte Hausordnung- überwacht ihre Kinder, betritt nachts ost fünfmal deren Schlafraum, den sie neben ihr Zimmer verlegt hat, um sich von den geheimen Sünden zu überzeugen, an die sie nicht glauben will. Am 29. Dezember kehrt sie von Berlin mit ihren Kindern und Dippold nach Ziegenberg zurück. Da erfolgt am Sylvesterabend das Dvppel- geständnis der beiden Knaben. Heinz bezichtigt sich! des Diebstahls, Joachim sich der geheimen Sünden. Ja Joachim sagt zur Mutter, sie hätten auch gesündigt, als die Mutter am Bette saß, sie hätten sich verstellt. Das erst bringt den Glauben der Mutter an ihre Kinder zum Wanken. Aus pädagogischen Gründen will sie ihren Kindern ihren Anblick entziehen, was sie den Kindern in einem herzzerreißenden Briefe vom 5. Januar mitteilt. Sie stellt ihnen darin die ganze Schmach vor Augen, die sie ihr durch diese Verfehlungen »angetan haben, und erklärt die Trennung für notwendig. Der Brief ist in den meisten Berichten wieder- ?gegeben worden, weil er die ausschließliche, ungemein wirk- ame Duplik des Staatsanwalts bildete. Die Mutter ist eit 5. Januar für ihre Kinder nicht mehr sichtbar, sie weicht aber gleichwohl nicht von ihrer Seite.' Erst am 15. Januar kehrt sie nach Berlin zurück, wo sie 14 Tage später die Mitteilung von neuerlichen Mißhandlungen der Kinder erhält. Es erfolgt die Entsendung des Professors Dr. Vogt und des Schwiegersohnes. Das Ergebnis ist bekannt. Dr. Vogt fragt bei seiner Rückkehr: Woher Haben Sie diesen idealen Menschen? und rät: 1) die Erziehung der Kinder auf längere Zeit in den Händen des Dippold zu belassen und 2) das Erziehungswerk durch nichts zu stören, und wenn dies in Ziegenberg nicht möglich wäre, einen anderen Ort ins Auge zu fassen! Die Frau quält der Gedanke,, sie habe Dippold Unrecht getan, welcher Glaube durch seinen Brief, sie könne den Arzt jederzeit ohne vorherige Anmeldung schicken, bestärkt wird. So ist sie Dippold von nun an mit blindem Vertrauen ergeben. Wie aber die Mutter in diesem Zustand gleichwohl an ihren Kindern hängt, das sollen die folgenden Briefe beweisen, die wir ohne Absicht einer späteren Verwendung lediglich wegen der Größe der aus ihnen hervorleuchtenden Mutterliebe ausgezeichnet haben. Dippold $ schreibt Frau Kommerzienrat Koch an Welch' heiße Dankbarkeit gestern abend beim Anhören des Berichtes des Doktor Vogt gegen Gott und Sie durch mein Herz gezogen ist, vermögen Worte nicht zu schildern. . . . . Gelingt es, die Jungen auf lange Zeit hinaus ganz Ihrem Einfluß zu überlassen, so ist begründete Hoffnung auch bei Heinz, daß er noch ein brauchbarer Mensch wird, weit Dr. Vogt auch jetzt der Jungen ganze Zukunft von Ihrem ungestörten Erziehungswerk abhängig hält. Am 9. Februar schreibt sie wieder an Dippold: Mit jeder Faser klammerte ich mich an die Hoffnung, daß Heinz selbst wieder den Weg zu meinem Herzen fiwder. Ich kann nichts tun als harren, hoffen und beten, daß mir Gott die Jungen noch einmal wieoerschenkt. Den Vorschlag Dippolds, ihm die Kinder nach Trosen- dorf mitzugeben, beantwortet sie am 13. Februar folgendermaßen : Ich bin froh, daß wir soweit sind, so bitter weh es mir tut, die lieben Jungen ins Exil schicken zu müssen. Zum Schluß wünsche ich Ihnen und meinen heißgeliebten Jungen eine glückliche Reise und einen gesegneten Eintritt in Ihre Heimat. Ihren Vater bitte ich, meine Jungen ein bischen lieb zu haben. Die armen Kerls sind doch noch mehr un- glücklich als schlecht, und doch noch Kinder, vorzüglich klein Jochen. Ihre ganze Mutterliebe aber offenbart ein Brief an Heinz vom 19. Februar: Wie ich über die Erfahrungen der letzten Monate zusammengebrochen bin, karin ich gar nicht sagen. Der Kummer über Deine Sünden, die große Angst, ob "Du wirklich um« kehren wirst, und dazu noch die Schande vor Gott und der Welt drängt mich Tag und Nacht rind vergällt mir ede Freude und raubt mir den Schlaf. Wie viele Stunden itze.ich nachts im Bett, bete für meine Jungen und lese rn meiner Herzensangst in der Bibel, um Trost und Beruhigung zu finden. Glaub' mir nur, mein lieber Junge, wenn Du auch eine harte Leideuszeit durchmachst, die meine ist nicht milder, nnd in Deiner Hand liegt es, sie zu ändern. Gehe also mit frischem Mute ans Werk! Laß die neue Heimat so viel gute Taten von Dir sehen, wie Du die alte mit schlechten beschmutzt hast. Ergreife fest Dippolds Freundeshand, nur er hat Nachficht und Liebe genug, Dich aus Deinem Sumpf zu retten nnd Dir ein glücklicheres Leben als bisher zu bereiten. Und wie glücklich wollen Ivir sein, mein geliebter Heinz, wenn wir uns wieder sehen dürfest. Wenn wir diese chronologische Darstellung ins Auge assen, dann geht aus ihr zur Evidenz hervor, daß die Koch- chen Kinder nicht fremden Händen überantwortet werden öllten, und daß insbesondere die Mutter unablässig um rhre Kinder war und jederzeit wieder zu ihnen zurückkehrte. Eine Aenderung trat erst ein, als der Mutter mit Geioalt und teuflischer Tücke der Glaube an ihre Kinder aeraubt worden war und eine Autorität tote der Direktor des'neuro- biologischen Instituts der Universität Berlin Professor Dr. Vogt in der Annahme bestärkt hatte, es sei aus pädagogischen Gründen notwendig, das Erziehungswerk des Herrn Dippold, dieses idealen Menschen, nicht zu stören und der Verlegung des Erziehuugsvrtes von Ziegenberg zuzu- stimmen. Aus den vorgeführten Briefen gerade aus der Zeit nach dem Wechsel des Erziehungsortes spricht eine seltene Mutterliebe selbst gegenüber den vermeintlich verderbten Stobern, allgemein aber eine nicht gewöhn lichje Herzens- nnd Geistesbildung. Man muß es der Schreiberin dieser Briefe uach- sühlen, daß ihr die Trennung von ihren Kindern selbst das größte Opfer auferlegte, das sie nur in dem allerdings falsch erkannten Interesse ihrer Kinder zu bringen imstande war. Was also ist die schwere Schuld dieser Frau? Daß si.e irren konnte und getäuscht werden konnte, wo auch ein berühmter Psychiater irrte und getäuscht wurde? Oder soll es schon ein Verbrechen sein, seinen Kindern einen .Hauslehrer zu halten und ihre Erziehung anderen anzuvertrauen? Zu welchen Konsequenzen würde das führen? Mr müßten all' unsere Erziehungsinstitute auflösen, außer den Waisenhäusern, und in die Anstalten für verwahrloste Kindxr müßten wir die Kinder all derer einschaffen, die durch ihr Amt oder durch ihre Abwesenheit vom Unterrichtsort der Kinder nicht imstande wären, die Erziehung ihrer Kinder selbst zu betätigen. Außerdem dürften z. B. Landkinder nicht städtische Institute besuchen. Dazu kommt, daß die individuelle Einzelerziehung durch 'einen befähigten Erzieher der Massenerziehuilg in unseren ErzwhunHsanfialten zweifellos vor,zuziehen ist, und daß Heinz Koch sich! einer solchen Massenerziehung in einem Institute uichi fähig erwiesen hatte. 620 Nun haben diele Blätter über die Reprüsentationspflichf- ten der Frau Bankdirektor Koch geschrieben, die ihr keine Zeit ließen, ihre Kinder selbst zu erziehen. Die Dame hat bei ihrer Vernehmung hier sicher nicht den Eindruck der Lebedame gemacht, und die mitgeteilten Briefe bestätigen diesen gegenteiligen Eindruck. Wenn sie aber diese Pflichten hätte, wären sie nicht eine Entschuldigung für sie? Wir kennen übrigens das gesellschaftliche Auftreten der Dame und der Familie nicht, aber gerade die Berliner Blätter könnten sich ja der Mühe unterziehen, nachzuforschen, in wieweit z. B. aus der Mitgliedschaft der Frau Kommerzienrat an sogen. Damenkomitees auf eine starke gesellschaftliche Inanspruchnahme geschlossen werden könnte. Nichts ist bisher in her Presse zutage gefördert worden, ivas den Eindruck ändern könnte, den die Frau bei ihrer Vernehmung in einer Stadt mit rein bürgerlichen Verhältnissen hervorgerufen hat, den einer liebenden und treu- besorgten Mutter. Wer will da einen Stein aufheben und nach der armen Frau iverfen? Uns erscheint es,, würdiger, vor ihrem großen, aber stummen Schmerze ob des Todes■ des heißgeliebten Kindes achtungsvoll Halt zu machen und unser Mitleid zu bezeigen, als auf die Frau die Schale des Zornes auszugießcn. Wir glauben, es ist augenblicklich der Schmerz der Frau nicht zu lindern und nicht zu mehren, gönne man ihr' wenigstens die Ruhe uud scheide sie aus der weiteren Erörterung des Falles Dippold aus! A^saudereien aus der Kaiserstadi. (Nachdruck verboten.) „Billige Quellen". — „Fortzugshalber". — Reisemuster. — Teppichschwindel. — Hehlergeschäfte. — Das „Geheimnis" der Berlinerinnen. Es ist eine alte Weisheit, die in der Provinz für un- umstößlich gilt, daß man nirgends so billig kaufen könne, als in Berlin; aber — und da sängt der Hase an, sich im Pfeffer zu wälzen — man muß die richtigen Quellen wissen! Mit diesen billigen Quellen ist das eine eigentümliche Sache. Es gibt Frauen in Berlin, und zwar eine ganze Menge, die einen richtigen Sport daraus machen, „billige Quellen" zu suchen. Manch schöner Vor- und Nachrnittag wird mit diesen Entdeckungsreisen totgeschlagen, imb ein kühner Seefahrer kann seine Karten und Pläne nicht eingehender studieren als so eine Quellensucherin die Annoncen im Morgenblatt und nachher die Schaufenster mit ihren „im Preise bedeutend herabgesetzten" Sachen. Aber cs ist in Berlin schließlich wie in der ganzen Welt: verschenkt wird nichts! Was für den ersten Augenblick als wirklich „unter Preis" erscheint, entpuppt sich gewöhnlich bei näherer Prüfung als durchaus minderwertig im Material oder in der Herstellung. Billige Kleiderstoffe sind durch starke Appretur ansehnlicher gemacht, billiges Schuhzeug ist üus denkbar schlechtestem Leder, billiges Porzellan ist blasig, rissig und verunglückt in der Form, und von billigen Handschuhen ist der rechte oder linke gewöhnlich verschnitten, natürlich allemal der, den man zum Anprobieren nicht aufgeweitet bekommt! Manch eine unserer Hausfrauen kommt bei irgend einem etwas kostspieligen Reinfall endlich dahinter, daß es im Grunde genommen mit diesen billigen Quellen Essig ist, und resigniert gibt sie die Jagd auf. Aber die ganz Klugen iverden nicht alle. Für sie kommt kein Tag von Damaskus, der sie bekehrt, und sie beziehen bald dies, bald jenes hier „unter der Hand",, dort „direkt aus der Fabrik", „von einem Bekannten, dessen Schwager. . ." oder „von einer Frau, die noch von früher her. . ." und wie die plausiblen Köder alle heißen. Amüsant war mir das Beispiel einer alten guten Dame, die ihre Not hatte, über den Fahrdamm zu kommen. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihren Magenlikör „Mampe", den herzhaften Berliner Verdauungsschnaps, direkt in der Fabrik zu kaufen, weil er da billiger sein müsse. Die Verwandten taten ihr möglichstes, ihr das auszureden. Mes vergeblich. Die Jungfrau von Orleans kann keinen heftigeren Drang gespürt haben, Frankreich zu retten, als jene Greisin, ihren geliebten „Mampe" aus der Jnvalidenstraße zu holen, wo die Firma ihre Grundstücke und Hauptkontor besitzt. Und so machte sie sich eines Tages aus dem westlichsten Westen auf den Wegs nach Berlin N. Straßenbahn, Omnibus und die eigenen alten müden Füße brachten sie ans Ziel, und triumphierend erschien sie nach einer Reihe von Stunden endlich wieoer mit ihrem Paket. Zwar bestaubt, erschöpft und hinfällig, aber doch als Siegerin. Sie hatte ihre drei Flaschen, bte int Laden 1,25 Mk. kosten sollen, für 1 Mk. bekommen. Und wenn auch die Fahrnickel den vermeintlichen Profit stark schmälerten — sie hatte ihren Willen durchgesetzt und Recht behalten. Am andern Vormittag freilich^ als sie mit einer ihrer Enkelin ganz in der Nähe der Wohnung einkaufen gehen wollte, sah sie zu ihrem Entsetzen diesen selben verräterischen „Mampe" mit dem scheußlichen Etikett bei einem eben etablierten Kaufmann für 0,95 Mk. int Schaufenster stehen. Das war zu viel für ihr harmloses Gemüt. Sie sagte zwar kein Wort darüber, aber der Berliner Aufenthalt war ihr für diesmal verleidet; sie fuhr alsbald in ihr kleines, solides Provinzstädtchen zurück, wo es weder Straßenbahnen, noch Omnibusse, noch Likörfabriken gibt und trinkt aus Trotz nur noch Boonekamp, obgleich ihr der eigentlich zu bitter ist. — Als vortrefflicher Lockvogel, zumal für eben erst nach der Hauptstadt llebergesiedelte, bewährt sich, noch immer das Angebot scheinbar schon benützter Zimmereinrichtungen „fortzugshalber". Neunmal unter zehn Fällen handelt es sich um funkelnagelneue Sachen billigen Genres, die in einem halbdunkeln Berliner Zimmer aufgestellt sind, und natürlich nicht um einen Deut billiger fortgehen, als man sie im Möbellager auch erwerben könnte. Es gibt Pianofortehändler, die einen großen Teil ihres Absatzes „fortzugshalber" erzielest und dabei meist Barzahlung bekommen. Auch Teppichhäitdler lieben diesen Tric. Sic arbeiten aber auch schon ganz gern mit sogenannten „Reisemustern". Exemplare, die natürlich nie auf der Reise waren, werden, „weil sie doch nicht mehr ganz tadellos" sind, billiger abgegeben. Noch mehr wird das mit Blusen, Kleiderröcken, Paletots usw. versucht; denu sür Teppiche ziehn die „kleinen Webefehler" oder „große Einkäufe im Orient" eigentlich! besser. Kleine Leute haben gewöhnlich keine Ahnung, ivoran man die Güte eines Teppichs erkennt, und ich selbst habe eines Tages einen neuen Teppich, in einem ziemlich großen Geschäft für beinah Vie Hälfte dessen erstanden, was kurz zuvor ein anderer Käufer für dasselbe Stück hatte zahlen müssen. Natürlich gibt es auch hie uud da ein Geschäft, wo mau wirklich erstaunlich billig zu Uhren, Diamanten, Seidenstoffen usw. gelangen kann; aber die böse Bolrzer macht der Herrlichkeit gewöhnlich bald ein Ende, da dre Quellen dieser billigen Leute gewöhnlich imr bei Nacht urid unter Zuhilfenahme von Dietrichen uud Nachschlüsseln,, wenn nicht gar Brecheisen fließen. Als vorteilhaft für Kleidung' mrd Hutschmuck, Wäsche usw. mft bet dem Gros der Berliner Damen ein altes umfangreiches Geschäft, das in der ganzen Welk Konkursmassen aufkauft und diese Waren so schnell wie möglich zu verramschen sucht. Natürlich kann man mit Waren-Unkenntnis hier erst recht, herein- fallen, und verlegene, unmoderne Ladenhüter mit ganz anständigen Preisen bezahlen. Wers indessen vergeht, kommt wohl ganz gut fort dabei. Natürlich geniert M die Berlinerin, ihre Garderobe dort erworben zu haben. Deshalb behandelt sie diese Quelle, als Geheimnis. Aber mitunter treffen sich dort meist Bekannte, die es nie von einander geglaubt hätten, daß sie auch bei Engel kaufen. Und solche Begegnung knüpft mitunter die dicksten Freundschaften. Denn daß sie sich beim Einkauf in „der" Landsberger Straße getroffen haben, wünscht, eine von der andern als „Geheimnis" behandelt zu Wissen. „Die Quelle darf nicht verraten werden". Und deshalb will auch ich Verschwiegenheit darüber bewahren! A. Jt. Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) W n n s d r h I I rtndwndvrnohtn N d n c htzwwrtwsmtnmstgtn Vorstehende Buchstabenreihen sind in Gruppen zu zerlegen, die sich durch Einfügung paffender Vokale zu sinngemäßen tern bilden lassen. Das Ganze ergiebt ein Citat aus Ruaert» „Weisheit des Brahmanen". (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Sage wenig, denke viel. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Perlaa der Vrübl'scheu llniversttätS-Vuch- und Steindruckerei. N. Lauae, Gießen.