KreiLag den 16. Oktoöer. 1903. M (Nachdruck verboten.) JO UschemüHti; in iet BreiWt. Don B. W. Howar d. (Fortsetzung.) .. . b. h. ivas der bretagnische Bauer- gewöhnlich unter diesem Begriff versteht, war ihr natürlich nichts Unbe- lanntes. Das war .aber eine dicke, schmierige Flüssigkeit, die m Zinnbüchfen aufbewahrt und fast ailsschließlich zum Reinigen der Wasche, selten nur für die Hände verwandt wurde Das feine, süß duftende Stück Seife, das sie Hamor und die anderen Maler benutzen sah, ehe sie hinab zum Frilhstnck gingen, hatte sie zuerst, ivie alles fremdartige, nur mißtrauisch betrachtet, jetzt aber bekam es in ihren Augen die größte Mächtigkeit. Sie fing an, sich ihrer braunen Hande zil schanOn. Der Unterschied zwischen ihren uiid Hamors Händen, den zu bemerken sie täglich Gelegenheit Wte, konnte doch nur von dem kleinen, weißen Seifen- stück herrühren! Es würde ihn gewiß freuen, wenn ihre Hande so glatt uitb weiß wären, wie die seinen. Wie viel hübscher würde es sich auch auf dem Bilde machen. Es kam jn nur auf einen Versuch an. Was hätte sie nicht alles S'etait, um ihm zu gefallen! Seife mnßte sie un- r“)nlßt Jaden; auch nach dem Besitz eines Spiegels ging Trachten. Nun, Gott sei Dank, noch fehlte es einem klugen Mädchen nicht an Mitteln und Wegen, auch ging die Past dreimal wöchentlich nach Quimper, und der alte Andre, der Postkutscher, gehörte zu Guenns besonderen Freunden . ^snes Morgens schlich sie sich schon vor sechs Uhr nach dem Po>thof, wo der Quimperer Bote, bereits fix und fertig, tm Begrstf stand, sich auf den hohen Bock zu schwingen, um unter lautem Hü und Hott, zuerst vor die beiden Gast- hauser und dann zum Dorfe hinauszufahren. Der qut- mutige Postbüte dachte bei sich, es sei das dämmerige Mor- genllcht, das sie so blaß erscheinen ließe, da er aber gewohnt to.“r' lerne derben Späße mit ihr zu treiben, konnte er's nrcht unterlassen, sie neckend zu fragerr: ob Alain ihr etwa untreu geworden sei? Guenn hatte keine treffende Antwort rn Bereltichaft; schnell drückte sie ihm ein Päckchen in die "verkauft cs für so viel Ihr bekommt", bat sie unt schmerzlicher Hast. • r/s iR’g benn, Sin& ?" fragte er leichthin; ihm war's daß rhm die Dorfschönen alle möglichen Besorgungen und Handelsgeschäfte auftrugen. „Ach, nur mein Haar", antwortete sie mit leisem Schaudern — Die Schere war so kalt gewesen, wie sie er- barmungslos durch die schwere, lockige Haarmasse fuhr und erne Flechte nach der andern von ihrem Haupt trennte, schon allein den knirschenden Ton zu hören, hatte sie ganz krank gemacht. Sie wußte Wohl, wie töricht das war: „man braucht ja fern Haar nicht und darf es unter der Coiffe doch nicht sehen lassen", überlegte sie bei sich, aber sie war ooch so daran gewöhnt, die Weichen, glänzenden Wellen morgens und abends bis zil ihren Knien herabhängen zu, sehen Als sie nun heute früh dieselben Haare vom Boden aufhob, ioar es ihr, als hielte sie ein Stück ihres eigenen Lebens m der Hand;, darum autf), jetzt diese Blässe, dieses Schaudern, das sie iiicht imstande war, zu überwinden, so tapfer sie aud) dem Boten zuzulächeln versuchte: „Bringt nur nur so viel Geld mit als möglich - und nicht wahr, Ihr sprecht mit niemand davon?" .. hm", machte der Alte und betrachtete sie kopfschüttelnd. „Wenn ich ein junges Ding wäre, wie Du, würde meine schönen Locken nicht nm bunten Tand und Flitterkram abschnerden. Und den willst Du doch?" Guenn nickte. „Für das Guadenfest?" Sie nickte wieder. „Ich möchte wohl wissen, wer der Glückliche ist", dachte alte, schlaue Bursche bei sich; laut setzte er hinzu: „Er ist s nicht ioert, mein liebes Kind, keiner von uns ist ein solches Opfer wert, mein Wort darauf." Guenn errötete bis an die Schläfen und wandte sich schnell zum Gehen. „Was soll das heißen?'« dachte der Bote, „wo ist ihre schlagfertige Zunge hingekommen? Bohons, voyonss ma petite Guenn", rief er gutmütig, „komm zurück, wir'haben; unseren Handel noch nicht abgeschlossen. Denke an Simsvn, dem schnitt man die Haare ab und nahm ihm damit seine Starke. Sei vorsichtig, kleines Mädchen, daß es Dir nicht auch so geht!" ‘ . , sagt das nicht, — nur das nicht, guter Andres rief Guenn, ihn mit gefalteten Händen flehentlich anblickend. Wenn sie nicht mehr stark war, würde sie ja Hamor nicht mechh gefallen; er bewunderte ihre Kraft und Gewandtheit „Nun, nun, nur ruhig, was ist denn in Dich gefahren, so habe ich Dich ja noch niemals gesehen. Du armes, geschorenes Lamni. Ich werde Tein Bließ schon verkaufen, nur sei wieder munter, mein Mädchen, und gebrauche Dein Mundwerk wie zuvor. Wenn Guenn Rodellec ihre Zungenfertigkeit einbüßt, ist's nicht mehr lustig in Plouvenec!'< Nachdenklich kratzte er sich den Köpf und sah sie so ernste haft an, als besorge er ein nationales Unglück. Sie lachte hell auf: „Oh, ich bin noch keck genug; ich bleibe immer die alte Guenn, habet.nur keine Angst, Andre! Nun aber haltet Euch nicht länger auf; heute abend, wenn Ihr zurückkommt, warte ich auf Euch vor den Voyageurs. Bringt mir soviel als möglich, Ihr lieber, guter, bravep Andre!" setzte sie schmeichelnd hinzu, ihm einen freundschaftlichen Schlag auf den Aermel seines Ueberrocks versetzend. „Jawohl, Dein lieber, guter, braver Andrö! hat sich was!" brummte der Alte, während er das Paket mit dent wertvollen Inhalt in die innerste Tasche seines RockeH 614 versenkte. Er nahm, sich vor, die alte, geizige Jüdin in Quimper, die das schöne Haar der bretagnischen Mädchen für Pariser Geschäfte auszukaufen pflegte, wenigstens einmal im Leben zu einem anständigen Preis zu zwingen. „Wenn unser hübschestes Mädchen in Plouvenec, das arme Närrchen, ihr Haar verkaufen will, so wäre es doch eine Sünde, wenn sie nur einen Bettel dafür erhielte." Er lächelte gutmütig, denn sein Herz schlug warm für die jungen, bretagnischen Schönen, und als er jetzt die Zügel ergriff und stolz und stattlich dahinfuhr, warf er dem Mädchen, das noch unter der Eiche auf dem Dorfplatz stand und ihn mit großen Augen bittend anschaute, einen letzten verständnisvollen Blick zu. Fast unwillkürlich griff Guenn mit der Hand nach dem Kopfe, als -bie Post davonfuhr; unheimlich leer war's unter ihrem Häubchen, unheimliw leer auch in ihrem Herzen. Sie schob es auf den kalten Morgen, auf ihr frühes Anf- stelhen und den kurzen, unruhigen Nachtschlaf. Es schüttelte sie, und um sich zu Wärmen, trat sie in die Küche der Voyageurs. Hier erhielt sie etwas heiße Suppe, und Ma- dames freundliches, gleichmütiges Wesen wirkte so beruhigend aus Guenn, daß sie sich wieder ganz glücklich zu fühlen begann, trotz des Geheimnisses, das ihr Kopfputz verbarg. „Ich werde mir ein blaues Kleid kaufen", malte sie sich ans, „aber es muß sehr dunkel und mischfarbig sein, er liebt das und kann solche Farben gebrauchen. Auch wird es ihn beim Gnadenfest sicher freuen, wenn die Spitze an meiner Haube breit und von schönem Muster ist." Im Geiste sah sie sich bereits mit Alain nach dem Klang der schrillen Sackpfeifen die Gavotte tanzen; und als sie später nach dem Atelier ging, war sie wieder in ihrer lustigsten, fröhlichsten Laune und hatte das unangenehme Schnipp-Schnapp der Schere längst vergessen. — Als am Abend die Post hereinfuhr, war Guenn in solcher Aufregung, daß sie kaum ihre Ungeduld bemeisterm konnte, bis es ihr g elang, von Jeanne loszukommen, um auf Andss Zeichen zu warten. Endlich kam er. „Wie viel ist's?" flüsterte sie atemlos, als er das Geld in ihre zitternde Ho.no gleiten ließ. „Dreißig Franken." Guenn hupfte vor Freuden. „Die Frau sagte, sie habe noch niemals solch schönes Haar gesehen." Guenn schwieg einen Augenblick. Ein glücklicher Seufzer entschlüpfte ihrem übervollen Herzen, und ihre Augen füllten sich mit wehmütigen Tränen. Es schien ihr nur gerecht, daß man ihr Haar gelobt hatte — so war es noch würdiger sür ihn geopfert zu sein! Schnell faßte sie sich wieder und sagte in keckem Ton: „Das glaube ich gern, daß sie noch lein solches Haar gesehen hat. Das liebe, gute Haar, nun hat es mir so viel Geld gebracht", sie strich sich wohlge- Mlig über den Kopf, bann hielt sie Andrö die Hand entgegen: „Und Euch tausend, tausend Dank, für alle Eure Mühe« guter Andro!" „Ich werde ein Auge auf Dich haben, beim Gnadenfest", brummte Andre; „ich muß herausbekommen, was für ein Bursch; es ist. Nun, mach' Dich aber auch schön, Du eitler kleiner Pfau!" „Schön? Na, das will ich meinen, Andre! Es wird nicht alle Tage getanzt. Man ist auch nicht immer hübsch und jung, und" — hier dämpfte sie die Stimme und schaute sich vorsichtig nach allen Seiten um — „man ist auch nicht immer reich!" — Triumphierend barg sie den kostbaren Schatz in der Kleibertasche und sprang davon, nm Jeanne wieder aufzusuchen. Zwei wichtige Geheimnisse mußte sie jetzt vor dieser treuen, kleinen Seele verbergen — den Verlust ihres Haares und ihren Gewinn an irdischem Besitz. Das machte Ü>r aber keine sonderlichen Gewifsenbisse — es ging ja alles eigentlich nur Monsieur an; und wenn das Zauberwort „Monsieur" ins Spie! kommt, tritt ja In den meisten Mädchenfreundschaften eine gewisse Entfremdung und Erkältung ein. Am Wend auf dem Dorfplatz klang Guemls unwiderstehliches Lachen bald hier, bald dort, noch niemals war sie so ausgelassen und mutwillig gewesen, unter unaufhörlichen Späßen und Neckereien sprang sie von einer Gruppe zur anderen. Mit jubelndem Herzen kostete sie toon «jetzt den Borschmack all der Freuden, die ihr das Meviner Gnadeusest bringen sollte. 15. Kapitel. Ein Gnadenfest war nach Guenns Begriffen schon an trnd für sich eine Quelle der unbegrenzten, reinsten Freuden, ein Gnadenfest aber, das durch Monsieurs Gegenwart verherrlicht ivar, und bei dem sie in einem neuen, blauen Kleide vor seinen Augen tanzen sollte, schien ihr ein so unendliches Glück, daß ein armes Menschenkind es kaum auf einmal zu ertragen vermochte. Die cynischen Ansichten, die wir über ein solches Fest in einem alten, französischen Schriftsteller finden, weichen freilich um ein Wesentliches von Guenns rosenfarbener Auffassung ab. „Dort ist eine Kapelle, eine Quelle oder sonst ein Platz, der dem Andenken irgend einer Wundertat oder eines Heiligen geweiht war", — so ungefähr lauten seine Worte, „die Menge beichtet, stöhnt allerhand abergläubischen Gebräuchen, ' sie kaufen Kreuze, Roseukränze und Heiligenbilder, mit denen sie daun das Bildnis des heiligen Wundertäters berühren; sie reiben die Stirn, die fsTniee oder gelähmte Gliedmaßen gegen den heiligen Stein und werfen Geld und Nadeln in den Wunderquell; sie tanzen, sie trinken bis zur Bewußtlosigkeit und kehren dann, zwar mit leeren Taschen, aber reich an Hoffnung, nach Hause zurück. Dieser Werglaube ist noch ein Ueberbleibsel aus den: uralten Wassergötzendienst, diesem ältesten Ritus der Gallier, die an ihren heiligen Quellen sogar das den Feinden abgenommene Gold bargen." Gueml Rodellee fragte freilich ivenig nach dem Glauben der alten Gallier, als sie an den: ersehnten Morgen mit Jeanne und Nannte den Heuwagen erklomm, der sie und eine ganze Schar fröhlicher, lachender Mädchen nach Nevin bringen sollte. Unterwegs begegneten sie den drei Malern, die in übermütiger Feiertagslanne, grüßend die Hüte schwenkten. Die jungen Künstler gingen einen tüchtigen Schritt, nur ab und zu blieben sie stehen, um Drniden- steine zu betrachten, deren mehrere am Wege standen. Ein Dolmen war da, verschiedene Ueberbleibsel eines Cromledge und ein Zitterstein, der sich nach dem Volksglauben nur bewegt, wenn eine reine Hand ihn anrührt. Liebespaare kamen hierher, um ihre gegenseitige Treue zu erproben. Auch an einem Menhir Von 32 Fuß Höhe führte der Weg vorbei, vielleicht ein Sonnenstein, den die alten Armorikauer heilig hielten. Zu ihm schlichen junge Eheleute im Dämmerlicht, schmiegten sich an den rauhen Riesenstein nnd vertrauten ihm ihre liebsten Wünsche sür Haus und Herz. Guenn wäre lieber auch zu Fuß gegangen, da es aber ein Marsch von zehn Meilen war, hatte sie, in Anbetracht des bevorstehenden Tanzes, Jeaunes Vorschlag, ihre Kräfte zu schonen, mit außergewöhnlicher Bereitwilligkeit Gehör gegeben. „Was er wohl sagen wird, wenn er mich sieht?" tönte es fort und fort in ihrem freudig erregten .Herzen. Bei der Ankunft in Nevin hatte sie sür nichts Sinn, bis sie ihn kommen sah; bann folgte sie ihm so dicht, als es ihr ein gewisses neues Gefühl der Befangenheit gestattete. Auf einer Art von Pobium, an ber einzigen geschlossenen Wand bes Tanzsaales, der, nur von einem roh gezimmerten Dache gedeckt, an drei Seiten dem Wetter und den Zuschauern Einlaß bot, saß der Man» mit dem bigniou, ber bretagnischen Sackpfeife, schon in voller Bereitschaft. Ter Tanz hatte noch nicht begonnen, boch erging sich ber Musikant bereits in einem wunberbaren Präludium, das seine Wichtigkeit in den Augen — oder vielmehr Ohren — seiner Landsleute noch erhöhte. Mit lustiger Miene, aufgeblasenen, glühenden Backen und gekreuzten Beinen saß er hoch erhaben über dein Menschentroß und blies so tapfer wie weiland der große Gott Pan. „O, den muß ich haben!" rief Hamor ganz begeistert aus, versenkte sich in Jein Skizzenbuch und vergaß die gaffende Menge um sich her. ö Du Hamor", es ivar Staunton, ber zu ihm herantrat " höre mal, mir kommt vor, als ob Guenn auf Dich wartete, sie drückt sich so unbehaglich herum.". Was will sie denn?" fragte Hamor gletchgilti^, ohne auch nur aufzüvlickeu, „sie hat heute ihren freien -tag. Nun, ich weiß nicht", versetzte Staunton mit feiner milden, freundlichen Stimme, „vielleicht möchte sie Dir ihren neuen Staat zeigen, das wäre doch nicht nnitaturliS, ^Durchaus nicht; auch bin ich ber Ansicht, baß man einem hübschen Mäbchen solch kleinen Triumphs ber Cttei» feit gönnen muß. Sowie ich bett Ausdruck ^sBu^-sche" da auf bem Papier festgehalten habe, stehe ich ihr zu „Das kleine Ding sieht nicht ganz glückliche aus", meinte Staunton und ging weiter. 615 Hamor vollendete in aller Mnße seine Skizze. Als er i das Buch in die Tasche schob, bemerkte er, daß Guenn in ! geringer Entfernung von ihm ganz allein stand. Staunton hatte richtig beobachtet, der Ausdruck ihres Gesichts war kein ganz glücklicher. Sie war viel zu aufrichtig und ungekünstelt, um bei ihren jetzigen nahen Beziehungen zu Hamor, ein scheinbares Interesse am Geplauder der andern an den Tag zu legen, auch "dachte sie nicht daran, ihr sehnliches Verlangen nach seinem Beifall unter äußerlich zur Schau getragener Gleichgiltigkeit zu verbergen. Ihre unschuldigen Augen waren mit ängstlich fragendem Ausdruck auf ihn gerichtet, krampfhaft wand sie die Hände in einander. „Gerechter Himmel, sie wird am Ende gar anfangen zu weinen!" dachte Hamor erschrocken und schritt auf fie zu. Mit freundlich prüfendem Blick musterte er ihren Anzug. Er sah, daß das neue Halstuch mattrot war, so wie er gesagt hatte, daß er es liebe, auch das grobe, blaue Kleid hatte eine ihm wohlgefällige Mischfarbe, imb obwohl Guenn sehr enttäuscht gewesen wäre, hätte sie gewußt, daß er das Muster ihrer bretonischen Spitze gcrr nicht bemerkte, so wurde er Wohl gewahr, daß ein werches, luftiges Etwas das liebliche Gesicht umrahmte. Er zog den Hut, machte eine tiefe Verbeugung und sagte mit der größten Förmlichkeit: — „Madame!" Guenn war entzückt; jeder kleine Scherz Hamors ivar für sie stets der geistreichste und köstlichste Witz. „Ich gefalle ihm", jubelte ihr Herz; vergessen war alles Warten, aller Zweifel, die reinste Freude strahlte aus ihren Zügen; errötend und schelmisch lächelnd, machte sie ihm ihre tiefste Verbeugung. „Monsieur!" — erwiderte sie gravitätisch und kaum im stände, ihres Herzens Fröhlichkeit zu verbergen. Schon im nächsten Augenblick war sie mitten unter der Menge und verteilte aufs freigebigste, alle die freundlichen Worte und Blicke, die sie zurückgehalten, bis ihr Schicksal entschieden, war. „Ich gefalle ihm! Jetzt kann ich so glücklich sein, ivie ich will!" Sie drückte und schüttelte Jeanne vor Vergnügen und hob sie zuletzt hoch in die Höhe. „Willst Du Drch an den Kraftproben beteiligen, Guenn?" fragte Alain bewundernd. „Das Lüpfen hat noch nicht begonnen." „Nein, Alain; das war ein Extraspaß. Ich mußte Jeanne wirklich aufrütteln, sie sah gar so schläfrig aus. Es ist eine Schande, beim Gnadenfest so trübselig dreinzuschauen. Nimm Dich doch zusammen, Jeanne!" „Dann nimm mir, bitte, nicht allen Atem vorweg", bat Jeanne schüchtern, „ich möchte fürs Tanzen auch noch welchen übrig haben." „O, Alain, heute wollen ioir tanzen, wie noch nie zuvor!" rief Guenn, ihrem Verehrer einen beredten Mick zuwerfend. „Gewiß", erwiderte der junge Mann heiter, „heute ist das Dorf so voll, von nah und fern ist alles herbeigeströmt; wir wollen ihnen schon zeigen, wie man in Plouvenec tanzt, he, Guenn?" Sie lächelte und nickte ihm freundlich zu; der betörte Bursche ließ sich nicht träumen, daß alle Städter von nah und fern, daß die ganze lärmende und scherzende Menge für Guenn nichts war, im Vergleiche zu jenem einen fremden Manne, daß sie nur um dieses einen Zuschauers willen so sehnlich danach verlangte, mit der Gavotte zu beginnen, nur in seinen Augen die Gewißheit ihres Triumphes zu lesen begehrte. — (Fortsetzung folgt.) Ile Kffege der WalurschönhciLen. Wie der Tourist in 9tr. 16. l. I. berichtet, hat zur Pflege der Naturschönheiten die Abteilung für Finanzen, Gewerbe und Domänen des elsaß-lothringischen Ministeriums folgende bemerkenswerte Verfügung erlassen: „Zu den Naturdenkmälern zählen Felsen, alte Baume u. dgl. Wo solche vorhanden sind, sollten sie sorgfältig erhalten und ourch Hinleitung von Wegen zugängliche oder sichtbar gemacht und interessante alte Bäume nur dann gefällt werden, wenn hierzu zwingende Notwendigkeit vorliegt. Schöne Bäume und Baumgruppen sollen namentlich an vielbesuchten Orten, freien Plätzen, Gewässern, Wegen usw. mehr als bisher erhalten und gepflegt werden. In der nächsten Umaebuna der Orte, insbesondere der Kurorte, soll bei der Einrichtung des Forstbetriebes erwogen werden, ob nicht im öffentlichen Interesse Kahlhiebe und rasche Verjüngung zu vermeiden sind und parkartig zu wirtschaften ist. Auch bei der Anlage von Wegen soll darauf Bedacht genommen werden, ihnen, unbeschadet des Zweckes ihrer Herstellung, eine solche Richtung zu geben, daß sie durch besonders schönes Gelände oder an Naturdenkmälern vorbeiführen. Bezüglich der Baudenkmäler, über deren Erhaltung besondere Bestimmungen bestehen, wird darauf hingewiesen, daß es Aufgabe der Forstverwaltung ist, für ihre Freistellung sowie für Beseitigung von zerstörend wirkendem Baum- und Strauchwuchs von dem Gemäuer zu sorgen und geeignetenfalls durch Erhaltung verschönernder Bäume und Baumgruppen zur Hebung des Landschaftsbildes beizutragen. Als Hauptmittel, im Wirtschaftswald verschönernd zu wirken, wird die Erziehung gemischter Bestände bezeichnet; es könnte aber auch durch Anpflanzung von Einzelstämmen und Gruppen verschiedener geeigneter auch ausländischer Holzarten an Bestandesrändern, Gewässern, freien Plätzen jeder Art, an Wegen, Schneisen und Kreuzungspunkten, sowie durch Erhalten von Vorwüchsen in einförmigen Verjüngungsschlägen zur Verschöuerung des Waldbildes beigetragen werden. Ein weiteres vorzügliches Mittel, den Genuß des Waldbesuches zu erhöhen, sei die Schaffung von Aussichtspunkten durch Durchhau, indem es oft nur der Wegnahme weniger Stämme bedürfe, um überraschend schöne Ausblicke zu erschließen." Obgleich die hessische Regierung die Naturdenkmäler auch unter entsprechenden Schutz stellt, so wäre es doch auch für den Odenwald und Vogelsberg re. von hohem Werte, wenn die betr. Hoch- und Tiefbau- und Forstbeamten eine Verfügung in ähnlichem Sinne erhielten; denn dann könnten die Bestrebungen der Berschönerungsvereine, der Abteilungen des Vogelsberger Höhenklubs und des Odenwaldklubs eine ganz außerordentlich wertvolle Unterstützung erfahren, die heute noch fehlt ja teilweise in gegebenem Falle versagt wird. 25 Jahre Todesursachen-StattM. Unter diesem Titel ist in dem dritten Vierteljahres, heft zur Statistik des Deutschen Reichs, 1903, ein Bericht erschienen, der bearbeitet ist auf Grund der Veröffentlichungen des Kaiserlichen Gesundheitsamts und des Kaiserlichen Statistischen Amts. Er behandelt die Sterblichkeit in den deutschen Orten mit mehr als 15 000 Einwohnern in dem Zeitraum 1877 bis 1901. Diese Städte hatten 1877 7,3 Millionen, 1891 aber 17,5 Millionen Einwohner. Das Ergebnis ist hocherfreulich insofern, als die Todesziffer im allgemeinen und der Anteil gewisser epidemischer Krankheiten an den Todesfällen im Besonderen in den 25 Jahren bedeutend gesunken ist. Der Bericht bemerkt dazu: „Diese Sterblichkeitsherab- minderung ist ein Ergebnis des Fortschrittes auf vielen Kulturgebieten. Sie ist ein Ruhmesblatt in der-Geschichte der deutschen Städte und der der Medizin; aber auch die Gesetzgebung darf einen breiten Teil des Erfolges für sich beanspruchen. Haben die Städte durch Kanalisation, Wasserleitung, Straßenbesprengung, Besserung in den Abortverhältnissen und in der Beseitigung der Abfallstoffe, Schaffung von Licht und Luft durch breite Straßen und grüne Plätze, Anlage von Bädern und Spielplätzen, bessere hygienische Bedingungen, so haben die Fortschritte der Medizin und Chemie, die antiseptische und aseptische Behandlung der Wunden und die Bekämpfung der Ausbreitung der Infektionskrankheiten mittels der Desinfektion, das Behringsche Serum, die vermehrte Zahl der Aerzte und des Heilpersonals, der Heilanstalten und Genesungsheime für die Erkrankten bessere Aussichten auf Heilung und für die Umgebung der Kranken besseren Schutz gegen Ansteckung geschaffen. Von Leistungen der Gesetzgebung und Verwaltung seien hier nur das Jmpfgesetz, das so wesentlich war für das Verschwinden der Pocken, das Krankeuversicher- ungsgesetz, die Arbeiterschutzverordnungen und die schärfere Nahrungsmittelkontrvlle genannt." — Erfreulich ist auch die stetige Verminderung der städtischen Selbstmordziffer. Sehr unerfreulich ist, daß die Todesfälle an akuten Darm kraukh eit en (einschließlich Brechdnrch- fall) in dem angegebenen Zeitraum in fast f ortw ähr ende m W a ch s e n begriffen sind. Da an einigen Krankheiten dieser Gruppe (Brechdurchfall, Durchfall, Magen- und Darmkatarrh) besonders viel ganz junge Kinder sterben, 616 Wäre es möglich, wenn die Geburtsziffer auf 100 000 Einwohner 1897—1901 sehr viel höher als in den vorhergehenden Jahrfünften gewesen wäre, daß durch das unverhältnismäßig starke Hinsterben der jungen Kinder in diesem Jahrfünft die ausgewiesene allgemeine Sterblichkeit so bedeutend gesteigert worden wäre. Gerade das Umgekehrte ist aber der Fall gewesen: die Zahl der Lebendgeborenen auf je 100 000 Einwohner ist gesunken. Durch die Minderung der Geburtenzahl kann die Steiger- img der Todesfälle dieser Krankheitsgruppe nicht veranlaßt sein. Es liegt hier also ein wirklicher tatsächlicher Rückschri t t vor. Er ist, wie der amtliche Bericht meint, als eine Folge der stark vermehrten Teilnahme der Frauen am Erwerbsleben anzusehen: je mehr Frauen in das gewerbliche Leben übergehen, um so häufiger wird Säuglingen die Muttermilch, die ihnen be- kömmlichste Nahrung, entzogen. Um so größeres Gewicht gewinnen aber auch alle Maßnahmen, welche für die Unverfälschtheit, Reinheit und Bakterienfreiheit der Tier- milch Sorge tragen. Vermischtes« * lieber deutsche Sauberkeit und deutsche Gemütlichkeit hielt am 26. September bei der Eröffnungsfeier der Schule für Pädagogik an der Newyork Uui- versith Prof. Dr. John P. Gordy als Dekan eine Rede, in der er u. a. ausführte: Den Deutschen ist nicht die Gabe, die man mit „Geschmack" bezeichnet, im vollsten Maße verliehen worden, aber sie haben eine geivisse Sauberkeit und Ordnungsliebe an sich, die ich als wundervoll und bewundernswert bezeichnen muß. Man kann das sowohl in den großen, wie in den kleinen Städten bemerken, (Der Herr Professor sollte einmal zu uns nach Gießen kommen und sich die Marktstraße bei Regenwetter mit ihrem idealen Pflaster nach der Kanalisation ansehen. Er dürfte dann wohl einige Einschränkungen machen! D. Red.) und alles wird in einer solchen Vollendung getan, daß selbst einer städtischen Landschaft ein Reiz verliehen wird, der ihr eine natürliche Schönheit der hübschesten Art verleiht. Was den Geschmack betrifft, so wird man in Berlin vielleicht nicht fo viele Männer und Frauen beobachten können, die sich hinsichtlich einer tadellosen Kleidung mit Newyorkern oder Parisern messen können, • aber man sieht in der deutschen Reichshauptstadt Besseres. Dieselbe Sauberkeit und Ordnung, die man an der Szenerie beobachten kann, findet sich nämlich auch bei den Menschen, und man bemerkt in Berlin kaum eine zerlumpte Person oder zerlumpte schmutzige Kleider, wie man das so oft in Newyork wahrnehmen kann. Die Deutschen haben ein Mort („gemütlich"), das das Gefühl höchster Behaglichkeit ausdrückt, ein Gefühl, das einen beschleicht, wenn man instinktiv merkt, daß alles um einen herum so ist, wie es sein sollte. Wir übersetzen es mit „gutmütig", aber das ist das Wort nicht; wir haben es nicht, weil wir die Sache nicht haben. Wie weitreichend dieses Gefühl ist, wird wohl mancher Amerikaner schwer verstehen können. Bei uns ist genug Gutmütigkeit von einer bestimmten Sorte vorhanden, aber sie ist mit einer gewissen Rauheit vermischt, die zum großen Teil die Wirkung neutralisiert. Oft, wenn wir das Rechte tun, geschieht es in unrechter Weise, so daß es von der Zufriedenheit des Lebens einen Teil fort- nimmt, anstatt sie zu erhöhen und zu vergrößern. So bot mir kürzlich ein vierzehnjähriger Knabe in einem Straßenbahnwagen seinen Sitz an, was ich als sehr nett und schön betrachtete, aber gleich darauf kam die Bemerkung: „Sit down, old mau!" Nun will ich nicht behaupten, daß mir ein deutscher Knabe den Sitz angeboten hätte, wenn es jedoch geschehen wäre, hätte er es jedenfalls in anderer, höflicherer Form getan." * Schulhumor — dieses anziehende Kapitel ist unerschöpflich. Eine Anzahl ergötzlicher Antworten, die aus englischen Schulprüfungen mitgeteilt werden, beweist dies aufs neue. In vielen Fällen verstehen die Schüler augenscheinlich nicht, was die Fragen bedeuten. Auf die Frage: „Was kommt dem Menschen in der Stufenleiter des Seins am nächsten?" kam die überraschende Antwort: „Sein Hemd." Der erste Mensch, der um die Welt giug, war nach Meinung eines kleinen Mädchens „Der Mann im Monde." „Es ilt nicht gut, daß der Meusch! allein sei", sagte Daniel in der Löwengrube, und die Israeliten machten ein goldenes Kalb, „weil sie nicht genug Silberhattech um eine Kuh zu machen." „Was wäre geschehen, wenn! Heinrich IV. von Frankreich nicht ermordet worden wäre?" „Er wäre eines natürlichen Todes gestorben." „Wo wurde! Bischof Latimer zu Tode verbräunt?" „Im Feuer", erwiderte eilt kleiner, sehr ernst und klug aussehender Jünge. Eine gleich unerwartete Antwort kam auf die Frage: „Was taten die Israeliten, als sie aus dem Roten Meere kamen?" „Sie trockneten sich." Als in einem Mädchenpensionatei Preise für gute Antworten ausgesetzt wurden, ergab die. Prüfung einige merkwürdige Kenntnisse. Auf die Frage! „Führt einige Beschäftigungen an, die der Gesundheit schädlich sind!" lautete' die Antwort: „Steinmetzarbeit ist schädlich, weil er bei der Arbeit alle kleinen Splitter einatmet, die dann in die Lunge genommen werden." Eine andere behauptete: „Wenn Nahrung verschluckt wird, geht sie durch die Luftröhre". Wieder eine andere erklärte: „Die Arbeit des Herzens besteht darin, die verschiedenen Organe in einer halben Minute auszubessern." Ein kleiner PhysioloH aber sagte: „Wir haben eine Oberhaut und eine Unterhaut ; die Unterhaut bewegt sich nach ihrem Belieben, und! die Oberhaut bewegt sich, wenn wir es tun." * Für Ctgarettenraucher ! Einer der vielen Artikel, welche bis vor wenigen Decennien ausschließlich vom Auslande importiert wurden, ist die Cigarette. Obgleich dem deutschen Cigarettenfabrikanteu genau dieselben Bezugsquellen für die benötigten Rohmaterialien dienen wie dem Ausländer, so hat sich die bedauerliche Erscheinung des Vorurteils in den Maßgebenden Kreisen leider auch hier nur allzusehr geltend gemacht. Tatsächlich kann und muß!der deutsche Cigarettenfabrikant ein qualitativ überlegenes Fabrikat gegenüber dem vom Auslande eingeführten bieten können, schon aus dem Grunde, weil er ttt der Lage ist, infolge Wegfalles der hohen tÄnfuhrspesen, denen jedes importierte Fabrikat unterworfen ist, bei gleichen Qualitäten bedeutend niedrigere Verkaufspreise zu normieren. So bringt die „Orientalische Dabar- und Cigarettenswbrik Mnidze in Dresden", die sich zu einer der ersten Unternehmungen dieser Branche in Deutschland herausgebildet hat (über siebenhundert Arbeiter), unter der gesetzlich geschützten Bezeichnung „Salem Aleikum" eine Cigar'etten- marke in den'Handel, die hinsichtlich der Preiswürdigkeit das Vollendetste in Cigaretten, welche orientalische Tabake enthalten, bezeichnet werden kann) sie bietet in ihrert Qualitätsabstufungen jedem, auch dem die höchsten Anforderungen stellenden Raucher zweifelsohne wirkliche Befriedigung. Möge sich der deutsche Raucher immer mehr von den ihm keinerlei Vorteil, bietenden ausländischen Cigaretten emanzipieren und so der deutschen Cigarette auch in ihrer Heimat zu einer wohlberechtigten Anerkennung in immer ausgedehnterem Maße verhelfen. Bilderrätsel. (Nachdruck verboten.) «7 (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Tauschrätsels in Nr. 150: Preis, Mode, Alm, Wette, Kern, Bart, Sand, Korb, Rest, Wand, Seide. Polterabend. Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.: Unterrichtsministerium. R. Lange. Gießen. Redaktion: August Götz. — Notationsdruck und L erlag der Brükl'schen Universitäts-Tuck- und Cteindrnckerei.