Freitag den 17. April. Nr. 56 1903. AM g ESS ^r^ÄrJ (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Für Clifford gab es nur einen Gegenstand in der Welt, und oa er von diesem nicht sprechen konnte, so wollte er überhaupt von nichts sprechen. Er saß verdrießlich zehn Minuten lang still da, der Unterhaltung der beiden andern keine Aufmerksamkeit schenkend, und nahm dann plötzlich Abschied von ihnen. Sobald er gegangen war, zeigte Conybeare große Erregung. ,>Da sieh", sagte er mit Entschlossenheit, „dieser Mensch wird durch seine Verblendung gegen die tolle Dirne zu Grunde gerichtet. Wenn wir es nicht in die Hand nehmen, die Sache auf die Spitze zu treiben, so wird er uns zuvorkommen und hingehen, und sie heiraten, oder sonst welche Torheit begehen. Wir haben es damit versucht, einen Amateurdetektiv hinzusenden, und es schlug fehl; laß es uns jetzt mit einem Mann von Beruf versuchen." Doch Willie wollte nicht recht daran. „Ich tue so etwas nicht eben gern", warf er ein. „Nimm an, daß das Mädchen es trotz allem nicht tat. Wir würden uns dann ziemlich klein vorkommen, nicht? Und dann würde Clifford noch rasender als jemals betört sein. Er würde mit der amtlichen Erlaubnis zur Eheschließung in der einen Tasche und mit einem Ring in der anderen hinfahren, und sie würde mit ihm im Nu als Mrs. King zurückkommen." „Nun und warum in aller Welt sollte er's nicht, wenn alles in Ordnung ist mit dem Mädchen?" sagte Conybeare gelassen. „Ich würde nichts dagegen zu sagen haben." „Wohl aber ich", beharrte Willie. „Wenn Du mich nicht überredet hättest, sie für eine Diebin zu halten, so würde ich sie gern zu Mrs. Jordan gemacht haben! Und wenn sie sich unschuldig erweist —" „Das wird sie nicht", antwortete Conybeare gelassen. „Ich bin nicht verliebt in das Mädchen und kann daher mit klaren Augen sehen. Sie ist aber so verwünscht verschlagen, daß es eines geriebenen Burschen bedürfen wird- um sie zu überführen. Ich werde mich morgen an ein Untersuchungsamt wenden." Obschon beide Freunde bemüht waren, dafür Sorge zu tragen, daß die Ausführung dieses Beschlusses nicht Clifsord zu Ohren käme, so war der junge Gerichtsadvokat doch scharfblickend genug, um zu erraten, daß da sie nun schon erfolglos so weit gegangen wären, sie sich bewogen finden würden, noch weitere Schritte zur Rechtfertigung ihres Scharfsinns zu unternehmen. Er war so völlig überzeugt von einem neuen Versuch, die Schuld der Diebereien Nell nachweislich aufzubürden, daß er sich am Ende der Woche nach Courtstairs begab und am Morgen des darauffolgenden Sonntags nach dem „Blauen Löwen" wanderte, in der Absicht, Nell warnend anzukündigen, daß sie und ihr Onkel wahrscheinlich noch weiteren Belästigungen derart ausgesetzt sein würden wie die, unter denen sie unlängst gelitten hatten. Sein Weg führte ihn iiber Shingle End, und als et sich dem Hause des Obersten Bostal näherte, überholte er den alten Herrn mit seiner Tochter auf dem Rückwege von der Kirche. Der Oberst, der Clifford erkannte, als dieser nur den Hut abzog und vorübergehen wollte, bat ihn, zu warten. „Nein, nein", sagte er gutgelaunt, „wir bekommen hier unten zu dieser Zeit des Jahres nicht so viele Besucher aus London, als daß wir darein willigen könnten. Sie so vorüberzulassen." Miß Bostal war jedoch weniger herzlich Sie bot ihm nicht die Hand zum Willkommen dar und musterte mit offenem Mißfallen seinen Sommeranzug und niedrigen Hut. „Ich fürchte", sagte Clifford, „daß Miß Bostal denkt, ich hätte nicht genug Sachen mit mir von London hergebracht." Der Oberst lachte und sagte, sie wollten darüber hinwegsehen. Die gezierte kleine Dame sagte aber eisig: „Ich weiß, daß heutzutage die jungen Leute die Dinge leicht nehmen. Es ist so Mode. Man Pflegte es aber sonst fast für anstößig zu halten, einen Gentleman Sonntags nichK in Frack und hohem Hut zu sehen. Ich bin altmodisch und vorurteilsvoll, wie ich vermute, allein —" Der Vater unterbrach sie jedoch „Gerechter Himmel, Theodora, wenn Du altmodisch bist, was müßte denn ich sein? Und ich würde doch Mr. King für sehr thöricht halten, wenn er auf einer Landstraße in seinem Bont-Street-Staate Sonntags oder an einem anderen Tage spazieren gehen wollte." „O, so bin nur ich's, die töricht ist", entgegnete Miß Theodora. „Ich vermute, der Geistliche bemerkte es nicht einmal; er wird an dergleichen Dinge heutzutage zu sehr gewöhnt. In meinen jungen Jahren würde sich ein Vikar aber beleidigt gefühlt haben, wenn irgend ein Mitglied der. oberen Klassen beim Gottesdienste in solch einem Anzug erschienen wäre." Selbst der Oberst, mutmaßlich an die seltsamen Einfälle seiner Tochter gewöhnt, war über diesen scharfen Ton ihrer Rede erstaunt. Clifsord, der kaum auf eine Antwort vorbereitet war, fühlte sich sehr erleichtert, als sie, sich mit Küchenangelegenheiten entschuldigend, ihn mit ihrem Vater allein ließ. Als die magere Gestalt in einem seltsamen altmodischen 1 Anzug von vor fünfundzwanzig Jahren, die Röcke in der •222 — alten Manier mit beiden Händen emporgehoben, in das Haus verschwand, lachte der Oberst still vor sich hin. „-Ich brauche, denk' ich, nicht um Entschuldigung für meine Tochter zu bitten", sagte er mit einem Zwinkern des Auges. „Die Frauen verknöchern noch schneller als wir, wie Sie wissen." „Ich fing wirklich an, mich etwas zu fürchten", sagte Clifford. „Ich überlegte, was wohl geschehen würde, wenn mir die Tatsache entschlüpft wäre, daß ich diesen Morgen gar nicht in der Kirche gewesen bin." „Sie wußte das, wie. ich mir vorstellte, ebenso gut wie wir", sagte der Oberst, „Der Vikar erlegte uns aber diesen Morgen eine Stunde und zehn Minuten auf; darum war sie vernrutlich so bitter." „Ich sehe nicht ein, warum sie ihren Gefühlen gerade gegen mich Luft gemacht haben sollte", murmelte Clisford. Ter alte Herr blieb aber plötzlich stehen. Er war mit Clisford in der Richtung auf den „Blauen Löwen" weitergegangen." „Ich hab' es!" rief er mit Neberzeugung aus. „Es ist wegen Nell Claris, ihre kleine Protegs. Meine Tochter ist sehr entrüstet über die Art, in der. das Mädchen kürzlich verfolgt worden ist, und ich vermute, sie glaubt, daß Sie etwas damit zu tun gehabt haben." „Dann hat sie tatsächlich unrecht!" rief Clisford hitzig. „Niemand ist ausgebrachter darüber als ich Und Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich heute zu dem Zwecke hierhergekommen bin, Nell zum zweitenmale zu bitten, mein Weib zu werden." Der alte Herr hörte mit lebhaftem Interesse zu. „Kommen Sie mit mir zurück, treten Sie für eine Minute bei mir ein", sagte er mit ebenso großer Erregung, wie sie der junge Mann selbst gezeigt hatte. „Theodora wird bereit sein, Sie zu umarmen, wenn sie es hört." „Sagen Sie Miß Theodora", sagte er, „daß ich sehr dankbar dafür wäre, an mein Herzensmädchen zu glauben. Ich nenne sie mein, obschon sie mir nicht das Recht dazu geben will. Ich habe aber die Hoffnung nicht aufgegeben, und werde es nicht, selbst wenn sie mich jetzt wieder aus-- fchlägt." Doch war es mit nur sehr geringer Zuversicht in die augenblicklichen Aussichten auf Erfolg, daß Clisford, nachdem er sich von dem Obersten verabschiedet hatte, kräftig dem kleinen Gasthofe weiter zuschritt. Er hatte drei- oder viermal an Nell geschrieben, ohne eine einzige Zeile der Erwiderung darauf zu erhalten. Sie hatte seine Briefe zwar nicht zurückgeschickt, sie mußte sie angenommen und sie wahrscheinlich gelesen haben. Hätte in dieser Tatsache für ihn eine Hoffnung gelegen, so würde er den Gedanken daran in seinem Herzen gehegt haben. Wenn er jedoch die Ausdrücke in Betracht zog, in denen er an sie geschrieben, die Wärme, mit der er sie gebeten hatte, ihn kommen und sie besuchen zu heißen, so sand er darin nur sehr geringe Ermutigung. Er war glücklicher, als er zu hoffen gewagt hatte, denn als er über die kleine Brücke kam, die den Fluß überspannte, sah er Nell selbst sich von der entgegengesetzten Seite dem Hause nähern. Sie hatte in der Hand ihr Gebetbuch und kehrte augenscheinlich von Stroan zurück, wo sie in der Kirche gewesen war. Sie sah ihn ebenso bald wie er, hielt inne, wurde blaß und wendete sich ein paar Schritte nach links, augenscheinlich in der Hoffnung, hinter einer Gruppe von Hütten, die zwischen ihr und dem Gasthofe standen, entkommen zu können. Doch Clifford war für sie zu schnell. Sie sah an dem Schritte, mit dem er sich näherte, daß der Versuch, ihm auszuweichen, vergeblich sein würde, daher sie ihn wieder ausgab und festen Schrittes weiter mit zu Boden gerichteten Augen ging. „Miß Claris! Nell!" sagte er mit leiser Stimme, als er sie erreichte. Nur für einen Augenblick erhob sie die Augen zu seinem Gesicht, und er sah, daß eine große Veränderung in dem Mädchen platzgegriffen hatte, seit er sie zum fttztenrnale gesehen. Ein düsterer Ausdruck war in ihrem Gesicht und Wesen, die ihm früher als ihr größter Rerz erschienen war. Und das Herz schlug ihm heftig, als er bedachte, daß dieser Wechsel, toenn auch unbeabsichtigt, von ihm über sie gebracht worden wäre. „Sie sind nicht erfreut, mich zu sehen, wie ick bemerke", fing er hastig an, als er umkehrte und mit ihr Schritt hielt. „Natürlich hatte ich kein Recht, zu erwarten, daß Sie es fein würden. Gleichwohl hoffte ich es." Sie gab keine Antwort. „Sie haben meine Briefe erhalten?" „Ja", antwortete Nell in einem Tone, in dem er erstaunt war, ein Leben zu entdecken. „Sie wissen, daß ich Sie bat, mich kommen zu lassen?" „Ich — ich schrieb Ihnen aber nicht, daß Sie's tun möchten." Ihr Ton war, wie er meinte, nicht zornig. „Nun, ich wartete so lauge, wie ich's vermochte. Doch, Nell, ich fühlte mich gar zu elend, um länger zu warten. Und jetzt, da ich Sie sehe, und sehe, löte verändert Sie aussehen, und bedenke, daß es meine Schuld ist, ist mir zu Mute, daß ich mich hängen könnte." Er hoffte, sie würde etwas sagen, doch tat sie es nicht. Nach kurzer Stille bemerkte er, daß eine Träne au ihrer Wange hevablief. „O mein Liebling!" brach Clifford, unfähig, sich länger zurückznhalten, ans-, „wollen Sie mich denn nicht heiraten und von hier fortnehmen lassen? Sie kennen mich jetzt lange genug, oder nicht?" Nell aber schüttelte den Kopf. „Ich würde nie irgendwen heiraten, bevor diese Diebstahlsgeschichten aufgeklärt sind", antwortete sie fest. „Und können Sie uns nicht behilflich sein, sie ausfindig zu machen?" Bei diesen Worten veränderte sich ihr Gesicht, sie blickte zu ihm mit dem Ausdruck zornigen Trotzes empor. „Das also ist's, weshalb Sie hierher kamen — zu sehen, ob ich Ihnen irgend etwas sagen und Ihre Neugier be- friedigeu könnte, ohne daß Sie sich weiter ^u bemühen brauchen, neue Kundschafter herzusenden!" rief sie, die Worte mit atemloser Schnelle hervorstoßend, während ihr ganzer Körper von Kopf bis zu Fuß zitterte. „Nein, Mr. King, ich weiß nichts, und wenn ich auch etwas wüßte, würde ich's Ihnen nicht sagen. Sie haben einmal angefangen, die Sache auf Ihre Art auszuspähen, Sie mögen nun auch auf Ihre Art damit fertig werden." „Nell, Sie glauben doch nicht, daß ich mit diesem nichtswürdigen Handel irgend etwas zu schaffen habe? Nein, nein! Das können Sie nicht. Bin ich doch gerade nur deshalb gekommen. Sie vor einem neuen Sendling zn warnen. Das heißt, ich weiß nichts Gewisses darüber, ich vermute es nur. Doch hielt ich's für Pflicht, es Sie wissen zu lassen." Statt dankbar für diese Mitteilung zu scheinen, saßte sie Nell sichtbar als neue Beleidigung auf. „Warum müßten Sie mich denn wohl warnen?" fragte sie, und die Blässe ihres Gesichtes wich plötzlich einer Röte des Zorns. „Vielleicht um meinen diebischen Gelüsten Einhalt zu tun, bis der Mann wieder fort ist?" „Nell! Nell! Wie können Sie nur! Sie würden es nicht, wenn Sie wüßten, wie sehr es mich leiden macht." „Leiden? O, es liegt viel daran, was Sie leiden, nicht? Wenn es aber nur die Nichte eines Gastwirts ist, die da leidet — wen kümmert das wohl? Und doch hätte man glauben sollen — man hätte glauben sollen —" Sie brach völlg zusammen und in heftiges Weinen aus. Clifford war wenigstens ebenso unglücklich wie sie, unfr auch seine Augen waren feucht, als er sie vergeblich zu trösten versuchte. Endlich gelang es ihm doch, indem er ihr das Geständnis abrang, sie hätte niemals wirklich geglaubt, daß er an der Wschickuug des Amateurdetektivs Jack Lowndes beteiligt gewesen wäre. Was die Ankunft eines neuen betraf, die Clisford in Aussicht stellte, so zuckte sie! nur die Achseln darüber, nachdem sie etwas ruhiger geworden war. „Lassen Sie ihn nur senden", sagte sie unbekümmert. „Ich will nicht einmal meinen Onkel bitten, ihn nickt bei sich aufzuuehmen, selbst wenn ich errate, wer er ist. Es mutz ja doch alles ans Licht kommen,, und je eifrigen? sie ihre Nachforschungen anstellen, desto rascher wird es vorüber sein." Als sie nun ganz ruhig geworden war und nicht mehr weinte, machte Clisford noch einen Versuch, ihre eigene wirkliche Ansicht der rätselhaften Geschichte kennen zu lernen. Sie war freundlicher gegen ihn geworden und hatte ihn von aller Schuld losgesprochen. Um ihrer selbst willen mußte er von der Gelegenheit Nutzen ziehen. Und wieder, als er die Frage nun an sie richtete, 225 bekam das Gesicht des Mädchens den seltsamen Ausdruck, als ob eine sie heimsuchende dunkle Erinnerung ihren Geist gestört hätte. „Ich erkläre Ihnen seierlich, daß ich ebensowenig eine bestimmte Meinung darüber habe wie Sie. Doch will ich gestehen, daß ich früher eine schrecklichje Art von Halbvorstellung hatte —" „Und Sie wollen mir nicht sagen, von welcher Art diese tzalbvorstelluug war?" unterbrach Clifford sie eifrig. „Nein", sagte Nell fest. „Und jetzt?" fuhr Clifford fort. „Jetzt habe ich ebensowenig eine Idee, wer's getan, wie Sje selbst eine haben. Anfangs versuchte ich, mir Vorzustellen, daß dieser Mr. Lowndas sich, den Kopf voll Räubergeschichten, schlafen gelegt und die lange Geschichte, die er uns dann erzählte, geträumt hätte. Allein je mehr ich über die Art, wie er sie erzählte, nachdachte, desto mehr fühlte ich mich gedrungen, zu glauben, daß es trotz allem kein Traum war. Und doch —" „Sie sahen durch Ihr Zimmer niemand außer ihm gehen?" „Memand", erwiderte Nell mit Nachdruck. „Könnte es nicht die Magd, das Mädchen, das ich am Schenktisch gesehen habe, gewesen fein?" deutete Clis- ford mit gedämpfter Stimme au. Nell lächelte traurig. „Die arme Meg? Nein. Sie hat seit fünfzehn Jahren im Dienste meines Onkels gestanden, und Sie wissen, daß, wie man sagt, erst neuerdings, tatsächlich erst seit ich hier bin", und wieder wurde sie hochrot, „die Diebstähle begangen worden sind. Ich schäme mich sagen zu müssen, daß ich in jener Nacht, in der Mr. Lowndes seine Geschichte erzählte, in der armen Meg Kammer ging, gerade — gerade nur um zu sehen, ob sie darin war. Und sie lag fest, wirklich fest, nicht verstellt, im Schlafe da. Ich stellte sie mit einem angezündeten Licht, das ich ihr vor die Augen hielt, auf die Probe — Sie sehen, daß ich in Verzweiflung war —" fügte sie zur Entschuldigung hinzu. „Und dann ging ich sogar noch hinunter und warf einen Blick auf die alte Nannte!" Und Nell sah tief beschämt über das, was sie ein- gestand, aus. (Fortsetzung folgt.) Allerlei Vorbereitungen für die Schulzeit. Pädagogische Betrachtung von Ernst Hauser. (Nachdruck verboten.) Mit recht verschieden gearteten Anschauungen, Gefühlen und Wünschen blicken die Eltern, oder richtiger wohl gesagt die Mütter, — denn die Väter geben sich mit so „nichtigen" Dingen nicht ab, — aus den Beginn der Schulzeit. Tie einen betrachten die Schule als eine Entlastung ihrer eigenen Mühen, Sorgen und Tätigkeit; sie sagen sich: nun mag der es erziehen, ich bin es für den größten Teil des Tages los. Dem Himmel sei Dank! Andere Mütter wieder denken: Jetzt geht mein süßes Nesthäkchen in die Schule; nun wird es mir entfremdet. Bisher war ich seine einzige und beste Freundin; jetzt aber lernt es andere Kinder kennen, und der Lehrer und die Lehrerin, alle nehmen sie nun insgesamt den Platz im Herzen des Kindes ein, den ich bisher ganz allein ausfüllte. Jetzt bin ich wieder kinderlos. Und dann wieder giebt es Mütter, die sagen sich: Nun muß ich aber tüchtig aufpassen auf meinen Jungen, daß er stets fleißig und bald erster ist, und muß mit ihm arbeiten und büffeln und ochsen, daß er vorwärts kommt. Und es gibt noch viele andere Mütter, die noch anders denken, aber nur wenige, die das richtige sagen und denken und wünschen. Diejenigen Mütter, die da glauben, daß der .Lehrer ihnen vom Beginn der Schule ab die Pflicht der Erziehung abnehme, fehlen sehr. Im Gegenteil, die Pflichten der Eltern für die Erziehung der Kinder sind nach meiner Ansicht zu verdoppeln, denn bisher hatte die Mutter nur auf dre Einflüsse -zu achten, welche auf das Kind im engen Nahmen des Hauses eindrangen, jetzt aber hat sie das Kind vor zahllosen fremden Einwirkungen zu schützen, sie hat die schlechten Zuflüsterungen von Mitschülern wieder wett zu machen, und das, was mancher Lehrer oder Lehrerin am Kinde etwa verderben könnte, denn nicht jeder Lehrer ist ein Gott und nicht jeder Lehrer kann daher auf die Eigen-, tümlichkeiten jedes einzelnen Kindes eingehen; er kann leicht einen Charakterzug des einen Kindes verkennen, seine bescheidene Zurückhaltung zum Beispiel für Faulheit halten und kann dementsprechend des Kindes Entwickelung in falsche Bahnen lenken. Auf alles dies und noch tansend Tinge mehr hat eine gute Mutter, welcher die Erziehung ihres Kindes am Herzen liegt, zu achtelt. Und es haben daher auch jene Mütter unrecht, die da klagen, daß ihnen die Schule ihr Nesthäkchen entreißt und dessen Vertrauen raubt. Im Gegenteil, sie sollen noch mehr das Vertrauen ihrer Kinder behalten und sich zu erhalten suchen, was freilich nicht dadurch geschieht, daß sie die Kinder strafen, wenn sie von dem Lehrer einen Verweis oder eine schlechte Note erhielten, sondern eher dadurch, daß sie liebevoll mit ihren Kindern noch einmal die Leiden und Freuden der Schulzeit durchleben, ihre kleinen Schulnöte mit ihnen mitempfinden und alles mit den Kindern liebevoll durchsprechu, was das Herz ihrer Kleinen bewegt. Und vor allem auch haben diejenigen Mütter unrecht, welche ihren Ehrgeiz darein setzen, daß ihr Junge der erste sei. DieseSchülmnsterknaben sind nicht immerMustermenschen geworden, nnd ich brauche hier nicht die zahllosen Genies vorzuführen, die eS in allen Ländern gab, hervorragende Männer und Frauen aus allen Berufssphären, die in ihrer Schulzeit nicht ihre glänzende Zukunft verrieten. Denn die hervorragende Schulbegabung ist oft nur das Resultat eines guten Gedächtnisses und hat mit der Entwickelung des Verstandes und Geistes des Kindes nichts zu tun. Gerade dieser falsche Ehrgeiz der Mütter hat das so gefährliche Beurteilen der Kinder nach ihrem erlernten Wissen gezeitigt, ohne auf ihr Können und Verstehen Wert zu legen. Die Mütter verlangen zu wissen, welchen Rang das Kind in der Klasse einnimmt, dieser Rang kann naturgemäß nur be- stinimt werden nach dem Grade des Wissens der einzelnen Kinder. Ob dieses Wissen aber lediglich vermöge eines guten Gedächtnisses erworben und verständnislos herge- plapppert wird, oder ob es gepaart ist mit der Intelligenz des Schülers, vom Verstand geistig ausgenommen wird, das kommt bei der Rangausmessung in der Klasse nicht zum Ausdruck, kann nicht zum Ausdruck koinmen. Der Lehrer kann z. B. nur in der Geschichte das Wissen des Kindes erforschen dadurch, daß er die Geschichtszahlen abfragt; ob diese nun der mit einem guten Gedächtnis, aber geringer Intelligenz begabte Schüler zusammenhanglos gelernt hat und herzuplappern weiß, oder ob ein anderer geistig mehr begabter Schüler den geschichtlichen Vortrag des Lehrers in sich aufnahm und aus diesen: Können heraus das Wissen der Geschichtsdaten entwickelt, kann der Lehrer nicht immer bestimmen, und selbst wenn er dies im einzelnen Falle vermag, bei der Rangabmessung in der Klasse kann er Unterschiede nicht machen, da muß das Ergebnis des Wissens ganz allein bestimmend sein, und jener einfältige Nachplapperer kommt auf den ersten Platz, ivenn er vermöge seines mechanischen Gedächtnisses die Zahlen besser am Schnürchen hat, als jener andere, der int Leben aber wiederum besser bestehen wird, als der Gutwisser; denn im Leben gilt immer das Können höher als das Wissen. Daher legt denn auch mit Recht die moderne Schule immer weniger Wert auf die Rangordmmg in der Klasse, auf die Zensuren nnd die Examina und betrachtet sie als das, was sie im günstigsten Falle sind, als notwendige Nebel. Haben wir aber nun gesehen, toaS die Mütter alles im Hinblick auf den Schulbegiuu beuten, was verkehrt, unnötig oder gar von Nebel ist, so findet man leider nur höchst selteu Mütter, die das rechte denkeu, die auch nur einmal auf 'ben Gedanken kommen, das Kind auf den Schulbeginn vorzubereiten, es sei denn, daß sie es in der falschen Weise täten, mit dem Kinde schon ein Jahr vorher das Einmaleins zu studieren, damit ihr Musterkindlein in der Schule recht bald die anderen Kinder überflügle. Das ist, wie schon gesagt, vollkommen unnötig, ja oft geradezu schädlich Denn ein Kind, das an häusliches Vorarbeiten gewöhnt tst, wird in dem Augenblicke nicht mehr verwärts kommen, wo dieses Vorarbeiten versagt, und einmal wird es ja und muß es aufhören. Viel wichtiger erscheint mir im Gegenteil, das Kind daran bei Zetten zu gewöhnen, daß es für sich allein steht, daß es in die Schule ganz allein fortzukommen hat, daß es sich nicht mehr auf die Hilfe anderer verlassen kann nnd daher anfpassen und die Ohren spitzen muß. 224 — Vermischtes. Aus der Sammlung von Briefen des Fürsten Bismarck an seine Gattin während des Krieges 1870/71, die in der „Gartenlaube" zurzeit erscheinen, sei das folgende Schreiben abgedructt: „Clermont, 28. Aug. 70. Mein geliebtes Herz ich schickte Dir heut einen Bleibrief eilig durch den Feldjäger, jetzt am Abend habe ich Zeit und meine Gedanken tuenden sich zu Dir, ich schreibe in Vorrat, weil ich- nicht weiß, ob in den nächsten Tagen Zeit dazu sein wird. Ich hoffe, daß wir morgen aufbrechen, es werden nur noch Meldungen erwartet von denen die Richtung abhängt. Sehr nett ist es hier nicht, mit dem einzigen Binsenstuhl, Generalstab mit Nachtdienst unter mir, Bureau mit dito über mir, 20 Leute, die in dem dünnen schallenden Hause wohnen, 5 schreiende Kinder neben mir, und nicht einmal ein-----; man muß sich daran gewöhnen, angesichts des Publikums schamlos zu Verfahren wie es eben geht und die Schildwachen zu bewegen, daß sie wenigstens nicht mit präsentiertem Gewehr dabei stehen. Verzeih dieses Detail, aber es ist mir die unangenehmste der kriegerischen Entbehrungen. Seit dem 19. habe ich keine kriegeJa, während man zu dem großen Tage, da das Kind zum ersten Male das Elternhaus verläßt und ins Leben tritt, in ganz andere Verhältnisse, unter vollständig fremde Menschen, während man zu diesem Tage alles daransetzen müßte, das Kind so vorhubereiten, daß es ein wenig selbständig ist in seinem Handeln und Denken, vergißt man diese wichtigste Vorbereitung ganz und denkt nur an das Einstudieren des Einmaleins und anderer Kenntnisse. Wie viele Kinder giebt es, die sich in der Schule noch nicht einmal ihr Mäntelchen allein aus- und anziehen können! Wie viele, die nickt den Weg von und zur Schule allein gehen können! Wie vielen Kindern muß noch jeden Morgen die Mutter die Schulmavpe packen, damit sie nichts vergessen! Und dies letztere rst sogar noch bei sehr vielen Kindern der Fall, die über die unteren Klassen weit hinaus sind. Bei allen solchen Dingen haben die Vorbereitungen für die Schulzeit vor allen Dingen einzusetzen. Aber auch das soll mit Vernunft geschehen. Man soll zum Beispiel beizeiten die Kinder an ein pünktliches und frühes Aufstehen gewöhnen und nicht etwa, wie es viele Mütter tun, den Kindern vor der Schulzeit sagen: „Jetzt dürft Ihr nock recht lange schlafen; später müßt Ihr armen Würmer ja ohnedies früh aufstehen!" Dies so oft beobachtete, durchaus falsche Treiben hat zur Folge, daß das Kind die Schule vom ersten Tage an als eine lästige Quälerei empfindet; daß es, ungewohnt des zeitigen Aufstehens, schläfrig und müde während des Unterrichts ist. Aber die unklugen Mütter tun noch mehr, als Vorbereitung für die Schulzeit, den Kindern die Schule so viel wie möglich zu verekeln. Insbesondere Knaben wird, wenn sie einmal unartig sind, zugerufen: „Na, warte nur! Wenn Du erst in der Schule bist, da wirst Du schon stillsitzen lernen! Der Lehrer wird's Dich schon lehren! Da mußt Du artig sein, oder Du kriegst Prügel!" So empfängt das Kind von der Schule, bevor es dieselbe aus eigener Anschauung kennen lernt, den Eindruck einer Stätte des Grauens und Schreckens, vor der es mit Recht Furcht und Widerwillen haben muß, und im Lehrer, den es als Freund ansehen, zu dem es mit Liebe und Vertrauen aufblicken soll, sieht es nur den Rohrstock schwingenden Schulmeister, gegen dessen strenge Zucht es sich unbewußt auflehnt, bevor es ihn noch kenne» gelernt hat. Diejenige Mutter, die ihr Kind recht vorbereiten will für die Schulzeit, wird es nicht unnötig mit Lernen plagen, sondern das Beibringen der Elementarkenntnisse getrost dem Lehrer überlassen, der es denn doch noch besser versteht, als die Mutter, und wird dem Kinde die Schule als diejenige Stätte schildern, mit welcher die herrlichsten Freuden der Kindheit verknüpft sind, wenn man seine Pflicht redlich erfüllt. rischen Erlebnisse in meiner Nähe beobachtet, ziemlich viel politische Arbeit, einige sächsische Kavallerie-Gefechte, Märsche und Gegenmärsche, mit denen wir uns bemühn die Franzosen zum Stehn zu bringen, d. h. Mac-Mahon; die Hauptarmee, die Bazaine's, ist in Metz eingeschlossen, und wir haben zu verhüten, daß die andere unter Mac-M. sie bereit. Deshalb der Marsck von Bar-le Duc hierher, und vielleicht weiter nach Norden. Diese strategischen Operationen sind von weniger unmittelbarem Interesse für Euch wie die Schlachten, aber sie bereiten das Schicksal der letzteren vor. Das Regenwetter greift die Jnfanteriestiefol an und das ist eine ebenso wichtige Frage wie eine Schlacht; auch in der Marschierfähigkeit zeigen sich die Deutschen den für ihre Leichtfüßigkeit bekannten Franzosen überlegen, und wir sind nicht nur besser mit Schuhzeug versehen wie die Gegner, sondern haben auch bessere Beine darin stecken. Ich muß jetzt zum Thee zum Könige, um ihm den langen Abend verleben zu helfen; morgen füge ich einige Zeilen hinzu, falls wir nicht zu früh aufbrechen, ich werde es beim Könige erfahren." In einem Briefe aus Pont ä Mousson vom 17. August heißt es mit bezug auf den Kampf bei Marslatour: „Die 3 Schwadronen, die attaquierten, verloren 12 Offiziere, Leute noch ungezählt. Jeoer ein Held! Die 3. Husaren, 13. und 16. Ulanen und meine armen gelben Kürassiere haben bei den unsinnigen und unmögnchen Kavalierie- Attaken, die Voigts-Rheetz befohlen, Vs ihrer Leute und alle mehr als die Hälfte der Offiziere verloren. Ich will nach Gottes gnädiger Erhaltung unserer Beiden nicht bitter sein, aber die Führung der 1. und 2. Armee ist ungeschickt tm Mißbrauch der todesmutigen Tapferkeit unserer Leute, nur Faust, ohne Kopf, und doch siegen wir. Wir haben aber soviel, Offiziere namentlich, wie wir verlieren, nicht übrig, wenn wir noch nach Paris wollen. Es ist Verschwendung der besten Soldaten Europas. Moltke ist gut, aber Steinmetz kein Feldherr!" Zur Geschichte des Landesvaters führt Dr. FabricinS in den Akademischen Monatsheften unter „Beiträgen zur Korpsgeschichte" interessante Belege für die Sitte des Hutdurchstechens mit dem Landesvater und dem Brnder- schaftsmachen an. Otto Günther teilt in seinem Aufsatz „Zur Geschichte des Leipziger Musenkrieges 1768" über die Unruhen in Plagwitz am 28. Juli 1768 aus einem gleichzeitigen Bericht mit: „Sie (die Leipziger Landsmannschaften) schwärmten einige Stunden nacheinander, sangen alle ihre Lieder, besonders den Landesvater, während welchem die Hüte wie gewöhnlich auf die Degen gestochen und an die Stubendecke nack der Reih gesteckt wurden, biß nach Mitternacht." Der zweite Beleg hat ein literarhistorisches Interesse; er findet sich in den Briefen von Johann Heinrich Voß, herausgegeben von Abr. Voß I S. 95. Voß schreibt an Brückner, Göttingen, den 3. November 1772 über den Abschiedsschmauß des Engländers Rodney, zu dem er (Voß) hingerufen wurde: „. . . Bis um Mitternacht cham- pagnerten und burgunderten wir und nun gingen wir mit Musik aus, Ständchen zu bringen. . . Nun mußte noch ein Landesvater gemacht werden, der erste für mich. In einer halben Stunde hatte ick Grafen und Freiherrn und meinen Bote zu Brüdern. Den letzten hätten Sie sehen sollen, mit dem behüteten Schwert in einer und dem Hut in der anderen Hand, wie er sein „Landesvater" hersang. Er konnte nicht Melodie halten und ich sang mit ihm. Glock drei schlichen wir beide uns weg und schliefen bis halb sieben, wo uns die Herren Brüder aufweckteu."- Zahleurätsel. (Nachdruck verboten.) 12 3 4 5 6 Freude der jungen Damen. 2 8 8 5 6 Deutscher Fluß. 3 5 2 Altbiblis - er Name. 4 2 6 Mächtiger Fürst. 5 3 3 2 Borname. 6 2 2 Teil der Schiffsausrüstung. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Charade in vor. Nr.r Fußball. Redaktion: Auciust Göb. — Rotationsdruck und Berloa der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckcrci iMetsch Erben) in Gießen.