Mittwoch den 17. Juni. Nr. 88 1903. aCT® iiii' W Sie blieb zu haben, daß man auch wegen geschäftlicher Sachen meine« bedürfe. Speise nur ruhig weiter, ich komme sobald wie ^o^^Wie"entsetzlich unangenehm!" ries Frau Wilson ganz! niedergeschlagen. „Tie ersten Rebhühner und die letzten! Pfirsiche des Jahres und man läßt sie Dich nicht einmal ge- tiicßcit */z „Sie werden sich halten", versetzte ihr Gatte leichthin und knöpfte seinen Ueberrock zu. „Aber erwarte mich mcht, ich muß vielleicht bis nach Mitternacht bleiben, wenn sonst niemand dort ist. Lebe wohl!" „ . In voller Hast eilte er weg und überließ ferne Frau ihrem Grübeln. Diese beschäftigte sich weniger mit befc medizinischen Krisis — diese war lange vorauszusehen! —i als mit den gesetzlichen Bestimmungen dieser vielleicht letzten Stunde: mit anderen Worten, mit der möglichen Verfügung über Frau Grahams mächtiges Besitztum, ein Gegenstand der Neugierde für viele und des ganz besonderen Interesses für Frau Tr. Wilfon. Tenn, überlegte sie für sich, die arme alte Dame schien wirklich vom ersten Tage ihres Hierseins an eine Vorliebe für ims zu fassen, obschon wir uns gewiß nicht um rhre Gunst bewarben. Sie war meinem Manne so dankbar, daß er ihre Behandlung übernahm, obschon er sich eigentlich! bereits zur Ruhe gesetzt hatte. O, wenn sie wüßte, daß er das ärztliche Honorar stets seinein armen Kollegen Polt überläßt! Ich glaube, ihr Sohn ist tot, oder wenigstens enterbt; so würde ich 'mich nicht wundern, — iify würde mich vielleicht nicht wundern — ich würde mich vielleicht nicht wundern, wenn — — Es schienen in der Tat sehr angenehme Gedanken zu sein, die der guten Dame durch den Sinn gingen; denn ihre, Miene drückte große Befriedigung aus. Tas Erbauen von Luftschlössern war ihre Leidenschaft und half ihr, im Verein mit einem lebhaften Interesse für anderer Leute Angelegenheiten — böse Zungen nannten es „Einmischen" — über manche einsame Stunde leicht hinweg. Aber dres- mal hatte ihre Phantasie sie in die Irre geführt; die Rückkehr ihres Gatten sollte sie hierüber belehren. Während Tr. Wilson mit dem Verwalter durch das still« Dörfcheu fuhr, erkundigte er sich, was wohl den neuen Anfall der Dame herbeigeführt haben könnte, und hörte, daß Fräulein Basset, die Gesellschafterin, ihn einer Erkaltung % „Sehen Sie, Herr Doktor", erzählte der Mann treuherzig, „Frau Graham hat ihren eigenen Kopf. Sre blreb abends zu lange draußen, als es schon kühl und nebelig wurde. Aber d a hilft kein Einreden, sagen läßt sie sich nichts, das wissen wir alle. So hatte sie denn ihren Willen und muß setzt dafür büßen — tote es früher schon oft gegangen , fügte er nachdenklich bei. „Mehr als einmal hat sie ihren Willen durchgesetzt und wie teuer mußte sie es bezahlen! St« erinnern sich unseres jungen Herril nicht mehr, Str?" . „Mcht gut möglich, Harris. Wrr sind seit achtzehn (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau. 1. Kapitel. Ein milder, stiller Septembertag ging zur Neige, ein Tag, der mit seiner warmen, einschläfernden Luft den entschwundenen Sommer vortäuschte, bis der scharfe Wrnd, der sich am Abend erhob, daran erinnerte, daß man einer andern traurigen Jahreszeit entgegen gehe. In einem Torfe in der englischen Landschaft Norfolk Bridgeham mit Namen — hatte sich in den hohen Ulmen, die die Kirche umstanden, eine Schar Krähen niedergelassen und ein eintöniges Abendlied angestimmt. Hter und da schimmerte ein Licht durch die rasch hereinbrechende Dunkelheit Tie Stille der kommenden Nacht legte sich über dre einfachen Heimstätten, Menschen und Tiere gaben sich der wohlverdienten Ruhe hin. ~ v , Eine volle Stunde herrschte tiefes Schweigen in dem Dörfchen. Da schreckte plötzlich das Rollen von Wagenrädern auf der Landstraße fast sämtliche Bewohner aus. Neugierige Gesichter erschienen an den kleinen Fenstern, leder wollte sehen, wer die späten Reisenden wären. „Es ist ein graues Pferd und ein leichtes Wägelchen", sagte Witwe Brunton zu der alten Frau, die ihre Hütte mitbewohute. „Gewiß von Wistfields ! Frau Graham wird schlimmer geworden fein, die arme Seele!" „Meinetwegen!" war die scharfe Entgegnung der Alten. „Viele werden sich nicht um sie grämen, ich wenigstens tlicfit/' „Aber sie tat itiemand etwas zu leide, wenn sie sich auch nicht viel um uns bekümmerte", fuhr die junger« Fran sort, das erlöschende Feuer noch einmal anfachend. „Traurig ist's (bodj, so verlassen däzulieaen, im letzten Stündchen niemand von seinem eigenen Fleisch und Blut bei sich zu haben." „ , „Sie ist nicht verlassener als ich", versetzte dre Andere hart, und eine solche Bitterkeit sprach aus ihrer Stimme, daß Frau Brunton schnell das offenbar gefährliche Thema abbrach. Inzwischen war das Fahrzeug, das die Bewohner von Bridgeham in solche Aufregung versetzte, an dem bescheidenen Hüttchen vorübergefahren und hielt jetzt vor dem Tore eines stattlichen Hauses an. Ter Kutscher stieg eilends ab, zog heftig die Schelle an und schickte dem Hausherrn eine Botschaft, die diesen rasch von dem soeben begonnenen Mahle abschreckte. „Es ist nicht zu ändern, meine Liebe", sagte Tr. Wilson, nachdem er mit dem Boten Rücksprache genommen hatte. „Frau Graham hat einen neuen Schlaganfall erlitten und ich muß sofort zu ihr. Ter Verwalter ist selbst herüber gefahren; er glaubt, Fräulein Bassett verstanden 350 Jahren in Bridgeham und er ist weg seit — zwanzig, nicht wahr?" „Seit fünfundzwanzig Jahren, Sir. W war eine im- glückselige Geschichte, ich muß es sagen, obschon sie mir eine gute Stelle eilt trug. Frau Graham hätte keinen Verwalter gebraucht, wenn sie ihren Sohn zur Seite gehabt hätte. Er war ein gescheidter Herr, unser Herr Arthur, und so gut und so angenehm, in seinem ganzen Wesen, aber so eigensinnig, wie — nun, wie seine arme Mutt er, besser läßt sich's nicht ausdrücken. Es war ein trauriger Tag für beide, als sie sich entzweiten." „Und jammerschade, daß sie sich nie wieder versöhnten", stimmte der Doktor kräftig bei. Er war sehr friedliebender Natur und stets geneigt, Schwierigkeiten jeder Art, die ihm in den Weg kamen, gütlich beizulegen, oder wenigstens den Versuch zu machen. „Aber ich glaube, dies war einer jener Fälle, wo kein Fremder sich einmischen konnte. Ueber- haupt schien Frau Graham sich niemals von jemand beeinflussen zu lassen. „Von keiner Seele", bestätigte Harris mit Nachdruck. „Von der Zeit an, da sie als junge Witwe hierher kan und von ihres Onkels Erbe Besitz ergriff — es sind jetzt vierzig Jahre, ich war damals noch ein Junge — trat sie ganz selbständig auf. Und sie hatte eine glückliche Hand, alles verstand sie vortrefflich, nur nicht, ihre eigene Familie zu behandeln. So lange ihr alles nach Wunsch ging, war gut mit ihr auszukommen; aber sobald sich jemand ihrem Willen widersetzte, wie es Herr Arthur getan haben muß, obschon wir es alle nicht bestimmt wissen, trat sie als unerbittliche Herrin auf. Sein Weggehen ließ sie in einerWoche um Jahre altern, und Fräulein Beatrices Tod machte sie frühzeitig zur Greisin." „O, es war auch eine Tochter da?" fragte Tr. Wilson überrascht. „Wäre sie am Leben geblieben, so hätte sie gewiß Mutter und Bruder wieder versöhnen können." „Ich bezweifele es, Herr!" entgegnete der Verwalter lopfschütterlnd — fünfundzwanzig Tienstjahre hatten ihm den festen Glauben an seiner Herrin unerschütteirlichem Willen eingeprägt! — „Tas arme Kind grämte sich so sehr Um seinen Bruder, daß seine Gesundheit darunter litt. Aber Frau Graham schien es nicht zu sehen; sie war so stolz auf ihre Tochter und ließ ihr Lehrer aus der Stadt kommen, die sie in allem Möglichen unterrichten sollten. Zuletzt mußte sie noch in ein großartiges Institut, in Frankreich glaube ich, und dort starb sie." „Ein harter Schlag für ihre Mütter", bemerkte Tr. Wilson teilnehmend. „Von dem fie sich auch nie mehr erholte. Ich kann mich der Zeit nicht mehr erinnern, da ich sie lachen sah. In unserem Hause wurde es ganz still und einsam. Seit zwanzig Jahren kam kein fremder Fuß über ihre Schwelle, als Sie und Ihre gute Frau, oder manchmal der Herr Rektor." „Ein trauriges Leben", sagte der Doktor sinnend — „gut, daß Fräulein Basset es so lange in dieser Einsamkeit stushäli." „Sie wird ihren guten Grund dazu haben, darum wette ich", versetzte Harris bedeutungsvoll, und Tr. Wilson, der fürchtete, er habe vielleicht einen Gegenstand berührt, der ihn nrchts anginge, brach das Thema kurz ab. Ter Wagen fuhr jetzt über eine Brücke, die den Fluß überspannte, von dem ein kleiner See gespeist wurde. Obgleich auf der anderen Seite Westfield nur einen Kilometer entfernt zu ihrer Linken lag, mußte doch ein Umweg von drer Kilometern gemacht werden, ehe man das Haus erreichen konnte. Der Raum zwischen Wasser und Landstraße war nur eine ausgedehnte Niederung, die oft überflutet und eben von einem Achten kalten Nebel eingehüllt war. „Wie schade, daß man es hier nie mit einiger Kultur versuchte", bemerkte der Doktor und schlug seinen Kragen m die Höhe, als sie der feuchten Luft sich näherten. „Einige Tausende für Dämme und Drainage hier verwendet, würden sich gut rentieren. Ich wundere mich, daß eine so "Uge Dame, wie Frau Graham, dies nie ausführte." ,, „Ohne das Unglück in ihrer Familie wäre es wohl geschehen", entgegnete der Verwalter. „Aber wie die Sachen standen, sparte sie lieber ihr Geld. Sie mutz ein riesiges Vermögen hinterlassen. Vielleicht werden ihre Erben das Versäumte hier nachholen." Er sagte dies bcheutungsvoll, denn Fran Grahams Vorliebe für Tr. Wilson gegenüber dem gutmütigen aber etwas taktlosen Torfmedikus, der es einst gewagt hatte, nach ihrem verschwundenen Sohn zu fragen, war nicht unbemerkt geblieben. Und nach dem alten Erfahrungssatz, daß Dauben hinfliegen, wo schon Dauben sind, prophezeiten viele, Fran Grahams Reichtum werde sicher in die wohlgefüllte Kasse ihres Leibarztes wandern. Tr. Wilson kannte vermutlich diese Prophezeiung, denn wieder wechselte er das Thema. „Sind Sie hier mit Wilddieben belästigt?" fragte er, als ein Rascheln im Schilf, das die Gräben am Wege einfaßte, und der scharfe Schrei eines Wasservogels die Nähe irgend eines Feindes für die gefiebertem Schläfer andeutete. „Nicht so wie früher!" war die Entgegnung — „hier und da ein wenig in der Nacht, aber das zählen wir nicht. Herr Ledsom, dem wir das kleine Gehölz verpachteten, läßt durch seine Leute scharf Wache halten und überdies hat- Bridgeham seine verwegensten Wilderer verloren." „Sie meinen die Stirlings?" „Ja, Herr. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen^ alles glückte ihnen. Der Alte war der reinste Hexenmeister, ' nichts war sicher vor ihm, und die Jungen waren nicht besser. Wenn sie sich nicht tot getrunken hätten, wären fie sicher an den Galgen gekommen. Zweimal hatte Herr Arthur sie überlistet, was ihnen sechs Monate Hast einteng, und ein drittes Mal wäre es noch schlimmer für sie gekommen, ivenn nicht das Weibervolk für sie gebeten hätte. Es war im letzten Jahre, ehe er wegging." „O, sie haben ihre Frauen angestiftet, sich für sie zu verwenden?" „Nicht ihre Frauen, ihre Mütter und Schwestern, Herr. Tre alte Frau lebt noch. Sie wohnt nicht weit von Ihrem Hause, die Witwe Stirling." „Ich erinnere mich. Und die Schwester?" „Hm" — Harris zögerte. Sie waren in die Nähe des Hauses gekommen, und seine Stimme sank zu einem Flüstern herab, als ob er fürchte, von den Bäumen belauscht zu werden. „Natürlich weiß ich nicht, ob die Geschichte wahr ist, aber man staunte sich zu, daß gerade wegen, dieser Schwester Herr Arthur sich mit seiner Mutter entzweite und die Heimat verließ." „Um eines solchen Mädchens willen? Tas scheint mir sehr unglaublich, Harris." „Und doch war es so, Herr! Dora Stirling war ein schönes Mädchen und die einzige Stütze ihrer Mutter, dis Männer gaben nicht viel ab. Tie beiden Frauen waren brav und ehrlich und grämten sich nicht wenig über das Treiben der schlechten Sippe." „Und was wurde aus dem Mädchen?" „Das weiß niemand ! Sie verschwand eines Tages und ließ nichts mehr von sich! hören, das arme Ting!" Während der Doktor noch über diese ihm neuen Eröffnungen nachdachte, hatten sie Vestfields erreicht und ein Tiener geleitete den sehnlichst Erwarteten schleunigst in das Gemach seiner Herrin. Ein einziger Blick sagte ihm, daß der dritte gefürchtete Schlaganfall wirklich gekommen togt. Bei vollem Bewußtsein, aber unfähig, sich zjn bewegen, ruhte Frau Graham, halb liegend, halb gestützt von einer Dienerin, aus einem niederen Divan. Das bleiche, schöne Gesicht mit den harten Zügen schien ganz eingeschrumpst; es war, als ob nur der Wille allein noch das Leben darin zurückhielte. Tie langen schmalen Hände, die Fräulein Bassett durch unaufhörliches Reiben zu erwärmen suchte waren ganz hilflos und die dünnen Lippen, einst der Typus unbeugsamen Willens, bemühten sich peinlich, einige Worte hervorzubringen. „Was wünschen Sie, Frau Graham?" fragte der Doktor, als er den bekümmerten Blick bemerkte und ihre kalte Hand in die feinige nahm. Ein schwaches Zeichen lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein geschlossenes Kouvert, das zwischen ihren Shawls und Kissen lag. „Ties?" fuhr er fort, „soll ich es öffnen?" Ein kaum vernehmbarer Laut bejahte feine! seine Frage. Als er das in Frau Grahams deutlicher Handschrift eng beschriebene Dokument entfaltete, murmelte bte Kranke mit schmerzlicher Anstrengung: „Boll—enden. Lesen." (Fortsetzung folgt.) Der Berliner Kongreß. 13. Juni — 13. Juli 1878. Wien. Paris. Berlin. Die alte Kaiserstadt, die epi» sadistische Kaiserstadt und die neueste Kaiserstadt waren im vorigen Jahrhundert die Gerichtsplätze der Weltgeschichte, auf denen die Diplomatie Kongresse als Weltgericht abhalten konnte. Der Wiener Kongreß vom Jahre 1815 legte die durch Napoleon zerknüllte europäische Landkarte wieder möglichst in ihre legitimen Falten. Dainals handelte es sich darum, das nach Westen verrückte Schwergewicht auf die richtige europäische Balance zu verteilen. Von der Türkei war jedoch keine Rede. Dann begann Rußland sich zu recken. Die Napoleonische Prophezeiung vom kosakischen Europa schien allmählig sich bewahrheiten zu wollen. Die kosakische Faust langte nach dem goldenen Byzanz, aber der Schlag, den die Westmächte durch den Krimkrieg gegen sie führten, lähmte sie so sehr, daß im Pariser Kongresse — 1856 —- ihr für einige Zeit diplomatische Fesseln angelegt werden konnten. Rußland sammelte sich. Zwanzig Jahre später war es gesammelt genug, den Griff nach Konstantinopel zu wiederholen. Der russisch-türkische Krieg — zu dem bei der Sauinseligkeit der Pforte in Ausführung der ihr durch das Londoner Protokoll vom 31. März 1877 aufgetragenen Reformen der Anlaß leicht gefunden war — brachte Rußland nach anfänglichen Mißerfolgen knapp bis an die Tore Konstantinopels. Ein Stoß — und der Halbmond konnte aus Europa hinausgeschleudert werden. Solche Vehemenz war aber nicht nach dem Geschmack der europäischen Mächte, die bis dahin Rußland hatten gewähren lassen; die Türkei sollte geschwächt, Rußland aber nicht gestärkt werden. England rüstete, Oesterreich-Ungarn schlug einen Kongreß in Wien vor. Die russische Politik beeilte sich daher, von der Türkei eine ausgiebige Schuldverschreibung zu erlangen, um mit den Mächten beffer handeln git können. Es kam am 3. März 1878 der Friede von San Stefano zustande, der von der europäischen Türkei nur einige unzusammenhängende Fetzen zurückließ, die wie welke Blätter, reif zum Abfallen, der goldenen Frucht Stambuls anhingen. Der Augenblick für das Eingreifen Bisnmrcks, des „ehrlichen Maklers" war nun gekommen. Nach regen diplomatischen Verhandlungen konnte er am 3. Juni 1878 die Einladungen an die Unterzeichner der Verträge von 1856 und 1871 (Paris und London) ergehen laffen, auf einem Kongreffe in Berlin zusammenzutreten, um die „Stipulationen des Vertrages von San Stefano zu diskutieren". Diese Diskussion bedeutete nichts anderes, als ein Schachern mit Rußland, um es zur Herabminderung seines Siegespreises zu bewegen. Die Verhandlungen waren erleichtert durch ein am 30. Mai zwischen England und Rußland getroffenes lieber« einkommen; nichts destoweniger gab es während der Dauer des Kongresses Augenblicke, da sein Scheitern befürchtet wurde. Die Autorität und das diplomatische Geschick des Fürsten Bismarck wußte jedoch über alle diese Schwierigkeiten hinwegzuleiten. Der Kongreß, der am 13. Juni seine formellen Arbeiten lmfnahm, war ein Zeugnis für die führende Rolle, die das neue Deutsche Reich gewonnen hatte. Dies htm noch dadurch gum Ausdruck, daß der deutsche Reichskanzler, Fürst Bismarck, den Vorsitz führte, in dessen Palais auch der Kongreß tagte. Bismarck war somit zugleich der Hausherr des Kongresses. Der Zufall des Alphabets symbolisierte gleichfalls den Vorrang Deutschlands. Zur Zeit des alten Deutschen Reiches hatte der deutsche Kaiser unbestritten den Vorrang vor den übrigen tooiiüerctnen. Nach Auflösung des Deutschen Reiches bestimmte der Wiener Kongreß, daß die Mächte nach dem Alphabet ihrer französischen Bezeichnung rangieren sollten und so kam es, daß „Antriebe" 1815 den ersten Rang auf dem Papier behauptete. Beim Berliner Kongreß, der dieselbe Anordnung traf, nahm also die neue deutsche Kaisermacht als „ Allemagne" die erste Stelle ein. Die Rangordnung rvar: Allemangne, Antriebe, France, Grande Bretagne, Italie, Russie, Turquie. Für die Türkei ivar dieses alvhabetische Schicksal gleichfalls bezeichnend, denn ihren Vertretern blieb, trotz versuchten Sträubens, nichts übrig, als den Schliißpunkt zu allen Bestimmungen des Kongresses zu setzen. Die Mitglieder des Kongresses waren: Deutschland: Fürst Bismarck, Staatssekretär des Auswärtigen o. Bülow und Fürst Hohenlohe; Oesterdeich-Ungarn: Minister des Aeußern Graf Andraffy, Graf Carolyi und Baron Haymerle; Frankreich: Der Minister des Auswärtigen Waddington und Graf St. Vallier; England: Ministerpräsident Lord Beaconsfield, Minister des Auswärtigen Salisbury und Lord Odo Ruffel; Italien: Minister des Auswärtigen Graf Corty und Graf de Launay; Rußland: Reichskanzler Fürst Gortschakow, Graf Peter Schuwalow und Freiherr v. Oubril; Türkei: Karatheodory Pascha, Mehemed Ali und Sadullak Bey. Diese von ihren Staaten bevollmächtigten Diplomaten waren selbstverständlich von einem Stab von Mitarbeitern begleitet. Die gesamte Liste des Kongreßpersonals unifaßte 70 Personen. Von all diesen Persönlichkeiten standen neben dem Fürsten Bismarck Lord Beaconsfield und Fürst Gortschakow im Vordergrund des Interesses. Beaconsfield, von jüdischer Abstamnning, der als Benjamin Disraeli int Jahre 1805 geboren ivar, hatte vorerst als Romanschriftsteller die Unsterblichkeit zu erlangen gesucht, später aber die Literaturgeschichte mit der Weltgeschichte vertauscht. Er galt als in- timster Gegner des achtzigjährigen Gortschakow, der wider die Absicht des Zaren am Kongresse teilnahm. Der russische Reichskanzler, der 22 Jahre lang die Politik seines Landes geleitet hatte, ließ sich nicht in den Hintergrund drängen. Obgleich sein Gesundheitszustand ihm die größte Schoniing hätte auferlegen sollen, mußte er doch zu den Beratungen sich in einem Tragseffel führen laffen. Der eigentliche Bevollmächtigte Rußlands war . Graf Peter Schuwalow, utr Gegensätze zu Gortschakow ein aufrichtiger Freund des Friedens unb mit Bismarck eines Sinnes. Neben den großen Diplomaten des Kongresses war eine der interessantesten Gestalten der türkische Delegierte Mehemet Ali. Er hatte eine richtige Janitscharen-Laufbahn hinter sich. Mehemet Ali war Zufallstürke. Geboren wurde er als Sohn des preußischen Beamten Detroit in Magdeburg, wo er das Gymnasium besuchte. Einer Stiefmutter willen verließ er das väterliche Haus, wurde Schiffsjunge, entfloh in Konstantinopel seinen ihn mißhandelnden Vorgesetzten. Detroit fiel dem bekannten Alt Pascha in die Hände, der ihn der Kriegsschule übergab. Zum Islam übergetreten, machte er als Mehemet Ali rasche Karriäre. Nach dem Kongresse besuchte Mehemet Ali seine Magdeburger Heimat, von wo er nach Albanien als Pacisikator berufen wurde. Bei dieser Friedensmisston büßte er das Leben ein; er wurde meuchlings getötet. Nebrigens hat von den hervorragenden Mitgliedern des Kongresses, mit Ausnahme des Marquis Salisbury, der noch vor kaum Jahresfrist englischer Premier war, keiner den Tag erlebt, an welchem auf das „Säkularwerk" des Kongresses sich die viertelhundertjährige Probe machen läßt. Verglichen mit dem Wiener Kongreß, der schon wegen der Teilnahme der Monarchen einen glänzenderen Verlauf nahm, hatte der Berliner Friedensareopag wenig gesellschaftlichen Glanz entfaltet. Einige Hofdiners waren so ziemlich das Um und Auf. Tas Berliner Publikum brachte ihm auch feüt starkes Interesse entgegen. Hierzu mochte beigetragen haben, daß die Stadt noch unter dem Eindrücke des am 2. Juni erfolgten Nobilingschen Attentates gegen den greisen Kaiser Wilhelm stand, der nicht unbedenklich! verwundet worden war. Sv hatten sich denn in den Nachmittagsstunden des 3. Juni vor dem Palais Radziwill — dem Wohnhause Bismarcks — obgleich der Beginn der ersten Sitzung für 2 Uhr angesagt war, kaum einige hundert Neugierige angesammelt; dagegen waren Schutzleute zu Fuß und zu Pferd zahlreich genug zur Stelle. Tie Attentatsfurcht lag damals in der Luft. Als Erster fuhr der Hausherr Fürst Bismarck vor; sein Anblick war aber nicht der „historische", wie er durch die zahlreichen Denkmäler der Ewigkeit aufbewahrt scheint. Bisniarck eröffnete den Kongreß im Vollbart, den er sich wegen neuralgischer Gesichtsschmerzen hatte wachsen lassen. Tie graue Gesichts- nmrahmung milderte die strengen Züge. Auf dem be- 352 Redaktion: Au rüst ßSöfc. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn Universitäts-Buch- und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Kapselrätsel. (Nachdruck verboten.) Kinder, Arbeit, Fasten Anbau, Tier, Ausziehtisch, Manchester, Maler, Krumbach, Blaunieife, Furcht, Schenke. Es ist ein Sprichwort zu suchen, dessen einzelne Silben der R.ihe nach in vorstehenden Wörtern versteckt sind, ohne Rücksicht ans deren Silbenteilnng (also wie die Silbe la in Blau, Landmann oder Ella). (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.r Geld, Geduld. starke Verstimmung Rußlands rief das Bekanntwerden des Geheimvertrages zwischen England und der Türkei hervor, worin die Pforte Cypern an seinen britischen Gönner abtrat, wogegen dieser die Integrität der türkischen Besitzungen in Asien gewährleistete. Wer auch da wußte Bismarck die Gegensätze zu versöhnen. Am hartnäckigsten zeigten sich die Pfortenvertreter, als sie der Okkupation Bosniens und der Herzegowina durch österr.-ungarische Truppen zustimmen sollten. Beaconsfield, der warm für die Erteilung des Mandats an Oesterreich-Ungarn eintrat, nannte die Okkupation die „Annexion zur linken Hand".' In der achten Sitzung vom 28. Juni verlangte Graf An- drassy die Stellungnahme des Kongresses zur bosnisch- herzegowinischen Frage und erhielt das erwartete „europäische Mandat" mit Vorbehalt der türkischen Zustimmung. Allein erst in der 12. Sitzung vom 4. Juli trat die Pforte dem Okkupationsmandat bei. Sie willigte — freiwillig auch in diese Selbstverstümmelung, hatte ihr doch der Kongreß wenigstens so viel vom Raube von San Stefano wiedergegeben, daß ihr, wie man glaubte, Raum blieb in „Schönheit zu sterben". Lord Beaconsfield rühmte int Oberhause dem Kongresse, der eigentlich die Erhaltung der Türkei zur Ausgabe hatte, nach, daß ihr 30000 Quadratmeilen tm Bereiche des Balkan mit gutem Boden und loyalen Unterthanen wiedergegeben werde. Man mag das Werk des Berliner Kongresses noch so skeptisch beurteilen, so bleibt es doch unleugbar, daß es rhm gelungen war, die gefährliche Liquidation der Türket um Jahrzehnte hinauszuschieben. Wohl ließ der Kongreß manche Frage offen und in den 64 Artikeln des Berliner Friedensvertrages waren so manche, die den Keim künftiger Verwicklungen in sich trugen; wohl konnte nicht alles! Unrecht, nicht alles Gewalttätige vermieden werden, aber wenn ein Weltbrand 'verhindert werden soll, darf nicht darüber gejammert werden, daß die Axt des Feuerwehrmannes manches niederreißt, um dem Umsichgreifen der Flammen Einhalt zu tun. Der Kongreß hatte Bulgarien, das dem Wunsche Rußlands gemäß nach 485 Fahren als Großbulgarien wieder erstehen sollte, kleiner gemacht, indem er Ostrumelien als autonome türkische Provinz abtrennte. Die Vereinigung erfolgte zwar schon nach acht Jahren, inzwischen war doch dem russischen Einflüsse ein Riegel vorgeschoben. Die Wünsche Griechenlands, das vor dem Kongreß den hungrigen Mund sehr weit geöffnet hatte, wurden mit einer Zukunftsanweisung abgespeist, und erst im Jahre 1880 fand eine Konferenz in Berlin statt, die Griechenland fast ganz Thessalien und einen Teil Albaniens zusprach. Aber diese Nachoperation hatte den Vorteil, daß sie in einer politisch sicheren Zeit vorgenommen wurde. Man hatte dem Fürsten' Bismarck vorgeworfen, daß der Berliner Kongreß die Sanktion seiner „Blut- und Eisenpolitik" war. Mit Unrecht; während Rußland sür die ihm durch den Pariser Kongreß auferlegte Enthaltsamkeit mit Blut und Eisen gefügig gemacht werden mußte, waren die Einschränkungen des Berliner Kongresses Ergebnis bloß diplomatischer Strategik. Dem Genie Bismarcks ist es zu verdanken, daß im Jahre 1878 ein europäischer Krieg vermieden wurde und daß das gegen die Türkei siegreiche Rußland so manches Blatt aus seinem Lorbcer- kranz sich rauben lassen muhte. Diese Enttäuschung hat nicht wenig dazu Leigetragen, daß die russische Diplomatie ihr Augenmerk lebhafter als früher Asien zuwendete und seine Balkanhegemonie mit Oesterreich-Ungarn zu teilen bereit war. Das russisch-östreichische Abkommen vom Jahre 1897 war eine Spätfrucht des Berliner Kongresses. Otto Fein, kannten Kongreßbild von Anton v. Werner, weiches die Stadt Berlin zur Erinnerung an ihr Avancement in der Geschichte hatte machen lassen, ist Bismarck allerdings ohne Vollbart dargestellt. Er steht dort stolz aufrecht neben der eleganten Gestalt Andrassys, der die Uniform eines Honved- generals trägt und reicht pem auf ihn zutretenden Grafen Peter Schuwalow die Hand. Ties ist die Mittelgruppe. Tie Drei dominieren das Bild, das ihrem Verdienste um das Zustandekommen des Kongresses entspricht. Beaconsfield und Gortschakofs müssen sich mit einem Platze auf der linken Seite begnügen. Als Beratungssaal diente der große Festsaal im Mitteltrakte des Bismarckschen Palais. Der Saal hatte stattliche Timensionen — 69 Meter Länge, 16 Meter Breite — und war von einfacher Eleganz; zu ihm führte eine große mit Pflanzen geschmückte Freitreppe. Man betrat ihn durch eine als Garderobe eingerichtete Vorhalle, an die rechts die Appartements des Reichskanzlers stießen. Aus der Vorhalle gelangte man in einen Borsaal, der den Sekretären angewiesen war. Zwei andere Säle dienten den Kongreßmitgliedern als Konferenzräume für vertrauliche Besprechungen. Ter große Saal stand in Verbindung mit den Speisesälen, in denen Buffets für die Dauer des Kongresses aufgestellt waren. Zur ersten Sitzung, die einen vorwiegend formalen Charakter hatte, erschienen die Delegierten in Uniform, für die späteren Beratungen zog man das zwanglose Civil- kleid vor. Nur der letzten Sitzung wurde wieder durch Trageu der Uniform ein festlicherer Anstrich gegeben. In der ersten Sitzung stellte Gras Andrassy den Antrag, den Fürsten Bismarck mit dem Vorsitze zu betrauen, was selbstverständlich als Voraussetzung des Kongresses angenommen wurde. Ter Vorsitzende hielt darauf eine kurze Ansprache, an die sich eine Art Debatte knüpfte. Es soll dabei zu einer etwas gereizten Kontroverse zwischen Beaconsfield und Gortschakow gekommen sein. Um derartige Divergenzen zu vermeiden, hatte Fürst Bismarck den Kongreß- mitgliedern nahegelegt, sich vorerst vertraulich über strittige Fragen auseinanderzusetzen, damit bloß möglichst spruch? reife Angelegenheiten zur Plenarberatung gelangten. So fand denn ein fortwährender privater Gedankenaustausch zwischen den Diplomaten statt, wobei Fürst Bismarck unermüdlich den „ehrlichen Makler" machte. Tie diplomatischen Fäden wurden so von Wohnung zu Wohnung gej- sponnen und der Kongreß als solcher hatte dann nur diese Fäden zu verweben. Infolge dieser Zwischenberatungen fand die zweite Sitzung des Kongresses erst am 17. Juni statt; sie dauerte von 2 bis halb 5 Uhr nachmittags. Im allgemeinen umfaßte die Sitzungsdauer der Kongreßberatungen zwischen zwei bis drei Stunden. Tie dritte Sitzung wurde am 19., die vierte nach zweitägigem Intervall, die fünfte am 24. Juni abgehalten. Von da ab wurde ein etwas flotteres Tempo eingeschlagen und fast täglich konferiert. Im ganzen hielt der Kongreß bloß neunzehn Sitz- nngen ab, was mit Rücksicht auf das zu erledigende gewaltige Material eine geniale Arbeitseinteilung voraussetzt. War doch ckuch Fürst Bismarck der Leiter des Kongresses. Ter geniale Staatsmann, der wußte, wie leicht im gewöhnlichen seichten Tiplomatengeplätscher Fragen „versumpfen", hatte such geäußert, man müsse „unter Trommelwirbel" arbeiten. Ter Wiener Kongreß, bei dem allerdings die gesellschaftliche Ablenkung eine größere war, und dem auch eine kompliziertere Aufgabe vorlag, hatte vom 30. September 1814 bis zum 9. Mai 1815 gewährt. Gleich dem Berliner hatte der Pariser Kongreß für seine Arbeiten einen Monat — 25. Februar bis 30. März 1856 — gebraucht. Co glatt nun scheinbar die Kongreßberatung vor sich ging, weil alle Schwierigkeiten hinter die Kulissen verlegt wurden, so fehlte es doch nicht an mehr oder minder bedenklichen Reibungen. Einen Gegenstand der Kontroverse bildete auch die Zulassung der „kleinen Staaten" deren Vertreter sich nach Art römischer Menten um die Gunst des Kongresses bewarben. Man traf schließlich das Anskunftsmittel, einige von ihnen zu den ihre Länder speziell betreffenden Fragen vorzuladen. So konnten die griechischen, rumänischen und persischen Vertreter, feierlich eiugeführt, vor bett hohen Senat treten. Nachdem sie thr Sprüchlein gesagt, durften sie wieder abtreten. Eine