Mittwoch den 16. Dez möer. BH MW K < »fe'.'H «W $:':. SÄRSsgääill ^®Hls MÄ n (Nachdruck verboten.) Wotans Werloßung. Novelle von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Er streckte ihr abermals die Hand entgegen; er wußte nichts anderes zu tun. „Also nochmals auf gute Freund- sä),ast", sagte sie und legte die ihre hinein. Und auf Wiedersehen." „Auf Wiedersehen." Sie wandte sich ab und ging in ihrer vornehm sicheren Art auf eine kleine, kränklich aussehende Dame zu, die eine doppelte Brille vor den matt blickenden Augen trug und sich auf einer der Bänke im Garten sonnte. Rauchmann blieb noch einen Augenblick stehen und schaute Edith nach. Sie war wirklich sehr stattlich und vornehm, und klug war sie auch, das hatte ihr Urteil über ihn und seine Kunst bewiesen. Es gefiel ihm mit einemmale ausgezeichnet hier in Fasano; die Sonne schien so warm, und jetzt bemerkte er plötzlich auch einen süßen Blüten- duft, der die Luft erfüllte. Der mußte wohl von den riesigen Goldlackstauden kommen, die auf mehreren Beeten in voller Blütenpracht standen. Die Blumen kannte er; Gelbveigelein hießen sie dort bei ihm zu Hause. Damals hatten sie gerade geblüht, als er zum erstenmale liebte und das Mädchen im Schullehrersgarten küßte, — das Mädchen, das er dann verlassen hatte um seiner Kunst willen. Langsam stieg er die Treppen hinan, deren braune, rotgeränderte Läufer sicn von den weißen, steinernen Stufen freundlich abhoben. Etwas wie Heimweh war in seiner Brust, und doch zugleich etwas Freudiges, als hätte ihm jemand einen großen Wunsch erfüllt. Ein Gefühl wachte in ihm auf, nicht völlig neu, doch lange, lange vergessen, fast noch schöner jetzt, da sich's wieder regte. Bon seinem Zimmer trat er gleich auf den Balkon hinaus. Edith stand noch unten und sprach mit der kränklichen Dame. Das Sonnenlicht strömte über Erde und Wasser, wärmte und blitzte und drang in die Seelen hiüein. Und aus dem Lichte empor stieg auch bis hierher der Blütendust der Gelbveigelein, einer goldnen Wolke gleich, ein Willkommengruß des glüMchen Landes, in dem schon im Februar solche Blumen so duften. Ja, Italien war wirklich nicht so übel! Es war am dritten Tage nach der Versöhnung Ediths mit Rauchmann. Sie fühlte sich seit jener Stunde wieder frei und leicht, im glücklichen Gleichgewicht der Seele. Bei Tisch unterhielt sich der Sänger nun lebhaft und liebenswürdig mit seinen Nachbarinnen, die von der übrigen Tafelrunde wegen dieses Vorzugs bekrittelt und beneidet wurden, seit bekannt geworden war, welch berühmten! Künstler das „Hotel Gigola" gegenwärtig barg. Nur der „Sopra" schrie noch lauter als sonst, weil er fürchtete, durch Rauchmanns Ruhm verdunkelt zu werden. Tie Sonne war jeden Tag wieder hell und freundlich am blauen Himmel emporgestiegen, und so verlief das Dasein in angenehmer Harmonie. Nur zuweilen fühlte sich Edith durch eine Aeußernng des Sängers verletzt, die ihr früheres Urteil über die Selbstsucht und Eitelkeit der Künstler zu betätigen schien; doch bemühte sie sich redlich, solches Empfinden rasch wieder zu besiegen, und toemt es nicht gleich gelingen wollte, dann flüchtete sie sich in die Einsamkeit der Berge, auf ihre alten, oft betretenen Lieblingswege, die sie begrüßte wie gute Freunde nach langer Trennung. Ihre Mutter konnte sie ans diesen oft steil in die Höhe führenden Pfaden nicht begleiten. Als bei Tisch einmal die Rede daranlf gekommen war, hatte sie zu Rauchmann gesagt: „Nein, nein, ich bleibe hübsch unten! auf der Landstraße, womöglich zu Wagen. Es ist kein Vergnügen, mein Gewicht da hinauf zu schleppen, und! dann will ich auch die schöne Landschaft nicht verschandeln, — Sie wissen wohl, was die Münchener unter „verschandeln", verstehen? Ich wäre ja doch nur ein großer Fettfleck in der Natur!" Mit gutem Humor pflegte sie selbst über ihr körperliches Mißgeschick so zu scherzen, und auf einen höflichen Einwand des Säugers hatte sie mit einem Seufzer erwidert: „Daß es lästig ist, eine so gewichtige Persönlichkeit in der Welt zu spielen, ist noch das wenigste, aber daß man immer lächerlich wirkt, daran muß man sich erst gewöhnen." Da hatte nun Rauchmann mit gutem Gewissen widersprochen und „auf Grund eigener Anschauung" versichern können, daß man auch mit solcher Eerfcheinung sehr wohl noch Vornehmheit, Würde und eine gewisse Anmut bereinigen könne. Die Generalin hatte sich lachend gegen seine Behauptung gewehrt, aber sie hatte sich doch ersichtlich angenehm berührt gefühlt und war seitdem noch freundlicher gegen den Sänger als zuvor. Ta sie die Bergwanderungen nicht mitmachte, so hatte die schwerhörige Tarne sich an Edith angeschlossen. Sie hieß, ioie diese jetzt wußte, Kunigunde Häseler und war, wie Edith ivenigstens vermutete, trotz der altmodischen Einfachheit ihrer Erscheinung infolge von glücklichen Grundstücksverkäufen sehr vermögend. Daß sie Sächsin war, verriet jedes Wort ans ihrem Munde, sie versicherte es aber trotzdem noch bei jeder Gelegenheit und fügte mit Stolz hinzu: „Aus bent Königreich Sachsen". Edith wäre am liebsten allein in der Einsamkeit umhergestreift, aber ihre Mutter wußte sie gern unter einem gewissen Schutz, und so war ihr diese Gesellschaft noch am wenigsten" lästig. Tenn Fräulein Häseler sprach im Gehen fast gar nicht —• „ihres Korkes wegen" — und wenn sie ansruhten, dann fetzte sie sich jmmer platt auf die Erde, doppelt verblüht 746 - erscheinend, inmitten der jungen, sprossenden Frühliuas- kräuter um sie her. Ein altes Weib hatte ihr gesagt, sie müsse tnt Frühling möglichst viel so auf der Erde sitzen, wenn sie ihren Kork los werden wolle; das tat sie denn auch redlich und vertiefte sich dabei in die Lektüre des ,,Lerpriger Tageblatts", das sie sich, Nachkommen ließ. Auf brese Weise störte sie Edith nur selten, die nach der Sitte anderer vernünftiger Menschen sich auf eine der für die Kürgaste aufgestellten Bänke niederließ, um dort zu denken, zu schauen und ihre weit geöffnete Seele mit der berauschenden Schönheit einer zugleich mächtigen und anmutigen Natur ganz zu erfüllen. Auch an diesem Morgen war die Zitronendame in ihrer Gesellschaft. Sie waren eine der zahlreichen kleineren! Schluchten emporgestiegen, die zwischen grünen, terrassier- ten, olbaumbestandenen Wänden sich langsam landeinwärts in die Höhe ziehen. Jetzt hatten sie einen der Wege erreicht, die horizontal, fast ohne weitere Steigung an der Bergeslehne entlang führen, immer neue, wechselnde Bilder auf den See tief unten zu Füßen durch das seine Laub- der Oliven hindurch erschließend. Edith war einen Augenblick stehen geblieben, und hatte Fräulein Häseler vorangehen lassen. Nach kühler Nacht war ein klarer Morgen mit rasch anwachsender Wärme gefolgt, und die weite, mächtige Flut dort unten zeigte dort ein neues Bild. Auf den Wassern ruhte noch schwerer Frühnebel gleich weißen, wogenden Wolken, und aus ihnen tauchten die fernen Vorgebirge auf, scheinbar von ihnen getragen. Schifferbarken, mit großen, dreieckigen, griechischen Segeln zogen geheimnisvoll, vom Nebel halb verborgen, über die ruhende Flut, und durch die Lücken in den wallenden Molken blickte der See wie ein zweiter blauer Himmel, nur dunkler, als der andere über ihm — hervor. Von Een aber beglänzte die Sonne das alles und arbeitete Mit ihren Strahlenwaffen an der Vernichtung des Nebels. Edith atmete tief; es war ihr, als könne sie all trinken, Zugleich lächelte sie - ein stilles, P'Ij., Lächeln. Sie hatte den Tust der Lorbeerbäume in sich gesogen, die diesen ganzen Weg an seinen Rändern ^bötsüe^en, ihn mit leichten Schatten bestreuten und aro- matl;chen Hauch über ihn ergossen, während um ihre Stamme her die weißen und blauen Veilchen zahllos erblühten. Tie mischten einen sanfteren zarteren Duft in den kräftigen Atem des Lorbeerbaumes, doch achtete Edith ihrer heute nicht. Sie griff in die Höhe und faßte einen Niederhangenden ytoetg des harten, blanken, im Sonnen- sll;ein blitzenden Laubes. Dabei blieb das heitere Lächelu aus ihrem Gesicht, und ihre Gedanken wanderten rückwärts um einen ganzen Tag. Ta war sie Rauchmann hier be- gcgnet an dre;er selben Stelle, während er zum erstenmal, ohiie viel umherzuschauen, die Gegend durchstreift hatte. Nicku einmal das hatte er gewußt, daß er hier unter Lorbeeren wandelte; ein Scherz von ihr erst hatte ihn darauf hingewiesen. Da war er denn freilich lebenmg geworden. „Lorbeer, wahrhaftig? Echter, richtiger Lorbeer, wirklich solcher, von den: man--?" Er hatte jeme Frage nicht vollendet, sie aber hatte gelacht, wie sie retzt m der Erinnerung lachte, und hatte gesagt: „Echter, wahrhaftiger Lorbeer, von dem man die Kränze macht; der Baum, der extra für die Künstler wächst. Und hier für Sie das verdiente Abzeichen." Dabei hatte sie einen knos- penvesetzten Loroeerzweig gebrochen und ihm dargeboten; er halte ihn genommen und auf seinen Hut gesteckt und ihr gedankt mit herzlichem Ton. Heute morgen aber hatte sie schon gesehen, daß er den Zweig noch immer auf seinem Hute trug. Sollte sie ihm abermals zürnen wegen des neuen Zeichens von Künstlereitelkeit? Nesi-, sie fing an, ein wenig milder darüber zu denken; warum sollte er es mcht lieben, das immergrüne, schöne Symbol seines Ruhmes? Und vielleicht war es ja auch nicht nur Eitel- *5«■ allein, was ihn den Zweig am Hute tragen ließ, vielleicht liebte er ihn nicht nur, weil es ein Lorbeer War, vielleicht — Jetzt verschwand das Lächelu aus ihren Zügen; sie wurde rot, obwohl niemand sie sah, und schüttelte mißmutig den Kopf, als zürne sie über sich selbst. Rasch ging sw vorwärts und hatte das schwerhörige Fräulein b Augeholt, das ängstlich stehen blieb, sobald es sich vhne Begleitung sah. Nun schritten sie nebeneinander den Weg entlang durch Sonnen- und Schattenspiel, vom Lorbeer und Veilchendust umwehst, von den blauen Augen des überall wuchernden Jmmer- gruns fteundlich angeschaut. Nicht lange, so tauchten die grauen, ruinenhaften Mauern des Torfes Bezznglio aus dem Grün hervor, hier und da vom rötlich blühenden Mandelbaum mit Frühlingsschimmer umwoben. Durch den kalten Schatten der Hauswände hindurch ftihrte der Weg der beiden, ein wenig abwärts dann und nun hinaus in den vollen, freien Sonnenschein. Auf ebenem Pfade hoch oben an der einen Wand der Bezzugliv schluckst wandelten sie in dem warmen Licht, heimwärts gewendet, dem See entgegen. Bei einer Biegung des Weges, wo der Blick weit umherschwetfen konnte, stand eilte Bank. Hier machte Edith den Vorschlag, zu rasten, und ihre Begleiterin erklärte sich nach ein paar Antworten, die sich auf weit entlegene Tinge bezogen, gern einverstand ein ' Sie trug Verlangen nach ihrer Zeitung, hüpfte — sie wurde ganz jugendlich hier iit den Bergen — an der anderen Seite des Weges ein Stückchen des terrassierten Abhanges hinunter und setzte sich in einer gelben Wildnis der Primnla aeaulis nieder. Edith hatte die Bank für sich allein und war sehr zufrieden. Wie ost hatte sie hier schon gesessen und in diesem Anblick geschwelgt, aber noch niemals — das fühlte sie — mA so empfänglichem Herzen, in dessen freudigen Genuß ein leises, unbestimmtes Sehnen geheimnisvoll sich mischte. Ihr zu Füßen senkte sich die eine Schluchtwand erst sanft, bald aber steiler in die Tiefe zum schmalen «Wasserlauf, der, weiß von Schaum, sich durch rötliche Felsen hindurch wand. Gedämpft klang sein Rauschen bis hierher, sonst lag das tiefe, sonnige Schweigen der italienischen Natur, das kaum durch einen Voqellaut gestört wird, über der Landschaft. Geräuschlos flogen weiße, braune und gelbe Schmetterlinge vorüber, und nur zuweilen tönte aus Gras und knospendem Strauchwerk am Abhang hinter der Bank ein feines Rascheln hervor, wenn eine der flinken Lazerten den Sonnenschein suchte. Wie schön war das alles, wie fern lag das winterliche Deutschland mit seinem Nebel und Schnee! Und über die kleine, nahe, reiche Natur hinweg die andere große, mächtige, stolze. Die tiefe Schlucht wandte sich zu Ediths Füßen in schräger Richtung von ihr hinweg, erweiterte sich zu einer Art von Kessel, um durch eine senkrechte, ntächtige, gelbgrau aus Oliven- und ^orbeergrün auftauchenüe Felswand scheinbar geschlossen zu werden. Links auf der Höhe des Weges dann Bezzuglio selbst, mit seinen grauen Häusern an der Bergeslehne hängend, vom weißen Kirchengiebel in Re- naissaneeform überragt, durch die vertikal in braunen, weißen und schwarzen Streifen gemusterten Zitrvnenhäuser den anderen Orten an dieser milden Küste so nahe verwandt. Edith hatte die Bauten dieser Art zu Anfang sehr häßlich gefunden, jetzt waren auch sie ihr lieb geworden, und gern übte ihr scharfes Auge sich damit, in den schwarzen Lücken zwischen den Pfeilern und hölzernen, braunen Verschlüssen das Gold der Zitronen zu erkennenj die gleich kleinen Sternen aus der scheinbaren Finsternis innerhalb der Gebäude hervorleuchteten. Von dort stieg ihr Blick dann noch höher hinan und ruhte liebend auf dem mächtigen Amphitheater, zu dem die Berge sich hier emportürmten, dorthin, wo nur ein mattes Grün zwischen Grau und Weiß noch lebte, und rotbraune Flecken die Stellen anzeigten, an denen Bäume ihr trockenes Laub noch festhielten wie einen verwitterten Mantel gegen den Frost, Hier unten aber das immergrüne Leben, und ganz in der Tiefe der See, — das Meer, wie ihn Edith zu nennen pflegte, — von dem die Sonne den Nebel fast schon hinweg getrunken hatte, so daß nur noch an einzelnen Stellen ein durchsichtiges Weiß in Streifen und Flächen über der blauen, dunkel heraufleuchtenden Flut kaum erkennbar mehr schwebte. Wohl eine halbe Stunde lang hatte Edith so gesessen, als der Don eines Schrittes, von rechts her sich nähernd, sie aufhorchen ließ. Noch konnte sie niemanden erkennen^ die Biegung des Weges entzog den Kommenden dem Auge, — warum nur klopfte ihr das Herz? Und warum klopfte es noch stärker, als eine Gestalt jetzt nahe vor ihr erschien, in der sie Rauchmanil erkannte? Er sah sich nicht gleich; seine Blicke waren zu Boden gerichtet, er schien sehr ernst und ging nur langsam vorwärts. Erst als er unmittelbar vor der Bank angekommen war, schaute er empor, doch heiterte sein Gesicht nicht auf; mit einer gewissen feierlichen Höflichkeit hob er die Hand «n den Hut und iagte: 1 I < i 1 1 V i i k t i 1 r £ h v 0 11 8 n v d t n E L N ß a i! e r 81 d € Z h F 1/ d b G w w st bl je 747 j/s:te sind es, gnädiges Fräulein? Haben Sie noch einen Platz^ für mich frei? Ter Weg herauf ist doch ziemlich .. Ere ruckte ein wenig beiseite, was nicht nötig gewesen Ware,, bückte sich über ein paar Blumen, die sie im Gehen gepflückt hatte, und antwortete freundlich: „Platz genug, da rzraulein Häseler wieder einmal im Grünen lagert." , Er warf nur einen flüchtigen Blick auf die Stelle zu fernen Füßen, wo die Genannte, vom Gestrüpp des Wegrandes überdacht, undeutlich sichtbar wurde; sie hatte des Sangers Kommen offenbar nicht gehört. Dann setzte er sich nieder uird starrte schweigend vor sich hin. Edith beobachtete ihn von der Seite; so hatte sie ihn noch niemals gesehen, — was konnte ihm fehlen? Jedenfalls war es gut, ihn ein wenig anfzuheitern; es raubte ihr ohnedies den Atenr, so stumm an der Seite des fremden Mannes zu sitzen. Darum begann sie, ein unterdrücktes Lachen in der Stimme, wieder zu sprechen. „Als ich einen Schritt hörte, zerbrach ich mir den Kopf, wer wohl kommen möchte. Wissen Sre, was ich gedacht habe?" . "Nun?" Er fragte offenbar nur aus Höflichkeit; seine Gedanken schienen weit fort zu sein. „Ich dachte, es wäre mein Lebensretter." „Ihr Lebensretter?" Auch jetzt war keine innere Anteilnahme in seinen Worten. „Jawohl, ich habe hier einen Lebensretter. Einen Eingeborenen aus Bezzuglio dort oder höher hinauf aus Su- piane.. Voriges Jahr habe ich seine Bekanntschaft ge,nacht ans emer meiner halsbrecherischen Exkursionen, durch die ich meine gnre Mutter so oft in Aiigst versetze. Ich habe riamlich die Leidenschaft, immer neue Wege anszukund- fchaflen, und je ungangbarer sie sind, — wissen Sie, wenn es auch nur ein ganz schmaler Ziegenpfad' ist, auf dem man eben noch über dem Abgrunde schwebt, das gefällt nur erst recht. Und da war ich beim eines Tages auf solch einem Wege, der eigentlich kein Weg mehr war, hier in die Schlu cht hinab geklettert —" s x d)e Schacht?" Jetzt hatte sich seine Rede doch belebt; Mißbilligung und Sorge um das gefährliche Unternehmen sprachen daraus. Auch seine Augen redeten Mit, die sich von der Ferne gelöst und auf Ediths Gesicht gerichtet hatten. „Es ist nicht so schlimin", sagte sie und lachte. „Bon hier oben fleht es eigentlich nach gar nichts aus. Aber "?/en kann es doch etwas ungemütlich werden. Ich stieg also Hummer, tiefer und tiefer, imb war gar nicht mehr weit vom Grunde der Schlucht, schon ganz nahe über dem Wasser, ha saß ich plötzlich fest. Der Weg hörte ans, uird uiiter mir war eine Felswand, vielleicht doppelt so hoch wie ein Mensch; ich sah kein Mittel, hinunter zu kommen. Ten Weg zurück zu machen imb wieder in bie Höhe zu steigen dazu hatte ich keine Lust, und weil ich nichts besseres zu tun wußte, so blieb ich einstweilen stehen und sah betrübt rn das Wasser unter mir. Ich muß wohl ein recht dummes Gesicht gemacht haben; denn plötzlich hörte ich jemandeu lachen, immerfort, ohne Aufhören, Und wie ich nach der Richtung lflnsah, da stand der junge Bauer, von dem ich gesagt habe, mir gegenüber am anderen Ufer, schaute mich ??,.upd lachte und lachte. Zum Glück spreche ich etwas italienisch, und als ich ihm meine Not klagte, — was eigentlich nicht nötig gewesen wäre, denn die Situation redete deutlich genug — da war er gleich voll Eifer, mir zu helfen. Er hatte eine von den Oltvenleitern bei sich die Sie vielleicht schon gesehen haben —, ein einziger langer Stamm mit Sprossen an beiden Seiten in recht unbequemen Zwischenräumen, — mit der sprang er gleich ins Wasser hinein und kam zu mir herüber. Das heißt, bis an den Felsen, auf dem ich stand, und dann mußte ich die Leiter hinunter balanzieren, und dann — dann hat er mich über das Wasser hinüber getragen." Sie hatte erwartet, daß Rauchmann lachen würde, doch blieb er ernst wie zuvor und fragte langsam: „Und was hat ^hre Frau Mutter gesagt, daß Sie Ihr Leben so in Gefahr gebracht hatten?" . „Gescholten hat sie und auch ein wenig geweint. Aber nein, so gefährlich war es wirklich nicht. Wenn's schlimm wird dann kehre ich doch von selber um; ich lebe nämlich furchtbar gern. So gern, — wissen Sie, wenn ich gesund bliebe, dann möchte ich hundert Jahre alt werden und ledes Jahr wieder hierher kommen. Ach, hier zu leben —" Sre verstummte jäh; ihr eben noch heiteres Gesicht war tote von einem Wolkenschatten überflogen. Auch sie Ip^och letzt langsam und ernsthaft, als sie fortfuhr: „Der Menflh rst doch eigentlich ein grausam selbstsüchtiges Ge- jchöpf. Da freut man sich seines Daseins und genießt all' die Schönheit, als könnte es gar nicht anders sein, und vergißt dabei die armen Wesen, die hier sterben müssen. Es kommen ja so viele nur dazu hierher. Man sagt freilich, es stürbe sich leichter hier in der südlichen Luit, ich aber finde es furchtbar schwer, gerade aus dieser schönen Welt fortzugehen." Rauchmann antwortete nicht, aber Edith hörte ihn atmen, mühsam und laut. Und dann brach es aus einmal aus seiner Brust hervor, stockend, gebrochen, scheinbar wider leinen Willen: „Auch, ich bin krank!" „Um Gottes Willen!" „Jawohl, ich. bin krank. Aber ich sage es nur zu Ihnen: Lte müssen mir versprechen, mit niemand darüber zu reden, auch mit Ihrer Frau Mutter nicht." „Gewiß, gewiß!" „Ms Sie mich damals aiif der Fahrt fragten, ob ich leidend sei, da habe ich es nicht zugegeben. Ich hielt die Sache nur fiir einen Katarrh, von dem nichts bekannt zu werden brauchte. Ein Sänger ist ja ruiniert, wenn so etwas über ihn in die Zeitungen kommt. Und darum, — aber heute bin ich hier zum Arzt gegangen und habe mich noch einmal untersuchen lassen —" „Und was hat er gesagt?" „Er nimmt die Geschichte gar nicht so leicht. Er hat mir alle möglichen Vorschriften gemacht. Ich "soll lange hier bleiben, soll viel im Freien fein, soll langsam steigen, mich vor Erkältung hüten und so weiter und so weiter!" Sie wollte noch eine Frage tun, aber es war seltsam, sie vermochte keinen Ton hervorzubringen. Ein paarmal öffnete sie vergeblich die Lippen, und als sie endlich sprach, fehlte ihren Worten die gewohnte Klarheit und Sicherheit. „Hat er gesagt, ob es gefährlich ist?" „Fürs Leben — nein, ich glaube nicht. Aber für die Stimme vielleicht, für meine Stimme! Und wenn ich nicht mehr singen kann, dann mag ich auch nicht mehr leben!" Edith schloß die Augen. Sie hatte ein Bedürfnis nach Dunkelheit, nach Alleinsein, um mit den Gedanken und Gefühlen fertig zu werden, die gewaltsam in ihr wogten. In dieser künstlichen Abgeschlossenheit von der farbigen Welt aber kam ihr bald bie Ruhe der Seele zurück; sein Schmerzensruf tönte noch in ihr nach, aber bie Klarheit des Denkens ging nicht unter in bem mächtigen Gefühl, bas sie für Mitleib hielt. Sie lächelte sogar, als sie bie Augen wieder öffnete. „Nein, lassen Sie sich nicht bange machen", sagte sie. „Die Aerzte tun bas gar zu gern, aus Geschäftsrücksickten vielleicht. Ich kenn bie hiesigen nicht — Gott sei Dank! — aber es liegt zu nahe, baß sie einen vermögenbeit unb berühmten Mairn möglichst lang unter ihren Patienten behalten. Es klingt ja so schön, wenn man sagen kann: „Der unb bei* — Sie kennen boch ben ausgezeichneten Säuger? — hat sich hier auch seine Gesnnbheit wieder geholt. Ohne mich wäre er jetzt ruiniert!" Nein, nein, Sie dürfen sich wirklich nicht bange machen lassen!" Rauchmann sah sie an; voll unb fest waren ihre Blicke jetzt ans ihn gerichtet, bie Augenlider bewegten sich nicht, und mit ben klaren Blicken drang ein Heller Strahl ans ihrer Seele zu ihm. Unwillkürlich itickte er ihr zu, langsam unb freundlich. „Sie verstehen prachtvoll zu trösten!" sagte er leise. „Bald werben Sie einsehen, baß gar kein Trost nötig ist! Aber selbst im äußersten Fall — ich glaube nicht daran, ganz gewiß nicht! — wenn Ihre Stimme in Gefahr sein sollte, toenn Sie vielleicht einmal nicht mehr singen können tote jetzt, — ich finde doch unrecht, was Sie da vorher gesagt haben. Nicht mehr leben wollen, weil man nicht mehr singen kann? Nein, Ihre, Stimme ist ein köstliches Geschenk des Himmels, köstlich, unschätzbar, — aber das Leben ist doch noch ein größeres. Wenn ich einmal mein Augenlicht verlöre, oder mein Gehör — ich habe schon öfter darüber nachgedacht — weiter leben möchte ich darum doch! Es bliebe mir noch immer so unendlich viel: der Anblick oder die Stimme geliebter Menschen, der Soitnen- schein oder der Vogelgesang, der Gruß eines Auges oder der Druck einer Hand, — nein, nein, nicht sterben! Das Leben ist ja zu wunderschön!" Er trank die Worte von ihren Lippen. Die Energie, 748 das tiefinnere Feuer ihrer Rede hatte ihn mit sich gerissen, hoch emporgehoben über die Stimmung der vergangenen Minuten. „Der Anblick und die Stimme geliebter Menschen", wiederholte er halblaut. „Tas bleibt einem freilich, — ja, das Leben ist wunderschön!" Er sah sie an mit einem Blick, den sie nicht ertrug. Sie fühlte sich wie in einem Strom, als müßte sie sich halten, — die Finger öffneten sich, und die Blumen fielen zur Erde. Gleichzeitig bückten sich beide, sie aufzuheben, — ihre Hände berührten sich um hastig zurückzufahren und ungeschickt ihr Tun zu beenden. Rauchmanii gab ihr die Blüten, die er aufgehoben hatte, und vor sich nieder- bliekend, ordnete sie mit übergroßem Eifer den zerstörten Strauß. Vergeblich suchten sie nach Worten zu erneutem Gespräch Ein tiefes Schweigen herrschte; nur das Wasserrauschen klang aus der Tiefe und ein fernes Glockenläuten tönte halb verweht hinein. Plötzlich aber hörten sie einen anderen störenden Laut, den sächsischen Singsang der Zitronendame. Sie sprach nicht, sie rief mit schriller Stimme zu Edith hinauf, indem sie gleichzeitig den Platz verließ und an der letzten steilen Erdstufe des Abhanges emporkletterte. „Ach nee, nee, Fräulein Bessel — nee, nee, das müssen Sie nämlich Heeren! Unser Wotan, — ach!, Herr Jeses, da sitzt er ja!" Sie war jetzt oben und mußte einen Augenblick schweigen, um Atem zu schöpfen. Der Sänger stand auf und zog den Hut, aber sein Blick sagte ihr wenig Freundliches über die Störung. Und jetzt begann sie schon wieder, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte: „Ach nee, da kann man ja gleich gratulieren, Herr Rauchmann! Das is ja ''ne ganz besondere Ueberraschung, Ihre Verlobung! Ich habe nämlich gar keene Ahnung davon gehabt!" „Meine Verlobung —" er sagte es zaudernd, mürrisch, ohne die dargebotene Hand zu beachten. „Ja, is es etwa nich wahr? Die Zeitungen lügen nämlich so furchtbar viel! Aber hier in meinem Leipziger Tageblatte, da steht es ja ganz seitlich!" „Was steht da?" Es war Edith, die gefragt hatte, — mit einer veränderten, kalten und harten Stimme. Sie war aufgestanden und nahe zu der anderen herangetreten; ihre Augen aber hafteten aus Rauchmann. „Nu, ich will's vorlesen; Heeren Sie nur zu. Hier — nee, da steht es: „Ein wenig gelesenes Münchener Blatt brachte vor einigen Togen die Nachricht von der Verlobung des bcriehmten Wagnersängers Karl Rauchmann mit seiner nicht minder beriehmten Kollegin Milka Miklerta. Wegen der eigentiemlichen Form der Veröffentlichung standen wir der Nachricht skeptisch gegenüber, da sie jedoch die Runde durch die Presse macht, so geben auch wir sie mit Bor- ^ehs-t nieder." Ja, nu missen Sie's uns aber sagen, Herr Rauchmann, ob man gratulieren darf oder nich?" „Ist es wahr, darf man gratulieren?" Edith fragte es gleichzeitig mit Fräulein Häseler. Rauchmann aöer schien nur sie zu, hören und gab ihre seine Antwort. „Es ist wahr und auch nicht wahr. Die Zeitrmgen find so indiskret — wenn man der Oeffentlichkeit angehört — es ist mir höchst unangenehm, daß diese Notiz hierhergedrungen ist!" „Dann wollen wir die Sache ruhen lassen!" Ediths Worte klangen stolz,und hart wider ihren Willen. Sie war zornig, im Tiefsten erbittert, fühlte schmerzlich die grelle Störung eines unvergeßlich schönen Augenblicks. Aber die Gefühle wurden ihr nicht gleich klar, und sie schalt sich zuerst wegen des schroffen Stimmungswechsels, während wie von loeiteni die singenden Worte des sächsischen Fräuleins zu ihr tönten, die ihre Neugierde nicht gleich zum Schweigen bringen konnte. Dann aber, als tzie Drei auf Ediths Vorschlag den Heimweg antraten und stumm neben einander gingen, da suchte sie ihr Gefühl zu erklären und zu begründen, da sie es nicht zu ersticken vermochte. Die Außenwelt mit all ihrer Schönheit sprach während dieser schmerzvollen Wanderung nicht mehr zu ihr. Sie ging, die Blicke auf den grau-gelben Pfad, auf seine weißen, bläulichen und rötlichen Steine gerichtet imb grübelte in srch hinein. (Fortsetzung folgt.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Weiljttachts-Litteraiur. Mamsell Uebermut. Erzählung für junge Mädchen von Elisabeth Halden. Mit Photvgraphüre nach Original von Ed. Klingebeil. Oktav-Format. In geschmackvollem Leinenband. Ladenpreis 4 Mk. (H. S. Mei'dinger in Berlin SW. 48.) Diese fesselnde und zu Herzen sprechende Erzählung ist eine der gehaltvollsten und reifsten Arbeiten der beliebten Verfasserin. Herzblättchens Zeitvertreib. Begründet von Thekla von Gumpert. Herausgegeben von Berta Wegner- Zell. Jahrgang 1903. (48. Band des ganzen Werkes.) Mit 19 Farbendruckbildern, zwei Beilagen und zahlreichen Abbildungen im Text. Elegant gebunden 6 Mk. Das kleine Völkchen, dessen erste Geistesnahrring in so vielen Familien aus dem altbekannten „Herzblättchenbuch" geboten wird, pflegt allweihnachtlich mit Sehnsucht auf den neuesten Band zu warten, selbst wenn es allmählich über das Alter hinausgewachsen, dem das Buch in erster Linie gilt. EA ist daher anerkennenswert, daß der Inhalt reich und vielseitig genug gestaltet ist, um den verschiedenen Altersstufen von 4—10, ja bis zu 12 Jahren Fesselndes zu bieten. Für die Kleinsten Berschen und kurze Erzählungen, wie sie ihrem Begriffsverrnögen angepaßt sind und vor allem die bewährten Beschäftigungstafeln in stets neuer Form, die über so manche müßige Stunde zur Winterszeit, wo das Tummeln im Freien beschränkt ist, hinweghelfen, dazu der reiche, künstlerische Bilderschmuck, reizende Szenen aus dem Kinderleben. Aeltere Knaben und Mädchen finden neben all diesem manche ernste, tiefe, zum Nachdenken anregende Erzählung, manchen Aufsatz, der in spielender Form Belehrung bietet und dem Geist Nutzen bringt. — T ie Stil-Lehre von K. Kimmich erschien in dritter Auflage. Tas vortreffliche Buch enthält 33 Bildertafeln und Vollbilder. Sim auf dem Gebiete der verschiedenen Stilarten heimisch zu fühlen, ist nicht nur wünschenswert, sondern in unserer Zeit, wo Kunst und Kunstgewerbe in io hoher Blüte stehen, für jeden Gebildeten zu unentbehrlich. Tas in klarer und leichtverständlicher Weise verfaßte Buch bietet dank seiner praktischen und geschickten Gruppierung der 397 Illustrationen wck kommene Gelegenheit, sich mit den verschiedenen Stilarten, sowie mit deren Erkennung und Unterscheidung vertraut zu machen. Wir empfehlen die Anschaffung des im Verlag von Otto Maier in Ravensburg zum Preise von 1.50 Mk. erschienenen Buches jedem Kunstfreunde und Kunstgewerbler, insbesondere unserer Jugend. Vermachtes. * Viele Freude bereitet es bekanntlich kleineren wie größeren Mädchen, wenn sie die Garderobe für ihre Puppen selbst unfertigen können, was jede Mutter nach Kräften unterstützen sollte, da hierdurch die Grundlage zu späterer Geschicklichkeit gelegt und das Interesse für Selbstschneiderei geweckt wird. Als ein allerliebstes Hil s.nittel hierzu und zugleich als hübsches Weihnachtsgeschenk erweisen sich die Puppenschnitte der Intern. Schnittmanufaktur, Dresden, unter denen „die vollständige Puppenschneiderei in eleganter Enveloppe" die komplette, alle möglichen Garderobestücke umfassende Ausstattung für eine Puppe von 32 oder 38 Zentimeter Höhe enthält. Tie einzelnen Schnitte sind mit Abbildunugen und leichtverständlicher, dem kindlichen Verstände angepaßter Erklärung der Bearbeitung versehen, sodaß jedes Kind fast spielend danach schneidern kann. Zu beziehen ist „die Puppenschneiderei" ohne Puppe zum Preise von 2Mk., mit Puppe st 4,50 Mk. durch die „Internat. Schnittmanu- faktur, Dresden-N." Scherzrätsel. Nachdruck verboten. Einst soll es das gegeben haben, Jetzt ist es mir ein Spiel für Knaben. Doch ist's Verbalinjurie, Macht's deine Fran gut Furie Auflösung in itächster Nummer. Auflösung des Füllrätsels in vor. Nr.: Nonne, Urwald, Weg, Ente. Norwegen. Verlag der Brühl'scheu llmvcrsitäls-Bnch- und Cteindrnckerei. R. Lange, Gießen