Nr. 72 1903. Samstag den 16. Mar. 3$; ffl (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) 21. Kapitel. Entwischt! Inzwischen setzte Clifford seinen Weg nach Shingle End langsam fort. Es war nun dunkel geworden und der Weg schien ihm länger zu fein, als da er ihn diesen Nachmittag nach Courtstairs zurückgelegt hatte. Ueber dem grauen Meere war noch eine schwache Helligkeit, aber zur Rechten über der Marsch und weiterhin bis zum Kamme des Höhenzugs, auf dem das alte Fleet-Castle stand, lag schwarze Finsternis. Es war am späten Abend ein einsamer Weg, diese lange, öde Strecke der geraden, heckenlosen Landstraße, deren ermüdende Einförmigkeit nur gelegentlich von etwas knorrigem Gesträuch oder noch seltener von einer an der Seite des Weges stehenden Hütte unterbrochen wurde. Selbst das Geschvei der Seevögel war erschreckend, das durch die klare Luft an Cliffords Ohr schlug. Und als .er fich endlich Shingle End näherte, bemächtigte sich seiner die schreckliche Borstellung, daß das Geschrei, das er hörte, nicht nur von Seevögeln herkam, daß es ein menschf- licher Aufschrei war, der schrill und unheimlich zu ihm über das flache Wieseuland am Meere drang. Er blieb stehen. Er hörte den Ton aufs neue. Und sein Versprechen, sich nicht zN beeilen, vergessend, ging er so rasch, als seine müden Füße ihn tragen konnten, dem Hanse des Obersten Bostal zu. Er war jetzt sicher, daß das Geschrei nicht von Vögeln herrührte, sicher zugleich, daß es aus der Richtung des Ortes kam, dem er zueilte. Dicht vor Shingle @nb mußte er an einer Gruppe verwilderter Bäume und Dornensträucher vorbei. Gerade als e r diese erreichte, die dunkelste Stelle des ganzen Weges, sprang ein Mann aus dem Schatten der überhängenden Bäume auf ihn los und packte ihn von hinten. Clifford schrie, kämpfte dagegen an und versuchte vergeblich, sich umzuwenden, um das Gesicht des Mannes zu sehen. Doch der Angreifer, der kein Wort sagte, machte alle seine Anstrengungen zunichte und hielt ihn fest. Cliffords Geschrei zog jedoch bald Hilfe und Befreiung herbei. . Aus der Dunkelheit tauchte eine andere Gestalt auf, die Clifford zu kennen glaubte, und eine Stimme, die er erkannte, ries in befehlendem Tone: „Na nu! laß ab Cliffords Bedränger leistete diesem rauhen Befehle auf der Stelle Folge; und als Clifford plötzlich frei geworden, sich umwandte, sah er nur noch den Schein einer männlichen Gestalt, die wie der Blitz in der Dunkelheit wieder verschwand. „Wer war das?" fragte der junge Mann ganz erstaunt, als er bemerkte, daß sein Befreier keinen Versuch machte, den Mann zu verfolgen Es war Hemming, der Londoner Geheimpolizist, der vor ihm stand und nur mit den Achseln zuckte. „Nur ein Mann, der mir bei diesem Geschäft behilflich sein muß", antwortete er mit einer Bewegung nach dem Hanse des Obersten. „Er griff fehl — das war alles." „Bon welchem Geschäfte sprechen Sie denn?" fragte Clifford peinlich berührt. „Nun, Sir, ich glaubte, Sie sollten es endlich wissen", erwiderte Hemming ausweichend. Clifford bedachte sich etwas. Daun fragte er: „Sind Sie dort in dem Hause gewesen?" „Nein, Sir. Ich warte noch auf weitere Anordnungen!. Ich arbeite mit der Polizei, Sir." Clifford blickte auf die kleine, von Mud und Wetter mitgenommene Wohnung, von der zwei der oberen Fenster Licht hatten. Er bildete sich ein, eine lauernde Gestalt hinter dem schmalen Vorhang des einen zu entdecken. „Ich vermute, daß es Ihr Mann war", sagte er plötzlich, „der die arme Dame durch fein Klopsen und Pochen an Türen und Fenstern so sehr aufgeregt hat." Hemmings Gesicht konnte in der Dunkelheit nicht deutlich gesehen werden, doch Clifford bildete sich ein, daß er lächelte, als er antwortete: „Höchst wahrscheinlich, Sir." Clifford, der mit jeder Minute verwirrter und neugieriger wurde, ging plötzlich fort und rund nm das Hans an die zur Küche führende Hintertür, durch die er diesen Morgen eingelassen worden war. Er pochte zwei- oder dreimal mit dem Stock an die Tür, ehe er bemerkte, wie über ihm ein Fenster leise geöffnet wurde. Emporblickend hörte er Theodoras Stimme sich zuflüstern: „Sind Sie es, Mr. King?" „Ja." „Sind Sie allein?" „Nun ja, natürlich das Bin ich Nur eben habe ich Nell gesehen." Wie er erwartet hatte, brachte diese Antwort die kleine Dame augenblicklich herunter. Er hörte, tote die Riegel weggeschoben wurden, und unmittelbar darauf fühlte er sich durch die Tür hineingezogen, wonach Miß Theodora keuchend unter ihren Anstrengungen die Riegel wieder vorschob. „Ich habe Ihren Popanz gesehen", sagte Clifford, „den Mann, der Sie nachts so quält. Er fiel mich gerade, als ich an die Ecke kam, an." „Ach!" rief Miß Bostal mit einem Nicken des.Kopfes, „Ich habe ausfindig gemacht, wer es ist. Es ist der Mann, der der Urheber all dieser Diebstähle und der Ermordung des armen Jem ist." „Wirklich?" tagte Clifsord höflich, doch ohne tiefe Erregung. . . Tenn er sah geringschätzig auf der Keinen Dame Verstand herab, der, wie er dachte, lange nicht so groß war, als die Güte ihres Herzens. „Ja", sagte sie, „es ist der Mann, der solche Gewalt über Ihre arme Nell hat, daß sie tun mußte, was ihm beliebte." Tiefe Behauptung versetzte ihm einen solchen Stoß, daß, wie unwahrscheinlich sie auch war, er davon erschüttert wurde." „Warum aber", fragte er unüberlegt, „sollte Hemming ihn hierher kommen und Sie ängstigen lassen?" „Hemming?" wiederholte Miß Bostal. Daun war sie still. Sie blieben noch einige Sekunden in dem kleinen, mit Steinen belegten Gang, unfähig, das Gesicht voreinander zu sehen. Tann drängte sie sich an ihm vorbei und lief rasch an die Tür des Speisezimmers, riß diese auf, ging hinein und gab Clifsord einen Wink, ihr zu folgen. „Papa", sagte sie atemlos und mit einem Anflug von Erregung, indem sie leise und rasch mit der einen ihrer kleinen Hände auf die andere schlug, „es ist der Polizeiagent Hemming, der diesen Elenden auf uns hetzt! Mr. King sagt so." Ter Oberst, der, wie es Clifsord schien, seit diesenWorgen noch mehr gealtert war, erhob sich langsam von seinem Stuhle und starrte Clifsord mit verstörten Blicken an. „Hemming?" sagte er mit gebrochener Stimme. „Ter Geheimpolizist? Wa — warum ist er hier?" „Sie verstehen nicht", quiekte Miß Theodoras helle, schrille Stimme. „Ich sagte nicht, daß er hier wäre. Mr. King aber sagt, daß er es ist, der den Mann abschickt, nachts an unsere Türen und Fenster zu klopfen. Sagten Sie's nicht, Mr. King?" Clifsord antwortete nicht sofort. Er sah, daß er an der Schwelle eines Geheimnisses stand, zu dem ihm die starrenden Blicke und zitternden Glieder des unglücklichen Mannes vor sich Aufschluß zu geben schienen. Ohne auf Cliffords Antwort auf ihre Frage zu warten, fuhr Miß Theodora fort: „Sie sagten. Sie hätten Nell eben verlassen, Mr. King. Wo war das?" Er zögerte. Er war von Mitleid für diese beiden verlorenen Leute überwältigt, die in ihrem armseligen, baufälligen Hause eingeschjlossen und verrammelt waren, sodaß, obschon er kaum daran zweifelte, daß der alte Oberst in einer noch unbekannten Weise in die Verbrechen verwickelt wäre, die eine so große Aufregung verursacht hatten, er doch ebenso sehr nach seiner Rettung als nach der Nells verlangte. Daher antwortete er mit bekümmerter Stimme: „Sie war, als ich sie verließ, in den Händen der Polizei." Da war die Warnung erteilt, wenn sie der Oberst bedurfte. Der alte Mann wurde so von dieser Nachricht erschüttert, daß Clifsord den Schlag zu fürchten begann, den der Polizeibeamte voraus- gesagt hatte. Miß Theodora wurde blaß und schlug die Hände zusammen. „Tie Polizei!" rief sie aus, als ob sie kaum im stände wäre, die furchtbare Tatsache zu fassen. Und sie drehte sich wie durch eine Sprungfeder rund um sich selbst zu ihrem Water hin: „Papa!" kreischt sie fast, „wenn die Polizei Nell verhaftet hat, so werde ich vvrgefordert werden, Zeugnis gegen sie abzulegen. Tas tue ich nie! nie! eher würde ich sterben!" Clifsord wurde gerührt. Es war nur Nell, an die die arme kleine Dame Jetzt dachte. Gewiß konnte dann Miß Theodora nicht den leisesten Verdacht haben, daß ihr eigener Water irgend etwas mit den Verbrechen zu tun hätte. Der Oberst hatte inzwischen viel von seiner Selbstbeherrschung zurückgewonnen. „Beruhige Tich> meine Liebe", sagte er zu seiner Tochter, doch in einem so schmerzlichen Don der Verzweiflung, daß Clifsord sich bei einem so tiefen Kummer als Eindringling zu fühlen begann. „Wenn Nell Claris in Haft ist —" Er hielt inne. Tann inmitten seiner Rede wurde stark an die Wordertür geklopft. Mist Theodora richtete sich, wie Clifsord bemerkte, zu einer Stellung scharfer Aufmerksamkeit aus. In dem kleinen Speisezimmer war jetzt eine Totenstille, bis das Klopfen lauter als zuvor wiederholt wurde. „Ich werde hinaufgehen", sagte Miß Theodora leise, „und vom Fenster aus nachseheu, wer es ist. Wenn es aber die Polizei ist, meiner Zeugenaussage wegen, so laß ich mich lieber gefangen setzen als sie machen." Sie hatte kaum diese Worte hurausgebracht, als sich ein drittes Pochen an der Tür vernehmen ließ. Miß Bostal schlüpfte aus dem Zimmer und lief ohne ein weiteres Wort die Treppe hinauf. Wieder entstand eine Pause. Die beiden Männer sahen einander beim Licht der Lampe an, die nur einen trüben Lichtschein durch das räucherige Glas verbreitete. Clifsord wurde eine höchst klägliche Geschichte gewahr, die auf dem Gesicht des alten Obersten zu lesen war, die Geschichte einer lebenslangen Schmacht einer unauslöschlichen Schande. Noch immer nur nach der Wahrheit tastend, stand der junge Mann schweigend da, scheu und gespannt, welches Furchtbare er im nächsten Augenblicke erfahren würde. Zum vierten Male schallte das Klopfen immer stärker und gebieterischer durch das Haus. Da holte der Oberst tief Atem und ging langsam hinaus, um zu öffnen. „Ich Bebaute, daß Sie hier sind", sagte er mit ruhiger Höflichkeit. „Welches Geschäft auch die Leute herführt und wer sie auch sind, so werden Sie doch, da Sie hier sind, einigen lästigen Fragen unterzogen werden. Vielleicht wäre noch Zeit, daß Sie sich durchs den Garten entfernen könnten, während ich sie hereinlasse." Der alte Mann sagte das, wie Clifsord überrascht bemerkte, nur, um Zeit zu gewinnen. Tenn er machte keinen Versuch, nach dem Gartenwege zu gehen, von dem er sprach, sondern stand in einer Stellung da, die verriet, daß er aufmerksam lauschte. „Horch! Was war das?" sagte er plötzlich Clifsord hatte nichts gehört. Ein Zweifel, der mehr der Hoffnung als der Furcht entsprang an des Obersten völliger Geistesklarheit, fuhr ihm fetzt durch den Sinn. „Da oben! Da oben!" fuhr der alte Mann ungeduldig fort, als er sich endlich mit schleifendem Schritt nach der Tür bewegte. „Ich glaube, ich hörte ein Fenster öffnen." „Soll ich hinaufgehen und nachsehen?" fragte Clifsord. „Was befürchten Sie denn?" „Meine Tochter — ist sehr entschlossen. Sie hat sich vorgenommen, daß sie — keine Zeugenaussage machen will", antwortete Oberst Bostal mit schwankender Stimme. „Ja, Sie mögen hinaufgehen — und sehen —" Clifsord ging die enge Treppe hinauf und rief: „Miß Bostal!" Keine Antwort. Aber er hörte jemand rechts im Nebenzimmer leise herumgehen Er ging dicht an die Tür und sagte mit dem Mund am Schlüsselloche, damit sie nicht verfehlen könnte, ihn zu vernehmen: „Miß Theodora! Ihr Water ist's, der mich schickt —" , Tann hörte er etwas — einen kleinen, schwachen Schrei, dem Stille folgte. Er zog sich einen Schritt zurück und sah den Obersten unten au der Treppe stehen. „Soll ich hineingehen?" fragte er. Ter Oberst zögerte. „Ist die Tür verschlossen?" sagte er. Clifsord sah nach und sand, daß sie's war. „Tann gehen Sie fort", sagte der Oberst schnell. In diesem Augenblicke traf die Wordertür ein donnernder Schlag, der das alte Holzwerk in Stücke zu zersplittern drohte. Ter Oberst ging langsam den Gang entlang, schob die Riegel so zögernd wie möglich zurück und öffnete die Tür. Clifsord, nöch im oberen Stockwerk, wußte, daß es die Stimmen des Polizeisergeanten und noch eines anderen Konstablers, der zu Stroan gehörte, waren. „Sie haben viel Zeit gebraucht, um die Tür zu öffnen, Sir", fing der Polizeisergeant trocken an. Toch der Hausherr hatte nicht erst gewartet, sich nach' dem Zweck seines Besuchs zu erkundigen; er hatte sich schon wieder in das Speisezimmer zurückgezogen. Tie beiden Polizeibeamten hielten mit sehr leiser Stimme eine kurze, hastige Beratung. Tann ging der Sergeant in das Speisezimmer und kehrte rasch wieder zurück. „Er ist völlig Bei Sinnen. Er nimmt es ganz ruhig, auf", sagte er. ., Ter andere Mann hatte bereits in die Küche gesehen, und sie schickten sich nun an, das verschlossene Besuchszimmer zu durchsuchen. Clifsord hörte, wie sie Herumwirt- — 287 schifteten, er hörte dis (öeränsch, mit dem bte übereinandergeschichteten Möbel weggerückt wurden. Und einen Augenblick später rannte der eine der Polizisten die Treppe hinauf, un Clifsord vorüber, der jetzt eilig herunterging. Als er den Fuß der Treppe erreichte, hörte er, den der andere Munn schweigend begrüßte, oben ein starkes Rütteln un der Tür des verschlossenen Zimmers. Worauf der Poli- zeimann oben seinem Gefährten unten rasch zurief: „Willm, geh hinaus — und gieb unter dem Fenster acht — auf dieser Seite des Hauses — rasch." (Fortsetzung folgt.) Zum hundertsten Geburtstage von Justus v. Liebig mögen Erinnerungen eines Müncheners aus Liebigs Hause willkommen sein. „Mn gemütlicheres, einladenderes und bei aller Einfachheit großartiger geführtes Heim als das Liebigsche läßt fich nicht denken. Luise von Lob eil erzählt in ihrem interessanten Buche: „Unter den vier ersten Königen Bayerns", daß v. Bölderndorff einmal die Wette gewann: man könne sich jederzeit bei Liebig zum Mittagstisch setzen, und niemand werde wissen, daß man gar nicht eingeladen sei." Der eben genannte Münchener lernte 1854 Liebig kennen, als er im Anfang der Fünfziger stand. „Er war eine schöne Erscheinung. Seine edlen, regelmäßigen Gesichtszüge flößten sofort Achtung und Zuneigung ein, die großen, nußbraunen Augen, unter dunklen, schattigen Brauen hervorschauend, schienen den mit Liebig Sprecherchen bis ins Herz blicken zu wollen. Oesters pflegte Liebig Beispiele zu erzählen, wie bahnbrechende Entdeckungen langem, hartnäckigem Suchen widerstanden und dann plötzlich unerwartet dem Forscher in den Schoß sielen. Etwas derartiges ist die Geschichte seines Fleischextraktes, durch welchen der Name des Chemikers vielleicht populärer wurde, als durch alles, was er sonst geleistet. Mitte der fünfziger Jahre erkrankte die älteste Tochter Liebigs, Agnes, am Typhus (Agnes heiratete später den Aesthetiker Carriere), und in ihrer Rekonvaleszenz wollte es mit der Ernährung nichtkriecht gehen. Der besorgte Water war, wie ich mich bei meinen Besuchen selbst überzeugen konnte, längere Zeit emsig beschäftigt, auf die verschiedenste Art Fleisch zu bearbeiten, sodaß es alles Fette und Schwerverdauliche abgeben müsse und nur das absolut zur Ernährung Taugliche übrig bleibe. Eines Tages sagte Liebig: „Jetzt glaube ich, habe ich es", und er ließ mich eine braune Brühe versuchen, die ungefähr so schmeckte wie'jetzt der Fleischextrakt. So blieb die Sache einige Jahre. Der Extrakt wurde in der Münchener Hofapotheke auf besonderen Wunsch für Kinder, Kranke und Schwächliche bereitet, aber nur aus Gefälligkeit. .Als Liebg eines Tages von einem zum Tee anwesenden exotischen, schwarzgebräunten Herrn aus Uruguay hörte, daß man dort die Häute von Tausenden von Rindern nach Europa schaffe und das Fleisch oft unverwertbar in den Steppen für die Raubvögel und wilden Tiere bleibe, rief er plötzlich: „Heureka!" Wir sahen erstaunt auf ihn, aber er sprach nicht weiter. Einige Jahre später nahm Liebig in seinem Arbeitszimmer ein Porzellantöpfchen vom Fenstersims. „Erinnern Sie sich noch jenes Abends, wo der Südamerikaner zum Tee bei mir war? Ja? Nun sehen Sie, in solchen Töpfchen befindet sich jetzt das Fleisch, welches eh^edem nutzlos zu Grunde ging." Oft erzählte Liebig von der schönen Zeit, wo er in Paris bei Gay Lussac und Renard experimentierte. „Ich war nämlich damals schon verheiratet", pflegte Liebig beizufügen, indem er seiner Frau einen schalkhaften Blick zuwarf. „Jawohl", sagte Frau von Liebig, als er wieder einmal schwärmte, „eine schöne Zeit, wo Dir Dein Experimentieren beinahe das Leben gekostet hätte." Liebig war in Paris bei einer Knallsilberexplosion nicht unerheblich verwundet worden. Liebig ist wohl kaum jemals jein Experiment mißglückt. Um so angenehmer war es daher, daß ein solches Mißglücken, allerdings nur durch das Ungeschick eines Famulus, gerade in einer Vorlesung erfolgte, welcher König Maximilian II., die Königin Marie und der Hofstaat beiwohnten. Liebig war im Herbst 1852 nach München übergesiedelt. Geibel, Dingelstedt, Kobell hielten populäre Vorträge. Auch Liebig begann daher im Februar 1853 mit einigen populären Experimental-Vor- lesungen int großen chemischen Hörsaal. Bei der schon erwähnten Explosion im Hörsaal verletzte sich Liebio an der Hand, die Glassplitter flogen umher. König Maximilian war ganz ruhig geblieben, desto aufgeregter war die Königin Marie. Aus Rand und Band waren die Hofherren, lauter Gegner der Neuberufenen; man hörte sogar das Wort „Attentat". Dies rief wieder auf der anderen Seite das törichte Echo hervor, man habe den Famulus bestochen, um Liebig und damit alle neu nach München Berufenen beim König in Ungnade zu bringen. In Ungnade fiel Liebig nicht, und er erzählte damals eine kleine Anekdote aus seiner Darmstädter Zeit. „Man hatte einst meinen Gönner, den Großherzog Ludwig I. von Hessen, gegen mich als eilten Ungläubigen einzunehmen gesucht, und ein sehr frommer Kammerherr fragte: „Wissen Königliche Hoheit, daß Liebig Materialist ist?" Der Großherzog erwiderte scheinbar erstaunt: „Auch der Sohn? Der Vater hat dort in der Ecke seinen Materialladen; aber der junge Liebig ist doch ein Professor und nicht Materialist." In Wahrheit war aber Liebig eine echt religiöse Natur. VevMi?ehtss. * Wie sich Kinder den Mond vor stellen. Ten oft seltsamen und phantastischen Gedankengängen nachzugehen, die sich für die Kinder mit großen Natureindrücken verknüpfen, gewährt dem psychologischen Beobachter einen starken Eindruck auf das Kindergemüt zu machen, und es sucht sich seine geheimnisvolle Erscheinung auf die mannigfachste Art zurechtzulegen. Ein amerikanischer Psychologe veröffentlicht in dem soeben erschienenen Heft des American Journal of Psychology das Ergebnis einer interessanten Umfrage, die bei 184 Schülern und Schülerinnen der staatlichen Normalschule von Worcester veranstaltet wurde, um die Vorstellungen, die sich seit früher Kindheit bei ihnen an den Mond knüpften, festzustellen. Elf davon konnten sich in frühester Kindheit von dem Gedanken nicht frei machen, daß der Mond herunterfallen könnte, und sie wagten deshalb nicht, ihn anzusehen. In sieben Fällen wurde eine Frau mit einem Kinde int Mond gesehen, die für die Jungfrau mit dem Christkind erklärt wurde. Vierzig Kinder erklärten, sie hätten lange Zeit geglaubt, daß der Mond sich bewege, ihnen folge, und daß sie sich fürchteten, weil sie ihm Inicht entkommen konnten, da er immer mit ihnen mitkam. Einige empfanden diese Begleitung des Mondes auch wie einen Schütz, aber den meisten war er unbequem und unheimlich. Einige Kinder sahen eine große Zahl von kleinene Tieren im Mond, 65 konstatierten einen Mann int Monde, und einige davon glaubten, ein Gesicht darin zu sehen, das auf sie herunterblickte. Wiele spürten immer einen Kälteschauer beim Anblick des Mondes, während andere jahrelang davon bezaubert waren, sich nach ihm sehnten und womöglich ihr Bett zum Fenster rückten, damit er in der Nacht voll ins Zimmer schiene. — Ein anderes Kind erinnerte sich, daß es den Mond zuerst im Alter von fünf Jahren erblickte und äusrief: „O, da ist Gott. Hallo, Mr. Gott." Sechs glaubten ihn mit Elfen bevölkert. Ein Kind sagte, daß, wenn er rot aussähe, das Mondwetter so warm wäre, daß die Elfen ihn verliehen und zu den Sternen wanderten. Ter Mann im Monde spielte in der Phantasie vieler eine große Rolle, sie beschäftigte sich mit seinem Aussehen, seiner Einsamkeit, und dies weckt immer ein zärtliches Mitgefühl im Kinderherzen. Zwei Kinder hielten den Mond für das Haus Gottes, eins sah das Gesicht Gottes darin, das sein ^Verhalten billigte oder mißbilligte. Ein fünfjähriger Knabe glaubte, daß ein Mann mit einem mit Monden beladenen Wagen umher- ginge und sie aushängte, und daß jeder Ort seinen eigenen Mond habe. Einem anderen wurde es sehr schwer, zu glauben, daß sein Bruder in Newyork denselben Mond sähe. Ein Kind sah im Monde eine große Zahl von toten Menschen und Tieren, ein anderes glaubte, es wäre ein Polizist darin, der die Leute beobachtete. Einige machte der Anblick des Mondes träumerisch und still, andere stimmte er zur Lustigkeit. Ein Mädchen stellte sich eine Sternegesellschaft vor, die den Mond zum Ehrengast habe; ein anderes sah eine alte Frau darin, die den Kindern zu ihren Füßen Geschichten erzählt. Ein Mädchen sieht eine Art von Vorsehung im Mond, weil das Mondlicht sie einmal davor bewahrte, in eilt tiefes Loch zu fallen. Ein kleines Mädchen hielt es lange Zeit für sündhaft, über- bauvt vom Mond zu sprechen, da er viel zu schön war. — 288 — (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und $ erlag der Brübl'schen UuiversttätS-Tuch. und Ct-indrucker-i (Pntsch Erben) in Gießen, Auflösung des Zifferblatträtsels in voriger Nummer; I II in iv v VI VII VIII ix x XI XII r w i n d e rkern Erwin, Wind, Winde, Inder, Erker, Kern, Kerner. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben AA, DD, EE, III, K, NN, BK, 88 derart einzutragcn daß die wage- rechten und senkrechten Reihen gleichlautend sind und Wörter von folgender Bedeutung bilden: 1. menschliches Wesen; 2. Fluß in Bayern; 3. Teil des Gesichts; 4. Zahlwort« Allzu hyft'gen Rauschs Bezähmer War mir daun das „Lass Krämer", em" 8 schönen Räumen , ach etwas länger säumen. Mcht sehr lange ich verbleib', Drum bei Noll im „Cafs Leib", ®e.™ Mr Wahlversammlung ruft MrchS tn' „Löwen" zu Herrn Luft. „Schwankend" wie ein Ueberbrettler- Komm' ich an im „Cafe Hettler" ' Hettler, hat zwar himmlisch- schöne Tochter, aber keine Söhne. Meiner Kasse „Havaria" Geniert den Wirt der „Bavaria"; Später ich die Zeche zahl. Jetzt — zum „Elges" m's „Royal"! Nur durch dringende Erstehung Grebt Kredit die „Auferstehung". Man wirft in des Rausches Nebel Mach dann aus dem „Cafe Ebel" Ganz bedenklich tut's schon kollern. Wank ich nach dem „Hohenzollern". und dann wird es immer krasser Auf der Tour zu Wirt „Kaltwasser" Doch noch immer nicht erlahmend Schieb' ich mich in's „Cafe Amend", Jedem Hindernis zum Trotze Schließlich auch noch 'mal in's „Lotze". Vierzehn Tag' dieselbe Leier Höret man bein. „Prottengeier" Erbärmlich! würd' ich durchgewalken. Auf dem Weg zum „schiefen Balkens Das macht' weiter mich nicht bös —। Schnell noch 'mal zum „Anderes", Auch selbstredend ohn' Geflunker Vis-a-vis zum „Lumpedunker"; Denk als Trinkerphilisoph — Auch an „Hammstadt", „Schützenhof", Und mrt inniglicher Wonne 1 Au die Rest'ration „zur Sonne", Die jetzt aber funkelt nicht Mehr in ihrem frühern Licht. Und auch an den „Storch" ich dachte. Der so nette „Kinder" brachte. Behüt' Dich Gott, wie schön's auch wär' — „Auch hier giebt's keine Kinder mehr". Drum fort mit diesen Frivoli- ' täten — auf in's „Tivoli"! Leider sagt man dort: ach geh'. Hast ja nichts im Portemonnaie! '—5 Als ich andern Tags erwachte, War es längst schon über achte. —i Meister hat mich nicht mehr nötig. Dacht ich, wär jedoch erbötig. Dir zu raten fortzusetzen Dieser Reise Hochergetzen. Anderseits ich Dir empfehle: Zügle Deine durst'ge Kehle! Spar' Dein Geld und bleib zu Haus, Gehst Du aber mal heraus, Besser ist's dann: eins, zwei drei —- Mit Frau und Kind an der Bank vorbei! Andreas Culep, Ouadraträtsel. (Nachdruck verbaten.) . $'{e, Kunst in der Schule. Der Schukinspektor msprzrert tn entern entlegenen Schwarzwalddorf die Knaben- übterlung. An der Wand erblickt er sofort ein Bild der Raffaelschen Madonna und gibt seiner Werwundernna dem mngen Unterlehrer gegenüber sofort lebhaften Ausdruck: Es freue thn, daß der Lehrer durch Anbringen des Bildes den nm gen Gemütern der Knaben Sinn und Kerstandnts für das Schöne wecke und fortbilde, er aratu- ltere von ganzem Herzen zu solcher Methode. Etwas beschämt d oct) Pfiffig schmunzelnd, entgegnet darauf der ^"^^hrer: „Eigentlich hat die Sache doch einen anderen ^te 3eit lümmelten mir die Buben mit den Ellbogen auf den Schultischen herum und stützten dte Kopfe auf die Arme, und da wollte ich ihnen oben an den Engeln nur immer vor Augen halten, wie mtseraoel so etwas aus sieht." (Jugend.) Liter«s?rsches. ~ H aus) ch atz älterer Kunst. Von dieser im der Gesellschaft für vervielfältigende K nn st erscheinenden, auf die Teilnahme der weitesten Krerse berechneten Publikation sind soeben die Lieferungen 14 und 15 ausgegeben worden. R.ubens ist durch ein Stuck aus deut herrlichen Chklus des Decius MusJ und I inannlii^es Bildnis, beide aus der Liechten- | stem,chen Galerre in Wren, vortrefflich vertreten, Rem- ^oandt durch dte berühmte, „Judenbraut", inr Besitze I «.e.^ K^rl Lanckoronskt tn Wien, nicht weniger gut. I ®te neben übrigen Blätter geben wenig bekannte Werke I & St w I-, Willem Kalf, Lorenzo Lotto, I Art. van der Neer, Jan Steen und Philips Wouwerman ^//der. Kür dte Bortrefflichkeit der Radierungen bürgen d^ ->amen der Künstler, die sie nach den Originalgemälden I geschaffm haben: P. Halm, W. Hecht, W. Kranskopf, L I Kuö't-, W. Rohr, W. Unger und W. Wörnle. Der Hausschatz I älterer^unst totrb tu 20 Lieftrungen zum Preise von nur I rc^ mTt 5 Wlatt Radierungen in Mrze vollftandtg vorltegen. 0 I Eine Bierreise durch unsere Stadt. m eirtem Se,er und Humoristen ist uns das folgende I Ged'-cht zugegangen, das so ziemlich alle die Lokale et> kaun-^'t iVKb' tn bauen man seinen Schoppen genießen I Früh nehm' ich ntit Gloria Erst eins im „Viktoria". 's zweite Glas trink' ich schon schneller Vts-a-vts im „Felsenkeller". Guter Stoff tut meiner warten Ganz gewiß int „Kaisergarten". Doch gefällt mir's, meiner Treu Auch im „Augustinerbräu". Frühstücksspeisekärte durch Les ich in der „Ludwigsburg". Frühstück auch von bester Art Kriegst' bei „Metzgers Eberhardt". Den ersten launevollen „Spitz" Hol' ich mir im „Hotel Schütz". Alsobald denk ich mir: los Schnell mal hin zum „Kaiserhof". Plötzltchj, ein Gedanke hell — Nichts wie hin znm „Peter Prell", • Drauf, was icy sehr wohl erwog. Auch in's „Hotel Großherzog". In des „neuen Saalbau's" Hallen, Kann's mir auch vielleicht gefallen. (Dtese Firma, wir erwarten, Grad so ziehe, wie „Steins-Garten") Wer nun, 'nen leckren Happen Giebts bei Meuser („Hotel Rappen"); Mabe, weiß nicht wie, zum Essen, Mtr schon Hunger angesessen. Abwechselnd von Fall zu Fall ■ SLEtst man auch mal im „Prinz Karl". ,,R o ß"-beafsappetitentfeßler E der Pferdemetzger „Keßler". Molltgltch- beim „schönen Lncki", Sttz tch, rauche den Kentncki.